Es gab sesshafte Bänkelsänger, die in Mundart sangen und selbst die Texte für ihre Lieder schrieben, wie den blinden Bänkel- beziehungsweise Zeitungssänger Philipp Keim (1804-84), der in der Mannheimer Gegend so sein Brot und Wurscht verdiente. Er muss ein solches Unikum gewesen sein, dass ein Volkswirt aus Leipzig sich in seinen Memoiren an Keim erinnerte: „Eine originelle Erscheinung war er… der erblindete Philipp Keim von Dietenbergen, der mit seiner Frau Lisbeth im ganzen Lande Nassau umherzog und überall die von ihm selbst gefertigten Lieder mit lauter Stimme vortrug. Diese Lieder wechselten mit den Ereignissen der Zeit und waren nach dem Grundsatz ’Reim dich oder ich freß dich’ zusammengefügt. Wo der Reim nicht klappen wollte, wurde er durch ein stereotypisches ’Ja, ja’ am Ende einer Zeile ersetzt. Als Selbstdichter hielt sich Keim natürlich für etwas Besseres als andere Orgelmänner und schloss seine Vorträge gewöhnlich mit der Aufforderung an seine Gattin: ’Lisbeth, heb die Grosche uff’, indem er damit andeutete, dass er mit Kupferkreuzern nicht belohnt sein wolle.“
UNTERGEGANGENE BERUFE . Der Bänkelsänger. Tagesspiegel
Gedichte von Benn, Eich, Gezelle, Lasker-Schüler, Keim und Trakl. Der Komponist: Winfried Michel aus Münster.
Das erste Lied „wenn auch“ führt noch sanft in die neue Materie ein. Der Zusammenklang zwischen der reinen Diatonik der Spieluhr und dem langsamen, zwischendurch sprechartigen, chromatischen Gesang, erschließt sich auf Anhieb. Spätestens beim zweiten Titel, „Nachhut“, ist der Zuhörer eingenommen von dem brachialen, fast schon angsteinflößenden Kratzen der Bratsche und dem unaufhörlichen Hämmern des Klaviers. Der Wechsel zwischen ruhigen Partien, die die Zuhörer in trügerischer Sicherheit wiegen, und schnellen lauten Partien, reißen fast schon an den Nerven. Den Ausklang bildet das wohl berühmteste Gedicht Catulls „Odi et amo“ (Hassen und Lieben), vertont im musikalischen Spannungsfeld zwischen Gesang und Flöte, das die Botschaft des Gedichts wunderbar einfängt. / Nina Günzel, Ahlener Zeitung
Kai Grehn macht das Unmöglich möglich: Er inszeniert das beeindruckende Hörspiel von Herta Müllers „Atemschaukel“
Das Hörspiel gibt dem Ohr gleich einen Notenschlüssel fürs Verständnis mit. Es beginnt – anders als Herta Müllers Roman „Atemschaukel“ – mit Oskar Pastiors Gedicht „Die Suppe war einmalig“, gesprochen vom Verfasser selbst. Da weiß jeder sofort, dass es hier um die Lebensgeschichte des Dichters Oskar Pastior geht. Der Prolog in Versen stimmt ein auf das, was den Hörer erwartet: ein Gemisch aus gleitenden Gedanken, eine dahinfließende Legierung aus schöner Sprache und unbekömmlichen Dingen. Grauen und Traumsequenzen lassen Spielräume zu: „Erlaubt war alles“, sagt das Gedicht. Im Paradoxen, im subtil sarkastisch kredenzten Aberwitz eines tödlich ungenießbaren, irreal anmutenden „Gebräus“ aus Gegensätzlichem treffen sich die Intentionen Oskar Pastiors und der Literaturnobelpreisträgerin Herta Müller. Todesangst im Zwangsarbeitslager und lebensrettende Flucht in die Fantasie sind die einander bedingenden Pole.
/ Dorothea von Törne, Die Welt 24.7.
