Erster St. Wendeler Lyrikpreis ausgeschrieben

Kreis St. Wendel (red). Anlässlich der ersten St. Wendeler Lyriktage 2003 wird ein Lyrikpreis vergeben, für den sich bis zum 15. Januar im Saarland geborene, lebende oder arbeitende Lyriker bewerben können. Getreu dem Motto „Unter meiner Haut“ müssen sich die Texte mit inneren Befindlichkeiten befassen.

Bewerbungen mit Altersangabe an: Lyrikpreis St. Wendel, St. Wendeler Kulturamt, Schlossstraße, 66606 St. Wendel. / Saarbrücker Zeitung 5.12.02

Bethges orientalische Lyriker

„Im August 1977 entdeckte ich im Wühltisch eines Frankfurter Buchantiquariats ein kleines Bändchen, gebundenen in verschlissener roter Seide. (…) Ein Inselband in Doppelblockbindung aus den zwanziger Jahren zum Preis von zehn Mark. Es war Hans Bethges: „Hafis. Die Lieder und Gesänge des Hafis“, Nachdichtungen persischer Lyrik. (…) Ich erstand das Bändchen und trug es wie einen Schatz glücklich nach Hause. In den späteren Jahren stöberte ich weitere drei Exemplare der schönen alten Inselbändchen mit Hans Bethges Nachdichtungen orientalischer Lyrik auf. (…) Immer wieder überraschte mich in den alten Bänden die taufrische Sprache, die Lebendigkeit des Gefühls und die Offenheit und Weite des Denkens der ausgewählten Dichter“. So beschreibt die Herausgerberin Regina Berlinghof ihre Begegnung mit Bethges Nachdichtungen orientalischer Lyrik, deren insgesamt 12 Bände sie jetzt neu herausgibt.
Hier eine Rezension von Max Lorenzen in: Marburger Forum. Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart Jg. 3 (2002), Heft 5
Hier der Yinyang Media Verlag ( sehr materialreiche Seiten) http://www.yinyang-verlag.de/

Hans Bethge: Nachdichtungen orientalischer Lyrik Band I. Die chinesische Flöte. 20. Auflage der zuerst 1907 im Insel Verlag Leipzig, erschienenen Ausgabe, neu herausgegeben und mit einem Nachwort versehen von Regina Berlinghof, YinYang Media Verlag, Kelkheim 2001, ISBN 3-9806799-5-0, 119 + XI Seiten, 12,50 €

Hans Bethge: Nachdichtungen orientalischer Lyrik Band V. Das türkische Liederbuch. 3. Auflage der zuerst 1913 im Verlag Morawe & Scheffelt, Berlin, erschienenen Ausgabe, neu herausgegeben und mit einem Nachwort versehen von Regina Berlinghof, YinYang Media Verlag, Kelkheim 2002, ISBN 3-9806799-7-7, 122 + IX Seiten, 12,50 €

Hans Bethge: Nachdichtungen orientalischer Lyrik Band XII. Sa’di der Weise (Die Lieder und Sprüche des Sa’di). Erstausgabe aus dem Nachlass Hans Bethges, herausgegeben und mit einem Nachwort versehen von Regina Berlinghof, YinYang Media Verlag, Kelkheim 2001, ISDN 3-9806799-6-9, 103 + IX Seiten, 12,50 €

/ 4.12.2002

Schindel-Lesung

Und Schindel machte noch schneller klar, dass die Bildfülle seiner Lyrik zur Bildüberfülle zu werden droht: Aus seiner neusten, noch nicht veröffentlichen Gedichtsammlung artikulierte Schindel einen Vers nach dem anderen derart nonchalant-rasant in die Köpfe der Zuhörerschaft hinein, dass diese wie gelähmt war. Gelähmt vor Faszination, denn der Wiener Lyriker gehört zu den wenigen, die ihr Selbstgeschriebenes einigermassen spannend vortragen können. So arbeitet Schindel gerne mit der Hand: Geschwind erhebt sie sich, wo der Schalk die Verse beherrscht, bedeutungsschwer sinkt sie nieder, wo des Lyrikers lebhafte, manchmal etwas gar nuschelnde Stimme in verschachtelten Bildern Seinsabgründe beschwört. / Landbote Winterthur 4.12.02

Conspiracy theorist…

and occasionally sublime poet Amiri Baraka**), schreibt die Londoner Times (3.12.02) und zitiert aus dem berüchtigten Gedicht Somebody Blew Up America:

It is true, as Baraka pointed out, that Somebody Blew Up America contains passages that appear to defend Jews. One section (misspelling Luxemburg and Liebknecht) reads, for instance:

Who put the Jews in ovens,
and who helped them do it
Who said “America First”
and ok’d the yellow stars
Who killed Rosa Luxembourg, Liebneckt
Who murdered the Rosenbergs

But when Baraka tried to defend the passage about the 4,000 Israeli workers who were told to “stay home”, his reasoning became decidely bizarre…

**) vgl. Lyrikzeitung Oktober 2002.

Höchstes Lob

Eines scheint festzustehen: Kaddish ist eine Veröffentlichung, die im Spektrum der deutschen Gegenwartspoesie nicht mehr übersehen werden kann. Innerhalb der Lyrik-Neuerscheinungen dieses Jahres eine Spitzenstellung einnehmend, ist seine kommende Bedeutung noch nicht absehbar. / 3.12.02 Jan Röhnert, Titel -Magazin Nr. 49 über

Paulus Böhmer: Kaddish I – X. Schöffling, 348 S. 25 €.

Samuel Taylor Coleridge

Hinweis auf eine Gedicht-des-Tages-Liste: DayTips.Com Daily Lists – Poem-a-Day ( http://www.daytips.com) stellte am 2.12.02 – wie immer mit Kommentar – in einer kostenlosen eMail für Abonnenten vor:

Samuel Taylor Coleridge:

Epigram

Sir, I admit your general rule,
That every poet is a fool,
But you yourself may serve to show it,
That every fool is not a poet.

Harte Gedichte

bespricht ANDREAS PUFF-TROJAN in der SZ (2.12.02)

TED HUGHES: Etwas muß bleiben. Gedichte. Englisch und deutsch. Mit einer Gedenkrede von Seamus Heaney. Aus dem Englischen von Jutta und Wolfgang Kaußen. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2002. 200 Seiten. 14,80 Euro.

TED HUGHES: Prometheus auf seinem Felsen. Gedichte. Englisch und deutsch. Aus dem Englischen von Jutta Kaußen. Mit einem Bilderzyklus von Eva Clemens. Insel Verlag, Frankfurt am Main und Leipzig 2002. 96 Seiten. 13,80 Euro.

Einen Tag zuvor entdeckte die NYT *) eine neue Seite an Ted Hughes. In dieser Ausgabe:

SELECTED POEMS, 1957-1994
By Ted Hughes.
333 pp. New York: Farrar, Straus & Giroux. Cloth, $35. Paper, $15
Empfehlenswert auch die Featured Author -Seite der NYT.

Poets reading

„Poetry readings“ boomen in den Staaten, und das droht noch zuzunehmen nach der Millionenspende für das Poetry magazine. Aber ist das wünschenswert?

But anyone who has sat through the typical poetry reading — the recitation of difficult verse in a strange, singsongy voice; the rambling preamble about the experience that led to the epiphany that led to the idea that led to the poem; the knowing murmurs that accompany the hint of a joke, whatever the punch line — understands why George Orwell, in his essay “Poetry and the Microphone,“ called the live reading a “grisly thing.“ …
Poetry readings don’t have to be grisly. A skillful reader plus a knowledgeable listener can add up to an instructive encounter. The critic Helen Vendler says that when good poets read, “what is transmitted is not only an individual style of thought but an individual intonational style“ that sharpens her sense of how a poet relates to his own work and makes her aware of new inflections. But few of us have read as much poetry as Vendler, and relatively few American poets know how to avoid the pitfalls of reading aloud (British poets tend to be more adept at public presentation). The most common of these is the tendency to lapse into a sort of quivering, nasal incantation, in which the voice trails upward, uncertainly, at the end of a line. This mannerism lends an oracular cast to much modern poetry, as if the poets were delivering dire prognostications or trying to awaken in the masses some sense of religious awe. But this “poetry voice,“ as one poet I know calls it, is actually the result of a technical error. It came into the world with the kind of free verse William Carlos Williams made popular, which, since it features lines broken in unexpected places, leaves the reader unsure where to pause. (Williams himself didn’t read that way until after he’d had a stroke.)

/ Judith Shulevitz, NYT *) 1.12.02

Poetry magazine

Die NYT *) (1.12.02) bespricht die Geschichte des durch Geldsegen in die Schlagzeilen geratenen Poetry magazine (vgl. Lyrikzeitung 11/2002). Eine Zeitschrift, die noch in ihren Absagen Erfolg hat – hat sie doch nicht nur die jetzige Großspenderin abgelehnt, sondern auch die ersten Einsendungen von William Carlos Williams, John Ashbery oder Elizabeth Bishop. Die Gründerin Harriet Monroe an Ezra Pound:

“It is true that a lot of our versifiers think they must talk in Tennysonian or Elizabethan, but if you could see the letters we write them you will realize that we are trying to train them out of that.“

