120. Sciolle, stroppe, hienu

Gino Chiellino schreibt seine Gedichte, anders, als sein Name es vermuten ließe, auf deutsch. Er ist 1946 in Süditalien geboren, in Kalabrien, und lebt seit 1970 in Deutschland. Heute wohnt er in Augsburg.

Doch nicht nur dieser Einschnitt ist markant. Er selbst nennt als vielleicht wichtigsten Einschnitt denjenigen, den er als 13-Jähriger erlebte: In diesem Alter verließ er den Bannkreis seiner „Geburtssprache“, des Dialekts seines Heimatortes Carlopoli. Das Leben in „drei Sprachen“ ist also die entscheidende Erfahrung seiner Gedichte, und Chiellino findet drei Worte, die eine elementare Erkenntnis für ihn beinhalten: sciolle, stroppe und hienu, das sind Begriffe aus dem Kalabresischen, und sie bedeuten Scholle, Gestrüpp und Heu.

Diese verblüffende Übereinstimmung mit dem Deutschen ist wie ein autobiografischer Fingerzeig, nicht nur, weil das „H“ in „hienu“ als einziger Laut aus der vorchristlichen Ursprache in dieser Region noch existiert. / Helmut Böttiger, DLR

Gino Chiellino: Landschaft aus Menschen und Tagen
Gedichte. Edition Lyrik Kabinett bei Hanser
München 2010
72 Seiten, 14,90 Euro

119. ERSTMALS NAHBELLPREIS VOM ANWÄRTER ABGELEHNT !

„Entwicklung höherer Komplexität als Aufgabe der Kunst – keine Dekoration!“
(Jörg Janzer, 9.9.09)

