23. Tiere in Architektur

„Tiere in Architektur“ erkundet auf so vielfältige, sowohl sprachlich als auch fotografisch spielerische Weise das Verhältnis von Mensch, Tier und Behausung, dass der Leser aus dem Staunen und Grübeln nicht mehr herauskommt. Über die Frage, ob ein Zoo mit seiner Unterhaltungsarchitektur nun Tierquälerei sei oder dem Artenschutz diene, geht das schmale Bändchen weit hinaus. Die Texte der in Berlin und São Paulo lebenden Autorin, die einst von Thomas Kling entdeckt wurde, balancieren auf der Grenze zwischen erzählender wie essayistischer Prosa und Gedicht; bildersatte Geistesblitze finden darin ebenso Platz wie neckische Wortspiele, philosophische Betrachtungen und Kalauer: „Auch ein blinder Hahn endet einmal im Kugelhagel.“ Ein so gleichermaßen schönes, anregendes wie geistreiches Buch gehört einer seltenen Spezies an. Man sollte es nicht in ein Regal sperren, sondern hegen, pflegen und lesen. (Kookbooks, 19,90 Euro) / Alexander Müller, rollingstone

22. Wortspielhalle

Seit 3.8. findet sich ein Teaser im Netz, den Joachim Paul auf Vordenker so einläutet: „In Wortspielhalle zeigen Sophie Reyer und A.J. Weigoni eindrucksvoll, was Sprache in Zeiten der “berechnenden und vorausrechnend-überwachenden künstlichen binären Intelligenz” (ein Widerspruch in sich, wir wissen darum ;-)), also in Zeiten der binären – O-Ton – “Dialektik der Aufzehrung” (- ich schmeiß mich weg -) an Innovationspotential dennoch – oder gerade drum – zu bieten hat, Stichwort “Heterophone Stimmgewalt”.

21. Nach den Protesten

Seit den Gezi-Protesten in der Türkei ist mittlerweile ein Jahr vergangen. Die Literatur erlebte in der Folge einen Aufschwung: Junge Lyriker suchen nach Formen einer kritischen, ironischen Dichtung. Fünf Dichter, die bei den Protesten in Istanbul dabei waren, beschreiben die neue türkische Lyrikszene. (…)

Die größte gesellschaftliche Auswirkung der Proteste besteht für ihn [Mehmet Altun] aber darin, dass die Menschen Dichter und Schriftsteller wie Turgut Uyar oder Oğuz Atay wiederentdeckt haben. Aber auch Werke wie das Schahname, das persische Nationalepos des Dichters Firdausi. Das Verlangen nach Literatur, die den realen Umständen Rechnung trägt, wächst, sagt er. So werden Verszeilen als destillierter Ausdruck eines bestimmten Gefühls, das seine Entsprechung in der Realität hat, seit letztem Sommer über Twitter, aber auch als Graffiti verbreitet.

„Ich erinnere mich an ein Graffiti: Bei Gezi bin ich der Selbstmord des Jessenin. Würde man alle Graffiti zusammennehmen, hätte man eine lückenlose Anthologie. Hinter jedem Vers verbarg sich eine tiefe Bedeutung und gleichzeitig eine konkrete Praxis, die auch durch Kameraaufnahmen archiviert wurde.“

So hat die Literatur den Protesten ein Gesicht gegeben und gleichzeitig durch sie Aufwind bekommen.  Onur Behramoğlu ist Ende 30, Übersetzer und Autor. Er ist davon überzeugt, dass sich die Proteste auf die zeitgenössische Dichtung auswirken werden. Für ihn ist Dichtung Protest, und der Dichter kann nicht anders, als sich mit politischen Missständen auseinanderzusetzen.

Dass aus diesem Grund das Verlangen nach einer realitätsbezogeneren Dichtung steigt, denkt auch  Gökcenur Celebioglu. Der 43-jährige Mann mit freundlichem Gesicht ist Ingenieur und hat mehrere Gedichtbände herausgebracht. Die Unzufriedenheit vieler Menschen etwa über Veränderungen beim Alkohol- und Abtreibungsgesetz und die als bevormundend empfundene Art des Ministerpräsidenten Erdogan wird direkte Auswirkungen auf die neue Dichtung der Türkei haben, denkt er.

