Kategorie: Europa

Litanei zur Hl. Nicotiana

Du liebe Trösterin
Du Sitz der Wonne
Du wohlverpackte Freude Du gläubige Begleiterin
Du wunderbares Röhrchen
Du mächtiges Röhrchen
Du Königin der Wonnen
oh bitte koimm zu mir

Perlen

Die Säue grunzten dumpf und schwer:
Wir wollen keine Perlen mehr,
Seit man uns vorzuwerfen beginnt,
Perlen, die keine Perlen sind.

Rette sich wer kann und noch zu retten ist

Ein Schauer aus zerbrochnen Krähen
ergoss sich über Klein-Irene.
Stets sollte man eine Fontäne
da bauen, wo wir sie auch sehen!

obwohl du ein Mädchen bist

obwohl du ein Mädchen bist, lenkst
du eine Expedition über den Äquator

Ein Traum

Und mein Traum wies
im Osten ein Feld: Republik
der Gelehrten. Dort, Diotima,
laß uns sein. Sinclair, mein
Präsident!

Michelangelo 550

Noch süßer ist Dein Angesicht als Wein,
So blank, als kroch die Schnecke drüberhin,
Und zierlicher kann keine Rübe sein,
Und Zähne weiß, wie Pastinaken, drin!
Du nähmst sogar den Papst so für dich ein ….

Brustbein Bewußtsein

Sie hatten, Wogen, mich schwimmen gelehrt,
da sie mich überfielen
und wieder auftauchen ließen …

Einige Gedanken zur Form anlässlich der Fünfzeiler von Fabian Schwitter (2)

Er skizziert dort eine Linie der bildhaften Poesie, angefangen bei den ersten Schriftdokumenten über Hölderlin, Benn, Brinkmann und Celan bis hin zu Stolterfoht, Egger und ihm selbst. Für den Beginn dieser Traditionslinie führt er uns zurück zu beschrifteten Felsformationen in Kanaan, wobei eine wichtige Pointe hier ist, dass er die bildlichen Qualitäten von Lautschriften herausarbeitet.

Vorfrühling

Die Schleusen knirschten. Abenteuer brach aus allen Fernen.
Überm Kanal, den junge Ausfahrtwinde wellten, wuchsen helle Bahnen,
in deren Licht ich trieb. Schicksal stand wartend in umwehten Sternen.
In meinem Herzen lag ein Stürmen wie von aufgerollten Fahnen.

Grünbaum-Monument

Einst, wenn ich satt hab‘ die menschliche Herde,
Und wenn ich nichts Bess’res zu tun haben werde
Und schlecht werd‘ gelaunt sein, weil’s draußen wird regnen,
Werde ich einfach – »das Zeitliche segnen«.

Einige Gedanken zur Form anlässlich der Fünfzeiler von Fabian Schwitter (1)

Warum denn ein Sonett? Warum denn ein Haiku? Je weiter außer Kurs eine Form ist, sie mag neu oder im Gegenteil aus der Mode geraten sein, desto eher neigen Lesende zu solch einer Nachfrage und die drängende Nachfrage wird zu einer Quelle des Misstrauens gegen das einzelne Gedicht, welches diese Form verkörpert: Schnell, so beobachte ich, wird ein bloß mögliches Problem in dieser Sache mit einem wirklichen verwechselt.

Gelogen

Nichts vom Gestank der Leber – züchtig
wie eine ältliche Jungfer zwickt der Geier Prometheus.
Nichts von unziemlicher Geilheit – Zeus berührt
Europa kaum mit dem Horn.

Gleich krieg ich die Krise

Als ich mitkriegte, dass ich kein Ge-
dicht mehr hinkriegte, kriegte ich Angst.

Welche Aussicht

Im Sog dieser Sterbezeit
werden die Wände durchlässig, durch die
ich entschwinde, wenn mein Körper
abgekühlt mich nicht mehr vermißt,
eine verlassene Wohnstatt.

Karl Wilhelm Ramler 300

Wo bist du hingeflohn , geliebter Friede ?
Gen Himmel , in dein mütterliches Land ?
Hast du dich , ihrer Ungerechtigkeiten müde ,
Ganz von der Erde weggewandt ?