A Shropshire Lad

Harald Hartung zeigt in der FAZ vom 4.10.03 an, daß A.E. Housmans Hauptwerk jetzt zweisprachig auf Deutsch erschienen ist:

Hans Wipperfurth, der Übersetzer, verhehlt nicht die Schwierigkeiten seines Unternehmens. Das Knappe, Archaische des Originals, das zugleich schwerelos und luzid wirkt, ist nicht leicht in deutsche Verse und Reime zu bringen. …

Auch sonst klingt manches glatter, auch biederer als im Original, ohne daß man zu sagen wüßte, wie es besser zu machen sei. Wo Housman umstandlos konkret ist, formuliert sein Übersetzer eher philosophisch.

(Aber kein Problem: das Buch ist zweisprachig!)

A.E. Housman: Die „Shropshire Lad“-Gedichte. Englisch/ Deutsch. Mattes Verlag, Heidelberg 2003. 172 S., br., 16 €

Hier der Originaltext – und eine Leseprobe daraus:

A. E. Housman (1859–1936). A Shropshire Lad. 1896.

XLIX. Think no more, lad; laugh, be jolly

THINK no more, lad; laugh, be jolly:
Why should men make haste to die?
Empty heads and tongues a-talking
Make the rough road easy walking,
And the feather pate of folly
Bears the falling sky.

Oh, ’tis jesting, dancing, drinking
Spins the heavy world around.
If young hearts were not so clever,
Oh, they would be young for ever:
Think no more; ’tis only thinking
Lays lads underground.

Zum Nobelpreis für J.M. Coetzee

hier ein Auszug aus einem Essay Coetzees über Robert Walser (New York Review of Books, 17, Nov. 2000):

Was Walser a great writer? If one is reluctant to call him great, said Canetti, that is only because nothing could be more alien to him than greatness. In a late poem Walser wrote:

I would wish it on no one to be me.
Only I am capable of bearing myself.
To know so much, to have seen so much, and
To say nothing, just about nothing.

/ 2.10.03

Vom Klang der Lyrik

Neu im Berliner Zimmer: Vom Klang der Lyrik. Versuch einer Annäherung an das Sonett. Ein Essay von Rüdiger Heins. / 1.10.03

Popp / Wagner

Neu in Edit: Gedichte von Steffen Popp / Jan Wagner über die Kölner Reihe parasitenpresse. / 1.10.03

Nachdichten – francophon oder germanophon

Während die eine (frankophone) Fraktion mit fast demütiger Zurücknahme der eigenen Kreativität den Aspekt der Werktreue bzw. der übersetzerischen Genauigkeit betonte und entschieden für zweisprachige Ausgaben plädierte, gerierte sich die andere (germanophone) Fraktion als eigensinniges Enfant terrible: Er könne sich durchaus vorstellen, Übersetzungen zu publizieren, die mit dem Original kaum mehr etwas zu tun hätten, meinte z. B. der Basler Verleger Urs Engeler. Denn sein Verlag sei eigentlich gar kein Verlag, sondern ein «Sprachforschungsinstitut», so der bei Engeler übersetzende österreichische Lyriker Peter Waterhouse. Er verstehe Dichtung als performativ physischen Akt. Zu ihrer Übersetzung brauche man daher weniger die Meinung des Autors als vielmehr genügend Zeit und Ausdauer. / Sabine Haupt, NZZ 29.9.03

Christine Lavant Lyrik-Preis

Die Innsbruckerin Barbara Hundegger (40) hat den mit 7.000 Euro dotierten Christine Lavant Lyrik-Preis der Stadt Wolfsberg erhalten, der am Freitag Abend in Wolfsberg/Kärnten zum fünften Mal vergeben wurde.

Der Christine Lavant Förder-Preis in der Höhe von 3.000 Euro wurde dem in München lebenden Arzt und Dichter Uwe Tellkamp (35) zugesprochen. Der mit 1.500 Euro dotierte Christine Lavant Publikums-Preis ging an den 32-jährigen Berliner Jan Wagner, teilten die Veranstalter am Samstag mit. / Tiroler Tageszeitung 28.9.03

Transit, Transzendenz und Tropen

Hier zwei Auszüge aus dem Essay If: On Transit, Transcendence, and Trope von David Baker, aus: The Gettysburg Review (gefunden bei Poetry Daily)

Genres, so the argument goes, are sentimental and artificial distinctions, as false as a sense of self is to a person. All types of writing — poems, plays, advertisements for hemorrhoid medicine, political speeches — are equal, and all are equally named by the pan-generic word text. All texts are equivalent in the interrogating, clinical eyes of the poststructuralists. But in dismantling literary genres, the theorists have betrayed one of their own most important entities: the historical. A genre is a historically significant form of meaning. Literary genres do indeed overlap, and they evolve, are fluid rather than static. But part of the meaning of a poem is its form. Part of the theme or subject of a novel is its narrative shape. And these things derive from the historical progression of literature. …

I believe we put ourselves in the presence of poetic or figural language in order to experience or to represent our own and our species‘ transcendental possibilities. Literary language, the language of trope and representation, is itself a form of ecstatic or transcendental exchange. As we turn into something else, we turn into ourselves. And as we share the experience of literature, we turn into each other. We share the body.

