Jewgeni Jewtuschenko, der* berühmteste lebende Dichter Rußlands, hat sein Haus in Peredelkino und seine bedeutende Kunstsammlung dem Staat für ein Museum geschenkt. Das Museum, das nächste Woche eröffnet wird, zeigt Gemälde von Mark Chagall, Joan Miró, Pablo Picasso und Georges Bracque und Fotos, die Jewtuschenko auf seinen Reisen durch Sibirien, China, Italien und den mittleren Osten aufgenommen hat, außerdem Sammelstücke wie den Spazierstock Mark Twains. / Nouvel Obs 17.7.
*) im Ausland
Wir lieben den Tod
Rot winde den Leib,
Brot wende in Leid,
ende Not, Beil wird
Leben. Wir, dein Tod,
weben dein Lot dir
in Erde. Wildboten,
wir lieben den Tod
Anagramm von Unica Zürn. Bilder und Texte hier
Der aus dem Iran stammende Schriftsteller Said lebt seit mehr als vierzig Jahren in Deutschland und schreibt Märchen, Hörspiele sowie – als Exilant, der sowohl dem Persien des Schahs wie dem Gottesstaat der Mullahs den Rücken kehrte – auch politische Texte. Vor allem jedoch ist Said Lyriker. Seine Gedichte sind voll zarter Poesie und (es hilft nichts, das Klischee trifft zu) auch voll orientalisch blühender Phantasie.
schreibt Hans-Dieter Fronz, Badische Zeitung. Dem Leser der Rezension könnten Zweifel an seiner Diagnose kommen, wenn er im nächsten Absatz liest, daß Rez. den Gedichten offenbar weniger Zugeständnisse an eine von „jedweder Vernunft losgelösten Phantasie“ macht als der Prosa:
An jene Übungen in höherer Vorstellungskraft mit ihren wunderlichen Phantasiegeburten fühlt sich der Leser in Saids aktuellem Gedichtband „ruf zurück die vögel“ häufiger erinnert – zumal in den meist kurzen Gedichten des abschließenden, gut die Hälfte des Bandes einnehmenden Kapitels. In den Prosatexten gehörte der Freibrief einer entfesselten, von jedweder Vernunft losgelösten Phantasie sozusagen zur Geschäftsgrundlage. In dem Gedichtband sind die Konditionen andere, und so ist für den Leser mitunter nur schwer zu entscheiden, ob ein Gedicht von unauslotbarem Tiefsinn oder lyrisch einfach nur so dahingesagt ist. „und dann die sieger / mit beteertem antlitz / die gemästete jungfrauen / aufgerüscht und bebend / den besiegten vorwerfen / bevor sie das schlachtfeld verlassen“. (…)
… „auch die fische wollen / den geschmack des wachses gekostet haben (…) / wärest du gärtner geblieben“, lesen wir in „ikarus“. „lenin nannte dich / stechmücke / und noske / zermalmte sie“, heißt es lakonisch in „für rosa l.“
Said: ruf zurück die vögel. Gedichte, C. H. Beck Verlag, München 2010. 109 Seiten, 16,95 Euro.
Wie für Siegfried Pitschmann, so war auch für Harald Gerlach die erste prägende Erfahrung der Verlust der Heimat. Mit seiner Familie flüchtete der 1940 in Bunzlau (Niederschlesien) geborene Gerlach 1945 nach Thüringen. Diese Landschaft war eines seiner großen Themen. Das spiegelt sich natürlich auch in der von Bettina Olbrich vorgenommenen Auswahl wider. In vielen Gedichten hat er seine thüringische Landschaft besungen. „Ach, Thuringia, mein zusammen- / gewürfelter Landstrich in wechselnder / Weite“, heißt es im Gedicht „Gejaide“. …
Ingo Schulze konnte für ein Vorwort gewonnen werden. In diesem betont er, dass er Harald Gerlach zwar lange schon als Lyriker schätzt, den Essayisten und Erzähler aber erst mit dem vorliegenden Band entdeckt habe. Schulzes Prolog ist gleichsam eine späte Verneigung vor einem bedeutenden, aber fast vergessenen Autor aus seiner literarischen Väter-Generation. / Kai Agthe, Mitteldeutsche Zeitung
So ist alles gesagt : ausgewählte Texte aus den Jahren 1972 – 2000 / Harald Gerlach. Hrsg. von Bettina Olbrich. Mit einem Vorw. von Ingo Schulze. Berlin : NoRa 2010. EUR 15,00
Schon in seiner Kindheit träumte er vom weiten Erdenrund und davon, sich darauf zu bewegen, aber nicht hoch in den Lüften, sondern hautnah, authentisch, den Elementen ausgesetzt, den Aufregungen und Wellengängen des Menschenlebens. Am liebsten zur See: „Nachts / beim Lampenschein las ich den Atlas / Und befuhr den Globus. So, schon / Damals kannte ich / St. Amaliens Hafen, Kuba und die / Antillen.“ …
Auf keinem Schiff blieb er lange, „die Kapitäne sahen es nicht gerne“, schrieb er später, „wenn ich meinen Mund aufmachte. Das war das einzige, was wirklich groß an mir war, der Mund, sonst war ich eher klein geraten.“ Noch größer als der Mund müssen die Augen gewesen sein, mit denen der junge Seefahrer Tausende Bilder, Details, Stimmungen, Farben in sich aufnahm. Als er irgendwann in seinen Zwanzigern zu einer relativen Ruhe fand und zu schreiben begann, stürzten die Metaphern und Gleichnisse aus ihm heraus, bildeten klare Kaskaden von Worten, füllten die Seiten seiner Gedichtbände.
