Robert Schindel wird im Sommersemester 2010 die Poetik-Professur an der Universität Bamberg übernehmen. Der Wiener Lyriker, Romancier, Dramatiker, Essayist und Regisseur hat ein vielfältiges Werk vorgelegt, in dem die Lyrik die Hauptschlagader eines vitalen literarischen Sprachkörpers bildet. Mit seinen acht Gedichtbänden („Im Herzen die Krätze“, „Ohneland“, „Geier sind pünktliche Tiere“, „Ein Feuerchen im Hintennach“, „Immernie“, „Nervös der Meridian“, „Wundwurzel“ und „Mein mausklickendes Saeculum“) gehört Robert Schindel zu den bildmächtigsten Dichtern des gegenwärtigen Literaturbetriebs. / idw 1.3.
Was Simone Hirth eigentlich stört ist die Tatsache, dass das Wort Lyrik oft „so andächtig“ gesagt wird. „Lyrik ist für jeden da und es ist deshalb auch keine hohe Kunst“, meinte sie. Und geht sogar noch einen Schritt weiter. „Lyrik und ein Wurstbrot liegen eigentlich gar nicht so weit auseinander“, erklärt sie. Und spätestens da hat dann vielleicht auch der Letzte verstanden, was sie meint. / Monika Schwarz, Südwest-Presse 2.3.
„rien nul / n’aura été / pour rien / tant été / rien / nul“
Samuel Beckett, aus: Trötentöne
„In der Stille: am Platz / In der Stille: die Ankunft / Schatzhaus der Stille //“
Peter Handke, aus: Leben ohne Poesie
G&GN-Institut, Berlin-Neukölle (Anfang März 2010) / Wer sich mit der Zahl NULL beschäftigt, stößt definitiv an meditative Grenzen der Wahrnehmung, die nicht nur mathematischer sondern auch und vorallem mystischer Natur sind: Die NULL ist eine Art Unzahl, steht für die unzählbare Lücke im System zwischen den dualistischen Achsen Plus und Minus, Positiv und Negativ – oder mythologisch ausgedrückt: Yin und Yang und damit auch metaphorisch für das „unsagbare“ Tao „hinter“ den Polen der Dialektik. Assoziationen mit dem „ewigen“ Urzustand des Kosmos „jenseits der Unendlichkeit“ liegen nahe, also an jene Ära, die man linear betrachtet als die Unzeit vor dem Urknall bezeichnet: das Chaos [1]. Etymologisch hängt dieses Wort mit dem griechischen Verb χαίνω (klaffen, gähnen) zusammen, bedeutet also ursprünglich etwa klaffender Raum oder gähnende Leere. Nun haben sich Dichter immer schon gerne von „großen“ Zusammenhängen und „letzten“ Dingen inspirieren lassen, ja die Inspiration selber scheint oft aus einer Art überdimensionalem Unraum ins Bewußtsein zu treten, um Informationen integraler Natur in poetischer Sprache greifbar, reflexiv nachvollziehbar zu machen. Dieser gedankenleere und willenlose „Zustand Null“ findet sich sowohl bei Dichtern wie auch Mystikern, einziger Unterschied zwischen beiden Beruf(ung)en besteht in ihren sozialen Aufgaben. Während Mystiker eher für sogenannte religiöse Gebiete der Gesellschaft zuständig sind, dienen Dichter der Schaffung anspruchsvoller Unterhaltung. Modernen westlichen Gesellschaften fällt es schwer, ihre Hausdichter AUCH als Mystiker anzuerkennen (Rumi hat es da noch immer leichter!), denn es gleicht einem Verrat an der vermeintlichen Aufklärung, die allerdings inzwischen selbst in Verruf gekommen ist, da sie sich als halbherzig und unvollendet erwiesen hat. Man lese nur Werke von Peter Sloterdijk (Eurotaoismus) oder Rüdiger Safranski (Romantik), um das Ausmaß des heimlichen Bewußtseinsskandals zu erahnen. Zwei deutsche Dichter, die es geschafft haben, trotz ihres eher „unliterarischen“ oder gar „anti-literarischen“ Stils ernst genommen zu werden, und zwar gerade aufgrund der spirituellen Dimension ihrer Werke, sind die beiden Sonderfälle Ernst Meister und Hans Arp. Würde man ihre markanten Verse heutzutage einigermaßen kinskiesk expressiv auf einem Poetry Slam vortragen, würden die jungen Zuhörer höchstwahrscheinlich gut amüsiert glauben, es handle sich um vorsätzlich Esoterik-persiflierende Comedy-Literatur und nie und nimmer für möglich halten, daß es ernst gemeinte Lyrik sein solle, die aus einem ernsten Seelenzustand herrührt:
„Bin ich da? / Bin ich’s nicht? / Tellerrund / und von Äpfeln, / von Birnen schwer / ist das Licht.“
Ernst Meister, aus: JETZT
„Ich bin weder groß noch klein. / Ich komme aus dem Umrißlosen“
Hans Arp, aus: Puppen-Zyklus
Da hat es ein preisgekrönter Jungautor wie Thien Tran leichter. Auch er hätte zwar vermutlich Probleme, seine Texte auf einem Slam vorzutragen, ohne als verkopfter Langweiler zur Lachnummer zu degradieren, findet aber die nötige Beachtung für seine trendgerechten Worthülsen in jenen dafür zuständigen Institutionen und Organen des Literaturbetriebs, deren Vampirismus sich mithilfe jedes neuen „ernsten“ (nämlich schwer interpretierbaren) Dichters „von jetzt“ immer wieder in Szene setzen kann, ohne als Auslaufmodell enttarnt zu werden. Daß sich hinter der Fassade der „Sensation“ ernst gemeinter, pseudo-origineller Bildsprachen oft spätpubertäres anstatt progressives Gedankengut versteckt, interessiert niemanden, noch nicht einmal den nach Geist lechZENden Leser selbst, für den jede „moderne“ Lyrik schon mehr Tiefgang, Bedeutungsschwere und existenzielle Ablenkung vom seichten Alltagsstress bedeutet als die eigene Denkblockade ermöglicht aufgrund der Kollektivhypnose durch massenmediale Reizüberflutung mit unpoetischen Orwellschen Nachrichtenmustern, die seit Jahrzehnten austauschbar sind: Täh. Tääh. Täääh. Tääääähhhhh – guten Abend, hier ist das deutsche Fernsehen mit der Zombieshow! Einer Kritik seiner sehr floskelhaften und zeitgemäß hermetischen Intellektualität begegnet Thien Tran allerdings nur mit elitärem profilneurotischen Klage-Habitus, ohne inhaltliche Argumente für seine Bildsprache zu liefern:
„Da hier ein gewisser Herr De Toys meint, über die so klägliche Kommentarfunktion, zu einer Deutungshoheit über die ‚Null‘ gelangen zu können, und dabei mein Gedicht ‚Reduktion I‘ und meine Souveränität als Autor in Frage stellt, fühle ich mich doch dazu genötigt, dieses definitorisch ausschließende Moment des detoysschenansatzes, als ob er die Wahrheit, und nichts als die Wahrheit gepachtet hätte, etwas entgegenzuhalten, um mein Gedicht zu verteidigen. Ich verweise vorerst* auf folgenden Link bezüglich der möglichen Verstehensweisen der Null: (…) Da De Toys anscheinend auch nicht kapiert, was ich mit ‚esoterischer Lyrik‘ gemeint habe, muss ich leider auch noch auf diesen Link verweisen: (…) Daran sieht man ganz gut, von welcher Konsistenz die toysschen Gedichte sind, und wie weit entfernt von einer gewissen gesellschaftlichen Realität, also auch nicht besonders relevant, soll heissen: unbrauchbar, unerheblich für den Gegenwartsdiskurs. Machen Sie es gut, ich habe besseres zu Tun, als auf ihre wirren Schreibereien einzugehen.“
Thien Tran (26.2.10), L&Poe-Kommentar zum Ticker „EEE-Teil 1“, 26.2.10 [2]
*Anm.G&GN: bei dem polemischen „vorerst“ blieb es dann „leider“, es folgte keine weitere wissenschaftliche Verteidigungsschrift, die seine Verwendung der Zahl Null als poetische Floskel erklären könnte…
