Richard Wagner 50

Richard Wagner (nicht der tote Komponist, sondern der lebende, seit gut (?) 15 Jahren in Deutschland lebende Lyriker und Erzähler aus dem Banat, wird 50. Hannes Krauss gratuliert im “ Freitag “ 15/2002. – In der „Lyrikedition 2000“ erschien vor 2 Jahren der Band „Mit Madonna in der Stadt“, aus dem dieses Gedicht stammt:

Fußgänger

Vielleicht ist es ja so,
daß ich den Boden
unter den Füßen
zu verlieren beginne.
Wessen Boden, frage ich
und gehe ungeniert
weiter durch die Luft.

José Eduardo Agualusa

Der Tagesspiegel interviewt den in Angola in einer portugiesisch-brasilianischen Ehe geborenen und heute abwechselnd in Rio de Janeiro, Lissabon und Luanda lebenden Autor José Eduardo Agualusa , der einige Monate als Stipendiat in Berlin lebte. 2 Zitate:

  • Die portugiesische Sprache ist inzwischen eine Komposition, die aus sieben Ländern in vier Kontinenten entstanden ist. Hinzu kommt, dass die Araber fünf Jahrhunderte in Portugal waren, das Portugiesische also nicht nur lateinische Wurzeln hat. Auch der Fado, die traditionelle Musik Lissabons, geht zurück auf den Gesang afrikanischer Sklaven in Brasilien im 19. Jahrhundert. Und bereits im 17. Jahrhundert kam jeder fünfte Bewohner Lissabons aus Afrika. … Im 17. und 18. Jahrhundert waren viele Lissaboner Intellektuelle afrikanischen Ursprungs.
  • Ich denke, die Deutschen sollten als Chance begreifen, dass nun auch das Türkische eine deutsche Sprache geworden ist. / Der Tagesspiegel 10.4.02

Das Glück zwischendurch

Christiane Zintzen bespricht in der NZZ vom 10.4.02:

Franz Weinzettl : Das Glück zwischendurch. Prosa und Verse. Edition Korrespondenzen, Wien 2001. 144 S., Fr. 34.30.

Huangshan

Die FAZ entdeckt (und apotheosiert) für uns den Dichter-Vorsitzenden Jiang Zemin :

Mehr Aufsehen erregten die „Beiläufigen Gedanken beim Besteigen des Huangshan“, die die Parteizeitung „Renmin Ribao“ auf ihrer Titelseite druckte. Es handelt sich um einen einfachen Vierzeiler in klassischem Chinesisch, das durch eine Übersetzung naturgemäß nur unzureichend wiedergegeben werden kann: „Gerade griff ich zu meiner Traum-Feder / Um die großartige Aussicht zu beschreiben / Da brach die Sonne durch das Wolkenmeer / Und machte es rot, zehntausend Meilen weit.“
Der Huangshan in der Provinz Anhui kann mit gutem Recht als der Lieblingsberg der chinesischen Dichter bezeichnet werden. Wer ihn gesehen hat, so hieß es schon vor tausend Jahren, braucht keinen anderen Berg mehr zu sehen. Jiangs Werk wurde sofort in ein Lesebuch für Schüler aufgenommen. Das hatte es seit Mao nicht gegeben. Doch wie anders die poetische Geste. Während Mao die traditionellen Muster zu einer Apotheose des revolutionären Willens umformte und sich damit selbst als oberster Dichter seines Volkes deutete, der auf dem ausradierten historischen Material die schönsten Schriftzeichen malt, reiht sich Jiang vorbehaltlos in den sachlichen Subjektivismus der Klassik ein. Die Landschaft wird zu einem Spiegel der Seele, deren Exaltationen wiederum keinen anderen Ausdruck finden können als in den Oberflächen der Natur. Das rote Wolkenmeer, zehntausend Meilen weit: Gerade die in ihrer Äußerlichkeit belassene, nicht weiter durchdrungene Wahrnehmung öffnet den der westlichen Ästhetik nur begrenzt zugänglichen Bedeutungshof. / Mark Siemons, FAZ 10.4.02

»Lyriksommers« auf der Landesgartenschau

Bei den Abiturienten im Villingen ist die reine Lyrik nicht gefragt, erfahren wir heute (10.4.02) im Südkurier . Anders in Ostfildern, wo die Landesgartenschau fest auf Lyrik setzt, mit Open-Air-Lyrikbibliothek, Hörgedichten etc.:

Ein Garten als öffentlicher Leseort mag nahe liegend sein. Doch warum ausgerechnet und ausschließlich Lyrik? Der Reutlinger Peter Reifsteck – für Idee und Umsetzung des »Lyriksommers« auf der Landesgartenschau zuständig – sieht mehrere Gründe: Zum einen sind Gedichte meist kurze Texte, eignen sich somit auch für Besucher, die nur wenig Zeit mitbringen. Zum anderen gilt Lyrik zwar immer noch als die »Königsgattung« der Literatur, doch steht dieser Anspruch in eklatantem Gegensatz zur ihrer ökonomischen Lage. So hat H. M. Enzensberger schon vor über zehn Jahren sarkastisch festgestellt: »Dass sie noch immer unter uns ist, grenzt an ein Wunder. (. . .) Die Poesie ist das einzige Massenmedium, bei dem die Zahl der Produzenten die der Konsumenten übertrifft. Hand in Hand mit dem Bedürfnis, Gedichte zu verfassen, geht nämlich die Abscheu davor, sie zu lesen.« Die Lyrikbibliothek auf der Landesgartenschau als ein trotziger Versuch also, das angeblich Unmögliche zu wagen: Lust auf Lyrik(lesen) zu machen. / Reutlinger General-Anzeiger 10.4.02

Die Bibliothek wird am Sonntag, 7. Juli, eröffnet, wobei Prominente von Manfred Rommel bis zur Opernsängerin Helene Schneiderman ihre Lieblingsgedichte vorstellen werden, und ist bis zum 21. September – bei trockener Witterung – täglich von 10 bis 19 Uhr zugänglich. Ausführliche Informationen zum Veranstaltungsprogramm des »Lyriksommers« sind ab Mai erhältlich bei der Landesgartenschau Ostfildern 2002, Niemöllerstraße 9, 73760 Ostfildern, Telefon 07 11/3 40 17 70, Fax 34 01 77 10, http://www.ostfildern-landesgartenschau.de .

Linientreue Lyrik

Überhaupt die Provinz. In Minden droht die Abschaffung des Stadtschreiberstipendiums. Dazu das Mindener Tageblatt vom 10.4.02 unter der Überschrift „Linientreue Lyrik“:

In einer solchen Situation kann die Beschäftigung mit einem [solch linientreuen DDR-Autor wie] Johannes Bobrowski oder eine Flucht in die Theologie keine Antwort sein.

Lerne das Unnütze

(z.B. also Lyrik), sagt auch die Dolomiten vom 10.4.02,

Denn der freie, denkende Mensch ist der mit unnützer Bildung gestärkte Mensch.

Die deutschsprachige Zeitung aus Südtirol berichtet auch von einer

Schreibwerkstatt für italienische Oberschüler. Drei Tage lang sind der Dichter Ingo Cesaro und der Musiker Bernd Schellhorn in Bozen zu Gast, um mit Schülern die Musikalität und Rhythmik dieser Gedichtform zu erarbeiten.
Ingo Cesaro hat zwar italienische Vorfahren, lebt aber wie sein Musikerkollege Schellhorn im bayrischen Kronach. Seit über dreißig Jahren befasst er sich mit Haiku, schrieb selbst unzählige solche Kurzgedichte und veranstaltet dazu europaweit unterschiedliche Arbeitseinheiten.
Das Multisprachzentrum des Amtes für Zweisprachigkeit und Fremdsprachen hat heuer für seine bereits seit Jahren bewährte Veranstaltungsreihe „Sprachwiese“ die Thematik „Rund um Musik und Deutsch“ gewählt. Und die einfachste Art, die Angst vor der Lyrik zu verlieren und selbst Gesdichte zu schreiben, bietet laut Cesaro die für alle Sprachen geeignete Versform des Haiku.

Nationalphilologien

In der FR setzt Klaus Garber die Debatte um Nationalphilologien fort:

Gäbe es eine Kultur des Erinnerns in Deutschland, müsste auch dieser literarische Aufbruch inbegriffen sein. Wir scheuen uns nicht, Opitzens Trostgedichte in Widerwertigkeit des Krieges der Jahre 1619/20 – ein Werk, das der geschilderten Situation entsprang und sie in Bildern von packender Gewalt festhielt – als eines der großen Zeugnisse des verspäteten literarischen Humanismus auf deutschem Boden zu apostrophieren. Wer aber kennt es noch? In die Reclam-Ausgabe seiner Gedichte ist es verstümmelt eingegangen und ansonsten leicht greifbar nicht verfügbar. Und sieht es anders aus mit der großen politischen Lyrik aus der Zeit des Dreißigjährigen Krieges, in der sich der Schauder vor den Gräueln auf ergreifende Weise mit der Sehnsucht nach Frieden und der verzweifelten Ausschau nach Sinn und Deutung des Unfassbaren verbindet? Paul Fleming, Simon Dach, Johann Rist, Andreas Gryphius und wie sie sonst heißen, haben ihr ihre Stimme geliehen. Später zum Friedensschluss werden es die Nürnberger Harsdörffer und Klaj, Helwig und Birken sein, die in teilweise atemberaubend gewagten Versen den Frieden begrüßen, in denen die deutsche Sprache eine artistische Geschmeidigkeit und eine Formvollendung erlangt hat, die den späteren virtuosen Schöpfungen eines Eichendorff und Brentano gewiss nicht nachstehen

