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Nicht nur im Kapitel „Rost Pfiff“, der homofonen Teilübertragung von Gertrude Steins „Roastbeef“, wird das Feingefühl für Assonanzen, Alliterationen und allerart andere Klangfiguren deutlich. So wird noch im Zorn dessen rußartige Ernsthaftigkeit mit Hilfe von Klangspielen aufgebrochen und ironisiert: „ich hege Zorn. Habe Kleister, Kanister, sinistre Register, Nadel und Faden, Gesicht aus Knöpfen und Stichen“ (S. 13). Eine klanglich-anorganische Paronomasie, um auch die strenge Sprache der Lyrikanalyse zu bemühen, beziehungsweise eine Anomalie deutsch-französischer Freundschaft ist ausschlaggebend für die vielleicht schönste Zeile des Bandes: „Die Neige vom Schlitten aus zu begreifen.“ (S. 12)
Felix Schiller weist zu Recht auf das „Unbehagen [des Textsubjekts] gegenüber der Kulturtechnik des Ausblicks, des panoramatischen Sehens“ hin: „Dachpappentopologie. Aber niemand soll meine Nippel sehn, niemand, so glimmen die Perspektiven. Irre kreiselndes Locken, natürlich schau ich hinauf. Panoramalaube.“ (S. 12) Dennoch handelt es sich bei diesem Band um ein auf die Spitze getriebenes panoramatisches, doch einzigartiges, weil individuelles Sehen. Diese Poesie ist eine Positionsbestimmung inmitten des Komplexes Biographie-Beruf-Politik-Klima-Umwelt-Natur-Technik- … Eine solche Positionsbestimmung bedarf des Überblicks und einer präzisen und weiträumigen soziologischen Analyse, die alles andere im Blick hat als die Verbezirkung und Kantonisierung des Sehens. / Alexandru Bulucz, Signaturen
Daniela Seel: was weißt du schon von prärie. Gedichte. Mit Fotos von Daniela Seel. Broschur mit Posterumschlag. Gestaltet von Andreas Töpfer. Berlin (kookbooks) 2015. 80 Seiten. 19,90 Euro.
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