G&GN-Institut Berlin-Neukölln 21.6.2010 / Erstmals in der über zehnjährigen Geschichte des alternativen Lyriknobelpreises für DEUTSCHSPRACHIGE LEBENDE DICHTER hat ein Anwärter den Preis abgelehnt: Der bald 70-jährige Berliner Jörg Janzer (alias Dr. George Ervin Negentropos), ein ehemaliger Psychiater und interdisziplinärer Künstler (Musik, Malerei, Literatur, Performance), nannte als Grund für seine Entscheidung, den Preis abzulehnen, daß seine Werke aus anderen Disziplinen als der Lyrik für ihn persönlich wichtiger sein und ihm bedeutender erschienen als die Gedichte. Tom de Toys, der Erfinder des Nahbellpreises am sogenannten „Institut für Ganz & GarNix“ (gegründet 1990 in Köln, seit 1999 online: www.GGN.de), lernte Janzer bereits 1998 kennen, als sich beide noch im Szene-Umfeld des Berliner Kunsthauses Tacheles auf der Oranienburgerstraße im Bezirk Mitte aufhielten. De Toys betrieb 1998-2000 einen Literatursalon im Tacheles und hörte Janzer eines Tages auf der Straße vor dem Kunsthaus in einer Art Trompete spielen, die ihm von der meditativen Technik des Neurotrompeters seiner eigenen Band „Das Rilke Radikal“ (www.NEUROLYRIK.de) vertraut war. Seitdem De Toys kurz darauf Janzers Texte in einer Vitrine im Alten Postamt ausgestellt sah, ist er begeistert von dessen poetischem Talent, das in mehreren Disziplinen spürbar wird. So verstrahlen auch die Miniaturzeichnungen von Buddha im konturbetonten Comicstil, die vor einigen Jahren auf der Kreuzberger Oranienstraße in einer Galerie zu sehen waren, eine spirituelle poetische Kraft, die so leicht und tiefsinnig auf den Betrachter überspringt wie auch das schelmische Lachen des weißhaarigen Künstlers selbst, den man oft auf Rollerscates die Kastanienallee herunterfahren sieht. Vom Senat erhält er laut eigener Aussage ein lebenslängliches kleines Stipendium (quasi wie ein Ehrenbürger), was ihm hilft, sich seiner umfassenden Forschung über das Menschsein widmen zu können. So entwickelte er vor einigen Jahren eine spezielle orthopädische Erfindung gegen Rückenprobleme und vertritt auch heute noch sehr kritische, progressive Ansichten über die Psychiatrie und deren Institutionen. Das führte damals auch dazu, daß er den allzu konservativen Kollegen zu unbequem wurde und seinen Job als Klinik-Chef verlor, ja sogar selbst als psychisch krank abgestempelt wurde! Solche Anekdoten erzählt er heutzutage mit lächelndem Stirnrunzeln – Janzer ist ein ernster, aber auch sehr humorvoller Geist, der die Wahrheiten hinter den Schmierenkomödien enttarnt, aber darum weiß, wie sehr das freiheits- und gerechtigkeitsliebende Wahrheitsbestreben engagierter Künstler die menschliche Alltagsmaskerade überfordert… Das G&GN-Institut bedauert sehr, daß wir ihm den Nahbellpreis nicht verleihen dürfen. Noch vor drei Jahren vereinbarten De Toys und Janzer ein Treffen in dessen Atelier, bei dem De Toys eine Auswahl der Gedichte zusammenstellen sollte, um damit ein Heft in der Edition „naHbell“ heraus zu geben. Als es dann endlich am 9.9.2009 zu jenem historischen Treffen in Janzers Stammcafé „Haliflor“ an der Ecke Schwedter Straße im Rahmen seines monatlichen „SALON DU NEUF“ kam, entstand zunächst ein Video-Interview, in dem Janzer zwar schon ein wenig gereizt reagiert, als fühle er sich nicht ernst genommen, aber erst wenige Minuten nach dem Interview zeigte er sich völlig überrascht und verwundert über das Vorhaben der Preisvergabe und erklärte, er wolle den Preis lieber für seine andere Kunst erhalten. Da der Nahbellpreis aber ausschließlich für Dichtkunst vergeben wird („für die Unbestechlichkeit im lebenslänglichen Gesamtwerkprozess“), unternahm De Toys einen letzten Überzeugungsversuch mit dem Argument, daß das G&GN-Institut selbstverständlich auf seine anderen Kompetenzen hinweisen würde und die Literatur lediglich exemplarisch in den Vordergrund rücke, um für ihn als Gesamtkünstler zu werben. Leider ohne Erfolg: Janzer lehnte beinahe entsetzt ab! Das Gespräch endete an dieser Stelle mit gegenseitigem Mißmut und die beiden sind sich seitdem nie wieder begegnet. Trotzdem erlauben wir uns heute, Jörg Janzer als großartigen, spannenden Ausnahmekünstler zu erwähnen und haben entschieden, keinen „Ersatzdichter“ für den diesjährigen 11.Nahbellpreis zu nominieren sondern Janzer in unserer Ehrengalerie mitsamt seiner Ablehnung zu führen. Umso mehr freuen wir uns bereits auf das kommende Jahr: der SocialBeat-Veteran Hadayatullah Hübsch wird dann am 21.6.2011 als 12. Nahbellpreisträger seine Urkunde empfangen und bedankte sich noch vor wenigen Tagen für die Anwärterschaft, als wir das Glück hatten, ihn auf seiner jüngsten Berliner Lesetournee stimmgewaltig in Begleitung von Matt Grau (an der Gitarre) mit typisch rythmisch-heftigen politischen, aber auch selten gehörten melodisch-feinsinnigen brandneuen Poemen zu erleben.

GALERIE ALLER NAHBELLPREISTRÄGER SEIT 2000: www.naHbellPREIS.de

DIESJÄHRIGE G&GN-PRESSEMITTEILUNG ENTNOMMEN VON KNK-ORIGINALQUELLE:
http://knk.punapau.dyndns.org/publisher/site/knk/public/obj/page.php?obj=12399

VIDEO-INTERVIEW MIT JÖRG JANZER: „Aufgabe der Kunst“ (9.9.09: SALON DU NEUF):
http://vids.myspace.com/index.cfm?fuseaction=vids.individual&videoid=62980817

JANZER AUF MYSPACE: www.myspace.com/alzheimerjonglage

118. Füllhorn

Eine bisher an mir vorbeigegangene Seite fliegt mir in einer Anmerkung von Ron Winkler zu, danke! Die literaturwerkstatt Berlin stellt ihre Reihe „Gespräch des Monats“ zum Nachhören ins Netz. Ich höre gerade Sherwin Bitsui, klingt gut! Hier können Sie stundenlang zuhören. Es sprechen: Oskar Pastior, Karl Mickel, Peter Rühmkorf, Adolf Endler, Mayröcker und Erb und…

Ihr nennt es Sprache: Rolf Dieter Brinkmann

Zum Todestag von Rolf Dieter Brinkmann lasen am 22.4.2010 Hans Christoph Buch, Matthias Göritz, Günter Herburger, Stephan Turowski in der Literaturwerkstatt Berlin. Die Moderation hatte Jan Röhnert.

