Ratschläge für irakische Frauen

Die SZ vom 12.4.03 druckt die bissigen „Ratschläge für irakische Frauen“, ein polemisches Gedicht des Londoner Dramatikers Martin Crimp.

Babur, Herrscher und Dichter

Wolfgang Friedrich Stammler, NZZ 12.4.03 über Zahiruddin Muhammad, auch Babur der Tiger genannt, Ur-Ur-Urenkel von Tamerlan, Begründer der Moguldynastie und erster Grossmogul von Indien, der auch ein bedeutender Dichter war (wenn auch hierzulande kaum bekannt) :

In diesen Versen kündigt sich an, welches die Motive seines Schreibens sein werden: seine Gefühle, Bedrängnisse, Leidenschaften. Zwei Jahre später, 1502, während einsamer und demütigender Tage bei seinem Onkel in Taschkent, fasst er seinen Zustand in die Verse: Kein treuern Freund als meine Seele hab ich je gefunden / Keinem verschwiegneren als meinem Herz mich je verbunden, und schreibt: «Diese kleine Ode umfasste sechs Reimpaare. Später schrieb ich alle meine kleinen Oden, die ich verfasste, in dieser Anordnung.»

Viele weitere sollten noch folgen. Die meisten während der 22 Jahre, die er in Afghanistan verbringt. Am Ende werden es über 400 Gedichte, die er zu einem zu seiner Zeit viel beachteten Diwan zusammenfasst. Eines seiner schönsten Gedichte notiert er einmal während eines Ausflugs in das Hochland von Gül-i-Bahar (Blüte des Frühlings): Mein Herz, ach es gleicht einer Knospe der Rose, der roten, / Verschlossen ruht seine Flamme wie in der Knospe die Blüte. / Wäre auch tausendmal Frühling und hauchte es an, / Wie sollte je mein Herz zur Rose erblühn?

Hier auf Englisch Auszüge aus seinen Erinnerungen.

„Auch ich habe meine Achillesverse“ (Brecht). Babur auch, wie eine Website namens „Hall of shame“ zeigt:

Babur’s Own Words on Killing Hindus:
For the sake of Islam I became a wanderer,
I battled infidels and Hindus,
I determined to become a martyr
Thank God I became a Killer of Non-Muslims!

Sanfter Spürhund

Die schneidende Stimme des Kritikers von einst klingt plötzlich erstaunlich sanft und mild. Sein Sarkasmus, der zuweilen schon zynisch klang, hört sich hier eher melancholisch an. Die Ironie scheint noch spielerischer. Nichts ist ernst gemeint, aber alles wird ernst genommen. Wieder einmal: ein Zeichen der Zeit. Enzensberger wusste eben immer schon, wo es lang geht*). Und er weiß es immer noch. Seine Gedichte haben ihren diagnostischen Charakter behalten. Ihnen ist die deutsche Geschichte nach dem Zweiten Weltkrieg – als Erfahrung – eingeschrieben. Wie ein Spürhund nahm der Dichter die Witterung auf, stets die Nase im Wind, manchmal, schien es, auch sein Fähnlein. Doch Enzensberger wäre nicht Enzensberger, hätte er nicht immer genauestens kalkuliert. Er vertraute zwar oft seiner Intuition, doch er verließ sich nie auf sie. Mit analytischem Verstand, mit logischer Stringenz und seinem seismographischen Gespür für sich andeutende Entwicklungen las er an den sinnlichen Erscheinungen die soziale Bedeutung ab. / Martin Lüdke, FR 12.4.03

Hans Magnus Enzensberger: Die Geschichte der Wolken. 99 Meditationen. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main, 2003, 146 Seiten, 19,90 €.

*)Bei seiner jüngsten Attacke gegen die Kriegsgegner weiß er dann genau, wo´s lang gegangen ist. Kein Thema hier!

