72. Letzte Ausfahrt Prenzlauer Berg

neu auf http://www.lyrikkritik.de im reversbär:

Letzte Ausfahrt Prenzlauer Berg
kurz bevor man über die Schönhauser Allee nach Pankow kommt, gibt es eine Abzweigung nach links, in Richtung Skandinavisches Viertel. dort, am äußersten Rand, liegt das letzte Haus im Prenzlauer Berg Richtung West. dort wohnt einer der letzten Dichter des Prenzlauer Bergs. als er und seine letzten Freunde des Prenzlauer Bergs des Prenzlauer Bergs Literaturszene retten wollten, mussten sie irgendwann ausweichen in den Wedding, denn es gibt keine Literaturszene Prenzlauer Berg mehr, nur noch Reste und Relikte.
dieser neue Ort war unweit des letzten Hauses am Rand, kurz hinter der Schwedter Brücke. man musste nur der Abzweigung der Schönhauser Allee an diesem Randhaus vorbei folgen über die Autobrücke in den Wedding, einmal rechts, einmal links. und doch, so nahe, eine andere Welt. in der wiederum kleine Enklaven wie das Studio 8 vielleicht besser widerspiegeln als Reste und Relikte, was einmal der Prenzlauer Berg war, wenn auch in stark verkleinerter Form. die kurzen Sommer des Prenzlberg-Kults hatten, was die Lyrik angeht, immerhin kookbooks und in der Folge eine ganze Generation von Lyrikern hervorgebracht.
mit Monika Rinck und Ann Cotten luden nun zwei ihrer inzwischen prominentesten Repräsentantinnen zu einem Abend, an dem fast alles noch einmal wie früher war, nur eben auch in verkleinerter Form, unter dem unsichtbaren Banner des Abgesangs und verdrängt in den Wedding.
wie viele ähnlicher Abende hat man, in wechselnden Konstellationen, nicht verbracht? ob Lemma, Lyrikspartakiade, Rotten-Kinck-Scho, LSD, Chaussee der Enthusiasten, wie hießen nicht all die Literaturabende mit originellen Zutaten gefüllt?
und wäre kookbooks überhaupt ohne solche literarischen Zusammenkünfte denkbar? ist der „Gegner“ und die Szene um Bert Papenfuß ohne z.B. den „Torpedokäfer“ oder das „Burger“ denkbar? wäre, um die Frage einmal auszuweiten, der „Prokurist“ und Oswald Egger ohne das Festival Lana und die Zusammenkünfte der Literaten in Wien damals denkbar? das alles sind überflüssige Fragen, die einen aber anwehen, dort im Wedding im Studio 8.
hinweg ihr schwankenden Gestalten!
zurück zur Abteilung Rotten-Kinck-Schow ohne Scho. das nackte Ganze des Absurden.im Publikum saßen, eingewickelt in Turbane, der Reihe nach: Simone Kornappel, ein „Gast“ (auch so etwas kam vor), die große Unbekannte: der Jüngling, den einige anwesende Männer und Frauen als rätselhaftes Vexierbild auf die große Projektionsfläche des Begehrens aufgezeichnet hatten, sodann die Übersetzerin Theresia Prammer, die Lyrikerin Birgit Kreipe, parlandopark- und ex-lauter-niemand-Adrijana Bohocki, der Sänger Herr Nilsons und Literat Jan Böttcher, Steffen Popp, weiter rechts gegenüber der Herausgeber des Merveverlags Tom mit seinem kleinen runden Jerry von der Volksbühne, wo dieser panische Philosophieabende veranstaltet. eine illustre Runde also.
es hatte schon begonnen, man steckte seinen Kopf direkt in den Wust aus genialisch Zerzaustem, einen Wirrknäuel mit japanischen Tuschezeichnungen, Abhandlungen über die Psychologie der sieben Eingeweide und einem überdimensionalen Kopf-Tablett. Monika Rinck bastelte eifrig, Ann arbeitete noch im blauen Prunkturban an Texten über rosafarbene Kleider, Hoftore in Aachen und plötzlich tappen bzw sitzen wir alle im Dunkel einer imaginären Wüste. jemand hat das Licht ausgeschaltet. Gehört das nun dazu, auch diese klassische Frage bleibt nicht aus. dafür das Licht.
ich verschwinde kurz in das Cafe nebenan, wo Christian Filips und Rick Reuther sitzen und das Coming-Out-Drama 2.0 besprechen.
back to the roots! doch ab hier sind die Aufzeichnungen aus dem Labor des Abwegigen zunehmend unleserlich: überqualifizierte Mädchen (…) fällt ein toter Krund (Hund? Rund? Schrund?) aus Mazedonien ein aus Augen staben? … hier steht noch: sprachlich nicht modifiziert, klar das passt. passt nicht, denn Perlen auflesen ist gefragt! ein Praxisbuch von Gurdjew soll zu inneren Verwüstungen führen. Mechthild von Magdeburg hat einen Auftritt!die Freien niederringen. Simone flüstert: X.X. behaupte, Ann sei Marxistin, ABER DAS DÜRFE ICH AUF KEINEN FALL irgendwo schreiben. das Skandalöse daran ist mir nicht klar, aber ich verschlüssele eilfertig den Vornamensbruder Kyrills in Gottes Namen Amen zu X.X.
schließlich singt man zu dumpfen Keyboardrythmen „Gänse, die auf nichts mehr warten wollen, hast du noch meinen Pulli?“Fata Morgana, Luftspiegelung, wo befinde ich mich eigentlich? ist das noch der Prenzlauer Berg, ist das noch die Rotten-Kinck-Scho, ein Lemmaabend, oder schon der Wedding und der Anfang vom Ende, ausgerechnet dort, wo alles anfing (unweit nämlich, in Moabit, saßen Monika und ich einst in Meiers Fleischsalon, unbeschriebene Blättchen, und lasen Fremdes vor)? Welwitschien, so kam es zur Wüste, ruft wie ein Heuraka Ann in die Runde! Ja, wie kam es zur Wüste. Es ist, als könnten wir uns kaum noch erinnern, selbst jetzt, wo noch einmal der große alte Mythos des Prenzlauer Berg, ausrangiert, an uns vorüberzieht wie etwas nie Eingelöstes. dabei hat es ihn gegeben, ich kann es bezeugen!
kurzer Zukunfstflash: wenig später schloss das Alt-Berlin und das Soupanova.
zum Schluss des Abends noch dies wundervolle Zitat: „der kurze Aufenthalt war blind“
Danke, ihr ward großartig!

