Joochen Laabs
(* 3. Juli 1937 in Dresden)
Nun steh ich starr in meinem kleinen Jammer
Und tu, als stünd die ganze Welt in Flammen,
als bräche alles, was sie hielt, zusammen,
und ist doch bloß in meiner Rippenkammer
die Seele oder was darin gefangen,
die an dem Riegel rüttelt, und
nun läuft sie sich im Kreise wund,
obwohl sie weiß, sie wird nie raus gelangen.
Und sollt es doch geschehen, wie es manchmal geht,
es ändert nichts, denn dann ist es zu spät.
Aus: Es gibt eine andere Welt. Neue Gedichte Eine Anthologie aus Sachsen. Herausgegeben von Andreas Altmann und Axel Helbig. Mit einem Nachwort von Peter Geist. Leipzig: poetenladen, 2011, S. 41
Daniel Böswirth
sam ma a bisserl deppat
sam ma a bisserl deppat
sam ma a bisserl gscheit
sam ma a bisserl gonz deppat
sam ma a bisserl gonz gscheit
sam ma a bisserl gonz deppat im hian
sam ma a bisserl gonz gscheit im hian
na dea is gscheit deppat
na dea is deppat gscheit
na dea is deppat wia gscheit
Aus: Daniel Böswirth: vexierkavalier. moritaten, lieder, psychogramme. Wien: Edition Melos, 2025, S. 125
Daniel Böswirth, geboren 1968 in Kaltenleutgeben, lebt als freier Autor, Grafiker und Fotograf in Wien. Arbeiten für den Österreichischen Rundfunk sowie Prosa und Lyrik in Literaturzeitschriften und diversen Anthologien und im Wildleser Verlag. Arbeitsstipendium der Stadt Wien für Literatur 1999 und 2020.
Zuletzt erschienen: von den bösen viechern (fürth ohne thVerlag/ Nachtbilder. Ö1, 2024).
361 Wörter, 2 Minuten Lesezeit
Mary Oliver
(* 10. September 1935 in Maple Heights, Ohio; † 17. Januar 2019 in Hobe Sound, Florida)
Der Sommertag
Wer machte die Welt?
Wer machte den Schwan und die Schwarzbärin?
Wer machte die Heuschrecke?
Diese Heuschrecke hier meine ich –
die sich selbst aus dem Gras katapultiert hat,
die jetzt Zucker aus meiner Hand frisst,
die ihre Kiefer vor- und zurückschiebt statt auf- und abwärts –,
die ringsumher starrt mit ihren riesigen, komplexen Augen.
Jetzt hebt sie die Vorderbeine und wäscht ihr Gesicht.
Jetzt klappt sie die Flügel auf und gleitet davon.
Ich weiß nicht genau, wie ein Gebet aussieht.
Ich weiß, wie man Aufmerksamkeit schenkt, wie man
ins Gras fällt, wie man sich ins Gras kniet,
wie man müßig und gesegnet ist, wie man durch die Felder streunt,
denn das ist es, was ich den ganzen Tag machte.
Sag, was hätte ich sonst machen sollen?
Stirbt nicht alles am Ende und viel zu schnell?
Sag mir, was hast du vor
mit deinem wilden, kostbaren Leben?
Aus: Mary Oliver, Sag mir, was hast du vor mit deinem wilden, kostbaren Leben. Gesammelte Gedichte. Aus dem amerikanischen Englisch und mit einem Nachwort von Jürgen Brôcan. Mit einem Vorwort von Doris Dörrie. Zürich: Diogenes, 2023, S. 300
The Summer Day
Who made the world?
Who made the swan, and the black bear?
Who made the grasshopper?
This grasshopper, I mean –
the one who has flung herself out of the grass,
the one who is eating sugar out of my hand,
who is moving her jaws back and forth instead of up and down —
who is gazing around with her enormous and complicated eyes.
Now she lifts her pale forearms and thoroughly washes her face.
Now she snaps her wings open, and floats away.
I don't know exactly what a prayer is.
I do know how to pay attention, how to fall down
into the grass, how to kneel down in the grass,
how to be idle and blessed, how to stroll through the fields,
which is what I have been doing all day.
