Warum

314 Wörter, 2 Minuten Lesezeit.

Willy Knobloch

(* 2. Februar 1898 in Hamburg; † 27. Juni 1927 ebenda)

Herbst

Warum müssen denn die Pferde Sättel tragen
Wenn doch im Westen alle Kurse steigen ...
Das Wesen dieser Tiere heißt ja Pferde
Und Stuten sind nur für die Wiesen
Wenn alle Menschen goldne Nägel hätten
Dann würden Präsidenten niemals Hemden tragen
Und ließen Leute friedlich ihre Suppe löffeln.

Aus: VERSENSPORN. Heft für lyrische Reize, Nr. 56: Willy Knobloch. Poesie schmeckt gut e.V. Jena, 2024, S. 20

Geboren am 2. Februar 1898 in Hamburg. Über Kindheit, Ausbildung und eventuellen Kriegsdienst ist bislang nichts bekannt. Ab April 1919 Dichtungen in der Zeitschrift Der Sturm, dann auch in Menschen bzw. Kräfte. Seit Herbst 1919 in Berlin; ausschweifender Lebenswandel. Im Sommer 1920 unter dem Pseudonym Sebastian Droste erstmals Auftritt als Tänzer. Mitglied des Nackttanz-Balletts Celly de Rheidt, Begegnung mit Anita Berber. Ab 1922 Zusammenarbeit mit Berber; Entwicklung der Tänze des Lasters, des Grauens und der Ekstase, mit denen sie am 14. November im Großen Konzerthaus-Saal in Wien auftreten; beide als Figuren der Halbwelt von Prostitution und Hochstapelei skandalisiert. Am 5. Januar 1923 Verhaftung Drostes und „Abschaffung“ nach Ungarn. Auftritte in Budapest, Tournee durch Italien und Jugoslawien. Evtl. Eheschließung mit Berber, die aber ungewiß ist. Ab September wieder in Berlin. Ende des Jahres soll sich Droste mit den Juwelen und Pelzen der Berber abgesetzt haben. Am 13. Mai 1924 Einschiffung nach New York, wo er am 23. Mai anlangt. Als falscher „Baron“ und als exotische Manifestation der alten Welt sofort in den angesagten Kreisen präsent. Gründung der „International Association Against the Tyranny of Parents“. Erfolgloser Versuch der Wiederbelebung seiner Tanzkarriere. 1925 Anschluß an einen von Pierre Bernard begründeten tantrischen Orden. Gescheiterte Idee eines Filmprojektes The Way. Schreibt für deutsche Zeitungen wie Die Dame, Das Magazin und B. Z. am Mittag. Schwer an Tuberkulose erkrankt, kehrt er 1927 nach Hamburg zurück, wo er am 27. Juni stirbt.

Ebd., Rückumschlag

So als ob alles so sein müßte

194 Wörter, 1 Minute Lesezeit.

Astrid Litfaß

ICH BIN'S

Ich wache auf und meine Zähne meine Haare
liegen neben mir auf dem Kopfkissen
meine Mutter mein Vater stehen vor meinem Bett, wer
bist du was hast du mit unserem Kind gemacht
schreien sie, aber ich bin's
rufe ich in großer Angst, ich bin es doch
ich, eure Tochter
doch sie ergreifen mich
werfen mich hinaus auf eine kalte graue Straße
Passanten bleiben stehen
Warum liegt da eine Person, die gefährdet ja den ganzen Verkehr
ich kann dazu wenig sagen
denn ein Auto nach dem andern fährt über mich drüber
dann
irgendwann
kniet ein alter Mann neben mir
bohrt mir einen Kugelschreiber in den Leib
um zu prüfen, ob ich tot bin oder nur so tue
Meine Liebe, flüstert mein Physiklehrer
du warst meine beste Schülerin, doch nun
kann ich leider nichts mehr für dich tun.