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71. Silke Scheuermann im Gespräch

… mit Shirin Sojitrawalla

Am 10. September erhält Silke Scheuermann den Hölty-Preis für Lyrik; mit 20.000 Euro die höchstdotierte Auszeichnung für Lyriker im deutschsprachigen Raum. Die 1973 in Karlsruhe geborene und heute in Offenbach am Main lebende Autorin hat sich als Lyrikerin wie als Romanautorin einen Namen gemacht. Nach sieben Jahren ist jetzt ihr neuer Gedichtband „Skizze vom Gras“ erschienen.

Mit Shirin Sojitrawalla hat Silke Scheuermann über ihr Schreiben, die Haltbarkeit von Gedichten und die Liebe zur bildenden Kunst gesprochen.

Das Gespräch mit Silke Scheuermann können Sie in unserem Audio-on-Demand-Bereich mindestens fünf Monate nachhören. / DLF

Silke Scheuermann:
„Skizze vom Gras“. Gedichte. Verlag Schöffling & Co., 97 Seiten, 18,95 Euro

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p style=“padding-left:30px;“>Lyrik – Fünfter Gedichtband von Silke Scheuermann (Deutschlandradio Kultur, Lesart, 13.08.2014)

70. Blaues Land und geheime Revolution

In einer faszinierenden Reise­erzäh­lung führt uns die Schrift­stel­lerin Esther Kinsky auf jenes mythische Terrain, auf dem einst Goethe sein Drama um Iphigenie, die Tochter des antiken Heer­führers Aga­memnon, ange­siedelt hat: auf die Halbinsel Krim im Schwarzen Meer, die mit der antiken Land­schaft „Tauris“ iden­tisch ist. Kinsky trat ihre Reise im Oktober 2013 an, kurz vor dem Aus­bruch des russisch-ukraini­schen Konflikts, der zur fakti­schen Annek­tierung der Krim durch Russland führte. Das von der rus­sischen Poesie um­schwärmte „blaue Land“, in dem auch Ossip Mandel­stam und Marina Zwetajewa längere Zeit zu Gast waren, erscheint in Kinskys Erzäh­lung als eine Reste­land­schaft voller Beton­trümmer, ein graues Beton-Eldo­rado, das mehr von streu­nenden Katzen und Hun­den bewohnt wird als von Menschen. In der Nach­saison sind Bade­orte wie Kur­ortne, Feodosia oder Koktebel menschen­leer. Das als „blaue Stadt am blauen Meer“ besun­gene Koktebel ent­puppt sich als ausge­storbene Land­schaft von karger Felsig­keit in unm­ittel­barer Nach­bar­schaft zur Steppe. Der ukraini­sche Dichter und Musi­ker Sherjij Zhadan liefert im „Schreib­heft“ zu dieser Beschrei­bung die pas­sende fatalis­ti­sche Be­gleit­musik. In seinem Lang­gedicht „Big Gangsta Party“ von 2007 spricht er schon von einer „ange­spannten / krimi­nogenen Situation“ in der ost­ukraini­schen Indu­strie­stadt Charkiw, einer trost­losen Ge­menge­lage aus Kor­ruption und Banden­krimi­na­lität, die vom perma­nenten Bürger­krieg nicht weit ent­fernt ist.

