146. Exil

Gegen 18:02 wurden nach der Prognose für die Bundestagswahl die Zahlen für die Landtagswahl in Brandenburg bekanntgegeben. Verse Volker Brauns schießen mir in den Sinn: „Vier Männer in schäbigen Anzügen / Mickel Czechowski Braun Tragelehn / Exilieren nach Preußen“. Zitiert aus dem Gedächtnis, nach Diktat verreist.

145. Schöner 27. September

Christa Wolf und Thomas Brasch haben über den 27. September geschrieben. Uwe Wittstock vergleicht beider Texte in der Welt vom 26.9. Braschs Haltung beschreibt er als radikal (und beruhigt den Welt-Leser im letzten Satz):

Brasch wäre, steht zu befürchten, morgen nicht zur Wahl gegangen. Sie hätte ihn wohl nicht sehr interessiert. Doch auch diese Weigerung wäre ihm nicht beispielhaft vorgekommen, er sah sich nicht als Vorbild. Staat in jeder Form war sein Gegner, Ordnung jeder Art machte ihn argwöhnisch, Autorität jeder Ausprägung lehnte er ab. Leicht hat er es sich auf diese Weise nicht gemacht: In der DDR wurde er von zwei Hochschulen gefeuert und zu über zwei Jahren Haft verurteilt. Im Westen eckte er in den Theatern an, sorgte 1981 bei der Annahme des bayerischen Filmpreises für Skandal und hinterließ ein Roman-Manuskript, das sich mit mehr als 10 000 Seiten dem Literaturbetrieb als unverdaulich entzieht. Nach den handelsüblichen Kategorien wird so einem Schriftsteller gern das Etikett „Rebell“ angeheftet. Tatsächlich war Thomas Brasch wohl auf der Suche nach einer Freiheit, wie sie nur in der Literatur zu finden und für die in der Wirklichkeit kein Platz ist.

144. Neue politische Gedichte

Sie kommt rechtzeitig zur Bundestagswahl, diese Anthologie mit „Neuen politischen Gedichten“. Moralisch Angesäuertes oder politisch Korrektes sei von den 26 Autoren nicht zu erwarten, verspricht der 1970 geborene, in Ostberlin aufgewachsene Herausgeber Tom Schulz, einer der bekanntesten Lyriker der jüngeren Generation. Seine Zusammenstellung – viele Namen kennt man aus dem „Lyrik von jetzt“-Band, mit dem sich seine Generation zum ersten Mal gebündelt vorstellte – will den Leser angesichts unseres „Zeitencrashs“ mit dem politisch wie poetisch „Wagnisbehangenen“ aktueller Lyrik konfrontieren, „erst recht in einer Zeit, in der die Weltrisikogesellschaft Kurs aufgenommen hat, ihre Endprozesse zu beschleunigen. In einer Zeit, in der die Finanzkonstrukte in ein solches Wanken geraten sind, dass man den schiefen Turm der transnationalen Wirtschaften kippen sieht, ins Bodenlose.“ Ist hier die Musik drin, die im Wahlkampf so lauthals vermisst wird?

Thematisch ist alles geboten. Von Armut und globaler Ausbeutung über Terrorismus und Überwachung bis häusliche Gewalt, Prekariat und Arbeitslosigkeit. Ein „hartz-IV-lied“ gibt es, aber keine Ode an den Mindestlohn. Tendenzdichtung ist out, selbst in ihrer klügsten und schönsten Form. Kein Echo auf Heinrich Heine, Bertolt Brecht bedenkt man milde ironisch, von Biermann und anderen wird geschwiegen. Das Motto liefert der postmoderne Kurzprosaist Donald Barthelme: Das Geheimnis zur Veränderung der Welt liege in der Sprache. Nur der alte „onkel auf dem schreibtischstuhl / faselt noch von solidarität“, erklärt entsprechend René Hamann „das ende der arbeit“: „alles nimmt ab, alles wird gefilmt.“ Damit kritisiert er nicht nur die Allgegenwart der Überwachungskameras, sondern beschreibt zugleich Auswirkungen auf das Schreiben. Denn viele Gedichte wirken, als buchstabierten sie Filmstills und Medienbilder aus. Tom Bresemanns flotte Wortspielereien werden dabei explizit: „im fernsehen grassieren flüchtlings-/ camps, supported by reebok“. …

„Liebesnot“ attestiert Thomas Kunst den „jungen Büchern auf den deutschen Messen“. Dort werde die „Flucht aus zweiter Hand“ nur „ausgesessen“. Seine humorvollen Sonette gehören zu den Höhepunkten des Bandes. So erfindet die Sammlung die politische Lyrik nicht neu. Aber sie zeigt die Lebendigkeit des Genres… / Thomas Wild, Tagesspiegel 26.9.