Johannes Schenk schrieb am liebsten lange, bilderreich ausschweifende, von keinem Kargheitsgebot behinderte Poeme. Der Schreibvorgang hatte in seinem Fall etwas Eruptives: für ein langes Gedicht, manchmal mehrere Buchseiten lang, brauchte er „oft nur eine Stunde“. Sein längstes Poem, „Galionsgesicht“, umfasst in der neuen Gesamtausgabe des Wallstein Verlags 111 Seiten. …
Johannes Schenks Gedichte verdienen es, auf diese Weise verewigt zu werden, wie der seltsam scheue, weltgewandte, dabei einsam arbeitende Mann, der dahintersteht. / Chaim Noll, Die Welt
Johannes Schenk: Die Gedichte 1964-2006. Wallstein, Göttingen. 3 Bde., 1386 S., 59,90 Euro.
Gut gelaunt und heiter führt „effendi im effektenfieber“ das artistische Arsenal vor, über das die Dichterin auch bei ernsten, gar todtraurigen Versanlässen gebietet, etwa beim lyrischen Nachruf auf den an Lungenkrebs gestorbenen Dichterkollegen Thomas Kling: „bronchiale stunts“ lautet der aus Verzweiflung herbe Titel. Fast alle Gedichte werden von einem lyrischen Ich im Gang gehalten, das sich im Selbstgespräch als mal vertraute, mal sehr fremde, immer jedoch als andere, zweite Person wahrnimmt – „ich häftlingin du“. Unter den erkennbar autobiographisch grundierten Poemen leuchtet ebenfalls ein Nachruf hervor, dieses Mal einer zu Lebzeiten und auf jenen „zerbrochenen bruder“, der bei der Stasi war und doch im „schädelfach“ der Schwester ein ganz Naher, ein Nächster bleibt.
Sieht man von einigen zu üppig, damit wohlfeil gesetzten Genitivmetaphern wie dem „pfahl des verzeihens“ oder der „sprachenbrache des erinnerns“ einmal ab, herrscht in Kathrin Schmidts „blinden bienen“ allenthalben die reine Kunstfertigkeit. Sie zu bewundern ist legitim, auf die Dauer, es sei zugegeben, aber auch etwas anstrengend. Diese Dichterin verlangt stets nach dem erkennenden Leser. Ihn ohne intellektuellen Umweg unmittelbar zu rühren käme ihr nie in den Sinn. / Jochen Hieber, FAZ 16.7.*)
Kathrin Schmidt: „blinde bienen“. Gedichte. Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln 2010. 90 S., geb., 16,95 Euro.
*) Im WWW ist das Datum nicht immer als gegeben anzusehen. Jedem Gedicht mag sein Datum eingeschrieben sein, aber beileibe nicht jedem Artikel. „16. Juli 2010“ steht vor dem ersten Wort der Besprechung. Im Druck war es da freilich noch nicht erschienen. Grundsätzlich kann man sich auf Datierungen von Zeitungsartikeln im Netz so wenig verlassen wie auf den Wortlaut, der manchmal ebenso abweicht wie die Bebilderung. Jede Zeitung geht anders damit um, nur wenige, wie die Frankfurter Rundschau, explizieren Veröffentlichungs- und Erscheinungsdatum. „FAZ.net“ wäre denn auch korrekter. Im Zweifel muß man immer suchen, wenn man einen Artikel in der Zeitung aufsuchen will. Entweder einen Tag später, oder ein paar Tage früher oder manchmal auch Jahre früher… oder nie erschien der Text im Druck.