Sprechsonate

Wie vielleicht kein anderer Schriftsteller der Gegenwart spürt der in Wien lebende Gert Jonke den Grenzen nach, an denen sich die Wortsprache mit Musik berührt. Er folgt dabei keinem Schema; jedes Buch, in dem der ebenso wortmächtige wie musikalische Autor seine Forschungen weitertreibt, gerät unverwechselbar. So auch sein neuestes, „Redner rund um die Uhr“, dessen musikalischen Charakter der Untertitel benennt: „Eine Sprechsonate“. / SZ 11.4.03

GERT JONKE: Redner rund um die Uhr. Eine Sprechsonate. Verlag Jung und Jung, Salzburg 2003. 63 Seiten, 16 Euro

(Ernst Jandl gewidmet)

S.a.: NZZ 17.4.03

Endlich erlöst

Mir ist, als wachte ich vom Tod auf oder jedenfalls von einer langen Zeit der Bewußtlosigkeit. Ich weiß nicht, wie oft heute das Telefon geklingelt hat. Wie oft ich freudig mit Irakern und Irakerinnen, die ich gar nicht kenne, halluziniert habe. Jeder will an diesem Tag seine Freude ausdrücken.“ / Khalid al-Maaly: Endlich erlöst. Wie ich den Fall Bagdads erlebte. FAZ 11.4.03

Ror Wolf

Der Autor Ror Wolf erhält in diesem Jahr den mit 15 000 Euro dotierten Großen Literaturpreis der Bayerischen Akademie der Schönen Künste. Gewürdigt werde damit das Gesamtwerk des in Mainz lebenden Schriftstellers, teilte die Akademie am 10.4.03 mit. (dpa)

Beydoun & Kleeberg

Das – dem Dialog mit der islamischen Welt gewidmete – Webportal qantara.de bringt in Fortsetzungen einen Briefwechsel zwischen dem libanesischen Dichter Abbas Beydoun und dem deutschen Autor Michael Kleeberg über den Irakkrieg.

Vgl. auch SZ 10.4.03

„Te brader, non“

Die Versteigerung der Millionen-Schätze des französischen Schriftstellers und Surrealisten André Breton hat gestern in Paris turbulent begonnen. Demonstranten verteilten vor dem Pariser Auktionshaus Drouot-Richelieu falsche 10-Euro-Scheine mit dem Porträt Bretons und folgender Aufschrift: „Euer Geld stinkt nach dem Kadaver des Poeten“. Die Demonstranten wurden von Sicherheitskräften auseinandergetrieben. Mit dieser Aktion wollten sie gegen die „Zerstörung französischen Kulturerbes“ demonstrieren.
dpa 8.4.03 – Für die SZ berichtet Gerd Kröncke am 9.4.03:

Der Romancier Didier Daeninckx hatte ein Anagramm verfasst, das vor der Auktion auf Flugblättern in die Menge geworfen worden war: „André Breton, te brader, non.“ Aber verramscht worden ist er nun wirklich nicht, und am Ende der Auktion dürfte sich die Schätzung von dreißig Millionen noch als zu vorsichtig erweisen. Bretons Tochter hatte sich zur Versteigerung erst entschlossen, weil sich keine staatliche oder private Institution fand, die Sammlung geschlossen zu erhalten. Zur Auktion zu kommen, das hat sie sich erspart.

Rauriser Literaturtage

Alfred Kolleritsch, der Philosoph unter den Dichtern, leuchtet auf der Heimalm aufs «hohe Gestell der Dauer». Der Rhythmus seiner Gedichte und ihre Rede von allem, was «blutstürzlerisch schnell / auf der Schwelle verschwunden» ist, können sich in der Skihütten- Ambiance kaum Gehör verschaffen. / Paul Jandl, NZZ 7.4.03

Meine Tippe überfüllt die Lyrik

schreibt Kurt Schwitters. Nachzulesen in der SZ-Reihe Briefe aus dem 20. Jahrhundert XIV am 5.4.03:

Kurt Schwitters an Carola und Sigfried Giedion (1929) – Carola Giedion(-Welcker) gab 1946 – Schwitters lebte noch und war ein toter Hund im englischen Exil – in der Schweiz die Anthologie der Abseitigen heraus, die den deutsch oder französisch Lesenden solche Abseitige präsentierte wie: Henri Rousseau, Wassily Kandinsky, August Stramm, Paul Klee, Pablo Picasso, Kurt Schwitters (and so on!).

Liebe Giedionsens!