Die Sammlung ist zartes Lesevergnügen, fein düngen uns die sanften Gedanken der zerbrechlichen Teilnehmer den Tag. Arbeitslosigkeit, Flaschensammlerschicksal, Gentrifizierung, Ausbeutung, Kapitalismus sind Themen der Kombattanten und wir reichen ihnen gern unser Ohr. Haut die Hedonisten unserer Tage in den Sack! / Frank Willmann, Kalaschnikow 19.9.

Alles außer Tiernahrung: Neue politische Gedichte, Tom Schulz (Hrsg.), 144 Seiten, Rotbuchverlag 2009, 16,90 Euro

143. Stadt der Zuflucht

Die Regale sind noch leer, die Wände kahl: Die junge Dichterin Pegah Ahmadi aus Teheran sitzt in ihrer neuen Wohnung in Frankfurt am Main und kann es selbst noch nicht ganz glauben. Die 35-Jährige lächelt, schüttelt den Kopf: «Alles ging so schnell.» Vor etwa einem Monat habe sie von einem befreundeten Exil-Schriftsteller zum ersten Mal von dem Stipendium «Stadt der Zuflucht» gehört, wenig später saß sie schon im Flugzeug nach Deutschland. Zwei Jahre lang will Ahmadi hier frei von politischen Zwängen ihrer Arbeit nachgehen. Die Stadt stellt die Wohnung, die Frankfurter Buchmesse kommt für den Lebensunterhalt auf. / ad-hoc-news 26.9.


142. Heinrich-Vetter-Literaturpreis in Mannheim

Der seit 2004 jährlich vergebene Heinrich-Vetter-Literaturpreis wird in diesem Jahr am kommenden Sonntag, 27. September, um 10.30 Uhr wie immer im Heinrich-Vetter-Forum der Kunsthalle Mannheim vergeben. Den ersten Preis erhält Angela-Marcella Gerstmeier aus Mannheim. Gundi Brodmann aus Gorxheimertal erhält den zweiten und der Heidelberger Diethard Wendt den dritten Preis. Insgesamt beträgt die Preissumme des Heinrich-Vetter-Literaturpreises im Jahr 2009 4500 Euro. Diese Summe wird unter den drei Preisträgern verteilt. Die Auszeichnung ging aus dem Mannheimer Literaturpreis hervor, der vom Literarischen Zentrum Die Räuber ´77 ausgelobt wurde. Der Preis wird jährlich vergeben, wobei die Sparten Lyrik und Prosa wechseln. 2009 wurde der Preis für Lyrik vergeben. Das Thema lautete „Parallelwelten“.

Es konnten nur Autoren aus der Metropolregion Rhein-Neckar teilnehmen. 67 Bewerbungen wurden von einer unabhängigen Jury beurteilt.  / Mannheimer Morgen 24.9.

141. Heinz Czechowski liest aus seinen Lebenserinnerungen

Gegen nostalgische Verklärung des Vergangenen seit jeher zutiefst immun, beschreibt Czechowski ein Leben „zwischen den Zeiten“: die Verdunklung der Kriegstage, den „schönen blauen Septembertag“, an dem er eine Lehre als graphischer Zeichner beginnt, das Studium am Leipziger Literaturinstitut unter der Ägide des charismatischen Georg Maurer, seine tragikomische „Lehrzeit als Soldat“, die sogenannte „Sächsische Dichterschule“ – aber auch die missglückte Ankunft in der wiedervereinigten Republik, die ihn ironischerweise zunächst nach Italien und schließlich nach Limburg und Schöppingen führt. / MDR Figaro

„Autobiografische Aufbrüche“
Heinz Czechowski liest aus seinen Lebenserinnerungen
Produktion: MDR 2005
Dauer: 25 min

Heinz Czechowski:
Die Pole der Erinnerung. Autobiographie mit einem Nachwort von Sascha Kirchner,
281 Seiten
Düsseldorf: Grupello 2006
ISBN: 3-89978-046-9

