„Der zweite Vorschlag betrifft die deutsch-jüdische Symbiose in ihrer Auswirkung auf markante Persönlichkeiten. Diese ist eines der merkwürdigsten historischen Phänomene. Die innere Problematik der daran beteiligten Menschen, das Verhältnis zwischen Deutschtum und Judentum, mit dem diese Menschen nicht zu Rande kamen, sollte Aufgabe einer Behandlung sein.
Beispiele dieser Problematik sind in einer höchst bemerkenswerten Weise in der deutschen Literatur zu finden. Es würde sich nun darum handeln, an einer Reihe von Beispielen verschiedener Art darzustellen, worum es hier ging. Dies könnte z.B. an Figuren wie Rudolf Borchardt, Jakob Wassermann, Karl Wolfskehl, Karl Kraus, Friedrich Gundolf, Peter Altenburg, Samuel Lublinski geschehen.“ Mit diesen Worten umriss Martin Buber am 8. April 1959 die künftigen Forschungsaufgaben des Londoner Leo Baeck Institutes.
Für die meisten der genannten Persönlichkeiten steht nicht nur die von Buber angeregte Forschungsarbeit noch aus. Hingegen lässt sich im Falle Rudolf Borchardts in den vergangenen zehn Jahren ein erhöhtes Interesse an seinem Leben und Werk wahrnehmen. …
Der studierte Altphilologie ist Präzisionsfanatiker, doch bei weitem nicht alle seine Werke profitieren davon. Oftmals kommen seine Gedichte in allzu klassischem Gewand daher, so, als könnten sie den Furor des Autors für den Moment bändigen. Vieles wird dabei zur Geste. Auch von davon schreibt Kissler, dessen unaufgeregter Stil eine ebenso eigentümliche wie genaue Distanz zu seinem Gegenstand hält. Anders als Borchardt, der immer wieder Synthesen schaffen möchte, wo die Realität längst ihr Veto eingelegt hat, achtet der Interpret sehr genau auf die Falle der falschen Identifikation. / hagalil.com 28-11-03
Alexander Kissler:
‚Wo bin ich denn behaust?‘ Rudolf Borchardt und die Erfindung des Ichs
Wallstein Verlag 2003
Euro 34,00
Es ist also bezeichnend, an welchen wunden Punkten das Bennfieber im Jahr 2003 ausbricht. Sein Kokaingenuss, seine Berliner Nachtcafé- Besuche locken offenbar keinen aktuellen Popliteraten hinter das Notebook. Benns Konflikte mit den deutschen Exilanten, sein 12-jähriges erzwungenes Schweigen, die notorischen Frauengeschichten – all das scheint, zumal in den Zeiten der Veräußerlichung des Künstlers zum biographischen Schauobjekt, keinen Anstoß zu kreativer Unruhe gegeben zu haben. Sodass es, wo dann doch einmal Else Lasker-Schüler durchs Bild stiefelt, fast schon ein bisschen billig wirkt. Es ist vielmehr die Substanz des Bennschen Werks, die zur kreativen Reibungsfläche geworden ist. Mit ernsthafter Hingabe haben sie sich in einigen exzellenten Beiträgen thematischen Aspekten, sprachlichen Besonderheiten oder Wirkungsprozessen in Benns Werk gewidmet, wobei sich neben den theoretischen Annäherungen auch ein Gedichtzyklus, kurze Prosatexte und eine lose Szenenfolge finden. / Sabine Franke, FR 26.11.03
Gottfried Benn, Sämtliche Werke. Stuttgarter Ausgabe. In Verbindung mit Ilse Benn herausgegeben von Gerhard Schuster (Bände I-V) und Holger Hof (Bände VI und VII). Stuttgart 1986 bis 2003. Band VII1: Szenen und andere Schriften. Band VII2: Nachlass und Register. Klett-Cotta Verlag, Stuttgart 2003, jeweils 685 Seiten, zus. 70 Euro (bis 1.1.2004).
Jan Bürger (Hrsg.), Ich bin nicht innerlich. Annäherungen an Gottfried Benn. Mit Beiträgen von Ulrike Draesner, Anna Katharina Hahn, Ulf Stolterfoht, Michael Stauffer, Christophe Marchand-Kiss, Alban Nikolai Herbst, Norbert Hummelt, Sandra Hoffmann, Daniel Kehlmann, Zehra Çirak, Sabine Scho, Henning Ahrens, Florian Illies, Juri Andruchowytsch und Gottfried Benn. Klett-Cotta Verlag, Stuttgart 2003. 235 Seiten, 15 Euro.
Joachim Dyck, Hoger Hof, Peter Krause (Hrsg.), Benn-Jahrbuch. Band 1, 2003, 240 Seiten, 10 Abb., 24 Euro.
Für seinen im Suhrkamp-Verlag erschienenen Gedichtband „vierzig kilometer nacht“ erhält Lutz Seiler den mit 15 500 Euro dotierten Bremer Literaturpreis 2004 der Rudolf-Alexander-Schröder-Stiftung. Der in Gera (Thüringen) geborene und bei Berlin lebende Seiler halte in einem sehr eigenen Ton und in Bildern von großer Eindringlichkeit die Erinnerung an seine Kindheit in der DDR und die Erfahrung der Nachwendezeit fest. dpa 24.11.03
In Rolf Schneiders Berliner Anthologie am 23.11.03: Karin Kiwus, Dutschke was here. Das Gedicht beginnt so:
Wie die Geschichte so
weitergeht wenn der Volkszorn
arbeitslos durch die Straßen streunt
wie ein Hund der keinen Baum findet
an der Haltestelle vor der zuschnappenden Tür
eben noch in den Bus wischt den Schaffner anpinkelt
einer Hausfrau in ihre Einkaufstasche springt
In der NZZ vom 22.11.03 bespricht Roman Bucheli
Giovanni Orelli: Vom schönen Horizont / E mentre a Belo Horizonte . . . Gedichte italienisch und deutsch. Ausgewählt und übersetzt von Christoph Ferber. Mit einem Nachwort von Georges Güntert. Limmat-Verlag, Zürich 2003. 160 S., Fr. 36.-. – Zitat:
Und bisweilen blitzt ein irrwitziges Lachen zwischen den Versen hervor: Dann fällt er mit der gleichen Inbrunst, mit der er zuvor sich dem Eros der Sprache hingab, über seine Gedichte her: «auf allen vieren / kommt ihr daher», heisst es dann von den Sonetten, «ihr seid meine verquer geborenen, trottenden / Ziegen – und ich bin der Ziegenbock, längst zu kastrieren».
Das Burleske, die wilden Sprachorgien und die Zuspitzungen ins Groteske können nicht darüber hinwegtäuschen, dass diese Gedichte Teile eines nie endenden Totengedenkens
Auch gut 600 Jahre nach seinem Tod findet der italienische Dichter Francesco Petrarca (1304-1374) keine Ruhe: Ein italienisches Forscherteam hat jetzt die sterblichen Überreste exhumiert, um die Gesichtszüge des Dichters zu rekonstruieren. / Berliner Morgenpost 20.11.03 / Ausführlicher im Independent 20.11.03 / Kommentar Süddeutsche 20.11.03
Im titel-Magazin 47 bespricht Klaus Hübner:
F.W. Bernstein: Die Gedichte. Antje Kunstmann 2003. Gebunden. 600 Seiten. 19,90 Euro. ISBN 3-88897-340-6 (mit Lesepröbchen)
/ 17.11.03
The legend begins at the moment of Rimbaud’s birth on October 20, 1854, in the small town of Charleville. Some say he was born with his eyes open, as a sign of the seer that he would become; others claim that the future traveller surprised the midwife by crawling toward the door. / Ruth Franklin, The New Yorker 17.11.03 über
I Promise to Be Good: The Letters of Arthur Rimbaud, edited by Wyatt Mason
Von MONICA DAVEY
The New York Times*), November 17, 2003
SINCE 1912, poets and editors have produced the monthly magazine Poetry on a budget sometimes stretched perilously thin. Recently, its home has been a cramped, borrowed office beside the stacks in a Chicago library.
Over the years, the magazine featured poets who would become among the best known of their times — Ezra Pound, Marianne Moore, Wallace Stevens, William Carlos Williams, T. S. Eliot, Carl Sandburg. The next issue was never a sure thing, but whenever it seemed the money had run out, someone stepped in with a few dollars, enough to keep the magazine’s presses chugging.
All that has changed. The magazine remains, but the financial struggle has vanished
In der Reihe „Poet’s Choice“:
Edward Hirsch features a poem by Daniel Hughes. (The Washington Post 16.11.03)
Poetry Daily präsentiert einen Essay von Stephen Yenser
(aus The Yale Review)
über
Collected Poems, by Robert, Lowell, edited by Frank Bidart and David Gewanter, with an Introduction by Frank Bidart (Farrar, Straus and Giroux, 1186 pp., $45)
/ 16.11.03
Als 14. Band der von Wassiliki Knithaki und Adrian Kasnitz herausgegebenen Lyrikreihe „Parasitenpresse“ erschien die von Stan Lafleur und Adrian Kasnitz herausgegebene Anthologie „Bier & Schläge. Fußball-Gedichte“. Darin enthaltene Texte sind:
1 Achim Wagner: mersey
2 Klaus Hansen: die bilanz des wochenends
3 Guy Helminger: Bodenschüssig
4 Anne Tharau: Zinemagie
5 Arne Rautenberg: [Haiku]
6 Nikola Richter: abseits
7 Stan Lafleur: gott spielt tipp-kick
8 Adrian Kasnitz: beckham’s foot
9 Crauss.: dribbeln, duschen mit elf
10 René Hamann: turnier bei oma: finale
11 Tom Schulz: Wir sind Weltmeister
Bier & Schläge. Fußball-Gedichte, hg. v. Stan Lafleur und Adrian Kasnitz. 14 Seiten. Preis: 5,- EUR.
parasitenpresse@hotmail.com
http://parasitenpresse.kulturserver-nrw.de
parasitenpresse / bei knithaki / richard-wagner-str. 18 / d-50674 köln
/ 16.11.03
Rolf Schneiders Berliner Anthologie: Günter Kunert, Berlin, Berliner Morgenpost 16.11.03
In der NYT vom 16.11.03 Besprechung und 1st chapter der neuen Puschkin-Biographie von T.J. Binyon. – – – The complete guide to Literary Africa verspricht der Independent vom 15.11.03 – – – Im Hamburger Abendblatt vom 15.11.03 erinnert Maike Schiller an Dylan Thomas.
Zu den Pionierinnen der Modernisierung in Iran gehörte Qurrat al-Ayn (1817-1852), eine Dichterin, die im Jahre 1848 ohne islamischen Hijab bei einer Versammlung einer revolutionären Gruppe erschien. Noch heute, mehr als 150 Jahre nach ihrer Hinrichtung durch den damaligen khadjarischen König, kann man ihre mystischen Liebesgedichte auch aus dem Mund einfacher Menschen hören. … Zu den kreativsten und meistgelesenen Dichtern zählt in Iran nach Ahmad Shamlu, der als iranischer Neruda bezeichnet wird, eine Frau, die Dichterin Forugh Farrokhzad (1934-1967). Ihre Gedichte üben nicht nur hinsichtlich ihrer Sprache und Form, sondern auch durch ihre Sicht auf die Welt und den Menschen seit mehr als vier Jahrzehnten auf mehrere Generationen grossen Einfluss aus. …
Nachdem Farrokhzad zunächst drei Sammlungen mit Lyrik in klassischer Form veröffentlicht hatte, ging sie zu freien Gedichten über und öffnete damit den Weg zu einer neuen Form moderner iranischer Dichtung. Ihre Innovationen in Bezug auf Form und Sprache fanden zahlreiche Nachfolger und Imitatoren. Mit einer Klarheit und Kühnheit, die in der persischen Sprache und der iranischen Geschichte ohnegleichen waren, zeichnet sie in ihren klassischen und modernen Gedichten ein Bild von den sozialen, emotionalen und sexuellen Bedürfnissen, Gefühlen und Wünschen iranischer Frauen. Insbesondere in ihren modernen Gedichten widmete sich Farrokhzad neben dem Protest gegen die Traditionen und die einengenden kulturellen, politischen und religiösen Tabus auch der Erforschung der Tiefen kollektiver Vorstellungen, den Labyrinthen der Kultur und existenziellen und philosophischen Fragen. Am Ende ihres kurzen Lebens – sie starb mit nur 33 Jahren bei einem Autounfall – verband sie in ihren Gedichten, die die modernste Tendenz in der iranischen Lyrik darstellten, ästhetische Werte und philosophische Fragen mit sozialer und politischer Kritik. / Faraj Sarkohi, NZZ 15.11.03
Außerdem in dieser NZZ-Beilage: Islamische Kalligraphie / Hugo Ball als Kabarettdichte
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