Hinter dem Fachwerkhaus des Falkenseer Museums an der vielbefahrenen Falkenhagener Straße entsteht in Peglows Regie und unter Mitwirkung von Uwe Jens Graff, einem Mitarbeiter der Stadt, ein musealer Garten. Er ist der Dichterin Gertrud Kolmar gewidmet und wird in schöner Symbiose „Rosen und Gedichte“ präsentieren. Denn der Königin der Blumen widmete die jüdische Dichterin, die mit bürgerlichem Namen Gertrud Chodziesner hieß, viele ihrer Verse, die vorwiegend in den zwanziger und dreißiger Jahren im Villenviertel Finkenkrug entstanden sind. Eben dort, wo die Familie lebte und sich Vater Ludwig, ein Rechtsanwalt, als leidenschaftlicher Rosenliebhaber betätigte. Bis er und seine Tochter von den Nationalsozialisten gezwungen wurden, ihr Haus aufzugeben. Der Anwalt starb in Theresienstadt. Die Spur der Tochter verliert sich auf dem Transport nach Auschwitz. Sie wurde nur 48 Jahre alt. …
„Die Kolmar gab den Rosen ihre eigenen Namen“, sagt Peglow. „Und die sind viel fantasievoller, genauer und schöner als der Name der Züchtung.“ Bei Gertrud Kolmar heißen sie „Liebe“, „Traumsee“, „Marzipanrose“ oder „Rose in Trauer“ / Märkische Allgemeine
Tagesliteratur
Die Flut der Poesie wirft an den Strand
Viel bunte Steinchen, Kieß und Sand,
Darunter echte Perlen liegen.
Die Knaben Recensenten schrein:
Ein neuer Stein, ein neuer Edelstein!
Und von den Perlen wird geschwiegen.
(Gedichte Bd. VI, 1838)
Aus: Elf Bücher Deutscher Dichtung. Von Sebastian Brant (1500) bis auf die Gegenwart. Hg. Karl Gödeke. 2. Abtheilung. Leipzig: Hahn´sche Verlagsbuchhandlung 1849, S. 428.
Eine Büste des Dichters Heinrich Heine zieht in die Walhalla ein. Eine zweifelhafte Ehrung. Immerhin war der satirische Dichter ein süffisanter Kritiker der bekanntesten Ruhmeshalle Deutschlands.
http://www.berlinerliteraturkritik.de/detailseite/artikel/heine-wuerde-schmunzeln.html
Im Nachhinein ist man klüger. „Sehr geehrter Herr Dr. Jandl!“, schrieb der gescheite Suhrkamp-Lektor Walter Boehlich im Mai 1958 an eben diesen: „Wir erlauben uns, Ihnen Ihre Gedichte wieder zurückzuschicken, da wir uns außer Stande sehen, in diesen puren Wortspielereien irgend einen lyrischen Gehalt zu entdecken. Man kann vieles als Gedicht bezeichnen, diese Stücke aber ganz gewiss nicht.“
Die Geschichte hat Jandl rehabilitiert. Aber man sollte sich klar machen, dass damals, in den fünfziger Jahren, auch andere, nicht nur die konservativen Ex-Nazis im österreichischen Kulturbetrieb, am literarischen Wert von Jandls Dichtungen zweifelten. Selbst die Heroen der Wiener Gruppe duldeten ihn nur als Randfigur, fanden seine Texte zu verspielt, zu sehr auf eine Pointe hin konzipiert. / Thomas Rothschild, Freitag 23.7.
