85. Kulturkampf statt Politik

Der Kulturkampf kommt der Politik gelegen, um Themen anzusprechen, an denen sie nichts ändern kann

schreibt die Süddeutsche Zeitung:

Es gibt im Kulturkampf in Deutschland derzeit eine ganze Menge Fronten, was nicht zuletzt daran liegt, dass sich der Kulturbegriff auch in Deutschland enorm erweitert hat. Da gibt es die Islamdebatte, die Integrationsdebatte, die Internetdebatte, die Bioethikdebatte, die Nachhaltigkeitsdebatte sowie die Feminismusdebatte. Was all diese Debatten trotz ihrer extremen thematischen Unterschiede gemeinsam haben, ist die Tatsache, dass jeder, der für sich entscheidet, sich einzumischen, sich erst einmal entscheiden muss, auf welche Seite er sich stellt. Um dann in einer Art rhetorischen Sippenhaft auf die Argumentationslinie jenes Lagers festgelegt wird, für das er sich offensichtlich entschieden hat. Jeder, der schon einmal einen Beitrag zu einer der oben genannten Debatten veröffentlicht hat, sei es als Publizist in einem traditionellen Medium oder als Kommentator im Internet, weiß, dass solche Beiträge selten wirklich gelesen, sondern meist nur nach eher schlichten Parametern eingeordnet werden. …

Die bizarrsten Debatten Deutschlands kreisen nach wie vor um das Thema Internet. Da schürt die Verbraucherministerin Ilse Aigner die Panik vor den neuesten Techniken der Kartographie wie Google Street View, indem sie mit den klassischen Ängsten vom Machthunger eines Wirtschaftsmonopolisten spielt. Eine ganze Phalanx von Koalitionspolitikerinnen und -politikern rückt unterdessen Randbereiche des Internets wie die Kinderpornographie, den Rechtsradikalismus oder das Raubkopieren ins Zentrum der Debatte und stilisiert sie zu Vorboten eines kulturellen Niedergangs. / Andrian Kreye, SZ 16.11.

(Ists auch nicht Lyrik)

 

 

84. Poet of the rural, natural world

Murray is the poet of Australian rural life and work, and the natural world in which they are conducted. He invests the rituals, grandeur, wonder and hardships of both spheres with a powerful sense of the sacred.

But read between the lines of this truncated character sketch and you also get a glimpse of what has been a sometimes fractious career. Murray has been garlanded with prizes – TS Eliot (1996), Queen’s gold medal for poetry (1999) – and tipped for the Nobel, but he has often been cast, as much by himself as anyone else, as an outsider. / Nicholas Wroe, The Guardian 20.11.

 

Taller When Prone by Les Murray – review
Les Murray’s poetry is a masterclass in observation, writesKate Kellaway

In L&Poe

  • Les Murray: Übersetzungen aus der Natur. Ausgewählt und aus dem Englischen übertragen von Margitt Lehbert. 94 S., plus CD: Les Murray reads his poems «Translations from Nature». Edition Rugerup, Hörby 2008. Zus. € 29.90.
  • LES MURRAY: Gedichte, groß wie Photos. Zweisprachige Ausgabe. Aus dem Englischen übersetzt von Margitt Lehbert. Edition Rugerup, Hörby 2006. 191 Seiten, 19,90 Euro.
  • Les Murray: Fredy Neptune. Aus dem australischen Englisch von Thomas Eichhorn. Ammann-Verlag, Zürich 2004. 520 S.

 

 

 

83. American Life in Poetry: Column 296

BY TED KOOSER, U.S. POET LAUREATE

Those of us who live in the country equate the word “development” with displacement, and it has often been said that subdivisions are named for what they replace, like Woodland Glade. Here’s a writer from my state, Nebraska, Stephen Behrendt, with a poem about what some call progress.

Developing the Land

For six nights now the cries have sounded in the pasture:
coyote voices fluting across the greening rise to the east
where the deer have almost ceased to pass
now that the developers have carved up yet another section,
filled another space with spars and studs, concrete, runoff.