Eine offene Landschaft der russischen Poesie und Ästhetik, bevöl­kert von nonkon­formis­ti­schen Geistern, zeigen uns dagegen Oleg Jurjew und Olga Marty­nova, die in Frank­furt lebenden Dichter und Vermittler zwischen der russi­schen und der deut­schen Literatur. Sie haben ein lehrreiches Dossier über die „geheime Revo­lution“ der „inof­fiziellen Lite­ratur“ in Lenin­grad zwischen 1960 und 1980 zu­sammen­ge­stellt. Dieses lite­ra­rische „Paral­lel­uni­versum“, das sich wie in anderen ost­euro­päischen Ländern zunächst in Privat­wohnungen konsti­tuierte, hatte seinen eigent­lichen Grün­dungs­akt im Jahr 1975, bei einer Konfe­renz zum fünften Todestag von Leonid Aronson, des – wie Oleg Jurjew schreibt – „ge­heimnis­vollen Dichters der Stille“ und großen Rivalen von Joseph Brodsky. / Michael Braun, Poetenladen

Sinn und Form, H. 4/2014
Redaktion, Postfach 21 02 50, 10502 Berlin. 130 Seiten, 9 Euro.

Schreibheft 83 (2014)
Rigodon Verlag, Nieberdingstr. 18, 45147 Essen. 184 Seiten, 13 Euro.

69. Zungenenglisch

In der Kindheit erfahren wir die Sprache als Klangreich. Sinn und Verstand vertreiben uns irgendwann daraus, doch glücklicherweise gelingt ihnen dies nie ganz. Die Verse des österreichischen Dichters Franz Joseph Czernin bauen seit Jahrzehnten auf den Klang – in der Nachfolge von Ernst Jandl, H.C. Artmann und überhaupt: der Wiener Schule. Man muss seine Gedichte laut lesen. Und mehrfach. Der Dichte und der Schönheit wegen.

Sprache kann bekanntlich Welten konstruieren. Czernin selber beschrieb einmal das Wirken seiner Poesie – als ob „aus Tritt um Tritt ins Leere eine Leiter werde“. Anfangs imitierte er Satzmelodien und Sinngedichte. Lautliches trieb so manche Ideen voran. In den letzten Jahrzehnten nun verfolgt er in seinen Gedichten die „Vision“ einer Versöhnung unserer Moderne mit den Versen anderer Zeiten und anderer Länder. Zunächst übertrug er Shakespeare-Sonette, später verfasste er eigene, moderne „Variationen“ zu Dante-Gedichten, auch zu Versen von Gryphius, Goethe oder Rilke.

Nun ist – in diesem Frühjahr – in der Edition Lyrik-Kabinett der Band „zungenenglisch“ erschienen. Untertitel „visionen, varianten“. Diesmal hat Czernin, wie der Titel andeutet, englischsprachige Versfragmente in seinen Wortraum hineingeholt und variiert – neben Shakespeare, auch John Keats, Lord Byron, Swinburne oder Wallace Stevens. Sogar ins Englische übertragene Zeilen von Hölderlin und Dante erweitern ihm die sinnliche Wahrnehmung. / Marie Luise Knott, DLF

Franz Joseph Czernin: „zungenenglisch. visionen, varianten“, Edition Lyrikkabinett bei Hanser Verlag, 96 Seiten, 14,90 Euro.