Verwirrend ist indessen, daß man beim Studium der von Tran empfohlenen Lektüre, mit der er seine Reduktion anti-esoterisch untermauern möchte, auf wirklich schockierend esoterisches Gedankengut stößt, das es noch schwieriger macht, sein erwähntes Gedicht „richtig“ zu verstehen, nämlich in einer nicht-esoterischen Weise, wie es der Autor selber wünscht. Auch wissen wir derzeit noch nicht, ob er, der sich von einem simplen Kommentar zu seinem Gedicht auf dem Internet-Portal Lyrikmail [3] in seiner Ehre gekränkt fühlte, über das Ausmaß seiner scheinbar doch etwas zu naiv verwendeten Metapher bewußt ist. Hier ein Auszug aus einem Buch, mit dem sich Tran via Linktipp rechtfertigte:
„Die Null könnte das Geheimnis unserer Existenz bergen – und auch der Existenz unendlich vieler anderer Universen. Die Null ist so mächtig, weil sie die physikalischen Gesetze aus dem Gleichgewicht bringt. In der Stunde null des Urknalls und auf dem Grund eines schwarzen Loches ergeben die Gleichungen, mit denen wir unsere Welt beschreiben, keinen Sinn. Aber die Null kann nicht ignoriert werden.“
Charles Seife, aus: Zwilling der Unendlichkeit
Ignoranz ist leicht durch Vereinnahmung vertuschbar, und gegen eben diese einseitige Vereinnahmung der großen Unzahl seitens eines „zeitgenössischen“ Lyrikers wie Thien Tran diente die kritische (und alles andere als dogmatische) Anmerkung von Tom de Toys mithilfe der vermeintlich „kläglichen“ Kommentarfunktion, um darauf aufmerksam zu machen, daß die Beschäftigung mit derart esoterisch brisanten Themen nicht einfach entesoterisiert werden kann, indem man sie auf poetische Floskeln reduziert. Natürlich wird Poesie durch diesen saloppen Mißbrauch großer Begriffe für den schnellen Hausgebrauch „brauchbarer“, ihre Fastfood-Konsistenz macht sie besonders für eine „gewisse gesellschaftliche Realität“ relevant, die sich gerne den Anstrich eines „erheblichen Gegenwartsdiskurses“ gibt – aber wer nur ein einziges Sandkorn als quantenmechanischen Lichtpunkt durch die kaiserlich nackten Klamotten in den Glashäusern diffundieren läßt, sieht weder echte Palmen noch ernst zu nehmende Preise darin sondern das Holodeck einer marktschreierischen Mafia-ähnlichen Matrix, die sich wie ein perpetuum mobile selbst stabilisiert und wie ein schwarzes Loch sogar Licht verschluckt, das von fernen Sternen stammt… Aber genug geschwätzt. Wir bitten zum Tanz um das goldene Kalb und vertrauen auf das tiefere Bedürfnis nach Wahrhaftigkeit aller Geschworenen. Verraten Sie, JA: SIE, GENEIGTER LESER, ANONYM, ANACHRONISTISCH ODER ANNA BLUMIG, der Lyrikzeitung mithilfe der aus Nullen & Einsen programmierten Kommentarfunktion, die manchmal auch Sätze dank Spamfilter für null+nichtig erklärt, per Katzundmausklick, ob SIE folgendes Machwerk für „esoterisch“ halten oder nicht. Und vorallem: WARUM??? IHRE MEINUNG IST GEFRAGT! WIR ZÄHLEN AUF IHRE FÄHIGKEIT, Gedichte für ihr eigenes Wohlbefinden zu interpretieren. Wir wollen es jetzt wirklich wissen: für wen oder was sind die folgenden Zeilen brauchbar? Warum glauben SIE, hat der Autor dieses Gedicht ÜBERHAUPT niedergeschrieben? Wir bedanken uns schon im Voraus für Ihren brutalen, bruitistischen und brachialen Beitrag, der das „höfliche“ ReZENsieren aus den sublimierten Angeln hebt – es geht hier weder um Geld noch Karriere, es geht hier AUßßCHLIEßßLICH um das poetisch-kriminelle Element zwischen den Zeilen: die gefühlte, erfahrbare Null…