Ernst Jandl. Das Öffnen und Schließen des Mundes. Frankfurter Poetikvorlesungen 1984/1985. Filmedition Suhrkamp 17/absolut Medien. 2 DVD, Mono, 263 Min., Farbe, 29,90 €
Wenn sich ein als experimentell ausgewiesener Autor wie Michael Lentz einem höchst konventionellen Genre wie dem Liebesgedicht zuwendet, schrillen bei Kennern die Alarmglocken. Ist da etwa ein Autor der Avantgarde unversehens zu einem Dichter der Gefühligkeit konvertiert? Handelt es sich um einen opportunistischen Akt der Anbiederung? Das bibliophile Kleinformat und die mit der Handschrift des Autors gesetzten Kapitelüberschriften weisen das Buch auf den ersten Blick als ein intimes Vademecum aus, als eine Art Ratgeber in emotionalen Unsicherheitslagen. Doch bereits der Untertitel von Lentz’ neuem Band, der „100 Liebesgedichte“ annonciert, sollte stutzig machen. Denn die strikt numerische Bestimmung und die Unterteilung in zehn Kapitel mit je zehn Gedichten verweist auf den streng seriellen Charakter des Werks. Lentz hat 100 Versuchsanordnungen über die Liebe geschrieben, die gerade nicht den klassisch-romantischen Liebesbegriff reproduzieren, sondern ihn überschreiben und überschreiten.
Die alten Tonspuren des Barock und die berühmten Gedichtzeilen Rilkes und Goethes werden aufgerufen – freilich in der Art der Parodie. Dennoch bleibt oft ein Unbehagen zurück. Denn an nicht wenigen dieser Versuche haften noch die Spuren schlichtesten Gefühlsausdrucks. Ein in Sentiment schwelgendes Ich sucht nach allzu nahe liegenden Korrespondenzen zwischen Subjekt und Natur – und so entstehen überaus konventionelle Fügungen: „die blüten des tulpenbaums/blühen nur für dich.“ Oder: „grünes blatt du/weißes blatt ich/so füll mich an/… bist du der hammer/lass mich dein nagel sein/in den november versenkt.“ Ein mit allen Wassern der Poetologie gewaschener Autor wie Lentz weiß natürlich, dass das Liebesgedicht zu den schwierigsten Gattungen gehört. / Michael Braun, Badische Zeitung 24.7.
Michael Lentz: Offene Unruh. 100 Liebesgedichte. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2010. 176 S., 16,95 Euro.
Weil die Lyrikerin und Kritikerin Anne Carson und der Tänzer-Choreograf Rashaun Mitchell jeder für sich Ausnahmekünstler sind, wäre ihre gelegentliche Zusammenarbeit, die im Jahr 2004 begann, auch dann bemerkenswert, wenn sie weniger reich wäre. Doch “Bracko” und “Nox”, die beiden Hauptwerke ihrer Zusammenarbeit, sind Ereignisse, bei denen verschiedene Arten von Poesie mit außerordentlicher Eloquenz zusammentreffen. Wort, Tanz, Übersetzung, Kulturkommentar, Licht, Musik, sie alle fügen zurückhaltende, überlappende Zonen von Schönheit, Bedeutung und Drama hinzu. …
In „Bracko“ arbeiten Carson und Mitchell mit Bezügen zu unterschiedlichen toten Künstlern. Frau Carson ist hier die Übersetzerin der griechischen Dichterin Sappho; Herr Mitchell bleibt, obwohl er ein vollkommen originelles Mann-Frau-Tanzduett produziert, weitgehend in den von Merce Cunningham errichteten Grenzen (er arbeitete einige Jahre in ihrer Company).
In „Nox“ aber übersetzt Frau Carson ein einzelnes klassisches Gedicht als Grundlage für sehr persönliche und vielfältige Überlegungen. Und Herr Mitchell arbeitet hier in einem Genre, das Merce Cunningham im allgemeinen vermied, dem Mann-Mann-Duett, und er benutzt Bewegungen (Stürze, akrobatische Bodenübungen, dramatisch aufgeladene Verzahnungen), die sich von Cunninghams weitgefaßtem Lexikon entfernen.
