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Veröffentlicht am 1. April 2026 von lyrikzeitung
199 Wörter, 1 Minute Lesedauer
Thomas Böhme
Gedicht & Gesicht
Irgendwann schreibe auch ich ein letztes Gedicht
und sehe ein letztes Mal mein Gesicht im Spiegel.
Ist es heute oder an einem Märztag im Sommer?
Eigentlich unerheblich für die Nachwelt, wirklich
ganz unerheblich. Ich geh mit den Nachtigallen
zu Bett, stehe auf mit den Amseln und falle noch
niemandem mehr zur Last als mir selbst. Heute
fiel mir ein blinder Fleck auf, der bisher nicht
auf der Landkarte verzeichnet war, der Land-
karte, die einer zur Gesichtserkennung immer
bei sich zu tragen hat, und ich fragte, wie oft
ich von Schlafliedern überrannt werden muß
bevor sich die Nebel lichten. Heute kam ich mir
vor wie ein Schauspieler, der ein Schaukelpferd
reitet und im Spiegel den Augen Richards des III.
begegnet, so argwöhnisch unter der Krokuskrone
wie nur Augen von Schauspielern sind, die ihre
Rolle ernst nehmen. Ich rief mir ein letztes Mal
dieses Wort ins Gedächtnis, das Erlösung nicht
bringt, aber notwendig ist, um dem Schauspieler
seinen Abgang zu sichern, notwendig & vergessen
bis es sich anfühlte wie ein notwendiges Vergessen
all der Sprachen, die niemand mehr spricht.
Aus: Thomas Böhme, Orkussplitter. Gedichte. (Band 30 der Lyrik-Edition NEUN). Berlin: Verlag der 9 Reiche, 2024, S. 29
Kategorie: Deutsch, DeutschlandSchlagworte: deutsche Gegenwartslyrik, Existenz und Erinnerung, Gedicht & Gesicht, Gedicht über Erinnerung, Gedicht über Spiegel, Gedicht über Vergessen, Lyrik-Edition NEUN, moderne deutsche Lyrik, Nachtigallen und Amseln, Orkussplitter, poetische Selbstbefragung, Richard III., Schauspieler-Motiv, Sprachverlust, Thomas Böhme, Verlag der 9 Reiche
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