Docupoetry

Yan Jun

(*1973 Lanzhou, China, Dichter, Musiker, Kritiker und Betreiber des Independent-Labels KwanYin)

5. JUNI

I

wenn es keine worte gibt
wie soll ich dann dieses jahr das massaker beginnen

unter der brutheißen klimaanlage sitzen einhundert studenten
in einem zug, der beijing verlässt

II

wenn ich die bücher anderer leute umschreibe
fliegen kleine schwarze dinge von ihren seiten auf

sämtliche mücken in shenzhen haben denselben nachnamen

eine bibliothek des blutverlusts:
viel glück für euren flug und tod

(2011, shenzhen)

Aus dem Chinesischen von Lea Schneider, aus: Uljana Wolf, Günter Blamberger und Michaela Predeick (Hrsg.), poetica7. Sounding Archives – Poesie zwischen Experiment und Dokument. Tübingen: Konkursbuch Verlag Claudia Gehrke, 2022, S. 97

Ein gedrucktes Dokument mit chinesischem Text, das lyrische Auszüge und Daten enthält, sowie einen kurzen Titel und datierte Informationen. Es zeigt eine poetische Reflexion über Themen wie Erinnerung und Verlust.

Dokumentarische Lyrik muss ihre Themen nicht erfinden, sie findet sie vor. Sie ist Counter-History, schafft Gegen-Wissen in ihren offenen Archiven. Ein Gegen-Wissen, das wie das Wissen der Wissenschaften ein Wissen im Werden ist und vorläufig bleibt, korrigierbar, amplifizierbar, dezentralisiert.

Günter Blamberger, Über Docupoetry, a.a.O. S. 142

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