68. A Cup of Sin

One of the most famous of Simin Behbahani’s poems, „A Cup of Sin,“ reflects on the paradox of fear and hope:

„My country, I will build you again, if need be, with bricks made from my life. I will build columns to support your roof, if need be, with my own bones. I will inhale again the perfume of flower favored by your youth. I will wash again the blood off your body with torrents of my tears.“ (Milani and Kaveh Safa have been the primary translators of Behbahani’s work.)

Born July 20, 1927, in Tehran, Behbahani was Iran’s nightingale, publishing 19 books of poetry over the course of six decades. Her first book, Setar-e Shekasteh, which translates as Broken Lute, was published in 1951. She was nominated several times for the Nobel Prize in Literature. / NPR

67. Gestorben

Der palästinensische Dichter Samih al-Qasim ist am 20. August nach langer Krebserkrankung im Alter von 75 Jahren in Nordisrael verstorben. Al-Qasim war eine Galionsfigur der «Dichtung des Widerstands» für die Rechte der arabischen Minderheit in Israel. / NZZ

66. Anglophone African poets

Slapering Hol Press’s Seven New Generation African Poets, a box set of eight chapbooks edited by Kwame Dawes and Chris Abani as part of the Poetry Foundations Poets in the World Series, seeks to extend the readership of contemporary Anglophone African poets working on the continent and abroad. Little international poetry is published in the United States, and much of what does reach an American audience appears in anthologies compiled by established American poets, rather than by editors native to the countries represented. Dawes, who is from Ghana and went to college in Jamaica, and Abani, who is from Nigeria, feel that it is part of their poetic missions to bring African poetry to the English-speaking world. They hope this inaugural collection will add contemporary voices to the canon of African poetry in the tradition of Chinua Achebe’s “African Writers Series,” founded in 1962, as a response to the colonial bias in teaching literature in African universities. In collaboration with different small poetry presses each year, The African Poetry Book Fund will continue to produce new box sets for American and African audiences, donating dozens to libraries and schools throughout the continent. Dawes emphasizes that as difficult as it is to publish international poetry in America, similar opportunities are rare in Africa. The poets represented in this collection are all grass-roots activists who travel internationally giving readings and selling their books. This collection is only a sample of poetry of the African continent and its diaspora, but it serves as an introduction to the rich and textured work of contemporary African poetry by Africans throughout the world.
/ Jennifer Franklin, Boston Review (5 Textproben)
 
Texte von: TJ Dema, Clifton Gachagua, Tsitsi Jaji, Nick Makoha, Ladan Osman, Wasan Shire, Len Verwey

65. Gestorben

Miodrag Pavlovic, einer der bedeutendsten serbischen Dichter, starb am 17.8. im Alter von 87 Jahren in Tuttlingen. Seine nach dem zweiten Weltkrieg erscheinenden Gedichte markierten einen radikalen Wandel im modernen literarische Ausdruck, der sich sowohl von der avantgardistischen und surrealistischen Poesie als auch vom sogenannten sozialistischen Realismus absetzte. Seine Gedichtbände wurden ins Polnische, Deutsche, Französische, Makedonische, Rumänische, Slowakische, Englische, Griechische, Ungarische, Bulgarische und Schwedische übersetzt. / In Serbia

64. Melitta Urbanic

Es war ein Kulturschock für die Wienerin, 1938 ins Provinznest Reykavík verschlagen zu werden. Nichts hatte Melitta auf diesen Exilort am Rande der Welt vorbereitet. Als sich das allzu willige Österreich Nazideutschland hatte anschließen lassen, tauschte Melittas Mann Victor kurzerhand mit dem Komponisten Franz Mixa, der die musikalischen Darbeitungen bei der Eintausend-Jahrfeier des isländischen Parlamentes geleitet hatte, die Stelle. Melitta, die die Konversion vom Judentum zum Katholizismus nicht vor der Verfolgung durch die Nazis schützte, erhielt den dringenden Rat, umgehend mit den drei Kindern Österreich zu verlassen und ihrem Mann nachzureisen.