Die Nacht ist ein unerklärlich gefährlicher Raum
dachte ich, stand auf und ging
kein Mond
ich ging, entfernte mich mit freundlichen Gedanken
so als ob alles so sein müßte
die Straßenlampen leuchteten gelblich.

Aus: Miniaturen. In: Sinn und Form 6/2025, S. 753

Astrid Litfaß, geboren 1944 in Berlin, lebt dort. Theaterstücke, Drehbücher, Hörspiele, Kurzprosa.

Luceberts Köpfe

Lucebert 

(* 15. September 1924 in Amsterdam; † 10. Mai 1994 in Alkmaar)

köpfe

I

haltloser kopf
du bist wieder in guten händen ein dichter
spricht zu dir die pohesie
wird gleichgestellt wie eine uhr
mit den diversen differenzen
zwischen deinen divergierenden vitalen teilen
die eingedickten instinkte werden wieder aufgesucht
und eingefeuchtet
sinnlose sinne zusammengereimt
mit düften phrasen und farben
Schwarz-weiße Zeichnung einer Figur im Profil, die ein gemustertes Gewand trägt. Der Kopf besteht aus mehreren übereinander verschobenen Gesichtern mit übergroßen Augen und Nasen, wodurch ein surrealer, maskenartiger Eindruck entsteht. Im Hintergrund ist ein Sonnenschirm zu sehen.
koppen

I


losgeslagen hoofd
je bent weer in goede handen een dichter
spreekt tot je de pohezie
wordt als een horloge gelijk gezet
met de verschillen geschillen
tussen je uiteenlopende vitale delen
de ingedikte instinkten worden weer opgezocht
en ingevocht
zinloze zintuigen weer gerijmd
met geuren kreten en kleuren

Aus: Lucebert, Köpfe. Aus dem Niederländischen von Rosemarie Still. hochroth Berlin 2016, S. 7 / 6 / 30

Sonngewohnt

101 Wörter, 1 Minute Lesezeit.

Rainer Maria Rilke 

(* 4. Dezember 1875 in Prag; † 29. Dezember 1926 im Sanatorium Valmont bei Montreux, Schweiz)

An der sonngewohnten Straße, in dem 
hohlen halben Baumstamm, der seit lange
Trog ward, eine Oberfläche Wasser
in sich leis erneuernd, still' ich meinen
Durst: des Wassers Heiterkeit und Herkunft
in mich nehmend durch die Handgelenke.
Trinken schiene mir zu viel, zu deutlich;
aber diese wartende Gebärde
holt mir helles Wasser ins Bewußtsein.

Also, kämst du, braucht ich, mich zu stillen,
nur ein leichtes Anruhn meiner Hände,
sei's an deiner Schulter junge Rundung,
sei es an den Andrang deiner Brüste.

Aus dem Nachlaß (Gedichte 1922-1926) (hier bei rilke.de mit einem kleinen Fehler)

Eine Angst mehr, ein zweckloses Gedicht

220 Wörter, 1 Minute Lesezeit.

Adrian Grima

(* 25. Januar 1968 in St. Julian’s, Malta; lebt in Pembroke, Malta)

Eine Angst mehr

Könnte ich, würde ich
diesen Duft nach Minze auf meinem Atem tragen,
mit ihren Spitzen, den grünen Adern ihrer Blätter
würde ich die Angst entfernen wie einen Splitter,
ich würde mich zwischen die nassen Pflanzen
unter die Abendsonne legen
und Schluck für Schluck
ihren beängstigenden Duft trinken.

Aber das ist nur eine Angst mehr,
noch ein zweckloses Gedicht, Vokabeln
für die Prüfungsbögen des Hirns,
das das Herz in Wünschen ertränkt.

Diese duftende Angst hat Angst.

Nachdichtung: Sylvia Geist nach Interlinearfassungen aus dem Maltesischen von Ray Fabri und Dominik Kalweit, aus: Poesiefestival berlin 2010. Mittelmeer. Adrian Grima. Programmheft zum poesiefestival berlin 2010 (hochroth).