Tom de Toys, 24.+28.1.2009 (c) POEMiE™ @ www.zerONEss.de [4]
HERE: „FLOW“ VERSION without centered line-cut (exclusively for L&Poe)
SUPERFLUOUS HOLeIDAY BEAT (MADe PeACE BY THE PIECE)
[13. PRAYER OF TRANSRELIGIOUS HOLeISM]
no accident by accident no birth no death no guarantee no time to grow into the show no ground no reason no season to flee no flower no power no soul to be shy and no hole to ask why this old flowerpot is empty and no flower-beds nowhere to sleep away over roses no flow to fly no flop no disc no floppy jockey yes no joke awoke no superwhoops to die OFF…LINE and out no shout no shit by the way no way out of the way to cry for hollow holiness for heroes to excuse the crime no following to follow the following no longing no belonging no beloved no bench to sit no goal to hit no bell to ring no song to sing no angel wing no Peace no War no worship and no law no starship and no rush no hour but no hush no shower gets on down your nerves no worldwide wisdom curves the never-ending universe no world no power no world power no world record and no game to play no run away no fun to stay no lessions to teach about no level to reach no links to link at the cosmic beach no drowning of no waters to waste no wasteland to watch no watch to wait no Love no Hate no artless piece no arty peace to piece together peace to- gether no no no no moment for no compliment is left to say you are DOWNLOADED down-to-earth down right because we share no ray of hope we are at the end of our rope we are enlightened we are engaged we are that stupid STREAM of middle-aged consciousness but no new age no secrets in a flash of lightning no security beyond the light no letters to write no head to head no hand to hand no hole to hold the line to drop a line between the lines
ONLINE-HINTERGRUNDQUELLRAUSCHEN:
0) http://blogs.myspace.com/index.cfm?fuseaction=blog.view&friendId=482406116&blogId=530184532
1) http://de.wikipedia.org/wiki/Chaos
2) https://lyrikzeitung.wordpress.com/2010/02/26/165-das-ekstatisch-empirisch-esoterische-moment-der-direkten-dichtung-oder-das-scheinparadoxon-der-julicher-transrealistik-eee-teil-1/]
3) http://www.lyrikpost.de/blog/2010/02/04/lyrikmail-2139-tran
4) http://knk.punapau.dyndns.org/publisher/site/knk/public/obj/page.php?obj=11838
Die Märzausgabe bringt die Eröffnung einer US-Sektion des Netzwerks (unter der Ägide der – auch in L&Poe – omnipräsenten Chicagoer Poetry Foundation).
This first USA issue offers a trio of contemporary poets. W.S. Di Piero, a poet, critic, translator and essayist, celebrates the profusion of people and events in city life in his sensory and descriptive poems. Ange Mlinko’s work explores not only the aesthetic possibilities of language but also investigates miscommunication and linguistic confusion. Atsuro Riley’s poetry is heavily sound-driven and evocative of the speech, stories and landscape of the rural South of his childhood.
To read the the current PIW issue, visit www.poetryinternationalweb.org.
Damit umfaßt das Netzwerk Dichter aus
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Aus Deutschland sind dabei:
Die Gedichte werden in der Originalsprache und auf Englisch veröffentlicht.
BY TED KOOSER, U.S. POET LAUREATE
This marks the fourth time we’ve published a poem by David Baker, one of my favorite writers. Baker lives in Granville, Ohio, and teaches at Denison University. He is also the poetry editor for the distinguished Kenyon Review.