Die 1902 in Wien geborene Melitta Grünbaum war Mitte der 1920er Jahre nach Heidelberg gekommen, um bei dem Literaturwissenschaftler Friedrich Gundolf zu studieren, dem bis zum Zerwürfnis mit Stefan George prominentesten Mitglied des Kreises um den exzentrischen Lyriker. Ihr zweiter Lehrmeister wurde der Philosoph Karl Jaspers. Melitta stand in Heidelberg zwischen den Stühlen der literarischen Lager um Rilke und George. Eine innige Freundschaft verband sie mit der vier Jahre jüngeren Lyrikerin Erika Mitterer, die wiederum einen ausführlichen Briefwechsel mit Rainer Maria Rilke pflegte. (Unter welchen Umständen Rilke die beiden jungen Frauen bedichtete, erläutert Gauti Kristmannsson in seinem Nachwort „Echo der Erinnerung“). (…)

Dass Melittas Gedichtzyklus Vom Rand der Welt nun erstmals auf deutsch und zugleich in isländischer Übersetzung erscheint, ist Frucht des Jahres 2011, in dem Island Gastland der Frankfurter Buchmesse war. Aus diesem Anlass wurde in Wien eine Ausstellung über Leben und Werk von Melitta Urbancic organisiert, die den isländischen Schriftsteller Sjón (Schattenfuchs, Das Gleißen der Nacht) dazu anregte, in Island auf die Ausstellung aufmerksam zu machen und Herausgeber für Melittas Gedichte zu suchen. (…)

Melittas Sehnsucht galt insbesondere den Landschaftsbildern ihrer Kindheit; iIhre Verzweiflung dem Schicksal der schutzlos zurückgebliebenen Mutter Ilma Grünbaum, die 1943 in Theresienstadt ums Leben kam, und der das Eingangsgedicht gewidmet ist. Und Zweifel, ob man angesichts von Verfolgung und Völkermord noch dichten dürfe, plagten sie:

Wer heute schreibt, während die Brüder bluten,
wer jetzt noch dichten kann, indess die Knuten

der Teufelsknechte in den Tod sie treiben,
färbe die Feder sich mit anderm Saft:

Kräfte zu zeugen aus zerstörter Kraft,
darf sie mit Blut nur oder Samen schreiben.

 

/ Bernhild Vögel, Iceland Review

Melitta Urbanic:
Frá Hjara Veraldar / Vom Rand der Welt

Herausgegeben von Gauti Kristmannsson
Übersetzungen Sölvi Björn Sigurdsson, Sabine Leskopf
Reykjavík 2014
218 Seiten, 4.500 ISK.
Beziehbar auch über den Onlineshop
Islandbuecher.de

Broschüre zur Ausstellung über Melitta Urbancic in der isländischen Nationalbibliothek Landsbókasafn Íslands, die am 8. März 2014 eröffnet wurde (PDF 834 KB).

63. Heian-Epoche (Aufstieg der Frauen)

Neues bei Lyrikwiki. Das Projekt speist sich momentan hauptsächlich aus zwei Quellen – aus Studentenarbeiten zusammengestellten Bibliographien (in jüngster Zeit u.a. Oskar Pastior, Richard Pietraß, Kurt Tucholsky, Guillaume Apollinaire) und Exzerpten meiner Lektüre, wie dies:

Heian-Epoche (平安時代 Heian jidai)

Die letzte Epoche des klassischen Japan und eine Blütezeit der japanischen Kultur, etwa 400 Jahre vom Beginn des 9. bis zum Beginn des 13. Jahrhunderts (794–1185, auch 794–1192 oder wie bei Ooka Makoto bis Anfang des 13. Jahrhunderts). Benannt nach der damaligen Hauptstadt Heian-kyō (heute Kyoto). Heian (平安) bedeutet im Japanischen Frieden. Während das Kaiserhaus die Macht repräsentierte, übte der Fujiwaraclan, der sich vielfach ins Kaiserhaus einheiratete, die eigentliche Macht aus. In diese Zeit fällt auch der Aufstieg der Samurai. Kulturell ist die Zeit von einer Tendenz nach innen, aber auch von starkem koreanischen Einfluß geprägt (Buddhismus, Taoismus u.a.).