Bei lyrikline kann man das Gedicht vom Autor gesprochen hören und es gibt zusätzlich eine französische Fassung. https://www.lyrikline.org/de/uebersetzungen/details/21095/6906 – Und hier die maltesische.

Ansjetà Oħra

Kieku nista’,
inġorr dir-riħa tan-nagħniegħ ma’ mnifsejja,
naqla’ l-iskaldi ta’ l-ansjetà bil-ponta u l-vini
tal-weraq aħdar tiegħu,
nintelaq minn tuli qalb ix-xtieli mxarrba
taħt xemx nieżla
u nibla’, boqqa boqqa,
dir-riħa skunċertanti.

Imma din mhix ħlief ansjetà ġdida,
poeżija oħra inutli,
diskors imlissen biex jimla l-karta ta’ l-eżami tal-moħħ
li jgħarraq lill-qalb f’xewqatu.

Ansjuża din l-ansjetà li tfuħ.

Ein bisschen Information im Lyrikwiki.

(Und ich habe ein Wort Maltesisch gelernt: Ansjetà heißt Angst. Vielleicht vom Englischen anxiety abgeleitet?)

Dieter Wellershoff 1925-2018

177 Wörter, 1 Minute Lesezeit.

Dieter Wellershoff 

(* 3. November 1925 in Neuss; † 15. Juni 2018 in Köln)

Momente. So geschehen die Dinge.
Hinter deinem Rücken wird es Herbst.
Plötzlich tritt Blut aus einer Wunde
und du weißt wieder
unter der Haut
ist dieses pumpende Adernetz.
Immer herein Herrschaften!
Schauen Sie die Wunder der Welt!
Diesmal ist es eine Frau
in einem langen grünen Kleid.
Bist du sicher daß du sie gesehen hast?
Wie die Dinge abhanden kommen
als seien sie nicht zugelassen.
Dies Glas ist ausgetrunken
die eisernen Rüstungen in den Vitrinen
sind leer.
Nichts scheint einfacher als
diese Vorstellung zu verlassen.

1973

Aus: Dieter Wellershoff, Doppelt belichtetes Seestück und andere Texte. Köln: Kiepenheuer & Witsch, 1974, S. 265

Dieter Wellershoff (1925–2018) war ein deutscher Erzähler, Lyriker und Essayist. Nach dem Krieg studierte er Germanistik, Psychologie und Kunstgeschichte in Bonn und arbeitete später als Lektor bei Kiepenheuer & Witsch. Als Mitbegründer der „Kölner Schule des Neuen Realismus“ prägte er die deutsche Nachkriegsliteratur mit einem sachlich-analytischen Stil, der die menschliche Wahrnehmung und Existenz in einer zunehmend entfremdeten Welt erkundet.

Neben Romanen und Essays verfasste Wellershoff auch Gedichte, in denen sich klare Sprache und poetische Nüchternheit verbinden.

Die Weste

Christian Morgenstern 

(* 6. Mai 1871 in München; † 31. März 1914 in Untermais, Tirol, Österreich-Ungarn)

Die Weste

Es lebt in Süditalien eine Weste
an einer Kirche dämmrigem Altar.
Versteht mich recht: Noch dient sie Gott aufs beste.
Doch wie in Adam schon Herr Haeckel war,
(zum Beispiel bloß), so steckt in diesem Reste
Brokat voll Silberblümlein wunderbar
schon heut der krause Übergang verborgen
vom Geist von gestern auf den Wanst von morgen.

https://www.projekt-gutenberg.org/morgenst/galgenli/chap002.html

Gehabt hab ich ein Heim

362 Wörter, 2 Minuten Lesezeit.

Mordechaj Gebirtig 

(jiddisch מָרְדֳּכַי געבירטיג Mordekhay Gebirtig, ursprünglich kurz auch Mordechaj (Mordche) Bertig beziehungsweise deutsch Markus Bertig; geboren am 4. Mai 1877 in Krakau, Österreich-Ungarn; ermordet am 4. Juni 1942 im Ghetto Krakau)

Gehabt hab ich ein Heim

Gehabt hab ich ein Heim, ein warmes Stückel Raum,
ein bissel Wirtschaft wie für arme Leut;
verband die Wurzeln fest zu einem Baum –
hab an mei'm bissel Armut mich gefreut.