Old Man Throwing a Ball
He is tight at first, stiff, stands there atilt
tossing the green fluff tennis ball down
the side alley, but soon he’s limber,
he’s letting it fly and the black lab
lops back each time. These are the true lovers,
this dog, this man, and when the dog stops
to pee, the old guy hurries him back, then
hurls the ball farther away. Now his mother
dodders out, she’s old as the sky, wheeling
her green tank with its sweet vein, breath.
She tips down the path he’s made for her,
grass rippling but trim, soft underfoot,
to survey the yard, every inch of it
in fine blossom, set-stone, pruned miniature,
split rails docked along the front walk,
antique watering cans down-spread—up
huffs the dog again with his mouthy ball—
so flowers seem to spill out, red geraniums,
grand blue asters, and something I have
no name for, wild elsewhere in our world
but here a thing to tend. To call for, and it comes.
American Life in Poetry is made possible by The Poetry Foundation (www.poetryfoundation.org), publisher of Poetry magazine. It is also supported by the Department of English at the University of Nebraska-Lincoln. Poem copyright ©2009 by David Baker, whose most recent book of poems is Never-Ending Birds, W. W. Norton, 2009. Poem reprinted from Virginia Quarterly Review, Vol. 84, no. 2, Spring 2009, by permission of David Baker and the publisher. Introduction copyright © 2009 by The Poetry Foundation. The introduction’s author, Ted Kooser, served as United States Poet Laureate Consultant in Poetry to the Library of Congress from 2004-2006. We do not accept unsolicited manuscripts.
Er versteht seine Gedichte nicht zuletzt als Grabinschriften für seine von den Nazis umgebrachte Familie, vor allem für seine Mutter. Und deshalb sind für ihn die üblichen Machenschaften des Literaturbetriebs, die üblichen hämischen, konkurrenzlerischen, neidischen und intriganten Stimmen, direkte Angriffe auf seine Person. Celan gelingt es nicht, dies als Mechanismen abzutun, wie es sie schon immer gegeben hat. / Helmut Böttiger über Celans Briefwechsel mit Klaus Demus, DLF 28.2.
Paul Celan/Klaus und Nani Demus: Briefwechsel
Suhrkamp Verlag, Frankfurt 2009, 675 Seiten. 34,80 Euro
Benn ist erstaunlich anschlussfähig an die künftige spät- und postmoderne Wahrnehmung, er bricht das Pathos, wenn es übermächtig zu werden scheint, und versetzt seine Sprache immer häufiger mit Alltagsslang, mit Anspielungen an die Populärkultur. Der Benn-Sound spielt mit Elementen des Pop, bevor es einen Begriff dafür gibt. Benn neigt nicht zu großen Gefühlen. Aber da er sie trotz allem ständig in sich spürt, hebelt er sie durch eine zwischen Zynismus und abgründiger Weisheit ständig changierende Artistik immer wieder aus. Einmal schickt ihm sein Brieffreund Friedrich Wilhelm Oelze eine Liste mit Fragen zu den neuesten Manuskripten, und bei Oelzes Frage nach dem Begriff »Colt« entfährt es Benn: »Colt – aber, Herr Oelze! Lesen Sie keine Kriminalromane? Ich ständig, wöchentlich 6, Radiergummi fürs Gehirn – ein berühmter amerikanischer Revolver, ohne den kein Scotland Yardmann auftritt.«
Damit lässt Benn die zeitgenössische deutsche Diskussion um »Geist« und Schicksal weit hinter sich. Benn hat aber auch eine Neigung zum Schlager. Blumen und Pflanzen leisten ihm immer wieder gute Dienste zur Seinsvergewisserung. Die Anemone kommt vor und einmal auch die Eberesche, am meisten hat es ihm allerdings die Rose angetan, und man kann sich das durchaus auch in einer anderen Form vorstellen, gesungen von der dunklen Stimme Zarah Leanders:
Wenn erst die Rosen verrinnen
aus Vasen oder vom Strauch
und ihr Entblättern beginnen,
fallen die Tränen auch.