Der »Anthologist« ist ein literarischer Zwitter, Essay und Roman vermischen sich. Die lyrischen Reflexionen des Erzählers kreisen vor allem um den Reim, den er nicht müde wird zu verteidigen, obwohl er selbst reimlose Gedichte schreibt. Für Freunde der angloamerikanischen Lyrik mag der »Anthologist« eine Fundgrube sein, aber die »Weltsprache der Poesie«, wie sie Enzensberger in seiner Sammlung »Museum der modernen Poesie« präsentierte, sucht man vergebens. / Fitzgerald Kusz, Roth-Hilpoltsteiner Volkszeitung 15.7.
Nicholson Baker: Der Anthologist. Roman. Übersetzt von M. Göritz und U. Strätling. C.H. Beck Verlag, 256 Seiten, 19,95 Euro.
„Nachbarschaft“ war Bobrowskis Lebensthema, es ging ihm um den mythischen Raum „Sarmatien“, die nordosteuropäische, sich weit nach Russland hineinstreckende Landschaft aus Wäldern, Senken, Seen und Flüssen und das Völkergemisch, das dort vor der Eroberung durch die Nazis zusammenlebte. …
Bobrowski passte Anfang der 60er Jahre weder in die sprachzerlegende Spätmoderne der „abstrakten Fliesenleger“ noch zu den „Nüssebewisperern“ der Naturlyrik: Er stand einzigartig da, unbedingt zeitgenössisch und doch unverkennbar in der Tradition verankert.
/ Helmut Böttiger, DLR 15.7.
Johannes Bobrowski: Nachbarschaft
Verlag Klaus Wagenbach, Berlin 2010
77 Seiten, 8 Euro
„Seine Theaterstücke und Gedichte sind nichts wert.“
Heinrich Böll über Marcel Reich-Ranicki, Die Welt 16.7.
Vgl. Ernst Jandl: Urteil („Die Gedichte dieses Mannes sind unbrauchbar“, 1956. In. E.J.: dingfest. gedichte)
Jetzt läßt sich folgendes über die Edition der frühen Werke sagen: Wir werden einen sehr dicken Gedichtband kriegen, sind derzeit bei mehr als 400 Gedichten, und es werden noch mehr – etwa durch die, die in Briefe eingestreut sind. Wir haben es weiterhin mit einem Band dramatischer Arbeiten zu tun. Er hat, wie jeder anständige Dichter, wie Goethe und auch Heine, in früher Jugend einen »Belsazar« geschrieben. Den gibt es in zwei Fassungen. … Es geht also um drei bis vier dicke Bände, ein beeindruckendes Frühwerk, und die Zäsur ist eindeutig 1955. / Der Verleger Matthias Oehme im Gespräch mit der Tageszeitung junge Welt vom 16.7.
Vgl. Seltsame Freunde. Peter Hacks und der »falsche Anhang«. Von Heidi Urbahn de Jauregui. junge Welt 1.7.
Der Schriftsteller Gerhard Falkner wird mit dem Preis für Kunst und Wissenschaft der Stadt Nürnberg 2010 ausgezeichnet. Dies beschloss der Stadtrat auf Empfehlung des Kulturausschusses gestern in nichtöffentlicher Sitzung. …
Der 1951 in Schwabach geborene Gerhard Falkner lebt in Berlin und Franken. Der Autor, der auch als Übersetzer von amerikanischen Kriminalromanen arbeitet, hat sich vor allem als Lyriker international einen Namen gemacht. Er gilt als einer der wichtigsten zeitgenössischen Vertreter deutschsprachiger Lyrik.