Five years ago you saw two spotted fawns rise
for the first time from brome where brick mailboxes will stand;
only three years past came great horned owls
who raised two squeaking, downy owlets
that perished in the traffic, skimming too low across the road
behind some swift, more fortunate cottontail.

It was on an August afternoon that you drove in,
curling down our long gravel drive past pasture and creek,
that you saw, flickering at the edge of your sight,
three mounted Indians, motionless in the paused breeze,
who vanished when you turned your head.

We have felt the presence on this land of others,
of some who paused here, some who passed, who have left
in the thick clay shards and splinters of themselves that we dig up,
turn up with spade and tine when we garden or bury our animals;
their voices whisper on moonless nights in the back pasture hollow
where the horses snort and nicker, wary with alarm.

American Life in Poetry is made possible by The Poetry Foundation (www.poetryfoundation.org), publisher of Poetry magazine. It is also supported by the Department of English at the University of Nebraska-Lincoln. Poem copyright ©2005 by Stephen C. Behrendt from his most recent book of poetry,History, Mid-List Press, 2005. Reprinted by permission of Stephen C. Behrendt and the publisher. Introduction copyright © 2009 by The Poetry Foundation. The introduction’s author, Ted Kooser, served as United States Poet Laureate Consultant in Poetry to the Library of Congress from 2004-2006. We do not accept unsolicited manuscripts.

82. Walter Helmut Fritz gestorben

Der Lyriker Walter Helmut Fritz ist tot. Wie sein Verlag Hoffmann und Campe (Hamburg) am Montag auf Anfrage bestätigte, starb der Dichter bereits am vergangenen Samstag im Alter von 81 Jahren. Der aus Karlsruhe stammende Fritz galt als einer der bedeutendsten Lyriker im deutschsprachigen Raum. Neben Gedichten schrieb er Romane und Essays und arbeitete auch als Übersetzer. / Der Standard 22.11.

In L&Poe

81. Ehrung für Mayröcker

Der Bremer Literaturpreis gehört – neben dem Büchner- und dem deutschen Buchpreis – zu den drei bedeutendsten Auszeichnungen für Schriftsteller. Im nächsten Jahr erhält die 85-jährige Österreicherin Friederike Mayröcker den Preis, Feier und Ehrung gibt es im Januar. / Dirk Dasenbrock, Oldenburgische Volkszeitung 22.11.

Der mit 20.000 Euro dotierte Bremer Literaturpreis 2011 geht an die Wiener Autorin Friederike Mayröcker. Sie erhalte den Preis für ihren in diesem Jahr erschienenen Roman „ich bin in der Anstalt. Fusznoten zu einem nichtgeschriebenen Werk“, teilte die Jury der Rudolf-Alexander-Schröder-Stiftung am Samstag mit. Die Sprache Mayröckers verwandle sich in dem Buch in eine Prosa, die ein Lebensjahr in allen seinen Facetten in sich aufnehme, hieß es zur Begründung. / Der Standard 13.11.

Friederike Mayröcker: „ich bin in der anstalt“. Berlin 2010. 190 Seiten. 19.80 Euro

Mehr: Weser-Kurier /

In Österreich scheint Literatur „Chefsache“. Das zuständige Ministerium kommentiert:

Kulturministerin Claudia Schmied gratuliert Friederike Mayröcker zum Bremer Literaturpreis 2011 und Andrea Grill zum Förderpreis =

 

„Bei Friederike Mayröcker wird Sprache schöpferisch. Erfahrungen, Gefühle, Ideen formt sie zu schonungslosen, klaren Bildern, die von poetischen Formgesetzen bestimmt sind. Ich gratuliere ihr ganz herzlich zum Bremer Literaturpreis für ihren in diesem Jahr erschienenen Roman „ich bin in der Anstalt. Fusznoten zu einem nichtgeschriebenen Werk“. Meine besten Glückwünsche gehen auch an die Salzburger Autorin Andrea Grill, die den Förderpreis zum Bremer Literaturpreis erhält. Dass sich die Jury für zwei Österreicherinnen ausgesprochen hat, unterstreicht einmal mehr den hohen Stellenwert der SchriftstellerInnen unseres Landes in der deutschsprachigen Literatur“, betont Kulturministerin Dr. Claudia Schmied anlässlich der Bekanntgabe der PreisträgerInnen des Bremer Literaturpreises 2011 durch die Rudolf-Alexander-Schröder-Stiftung. / Wien (OTS)