Gehabt hab ich ein Heim, ein Stübel, eine Küch
und habe still gelebt so jahrelang.
Und gute Freunde hatte ich um mich,
ein Stübel voll von Liedern und Gesang.

Mit Feindschaft, Haß und Tod, so kamen sie,
und alles, was mir so am Herzen lag,
was ich errichtet hab mit schwerer Müh,
vernichtet haben sies in einem Tag.

Sie kamen über uns wie eine Pest
und haben uns gejagt mit Frau und Kind –
wir blieben ohne Heim wie Vögel ohne Nest
und wissen nicht: Warum? Für welche Sünd?

Gehabt hab ich ein Heim, jetzt hab ich keines mehr.
Für sie war nur ein Spiel mein Untergang.
Ein neues Heim, man findet es nur schwer, wie schwer –
ich weiß nicht wo und weiß nicht auf wielang.

Mai 1941

Aus dem Jiddischen von Hubert Witt, in: Sinn und Form 1/1962, S. 112

Die erste Strophe im Original

געהאַט האָב איך אַ הײם ,אַ שטיקל רױם
אַ ביסל װירטשאַפֿט װי אָרעמע לײַט
װי צוגעבונדן װאָרצלען צו אַ בױם
האָב איך זיך מיט מײַן ביסל אָרעמקײט
https://lyricstranslate.com/de/mordechai-gebirtig-gehat-hob-ikh-heym-lyrics.html
Gehat hob ikh a heym, a shtikl roym.
A bisl wirtshaft wi bai oreme lait.
Wi tsugebundn wortslen tsu a boym
Hob ikh zikh mit mayn bisl oremkait.

Mordechaj Gebirtig (1877–1942) war ein jiddischer Dichter, Liedermacher und Tischler aus Krakau. Seine Lieder, geschrieben in der Sprache des jüdischen Alltagslebens, verbinden schlichte Melodik mit tiefer Humanität.

Zu seinen bekanntesten Werken gehört das Lied „’s brennt, Brüder, es brennt“, das zum Symbol des Widerstands gegen Pogrome und Vernichtung wurde.

Gebirtig wurde am 4. Juni 1942 zusammen mit seiner Frau und seinen beiden Töchtern bei der Deportation aus dem Krakauer Ghetto von deutschen Besatzern erschossen – an der Ecke Dąbrówki / Janowa Wola.

An seinem Wohnhaus in der Berek-Joselewicz-Straße 5 erinnert seit 1992 eine Gedenktafel: „Sei gesund, mein Krakau. Mordechaj Gebirtig (1877–1942) – Tischler, Dichter, Sänger.“

Plastikmeer

Eeltsje Hettinga

SCHIFF VOGEL LAND
Substitute, The Who

Aufgeschlitzt lag mein Körper an der
Küste unterm schaumflockigen Horizont.

Eine Fundgrube von Unrat und Müll
war ich. Der Magen quoll über von allem

was unvergänglich Ewigkeit besaß: just
plastic, so daß ich von Kopf bis Schwanz

schon flügelbreit ausgestopft war, bevor
ich aus eignem Gefieder fliegen konnte.

Es war unter dem Glockenschlag, der bei
Wierum über die Salzwiesen dröhnte, daß

ich aufwachte aus meinem Traum, verstört
von einem wirbelnden Schnee, Körnern

mit einer Seele so dumm wie Öl. Und wo
Hagelkorn auf Drift weiß die Felder

und Äcker peitschte, wußte ich: We're all
born with a plastic spoon in our mouth.