Vokalfarben

Vokale mit Farben zu verbinden, war, wie John Gage gezeigt hat, seit dem zweiten Drittel des 19. Jahrhunderts im Kontext der «audition colorée» beziehungsweise des «Farbenhörens» ein Phänomen, das zunächst Psychologen und dann auch bildende Künstler nachhaltig interessierte; für die Letzteren ging ein wesentlicher Stimulus seit den siebziger Jahren des 19. Jahrhunderts von Arthur Rimbauds Gedicht «Voyelles» aus. Klee kannte das Werk des französischen Dichters. Zu Weihnachten 1913 hatte er eine deutsche Ausgabe der Dichtungen von Rimbaud seiner Frau persönlich gewidmet. Im ersten Vers des Gedichtes «Vokale» schreibt Rimbaud den fünf Vokalen folgende Farben zu: «A schwarz, E weiss, I rot, U grün, O blau». Klees Auflistung im «Skizzenbuch Bürgi» liest sich wie eine kritische Adaption von Rimbauds Erfindung. Klee ging von den gleichen Farben wie der Dichter aus, ergänzte allein den Farbton «lichter Ocker», ordnete diesen dem Vokal a zu, und in der Folge übertrug er die von Rimbaud gewählten Farben in der gleichen Reihenfolge auf die folgenden vier Vokale, vertauschte dabei allerdings o mit u. In zwei Fällen verkehrte er durch seine Verschiebung die Zuordnung von Rimbaud direkt ins Gegenteil: Er assoziierte e mit Schwarz statt Weiss und o mit Rot statt dem komplementären Farbton Grün. / NZZ 30.11.02

Poetry and money (cont.)

  • Meghan O’Rourke says Ruth Lilly’s gift to Poetry, „though well-intentioned, is foolish.“ (From Slate.)
  • Eric Gibson asks how $100 million can help make poetry matter (From OpinionJournal.)
  • Jay Tolson says Ruth Lilly’s bequest to Poetry is „a serendipitous sign of a larger poetic revival.“ (From U.S. News & World Report.)

/ 30.11.02

Gedichte zum Samstag

Anna de Noailles (1876-1933) Der Frieden (NZZ 30.11.02) – – – Anna Achmatowa: Letzter Tag in Rom. (ebd.) – – – Vittorio Sereni: Anni Dopo (ebd.)

Lyriker Nabokov

Als Lyriker ist Nabokov bisher kaum wahrgenommen worden, vielleicht deshalb, weil er sich der Moderne konsequent verweigert und eher bei klassischen Vorbildern angeknüpft hat, die er mit bisweilen pedantisch wirkendem Eifer, wenn auch mit höchstem Kunstverstand nachahmte.

/ Felix Philipp Ingold über den Band «Stichotvorenija», Sankt Petersburg 2002, der nebst exakt 597 Gedichten rund 100 Seiten Kommentar sowie, als eigenständigen Forschungsbeitrag, ein umfangreiches Vorwort enthält. NZZ 30.11.02

Schattenhangschreiten

Der da spricht, ist ein Querstromschwimmer:

Gewagt das Überqueren gewagt meine Stimme der breite Strom

Der sensible Beobachter geht ein in die Flusslandschaft:

Da ein Ufer dort ein anderes auch nicht meines mit weicher Kreide gezeichnet Lastkähne Rebzeilen badisches Land Herbstgerüche wagen sich über Grenze und Wasser und setzen sich zu mir nah zu mir als seien wir seit langem befreundet

/ Irène Bourquin, Landbote 30.11.02 über den Maler und Lyriker Werner Lutz (Basel).

Werner Lutz: «Schattenhangschreiten», Gedichte, Verlag Im Waldgut, Frauenfeld 2002, 87 Seiten

Kranke Hirne

Die Berliner Zeitung (29.11.02) druckt einen bösen Kommentar des nigerianischen Schriftstellers Wole Soyinka zur Lage in seinem Land nach den jüngsten blutigen Unruhen:

Ja, der Schönheitswettbewerb ist ein triviales Vergnügen, und manche mögen argumentieren, dass er sogar den Status der Frau herabsetzt. Aber wenn ich die Wahl habe zwischen dem bärtigen Möchtegerntaliban-Gesicht eines Schariaherrschers, der die Miss-Wahlen im Fernsehen verwünscht, und dem Anblick elfenhafter Weiblichkeit auf dem Laufsteg, dann ziehe ich Letzteres ohne Zögern vor. Unglücklicherweise ist unsere Welt befallen von kranken Hirnen, in denen geschmeidige Glieder nur den Gedanken an Amputation erwecken. Ein hübsches Gesicht lässt sie nur geifernd fantasieren, was für ein schmutziger Brei davon übrig bleibt nach einem steinzeitlichen Steinigungsritual.