… Zusammen mit dem Komponisten Stefan Hippe hat Falkner die Kammeroper »A Lady DIes« geschrieben, die im Jahr 2000 in der Tafelhalle uraufgeführt worden ist. / Hilpoltsteiner Zeitung
Vgl. Nürnberger Zeitung
Die junge Welt beschreibt einen Film mit Gedicht. Darin sitzen zwei junge Leute auf einer Wiese:
Sie, die Wiese, sieht zunächst ganz so aus, als wäre sie dazu geschaffen, es auf ihr zu treiben. Das liegt einfach nahe. Oder sich statt dessen (endlose Sublimierung) lieber Gedichte vorzulesen. Letzteres geschieht. Ein Gedicht vom Ende der Zeiten. Christlich. Ironisch. Allegorisch. Bella/Kristen Stewart rezitiert ihrem Vampir »Fire and Ice« von Robert Frost. Und weil dieses Gedicht so überdeutlich die Handlung allegorisiert, daß es auf eine gute Dosis selbstreflexiver Ironie des Ganzen schließen läßt, sei es hier wiedergegeben. Es ist nicht all zu lang:
»Some say the world will end in fire, / Some say in ice./ From what I’ve tasted of desire/ I hold with those who favor fire./ But if it had to perish twice, / I think I know enough of hate/ To say that for destruction ice/ Is also great/ And would suffice.« (Manche sagen, die Welt endet im Feuer. Andere sagen im Eis. Was ich von der Begierde gekostet habe, genügt mir, es mit denen zu halten, die das Feuer favorisieren. Doch müßte ich zweimal vergehen, dann denk’ ich, den Haß wohl gut genug zu kennen, um zu sagen, daß auch das Eis für die Zerstörung bestens geeignet ist und genügen würde).
Das Gedicht ist in seiner Konzisheit kaum angemessen zu übersetzen. Ich hab es mal so versucht:
Einige sagen, die Welt stirbt durch Feuer.
Andere, durch Eis.
Nach allem, was ich von Begierde weiß,
halt ich’s mit denen, die das Feuer
vorziehn, Sollte sie jedoch zweimal
sterben, weiß ich von dem Ungeheuer
Haß genügend, um zu sagen, Eis
reichte allemal
zur Vernichtung aus.
– Alles kriegt man nie mit herüber. Das Versmaß hab ich zurückgelassen, obwohl es dem Gedicht keineswegs äußerlich ist. Es sind bis auf die verkürzte zweite Zeile ganz reguläre vierhebige Jamben. Die beiden letzten Zeilen sind nur durch Einfügung des Reims getrennt und ergeben zusammengenommen ebenfalls einen jambischen Vierheber – iambic tetrameter sagen die Briten, die im Unterschied zu uns an einer Fußmetrik festhalten. Das vorliegende Gedicht zeigt, daß es in der englischen Sprache liegende Gründe dafür gibt. Unbarmherzig in oder eben auf vier Füßen schreitet der Vers voran, die Verkürzung im zweiten Vers unterstreicht nur die Unbarmherzigkeit: Some – world – end – fire / some – ice / … think – know – nough – hate … Zack! Zack! Zack! Zack! Wäre man Sportreporter und spielte ein wenig die Chauvikarte, könnte man sagen: Boom-boom-boom-boom-Jambus. Vielleicht hat ja die Einsilbigkeit der meisten Grundwörter im Englischen zu dieser Wirkung beigetragen. Während im Deutschen Klopstock daran zweifelte, daß die griechischen Versfüße den Vers wirklich tragen, und stattdessen mit Wortfüßen experimentierte, fallen Vers- und Wortfuß bei den Briten fast zusammen.
Die Regelhaftigkeit der Frostschen Jamben wird auch durch die Umstellung im ersten und zweiten Vers, SOME say the WORLD will END in FIRE / SOME say in ICE…, keineswegs unterbrochen, sondern gerade unterstrichen. Es handelt sich um die schon den alten Griechen bekannte Form der Anáklasis, eine nicht nur erlaubte, sondern geforderte Abweichung vom jambischen Schema, die darin besteht, daß gelegentlich ein Fuß umgestellt wird. Noch Brecht und Benn lernten das in der Schule und benutzten es selbstverständlich für ihre Verse, die wir weniger gebildeten Neuen für unregelmäßig halten. Lektüretip für Wißbegierige: Leif Ludwig Albertsen – der Däne ist mein Lieblingsmetriker –, Mörikes Metra. Flensburg 1999.
Der Angelsachse Robert Frost ist via Metrik dem Erfinder des Jambus ganz nahe: dem Griechen Archilochos, der etwa 680 bis 630 vor Christus lebte. Von Anfang an hat der drei- und vierfüßige Jambus bei Archilochos diese Wucht, die Griechen sprachen ihm bannende Wirkung zu. (Außer zur Gefahrenabwehr nutzte der Grieche dieses Versmaß auch zum Schmähen seiner Feinde, eine Unterart des Bannens.)
Nachtrag:
Ich korrigiere den Schluß:
……………………..Eis
ist auch ganz gut
und reichte aus.
So hat es vielleicht ein Stück mehr der originalen Bissigkeit und außerdem wenigstens zum Schluß das Originalmetrum.