Aus dem Friesischen von Ard Posthuma, aus: Sinn und Form 4-2020, S. 505

Eeltsje Hettinga (* 9. Februar 1955 in Burgwerd) ist ein friesischer Dichter, Schriftsteller und Übersetzer, der 2017–2019 als erster „Dichter van Fryslân“ (Friesland, niederländische Provinz) fungierte.  Seine Gedichtbände wie Akten fan Winter (1998) und Dwingehôf (2000) zeichnen sich durch eine persönliche Mythologie von Vergangenheit, Erinnerung und Tod aus.  Zudem engagiert er sich literarisch durch Übersetzungen ins Friesische sowie durch Projekte wie das Internet-Literaturmagazin „Kistwurk“.  

Der Song, aus dem zitiert wird

Lesung mit Publikum und Spitzel

456 Wörter, 2 Minuten Lesezeit.

Früher gab es Zeitungen, die schickten Leute auf Lesungen, damit sie für sie berichteten. Dann gab es den Staat DDR, der institutionalisierte das Verfahren. Spitzel gingen im Auftrag des Geheimdienstes zu Lesungen und lieferten Berichte ab, nicht für die Veröffentlichung, sondern zur Ablage und wie auch immer gearteten „operativen“ Auswertung. Hier ein Beispiel vom 22. November 1981. Im (privaten) Literarischen Salon von Ekkehard Maaß las der Dichter Wolfgang Hegewald, von Beruf Friedhofsgärtner. Hier ein Text von ihm.

NÄRRISCHE NACHRICHT

MEIN kleiner narr liebt außergewöhnliche wege.
Diesmal klimmt er das fallrohr empor, ich höre, wie
sich sein schnaufen nähert, schon erkenne ich seine
behende gestalt, die über die dachrinne turnt, ein
geborener narr wiegt so gut wie nichts.
Ich greife dem ritus nicht vor: dreimaliges klopfen
und das schwenken des grünen sozialversicherungsaus-
weises hinter der scheibe, dann öffne ich das fenster.
Mein kleiner narr zwängt den oberkörper
hinein, stemmt die ellbogen in den rahmen und
hält's flache gesicht grüßend schräg ins licht.
Nach sieben jahren, füstert mein kleiner
narr, indes sein körper im fenster zu zappeln anfängt,
kaum zu glauben, nach sieben Jahren hat mich der
könig, jawohl, seine exzellenz selbst, nach sieben
düsteren jahren also hat mich majestät zum lachen
gebracht, das flüstert er mir zu, mein kleiner, ein-
geklemmter narr, und er will sich neuerdings schier
ausschütten vor gelächter.
Ich sehe vom zimmer aus das konspirative zucken des
hintern meines kleinen narren in der zitronengelben
hose, ein schäbiger mond, der animierend über der
dunklen Straße tanzt.

Und hier der Bericht des „IM“ (Inoffiziellen Mitarbeiters) „David Menzer“ alias Sascha Anderson.

Information zur Lesung am 22.11.1981 bei Familie Maaß von Wolfgang Hegewald
Wolfgang Hegewald hat einen Ausschnitt aus einer Erzählung vorgelesen, an der er gerade schreibt. Sie soll ungefähr 150 Seiten umfassen. Er hat ungefähr 90 Seiten geschrieben.
Wolfgang Hegewald hat eine Gegenwartsgeschichte geschrieben, in der es darum geht, dass ein Ehepaar während eines Auslandsbesuches in Ungarn oder CSSR, das ist nicht ganz klar, ich glaube der CSSR, verhaftet wurden, weil sie Kontakt zu einem Österreicher hatten, und für einen Tag festgesetzt waren.
Zwei parallel laufende innere Monologe zur Situation.
Ich habe ein Band mit der Lesung übergeben, die Gäste bei der Lesung waren das übliche Publikum. Die Berliner jungen Schriftsteller Döring, Rosenthal, Hilbig, Kulikowski, Rathenow, Eue, Brasch, Katja Lange, der Dresdner Uwe Hübner und Anderson, die Eisenacher Lyrikerin Christa Moog, die Maler Cornelia Schleime, Ralf Kerbach, [Name geschwärzt) und [Name geschwärzt) aus Meißen, die alle an der Dresdner Schule studiert haben. Roland Manzke, Leonard Lorek, Paul Gratzik und Elke Erb.

