Der römische Brunnen

273 Wörter, 1 Minute Lesezeit

Conrad Ferdinand Meyer 

(* 11. Oktober 1825 in Zürich; † 28. November 1898 in Kilchberg bei Zürich) 

Eines der schönsten Gedichte des Schweizer Dichters Conrad Ferdinand Meyer, der heute vor 200 Jahren geboren wurde, hat nur 8 Verse, jeder 8 Silben kurz außer dem letzten, achten, der nach nur noch 4 Silben das Klangwunder zum Stehen bringt. Ein Dinggedicht in 60 Silben, nur anders als das Ding selber, der beschriebene römische Brunnen in der Villa Borghese, plätschert es nicht endlos fort, sondern hat ein merkliches Ende, durch das das Gedicht überhaupt erst ein eigenes wahrnehmbares Ding wird.

Diese Perfektion in 60 Silben war hart erarbeitet. Nicht weniger als 7 Fassungen in 22 Jahren brauchte es, bis alles stimmt. Hier die erste Fassung von 1860 und dann die gültige von 1882.

SPRINGQUELL

Es steigt der Quelle reicher Strahl
Und sinkt in eine schlanke Schaal'.
Das dunkle Wasser überfließt
Und sich in eine Muschel gießt.
Es überströmt die Muschel dann
Und füllt ein Marmorbecken an.
Ein Jedes nimmt und gibt zugleich
Und allesammen bleiben reich,
Und ob's auf allen Stufen quillt,
So bleibt die Ruhe doch im Bild.

Das sind nur 2 Zeilen / 12 Silben mehr als in der letzten Fassung (Zwischenfassungen griffen dann noch weiter aus), aber wirkt im Vergleich fast geschwätzig. Man kann untersuchen, warum das so wirkt. Der harte Paarreim scheint daran mitzuwirken, überflüssige Wörter werden gestrichen.

Der römische Brunnen

Aufsteigt der Strahl und fallend gießt
Er voll der Marmorschale Rund,
Die, sich verschleiernd, überfließt
In einer zweiten Schale Grund;
Die zweite gibt, sie wird zu reich,
Der dritten wallend ihre Flut,
Und jede nimmt und gibt zugleich
Und strömt und ruht.
Am Seepferdchenbrunnen in Rom, Gemälde von Achille Guerra (1832–1903)

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