trank frühe der milch schwarze die der

952 Wörter, 5 Minuten Lesezeit

Diese deutsche Fassung eines Gedichts des iranischen Dichters Hafez Mousavi mutet auf den ersten Blick seltsam an, bis man den Trick durchschaut. Für den Fall, dass jemand ein bisschen drin herumlesen und selber suchen mag (diese Fassung mag auch ihre Reize haben, mir hat sie Spaß gemacht), sage ich jetzt nichts mehr dazu (Fortsetzung sowie Anmerkungen des Verfassers und des Nachdichters weiter unten unter der persischen Fassung).

heißt vogel traurige dieser wie

zurück parsin die kehrt, beginnt sonne die als, morgens
an atem den hält, kinds des taufe der von
baucis und philemon von hütte der reste verbrannten die passiert
knochen ihre verkohlt)
gäste ihrer knochen die verkohlt
(auf rauch der noch steigt

faust schaut, bewegung in herz das, feucht augen die
grenze ohne gebiet sein auf, aus turms des spitze der von
liegt blick im ihm sieg sein wie, sieht

himmel europäischen am, ihm über
freude die an ode die läuft
worte die deutlich

himmelsgedicht heines aus blick im mädchens des augen die
:ab stift den setzt, satz letzten den goethe schreibt
»hinan uns zieht / ewig-weibliche das / getan ist’s hier«

*

himmel dem hinter ode die verschwindet dann
schwarz in bühne die dame alte eine betritt
hervor toten der geister die holt

sind grau die, noten der regen im saal der dunkel
ton den kennen, geister die zittern
ergreift schultern ihre der, todesfuge der

singt chor der
schiller ach
schiller lieber

bekam haare weiße nie mutter dessen, dichters eines geist der ist das
trank frühe der milch schwarze die der, er)
(wassersarg einem in fuhr

toten der geister die sind das
knochen aus flöten
tod der sie schnitzt es

prostituierte ist andre die
schauern eisigen in die
gebiert totes ein

weber schlesischen die sind das
leiche die für tuch das weben sie
kultur unsrer

ferne der in ufern den an nachts des narren sind andern die
antwort einer harren
gab nie und gibt nicht es die

stäben den hinter, panther einzelnen die
elefanten wann und dann
kreis im weiße

meer am stehen, mädchen sind jene und
aufhört sonne die wie, sehen
verlernt seufzen das haben

weiß ihnen von keine
vogel traurige dieser dass
heißt glauben, entflogen herzen

Nachdichtung: Tristan Marquardt (Interlinearübersetzung: Susanne Baghestani) Aus: Ein neuer Divan. Ein lyrischer Dialog zwischen Ost und West. Hrsg. Barbara Schwepcke und Bill Swainson. Berlin: Suhrkamp, 2019, S. 125/127

Natürlich haben Sie den „Trick“ schnell durchschaut. Der Nachdichter orientiert sich an der arabisch/persischen Konvention und ordnet die Wörter von rechts nach links an. „heißt vogel traurige dieser wie“ wird dann zu „wie dieser traurige vogel heißt“, und immer so weiter. – Das Buch enthält im übrigen sehr interessante Essays und weiteres Material zum Thema Übersetzen.

Hier die Anmerkungen aus dem englischen Originalbuch und zusätzlich vom Übersetzer Tristan Marquardt.

Zu dem Gedicht von Hafez Mousavi

morgens als die sonne beginnt, kehrt die parsin zurück von der taufe des kinds
Anspielung auf folgende Verszeilen aus Goethes »Parsi-Nameh/Buch des Parsen« im West-östlichen Divan: »Regt ein Neugeborner fromme Hände / Daß man ihn sogleich zur Sonne wende …«
(A.d.Ü.: Vermächtnis altpersischen Glaubens. Als Parsen werden die Anhänger des Zoroastrismus bezeichnet, ihre Stammländer sind Iran und Indien.)

philemon und baucis
Anspielung auf das alte Paar, dessen Hütte Mephisto in Goethes Faust II in Brand setzt
(A.d. Ü.: Faust II, Akt 5).

ode an die freude
Anspielung auf Friedrich Schillers Ode »An die Freude«.
(A.d. Ü.: Zugleich Europahymne in der Instrumentalfassung. Sie basiert auf der von Ludwig van Beethoven vertonten Fassung von Schillers Gedicht = letzter Satz der 9. Symphonie.)

die augen des mädchens im blick aus heines himmelsgedicht
Anspielung auf Heinrich Heines Gedicht »Ich glaub nicht an den Himmel«.
(A.d.Ü.: Gedichtzeile »Ich glaub nur an dein Auge / das ist mein Himmelslicht«.)

»hier ist’s getan / das ewig-weibliche / zieht uns hinan«
Die letzten drei Verszeilen von Goethes Faust.

todesfuge
Anspielung auf Paul Celans berühmtes Gedicht »Todesfuge«.

geist eines dichters, dessen mutter nie weiße haare bekam
Paul Celans Mutter wurde als junge Frau von den Nazis ermordet.

schwarze milch der frühe
Anspielung auf Paul Celans berühmtes Gedicht »Todesfuge«.

flöten aus knochen
Anspielung auf das Gedicht »Chor der Geretteten« von Nelly Sachs.

prostituierte, die in eisigen schauern ein totes gebiert
Anspielung auf das Gedicht »An die Verstummten« von Georg Trakl.
(A.d. Ü.: Gedichtzeile »Hure, die in eisigen Schauern ein totes Kindlein gebärt.«)

die schlesischen weber
Anspielung auf Heinrich Heines Gedicht »Die schlesischen Weber«
(A.d.Ü. über den Aufstand der schlesischen Weber im Jahr 1844).

narren des nachts an den ufern
Anspielung auf Heinrich Heines Gedicht »Fragen«.
(A.d.Ü.: Hier das vollständige Gedicht aus Heinrich Heines Buch der Lieder, eine unverkennbare Anspielung von Hafez Mousavi auf die Flüchtlinge aus Nahost und Afrika, die versuchen, über das Mittelmeer nach Europa zu gelangen.)

Fragen

Am Meer, am wüsten, nächtlichen Meer
Steht ein Jüngling-Mann,
Die Brust voll Wehmut, das Haupt voll Zweifel,
Und mit düstern Lippen fragt er die Wogen:
»O löst mir das Rätsel,
Das qualvoll uralte Rätsel,
Worüber schon manche Häupter gegrübelt,
Häupter in Hieroglyphenmützen,
Häupter in Turban und schwarzem Barett,
Perückenhäupter und tausend andere
Arme schwitzende Menschenhäupter
Sagt mir, was bedeutet der Mensch?
Woher ist er gekommen? Wo geht er hin?
Wer wohnt dort oben auf goldenen Sternen?«
Es murmeln die Wogen ihr ewges Gemurmel,
Es wehet der Wind, es fliehen die Wolken,
Es blinken die Sterne, gleichgültig und kalt,
Und ein Narr wartet auf Antwort.)

die einzelnen panther
Anspielung auf das Gedicht »Der Panther« von Rainer Maria Rilke.

elefanten weiße im kreis
Anspielung auf das Gedicht »Das Karussell« von Rainer Maria Rilke.

mädchen, stehen am meer
Anspielung auf das Gedicht »Das Fräulein stand am Meere« von Heinrich Heine.

dieser traurige vogel
Anspielung auf das Gedicht »Glauben wir nur an den Beginn der kalten Jahreszeit« von Forugh Farrochsad
(A.d.Ü.: Die iranische Dichterin lebte eine Weile in Deutschland, das Gedicht findet sich in dem Band Jene Tage.)

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