Michael Lentz: Offene Unruh

In seinem aktuellen Buch kehrt Michael Lentz zu Liebesgedichten zurück. In der Literaturwerkstatt Berlin stellte er am 31.3.2010 „Offene Unruh – 100 Liebesgedichte“ vor.

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117. «Die Sprache baut Sätze, der Körper zittert leicht»

Hier wie gewünscht die NZZ:

Der polnische Dichter Piotr Sommer mag ein ernstes Gesicht haben, wie er einmal schreibt, doch dahinter brütet die Ironie. Mit feinem Gespür für die Kraft der Einzelheiten findet er das Wesentliche nicht in grossen Gedanken, sondern im Beiläufigen: in ironischen Pointen, sprachlichen Vorlieben, absurden Details oder kleinen Erinnerungen. So lauscht er dem «Zwischensinn» noch in der eigenen Vergangenheit nach, klopft die Welt Stück für Stück ab und lässt den Blick über die Dinge wandern. «Die Sprache baut Sätze, der Körper zittert leicht», heisst es am Ende eines Gedichts.

Piotr Sommer: Im Dunkeln auch. Gedichte. Aus dem Polnischen von Renate Schmidgall. Matthes & Seitz, Berlin 2010. 216 S., Fr. 41.50.

116. Meine Anthologie 44: Anna Achmatowa, Epigramm

Epigramm

Und Beatrice – schuf sie wie Dante Verse?
Berühmte Laura je der Liebe Glut?
Nun lehrte ich die Frauen sprechen…
Wie bringt man sie zum Schweigen, großer Gott?

1958

Anna Achmatowa, Poem ohne Held. Hg. Fritz Mierau. Göttingen: Steidl 1992. S. 129 (Nachdichtung von Rainer Kirsch)

(Numerierte Beiträge meiner Anthologie stammen aus dem Altbestand von 2000/ 2001)

Эпиграмма
Могла ли Биче словно Дант творить,
Или Лаура жар любви восславить?
Я научила женщин говорить…
Но, боже, как их замолчать заставить!

Лето 1957

115. Wochenende in Limlingerode

Am kommenden Wochenende treffen sich Literaturfreunde wieder in Limlingerode. Dann ist die Zeit für die traditionellen Diskurse gekommen. Es ist die 13. Ausgabe…

U.a. liest Nancy Hünger, und Hendrik Röder, Geschäftsstellenleiter am Brandenburgischen Literaturbüro in Potsdam, stellt den Dichter Erich Arendt vor. / NNZ

114. Venclova Brodsky Miłosz

Der Litauer Venclova war eine Schlüsselfigur des literarischen Untergrundes der sowjetischen Repressionsjahre. Im Vortrag versucht er, dem Erwachen seiner Dichtergeneration nach dem niedergewalzten Ungarnaufstand 1956 durch präzise Gedichtanalysen beizukommen.

Seine spontanen Einschübe aber führen vor Augen, dass Venclovas Zeitrechnung seither nicht weitergerückt ist. Venclova spricht wie umringt von den Dichterschulen, Freunden und Lesungsabenden von damals. Selbst die Formel, mit der er seine Erinnerungen an einzelne Poeten zu beenden pflegt, wirkt wie aus der Zeit gefallen: Venclova sortiert nach jenen, die in Exil, Haft oder Gulag zu Tode kamen, und jenen, die im eigenen Bett sterben durften: ‚a lucky man‘. …

‚Das Sowjetreich‘, sagt er, ‚galt uns als zeitlich begrenzt. Viel wichtiger war das Reich aus Klang und Rhythmus, das alle Reiche überdauert hatte.‘

Die Welt dieses Lyrikers ist historisch nicht eingrenzbar. Mit den beiden engsten Freunden, dem ebenfalls in Litauen geborenen Polen Czeslaw Milosz und dem Russen Joseph Brodsky, war er durch eine poetische Sendung verbunden: inmitten kulturellen Kahlschlags bedingungslos an die Weltkultur anzuknüpfen. …

Venclova erzählt das frei, er muss sich jetzt am Riemen reißen, um beim Thema zu bleiben. Für Venclova liegt die Kühnheit Brodskys nicht lediglich im Stoff, im Zugriff auf die Literatur aller Zeiten und Länder. Silbe für Silbe vollzieht er am russischen Original nach, wie sinnreich Brodsky die Wechselbeziehungen von Reim und Rhythmus handhabte. Für westliche Zugriffe, die in Brodsky einen expressiven Bildergaukler sehen wollen, ist da wenig Platz. Dafür umso mehr für die beeindruckend vielen Studenten, die in diesem Seminar noch Versmaße bestimmen und diskutieren können.