„Das türkische Gedicht nach Gezi wird sich die gesellschaftsbezogene Dichtung, die sie in den letzten Jahren islamistischen Dichtern überlassen hatte, wieder aneignen und politischer dichten.“

/ Ceyda Nurtsch, DLR

Hier ein Gespräch mit Selma Wels, einer Verlegerin türkischer Literatur in deutscher Übersetzung. In ihrem Berliner binooki Verlag erschien „Gezi – eine literarische Anthologie“. Wels spricht darüber, was von der gesellschaftlichen Utopie nach den Gezi-Protesten geblieben ist. Welche Wirkungen haben die Proteste des vergangenen Jahres erzielt?

SRF

20. American Life in Poetry: Column 489

BY TED KOOSER, U.S. POET LAUREATE

Jonathan Greene, who lives in Kentucky, is a master of the short poem, but while he prunes them down to their essentials he never cuts out the wonder and delight. Here’s a good example from his most recent book. Can you feel the exclamation point that’s suggested at the end? You can’t see it, but it’s there.

One Light to Another

The storm
turns off
the lights.

The lightning
lights the whereabouts
of the flashlight.

The flashlight
takes us to matches
and candles, the oil lamp.

Now we’re back,
revisiting
the 19th century.

American Life in Poetry is made possible by The Poetry Foundation (www.poetryfoundation.org), publisher of Poetry magazine. It is also supported by the Department of English at the University of Nebraska-Lincoln. Introduction copyright © 2014 by The Poetry Foundation. The introduction’s author, Ted Kooser, served as United States Poet Laureate Consultant in Poetry to the Library of Congress from 2004-2006. We do not accept unsolicited manuscripts.

19. Rebecca Horn

Erstmals fasst ein Gedichtband das lyrische Oeuvre der Multimedia-Künstlerin Rebecca Horn zusammen, das in über 40 Jahren parallel zu ihren Skulpturen, Installationen, Filmen und Performances entstanden ist und bisher über viele Kataloge und Bücher verstreut war. / UNDINE VON RÖNN, art

Rebecca Horn: Das Wirbelsäulen Orakel
Texte von Rebecca Horn, Nachwort von Joachim Sartorius. Hatje Cantz Verlag, 164 Seiten, rund 42 Abb., 25 Euro

„Rebecca Horn ist auf diesem Gebiet der Doppelbegabungen eine singuläre Gestalt. Zum einen ist sie eine der großen, bewegenden Künstlerinnen unserer Zeit – und als solche international berühmt und gefeiert –, zum anderen hat sie über zwei Jahrzehnte einen großen Corpus von Gedichten geschaffen. Diese poetischen Texte bereiten oft ihr skulpturales Werk vor, das nicht ohne Grund für seine Vermählung von Technik und Poesie gerühmt wird. Es finden sich aber auch autonome Texte von größter Intensität.“ Aus dem Nachwort von Joachim Sartorius

18. TRAKL UND WIR

Neue Publikation der Stiftung Lyrik Kabinett:

TRAKL UND WIR. Fünfzig Blicke in einen Opal. Herausgegeben und mit einem Nachwort sowie einer Lebenstafel versehen von Mirko Bonné und Tom Schulz. Mit einem Geleitwort von Hans Weichselbaum

Aus Anlass des 100. Todestags von Georg Trakl (am 3. November 2014) haben Mirko Bonné und Tom Schulz – gemeinsam mit dem Münchner Lyrik Kabinett – zeitgenössische Lyrikerinnen und Lyriker eingeladen, sich mit Trakls Gedichten auseinanderzusetzen. Jeder der fünfzig deutschsprachigen Autoren hat einem Gedicht, einem Textfragment oder einer Briefstelle von Georg Trakl einen eigenen poetischen oder essayistischen Text zur Seite gestellt. Entstanden ist so eine außergewöhnliche poetische Würdigung des Lyrikers Trakl.

Das Buch erscheint im Oktober und wird am Mittwoch, den 12. November, von den Herausgebern und von Hans Weichselbaum im Lyrik Kabinett präsentiert.

TRAKL UND WIR
Fünfzig Blicke in einen Opal
Herausgegeben und mit einem Nachwort sowie einer Lebenstafel versehen
von Mirko Bonné und Tom Schulz. Mit einem Geleitwort von Hans Weichselbaum
Stiftung Lyrik Kabinett, München
196 S., 22 Euro, ISBN 978 3 938776 36 0
erscheint im Oktober 2014

Trakls Gedichte funkeln wie Sterne über der Szenerie. Sie sind aus einem seltenen Material, nicht aus Eis oder Weltraumschrott, sondern aus indianischem Gold. Unschätzbar die Anzahl an Karat, letztlich unverkäuflich, und an keinem Handelsplatz dieser Welt erhältlich. Jedoch lesbar und haltbar bis in alle Ewigkeit.