In dieser Zeit emanzipiert sich Japan vom Einfluß der chinesischen Kultur. Bedeutende Dichter sind Sugawara no Michizane, Ki no Tsurayuki und Izumi Shikibu. Die Entwicklung der japanischen Kultur in dieser Zeit ist eng mit der Entwicklung der Sprache und Schrift verbunden. Während Sugawara no Michizane noch ausschließlich das Kanbun pflegte – eine Gelehrtensprache, vergleichbar dem Latein im mittelalterlichen Europa, die „mit dem gesprochenen Japanisch nicht den geringsten Zusammenhang hat“ [1] und die mit chinesischen Schriftzeichen aufgeschrieben wurde, entwickelten sich aus den – nur von den Männern gebrauchten – chinesischen Ideogrammen neue vereinfachte Zeichen, die Kana, die auch von Frauen benutzt wurden. [2] Die Kana unterteilen sich in zwei Schriftsysteme, Hiragana und Katakana, wobei das erstere zunächst von Frauen und das zweite von Männern gebraucht wurde. Sie entstanden durch extreme Vereinfachung der chinesischen Schriftzeichen, vor allem aber sind es nun reine Silbenzeichen. Dadurch wird es möglich, die gesprochene Sprache aufzuzeichnen, und das hat Auswirkungen auf den Gattungscharakter der Literatur. An die Stelle der Kanshi, Gedichte in chinesischem Stil und streng den chinesischen Normen verpflichtet, treten die Waka, Gedichte in rein japanischem Stil, die laut vorgelesen und in der Silbenschrift Hiragana notiert wurden. Diese Gedichtform herrschte in der japanischen Lyrik fast ein Jahrtausend bis zur Modernisierung im 19. Jahrhundert vor und ist bis heute in modernisierter Form als Tanka und Haiku verbreitet. „Die zwei Silbenschriften führten in der Heian-Literatur zum Aufblühen eines goldenen Zeitalters.“ [3]

Mit der Silbenschrift und den Waka eng verbunden ist der Aufstieg der Frauen zu einer die Kultur prägenden Rolle. Während die Männer für eine Beamtenlaufbahn die chinesische Sprache und Schrift beherrschen mußten, waren den Frauen die bis dahin die mündlich verbreiteten Waka zugänglich, die nun aufgezeichnet wurden. Innerhalb des Regenten- und Großkanzlersystems spielten zahlreiche Nebenfrauen und Hofdamen eine bedeutende Rolle, die durch die neue Silbenschrift auch auf die Kultur übergriff. Der Kaiser Uda (867 – 931, Kaiser von 887 – 897) und sein Sohn Daigo (885 – 930, Kaiser von 897 – 930) waren Wegbereiter dieser kulturellen Neuorientierung. [4] S. 41 Uda hatte offiziell 14 Nebenfrauen, die aus vornehmen Familien stammten, viele aus dem Fujiwaraclan. Mindestens 3 von ihnen waren Dichterinnen, darunter Ise (875/7 – ca. 939). Uda schätzte und protegierte den Dichter Sugawara no Michizane als Kanshi-Dichter und Konfuziusspezialisten, aber er war auch ein Liebhaber der japanischen Wakadichtung. Weil die kaiserlichen Frauen hohen Rang hatten, verbreiteten sich von ihnen gepflegte kulturelle Werte wie die Wakadichtung und sogar die zunächst als „Frauenhand“ bezeichnete Silbenschrift Hiragana, die auch von Männern erlernt wurde. Galt zuvor die Wakadichtung als bloß privates Mittel zum Austausch von Liebesgeständnissen [5], rückte sie plötzlich ins Zentrum der japanischen Kultur. Der Kaiser selbst beauftragte den Dichter Ki no Tsurayuki und drei Adlige niederen Ranges mit der Zusammenstellung der ersten Wakaanthologie, Kokin Wakashū (Sammlung alter und neuer Waka), die um das Jahr 905 abgeschlossen wurde. Darin drückt sich auch ein „Wandel einer von der hohen Aristokratie getragenen Kultur zu einer aus dem mittleren Adelsstand gewachsenen Kultur“ [6] aus.
„Das Besondere dieser Epoche liegt darin, daß die literarische Kreativität von Frauen das Goldene Zeitalter begründet.“ [7] Berühmte Autorinnen sind Izumi Shikibu (Lyrik) und Murasaki Shikibu und Sei Shōnagon (Prosa). Diese Frauen lebten zwischen Ende des 10. und Anfang des 11. Jahrhunderts als Hofdamen im kaiserlichen Palast. Ihre Werke werden bis heute gelesen und wurden in Fremdsprachen übersetzt. Allerdings können nur wenige Japaner sie heute in der Originalgestalt lesen, sie müssen in modernes Japanisch übersetzt werden, weil sich die Schriftsprache besonders im 19. Jahrhundert (Phase der Modernisierung während der Meiji-Zeit) radikal vereinfacht hat. [8]

