Touristen

Jehuda Amichai 

(  יְהוּדָה עַמִּיחַי )

(* 3. Mai 1924 als Ludwig Pfeuffer in Würzburg; † 22. September 2000 in Jerusalem; 1946 änderte er seinen Namen zu Amichai, hebr. „Mein Volk lebt“)


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Also Beileidsbesuche veranstalten sie hier bei uns,
sitzen in Jad-Vashem herum, machen ernste Gesichter
an der Klagemauer
und schäkern hinter schweren Vorhängen im Hotelzimmer.

Lassen sich fotografieren mit den bedeutenden Toten
am Grab von Rachel, am Grab von Herzl und auf dem
  Ammunition Hill.
Schluchzen über die Potenz unserer Jungs,
begehren unsere strammen Mädels
und hängen ihre Höschen
in einem kühlen, blauen Bad
zum Schnelltrocknen auf.

Einmal saß ich auf der Treppe am Tor der David-Zitadelle und stellte meine zwei schweren Einkaufskörbe neben mir ab. Eine Touristentraube umringte einen Tour-Guide, und ich gab den Bezugspunkt für sie ab: »Sehen Sie den Mann da drüben mit den Körben? Ein bisschen rechts von seinem Kopf da ist ein Bogen aus der Römerzeit. Ein bisschen neben seinem Kopf.« »Aber er bewegt sich, er bewegt sich! « Ich sagte mir: Erlösung wird erst kommen, wenn man ihnen sagt: »Sehen Sie den Bogen dort drüben aus der Römerzeit? Der ist nicht wichtig, aber links und ein bisschen unterhalb davon sitzt ein Mann, der Früchte und Gemüse für zu Hause gekauft hat«.

Aus: Jehuda Amichai: Gedichte. Hrsg. u. aus dem Hebräischen übersetzt von Hans D. Amadé Esperer. Würzburg: Königshausen & Neumann, 2018, S. 172

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