/ FR 9.4.02

Der kalifornische Buddha:

John Thomas schrieb Gedichte und hütete einen Schatz – in den 60ern nahm er jedes Gespräch auf Tonband auf. Nun ist Charles Bukowskis Mentor 71-jährig gestorben. / Nachruf von FALKO HENNIG, taz 9.4.02 – 2 Auszüge:

„John nahm alles auf, wir hörten es uns am nächsten Tag an, und das war für mich eine nützliche Angelegenheit. Mir wurde klar, wie dumm und übertrieben und daneben ich oft war, jedenfalls angetütert. Und manchmal auch nüchtern.“

Charles Bukowski, „Burning in Water, Drowning in Flame“

… Solche Nachrichten kommen inzwischen ja per E-Mail. Philomene Long , die Dichterin und Königin der Boheme von Venice, Kalifornien, schreibt:

„Letzte Woche erzählte mir mein Mann John, dass es einen Himmel gibt, der neben uns existiert und in Wechselwirkung steht, dass wir auf viele merkwürdige Arten in ihn hineintreten können: durch Tauben, Samen, das endgültige Händeklatschen, durch zurückgelassenen Müll, durch ein verlassenes Café im Tal des Todes. Zu unserem Jahrestag wollte er ein Gedicht daraus machen, stattdessen trat er hinein am Karfreitag, als er an einem Herzinfarkt starb.“

Pulitzer-Preise verliehen

Der Poesie-Preis 2002 ging an Carl Dennis für seinen Gedichtband «Practical Gods». (L&P bleibt dran).
Bericht der Washington Post , 9.4.02 – Gedichte des Preisträgers bei Poetry Daily .
Die New York Times berichtet am 9.4.02:

The poetry winner was Carl Dennis for „Practical Gods,“ which uses a conversational tone to explore religion from various perspectives.
His reaction to Monday’s good news was more perplexed than conservational.
„Is this a joke?“ the 62-year-old Dennis asked during a phone interview with The Associated Press from his Buffalo home.
„I’ll have to do a reality check,“ he said upon learning it was not.

(Ansonsten war Dennis der einzige Pulitzerpreisträger, für den die NYT keine Besprechungen oder Hintergrundberichte vorweisen konnte. Der Pulitzerpreis (dotiert mit 7.500 Dollar) wird auf künstlerischem Gebiet in den Sparten Fiction, Nonfiction, Geschichte, Biographie, Poesie, Drama und Musik vergeben.)

Elegy

An elegy on the death of HM Queen Elizabeth the Queen Mother, by Andrew Motion , the poet laureate / Tuesday April 9, 2002
The Guardian

Und noch eine Elegie aus Großbritannien im Guardian:
Elegy for Margaret by Stephen Spender
Poor girl, inhabitant of a strange land
Where death stares through your gaze…

Deutsche Gedichte von Slowenen, etc.

Der Salzburger Slawist Otto Kronsteiner über die alte Literatursprache Slowenisch, ein neues Standardwerk und den Traum vom Nobelpreis :

Es ist bekannt, dass viele slowenischen Dichter zweisprachig gedichtet haben. Schon bei Preseren haben wir eine Reihe von schönen deutschen Gedichten, er kommt allerdings nur in der slowenischen Literaturgeschichte vor und sonst in keiner. Ich habe schon öfter vorgeschlagen, man müsste eine österreichische Literaturgeschichte schreiben, die auch die vielen zweisprachigen Dichter im alten österreichischen Kulturraum erfasst. Es hat nicht nur die slowenisch-deutsche Zweisprachigkeit gegeben. Die Polen, die Tschechen, die Ungarn – alle haben sie auch Deutsch gedichtet. Also müsste man eine österreichische Literaturgeschichte schreiben, in der auch Preseren und die anderen vorkommen, die in zwei Sprachen gedichtet haben. Das wäre für die Zukunft wichtig. …
Welche Chance haben eigentlich Sprachen wie das Slowenische? Es ist ja schwierig in dem großen Europa, sich mit einer Sprache, die von zwei Millionen Menschen gesprochen wird, durchzusetzen. … Eine Gefahr liegt darin, dass es in solchen Literaturen wie den slowenischen sehr viel Lyrik gibt . Lyrik ist sehr schwer zu übersetzen und bleibt daher relativ unbekannt. Die Sprachen und Literaturen, die viele Dramen und Romane haben, haben die besseren Chancen. Daher würde ich mir wünschen, dass sobald wie möglich ein Slowene einen schönen großen Roman schreibt und den Nobelpreis dafür bekommt. Dann würde die slowenische Literatur mit einem Schlag in der ganzen Welt berühmt. / Kleine Zeitung 9.4.02