Tell me, what else should I have done?
Doesn't everything die at last, and too soon?
Tell me, what is it you plan to do
with your one wild and precious life?
231 Wörter, 1 Minute Lesezeit
Tomasz Różycki
Kreolen, Mestizen
Dass du wunderlich bist und ich wunderlich bin,
trifft sich fabelhaft, gemeinsam verwundern wir
die Welt. Spaziernde Familien werden mit
dem Finger auf uns zeigen, wir werden berühmt
werden und geheimnisvoll sein, sie werden auch Filme
über uns drehen, alles unwahres Zeug. Wir ziehen
mitten im Dezember des Nachts in irgendeine Bude ein
und machen da Liebe und ansonsten soll nichts
anderes geschehen. Wir hatten das Glück, einander
in dieser riesigen Welt zu treffen, man kann uns nur an
der Zunge erkennen. Zeig’ die Zunge her, Kätzchen.
Ich erzähl’ dir ein Märchen. Wir bleiben zusammen,
das trifft sich fabelhaft, und die Zunge wird uns verraten,
die Welt töten, uns in Tau und Asche verwandeln.
Aus dem Polnischen von Dagmara Kraus, in: Mütze #26, 2020, S. 1327
Kreole, metysi
Skoro ty jesteś dziwna i ja jestem dziwny,
to się wspaniale składa, razem zadziwimy
świat, będą pokazywać nas palcem rodziny
wychodzące na spacer, staniemy się słynni
i bardzo tajemniczy, nakręcą też filmy
o nas, zupełnie nieprawdziwe. Wprowadzimy
się w nocy, w środku grudnia do pewnej meliny
i będziemy tam robić miłość i nie będzie innych
spraw ani zajęć. Przyszło nam się spotkać
w takim ogromnym świecie, można nas rozpoznać
jedynie po języku. Pokaż język, kotku.
Opowiem ci bajeczkę. Będziemy już razem,
tak się wspaniale składa, i język nas zdradzi,
świat zabije, zamieni na rosę i popiół.
Ebd. S. 1326
191 Wörter, 1 Minute Lesezeit
Ernst Stadler
(* 11. August 1883 in Colmar, Elsass; † 30. Oktober 1914 bei Zandvoorde nahe Ypern in Belgien)
In der Frühe
Die Silhouette deines Leibs steht in der Frühe dunkel vor dem trüben Licht
Der zugehangnen Jalousien. Ich fühl, im Bette liegend, hostiengleich mir
zugewendet dein Gesicht.
Da du aus meinen Armen dich gelöst, hat dein geflüstert
»Ich muß fort« nur an die fernsten Tore meines Traums gereicht –
Nun seh ich, wie durch Schleier, deine Hand, wie sie mit leichtem Griff
das weiße Hemd die Brüste niederstreicht . .
Die Strümpfe . . nun den Rock . . das Haar gerafft . . schon bist du fremd,
für Tag und Welt geschmückt . .
Ich öffne leis die Türe . . küsse dich . . du nickst, schon fern, ein Lebewohl . .
und bist entrückt.
Ich höre, schon im Bette wieder, wie dein sachter Schritt im Treppenhaus
verklingt,
Bin wieder im Geruche deines Körpers eingesperrt, der aus den Kissen
strömend warm in meine Sinne dringt.
Morgen wird heller. Vorhang bläht sich. Junger Wind und erste Sonne will herein.
Lärmen quillt auf . . Musik der Frühe . . sanft in Morgenträume eingesungen
schlaf ich ein.
Aus Die schönsten Liebesgedichte aus 7 Jahrhunderten. Hrsg. Thomas + Mariam Montasser. Hamburg: Xenos, 1993, S. 526
883 Wörter, 5 Minuten Lesezeit
The Call Of The Second Aethyr
Can the wings of the wind understand your voices of wonder? O ye, the second of the first, whom the burning flames have framed in the depths of my jaws; whom I have prepared as cups for a wedding or as flowers in their beauty for the chamber of righteousness. Stronger are your feet than the barren stone, and mightier are your voices than the manifold winds. For you are become a building such as is not, save in the mind of the all powerful.