Literatur

Einführungen

  • Ōoka Makoto: Dichtung und Poetik des alten Japan: fünf Vorlesungen am Collège de France (Edition Akzente). Übersetzt von Elise Guignard, Eduard Klopfenstein. München, Wien: Hanser, 2000. ISBN 3446198598, 9783446198593
  • Donald Keene: Japanische Literatur. Eine Einführung für westliche Leser. Aus dem Englischen von Monique Humbert. Zürich: Orell Füssli, 1962. (OA London 1953)
  • Basil Hall Chamberlain: ABC der japanischen Kultur. Ein historisches Wörterbuch (Things Japanese). Mit einer Einführung von Erwin Wickert. Zürich: Manesse, 1990. (engl. OA 1890, die deutsche Übersetzung von Bernhard Kellermann erschien zuerst 1912 u.d.T. „Allerlei Japanisches (Things Japanese)“).
  • The Princeton Encyclopedia of Poetry and Poetics: 
Fourth Edition
. Roland Greene, editor in chief; Stephen Cushman, general editor. 
Clare Cavanagh, Jahan Ramazani & Paul Rouzer, associate editors. Princeton and Oxford: Princeton University Press, 2012.

Einige Anthologien

  • Rotes Laub – altjapanische Lyrik mit vier Dichterporträts aus Bildrollen des 13. Jahrhunderts; Leipzig: Insel, 1972. Mit 4 Dichterporträts aus Bildrollen d. 13. Jahrhunderts. Aus d. Japan. übertr. u. hrsg. v. Jürgen Berndt. 130 Seiten.
  • Sechsunddreissig Dichterinnen des alten Japan: höfische Dichtkunst der Heian- und Kamakura-Periode, 9. bis 13. Jahrhundert; ein Album. Hrsg. Eishi Hosoda; Andrew Pekarik. Köln: DuMont, 1992.
  • Gäbe es keine Kirschblüten… Tanka aus 1300 Jahren. Japanisch / Deutsch. Ausgew., übers. u. hrsg. von Yukitsuna Sasaki, Eduard Klopfenstein und Masami Ono-Feller. Stuttgart: Reclam, 2009.

Hier

62. Greek music

Between 750 BC and 400 BC, the Ancient Greeks composed songs meant to be accompanied by the lyre, reed-pipes, and various percussion instruments. More than 2,000 years later, modern scholars have finally figured out how to reconstruct and perform these songs with (it’s claimed) 100% accuracy.

Writing on the BBC web site, Armand D’Angour, a musician and tutor in classics at Oxford University, notes:

[Ancient Greek] instruments are known from descriptions, paintings and archaeological remains, which allow us to establish the timbres and range of pitches they produced.

And now, new revelations about ancient Greek music have emerged from a few dozen ancient documents inscribed with a vocal notation devised around 450 BC, consisting of alphabetic letters and signs placed above the vowels of the Greek words.

The Greeks had worked out the mathematical ratios of musical intervals – an octave is 2:1, a fifth 3:2, a fourth 4:3, and so on.

The notation gives an accurate indication of relative pitch.

/ openculture

61. Gestorben

Die iranische Dichterin Simin Behbahani ist heute morgen gestorben. Hier ein Gedicht.

Zitat aus Wikipedia deutsch

Ihr Vater Abbas Chalili war Poet und Herausgeber der Zeitung Eghdām. Er übersetzte große Teile der Schāhnāme ins Arabische. Simin begann ihre ersten Gedichte im Alter von 14 Jahren im neuartigen Stil Tschâr Parreh (vierzeilige Strophen) von Nima Youschidsch. Auch ihre Sammlung an Ghazals (traditionellen Gedichten) ist bemerkenswert.

Erwähnenswert ist auch ihr stetiger Einsatz für die Schriftsteller im Iran und für die Rechte der Frauen. In ihrer Funktion als Vorsitzende des iranischen Schriftstellerverbandes gilt ihr breite Anerkennung im kulturellen Leben des Iran.

Englisch

She was Iran’s national poet and an icon of the Iranian intelligentsia and literati who affectionately refer to her as the lioness of Iran.[2] She was nominated twice for the Nobel Prize in literature, and has „received many literary accolades around the world.“ …

Simin Behbahani started writing poetry at twelve and published her first poem at the age of fourteen. She used the „Char Pareh“ style of Nima Yooshij and subsequently turned to ghazal. Behbahani contributed to a historic development by adding theatrical subjects and daily events and conversations to poetry using the ghazal style of poetry. She has expanded the range of the traditional Persian verse forms and has produced some of the most significant works of the Persian literature in the 20th century.