„Geschichte der slowenischen Literatur“ von Marija Mitrovic. Übersetzung/Bearbeitung: Katja Sturm-Schnabl. Hermagoras/Mohorjeva, Preis: 36 Euro.-

Auf dieser Homepage aus Alaska findet sich ein Gedicht von France Preseren (1800-1849) slowenisch und englisch. Dieses Gedicht ist seit 1987 die slowenische Nationalhymne. Es handelt – außer von Slowenien – vom Wein; hier die erste Strophe englisch:

The vintage, friends, is over,
And here sweet wine makes, once again,
Sad eyes and hearts recover,
Puts fire in every vein,
Drowns dull date
Everywhere
And summons hope out of despair.

– (Übrigens steht vor mit auf meinem Schreibtisch, neben dem Computer, eine leere Weinflasche aus Slowenien, mit einem von Barbara Gauger gestalteten Etikett: Ulla Winblad grüßt France Preseren . Poeten & Poesiefreunde aller Länder…)

Kein Gewinn für den menschlichen Geist

Über die Veröffentlichung der Akten des Nobelpreiskomitees bis 1950 berichtet die NZZ:

Paul Valéry wurde ab 1930 fast jährlich lanciert, ehe er 1945 zu genau jenem Zeitpunkt starb, als das Komitee Bedenken wegen Valérys Exklusivität überwand. 1930 wird Valéry als «schwer zugänglich» beurteilt, man fürchtet, er würde das breite Publikum verwirren. Sein Werk sei kein Gewinn für den «menschlichen Geist». Auch danach wird er als dunkel und pessimistisch abgelehnt. Der Nobelpreis sei für ein «breiteres menschliches Interesse» reserviert, heisst es etwa. 1939 wird dem Kandidaten verhaltener Respekt gezollt. Man spricht jetzt von «erlesenen und graziösen egozentrischen Gedankenspielen, ohne eigentlichen Bezug zum Leben und zur Welt». 1943 rühmt dann der Experte für französische Literatur Valérys «ehrliche Wahrheitssuche». Der Schriftsteller Per Hallström als Vorsitzender bekennt aber, dass er in diese «esoterische» Lyrik nicht einzudringen vermöge. Der Scharfsinn der Aphorismen vernichte den seelischen Stoff, den Valéry bearbeite. Der Leser sei nach der Lektüre nicht klüger als zuvor. Erstmals regt sich mit Fredrik Böök, Schwedens einflussreichstem Kritiker, eine Stimme, die für Valéry plädiert. 1945 stirbt Valéry. Hallström lobt jetzt dessen unvergleichliche «geistige Erhebung und Selbständigkeit». Der Vorschlag, ihn postum auszuzeichnen, fällt aber durch. T. S. Eliot indessen wird im selben Jahr als zu exklusiv eingestuft . NZZ 8.4.02

Nobelpreisverdacht

Er wird vielleicht einmal als der einflussreichste nordamerikanische Lyriker des 20. Jahrhunderts in den Literatur-Geschichten stehen; seine Vorbilder Pete Seeger und Woodie Guthrie hat er an Qualität, Quantität und Ruhm längst überholt; seine Lieder wie Blowin‘ in the Wind oder The Times, They Are A-Changing gelten als Kulturgüter, und inzwischen zählt er auch schon 60 Lenze: Folksänger Robert Zimmermann, besser bekannt als Bob Dylan , der sich seinen Künstlernamen nach dem großen walisischen Dichter Dylan Thomas gab. / FR 8.4.02

Mehrfachübersetzung als Strategie der Machbarkeit

Über András Ferenc Kovács , einen ungarischen Lyriker aus Siebenbürgen, schreibt die FAZ:

In Ungarn berühmt und beliebt, ist er in Deutschland fast unbekannt. Das ist kein Zufall, denn mit den schillernden Tricks eines anspielungsreichen Maskenkünstlers und gewitzten Wortschaustellers stellt er seine Übersetzer vor eine schier unlösbare Aufgabe. Sein viersprachiger Band „Fragmente“ präsentiert einige Gedichte auch in deutscher, englischer und französischer Übersetzung – und zeigt dabei vor allem eines: Die Annäherung an das ungarische Original ist nur über eine mehrsprachige Brechung zu erreichen, die vor dem geduldigen und polyglotten Leser die Vielfalt des Bedeutungsangebots auszubreiten vermag. Mehrfachübersetzung als Gebot der Wirtschaftlichkeit, aber auch als Übersetzungsstrategie der Machbarkeit. / FAZ 8.4.02