67. Krim: Tataren, Juden und Stalin

Einige Krimtataren waren im Krieg zur Wehrmacht übergelaufen. Den Deportationsbefehl für diese Bevölkerungsgruppe unterschrieb Stalin im Mai 1944 persönlich. Er begann mit den Worten: „Viele Krimtataren haben das Vaterland verraten.“ Eine Woche später wurden 190000 Tataren nach Usbekistan abtransportiert.

Heute sagen viele Krimtataren, der eigentliche Grund für die Vertreibung sei nicht die Kollaboration gewesen. An der Volkstragödie seien „die Juden“ schuld. Das klingt nach einer antisemitischen Verschwörungstheorie. Bei einigen Krimtataren spürt man auch einen latenten Antisemitismus. Aber diese konkrete Behauptung hat einen historischen Hintergrund.

Mitten im Krieg hatte Stalin zwei Mitglieder des Sowjetischen Jüdischen Antifaschistischen Komitees nach Amerika entsandt, den Schauspieler Solomon Michoels und den Dichter Itzik Feffer. Die beiden sollten bei den amerikanischen Juden um Unterstützung für die Rote Armee werben. Nachdem die Krim 1944 befreit worden war, hoffte das Komitee, dass dort eine autonome jüdische Republik entstehen könnte, für Juden aus aller Welt. Noch zur Zarenzeit war die Krim ein Zentrum zionistischen Lebens gewesen. Hier wurden Aussiedler auf Palästina vorbereitet.

Während der NKWD im Sommer 1944 Hunderttausende Tataren, Griechen, Bulgaren und Armenier von der Krim vertrieb, trafen sich Michoels und Feffer mit Außenminister Molotow, um über einen jüdischen Staat zu sprechen. Gleichzeitig kamen Zehntausende Juden, die im Krieg geflohen waren, auf die Halbinsel zurück.

Stalin ließ Michoels und Feffer fallen, sobald die Generalversammlung der UN im November 1947 beschlossen hatte, den Staat Israel zu gründen. Wenige Monate später wurde Michoels ermordet. Feffer landete im Lager – wie auch die Ehefrau des Ministers Molotow, eine Jüdin.

Die meisten Vertriebenen durften erst nach 1991 auf die Krim zurückkehren. / Tim Neshitow, Süddeutsche Zeitung 20.10.

Itzik Feffer (auch Izik Fefer, jiddisch איציק פֿעפֿער, russisch Ицик Фефер, Исаак Соломонович Фефер; * 1900 in Schpola, Ukraine; † 12. August 1952 in Moskau) war ein sowjetischer jiddischer Dichter. Er wurde nach einem Schauprozeß gegen das Jüdische Antifaschistische Komitee in der „Nacht der ermordeten Dichter“ vom 12. zum 13. August 1952 ermordet.

66. American Life in Poetry: Column 499

BY TED KOOSER, U.S. POET LAUREATE

To celebrate my 75th year, I’ve published a new book of poems, and many of them are about the way in which we come together to help each other through the world. Here’s just one:

Two

On a parking lot staircase
I met two fine-looking men
descending, both in slacks
and dress shirts, neckties
much alike, one of the men
in his sixties, the other
a good twenty years older,
unsteady on his polished shoes,
a son and his father, I knew
from their looks, the son with his
right hand on the handrail,
the father, left hand on the left,
and in the middle they were
holding hands, and when I neared,
they opened the simple gate
of their interwoven fingers
to let me pass, then reached out
for each other and continued on.

American Life in Poetry is made possible by The Poetry Foundation (www.poetryfoundation.org), publisher of Poetry magazine. It is also supported by the Department of English at the University of Nebraska-Lincoln. Poem copyright ©2012 by Ted Kooser from his most recent book of poems, Splitting an Order, Copper Canyon Press, 2014. Poem reprinted by permission of Ted Kooser and the publisher. Introduction copyright © 2014 by The Poetry Foundation. The introduction’s author, Ted Kooser, served as United States Poet Laureate Consultant in Poetry to the Library of Congress from 2004-2006. We do not accept unsolicited manuscripts.

65. Independent

SteglitzMind sprach mit dem Verleger Andreas Heidtmann (Poetenladen) u.a. über Independent-Verlage:

Welche besonderen Risiken verorten Sie für Ihren Verlag?