 

80. Ernst-Jandl-Show

Auf einer Kinoleinwand ist Jandls legendärer Auftritt 1965 in der Londoner Royal Albert Hall zu sehen, wo er das Publikum mit dem Vortrag seines Napoleon-Gedichtes «Ode auf N» zum Toben bringt, in einem guten alten Fernsehgerät demonstriert der promovierte Germanist Dr. Ernst Jandl dem kritischen Publikum des Saarländischen Rundfunks, dass eine hieb- und stichfest untermauerte Poetik mitunter durchaus verständlich klingen kann: Die eigene Arbeit versteht Jandl demnach als «Suche nach weissen Flecken auf der poetischen Landkarte, um dort Abenteuer zu erleben». / Georg Renöckl, NZZ 22.11.

Die Ernst-Jandl-Show: Wien-Museum, Karlsplatz, 1040 Wien. Bis 13. Februar 2011. Begleitprogramm:www.wienmuseum.at.

79. Literarische Einkünfte

Und die literarischen Einkünfte selbst sind, vor allem, wenn es sich um Lyrik handelt, oft lachhaft. Ich habe eine aktuelle Abrechnung meines Verlages Jung und Jung über den Gedichtband „Ein Messer aus Odessa“. Da habe ich 308 Euro 63 Cent verdient (lachend): 201 verkaufte Bücher. Freie Exemplare: 44. Belegexemplare: 63 – für die kriegt man nichts, glaube ich. Makulatur: 1 (lachend). Also mit 308 Euro 63 Cent springt man nicht sehr weit. Aber ich habe da noch etwas: Der Österreichische Rundfunk, Literatur, Hörspiel und Feature, hat mir 253 Euro 26 Cent für die Sendung „Nachtbilder“ überwiesen. Da haben sie aus „Ein Messer aus Odessa“ vorgelesen. Doch das war spät in der Nacht, ich habe es nicht gehört. Und dann habe ich 30 Euro von der „Presse“ gekriegt, neulich. Die haben ein Gedicht von mir irgendwo aufgegriffen und abgedruckt – ein ganz ein kleines. / Erwin Einzinger im Interview mit dem Standard

78. „Georg Trakl“,

… ein eindrucksvolles Tanzstück von Enrique Gasa Valga, im Tiroler Landestheater / Der Standard

77. Trottel mit Hut

Das Gedicht der englischen «Sun» über Fabio Capello hier

76. Siebengestirn aus Gedichten

„Der Mond und die Siebensterne / sind untergegangen. Mitter- / nacht ist und die Zeit vorüber. / Ich aber, ich liege einsam.“ So übersetzt Emil Staiger den Sappho-Vierzeiler, an dem sich jetzt Roman Graf mit gleich sieben Nachdichtungen versucht. Sappho – Labor ist der vierte der sieben Teile von Grafs erstem Gedichtband. In Mitternacht, Nachdichtung vier, heißt es: „Verronnen die Zeit, / Die erste Hälfte. // Einsam / wache ich, / Die zweite.“ …

… ein Siebengestirn, konstelliert aus Gedichten. / Urs Allemann, DER STANDARD 20.11.