So wusste der Staat immer, was seine Dichter und ihre Zuhörer so machten.

Aus: sprachzeiten. Der Literarische Salon von Ekke Maaß. Eine Dokumentation von 1978 bis 2016. Herausgegeben von Peter Böthig. Berlin: Lukas Verlag, 2017, S. 87

Wolken

123 Wörter, 1 Minute Lesezeit

Ein Gedicht aus der jüngsten Ausgabe der österreichischen Zeitschrift Manuskripte.

Felix Philipp Ingold

Die Wolken stoppen

«Tu du's!» Elias Canetti

Die Wolken stoppen. Blitz ausschalten. Dem
Hundewetter das Gebell abdrehn.
Die Zypressen zum Trauermarsch antanzen
lassen. Leerfegen die Allee
zum Friedhof hin. Hinschmeissen
die Erinnerung an alle
die verschieden sind und sowieso nicht
mehr zu unterscheiden. Mit
einem Sensordruck die allerletzten Worte
löschen – ihre Wahrheit ist
bekanntlich nie nicht gelogen. (Wie
die der Sterne oder ... oder
des gesunden Menschenverstands.)
I thought bekennt Auden
that love would last for ever: I was wrong.
Also fort-da mit der Sonne.
Dann sind endlich auch die Schatten weg.

(Auf einem Foto ein Quader mit der Inschrift: Dort! sind Wolken Dank.)

Aus: manuskripte. weiter schreiben. 249/2025, S. 146

Jetzt wollen wir

152 Wörter, 1 Minute Lesezeit.

Heft 56 des Berliner „Abwärts!“ (mit Ausrufezeichen) ist erschienen, mit Gedichten von HEL Toussaint, Tom Riebe, Kai Pohl, Brigitte Struzyk, Charles Plymell und vielen anderen sowie mit Beiträgen zum Tod des Dramatikers Lothar Trolle von Volker Braun und anderen (Mehr zum Inhalt hier). Darin auch das heutige Tagesgedicht.

J. M. Koerbl

Jetzt wollen wir

wozu noch länger warten
die stecken sind geschnitzt
die geier wollen starten
steht in beton geritzt

jetzt wollen wir verbrennen
in einem feuerschmaus
und durch die hölle rennen
denn das ist unser haus

und knieen vor dem schänder
noch als gehäutet kind
im fäulnisgrab der länder
wo wir vergessen sind

denn keine kunst des ekels
hat jemals das gekreisst
was sich aus uns gerekelt
und jetzt die hand zerbeisst

dabei in tiefem schmoren
ein grauen oder sang
hochfährt in das verloren
der ganze menschendrang

mitfliegen die gedichte
und röcke meiner nichte
die sich zum urknall bauschen
im hintergrundrauschen

weniger schrift

165 Wörter, 1 Minute Lesezeit

Heute vor 80 Jahren, am 27. Oktober 1945, wurde Reinhard Priessnitz in Wien geboren.

Sein Werk gilt als eine der prägnantesten Sprachbefragungen der österreichischen Nachkriegsavantgarde – zwischen Konkretion, Reduktion und musikalischer Sprachauflösung.

Für heute „am offenen mehr“.