/ FLORIAN KESSLER, SZ 15.6.

113. Tennisdichter

Matt Harvey ist der Hofdichter von Wimbledon oder „The Championship´s Poet“, wie sein Titel offiziell heißt. Er ist der Erste in der 133-jährigen Geschichte des All England Lawn Tennis & Croquet Clubs, der eine Einladung erhielt, von diesem Montag an, wenn die Bälle übers Netz fliegen, über das Turnier zu schreiben. 14 Tage lang, bis zum Finale, verfasst er täglich ein Gedicht. …

Der All England Club hatte schon in der Vergangenheit für die Dauer des Turniers Maler und Künstler engagiert, ohne damit allerdings für Schlagzeilen zu sorgen. Harvey ist der fünfte „Artist in Residence“ – aber der Erste, der twittert und seine Werke täglich ins Internet stellt.

Es gab keine Ausschreibung für den Job. Der Klub, der auf seiner Anlage an der Church Road ein Museum unterhält, wandte sich bei der Suche nach geeigneten Kandidaten vielmehr an eine Dichtervereinigung, den Poetry Trust. Ein paar Namen wurden vorgeschlagen, dann hörte eine Museumsmitarbeiterin zufällig Matt Harvey im Radio: Er ist Kabarettist, fantasiereicher Fabulierer und Wort-Jongleur und tritt als solcher regelmäßig in einer BBC-Kultursendung auf, in der er quasi aus dem Stegreif Lyrik komponiert. / BARBARA KLIMKE, FR 21.6.

112. American Life in Poetry: Column 274

BY TED KOOSER, U.S. POET LAUREATE

Alicia Suskin Ostriker is one of our country’s finest poets. She lives in Princeton, New Jersey. I thought that today you might like to have us offer you a poem full of blessings.

The Blessing of the Old Woman, the Tulip, and the Dog

To be blessed
said the old woman
is to live and work
so hard
God’s love
washes right through you
like milk through a cow

To be blessed
said the dark red tulip
is to knock their eyes out
with the slug of lust
implied by
your up-ended skirt

To be blessed
said the dog
is to have a pinch
of God
inside you
and all the other
dogs can smell it

American Life in Poetry is made possible by The Poetry Foundation (www.poetryfoundation.org), publisher of Poetry magazine. It is also supported by the Department of English at the University of Nebraska-Lincoln. “The Blessing of the Old Woman, the Tulip, and the Dog” from The Book of Seventy, by Alicia Suskin Ostriker, © 2009. All rights are controlled by the University of Pittsburgh Press, Pittsburgh, PA 15260. Used by permission of the University of Pittsburgh Press. Introduction copyright © 2009 by The Poetry Foundation. The introduction’s author, Ted Kooser, served as United States Poet Laureate Consultant in Poetry to the Library of Congress from 2004-2006. We do not accept unsolicited manuscripts.

111. Danmarks nationalsang

In der Serie WM-Hymnen im Tagesspiegel am Freitag: Dänemark

Urlaubsidyll in der ersten Strophe, in der zweiten jugendfreie Raubeinigkeit a là Obelix. Die dänische Hymne, „Der er et yndigt land“ ist ein Auszug aus dem Gedicht „Vaterlandslied“, das Adam Oehlenschläger 1819 schrieb.

„Es liegt ein lieblich Land / Im Schatten breiter Buchen / Am salz’gen Ostseestrand / An Hügelwellen träumt’s, im Tal / Alt-Dänemark, so heißt es, / Und ist der Freja Saal.

Dort saßen in der Vorzeit / Die behelmten Kämpfer / Und ruhten sich vom Streite aus / Dann wehrten sie die Feinde ab, / Nun ruhet ihr Gebein / Drüben bei dem Hügelgrab.“

Komplett dänisch und deutsch hier

110. Besonderheit

Eine andere Besonderheit dieser Rezension (#109), die sich nur durch Hamms BRD-Hintergrund erklärt, mithin seine Gewißheit, über den rechten Kanon zu verfügen, was ihn befähigt, Linkskurven haarscharf zu erkennen, zeigt sich im Zitat:

Eine andere Besonderheit dieser Anthologie, die sich nur durch Kirstens DDR-Hintergrund, mithin seine antifaschistische Grundhaltung, und durch seine eigene Herkunft verstehen lässt, ist der grosse und berechtigte Respekt, den er proletarischen oder dem Kampf des Proletariats ergebenen Autoren wie Hans Marchwitza, Hans Lorbeer, Wilhelm Tkaczyk oder Kurt Huhn entgegenbringt, die sich meist aus dem «Bund proletarisch-revolutionärer Schriftsteller» oder aus dem KZ kannten.