Mirko Bonné und Tom Schulz, im Frühjahr 2014

Mit Beiträgen von:

Andreas Altmann, Christoph W. Bauer, Marcel Beyer, Nico Bleutge, Marica Bodrozic, Nora Bossong, Carolin Callies, Heinrich Detering, Michael Donhauser, Elke Erb, Sylvia Geist, Nora Gomringer, Durs Grünbein, Dorothea Grünzweig, Ulla Hahn, Günter Herburger, Nancy Hünger, Norbert Hummelt, Karin Kiwus, Ulrich Koch, Angela Krauß, Ursula Krechel, Nadja Küchenmeister, Johannes Kühn, Björn Kuhligk, Michael Lentz, Marie T. Martin, Friederike Mayröcker, Brigitte Oleschinski, Christoph Peters, Martin Piekar, Steffen Popp, Marion Poschmann, Kerstin Preiwuß, Arne Rautenberg, Monika Rinck, Jan Volker Röhnert, Hendrik Rost, Silke Scheuermann, Sabine Schiffner, Evelyn Schlag, Kathrin Schmidt, Katharina Schultens, Farhad Showghi, Jan Skudlarek, Ulf Stolterfoht, Hans Thill, Jan Wagner, Ron Winkler, Uljana Wolf.

Buchpräsentation im Lyrik Kabinett am 12. November 2014.

17. Beat Brechbühl

Beat Brechbühl nimmt kein Blatt vor den Mund als Kämpfer für Wort und Buch – nur immer wieder eines von seiner Handdruckpresse im Eisenwerk Frauenfeld, wo sein Verlag Waldgut daheim ist und sein Atelier Bodoni. Da entstehen Bücher, die sonst kaum einer verlegt, und Poesieblätter, die das Auge erfreuen.

Jetzt hat der deutsche Verlag Wolfbach einen Gedichtband herausgegeben, dessen Titel «Böime, Böime! Permafrost & Halleluja» an Brechbühls frühere Bücher erinnert, an «Vom Absägen der Berge» mit Gedichten (Nagel & Kimche 2001) oder an «Die Tanne brennt!» mit Geschichten zur Weihnachtszeit (Huber 2007). / Dieter Langhart, Thurgauer Zeitung

16. Kennen Sie Lyric?

dies fragt eine online-anzeige, während ich gerade auf kicker.de die championsleague-rückspiele eruiere. und gibt gleich auch die antwort:

Lyric ist das erste 100% unsichtbare Hörgerät und kann rund um die Uhr getragen werden.

nein, kannte ich zugegebenermaßen nicht. aber es ist eine wunderbare definition: ein unsichtbares hörgerät, das wir immer tragen können.

15. American Life in Poetry: Column 488

BY TED KOOSER, U.S. POET LAUREATE

Here’s a poem by an Indiana poet, Shari Wagner, that has a delightful time describing the many sounds of running water.

Creek-Song

It begins in a cow lane
with bees and white clover,
courses along corn, rushes
accelerando against rocks.
It rises to a teetering pitch
as I cross a shaky tree-bridge,
syncopates a riff
over the dissonance
of trash—derelict icebox
with a missing door,
mohair loveseat sinking
into thistle. It winds through green
adder’s mouth, faint as the bells
of Holsteins heading home.
Blue shadows lengthen,
but the undertow
of a harmony pulls me on
through raspy Joe-pye-weed
and staccato-barbed fence.
It hums in a culvert
beneath cars, then empties
into a river that flows oboe-deep
past Indian dance ground, waterwheel
and town, past the bleached
stones in the churchyard,
the darkening hill.

American Life in Poetry is made possible by The Poetry Foundation (www.poetryfoundation.org), publisher of Poetry magazine. It is also supported by the Department of English at the University of Nebraska-Lincoln. Poem copyright ©2010 by The Christian Century. Shari Wagner’s most recent book of poetry is The Harmonist at Nightfall, Bottom Dog Press, 2013. Poem reprinted by permission of The Christian Century and the poet. Introduction copyright © 2014 by The Poetry Foundation. The introduction’s author, Ted Kooser, served as United States Poet Laureate Consultant in Poetry to the Library of Congress from 2004-2006. We do not accept unsolicited manuscripts.