Es bedarf einer guten Kondition, um einen Independent Verlag zu führen. Wie lange hält man das durch, Wochenendarbeit und Messen eingeschlossen? 10 Jahre, 20 Jahre, 30 Jahre? Übernimmt jemand den Stab?

Was schätzen Sie an der Independent-Szene besonders?

Die gute Literatur. Die meisten Independents machen Dinge, von denen sie überzeugt sind. Bei den Großen gibt am Ende oft der Geschäftsführer (und nicht der Lektor) die Richtung an.

64. Augenzeugenbericht

Der vom Literaturbüro vergebene Lyrikpreis München zeichnet sich durch sanfte Gründlichkeit aus, wenn über das Jahr verteilt gleich zwei Vorrunden stattfinden, bei denen ebenfalls klug besetzte Jurys öffentlich über die vorgetragenen Gedichte nachdenken. Beim Finale im Kulturzentrum Gasteig gastierten jetzt Dichter, die in den letzten Jahren in der Szene für Aufmerksamkeit gesorgt haben. Da war etwa der rigorose Stilpluralist Konstantin Ames, bei dessen Versen die Jury haderte, ob es sich nun um „sprachanarchische Heimatgedichte“ oder doch schon um „Post-Poetisches“ handele, was auch immer letzteres sein sollte. Da war der höchstens scheinbare „Naturlyriker“ Sebastian Unger, der im Gleiten und Verhaken seiner Beschreibungen Bedeutungswelten gleichermaßen andeutete und verbarg. Und da war der Renaissance-Spezialist Tobias Roth, der in künstlich präparierten Traditionsreferenzen ein durchaus zeitgenössisches Wachsfiguren-Arkadien erschuf: „Ich schicke dir eine Gondel, der / Rauch über der Bastille ist noch nicht hier.“

Für die schließlich prämierten Gedichte des in der „Lyrikedition 2000“ veröffentlichenden Markus Hallinger fand die Jury die Formel, dass sie „die größte Bereitschaft zum nicht abgesicherten poetischen Sprechen“ entwickelten. Diese Kategorie ließe sich erörtern. Und Hallingers beim ersten Hören unvermittelt bis genügsam wirkende Sprachreflexionen selbstredend auch: „Ich stand, ein Hase, erstaunt, das Fell abgezogen, / über Nase und Ohren, / geschält wie die Sprache.“ Mit dem Basler Professor Wolfram Fues gab es allein einen Juror, der unter Anrufung offenbar unhintergehbaren Germanistenwissens absurd autoritäre Verdikte zu fällen pflegte: „Ist-Sätze sind in der Lyrik immer gefährlich!“ Der Rest war des Diskutierens würdig und wurde das auch.

FLORIAN KESSLER, Süddeutsche Zeitung 20.10.

63. Lyrikpreis München 2014

Beim Finale zum Lyrikpreis München 2014 lasen am 18.10. um 19 Uhr im Vortragssaal der Bibliothek des Gasteig:

  • Konstantin Ames, Berlin
  • Kathrin Bach, Berlin
  • Markus Hallinger, Irschenberg
  • Tobias Roth, Berlin
  • Walter Fabian Schmid, Solothurn, CH
  • Sebastian Unger, Berlin

Die Jury entschied wie folgt:

Gewonnen hat Markus Hallinger.

Den zweiten Preis teilen sich Konstantin Ames und Kathrin Bach.

Die Jury:

  • Wolfram Malte Fues, Lyriker, Germanist, Basel
  • Andreas Heidtmann, Poetenladen, Leipzig
  • Birgit Kreipe, Gewinnerin des Preises 2013, Berlin
  • Àxel Sanjosé, Lyriker, Dozent an der LMU, München
  • Katharina Schultens, Lyrikerin, Berlin

62. Poetopie

ob Utopie oder Apokalypse – rückkehrend aus der Zukunft kommen wir nach und nach in der Gegenwart an

Hansjürgen Bulkowski

61. American Life in Poetry: Column 498

BY TED KOOSER, U.S. POET LAUREATE

Here’s a lovely poem for this lovely month, by Robert Haight, who lives in Michigan.