Reinhard Priessnitz

(* 27. Oktober 1945 in Wien; † 5. November 1985 ebenda)

am offenen mehr

nu, warum blust de die trompeit?
j. van hoddis

weniger hintern, auge, hirn,
das wär schon alles. weniger hand,
gut. weniger schrift. das bild weg;
weniger worte. keine schaltungen,
ausflüsse, kein dampf! wegtutend
fortschreiben. weniger wellen.
kein papier mehr. weniger auch
arschposaunen. abblasen. kein jetzt!

Aus: Atlas der neuen Poesie. Hrsg. Joachim Sartorius. Reinbek: Rowohlt, 1995, S. 219

Reinhard Priessnitz war Autor, Lektor, Essayist und eine Schlüsselfigur der österreichischen Avantgarde der 1970er und 1980er Jahre.

Sein Werk gilt als präzise Reflexion über Sprache selbst – zwischen Philosophie, Poesie und Musik. Das kurze, komplex verschaltete Gedicht „am offenen mehr“ spielt mit Auflösung, Klang und Abwesenheit – ein ironisches Echo auf den Expressionismus und eine Selbstverweigerung des Pathos.

Was mir gehört ist meins

301 Wörter, 2 Minuten Lesezeit.

Monica Arach

DER TEUFEL SOLL DICH HOLEN

Was mir gehört ist meins
was dir gehört ist deins
meine Nägel gehören mir
wenn ich Lust habe sie blutig anzumalen
schau nicht finster
wir haben alle die Wahl
mein Hintern gehört mir
wenn ich versuche ihn in elastische Bänder zu zwängen
starre ruhig weiter
ich schwinge ihn und schieb ihn dir ins Gesicht
meine Nase gehört mir
wenn ich sie unbedingt anschirren will
brüll ruhig weiter
doch denk dran ich bin kein Hausschwein
auch mein Bauch gehört mir
ich stopfe ihn mit Fetten voll
mit Luft und Babys wenn es mir gefällt
ich mache ihn leer wenn ich Lust dazu habe

Und mach den Mund nicht auf
um was zu sagen
ich bin jetzt schon enttäuscht von dir

Aus dem Englischen von Margitt Lehbert, aus: Die Welt über dem Wasserspiegel. Berliner Anthologie. Betrachtet und eingeleitet von Joachim Sartorius. Herausgegeben von Ulrich Schreiber. Berlin: Alexander Verlag, Juni 2001, S. 143

DAMN YOU

What is mine is mine
what is yours is yours
my nails are mine
if I desire to paint them bloody
don't frown
we all have choices
my buttocks are mine
if I strive to stuff them in lastic strings
gape on
I'll wiggle them and shove them in your face
my nose is mine
if I am dying to harness it
holler on
but remember I ain't a hog
my belly too is mine
I'll fit it with fats
gas and babies if I want
I'll empty it when I desire

And don't open your mouth
to say a word
I am already disappointed in you

Ebd. S. 142

MONICA ARACH geboren 1979 in Gulu, Uganda. Sie studiert Literatur und Englisch in Kampala und schreibt Kurzgeschichten und Gedichte. Momentan arbeitet sie an ihrem ersten Roman „Spears of Fate“. Ebd. S. 236

Magie in Knittelversen

521 Wörter, 3 Minuten Lesezeit.

Das heutige Gedicht wird vielleicht kurios erscheinen. Philosophie in Knittelversen, 2013 aus dem Nachlass des fast 70 Jahre früher gestorbenen Autors von einem kleinen Lyrikverlag erstveröffentlicht. Hier ist der Anfang des Gedichts „Magie in Knittelversen“, 1941 von dem vor den Nazis nach Paris geflüchteten Autor Salomon Friedländer alias Mynona geschrieben. Die Deutschen waren inzwischen in Paris. „Im Juni 1940 besetzten deutsche Truppen kampflos Paris, im Juli 1942 wurden fast 13.000 Juden deportiert (la rafle du vel d’hiv; man sehe Roselyne Boschs Film Die Kinder von Paris, 2010). Seit Ende 1941 verließ Friedlaender anderthalb Jahre lang seine Wohnung nicht. Aus der Phase vor dieser gewiß nicht freiwilligen Isolationshaft des Siebzigjährigen stammt das folgende Werk.“ (S. 4)