In diesem Video spricht bzw. singt Crowley das Gedicht „The Call Of The Second Aethyr“ zunächst auf Englisch und dann nach einer kurzen Pause auf „Enochianisch“.
Der Ruf des zweiten Äthers
Können die Flügel des Windes eure Stimmen des Staunens begreifen?
O ihr, die Zweiten der Ersten,
die die brennenden Flammen in den Tiefen meiner Kiefer geformt haben;
die ich bereitet habe wie Kelche für eine Hochzeit
oder wie Blumen in ihrer Schönheit
für die Kammer der Gerechtigkeit.
Stärker sind eure Füße als der unfruchtbare Stein,
und mächtiger eure Stimmen als die vielen Winde.
Denn ihr seid geworden ein Bau,
wie er nicht ist –
außer im Geist des Allmächtigen.
Kann man diesen Text in einer der drei Sprachen – Englisch, Enochianisch* und Deutsch – „verstehen“? Diese Frage habe ich an ChatGPt delegiert, hier die Antwort.
Sehr gute Frage — und sie trifft genau das Spannungsfeld, in dem Enochian-Texte (und Crowleys Gebrauch davon) stehen.
Kurz gesagt: „verstehen“ lässt sich dieser Text nicht im rationalen oder diskursiven Sinn, wohl aber symbolisch, mystisch und poetisch.
Hier einige Ebenen, auf denen man ihn verstehend lesen kann:
1. Magisch-visionärer Kontext
Der „Call of the Second Aethyr“ gehört zu den neunzehn sogenannten Enochian Calls, Beschwörungen, die John Dee und Edward Kelley von Engeln empfangen haben wollten. Crowley hat diese im frühen 20. Jahrhundert rezitiert und visionär „bereist“, d. h. er verstand die Aethyrs als aufeinanderfolgende Bewusstseinsebenen oder Sphären der Erkenntnis.
→ In diesem Sinn ist der Text ein Schlüssel zu einer Schau, nicht ein rationaler Text.
2. Symbolische Sprache
Begriffe wie „Flügel des Windes“, „Kelche für eine Hochzeit“, „Kammer der Gerechtigkeit“ oder „Bau im Geist des Allmächtigen“ sind Bilder aus alchemistischer, biblischer und mystischer Symbolik:• Wind = Geist, Inspiration, göttlicher Atem.
• Kelch/Hochzeit = Vereinigung von Gegensätzen, alchemistisches coniunctio.
• Kammer der Gerechtigkeit = Ort der Läuterung, des inneren Gerichts.
• Bau im Geist = spirituelle Welt oder göttliche Ordnung.Das sind Metaphern für spirituelle Transformation – nicht logische Aussagen.
3. Poetische Funktion
Auch losgelöst vom okkulten Hintergrund wirkt der Text als lyrischer Ausdruck des Erhabenen. Er spricht in einer Sprache, die eher Ergriffenheit und Größe erzeugt als Information vermittelt – wie viele Passagen in prophetischer oder visionärer Dichtung (etwa bei Blake oder Hölderlin).
4. Crowleys Deutung
Für Crowley war die Enochianische Sprache ein Werkzeug der Bewusstseinserweiterung. „Verstehen“ hieß für ihn, die Schwingung der Worte auf sich wirken zu lassen, nicht sie zu übersetzen. Er meinte: „The words are not to be reasoned with, but vibrated.“
→ Der Sinn entsteht im Erleben, nicht im Nachsprechen.
Fazit:
Verstehen kann man den Text nur, wenn man akzeptiert, dass er nicht erklären, sondern erwecken will. Er ist weniger Mitteilung als Beschwörung einer inneren Erfahrung, eine Art poetischer Zauberspruch zwischen Gebet, Liturgie und Vision.
Möchtest du, dass ich den Text danach zeilenweise kommentiere – also erkläre, was jede Bildgruppe symbolisch bedeutet?
(Darauf habe ich denn verzichtet.)
* ) Wenn man das also als „Poetizität“ wahrnimmt, warum nicht gleich auf Enochianisch.