Early October Snow

It will not stay.
But this morning we wake to pale muslin
stretched across the grass.
The pumpkins, still in the fields, are planets
shrouded by clouds.
The Weber wears a dunce cap
and sits in the corner by the garage
where asters wrap scarves
around their necks to warm their blooms.
The leaves, still soldered to their branches
by a frozen drop of dew, splash
apple and pear paint along the roadsides.
It seems we have glanced out a window
into the near future, mid-December, say,
the black and white photo of winter
carefully laid over the present autumn,
like a morning we pause at the mirror
inspecting the single strand of hair
that overnight has turned to snow.

American Life in Poetry is made possible by The Poetry Foundation (www.poetryfoundation.org), publisher of Poetry magazine. It is also supported by the Department of English at the University of Nebraska-Lincoln. Poem copyright ©2013 by Robert Haight from his most recent book of poems, Feeding Wild Birds, Mayapple Press, 2013. (Lines two and six are variations of lines by Herb Scott and John Woods.) Poem reprinted by permission of Robert Haight and the publisher. Introduction copyright © 2014 by The Poetry Foundation. The introduction’s author, Ted Kooser, served as United States Poet Laureate Consultant in Poetry to the Library of Congress from 2004-2006. We do not accept unsolicited manuscripts.

60. GWK-Literaturpreis für Georg Leß und Susan Kreller

Der GWK-Literaturpreis 2014 geht zu gleichen Teilen an den Lyriker Georg Leß und die Romanautorin Susan Kreller. Die renommierte Auszeichnung für herausragende junge Schriftsteller aus Westfalen-Lippe ist 2014 mit 3.000 Euro pro Preisträger und der Aufnahme in ein Förderprogramm der GWK dotiert. Susan Kreller wurde 1977 in Plauen geboren und lebt als freie Autorin in Bielefeld. Georg Leß, der heute in Berlin lebt, wurde 1981 in Arnsberg geboren. In seinen Gedichten thematisiert der Lyriker die Bedrohung und das Zerbechen der personalen Existenz und des Verstehens sowie die Mechanismen, beides aufzubauen und aufrecht zu erhalten. Worüber er spricht, mache er, so die Jury mit Dr. Pia-Elisabeth Leuschner vom Lyrikkabinett in München, der Luxbooks-Verlegerin Annette Kühn aus Wiesbaden und dem Hochschullehrer Dr. Jürgen Gunia von der Universität Münster, zugleich intensiv spürbar in so konzentrierten wie offenen, so originellen wie suggestiven und nachhaltigen Bildern, in unverwechselbar eindringlichem Ton und schmerzlichen Brüchen in Bildfolge und Satzbau. Susan Kreller wird für einen Auszug aus ihrem Romanmanuskript „Pirasol“ ausgezeichnet. Mit stiller Ironie und behutsamem Pathos erzählt sie die Geschichte einer 81-jährigen ‚Halbjüdin‘, die sich ihr Leben lang in ihr Schicksal ergeben hat, nun aber, im Jahr 2011, dabei ist, gegen ihre Mitmenschen aufzubegehren. In kluger und spannender Szenenführung, in atmosphärisch verdichteter, ganz eigenwilliger Sprache, in Bildern, die Psychisches körperlich und dinglich werden lassen, entstehe, so die Jury, eine eigenwillige Romanwelt, die durch ein scheinbar unscheinbares Leben die großen Themen der Existenz neu und berührend erzähle und erlebbar mache: Tod, Gewalt, Genozid, die Gottverlassenheit und den alltäglichen Verrat, die Suche nach Aufgehobensein, dem Trost der Kunst, den Versuch der Rebellion. Die beiden Literaturpreisträger werden zusammen mit den GWK-Preisträgern für Kunst und Musik am 30. November 2014 in Bielefeld ausgezeichnet.

59. Gestorben

Am 7.10. starb in Rom der Schauspieler und Schriftsteller Federico Boido (aus Italowestern als Rick Boyd bekannt) im Alter von 74 Jahren. Er war auch Drehbuchautor, Film- und Theaterregisseur sowie Straßenmaler in Rom und veröffentlichte Gedichtbände und einen Roman. Mehr

58. Beschränkt

Von brennender Aktualität erscheinen mir diese Sätze Volker Brauns. Er schrieb sie 1993, die ersten Sätze verweisen auf die frühen 90er Jahre – aber 2014 sind sie aktueller denn je. Deutschland, nicht nur das offizielle, das auch, sondern die vielen Leute in ihren vielen Nischen denken nicht gern an Afrika, Syrien oder die Ukraine.