Beschäftigung mit griechischer Literatur und Kultur gehörte immer zu den Hauptbestandteilen von Anne Carsons Werk. Der Titel „Bracko“ spielt auf die vielen eckigen Klammern an, die den fragmentarischen Text der Gedichte Sapphos durchziehen. Sein Bruchstückcharakter wird in der Performanz spürbar. (Wechselnde Stimmen sagen „Klammer auf“, „sündig“, „Klammer zu“). / Alastair Macaulay, New York Times 21.7.
Ron Winkler scheint einen speziellen Feind zu haben, der ihn seit Monaten mit galligen Kommentaren überzieht. Sie kommen immer aus Berlin, immer über Alice DSL, immer mit gefakten Namen („Nina“, „Ingrid“, gelegentlich sogar mal „Ron Winkler“) und wechselnden Mailadressen. Ich verabscheue diese feigen Attacken in der Anonymität des World Wide Schmähweb. Ich will versuchen, diese in Zukunft herauszufiltern. Wer andere kritisiert, versuche es mit seinem eigenen mehr oder weniger guten Namen.
Thomas Kunst schickt diesen Gruß an den Preisträger:
Eigner traf ich 2003 zum ersten Mal im Goethe-Institut in Rom. Ich verließ nach etwa fünf Minuten eine Lesung von Wladimir Kaminer. Eigner auch. Wir machten uns bekannt und gingen Bier trinken, kamen sehr schnell zu den Hauptthemen: gute, schlechte und mittelmäßige Literatur. In der Bibliothek der Villa Massimo waren gottseidank alle bis dahin erschienenen Romane von ihm zu finden. Ich begann mit „Golli“ und konnte gleich auf der ersten Seite mit ansehen, wie waidgerecht er es verstand, einen Kugelschreiber zu zerlegen.
Eigenartigerweise war diese Kugelschreiberszene der Moment, in dem mir klar wurde, es mit einem außergewöhnlichen, sturen und besessenen Dichter zu tun zu haben. Danach las ich die restlichen Romane. Brandig: ein sinfonischer Felsen. Mitten entzwei: Brackwasser und sexuelle Zuversicht. Lichterfahrt mit Gesualdo: Roadmovie mit Kind auf der Ladefläche. Die italienische Begeisterung: Vater-Tochter-Verlorenheit, die Verzweiflung als eine Form der negativen Begeisterung, wie es Emile Cioran einmal so treffend formulierte.
Mein Gott, warum kannte ich ihn vorher noch nicht. Natürlich würde ich ihn nie wieder mit Aigner verwechseln. Seine Romane zu lesen, glich einem Suchtverhalten. Ich wollte sie alle zuhause haben. An einem der nachhaltigsten Nachmittage meines Lebens tranken wir schweren, bernsteinfarbenen Wein aus blauen, elementaren Flaschen und sahen von seiner Terrasse auf das Tal von Olevano. Noch heute denke ich gern an seinen Satz: “ Ein Roman, in dem kein Schwan vorkommt, kann kein guter Roman sein.“ Es gibt nicht viele deutsche Dichter, die ich verehre. Eigner gehört zu diesen wenigen.
Die Programmkommission hat entschieden. Aus den über 900 Bewerbungen aus 71 Ländern für das 5. ZEBRA Poetry Film Festival wählte sie die 26 Teilnehmer des Wettbewerbs aus. Die Wettbewerbsfilme finden sich unter www.literaturwerkstatt.org
Eine international besetzte Jury wird während des Festivals die Gewinner des Wettbewerbs ermitteln. Es werden der „ZEBRA-Preis für den besten Poesiefilm“, der „Filmpoesie-Preis des Goethe-Instituts“ und der „Ritter-Sport-Preis, gestiftet von der Alfred Ritter GmbH & Co KG“ vergeben, mit einem Gesamtwert von 10.000 EUR.
Das ZEBRA Poetry Film Festival findet vom 14. – 17. Oktober 2010 im Kino Babylon, Berlin statt und ist ein Projekt der Literaturwerkstatt Berlin in Kooperation mit interfilm Berlin.
