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Veröffentlicht am 2. September 2023 von lyrikzeitung
Marie Luise Kaschnitz
(* 31. Januar 1901 in Karlsruhe; † 10. Oktober 1974 in Rom)
Hochsommer Im Erntemonde, wenn die Halme bleichen Verstummt der Vögel Sang. Die Erde ruht. Es wächst die grüne Decke auf den Teichen, Erstickt die Flut. Der Brunnenschale Wasser geht zur Neige, Der Efeu streckt die kleine Totenhand Im Garten schlingen Ranken sich und Zweige Zu finstrer Wand. Die roten Beeren schimmern aus dem Laube Es tritt der Fremde in den Garten ein Zerpreßt die leuchtende Johannistraube Wie Blut und Wein. Es dämmert in der Schluchten matter Wärme Auf faulem Teich ein Regenbogenglanz, Bei Schilf und Lattich heben Fliegenschwärme Sich hoch im Tanz. Die Zeit ist kurz. Die Liebenden umgreifen Sich jäh in wilden Ängsten, dumpf und blind. Nah ist der Herbst. Die Frucht will reifen, reifen, Es ruht der Wind.
Aus: Sommergedichte. Ausgewählt von Evelyne Polt-Heinzl und Christine Schmidjell. Stuttgart: Reclam, 2009, S. 47
Kategorie: Deutsch, DeutschlandSchlagworte: Marie Luise Kaschnitz
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