Deutschland denkt jetzt an sich, und das ist eine beschränkte Beschäftigung. Von außen gesehen, von Frankreich her, eine Art Verblödung, aber sie wird hier nicht empfunden. Warnungen wie der Appel ‚a la vigilance , der auf die „zunehmende Konfusion im intellektuellen Leben Frankreichs“, und nicht nur Frankreichs, hinweist, werden hier unter den Teppich gekehrt. Die Wachsamkeit, für Umberto Eco „ganz einfach die Denkarbeit“, wird gering geachtet; einer der Gründe ist „der frühere Dogmatismus der alten Linken. Es gab eine Zeit, da waren alle, die anders dachten als wir, Faschisten. Als Reaktion auf diese früheren Exzesse neigt man heute dazu, jedem die Hand zu geben und nicht mehr zu unterscheiden, wo die Feinde und der Ort der Vereinnahmung sind“ (Gespräch mit Roger-Pol Droit).

Volker Braun: Das Hakenkreuz in der Wange. In: Ders., Wir befinden uns soweit wohl. Wir sind erst einmal am Ende. Äußerungen. edition suhrkamp, 1998, S. 97.

57. Ernst, brilliant, genau

In einer grandiosen Schlussrunde erinnert Achleitner an den „großen Ernst“ und die „ungeheure Brillanz und Genauigkeit“ in den Arbeiten des Dandys Konrad Bayer, und endlich kommen auch die Frauen zu Wort, denen er im Wien von damals als „Exterrestrischer“ erschien – Ingrid Wiener: „Wir sind nur auf Friedhöfe gegangen. Und er hat immer geredet, aber ich kann mich leider nicht erinnern, es war sicher etwas Philosophisches.“ / Daniela Strigl, Süddeutsche Zeitung 10.10.

56. Gestorben wird immer

Eine Freundin schreibt mir:

Hallo Michael, wenn ich Deine GESTORBEN-Meldungen lesen, krieg ich jedesmal einen Schreck, für einen Blitzmoment lese ich da meinen eigenen Namen und denke gleichzeitig, wie oft wirst Du das noch lesen, bis andere es lesen, diesmal bist du gemeint. Dieses „Gestorben“ kann einen ziemlich vergruseln (und ist deshalb schnell wegzuklicken, zu löschen), hat auch etwas Serielles, vielleicht wäre es doch besser, als gewissermaßen Ehreerweis für den Verstorbenen, stets neu eine andere Formulierung zu finden. Nur so 1 Gedanke.

Der Gedanke ist mir nicht fremd, obwohl mich die Überschrift ihrer Mail etwas kränkte. Gestorben für wen? stand da und ich halte es für ein bißchen ungerecht, weil ich ja gerade versuche, auch Informationen und Namen zu bewahren, die nicht in die Kurznachrichten der Zeitungen finden. Außerdem ist sie jünger als ich und wenn es nach der Ordnung geht, wird sie ihren Tod nicht im Lyrikblättchen lesen. Vielleicht erweist ja sie mir den Dienst und schreibt dann eine letzte Meldung: „Gestorben. Der Gründer dieses Blattes vom digitalen Zeitungsbaum ist vorgestern leider im Alter von 98 Jahren gestorben.“ Aber das ist noch eine Weile hin.

Nein, der Gedanke ist mir nicht fremd. Manchmal schreibe ich den Namen dazu, oder setze ein †. Beim Tod des polnischen Sängers Czesław Niemen rettete ich mich ins Polnische und schrieb: Niemen nie żyje. Aber wenn ich zum Beispiel das nehme, wird es auch schnell eine Rubrik. Gestorben wird immer. Gestorben, verdorben, dichten die Dichter, und Frau Marthe Schwertlein möcht ihren Mann auch tot im Wochenblättchen lesen. Was meinen die Leser meiner Nachrichten dazu? Irgendein Vorschlag?

(Während ich das schreibe, weiß ich, daß drei Todesnachrichten seit Tagen im Portfolio warten. Ich hatte diese Woche wenig Zeit. Und jetzt bloß nicht die Recherchemaschine anwerfen, damit die Nachricht kein Großraumgrab wird.)