Die Programmkommission besteht aus internationalen Vertretern von Poesie und Film. Mit dabei sind der Dichter Dmitry Golynko (Russland), die Filmemacherin Anna Henckel-Donnersmarck (Deutschland), der Leiter des Filmfestivals interfilm Berlin Heinz Hermanns (Deutschland), der Projektleiter der Webseite für Poesie www.lyrikline.org Heiko Strunk (Deutschland) sowie Thomas Zandegiacomo del Bel (Deutschland), Projektleiter des ZEBRA Poetry Film Festival.
Das ZEBRA Poetry Film Festival ist ein Projekt der Literaturwerkstatt Berlin in Kooperation mit interfilm Berlin sowie mit der freundlichen Unterstützung durch den Hauptstadtkulturfonds. Preisstifter sind das Goethe-Institut, die Alfred Ritter GmbH & Co KG, der Deutsche Literaturfonds e.V. und Cine Impuls. Es findet statt im Rahmen des poesiefestival berlin.
14.-17. Oktober 2010
5. ZEBRA Poetry Film Festival
Kino Babylon, Rosa-Luxemburg-Str. 30, 10178 Berlin
Christoph Schmitz: In der kolumbianischen Hauptstadt oder Großstadt Medellín wurde es gegründet, vor 20 Jahren: das mittlerweile größte Poesiefestival der Welt. Poesie gegen Gewalt, Verbrechen, Mord in einem krisen- und bürgerkriegsgeschüttelten Lande. Das Gedicht als Gegengewicht zum Tod, zum Drogenkrieg, um Stadt, Land und Menschen zu retten. Wie viel die Poesie im allmählichen Befriedungsprozess Kolumbiens geleistet hat, ist schwer zu ermessen, das Festival gibt es jedenfalls immer noch – zehn Tage lang Dichtkunst Dutzender Lyriker aus aller Welt zieht die Bevölkerung an. 2006 wurde es dafür mit dem alternativen Nobelpreis ausgezeichnet. Am Wochenende ist die jüngste Ausgabe zu Ende gegangen, aus Deutschland war der Lyriker und Romancier Uwe Kolbe aus Berlin dabei. Gestern ist er zurückgekehrt: Welche sind Ihre Haupteindrücke kurz nach dem Ende des Festivals und wieder zurück in Berlin?, das habe ich ihn zuerst gefragt.
Uwe Kolbe: Mir geht es in einem Punkt genauso wie all den anderen Autoren. Was auch immer zu Hause im Heimatland ist, zum Beispiel hier in unserer Kultur in Westeuropa, welche Rolle da Poesie spielt, insbesondere wie marginalisiert sie ist – wenn man einmal in Medellín/Kolumbien bei diesem Festival war, dann weiß man, wie es sich anfühlt, ein Star zu sein.
Schmitz: Das müssen Sie beschreiben – wie hat das Publikum reagiert?
Kolbe: Das ist in einem Amphitheater, in einem Open-Air-Theater, 2000, 3000 Leute, Zuhörer, offensichtlich sichtbar alle Schichten der Bevölkerung, also vom wirklich, von den Intellektuellen, von Oberschichtangehörigen sichtlich bis hin zu Leuten aus den Barrios, sensibel, wach, dabei reagierend auf jeden Satz, den man natürlich sagt in Ansprache an das Publikum, aber auch bereit, spontan zu reagieren auf Themen, auf Aspekte von Poesie, auf einzelne Gedichte zu reagieren mit sehr differenziertem Beifall, mit sehr differenziert … mit Bravorufen – es ist einfach verrückt.
/ DLF 20.7.
