Lumpengewand

Die 30 Gedichte in minmal sind in ihrer inhaltlichen und motivischen Bandbreite vielfältig und sind geprägt durch kurz angeschnittene Sprachbilder: deskriptiv, impressionistisch und „ehrlich“. Tanikawas Verse entziehen sich gekonnt einer hermetischen und überladenen Metaphorik. Gepaart wird diese „offene“ Art des Dichtens in drei grob zusammenhängenden thematischen Blöcken aus je zehn Gedichten, jedoch mit einer strikten formalen Gestaltung in vier bis fünf Strophen aus jeweils drei Zeilen, was Tanikawas Selbstversuch als Dichter der modernen Schule mit der klassischen japanischen Kurzdichtung (Haiku) darstellt, wie dieser im kurzen Nachwort selbst konstatiert. Dem Resultat mangelt es trotz der Kürze jedoch nicht an Kunst: Das Gedicht „Lumpen“ zum Beispiel, das den Band eröffnet, schildert auf prägnante, ja fast „minimale“ Weise das Dichten selbst als eine flüchtige wie nie den Abschluss findende Tätigkeit, als Flicken. In die sprachliche Gestalt des Lumpengewands gesetzt gibt Tanikawa Einblicke in seine musische Beziehung zur Lyrik, seine lange und fast zehrende Liebe zur Dichtung und setzt den Ton für den gesamten Band.

Lumpen

Vor Tagesanbruch
kam
das Gedicht

in schäbige
Wörter
gehüllt

es gibt nichts
was ich ihm schenken könnte
werde nur selbst beschenkt

sein nackter Körper
flüchtig erspäht
durch die gerissenes Naht

wieder und wieder
flicke ich
an seinem Lumpengewand

/ Christian Chappelow, literaturkritik.de

Tanikawa Shuntarō: minimal. 30 Gedichte. Deutsch und Japanisch. Übersetzt aus dem Japanischen von Eduard Klopfenstein. Zürich: Secession Verlag für Literatur, 2015. 100 Seiten, 42,00 EUR. ISBN-13: 9783905951226

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