Die sogenannte Enochianische Sprache entstand im späten 16. Jahrhundert aus den magischen Arbeiten des englischen Gelehrten John Dee und seines Mediums Edward Kelley. Sie behaupteten, diese Sprache in Visionen direkt von Engeln empfangen zu haben – als die „Sprache Adams“ vor dem Sündenfall. Enochianisch besitzt ein eigenes Alphabet, eine eigentümliche Grammatik und eine Reihe liturgischer Texte, vor allem die neunzehn „Keys“ oder „Calls“, die den Zugang zu Engelsreichen eröffnen sollen.
Aleister Crowley griff die Enochian-Sprache in seinen magisch-mystischen Schriften auf und integrierte sie in die Rituale des „Hermetic Order of the Golden Dawn“ und später seiner „Thelema-Lehre“. Für ihn war Enochianisch nicht bloß eine Erfindung, sondern ein Instrument zur Kontaktaufnahme mit transzendenten Bewusstseinsebenen – eine poetisch-magische Sprache zwischen Offenbarung und Erfindung. Jedenfalls hat er das behauptet. Für mich aber ist das poetische Glossolalie, wie sie die russischen Futuristen oder später die Dadaisten und andere Klangpoeten praktizierten.
273 Wörter, 1 Minute Lesezeit
Conrad Ferdinand Meyer
(* 11. Oktober 1825 in Zürich; † 28. November 1898 in Kilchberg bei Zürich)
Eines der schönsten Gedichte des Schweizer Dichters Conrad Ferdinand Meyer, der heute vor 200 Jahren geboren wurde, hat nur 8 Verse, jeder 8 Silben kurz außer dem letzten, achten, der nach nur noch 4 Silben das Klangwunder zum Stehen bringt. Ein Dinggedicht in 60 Silben, nur anders als das Ding selber, der beschriebene römische Brunnen in der Villa Borghese, plätschert es nicht endlos fort, sondern hat ein merkliches Ende, durch das das Gedicht überhaupt erst ein eigenes wahrnehmbares Ding wird.
Diese Perfektion in 60 Silben war hart erarbeitet. Nicht weniger als 7 Fassungen in 22 Jahren brauchte es, bis alles stimmt. Hier die erste Fassung von 1860 und dann die gültige von 1882.
SPRINGQUELL
Es steigt der Quelle reicher Strahl
Und sinkt in eine schlanke Schaal'.
Das dunkle Wasser überfließt
Und sich in eine Muschel gießt.
Es überströmt die Muschel dann
Und füllt ein Marmorbecken an.
Ein Jedes nimmt und gibt zugleich
Und allesammen bleiben reich,
Und ob's auf allen Stufen quillt,
So bleibt die Ruhe doch im Bild.
Das sind nur 2 Zeilen / 12 Silben mehr als in der letzten Fassung (Zwischenfassungen griffen dann noch weiter aus), aber wirkt im Vergleich fast geschwätzig. Man kann untersuchen, warum das so wirkt. Der harte Paarreim scheint daran mitzuwirken, überflüssige Wörter werden gestrichen.
Der römische Brunnen
Aufsteigt der Strahl und fallend gießt
Er voll der Marmorschale Rund,
Die, sich verschleiernd, überfließt
In einer zweiten Schale Grund;
Die zweite gibt, sie wird zu reich,
Der dritten wallend ihre Flut,
Und jede nimmt und gibt zugleich
Und strömt und ruht.

117 Wörter, 1 Minute Lesezeit
In einer Reihe von Gedichten über Kunstwerke von Meret Oppenheim, Francis Bacon, Albrecht Dürer und anderen erkundet Nicolai Kobus die Beziehung von Bild und Sprache – veröffentlicht in Mütze #15 (2017).
Nicolai Kobus
almost a squaremeter of face
warum sollte ich denn originell
sein wollen? alles gezeigt alles
gedacht alles gesagt nur mein
gesicht birgt eine gewisse un
verwechselbarkeit in draufsicht
morgens im spiegel der finger
zieht einen sehr bestimmten
strich durchs kondenswasser
wie beim verwerfen der negative
auf kontaktabzugsstreifen
identität vielleicht in seriellen
nuancen zwischen cyan yellow
und magenta fast schwarz nur
der schlagschatten im hinter
grund eine zweite oberfläche
Andy Warhol, The Shadow, 1981
Siebdruck auf Papier, 96,5 × 96,5 cm
Aus: Mütze #15/ 2017, S. 740
344 Wörter, 2 Minuten Lesezeit
Friedrich Hölderlin (1770–1843)
An die Parzen
Nur Einen Sommer gönnt, ihr Gewaltigen!
