After all, contemporary poetry is endlessly accused, even by many poets themselves, as a “marginal” activity, a cultic endeavor that puts it on a par with people who attend Star Trek conventions or engage in Civil War reenactments.
David Wojahn, in: Blackbird. Via Poetry Daily
Walter Mossmann ist gestorben. Das erfuhr die Badische Zeitung aus seinem Freundeskreis. Der Freiburger Politbarde, Autor und Journalist erlag in der Nacht zum Samstag im Alter von 73 Jahren in einem Krankenhaus in Breisach einem Krebsleiden.
Der gebürtige Karlsruher, der seit 1951 in Freiburg lebte, war ein wichtiger Aktivist und Ideengeber der deutschen Anti-AKW-Bewegung, er beteiligte sich in den 1970er Jahren mit seiner Klampfe und Protestliedern, teils auch in alemannischer Mundart, an Bauplatzbesetzungen bei Wyhl am Kaiserstuhl und beim niedersächsischen Gorleben.
Bekannt war Mossmann in der Liedermacherszene da schon seit Auftritten auf der Burg Waldeck 1965 und 1966. / Stefan Hupka, Badische Zeitung
lass dich los – halte dich fest an diesem Augenblick
Hansjürgen Bulkowski
Dieter Schnebels* Glossolalie im Bild und mit Ton.
*) „an innovative border-crosser between music theatre, vocal performance art and sound poetry.“
Schon die „Lietzenlieder“ lasen sich wie befreit, mit dem Gedichtband „Gegenreden“ geht es jetzt in Stimmlage und Intonation flagrant weiter. Kolbe spricht aus einer anderen Perspektive, es zeigen sich neue Obertöne. Dichtung, die nicht stehenbleibt, hat ihren Anteil verborgener Dinge eines Vorlebens. Sie trägt die Umwege in sich, auch wenn jeder Vers aus dem augenblicklichen Eindruck wächst. Kolbe ist dabei nicht geneigt, den leichtesten Weg einzuschlagen. Er braucht nicht den „Kokon meines eigenen Sounds“.
„Das Tagwerk“ des Dichters, diese sechs Gedichte als Formenkreis eines Diariums, ist nicht länger ins eigene Leben vertieft. Im ununterbrochenen Strom von Ursache und Wirkung kommt es zum Exempel. „Die Welt war Eis, und Eis lag auf der Welt./…/… Gott wusste, / das war nicht die Schöpfung, nur kalter Widerspruch, / doch hielt er den Mund und segnete es.“ Es ist fast unmöglich, alles zusammenzuhalten. Extravagante Wege, die in einem Gedicht möglich sind. Mit ausgesuchten, mit verschollenen Mitteln. / Jürgen Verdofsky, FR
Uwe Kolbe: Gegenreden. Gedichte. S. Fischer Verlag, Frankfurt a. M. 2015. 171 Seiten, 18,99 Euro.
Den grössten Platz in diesem Band nimmt die gegen die Volksliedbegeisterung der Stürmer und Dränger gerichtete Parodie «Eyn feyner kleyner Almanach vol schönerr echterr liblicherr Volckslieder . . .» ein, die 1777/78 erschienen ist. Herder, in diesem Fall auch nicht humorvoll, hat den Almanach «als eine öffentlich aufgetragene Schüssel voll Schlamm» bezeichnet. Johannes Brahms dagegen fertigte einige Bearbeitungen von Nicolais Liedern an und nahm sie in seine Volksliedersammlung auf. / Ulrich Kronauer, NZZ 27.5.
Friedrich Nicolai: Sämtliche Werke. Band 1, 1: Literarische Schriften I, Sebaldus Nothanker. Mit den Originalkupferstichen von Daniel Chodowiecki. Bearbeitet von Hans-Gert Roloff. Frommann-Holzboog, Stuttgart-Bad Cannstatt 2015. 387 S., € 298.–. – 1, 2: Literarische Schriften I, Freuden des jungen Werthers – Eyn feyner kleiner Almanach – Anhang zu Friedrich Schillers Musen-Almanach für das Jahr 1797. Bearbeitet von Hans-Gert Roloff. Ebd. 2015. 310 S., € 298.–.
Nicolais Vorwort zu „Eyn feyner kleiner Almanach“
Google-Scan der Erstausgabe
Libyan poet Nassib Al-Sokouri is reported to have denied that he, accompanied by two other poets, Eisa Said and Khalifa Bugahima, and others, attacked the offices of the Information and Culture Authority on Thursday.