MAGIE in Knittelversen
von Mynona.
Paris
VIII. 1941
Freundliche Einladung

Diese Vernunftmagie kam durch Kant zu Wort, 
Sein Thronfolger Ernst Marcus setzte sie fort.
Mög' es fröhlichen Knittelversen gelingen, 
Alle Menschenherzen damit zu durchdringen, 
Um die allgemeine Wohlfahrt heiter herbeizuzwingen!

I

Sie sind doch kein mikrokephalischer Azteke?
Also gehn wir mal in 'ne geistige Apotheke!
Sie mögen sich bequemen, 
Ein paar Pillen zu nehmen, 
Auch wenn die bitter schmecken, 
Denn, statt zu verrecken, 
Werden Sie unsterblich gesunden - 
Bitte streun Sie dies Heilsalz in Ihre Wunden!
Selbstverständlich müssen Sie dosieren, 
Sich allmählich steigern, klug probieren, 
Und eh' Sie sich's versehen, 
Ist es um all Ihr Elend geschehen, 
Ihr Leben wird Ihnen lachen.
Aus lauter klagenden Narren wird diese Kur lachende Weise machen.

II

Das ist aber keine Hokuspokusmagie, 
Kein Ockul- & Spiritismus, weder Alchymie noch Astrologie –
Sondern magische Kraft 
Der Vernunft und Wissenschaft.
Jede andre Magie lügt, 
Der Vernunftwille genügt.
Lernt diesen Willen erst einmal kennen, 
Dann wird er klar leuchten, statt mystisch zu brennen.
Erkennt euch selbst, so wird die äußre Welt 
Durch euer Innen erhellt und besser bestellt.
Kein Wunder, daß über Ohnmacht flennt, 
Wer seine eigene Macht noch nicht kennt.
Der eigene Wille (ich lache)
Ist noch eine geheimnisvoll komische Sache.
Lest mal bei Kant von des Vorsatzes Magie,
Sonst erkennt ihr die eigene Macht nie.
Beherrscht der Wille nicht den eigenen Leib?
Herauszukriegen, wie, ist der beste Zeitvertreib.
Äußere Abenteuer reizen,
Aber's gilt die Begier fürs Innre zu heizen.
Zu Kolumbus, Kopernikus gesellt sich höher auch Kant 
Und eröffnet der Selbsterkenntnis Land.

III

Ist's banal, daß dein Wille deine Glieder bewegt?
So daß sich keine Verwundrung darob in dir regt?
Und doch ist das kein selbstverständlicher Plunder, 
Sondern magisches Wunder: –
Denn dieser dein Wille ist ein magischer Geist, 
Desgleichen die übrige Natur nichts aufweist.
Natur wirkt blindlings maschinell, 
Der Wille intelligent, prognostisch hell.
Die Muskulatur bliebe verkrampft oder stille, 
Wär ihrer Bewegung Ursache nicht der sie sich vorstellende Wille.
Der bringt die Glieder in gehorsamen Schwung, 
Denn der Wille wirkt physisch als Kraft der Vorstellung.
Das wollende Ich befiehlt deinem Leib, 
Und der gehorcht wie ein sanftes Weib.
Was folgt hieraus? Beachte das recht, 
Vielleicht gelingt's nicht schlecht, 
Diese magische Macht des Willens so zu verstärken, 
Daß du gelangst zu Wunderwerken.

Aus: Salomo Friedlaender / Mynona: Magie in Knittelversen, aus dem Nachlass herausgegeben von Detlef Thiel. hochroth Berlin, 2013, S. 9-11

Erstveröffentlichung nach einem Manuskript von VIII. 1941.

Das Original befindet sich im Deutschen Literaturarchiv Marbach.