140. „Gesagt, wie es wirklich war“

Über eine neue Anthologie von DDR-Lyrik schreibt Ronald Pohl im Standard vom 26.9. Ich verstehe nicht alles, und nicht alles, was ich verstehe, entspricht auch meiner Meinung – wie dem sei, Zitat:

Wenn man während der Gründungsjahre allerlei anverdauten Rilke liest, so kann man sich immerhin auf das späterhin Geglückte freuen: Der von Heinz Ludwig Arnold und Hermann Korte unter Zuhilfenahme emsigen Studentenfleißes edierte Band geht streng chronologisch und in Wahrheit gar nicht qualitätsheischend vor. Wolf Biermann, den sie 1976 hinauswarfen, wusste schon tief in den Sechzigern: „Die Gegenwart … ist mir der bittre Anfang nur, schreit / Nach Veränderung …“

Gedichte aber, die nur der Vorgriff auf letztlich paradiesische Verhältnisse sind, können gar nicht „glücken“ . Sie sind authentischer Ausdruck von Mängeln, die es zu überwinden gilt. Man kann hellauf lachen: „Moskau!! Wie frei das klingt, / wie das jubelt und singt …“ , dichtete Kurt Huhn in den 1950ern. Andere wieder glaubten feststellen zu müssen: „In Bonn hat Deutschland aufgehört zu sein …“ . Der Witz liegt in der Nennung des Autors: Rudolf Bahro durchlebte wenige Jahre später ein lupenreines Dissidentenschicksal.

Es gibt freilich Verse aus der Feder Volker Brauns („Sächsische Dichterschule“ ), die – mit einem unmodernen Wort gesprochen – schlechthin inkommensurabel sind, die bleiben werden. Nur im Gelingen – wie späterhin auch bei Papenfuß-Gorek oder Grünbein – wird deutlich, dass gesellschaftliche Bewegungen auch dann, wenn sie ins Abseits drängen, Energien freisetzen. Die Dichter benützen diese; sie wissen die Wiedervereinigung dann auch kaum zu schätzen. Gesagt, wie es wirklich war – das haben jeweils nur sie.

„Lyrik der DDR“ . Anthologie, herausgegeben von Heinz Ludwig Arnold und Hermann Korte. € 24,95 / 450 Seiten. S. Fischer, Frankfurt am Main 2009

139. Kleiner Kreis

Wie kommt es, dass Erich Arendt außerhalb eines kleinen Kreises von Kennern, die ihn mit dem berühmten Paul Celan auf eine Stufe stellen, unbekannt geblieben ist? / fragt Manfred Jäger im Deutschlandradio

138. Wie er wolle geküsset sein – Dichter über Dichter

Lese-Café | MDR FIGARO | 27.09.2009 | 15:00-16:30 Uhr

Literatur-Talk in der Villa Ida, Mediencampus Leipzig

Vier zeitgenössische Dichter haben sich auf den Barock-Lyriker Paul Fleming eingelassen: Róža Domašcyna, Angela Krauß, Peter Gosse und Thomas Rosenlöcher. Was reizt sie an der Kunst des in Vergessenheit geratenen Poeten? Dieser Frage und Fragen über Dichtung im Allgemeinen gehen sie gemeinsam mit Michael Hametner im Lese-Café nach, diesmal in der Villa Ida in Leipzig.


137. KONZEPT! EINE KOSTEN-LEISTUNGSRECHNUNG

Kleine Form  | Fr 25. + Sa 26.9. um 20 Uhr im F40-Studio

Haha-istische Konzeptverwerfung mit zwei Figuranten, als beliebige Projektionsflächen dienend.
McKinsey rät zum Einstellen des Spielbetriebes, um die Kosten zu minimieren. Deswegen stellen wir die Frage: Was kostet eine Stunde Theater – Licht, Heizung, Miete, Kalorienverbrauch der Darsteller? Und, wie können wir es schaffen, Sie am billigsten zu unterhalten? Wir spielen nicht mehr, sondern liefern Ihnen nur noch die Konzepte.
Es treten auf (konzeptionell): Veronica Verriss, Armin Müller Strahl, Tom Gruß, Nicole Kidmän u.v.a. Konzeptionalisten: Roland Strehlke, Torsten Holzapfel, Bühne: vorhanden, Licht: gedimmt, Musik: GEMA-freies Vogelgezwitscher sowie das Hintergrundrauschen der defekten Klospülung, Heizung: aus
Foto: Thomas Janke TICKETS: 5,-