In ihrer poetischen Sprache folgt die Autorin keinem klassischen Ideal, sondern ergründet sie in ihrem historischen wie regionalen oder auch subkulturellem Potential: Wenn sie das barocke Deutsch von Simon Dach zitiert, der noch von ‚Drangsals-trost‘ und ‚KranckheitArtzt‘ sprach, ein Gedicht in bayrischer Mundart verfasst – sie stammt selbst aus dem Allgäu -, oder an die Parole ‚Bildet Banden‘ erinnert, nun aber auf die Fans eines Skispringers gemünzt, in der Reihe Vierschanzengedichte. Bewegung ist nicht nur Tanz und Denken, Bewegung ist ebenso Sport. Und so gliedert sich der Gedichtband in Sinnabschnitte, die vom Tanz über das Denken zu verspielteren Themen führen: Wappenvögel, Apfelkunde, Skispringen. Es ist diese Vielfalt der poetischen Sprache wie der Themen und Anspielungen, die den Band zu einem literarischen Genuss machen, der keineswegs hermetisch ist. Nach den Diskotheken ist ein Buch im kulturellen Freiraum, fern der ideologischen Verengung, es ist ein Teil auch der Popkultur, ohne dem Stigma ‚Popliteratur‘ zu verfallen, sprich wiederum darin einseitig zu werden. Dass die Autorin die Band Chicks on Speed mag, verrät schon ihr Sprachspiel ‚Babes on Vorstellungskraft‘ – die Nachfrage bestätigte das nur. …
Ihre eigene Sprache bewegt sich zwischen Balance und Experiment, mutet nicht forcierte avantgardistische Akrobatik zu und verfällt doch nicht in bildungsbürgerliches Maßhalten. Vielmehr sucht sie die Leichtigkeit des avantgardistischen Erbes, die Fortführung seines Anspruchs im Zeichen des Austauschs, der Kommunikation, eben der heutigen Kultur. Um ein Beispiel zu geben:
„Ich lese aus dem Zyklus ‚Ein Buch des Körpers‘ und dem sind zwei Zitate voran gestellt. Eines ist von Augustinus: ‚Unsere Leiber leben aus uns, indem sie uns anhangen‘. Das andere ist von Xavier Le Roy, ein zeitgenössischer Choreograf: ‚Warum sollte der Körper an der Haut enden?‘ Figur I: ‚Der Körper ein Rucksack, gut durchblutet,/ immer unterwegs zum Kräftemessen mit den Gedanken,/ über Wertstoffhöfe, Kompost?/ Mein linker Arm beschreibt kleine Kreise./ Ich fürchte, die Gene. Sternfeuer aus Abfall./ Ich schleppe an einer Qualle, einem Blasebalg,/ mit allem vertraut, was an mir haftet/ an Glanz./ Ich lade auf, werfe ab,/ schnips mit den Fingern, und puff./ Werde ich spüren, dass ich nichts wiege,/ zwischen die Lichtbündel hüpfen,/ die Spotlights schleudern?‘
/ Volkmar Mühleis, DLF 21.7.
Martina Hefter: „Nach den Diskotheken“
Gedichte
erschienen im Kookbooks Verlag
80 Seiten. 19,90 Euro
Erstmals vergibt der Freistaat Bayern in diesem Jahr sechs mit je 6.000 Euro dotierte Arbeitsstipendien für Schriftstellerinnen und Schriftsteller. Kunstminister Wolfgang Heubisch: „Autorinnen und Autoren brauchen Freiräume. Ein Stipendium ermöglicht es, sich einem literarischen Projekt ohne wirtschaftlich-materiellen Zwang zu widmen. Die Einrichtung von staatlichen Literaturstipendien in Bayern ist mir seit langem ein wichtiges Anliegen.“
Eins der Stipendien geht an Axel Sanjosé für sein Lyrikprojekt mit dem Arbeitstitel „Anaptyxis“.
Am 20. September 2010 wird Kunstminister Heubisch die Stipendien verleihen. Die Arbeitsstipendien werden künftig alle zwei Jahre vergeben. Bewerben können sich Schriftstellerinnen und Schriftsteller der Bereiche Prosa, Lyrik, Drama/Hörspiel sowie Kinder- und Jugendliteratur. Die Bewerber müssen ihren Wohnsitz in Bayern haben.
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