14. Neue Stipendiaten

Neue Clara-und-Eduard-Rosenthal-Stipendiaten der Villa Rosenthal Jena sind Ingar Krauss (Bildende Kunst) und André Schinkel (Literatur / Stadtschreibung):

Ingar Krauss wurde 1965 in Ost-Berlin geboren, er lebt in Berlin und Zechin (Brandenburg). Nach handwerklicher Lehre, Armeedienst und verschiedenen beruflichen Tätigkeiten kam er Mitte der neunziger Jahre autodidaktisch zur Fotografie. Seitdem war er an zahlreichen internationalen Ausstellungen beteiligt, u.a. in der Hayward Gallery London, dem Musée de l’Elysée Lausanne, dem Palazzo Vecchio Florenz und dem ICP New York. Im Fokus seiner künstlerischen Arbeit steht seit einiger Zeit das Stillleben als poetisches Versuchsfeld. Während seines Aufenthalts in Jena wird er sich mit einigen Protagonisten der Naturforschung aus der Zeit der Frühromantik bzw. späteren Epochen und ihren Erkenntnissen zur Darstellung von Pflanzen und Tieren anhand der Verwandtschaft von Formen und deren Ästhetik auseinandersetzen. Ausgehend von Schellings Vorstellung einer subjekthaften Natur, einer natura naturans, wird er die auf seinen Erkundungen in Jena und Umgebung gefundenen Gewächse in Stillleben arrangieren und sich dabei ihren kreatürlichen Eigensinn zunutze machen, auf dass sie zugleich neu und seltsam scheinen und zugleich auch wie zum ersten Mal ganz sich selbst bedeuten (Hugo von Hofmannsthal).

André Schinkel wurde 1972 im sächsischen Eilenburg geboren, er lebt mit seiner Familie in Halle a. d. Saale. Nach dem Absolvieren einer Lehre in der Landwirtschaft studierte er Umweltschutztechnik, Kunstgeschichte, Germanistik und Archäologie in Wernigerode und Halle und erwarb 2001 den akademischen Titel eines Magister artium. Seit 2005 ist er als freier Autor, Lektor, Gutachter und Kritiker tätig. Er leitet die Redaktion der Literaturzeitschrift „oda — Ort der Augen“, des literarischen Landesjournals von Sachsen-Anhalt, das mittlerweile international arbeitet. In Jena will Schinkel an einem Band Erzählungen arbeiten, in dem u. a. die Zeit in Ranis aufgearbeitet wird und sich eine unendlich traurige Jenenser Liebesgeschichte findet. Umringt von Nachtstücken und Idyllen, sollen diese Texte im nächsten Jahr ihren Weg zwischen zwei Buchdeckel finden. An den Rändern dieser Erzählungen wird nach dem Grund gesucht, warum das steinerne Raumschiff, auf dem wir auszuharren haben, immer wieder ins Schlingern gerät.

13. Kokosblattbuch

 

Kokosnußblätterbuch aus Bali, New York, American Museum of Natural History (Fotos (c) Michael Gratz)DSCI0925 DSCI0924 - Arbeitskopie 2

12. Ben Okri

Ben Okri, 1959 in Minna, der Hauptstadt des nigerianischen Bundesstaats Niger geboren und von Kind an ein Grenzgänger zwischen Großbritannien und Afrika, pflegt ein durchaus altmodisches – oder vielmehr: archaisches – Verständnis von Poesie. Und zugleich sind seine Verse von schmerzhafter Gegenwärtigkeit, gerade weil sie den Dialog mit Homer, Horaz, Vergil, Dante oder Heraklit im Bewusstsein anschwellender Migrationsströme und ökonomischer Ungerechtigkeiten suchen.

Okris Gedichte leben dabei von unsichtbaren Übergängen zwischen altem Europa und mythischem Afrika, Traum und Wirklichkeit – und bei alledem von einer Berufung zum Höheren, vor der nur der Einzelne immer wieder versagt. „Towards the Sublime“ (Dem Erhabenen entgegen) heißt eines der Gedichte. Es gibt die Richtung aller Wandlungen und Verwandlungen vor, die sich in diesem Buch ereignen. / Gregor Dotzauer, Tagesspiegel

Ben Okri: Wild. Gedichte. Englisch – Deutsch. Übersetzt von Brigitte Oleschinski. Wunderhorn Verlag, Heidelberg 2014. 184 Seiten, 18,90 €.