109. Dichter … und Minderdichter

Rezensent Peter Hamm hat einen empfindlicheren Magen als Anthologist Wulf Kirsten, ist aber tolerant:

Dass Kirsten «Stimmenvielfalt» wichtiger war als «Auslese», dokumentiert bereits der riesige Umfang seines Unternehmens: Auf 1120 Seiten werden fast 1000 Gedichte von 363 Dichtern präsentiert! Bedenkt man die wenigen lyrischen Höchstleistungen, die uns vom gesamten 19. Jahrhundert geblieben sind, scheint das des Guten (und oft auch nur Gutgemeinten) entschieden zu viel. Nimmt man Kirstens Anthologie aber als das, was sie primär sein will, ein poetischer Spiegel der Zeitgeschichte, leuchtet solche Üppigkeit schon eher ein. Wie brutal die Geschichte in dem von Kirsten abgesteckten Zeitraum nicht nur viele Gedichte dominiert (und deformiert), sondern auch die Lebensschicksale ihrer Dichter bestimmt hat, belegt bereits die erschütternde Tatsache, dass fast ein Drittel von ihnen (103) aus dem deutschen Sprachraum vertrieben und fast ein halbes Hundert in einem deutschen KZ ermordet oder in den Selbstmord getrieben wurden.

Und hebt Kirstens Entdeckerlust hervor:

Kirsten ist ein passionierter Ausgräber und Wiederentdecker, und was an seiner Anthologie als Erstes auffällt, sind die vielen völlig unbekannten oder nur noch schattenhaft vorhandenen Dichternamen, denen man hier begegnet. Fabelhafte Funde macht Kirsten bei den sogenannten Minderdichtern, denen manchmal nur mit einem einzigen Gedicht gelang, ihre poetischen Grenzen zu sprengen, ob das nun der in die USA emigrierte und dort als Kabelbote arbeitende Wiener Fritz Brainin ist («Letzte Fahrt eines Weinfuhrmanns») oder der als Invalide aus dem Ersten Weltkrieg zurückgekehrte Hannoveraner Zeitungsausträger und Dachdecker Franz Johannes Weinrich («An die Schneider von Paris»), ob der Tabakhändler Karl Schloss aus Alzey, der schon 1905 prophetisch sein Auschwitz-Schicksal beschwor («Die Blumen werden in Rauch aufgehn»), oder Carl Friedrich Wiegand, ehemaliger Prinzenerzieher im Hause Hessen und späterer Mitbegründer der Zürcher Volkshochschule, der in einem grellen Totentanz das riesige Heer der sinnlos Gefallenen aufmarschieren lässt («Die Ehrenlegion»).

Verblüffend auch manche Gelegenheitsgedichte von Autoren, die nur durch ihre Prosa oder sogar nur durch ausserliterarische Aktivitäten bekannt wurden, darunter etwa ein «Sieh mich gebeugt» überschriebenes Gedicht von Otto Weininger, in dem der 1903 dreiundzwanzigjährig aus dem Leben geschiedene Verfasser von «Geschlecht und Charakter» kaum verklausuliert seine Furcht vor der Syphilis artikuliert, oder ein Gedicht auf Kafkas «Prozess» des Religionsphilosophen Gershom Scholem, das dieser einem Brief an seinen Freund Walter Benjamin beilegte.

Und lobt:

Mit Wulf Kirstens Anthologie «Beständig ist das leicht Verletzliche», der man prophezeien kann, dass sie sich bald als der grosse Kirsten unentbehrlich machen wird, hat Egon Ammann am Ende seiner grossartigen Verlegerlaufbahn allen deutschsprachigen Lyrikfreunden ein generöses Abschiedsgeschenk gemacht, für das ihm Anerkennung und Dank gebührt.

«Beständig ist das leicht Verletzliche». Gedichte in deutscher Sprache von Nietzsche bis Celan. Hrsg. von Wulf Kirsten. Ammann-Verlag, Zürich 2010. 1120 S., Fr. 129.–.

/ Peter Hamm, NZZ 19.6.