Roman Graf, „Zur Irrfahrt verführt“. € 18,50 / 81 Seiten. Limmat, Zürich 2010

75. Radikal anders

Habe „Vorstellung meiner Hände“ sofort zweimal gelesen, so anregend ist es. Obwohl, es sind Gedichte, und Lyrik gilt gegenwärtig dauernd als schwer zugänglich, schwierig oder im maximal unsympathischen Sound des kulturell hohen Tons auftretend. Gewöhnlich bin ich kein Leser von Gedichten. Bücher, Zeitungen, Magazine, Fernsehen, Internet, CDs, LPs, Kassetten, Radio, Konzerte, Filme. Sofort radikal anders wird sie, die Vorstellung von Gedichten, bei Rolf Dieter Brinkmann. Alltägliche Wahrnehmungen, nicht manieristisches oder betont künstlerisch automatisches Schreiben. / Christopher Strunz,  Textem

Rolf Dieter Brinkmann: Vorstellung meiner Hände. Frühe Gedichte. Herausgegeben von Maleen Brinkmann. Rowohlt: Reinbek bei Hamburg 2010. 16 €

Witzig die Geschichte der aufgefundenen Manuskripte:

Bis 2005 lagerten sie im Privatbesitz eines ehemaligen Mitschülers und Mitbewohners, Peter Hackmann, der dieses Jahr gestorben ist und die beschädigten Manuskripte, – lose überlieferte Seiten, zerrissen, mit grobem Bürotesafilm überklebt, mit Bemerkungen beschriftet –, der Unibibliothek Vechta verkaufte.

74. Egger‘s Lied-Wesen

NIHILUM ALBUM mit Oswald Egger und Harald Muenz am kommenden Dienstag um 21.15 Uhr in der Villa Elisabeth, Invalidenstr. 3, Berlin.

NIHILUM ALBUM
Liedertafel mit Oswald Egger (Dichter), Harald Muenz (Komponist),
Barbara Kind, Judith Kamphues, Volker Nietzke, Martin Schubach (Vokalquartett)

 

Der Dichter Oswald Egger liest aus seinem Nihilum album: 3650 Nichtstandard-Liedern, „die von dort, woher die Kinder kommen, ins Diesseits kassibern: Zinkblumen (nihilum album) aus Erde und Rede, Priameln und Schnaderhüpferln“.

Zur Uraufführung kommt das Chorstück „bum al lumhini“ (2010) des Kölner Komponisten Harald Muenz.

Die Dichter, Sänger und Gäste der Liedertafel denken bei Wein und Käse über das Egger‘sche Lied-Wesen nach:

„Singen, tönern
ist es gut,
Pfoten-Mond
lebendere Blitze.“

 

23. November 2010, 21:15 Uhr
Villa Elisabeth, Invalidenstr. 3, Berlin

 

www.sing-akademie.de

 

73. Förderpreis für Andre Rudolph

Andre Rudolph erhält den Förderpreis des Kranichsteiner Literaturpreises. Das teilte die Jury in Darmstadt mit, nachdem sich drei Kandidaten bei einer Lesung in der Brecht-Schule vorgestellt hatten. Der 1975 in Warschau geborene, in Leipzig lebende Lyriker hatte einen Ausschnitt aus seinem derzeit entstehenden Langgedicht »in der nordstraße…« vorgetragen. Er nimmt die mit 5000 Euro verbundene Auszeichnung am Freitagabend im Karolinensaal des Staatsarchivs entgegen. / Darmstädter Echo 19.11.

Der Kranichsteiner Literaturpreis geht neue Wege. Der Deutsche Literaturfonds in Darmstadt teilt mit, dass der Wettbewerb der Förderpreis-Kandidaten erstmals in einer Schule ausgetragen wird: Am Freitag (19.) stellen sich um 11.30 Uhr Daniela Dröscher, Ricarda Junge und Andre Rudolph mit unveröffentlichten Texten in der Bertolt-Brecht-Schule in Darmstadt (Kranichsteiner Straße 81) vor. Am Ende jeder Lesung diskutiert die Jury (Lerke von Saalfeld, Burkhard Müller und Andreas Platthaus) öffentlich und gibt anschließend bekannt, wer den mit 5000 Euro dotierten Förderpreis erhält. Ein weiterer Preis in Höhe von 1000 Euro wird von einer Schülerjury vergeben.

Die drei Kandidaten waren von der Jury für die Teilnahme benannt worden. / Darmstädter Echo 17.11.