Auf der Landstrasse am 5.11.29

Nach einer uffregenden Seereise über den abgrundtiefen Bodensee sitze ich im überheizten D-Zug-Abteil und tippe an Sie.

Meine Tippe überfüllt die Lyrik, wenn sie an Zuerich denkt, es war fabelhaft bei Ihnen, CW, Giedion, Guerilla, der Kürbiss. Das Auto, Elsa, Marion, und was es alles an Attractionen und Attractiönchen gab.

Lever du Poète

Denn Chessex wechselt im Lauf des Tages seine Arbeitstische, indem er dem Lauf der Sonne folgt. Als Frühaufsteher begrüsst er den Tag mit einem lyrischen Morgengesang, es ist der Moment vor dem alltäglichen Sündenfall – le lever du poète, und die Teufelchen, noch matinal befangen, wissen nicht, sollen sie dazu Couperin spielen, «Le Lever du Roi», oder sich die Ohren zuhalten wegen eines klösterlichen Chorals, der zum Lobgesang des jungen Tages angestimmt wird.

Morgen für Morgen wachsen die Stapel von Manuskriptblättern, ohne Elaborieren und weiteres Feilen, spontan das Niederschreiben, dem momentanen Einfall anheim gegeben. Datum und Uhrzeit festgehalten: 4 avril 7 h 45 und 7 h 47. Keine Retuschen. Versnotizen. Chessex, der mit Lyrik angefangen hat, ist ihr treu geblieben. Aber er würde ja auch nie ohne Notizblock ausgehen. Jeden Augenblick bereit, festzuhalten, was seine Wahrheit komplettieren könnte, die er nie als endgültig betrachtet. / Hugo Loetscher über den Schweizer Autor und Maler Jacques Chessex, NZZ 5.4.03

Außerdem heute: Chessex im Schweizerischen Literaturarchiv.

Adolf Wölfli in New York

Es sieht so aus, als hätten die ihn bedrängenden Stimmen ihm seinen Lebenslauf mehr und mehr in monströsen Zahlengebäuden diktiert, oder – wie in dem «Album mit Tänzen und Märschen» – in phonetische Klangmuster übersetzt. Allemal aber folgt die Algebra seiner Visionen einer eigensinnigen Logik, die nur begrenzt in Sprache zu übertragen ist. Wölflis Riesenschöpfungen sind autonome Gebilde, nicht lesbar auf eine Intention oder Aussage hin, nach den Rhythmen einer unerhörten Sphärenmusik skandiert. In den letzten zwei Jahren seines Lebens komponierte «Seine Sterbende Exzellenz», wie sich Wölfli, von Todessehnsucht getrieben, gern nannte, einen 8300 Seiten umfassenden «Trauer- Marsch». / NZZ 5.4.03

Bericht der New York Times siehe L&P [03/2003]

Most people will

tell you that there’s no single, unifying “style“ in contemporary American poetry; instead, conventional wisdom has it that our verse exists in a variety of forms and voices as dazzlingly individual as snowflakes or Baptist churches. Whether this is actually the case — whether, 200 years from now, our descendants will leaf through dusty poetry anthologies and say, “My, how different they all sound!“ — is debatable; what is not so debatable is that very, very few American poets sound anything like Charles Simic. …
Simic is often described as a surrealist, and to the extent surrealism depends on phantasmagoria, the shoe may fit. But if so, he’s a surrealist with a purpose: the disconcerting shifts and sinister imagery that characterize his work are always intended to suggest — however obliquely — the existential questions that trouble our day-to-day lives. / David Orr, NYT *) 5.4.03

Gedichte zum Wochenende

Ein Sonett von José Antonio Muñoz Rojas in der NZZ vom 5.4.03 – – – In Rolf Schneiders Berliner Anthologie, Berliner Morgenpost vom 6.4.03: Peter Huchel, Havelnacht.

439x Bukowski

Albert Ostermaier bespricht in der FAZ vom 5.4.03 die Bukowski-Klassiker-Ausgabe bei Zweitausendeins

Charles Bukowski
„439 Gedichte“

Zweitausendundeins Verlag, Frankfurt am Main 2002, ISBN 386150457X
Gebunden, 500 Seiten, 25,00 EUR