108. Auch kurz…

ist Michael Lentz in der gleichen Ausgabe der Welt, Rubrik:

WENN SIE MEINE BÜCHER MÖGEN, WERDEN SIE DIESE HIER LIEBEN

Auszüge:

Rainer Maria Rilke: Die Gedichte (Insel, Berlin). Rilke ist der große Denker unter den Dichtern, der für seine oft paradoxen, existenziellen Denkfiguren Sprachbilder von überragender Schönheit und Unausweichlichkeit gefunden hat. Seine Gedichte begleiten ein Leben lang, weil sie immer wieder neu zu entdecken sind. Sie sind überraschend, aufwühlend, nicht auszulesen, stets zeitgenössisch. Sie lassen den Leser einfach nicht in Ruhe. Machen die Abgründe seiner Versfindungen oft erschrecken, so rührt seine Poesie nicht minder oft an – und auch zu Tränen. Abseits seiner weltberühmten Gedichte gilt es, den unbekannteren Rilke zu entdecken.

Helga M. Novak: Solange noch Liebesbriefe eintreffen (Schöffling, Frankfurt/M.). Die Gedichte von Helga M. Novak gehören zum Grundbestand deutschsprachiger Lyrik. (…)

Uwe Dick: Des Blickes Tagnacht (Residenz, Salzburg). In diesem Gedichtband findet man einige der schönsten, traurigsten und gedanklich tiefsten Gedichte, die hierzulande in den vergangenen zwanzig Jahren geschrieben worden sind. Uwe Dick ist ein Sprachradikaler, dessen poetischer Horizont die bloß eurozentrische Perspektive von Anfang an hinter sich gelassen hat. (…)

Oskar Pastior: Werkausgabe 3: „Minze Minze flaumiran Schpektrum“ (Hanser, München). Was für eine poetische Alchemie! Was für eine buchstäbliche Arbeit! Ein Genie von eigenen Gnaden. (…) Leute, lest mehr Pastior, dann werdet ihr froher. Und ausgeglichener. Und mutiger. Und versteht endlich mehr von der Welt.

Hans Carl Artmann: Sämtliche Gedichte (Jung und Jung, Salzburg). (…) Ohne Artmann wäre es dunkel. Mit H. C. Artmann ist es ungeheuer.

107. Kurz besprochen

GwendolynMacEwen: Die T. E. Lawrence Gedichte (Edition Rugerup, Hörby. 160 S., 19,90 Euro). Eine der größten Dichterinnen Kanadas schlüpft in die Rolle des berühmten Lawrence of Arabia. Ihr Zyklus besticht durch fulminante Imagination, unerwartete Bilder, Gespür für Rhythmus und Struktur.

Kathrin Schmidt: Blinde Bienen (Kiepenheuer & Witsch, Köln. 96 S., 17, 50 Euro). Ein Feuerwerk an sprachlichen Erfindungen, phonetischen Beglückungen und mal aggressivem, mal tänzerischem Sound. Der Leser tritt sofort in den Großwirkungsraum des Gedichts, wird von seinem Schall gefangen. Eine einzige Wortwollust.

/ Joachim Sartorius, Die Welt 20.6.

Dort auch über:

Pier Paolo Pasolini: Dunckler Enthusiasmo (Urs Engeler Editor, Basel. 322 S., 28 Euro).

Inger Christensen: graes/gras (Kleinheinrich, Münster. 128 S., 25 Euro).

106. Schlager

Der Schlager handelt große Themen nonchalant in Herz-Schmerz-Lyrik ab: Liebe, Fernweh, Heimat. Der Schlager ist harmlos.

Oder nicht? Er treibe, giftete der deutsche Schriftsteller Rolf Schneider, seine Konsumenten in ein intellektuelles Kümmerdasein, „das sich selbst als unpolitisch begreift, und doch massive politische Folgen hat“.

Der Legende nach wurde der Begriff Schlager in den 1860er-Jahren von einer Wiener Zeitung erfunden, die ihn erstmals auf Strauß‘ „Donauwalzer“ anwendete. Seit Beginn des 20. Jahrhunderts trat der Schlager – das populäre Lieder? das kommerziell erfolgreiche Lied? – seinen Siegeszug an. Hand in Hand mit dem technischen Fortschritt, der die weite Verbreitung einzelner (nicht Volks-) Lieder erst ermöglichte. …

Meyer-Landruts Hit „Satellite“ ist Herz-Schmerz-Lyrik auf Englisch und par excellence. / Anna Gasteiger, Kurier