/ Einführung in das Thema durch den Kurator der Ausstellung „Doppelleben“ Helmut Böttiger >>lesen
Man spricht leicht von Restauration und Mief der Adenauer- (und Ulbricht-)Zeit. Die Hamburger Ausstellung (#189) – schon in der Einführung von Helmut Böttiger – liefert erschreckende Fakten, die das Bild auffrischen mögen. Eine kleine Blütenlese (hach, Blüten: eine kleine Horrorshow!) in Originalzitaten sowie eine Passage über Gottfried Benn (#191):
Frank Thiess an die Witwe des von den Alliierten zum Tode verurteilten Kriegsverbrechers Alfred Jodl 1947:
Vom Standpunkt der Pharisäer aus gesehen, wurde auch Jesus bestraft, doch die Christen wendeten diese »Strafe« in ein Opfer, das er für die Sünden der Menschheit brachte, und so ging von Golgatha ein Strom des Lebens aus. Die Zelle des Generalobersten Jodl ist heute so groß wie ganz Deutschland, und die Richter über uns werden andere sein als die Männer in Nürnberg. Die Geschichte richtet immer anders als die Gegenwart.
Geburtstagsglückwunsch der FAZ für Thomas Mann zum 75., 1950:
Es geht nicht an, in Geburtstags-Sentimentalität zu vergessen, was uns von Thomas Mann scheidet. Er tritt uns als Exponent einer bis zur Dummheit gehenden Abneigung gegen Deutschland entgegen, und diesem Affekt, der ihn zu verzehren scheint, antworten aus dem Volk, dem er einmal angehörte und von dessen Schicksal er sich nicht 1933, sondern 1945 trennte, Verachtung und Wut.
Der Präsident der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung Rudolf Pechel 1950:
Wenn es noch eines Anstoßes zum Eintritt in den Kampf für geistige Freiheit bedurft hätte, so böten ihn die Vorgänge im östlichen Deutschland; sie gingen in ihrer Roheit, Gemeinheit und Dummheit noch über das hinaus, was sich die Nationalsozialisten an Unterdrückung des freien Geistes geleistet hätten.
Der Vizepräsident der Akademie Frank Thiess:
»Die Einheit Deutschlands in Ehren, doch man kann und darf sie nur auf Deutsche erstrecken, wobei ich ganz privat der Ansicht bin, daß Döblin, Zweig und Becher drei Juden und Emigranten sind, die gefühlsmäßig zusammengehören.«
Das Gründungsmitglied ebender Akademie Werner von der Schulenburg 1951:
»Ich beobachte ein Vordrängen der jüdischen Autoren, vor allem der Ausländer, speziell in unserem Theater. Wir deutschen Bühnenautoren werden, bis auf einige Emigranten, überhaupt nicht gespielt, gespielt werden dagegen sehr viele Juden, die eine lebhafte Unterstützung in der deutschen Presse finden.«
In der Hamburger Freien Akademie der Künste gibt es bis 21.3. die Ausstellung „Doppelleben. Literarische Szenen aus Nachkriegsdeutschland“ mit viel Material – auch in einem zweibändigen Katalog und online, zB:
Es gibt eigentlich keine größere Sehnsucht für einen Dichter als jene, dass die Sätze, dass die Sprache zu singen beginnt, dass die ihr eingeschriebene Musik und Rhythmik über Sinnlichkeit Sinn stiftet. Lyrik kommt ja von der Lyra. Die Oper macht den Sprach- zum Klangraum, sie ist Welttheater, weil sie immer den Weltentwurf im Auge und den Horizont auf den Stimmbändern hat. Für mich hat Oper immer auch etwas von Fitzcarraldo, diesem Wunsch, das Unerhörte hörbar zu machen und dafür Schiffe über Berge zu ziehen, kein Opfer zu scheuen, bis endlich eine Oper im Dschungel steht. / Albert Ostermaier im Gespräch mit der „Welt„
Jetzt präsentiert der Salzburger Verlag Jung und Jung Gert Jonke als Lyriker: „Alle Gedichte“, so der Titel, von Jonke hat der Klagenfurter Germanist Klaus Amann in einem Band versammelt. / Ö1 Inforadio
Den mit 46 Gedichten weitaus größten Abschnitt seines Debütbandes hat Andre Rudolph „schmetterlingssäge.doc“ überschrieben. … Es werden aber weder Tag- oder Nachtpfauenaugen zerschnibbelt, noch ergeht sich Rudolph in schweißgetriebenem lyrischem Holzrauchproduzieren. Es sind Gedichte nach dem Ausgebranntsein der Sprache, der Welt. / Elmar Krekeler, Die Welt
fluglärm über den palästen unsrer restinnerlichkeit.