/ 28.9.03

Stephen Knight

The winner of this year’s TLS /Blackwells Poetry Competition is Stephen Knight of Swansea, for his poem “The Long Way Home”. He wins £2,000. Three runners-up each win £500. / 28.9.03

Updike

Hier ein Gedicht von John Updike: Mars as bright as Venus (NYT 28.9.03)

Berliner Anthologie

In Rolf Schneiders Berliner Anthologie: Gertrud Kolmar, Wappen von Berlin (Morgenpost 28.9.03)

Gustafssons Xanadu

Der 1936 geborene Lars Gustafsson legt so etwas wie eine „Summa“ vor. Seine Gedichte lassen sich lesen als Abbreviaturen seiner autobiographischen Romane und seiner philosophischen Gedankenspiele. Immer wieder tritt an die Stelle einer epischen oder logischen Integration die erotische Inventarisierung von Einzelheiten, von seltsamen Vögeln, von Wintern, wie sie einmal waren, von all den komischen Dingen, die herabgestiegen sind „aus dem Himmel der Formen, / um Platz zu nehmen für eine Weile / auf unseren Schreibtischen / und Fensterbänken“. Auf eine ähnliche Weise, wie Gustafsson hier Dinge aufzählt, sammelt er unter dem Titel „Ein Männerchor“ die assonanten Stimmen, die (seine eigene) Identität ausmachen: „Die Stimme, die man hat, wenn / man zu kleinen Kindern spricht / oder zu großen Hunden / ist nicht dieselbe / wie beim Friseur / oder auf dem Katheder (…) // indes die Stimme / die man hat, / wenn man / wenn man einer Frau die Brüste / streichelt oder den Bauch / eine dritte Stimme ist, / die aus einer dritten Welt kommt“. / Hermann Wallmann, FR 27.9.03

Lars Gustafsson: Auszug aus Xanadu. Gedichte. Aus dem Schwedischen von Verena Reichel und Hans Magnus Enzensberger. Carl Hanser Verlag, München 2003, 104 Seiten, 14, 90 €.

Yeats-Biographie

Zwei Dichter schreiben über eine Yeats-Biographie: Seamus Heaney in The Financial Times 25.9.03 / Bernard O´Donoghue im Guardian, 27.9.03

listening to poetry

For those who still find listening to poetry as exciting a leisure-time pursuit as re-sitting your O-levels, a possible cure awaits. A new website, http://www.poetryjukebox.com/ offers anyone with a computer (and sound chip) samples of more than 40 poets reading their own work. / The Independent 27.9.03

Rückkehr des Silben zählenden Prinzips

Über „die Rückkehr des Silben zählenden Prinzips in die Lyrik“ und andere „Pop“-Phänomene schreibt Moritz Bassler in der taz vom 26.9.03 (bzw. sprach es, auf der Hallenser Feuilletontagung).

Lyrik in Rußland

„Das Schlimmste, was unserer Lyrik passieren kann, ist die Marginalisierung“, sagt Alexej Aljochin, der Verleger der wichtigsten russischen Poesie-Zeitschrift Arion. „Gedichte dürfen nicht wie im Westen zum Privatvergnügen der Philologen werden.“ Aber so weit werde es nicht kommen. Natürlich läsen weniger Menschen als früher Verse. Doch die damalige Bedeutung des Dichters sei ein Ausnahmezustand gewesen. Poeten hätten Funktionen ausüben müssen, für die die Medien zuständig seien. Heute aber nehme der professionelle Lyriker seinen eigentlichen Platz in der Gesellschaft ein: als eine schöpferische intellektuelle Instanz. Nicht marginal, aber auch nicht massenfähig. Woher er seine Hoffnung schöpfe, den Leser nicht zu verlieren? „Nach der Perestrojka wurde nur experimentiert, das hat uns um die Leserschaft gebracht. Jetzt aber fangen Gedichte wieder zu sprechen an und wollen verstanden werden“, sagt Aljochin. Beispiele? Maxim Amelin und Gleb Schulpjakow. …

„Doch warum werden all diese Namen in Deutschland vollkommen ingnoriert?“, fragen mich Lyriker und Verleger, denen ich in Moskau begegne. „Wer von unseren Leuten ist denn überhaupt drüben bekannt?“ – „Genadij Ajgi, Olga Sedakowa und die Konzeptualisten“, antworte ich und stoße auf allgemeine Verblüffung: „Ja, es gibt sie alle zwar, aber sie haben seit über zwanzig Jahren nichts wesentlich Neues mehr zu sagen.“ Was kann ich darauf erwidern? Ist nicht selbst die russische Moderne hierzulande nur durch eine Hand voll Autoren vertreten? Angeblich die besten. Doch warum fehlen dann in diesem Kanon ausgerechnet die Stimmen, auf die sich so viele Lyriker heute beziehen: Innokentij Annenski, Wladislaw Chodassewitsch, Michail Kusmin, Georgij Iwanow, Eduard Bagrizkij?
/Alexander Nitzberg, Die Zeit Literaturbeilage, 40/03

Am 8. und 15. Oktober 2003 in der Lesezeit des DLF: Von Achmatowa bis Mandelstam – Russische Poesie im Originalton (Alexander Nitzberg liest seine dt. Übersetzungen)