55. Poesie hat Sinn

Dichtkunst, sie ist schlicht (über-)lebensnotwendig, heißt es da von [Peter] Hub, der gerade mit dem Sprachbewahrerpreis 2014 gewürdigt worden ist. Schließlich hatte die Poesie ursprünglich mal den Sinn, das andere Geschlecht rumzukriegen. Was Wunder, dass Hubs Einsatz für die Lyrik vor allem bei der Jugend gut ankommt. / Mainpost

54. Wirkungen einer Lyriklesung

Die Diskussion verlief in ungeheurer Erregung; der Korrespondent der Prawda stürzte am Schluß auf Hermlin zu und weinte; Klaus Völker, zurück in Westberlin, schickte ein Telegramm: das dichterische Antlitz Deutschlands hat sich über Nacht verändert. Das Wachbatallion wurde in Bereitschaft gesetzt und am Morgen eine außerordentliche ZK-Sitzung einberufen. Das Vorzeigen einiger Dutzend Gedichte trieb einen Konflikt heraus zwischen den produktiven und den ängstlichen Gemütern, und es begann eine Zeit infamer Debatten und zugleich famoser Lesungen: von Nachrichten, die sonst nirgendwo zu haben waren.

Volker Braun: Einleitende Worte zur Lesung „Neue Lyrik“. Für Stephan Hermlin. In: Ders.: Wir befinden uns soweit wohl. Wir sind erst einmal am Ende. Äußerungen. Frankfurt/Main: Suhrkamp, 1998, S. 123.

Anmerkungen:

Prawda: Zentralorgan der Kommunistischen Partei der Sowjetunion

Hermlin: Stephan Hermlin (1915-1997), Dichter, forderte 1962 als Sekretär der Sektion Dichtkunst der Akademie der Künste in Ostberlin unbekannte Dichter auf, ihm ihre Gedichte zu schicken und las eine Auswahl daraus in einer Veranstaltung der Akademie vor. Die Dichter waren alle anwesend, u.a. Kurt Bartsch, Wolf Biermann, Uwe Greßmann, Bernd Jentzsch, Rainer Kirsch, Sarah Kirsch, Karl Mickel, B.K. Tragelehn. Mit einem Schlag war eine neue Dichtergeneration angetreten. Die SED kickte Hermlin aus seinem Akademieamt.

ZK: Zentralkomitee der regierenden Partei SED

53. Gedicht auf Fels

Aufsehen erregt hat dasselbe Theater schon vor «Bordergame» mit seiner letzten Aufführung «The Gathering» (Die Zusammenkunft). «The Gathering» ging an drei Tagen im September über die Bühne. Genauer gesagt: Über die Hügel und Täler Snowdonias, des nordwalisischen Berglands. Dort wurde das zahlende Publikum gleich einer Schafherde über die Weiden getrieben, um jeweils vier Stunden lang im innersten Innern die Poesie der Landschaft und den Fluss der Zeit zu erfühlen.

(…) Und auf einen 30 Meter hohen Felsvorsprung war ein riesiges Gedicht der walisischen Nationalpoetin Gillian Clarke aufgemalt worden. «Lyrisch, aber unsentimental» nannte eine Theaterkritikerin hingerissen das Ganze. Die Vorstellung bringe «den Berg zum Singen».

Und nicht nur zum Singen. Auch zum Aufheulen, am Ende. Denn mit einem hatten die Theaterleute nicht gerechnet: Das Gillian-Clarke-Gedicht liess sich nicht mehr vom Felsen wischen. Einer der markantesten Kletterfelsen in Wales ist, mehrere Wochen nach dem Ende der Show, zum Stein gewaltigen Anstosses geworden. Ausgerechnet im Herzen des Nationalparks von Snowdonia sei «das wohl grösste Stück Graffiti» in ganz Grossbritanniens aufgetaucht und nicht mehr wegzukriegen, klagen Bergsteiger und Wanderer empört.

Grund für die Panne ist, dass kein Regen die Aufschrift gelöscht hat, wie es das Theater erwartete. Der September war der trockenste seit vielen Jahrzehnten auf der Insel. Die Sonne hat die Schrift geradezu in den Lehm eingebrannt. Beschämt hat auch der National Trust zu der Affäre Stellung nehmen müssen. Der Trust – die Natur-  und Denkmalschutz-Behörde Britanniens – hatte dem Nationaltheater Erlaubnis für den poetischen Erguss am Felsen erteilt. / Peter Nonnenmacher, Der Bund Blogs (mit Bild und Video)