Von Andre Rudolph. luxbooks, Wiesbaden. 104 S., 18,50 Euro.
SZ sprach mit dem Bassisten Yorck Felix Speer, „Enkel von Hitlers Lieblingsarchitekten und zwischenzeitlichem Rüstungsminister Albert Speer“, und mit dem Dirigenten Enoch zu Guttenberg, dessen Großvater im Widerstand gegen Hitler hingerichtet wurde. Beide haben zusammen Schostakowitschs 13. Symphonie „Babi Jar“ nach Gedichten von Jewgenij Jewtuschenko interpretiert. Auszug (SZ 19.2.):
Am 29. und 30. September 1941 massakrierte die SS mit Unterstützung der deutschen Wehrmacht mehrere zehntausend Juden in der Schlucht namens „Babi Jar“ am Rande von Kiew. Darüber schrieb Jewgeni Jewtuschenko ein Gedicht, das Dmitrij Schostakowitsch neben vier weiteren Gedichten des Autors 1962 in seiner 13. Symphonie „Babi Jar“ vertonte. …
…
SZ: Aber worauf zielt denn Schostakowitsch, gerade wenn man die vier anderen Gedichte Jewtuschenkos betrachtet?
Guttenberg: Jedenfalls zielt er nicht auf die Deutschen, das ist das Große daran. Er greift den Antisemitismus grundsätzlich an. Und, da sind wir wieder bei unserer überwältigenden Aufführungssituation, gleichzeitig kann ich nicht vergessen, wer Felix ist, wenn er es mir schon sagt.
Über die Leser anspruchsvoller Lyrik in Deutschland kursieren ohnehin nur Dunkelziffern.
Thomas Kling vermutete einmal, es könne sich höchstens um dreihundert handeln, während Hans Magnus Enzensberger ihre Zahl auf immerhin 1354 schätzte – aber das ist auch schon zwanzig Jahre her. Die Auflage der meisten Lyriktitel liegt bei 250 bis siebenhundert Exemplaren; Anthologien schaffen etwas mehr. …
Doch jetzt erscheint ein Liebesgedichtband, der das Zeug zum Volksbuch hat – und verdient hätte, eins zu werden: „Offene Unruh“ von Michael Lentz. Es gehört nicht in die Bibliotheken, sondern in jede Jackentasche. Dabei ist der Band eine Provokation, eine Anmaßung, ganz wie das Gefühl, um das es geht. Vor allem aber ist er ein eingelöstes Versprechen, ein erneuter Beweis der sich immer noch steigernden Gedankenschärfe und Ausdruckskraft seines fünfundvierzigjährigen Autors. Die Liebe lässt sich nicht beherrschen, die Sprache der Liebe schon: Das macht „Offene Unruh“ zu einem Werk, das diese Frühjahrssaison weit überdauern wird. …
Von heute an bis zum Erscheinen von „Offene Unruh“ am 11. März im S. Fischer Verlag präsentieren wir täglich eine neue Gedicht-Performance von Michael Lentz.
/ Felicitas von Lovenberg, FAZ 26.2.
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