Tuli (Naphthali) Kupferberg, Gründungsmitglied der Undergroundband The Fugs, starb am Montag in New York im Alter von 86 Jahren. Er war Lyriker, politischer Cartoonist und lebenslang Friedensaktivist. Zwei seiner Bücher wurden zu Klassikern der Gegenkultur: ‚1001 Ways to Beat the Draft‘ und ‚1001 Ways to Live Without Working.‘
Kupferberg schrieb den Text für einen der bekanntesten Fugs-Songs, „Kill for Peace“, den die Band bei ihren Konzerten während des Vietnamkrieges in den 60er Jahren spielte.
Die überdies schön gestaltete Sammlung von über 100 zeitgenössischen Ostseegedichten liest sich bei aller Vielfalt – so unterschiedliche lyrische Temperamente wie Jan Wagner und Claudia Gabler, Nico Bleutge und Ulrike Draesner, Volker Braun und Kathrin Schmidt sind vertreten – als stimmiges Ganzes.
Das mag auch daran liegen, dass die Ostsee in den meisten Gedichten als Ort der Kontemplation und Reflektion, nicht als wild stürmendes Überwältigungsmeer in Erscheinung tritt. Wie eine leere Projektionsfläche mutet sie zuweilen an, ein blanker Spiegel oder auch ein weißes Blatt Papier. Die paar Fische, Möwen, Schiffe, die sich auf und in ihr herumtreiben, sind eigentlich nicht der Rede wert. Und was die Küste angeht, die die Dichter mitunter auch vom Meer aus beobachten – das polnische Frombork etwa betrachtet Jan Wagner vom Wasser aus – so hat auch die in der Regel nicht viel zu bieten: Ein Kirchlein, etwas Bernstein und das war es dann auch schon:
„Hach, an diesem Ort
hast du multiple Namen, hier flattert deine Hose
irre im Wind, nichts, wirklich rein gar nichts ist
bedeutungsvoll hier, life is a fucking beach.“
So die Diagnose Claudia Gablers. Aber natürlich ist die Ostseeküste auch ein historischer Ort: Hier bauten Nazis Bomben und Erholungsheime, hier schiffte sich die schwedische Flotte ein. Echos dieser Ereignisse klingen in den Gedichten dieses Buches immer wieder an. Besonders gründlich vermag der in Greifswald geborene Steffen Popp die historischen Tiefenschichten lyrisch auszuloten (einem seiner Gedichte ist übrigens auch der Titelvers entnommen).
/ Tobias Lehmkuhl, DLR
Ron Winkler (Hg.): Die Schönheit ein deutliches Rauschen. Ostseegedichte
Connewitzer Verlagsbuchhandlung, Leipzig 2010
156 Seiten, 15 Euro
Viel Polnisches im Schleswig-Holstein Musikfestival und im Literatursommer 2010 in Kiel und um Kiel herum. Bereits heute, Dienstag, 13. Juli, startet mit der Präsentation der dreisprachigen Literaturzeitschrift RADAR in der Kunsthalle zu Kiel die Veranstaltungsreihe zum Literatursommer 2010. Tadeusz Dąbrowski lädt mit seinem Übersetzer Andre Rudolph am Sonnabend, 31. Juli, zu einem lyrischen Nachmittag in die Stadtgalerie. Lesungen veranstalten auch die Lyrikerinnen Maria Duszka und Magdalena Forusinska (aus ihrer zweisprachigen Gedichtauswahl „Uwalniam ptaki-sny…/Ich befreie Vogelträume…“), und am 8. September geben Chamisso-Preisträger Artur Becker und die Bremer Band „Les Rabiates“ mit „Ein Kiosk mit elf Millionen Nächten“ eine Lyrik- und Jazzperformance.
Zudem präsentiert der in Zusammenarbeit mit der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel gestaltete Lyrikparcours im Alten Botanischen Garten ab sofort polnische Lyrik des 20. Jahrhunderts. Aber nicht nur in Kiel erwartet Literaturfreunde Wortkunst aus Polen. Bis Anfang September können an insgesamt 32 Orten in ganz Schleswig-Holstein mit Magdalena Tulli, Tadeusz Dąbrowski, Tomasz Różycki, Wojciech Kuczok, Włodzimierz Nowak, Maria Duszka, Magdalena Forusińska und Artur Becker die verschiedenen Facetten der polnischen Prosa und Lyrik entdeckt werden. / Fördeflüsterer.de
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