 

72. Lange Nacht über Paul Celan

DLR 19.11. 23:05 – 02:00 Uhr

DLF 20.11.2010 · 23:05 – 02:00 Uhr

Autor: Helmut Böttiger

Paul Celan, am 23. November 1920 geboren, gilt allgemein als der bedeutendste deutschsprachige Lyriker nach 1945. Seine „Todesfuge“ über das Leben in den Konzentrationslagern der Nazis ist zu einem zentralen Bestandteil des Deutschunterrichts geworden – aber sie ist dabei, wie er sagte, „lesebuchreif gedroschen“ worden.

Für den deutsch-jüdischen Lyriker aus Czernowitz war die Ermordung seiner Eltern einer der prägendsten Momente seines Lebens. Aber er wollte seine Lyrik keineswegs auf das Thema der Judenverfolgung reduziert sehen.
Die Geschichte der Missverständnisse um Celans Gedichte beginnt mit dem Auftritt bei der ‚Gruppe 47‘ 1952, wo er bei einigen der ‚Kahlschlag‘-Ideologen aus der Landsergeneration auf Ablehnung stieß. Die Liebesbeziehung zu Ingeborg Bachmann, dem Fräuleinwunder im 50er-Jahre-Deutschland, lud seine Person im Literaturbetrieb zusätzlich auf.
Die Dreiecksbeziehung Celan, Bachmann und Gisèle Celan-Lestrange, der Ehefrau Celans, wirkt selbst wie eine literarische Fiktion.

Celans Gedichte, so ‚hermetisch‘ sie auch wirken mögen, zeigen immer wieder Spuren biografischer Erfahrungen. Gleichzeitig zeigt sein Ausspruch „Alle Dichter sind Juden“, wie sehr er den Dichter als Auserwählten empfand*; auch deshalb musste er sein Aufeinandertreffen mit dem bundesdeutschen Literaturbetrieb als unheilvoll empfinden.

Sein Selbstmord in der Seine 1970, nach langen Aufenthalten in der Psychiatrie, setzte den Schlusspunkt unter eine exemplarische, bewegende Dichterbiografie des 20. Jahrhunderts und beschwert die Lektüre seiner Gedichte zusätzlich.

Man sollte sich Celans Lyrik weder identifikatorisch, weder weihevoll raunend noch mit einem aufgeplusterten wissenschaftlichen Begriffsapparat nähern.
Man sollte sie einfach ganz genau lesen – und hören.

*) Der Ausspruch stammt von der (nicht jüdischen) russischen Dichterin Marina Zwetajewa. Celan wird ihn gekannt und mag ihn zitiert haben, aber die Interpretation verfährt m.E. an dieser Stelle selbst mystifizierend. M.G.

71. Provokante Verse

Joumana Haddad bricht gern Tabus. Als Dichterin und Journalistin kämpft sie im Libanon für die Freiheit der Frauen. Auch mit einem Erotikmagazin. Ist sie eine Feministin? Freitag fragte sie:

 

Auf dem Cover des Erotik-Magazins, das Sie in Beirut gegründet haben, sieht man nackte Männer und Frauen. Sie brechen damit Tabus. Reine Provokation?

Ich lebe in einem scheinheiligen Land: Auf den Plakaten am Straßenrand von Beirut findet man kaum etwas anderes als entblößte Körper und den Versuch von Sinnlichkeit. Aber man ist bei uns unfähig, ein erotisches Kulturmagazin zu akzeptieren. Der Blick fällt auf das Foto eines Künstlers oder das Bild eines Malers, und man sagt: Pornographie. Man kann überall den Playboy kaufen, mein Magazin ist dagegen in den meisten arabischen Ländern verboten. Man kann täglich ins Internet gehen und auf fragwürdige Webseiten klicken. Ich werde jedoch bedroht.

Sie sind eine arabische Frau.

Eine, die anzügliche Literatur liest, provokante Verse dichtet und auf die Machos und das Patriarchat spuckt. Das macht deren Attacken gegen mich umso bitterer und gewaltsamer. Aber wer mir anonyme Hass-Mails schickt, hat einfach nicht die Courage, mir in die Augen zu schauen. Der fühlt sich offenbar selber bedroht.