Refuting a statement by the head of the authority, Omar Gawairi who had said that a mob led by Sokouri had stormed the building and attacked staff, the poet – probably the best known in Cyrenaica – claimed that there had simply been a disagreement over a number of issues, in particular the need of a certain poet for treatment abroad. He was quoted by Buwabat Alwsat saying that he had no personal issues with Gawairi. / Libya Herald
Es ist eine erstaunliche Menge von Freiwilligen, die an dieser Initiative zu Ehren Dante Alighieris mit sichtlicher Begeisterung teilnehmen. Alle Altersklassen, alle Berufe – keineswegs nur die zu erwartenden Akademiker, sondern Handwerker, Angestellte und Geschäftsleute – und ein bisschen Prominenz: Neben den Amtsträgern rezitieren der Direktor des «Corriere della Sera» und ein Land-Art-Künstler. Sogar eine Gruppe von Niederländern ist dabei, die in ihrer Sprache und ganz in Weiss gekleidet einen Gesang aus dem Paradies vortragen. Auf je eigene Weise haben sie alle Feuer gefangen, nicht für den gelehrten Dante, den Poeta theologus, sondern für den Dante des Volkes, wie er in den Florentinischen Novellen vom Ende des 14. Jahrhunderts auftritt und sich zum Beispiel mit Handwerkern anlegt, wenn sie seine Verse fürchterlich verstümmelt vor sich hin sagen.
In einer Zeit wie der unsrigen, in der die Vermittlung grosser klassischer Texte immer schwieriger wird, ist eine Initiative wie «100 Canti» – so heisst sie – höchst eindrucksvoll. Ins Leben gerufen wurde sie von der Associazione culturale namens Culter – das sind im Grunde zwei engagierte, in Kulturarbeit versierte Damen und ein Regisseur, die alles auf die Beine stellen. Neben seiner Theaterarbeit widmet sich der Regisseur Franco Palmieri seit längerem der Arbeit an den 100 Gesängen Dantes mit Laien. Bis zu sechs Proben werden jeweils angesetzt. Gerne lässt er sich auch darauf ein, in den Gefängnissen mit Häftlingen den italienischen Nationalpoeten im Rahmen eines Reintegrationsprogramms zu lesen. Auch diesmal waren wieder einige Häftlinge dabei, mit dem von ihnen gewählten 17. Gesang aus dem Purgatorium, der von der Sünde des die Sinne vernebelnden Zorns berichtet. Wer sie sieht, muss gleich an jenen Gelegenheitsdieb in Pasolinis Film «Mamma Roma» denken, der beim Absitzen seiner Strafe nach und nach die Gesänge der «Göttlichen Komödie» auswendig lernt.
In den Proben doziert Palmieri nicht über die Bedeutung, den Gehalt des jeweiligen Gesangs. Er setzt auf die Magie der Worte, von denen irgendeines den Weg ins Innere eines Lesers finden wird. Jedes Wort bei Dante, sagt er, sei ein Ereignis. Es wirke wie ein Schlüssel. / Franziska Meier, NZZ
For the last nine months, I’ve been living in Rome, and the experience has helped me to appreciate another, more subversive side to Dante’s appeal. Though he may be force-fed to seventh graders, applauded in the Senate, and praised by the Holy See, Dante is, as a writer, unmistakably anti-authoritarian. He looks around and what he sees is hypocrisy, incompetence, and corruption. And so he strikes out, not just at the Popes, whom he turns upside down and stuffs in a hole, but also at Florence’s political leaders, whom he throws into a burning tomb, and his own teacher, whom he sets running naked across scorching sand.
In 2015, this sort of frustration still feels fresh. Earlier this month the latest World Expo opened in Milan, on the edifying theme of “feeding the planet.” All spring, the papers have been filled with stories of bid-rigging and extortion. Just the other day, the Expo’s procurement manager and six other officials were arrested for graft. “No one should be surprised,” Milan’s Corriere della Sera editorialized. To express their anger over the billions in public funds lavished on Expo, students went on strike and cars were burned in the streets of Milan. It’s hard to know what Dante would have made of flaming Fiats, but it seems likely that he would have sympathized with the protesters: for the abuse of public trust, he prescribed swimming in boiling pitch, and for avarice, an eternity spent rolling stones in circles. / John Kleiner, The New Yorker
Aus einem letzten Gespräch, das Theo Breuer mit Hans Bender führte (Poetenladen):
H. Bender: Ach ja, die Spatzen. Nie höre ich ein Bedauern, daß es in Köln seit einigen Jahren keine Spatzen mehr gibt. Eine Seuche hat sie ausgerottet; Pflanzengift wahrscheinlich. Ich allein scheine sie zu vermissen. Gern erinnere ich mich an sie. Sah mit Vergnügen, wie sie auf dem Neumarkt, an den Haltestellen der Straßenbahnen, den plumpen Tauben die Körner und Krümel wegschnappten. lm Sommer kamen sie angeflogen auf die Tische vor dem Café Brega. Sie schienen zu wissen, daß die Italiener zum Espresso oder Cappuccino ein kleines Gebäck servieren, das ihnen schmeckt. Ich bin sicher, Spatzen unterscheiden zwischen Menschen, die sie mögen und nicht mögen. Im Winter bleiben sie hier. Sie frieren, sie hungern und sind dennoch lebendig, vergnügt, frech. Sie singen nicht. Die Verse, die William Carlos Williams in seinem Gedicht Pastorale den Spatzen widmet, beweisen, wie gut er sie beobachtet hat. Hans Magnus Enzensberger hat es übertragen, die ersten Verse weiß ich auswendig: Die kleinen Spatzen / hüpfen ohne Hinterlist / über das Pflaster / mit spitzen Stimmen / suchen sie Streit / über dies und jenes /was sie betrifft. Williams gehört im übrigen zu den Autoren, die mir lebenslang beispielgebend gewesen sind, vor kurzem erst habe ich diesen Vierzeiler geschrieben: Noch mal William Carlos Williams // Schau genauer hin. / Erfinde. Kombiniere. / Immer noch kann er / dir Vorbild sein.