Simin Behbahani: A Cup of Sin. Selected Poems. Translated by Farzaneh Milani und Kaveh Safa. Syracuse University Press 1999. 182 S., $ 24.95.

Ihr Werk konzentrierte sich auf die Herausforderungen in Iran nach der islamischen Revolution im Jahr 1979 und auf die Rechte der Frauen. 2009 wurde ihr der Simone-de-Beauvoir-Preis für Frauenrechte verliehen, und zweimal wurde sie für den Literaturnobelpreis nominiert. Behbahanis Gedichte wurden von vielen iranischen Musikern vertont oder dienten als Grundlage für Liebeslieder. (…) Ihr mutiges Engagement brachte ihr den Beinamen «Löwin Irans» ein. / NZZ

60. Aufschrei

Man redet über den deutschen Romanbuchpreis:

Die diesjährige Longlist des Deutschen Buchpreises wartet mit fünfzehn Männern und fünf Frauen auf. Ein Ungleichgewicht, das sich nahtlos in die Statistik einpasst: In zehn Buchpreisjahren waren jeweils zwischen vier und acht Frauen vertreten. Dass die Anzahl der weiblichen und männlichen Longlistautoren kein einziges Mal auch nur annähernd ausgewogen war, wurde in der (meist männlich dominierten) Berichterstattung selten problematisiert. Jüngst behauptete etwa Literaturkritiker Jörg Magenau, es sei gar „nicht schlimm“, dass so wenige Frauen auf der Liste stünden, da ja die letzten beiden Preise an Frauen gegangen seien (an Ursula Krechel und Terézia Mora).

Das rechtfertigt jedoch keinesfalls den geringen Frauenanteil auf den Longlists, die ein wichtiges und von Verlagen und Autoren sehr ernst genommenes Marketinginstrument sind. / Dana Buchzik, Die Welt

59. True story

True story: A teenager saw me with Matthea Harvey’s new book of poems as I sat with it in a café and asked if she could look at it. She was the scowly sort, angry tattoo on her shoulder, who I thought was going to ask me if I had a cigarette; not, offhand, the type who maybe cares much about modern American poetry.

I do, though, and if you care about modern American poetry you care about Matthea Harvey. / Daniel Handler, Los Angeles Times

If the Tabloids Are True What Are You?
Poems and Images
Matthea Harvey
Graywolf: 160 pp., $25 paper

Matthea Harvey: Du kennst das auch · Gedichte Englisch-Deutsch. Aus dem amerikanischen Englisch von Uljana Wolf
kookbooks _ Reihe Lyrik _ herausgegeben von Daniela Seel _ Band 18
192 Seiten, mit Zeichnungen von Andreas Töpfer, Klappenbroschur, 19.90 Euro, ISBN 9783937445427

58. Hygienikerattacke

Alois Schöpf, eigenem Bekunden nach „ein durchaus zu Hysterie neigender Hygienefanatiker“, hat gründlich saubergemacht. In einem schmalen Band nennt er Literaturnobelpreisträgerin Elfriede Jelinek eine „gealterte Model-Literatin“, Ernst Jandl ein „Schulmeisterlein“ und Robert Schindel eine „Betriebsnudel“.

Gerhard Rühm würde „als sich selbst musealisierende Mumie“ durch die Lande reisen, Felix Mitterer sei ein „Ausbund an regionaler Unverfrorenheit und zugleich nationalchristlicher Kunstverblödung“, und das „agitatorische Werk“ von Peter Turrini, einem „erfolgreichen Emporkömmling“ und „Kommunisten“, hätte „bestens in den Kanon jener Sowjetliteratur gepasst“, die Solschenizyn und Michail Bulgakow „mit Hohn und Spott übergossen haben“.

(…) Am meisten aber echauffiert er sich über den „Weltenkacker Handke“: Schöpf, ein selbsternannter „Fachmann für Bläser- und Blasmusik“, würde zu gerne wissen, ob der Mann, den er jovial „Peter“ ruft, ein „intaktes Arschloch oder Hämorrhoiden“ hat. / Thomas Trenkler, DER STANDARD, 18.8.