Und einen Herbst zu reifem Gesange mir,
Daß williger mein Herz, vom süßen
Spiele gesättiget, dann mir sterbe.
Die Seele, der im Leben ihr göttlich Recht
Nicht ward, sie ruht auch drunten im Orkus nicht;
Doch ist mir einst das Heil’ge, das am
Herzen mir liegt, das Gedicht gelungen,
Willkommen dann, o Stille der Schattenwelt!
Zufrieden bin ich, wenn auch mein Saitenspiel
Mich nicht hinab geleitet; Einmal
Lebt’ ich, wie Götter, und mehr bedarfs nicht.
Quelle: Friedrich Hölderlin: Sämtliche Werke. Kritische Textausgabe, herausgegeben von D. E. Sattler. Frankfurt am Main: Luchterhand, Bd. 4: Oden I. Darmstadt und Neuwied: Luchterhand, 1985, S. 162
Uwe Kolbe (geb. 1957)
Kein Glaube an das Gedicht
Ich glaube nicht mehr ans Gedicht.
Ich glaube an Geld und Gericht,
Anwälte, Juristen, an die Macht,
abstrakte Institutionen, aber an dich,
Gedicht, glaube ich nicht.
Ich glaube an Engel, an Liebe,
an Schönheit, doch nicht an dich,
Gedicht. Ich glaube an Freunde
gewiß, lebendige Tote, ja, glaube
an Tote, an fallende Grenzen
und Reisen ins Unbekannte,
doch an, das mir am Herzen liegt,
glaube ich nicht. Oh Finanz und
oh Amt und oh Untergang,
oh Grundumsatz eines Hauses
oder der menschlichen Zelle,
ich glaub an die Wissenschaft,
sogar an die Macht des Wortes,
das in dem Gespräch fällt,
doch an das Heilige nicht, Gedicht.
Quelle: Poesiealbum 394: Uwe Kolbe. Auswahl Jürgen Theobaldy. Bilder von Klaus Dennhardt. Wilhelmshorst: MärkischerVerlag, 2025, S. 23
Poesiealbum (gegründet 1967) erscheint wieder, in der alten Aufmachung (nicht zu verwechseln mit dem Leipziger „Poesiealbum neu“ in gleicher Aufmachung, aber mit anderem Konzept), und auch nach fast 400 Heften ist noch lange nicht Schluss und lohnt sich ein Abonnement mit den preiswerten Lyrikausgaben von Altbekanntem, Neuem und Überraschendem. Wer 2025 eingestiegen ist, erhielt:
391: Klaus Möckel
392: Günter Bruno Fuchs
393: Oskar Maria Graf
394: Uwe Kolbe
Angekündigt 395: Heinz Czechowski
Im Jahr davor:
383: Jochen Grünwaldt
384: Elsa Asenijeff
385: Leo Heller
386: Rainer Malkowski
387: Ulrike Draesner
388: Ludwig Tieck
389: Fritz Grünbaum
390: Emmy Hennings
Oskar Maria Graf (1894–1967)
DIE VERLORENE GENERATION
Sie leuchten nicht mehr, jene Bilder,
die wir so lang in uns getragen.
Sie sind wie alte Straßenschilder,
verwittert und mit Rost beschlagen.
Sie klingen nicht mehr, unsre Lieder,
die wir gedichtet und gesungen.
Wir finden nur die leeren Worte wieder,
die Melodie ist längst verklungen.
Wir schworen blind auf große Thesen.
Sie sind wie Wind im Nichts zerblasen.
Und über allem liegt ein lähmendes ›Gewissen‹,
wir gleiten haltlos in sein Treibenlassen.
So leiden wir das dumpfe Weiterleben
und werden von der Zeit zerrieben.
Was in uns war, was wir dem Tag gegeben,
ist ohne jede Spur geblieben.
Und während wir mit kranken Sinnen
schmerzlich zurück ins Innre fliehn,
erheben sich rundum erstarrte Mienen,
die geisterhaft vorüberziehn.