Theater Thikwa, F40, Fidicinstr. 40, 10965 Berlin-Kreuzberg
F40 ist barrierefrei
U6 Platz der Luftbrücke, Bus 104, Bus 248, N6, N7
Sonderpreise: Gruppen ab 10 Besuchern zahlen pro Karte 1 Euro weniger.
Wer einen Berlinpass vorlegt, kann für alle Vorstellungen ein 3-Euro-Kulturticket erwerben.
Neue Reservierungs-Telefonnummer: 69 50 50 922, tickets@thikwa.de

136. Unserdeutsch

Harry Hoerler ist bei Berlin geboren. Bei Berlin auf Deutsch-Neuguinea, einem palmenumsäumten Hafennest in der ehemaligen deutschen Südseekolonie. Im roten Hawaiihemd unterm schwarzen Anzug, die grauen Locken dunkel gefärbt, erinnert Hoerler an einen Zirkusdirektor; und auch seine Sprache stiftet Verwirrung: „Ganse Welt is ferik“, sagt er und lächelt philosophisch. „Ferik“ ist die Welt, „verrückt“, wenn man wie Hoerler zu den letzten 100 Sprechern der einzigen deutschbasierten Kreolsprache gehört und die übrigen Sprecher über verschiedene Inseln verstreut leben; „ferik“, wenn man sein Unserdeutsch nur noch mit Blumen und Schmetterlingen spricht. Auch die Erzählerin, Yvette Coetzee, führt auf der Bühne eigentlich einen Dauermonolog – wären da nicht die Audio- und Videoeinspielungen, Schatten und Objekte, Kreidegemälde und -animationen, mit denen sie sich die Abwesenden als Dialogpartner herbeiholt. Als Grundlage für ihr „dokumentarisches Südseemärchen“ hat Regisseurin Unger im letzten Jahr zehn der letzten Unserdeutsch-Sprecher auf Papua-Neuguinea besucht und interviewt. / taz 21.9.

135. Gegenaufklärung

Eine solche fordert Feridun Zaimoglu zur hellen Freude der „Welt„. Er wählt grün [das freut sie weniger] und bekennt sich zur deutschen Tradition. Überhaupt ist er gegen die Moderne:

Meine Inspiration als Geschichtenerzähler kommt nicht aus dem Orient, sondern aus dem Deutschen – die Abschweifung, das Barocke, all das, von dem die Moderne uns abgeschnitten hat. Die Moderne kann mich gerne haben. Die Moderne ist die Verachtung gegenüber dem, was man nicht versteht. Was man nicht versteht, wird für alt erklärt. Die Moderne verniedlicht, womit die Menschen früher sich umgeben glaubten.

Opa Hoppenstedt, so nennt er sich selber, kommentiert:
Wer ist Zaimoglu? Muß man den kennen? Schwafelt ziemlichen Müll. Darf bei der WELT jetzt jeder Interviews geben? Wann darf ich?

Ich übergebe an Mosebach. Wird er das Bündnis mit den Deutschtürken suchen? Lesen Sie seinen Aufruf zur Austreibung des „protestantischen Ikonoklasmus“ aus der deutschen Lyrik: „Und es war ja nicht zufällig die deutsche Aufklärung, die zuerst die barocke Rede als geschmacklos und geschwollen denunziert hat.“ Martin Mosebachs Nachbemerkung zu: Franz Josef Czernin: staub. gefässe.

134. Massaker

„Wir erleben ein Massaker in diesem Land der Utopien. Der Regierungschef braucht sich nur zu erkälten, und schon müssen die Massen mit ihm niesen.“

So beginnt das Gedicht, in dem der chinesische Dichter Liao Yiwu im Juni 1989 seinem Entsetzen über das Blutbad auf dem Platz des Himmlischen Friedens Luft machte. Mit bebender Stimme trug er es seinen Freunden vor, die es auf Kassetten und Videos verbreiteten. Bei Chinas traumatisierten Studenten genoss „Massaker“ bald Kultstatus, wofür Liao mit vier Jahren Haft und Folter bezahlen musste.

Zwanzig Jahre später hat die Kommunistische Partei dem Schriftsteller noch immer nicht verziehen und verbietet ihm deshalb, in Deutschland am Rahmenprogramm der Frankfurter Buchmesse teilzunehmen. Das Berliner „Haus der Kulturen der Welt“ hat den 50-Jährigen für den 10. Oktober zu einer Podiumsdiskussion zum Thema „China schreiben“ eingeladen, doch am Mittwoch teilten die Sicherheitsbehörden Liao nach eigenen Angaben mit, dass er nicht ausreisen dürfe. / Bernhard Bartsch, FR 24.9.

