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Veröffentlicht am 17. September 2013 von lyrikzeitung
Auf den ersten Blick stakst auch der mittlerweile vierte Gedichtband Sophie Reyers durch die problematischen Zonen der Klischeehaftigkeit.die gezirpte zeit – schon der Titel erinnert an Ingeborg Bachmann (Die gestundete Zeit) und wahlweise Paul Celan (»Dann zirp ich leise, wie es Heimchen tun«) oder Rainer Maria Rilke (»Nennt ihr das Seele, was so zage zirpt in euch?«). Dass bereits im ersten Gedicht, gitter, schon wieder Celan (Sprachgitter) evoziert wird, in einem nachfolgenden Gedicht die Zeilen »zeitig ist es / es ist zeit« Rilke unumwunden zitiert und auch Bachmanns poetischer Gassenhauer wieder aufgegriffen wird (»es stundet gegen die zeit an«) – ist das nicht ein bisschen zu viel des Guten? Ist das nicht, na ja, klischeehaft: Ausgerechnet diese drei herbeizurufen? Oder sind das Hommagen? An drei, die die deutschsprachige Dichtung zwar dermaßen geprägt haben, dass ihre Dichtungen zum Allgemeingut verkommen sind, sodass allein schon das bloße Zitat aufstößt? (…)
Stellt sich nun die Frage: Was stellt Reyer in ihren referenzreichen Texten mit diesen ganzen möglichen Assoziationen an? In welche Kontexte bettet sie sie? Und gelingt es ihr schlussendlich, den viel zu oft gelesenen Metaphern und Phrasen noch Leben zu entlocken?
Kurz gesagt: Nein. Keineswegs. Nicht in einer einzigen Zeile. / Kristoffer Cornils, Fixpoetry
Eines der schönsten Gedichte ist und, in ihm ist das Titelthema enthalten: und der himmel gehört mir und die gezirpte zeit. In der gezirpten Zeit ist alles drin, das lautmalende im wie vibrierenden Zirpen, die Alliteration und die Überraschung, dass hier Erscheinungen verbunden werden, von denen man noch nicht ahnte, dass man sie in einen Sinnzusammenhang bringen kann: Zeit und Zirpen. Da steht die Beschäftigung mit Poesie drin, denn Zirpen ist der Laut der Grillen und Zikaden, der nächtlichen Sänger, die verkünden, dass sie bereit sind geliebt zu werden. Und die Zeit zieht Reyer im Zirpen zusammen: Kindheit und Tod. Diese Gedichte wünschte ich mir auf der Bühne oder im Radio zu hören.
Im Herbst erscheinen in der Reihe Österreichische Lyrik zwei weitere Bände: Barbara Pumhösel: Parklücken und Martin M. Fritz: intrinsische süßigkeit. / Simone Trieder, Fixpoetry
Sophie Reyer: die gezirpte zeit. Broschur, 64 Seiten, 16,50 Euro. ISBN: 978-3-85028-576-6. Berger Verlag, Horn 2013.
Kategorie: Österreich, DeutschSchlagworte: Barbara Pumhösel, Ingeborg Bachmann, Kristoffer Patrick Cornils, Martin M. Fritz, Paul Celan, Simone Trieder, Sophie Reyer
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„So manifestiert sich in der Sentenz »zum Allgemeingut verkommen« in der Kritik von Kristoffer Cornils ein verpeilter Blick auf die Welt“ – Das liest sich für mich, als würdest du aus dem Satz die Grundessenz/-haltung der gesamten Rezension abstrahieren und dann noch qua Namensnennung mir persönlich einen solchen Blick unterstellen. Oder? Aber ich weiß ja: Ist schon manchmal schwierig…
Zum Allgemeingut verkommen ist mir als einigermaßen wertfreie Phrase bekannt, by the way.
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Lyrikzeitung: Meinte ich, hätte ich vielleicht deutlicher herausstellen können.
kp: Ich hätte den ganzen Band auch gerne popaffin in einem Tweet abkanzeln können, falls dir das eher reingegangen wäre; ganz ohne Bezug auf die Stifterfiguren. Die werden aber evoziert und die Lyrik Reyers verortet sich selbst in einer Tradition, die durchaus kanonisch, d.h. „Allgemeingut“ geworden ist. Das so herauszustellen mag elitär sein, allerdings bewegen wir uns doch in einem elitären Zirkel, oder? Lyrik, die in Klein(st)verlagen stattfindet, rezensiert auf einer Plattform, die v.a. von entsprechend gebildeten Lyrikleser_innen frequentiert wird. Frage also: Bilde ich damit eine (virtuelle?) Realität ab – oder bin ich Teil des Problems? Vielleicht beides? So oder so: Mir ist schon bewusst, dass noch niemand ein Brot oder Haus gedichtet hat. Aber darum geht es ja (leider) auch in den Gedichten nicht. Ich weiß nicht, ob du die Rezension zuende gelesen hast, aber im Grunde werfe ich Reyer dasselbe vor, was du mir anhängst: Esoterik. Und der Rückbezug auf den Kanon ist dabei ebenfalls ein Problem.
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Die Rezension stelle ich gar nicht in Frage, zumal ich das besprochene Buch selbst nicht kenne. Mein Einwand galt ausschließlich dem zitierten Schnipsel, das mit »verkommen« endet (habe da wohl eine Idiosynkrasie), also bitte den Esoterikvorwurf nicht auf den kompletten Text beziehen.
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Mag sein. Nur kann ich die Wendung »zum Allgemeingut verkommen« drehen wie ich will, etwas Positives kann ich da weder heraus- noch hineinlesen. Und angenommen, es sei »germanistisches allgemeingut« gemeint: das ist ja gerade meine Kritik an dieser Passage der Kritik: daß sie in einem germanistischen Käfig stattfindet, wo die Dompteure unter sich bleiben.
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Wenn »[j]ede Dichtung […] über die Situation ihrer Herkunft [spricht]«, wie Matthias Hagedorn schreibt, dann gilt das sicher auch für die Rezension von Dichtung. So manifestiert sich in der Sentenz »zum Allgemeingut verkommen« in der Kritik von Kristoffer Cornils ein verpeilter Blick auf die Welt, deren Brote, Häuser und Straßen nicht von Poeten erschaffen werden (»verpeilt« im Sinne von elitär/esoterisch). Auf sog. Hochliteratur, die sich nur mehr als Material für die Expertisen von Literaten bzw. Literaturwissenschaftlern andient, kann ich verzichten. Und ich bin mir sicher: einige lebende Autoren wären glücklich, würde ihre Dichtung »zum Allgemeingut verkommen«.
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lieber kp, er meint aber vielleicht zitiertwerden durch germanistisch ausgebildete dichter? bachmann celan und so, der ganze kanon halt, germanistisches allgemeingut…
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KUNO ist da anderer Meinung: http://www.editiondaslabor.de/blog/?p=16203
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anders als die pro- oder die contrastimme? oder ein drittes? na, wir sehn selber
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