Auch sie entschwinden wie verwischte Zeichen
aus jenen unerschöpften Jahren,
in die wir wie ein ständiges Verweichen
hineingeboren waren.
Quelle: Poesiealbum 393. Oskar Maria Graf. Auswahl Ulrich Kaufmann. Bilder von Karl Arnold. Wilhelmshorst: MärkischerVerlag, 2025, S. 17
Ulrich Koch
DIESES EINE LANGE GEDICHT, IN DEM WIR AUFGEWACHSEN SIND
Dieses eine lange Gedicht, in dem wir aufgewachsen sind,
begann an einem sonnigen Tag
kurz nach der Mitte des Lebens.
Die erste Hälfte war so groß gewesen,
dass wir sie heimlich lasen.
Dann wuchsen die Pfade hinunter zum Fluss allesamt zu.
Auf den Klingelschildern erblindeten die Namen
durch gepanschten Schnaps.
Je müder wir wurden, umso näher
kamen die Tiere
an uns heran.
Um wach zu bleiben, rochen wir
an den Mänteln der Abwesenden.
Wir kommunizierten mit ihnen über Rückkopplungen,
wie Berge.
In den Mittagspausen standen wir an Stehtischen
und saugten das Gift aus Bisswunden.
In den gestrandeten Walen wuchs der Zweifel:
Sie lagen in zugeparkten Alleen und atmeten schwer
unter blühenden Kastanien.
In den aufgegebenen Gärten
standen die Schaukeln in ihren Betonschuhen
und sahen aus wie Richtstätten
wie früher die Richtstätten wie Schaukeln.
Hatte jemand sein Hemd schief geknöpft,
gab es Schnee.
Manchmal war es so still, wir hörten
jemand auf dem Mond auf einen Zweig treten.
Abends bildeten unsere Sätze Schlafgesellschaften,
Fetzen, die zu schwarzen Wolken verwehten
und trieben, bis sie sich niederließen
in einem unserer abwegigsten Gedanken.
Unsere Gesichter auf den alten Gruppenfotos drehten sich ins Licht
wie Sonnenblumen.
Der Weizen wuchs auf Augenhöhe der Beichtstühle.
Wir waren blass vom Nachtlicht der Telefonzellen
und dufteten nach Sonnenöl.
Wenn von der Bahnlinie hinter dem Forst die Züge zu hören waren,
gab es am nächsten Morgen Regen.
Die Birken neben dem Bahndamm
hörten auf die Geburtsnamen schlesischer Mädchen.
Aus: Ulrich Koch, Dies ist nur der Auszug aus einem viel kürzeren Text. Gedichte. Salzburg: Jung und Jung, 2021, S. 17f
365 Wörter, 1 Minute Lesezeit pro Sprache
Roberto Juarroz
(* 5. Oktober 1925, heute vor 100 Jahren, in Coronel Dorrego, Provinz Buenos Aires; † 31. März 1995 in Temperley, Provinz Buenos Aires)
JEDES GEDICHT MACHT DAS VORHERIGE VERGESSEN,
radiert die Geschichte aller Gedichte aus,
radiert seine eigene Geschichte aus
und auch die Geschichte des Menschen,
um ein Gesicht aus Worten zu gewinnen,
das der Abgrund nicht ausradieren kann.
Auch jedes Wort eines Gedichts
lässt das vorherige vergessen,
löst sich einen Moment
vom vielgestaltigen Baumstamm der Sprache
und trifft sich danach mit den anderen Worten wieder,
um den unumgänglichen Ritus zu erfüllen,
eine andere Sprache zu begründen.
Und auch jede Stille des Gedichts
lässt die vorhergehende vergessen,
geht in die große Amnesie des Gedichts ein
und umhüllt Wort um Wort,
bis sie später hervorkommt und das Gedicht einhüllt
wie eine Schutzhülle,
die vor den anderen Sprecharten bewahrt.
Das alles ist nichts Außergewöhnliches.
Im Grunde
lässt auch jeder Mensch den Vorgänger vergessen,
alle Menschen vergessen.