133. Vor fünfundzwanzig Jahren starb der Dichter Erich Arendt

»Tolú«, seine Gedichte aus Kolumbien, »Feuerhalm», schließlich »Entgrenzen« (seine Altersgedichte), waren immer nur einem kleinen Kreis von Lesern wichtig, aber die konnten sie nicht vorstellen, ohne sie zu leben. Und wieder war es der Rostocker Hinstorff Verlag und sein Führungsduo Kurt Batt und Konrad Reich, die dem Befeindeten – wie so vielen anderen im Zentrum der Kulturpolitik Beargwöhnten, von Fühmann, Plenzdorf, Fries bis Jurek Becker – eine Verlagsheimat boten.

Spanien an der Ostsee? Das Meer war für Arendt Metapher für Glanz und Abgründigkeit aller Sehnsüchte. Bei Hinstorff erschien dann 1968 der umfangreiche Band »Aus fünf Jahrzehnten. Gedichte von Erich Arendt«, mit einem Essay von Heinz Czechowski, später dann auch »Spanien-Akte Arendt«.

Was fasziniert an seiner Sprache, die ihn zu einem der wichtigsten deutschen Lyriker des 20. Jahrhunderts machte? Dass er sich den Eros der Worte von niemandem, keiner Ideologie, keinem guten politischen oder moralischen Zweck je abhandeln ließ, von kommerziellen Zwecken gar nicht zu reden. Arendt war auf hinreißende Weise kryptisch, gemessen an herrschenden Uniformitäten geradezu elitär, man musste sich mühen, in seine Wortwelten, die einen inneren Traumlogik folgen, einzudringen – und da war man immer nur ein kurzer, wenn auch reichlich beschenkter Gast. In dem Gedicht »Abseitshell« lese ich: »Wort / alt wie das Meer / sterblich / mit mir // daß sichtbar / sein Pulsschlag / mach hautlos / fest das Gedicht // fern sind die Schüsse / mauernarbend«. /  Gunnar Decker, ND 25.9.


132. Am 4. April starb der Kieler Dichter Klavki

Vor Monaten, am 4. April starb der Kieler Dichter Klavki im Alter von 36 Jahren. Die Nachricht kam nicht zu mir. Erst jetzt erhielt ich die Todesnachricht in einem Artikel der Kieler Nachrichten vom 7.4., den mir Ron Winkler zuschickt. Obwohl ich Texte von ihm auf CD hören konnte, findet sich keine Nachricht über ihn im L&Poe-Archiv – das bedeutet, daß ich trotz ausgedehnter Recherchen keine Nachrichten gefunden habe; und daß zu meinem bundes- und weltweiten Korrespondentennetz niemand aus Kiel oder z.B. Rostock (wo er ein Stipendium bekam) gehört. Hier die nachgetragene Meldung:

Sein Markenzeichen aus dieser Zeit, die grüne Trainingsjacke, sein „Slam-Kostüm“, legte Oliver Eufinger bald darauf ab, aber das Mikro nicht aus der Hand. Seine ersten Bücher waren folgerichtig zwei Hörbücher (erschienen bei assembleART.com) sowie immer wieder Klangmontagen aus seinem stetig wachsenden, ja wuchernden Fundus hunderter Gedichte und lyrischer Prosa. Er blieb einer, der die Sprache aus der Schrift befreien wollte, vom bloß geschriebenen zum geschrienen Wort.

Zusammen mit dem Künstler Marcus Meyer erfand er „Schrift im Land“, riesige Leuchtbuchstaben, die an der Autobahn nach Kiel, dann auch im Rahmen der Kulturaktionen gegen den G8-Gipfel in Heiligendamm die Nacht buchstäblich poetisch erhellten. Es folgten die Projekte „Take a Poem“, aphoristische Gedichte und Wortsplitter auf kleinen Kärtchen, zum Mitnehmen ausgelegt in Kneipen oder einfach irgendwo „liegen gelassen“, und „Poesie im Alltag“, rund 300 Texttafeln, mit denen er im Oktober 2008 die Kiel-Linie zur Lesemeile machte. / Jörg Meyer, Kieler Nachrichten 7.4.