11. Nicht genug Neugier?

Jorge Kanese ist eine der prominenteren Figuren der paraguayischen Lyrik, geboren 1947 in Asunción, ein starker Charakter, vieles seiner Bekanntheit stammt aus den Verboten seiner früheren lyrischen Werke, und damit erschöpft sich das Interesse und auch die Prominenz: mit dem Wissen um diese Dinge, mit dem Wissen, dass er unter Stroessner gefoltert wurde, waterboarding und anderes, dass er Arzt und Professor mit Fachgebiet Mikrobiologe ist und immer noch und immer avantgardistischer schreibt – damit geben sich die kulturell Gebildeten zufrieden, so weit, seine Bücher zu lesen oder gar die damals Verbotenen nun nachzudrucken: soweit reicht die Neugier auch dort nicht. (…)

Kanese spricht direkt, oft derb, baut, arbeitet mit den Materialien der Umgangssprache und nimmt das kreative ineinander-Spielen der Ausdrücke der Straße auf, allerdings für seine Inhalte, ein Spiel, das nach seinem fast klassisch lyrischen Beginn mit starken, häufig politischen Gedichten, in seiner mittleren Phase zu Untersuchungen, Wendungen mit klanglich verwandten, aber bedeutungsfremden Worten führte.

Me explayo.
Un intento (?instinto?) de a-cercarmiento /aproximación
al Goce extrano que –supuestamenta- nos proporcionaría
La-Belleza (?Lalocura?) es razón-de-más
para explicar-justificar un libro,
una vida, un extasis, un piropo, un suspenso-extra,
pedacito-de-cualquier-cosa.

 

Ich zerstreue mich.
Ein Anlauf (?ein Trieb?) zu einer Ein-Kreisung/Annäherung
an die seltsame Lust die uns – angeblich – Das-Schöne
(?Derwahnisnn?) bereitet ist Ein-Grund-Mehr
für die Erklärung-Rechtfertigung eines Buchs,
eines Lebens, einer Extase, eines Kompliments, einer Extra-Spannung,
eines Stückchen-Irgendwas.

Es sind Gedichte, die sich nicht mehr einfach konsumieren lassen. Sie werden niemandem auf billige Weise das Gefühl ‚bereichern‘ oder die Gedanken am Nasenring zum nächsten Futtertrog führen. / Franz Hofner, Fixbooks

Jorge Kanese
Die Freuden der Hölle
Übersetzt und herausgegeben von Léonce W. Lupette
Luxbooks
2014 · 150 Seiten · 24,80 Euro
ISBN: 978-3-939557-84-5

10. Poetopie

das iPad, meine Kopfprothese – wie weit muss ich damit springen?

Hansjürgen Bulkowski

9. Brechts Achillesverse

Der junge Brecht ergriff die Gelegenheit beim Schopfe. „Er war ein kluger Materialverwerter, der sich den Krieg als Bühne zu eigen gemacht hat, ohne eine eigene Haltung zu entwickeln“, sagte Jürgen Hillesheim, der Leiter der Brechtforschungsstelle. Der „Augsburger Mittelschüler“, wie er in der Zeitung genannt wurde, schlug denselben patriotischen Ton an. Seine „Turmwacht“ imaginiert den nächtlichen Einsatz verwegener Jungs auf dem Perlach – allerdings mit dem ironisierenden Zusatz „wie ich mir aus einem Roman gemerkt habe“. Auch in seinen acht „Augsburger Kriegsbriefen“ erfüllte er die Erwartungen des Publikums und spielt den naseweisen Jüngling, der sich am Soldatischen begeisterte.

Ob’s echte Gefühle waren? „Ganz frei vom Nationalpathos war er nicht“, meinte Koopmann. Allerdings kommt bei Brecht bald ein Antikriegsmotiv vor. „Nur die Mütter weinten / hüben – und drüben“, heißt es im Gedicht „Moderne Legende“, erschienen am 2. Dezember 1914. /Alois Knoller, Augsburger-Allgemeine

(Auch ich habe meine Achillesverse – sagte Brecht später.)