Der Dichter Herberto Helder gilt in Portugal als der größte Lyriker der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts – auf Deutsch ist aber noch kaum etwas von ihm erschienen. Die Lissabonner Buchmesse ehrt nun den Poeten, der im März verstorben ist.
(…)
„Bis zu seinem Tod galt Herberto Helder als der größte lebende Poet in Portugal, und er hat jetzt seinen festen Platz unter den herausragenden Dichtern der portugiesischen Literaturgeschichte. Zudem umgab ihn in Portugal etwas mythisches, denn er lebte fast sein ganzes Leben fern der literarischen Welt und der Öffentlichkeit. Er lehnte selbst die größten Literaturpreise ab, die ihm in Portugal verliehen wurden. Und das hat seinen Ruf sogar verstärkt, den er aufgrund der enormen Qualität seiner Lyrik eh schon inne hatte.“
Manuel Valente hat die letzten beiden Werke von Herberto Helder herausgebracht. Die Zusammenarbeit mit dem portugiesischen Dichter, der 1958 seinen ersten Lyrikband publizierte, war für seine Verleger immer eine große Herausforderung. Helder glaubte, seine Poesie sei vergänglich und veränderbar. Die Gedichtbände erschienen in einer einzigen, sehr geringen Auflage, Nachdrucke erlaubte er nicht. Und wenn sie erschien waren, korrigierte Helder seine Lyrik, um sie später in Sammelbänden in neuer, überarbeiteter Form zu präsentieren. Helder zählte zu den Mitbegründern der portugiesischen experimentellen Lyrik. Doch seine Poesie ließe sich nur schwer einer bestimmten Strömung zuordnen, sagt Manuel Valente:
„Helders Sprache ist zeitlos. Seine Lyrik ist mit den essentiellen Wurzeln des Lebens verbunden. Mit den großen Elementen: dem Feuer, dem Wasser, dem Tod. So als ob es eine Stimme sei, die aus dem Anfang der Zeit stammte. So wie die Griechen oder anderer alte Zivilisationen. Dafür hat er sich immer begeistert und er hat dies mit in seine Poesie genommen. Eine Stimme, die nicht an den Moment, an die Gegenwart gebunden ist.“
/ Tilo Wagner, DLR
Gecachete Version des zurückgezogenen TLS-Artikels
Jedenfalls gelingt es dem Buchstabenjongleur und Silbenakrobaten, des Lesers Kopf ordentlich zum Glühen zu bringen. Das ist einerseits unterhaltsam, andererseits beeindruckend. Die Tatsache, dass Titus Meyers Schaffen konsequent ausufert, kann auf so manchen Leser allerdings selbstherrlich wirken. Doch letztendlich führt er lediglich das aus, was andere Virtuosen in anderen Bereichen praktizieren. Meyer ist der Rastelli, der Paganini, der Jordan Rudess, der Yngwie Malmsteen der technisch orientierten Lyrik. Er zeigt, was er kann. Er fühlt sich wohl damit. Und letztendlich merkt man, dass seine Arbeit auch mit einer Menge Enthusiasmus und Spaß schwanger ging und sicherlich noch lange gehen wird.
“Meiner Buchstabeneuter Milchwuchtordnung” ist spezielle Literatur für Leser mit speziellem Geschmack – eine Ader für derlei schriftliche Pirouetten-Schrauben-Flic-Flac-Salti, rückwärts, vorwärts und schräg von dunkel quadratwurzelnd, muss man schlichtweg aufbringen, um mit so etwas auch Spaß haben zu können. / Chris Popp, booknerds
Titus Meyer
Meiner Buchstabeneuter Milchwuchtordnung
Verlag: Reinecke & Voß
Erschienen: 2015
Paperback
Seiten: 88
ISBN: 978-3-94290-115-4
Literaturfest Salzburg 27. bis 31. Mai
Thomas Kunst, Maja Haderlap und Wulf Kirsten bei der Lyrikmatinee – Sonntag (31. 5.) 11 Uhr Edmundsburg – www.literaturfest-salzburg.at
Hier ein Gedicht von Thomas Kunst
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