Wenn sich nichts gleich wiederholt,
dann sind alle Dinge letzte Dinge.
Wenn sich nichts gleich wiederholt,
dann sind sie auch erste Dinge.
(im Gedenken an Antonio Porchia)
Aus dem argentinischen Spanisch von Tobias Burghardt, aus: Atlas der neuen Poesie. Hrsg. Joachim Sartorius. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt, 1995, S. 372
Cada poema hace olvidar al anterior,
borra la historia de todos los poemas,
borra su propia historia
y hasta borra la historia del hombre
para ganar un rostro de palabras
que el abismo no borre.
También cada palabra del poema
hace olvidar al anterior,
se desafilia un momento
del tronco multiforme del lenguaje
y después se reencuentra con las otras palabras
para cumplir el rito imprescindible
de inaugurar otro lenguaje.
Y también cada silencio del poema
hace olvidar al anterior,
entra en la gran amnesia del poema
y va envolviendo palabra por palabra,
hasta salir después y envolver el poema
como una capa protectora
que lo preserva de los otros decires.
Todo esto no es raro.
En el fondo,
también cada hombre hace olvidar al anterior,
hace olvidar o todos los hombres.
Si nada se repite igual,
todas las cosas son últimas cosas.
Si nada se repite igual,
todas las cosas son también las primeras.
(en la memoria unitiva de Antonio Porchia)
Magnus William-Olsson
Welches Gewicht Sappho den Knien beimisst,
wie deren Gelenke
sich lösen, wie sie hirschkalbflink in den Tanz ein
treten, wie sie nicht tragen,
wenn das Beben, das Zittern, die Erschütterung
kommt
Magnus, kaum mehr als ein Blatt
am Espenzweig bist du, ein Gebet auf deinen
spastisch zuckenden Lippen. Der Schlusssturm. Glaubst du,
den Tod kümmern
deine Knie, du Idiot, deine Liebe, deine erotischen Reptilienstiche? Sein
Kuss ist roh und fleischig, nur Fetzen bleiben
von deiner Wange, deine Lippen hängen wie zerrissene Riemen, die Zunge
ein blutiger Stumpf. Sehnst,
sehnst du dich nach der schwarzen Erde? Weine! Nein,
weine nicht, kleines Kitz, deiner Mutter Zitze… oder? Ach, diese Zitze ritzt
wie ein trockenes Blatt im
Nicht-Wind
Aus dem Schwedischen übersetzt von Peter Zimmermann, aus: Mütze #31, 2021, S. 1603
Den vikt Sapfo lägger vid knäna,
hur dess leder
löses, hur de hjortkalskvicka tråder
i dansen, hur de inte
bär när skälvningen, darret, skakningen sätter
in
Magnus, inte stort mer än ett löv
på aspkvist är du väl med en bön på dina
spastiskt ryckande läppar. Slutstormen. Tror du
döden bryr sig
om dina knän din idiot, din kärlek, dina erotiska kräldjurssting? Dess
kyss är rå och köttig, slamsor bara blir
det kvar av kinden, dina läppar hänger som trasiga remsor, tungan en blodig
stump. Längtar,
längtar du till den svarta jorden? Gråt! Nej,
gråt inte, lilla kid, din moders spene … väl? Ack, den spenen rister som ett
torrt löv i
ingen vind
Ebd. S. 1602
Magnus William-Olsson, geb. 1960 in Stockholm hat zahlreicche Gedichtbände veröffentlicht und Gedichte von Sappho, Kavafis und anderen übersetzt. Das vorliegende Gedicht ist keine Übersetzung, aber es bezieht sich auf Sappho, zumindest auf das Fragment 58 Voigt, ein Altersgedicht, in dem es heißt, die einst schwarzen Haare sind weiß und die Knie tragen nicht mehr. Falls jemand ein zweites Gedicht lesen mag, hier ist es auf Deutsch, Englisch und Griechisch.
Sappho 58 Voigt


Aus: SAPPHO, GEDICHTE. Griechisch-deutsch. Herausgegeben und übersetzt von Andreas Bagordo. ARTEMIS & WINKLER, 2009
Aus: If not, Winter. Fragments of Sappho, translated by Anne Carson. Vintage Books, 2003
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