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Veröffentlicht am 21. Oktober 2009 von lyrikzeitung
Manchmal führt uns Poesie in das Geburtsstadium des Sprechens zurück, wo Wort und Klang, Laut und Bedeutung noch ungeschieden sind. Zu diesen radikal experimentellen Dichtern, die uns mit den Urszenen des Sprechens konfrontieren möchten, gehört die 1973 geborene Anja Utler. Ihr neues Gedichtbuch „jana, vermacht“ setzt an im Bereich des fast Unhörbaren – bei einem leisen Knacken im Kehlkopf.
Utler huldigt dem sogenannten Glottisschlag, einem Verschlusslaut, der entsteht, wenn die Stimmritze in Schwingung gerät. Das orthografische Zeichen für den Glottisschlag durchzieht die einzelnen Kapitel des Buches und gestaltet den lyrischen Text streckenweise zu einer kryptischen Partitur. In „jana, vermacht“ überlagern sich kontrapunktisch zwei Stimmen, die den bereits im Ansatz scheiternden Dialog zwischen zwei Generationen repräsentieren: Die Stimme einer Großmutter, die das beredte Schweigen der Kriegsgeneration verkörpert – und die ebenso beharrlich wie vergeblich fragende Stimme der Enkelin, der Nachgeborenen. Das Verschwiegene soll im Verschluckten und Fragmentarischen des Sprechens sinnfällig werden. … Dem naiven Realismus ihrer lyrischen Zeitgenossen hält Anja Utler einen sprachmaterialistischen Fundamentalismus entgegen. Ein poetischer Weckruf für mündige Leser. / Michael Braun, Tagesspiegel 11.10.
Anja Utler: jana, vermacht. Buch mit CD. Edition
Korrespondenzen,
Wien 2009.
112 Seiten, 13,50 €.
Kategorie: Deutsch, DeutschlandSchlagworte: Anja Utler, Michael Braun
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