Nah ist der Herbst

Marie Luise Kaschnitz

(* 31. Januar 1901 in Karlsruhe; † 10. Oktober 1974 in Rom)

Hochsommer

Im Erntemonde, wenn die Halme bleichen 
Verstummt der Vögel Sang. Die Erde ruht.
Es wächst die grüne Decke auf den Teichen, 
Erstickt die Flut.

Der Brunnenschale Wasser geht zur Neige, 
Der Efeu streckt die kleine Totenhand 
Im Garten schlingen Ranken sich und Zweige 
Zu finstrer Wand.

Die roten Beeren schimmern aus dem Laube
Es tritt der Fremde in den Garten ein 
Zerpreßt die leuchtende Johannistraube
Wie Blut und Wein.

Es dämmert in der Schluchten matter Wärme
Auf faulem Teich ein Regenbogenglanz, 
Bei Schilf und Lattich heben Fliegenschwärme
Sich hoch im Tanz.

Die Zeit ist kurz. Die Liebenden umgreifen 
Sich jäh in wilden Ängsten, dumpf und blind.
Nah ist der Herbst. Die Frucht will reifen, reifen,
Es ruht der Wind.

Aus: Sommergedichte. Ausgewählt von Evelyne Polt-Heinzl und Christine Schmidjell. Stuttgart: Reclam, 2009, S. 47

Hinterlasse einen Kommentar

Diese Seite verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden..