Eine Ausnahme gibt es aber doch. Unter den 15 Nominierungen für den Preis der Leipziger Buchmesse hat es ein Gedichtbuch auf dem Schleichweg über „Übersetzung“ auf die Liste gebracht. Ich weiß nicht, ob er Chancen hat gegen die Erzähl- und Sachbücher – meine Sympathie hat er: Ralph Dutli mit seiner zweisprachigen Ausgabe der Fatrasien. (Es gibt auch ein Online-Voting, aber leider nur für die Kategorie Belletristik). Hier die Meldung:
Kategorie Belletristik:
– Anna Katharina Fröhlich: „Kream Korner“ (Berlin Verlag)
– Arno Geiger: „Der alte König in seinem Exil“ (Carl Hanser Verlag)
– Wolfgang Herrndorf: „Tschick“ (Rowohlt Berlin Verlag)
– Clemens J. Setz: „Die Liebe zur Zeit des Mahlstädter Kindes“ (Suhrkamp Verlag)
– Peter Stamm: „Seerücken“ (S. Fischer Verlag)
Kategorie Sachbuch/Essayistik:
– Patrick Bahners: „Die Panikmacher. Die deutsche Angst vor dem Islam. Eine Streitschrift“ (C.H. Beck)
– Andrea Böhm: „Gott und die Krokodile. Eine Reise durch den Kongo“ (Random House; Pantheon Verlag)
– Karen Duve: „Anständig essen. Ein Selbstversuch“ (Galiani Verlag Berlin)
– Marie Luise Knott: „Verlernen. Denkwege bei Hannah Arendt“ (Matthes & Seitz Berlin)
– Henning Ritter: „Notizhefte“ (Berlin Verlag)
Kategorie Übersetzung:
– Barbara Conrad: „Krieg und Frieden“, aus dem Russischen neu übersetzt und kommentiert, von Lew Tolstoi (Carl Hanser Verlag)
– Ralph Dutli: „Fatrasien. Absurde Poesie des Mittelalters“, aus dem Altfranzösischen, Autor anonym (Wallstein Verlag)
– Maralde Meyer-Minnemann: „Mein Name ist Legion“, aus dem Portugiesischen, von António Lobo Antunes (Luchterhand Verlag)
– Terézia Mora: „Ein Produktionsroman (zwei Produktionsromane)“ aus dem Ungarischen, von Péter Esterházy (Berlin Verlag)
– Dagmar Ploetz: „Unter dieser furchterregenden Sonne“, aus dem argentinischen Spanisch, von Carlos Busqued (Antje Kunstmann Verlag)
Preisverleihung zur Leipziger Buchmesse und Hörproben im Internet
Die öffentliche Preisverleihung findet am Donnerstag, den 17. März 2011, 16.00 Uhr auf der Leipziger Buchmesse in der Glashalle statt. Einen akustischen Eindruck vermittelt das Internetportal www.literaturport.de. Alle nominierten Titel werden hier mit einer Hörprobe vorgestellt.
Radiosender im Gespräch mit den Belletristik-Favoriten
Der Mitteldeutsche Rundfunk (MDR Figaro), der Bayrische Rundfunk (BR2), der Südwestrundfunk (SWR2) sowie Deutschlandradio Kultur stellen die Nominierten der Kategorie Belletristik in öffentlichen Veranstaltungen vor, die im Radio übertragen werden. Am 13. Februar ab 16.00 Uhr ist Clemens J. Setz zu Gast im Lese-Café des Hörfunksenders MDR Figaro. Zwei Wochen später, am 27. Februar, begrüßt Moderator Michael Hametner den Autor Peter Stamm. Der MDR sendet live aus der Leipziger Moritzbastei (Universitätsstraße 9), die Veranstaltung ist öffentlich.
Im Literaturhaus München (Salvatorplatz 1) stellen sich am 2. März die Nominierten der Kategorie Belletristik vor. Es moderieren Gerwig Epkes (SWR2) und Cornelia Zetzsche (BR2). Die Veranstaltung beginnt 19.30 Uhr.
Am 3. März finden sich die Nominierten der Kategorie Sachbuch/Essayistik in der Sächsischen Landesvertretung in Berlin ein. Moderiert von Renè Aguigah überträgt Deutschlandradio Kultur die Veranstaltung am 6. März in der Sendung „Werkstatt“.
Zum Preis der Leipziger Buchmesse
Der Preis der Leipziger Buchmesse wird 2011 zum siebten Mal verliehen. Die Auszeichnung ehrt herausragende deutschsprachige Neuerscheinungen und Übersetzungen. Dotiert ist er mit insgesamt 45.000 Euro. Der Freistaat Sachsen und die Stadt Leipzig unterstützen den Preis der Leipziger Buchmesse. Partner ist das Literarische Colloquium Berlin (LCB), Medienpartner sind die Wochenzeitschrift DIE ZEIT und das Magazin buchjournal.
Vorsitzende der Jury ist die Publizistin Verena Auffermann. Sie arbeitet zusammen mit Johanna Adorján (Frankfurter Allgemeine Zeitung), Dr. Jens Bisky (Süddeutsche Zeitung), Dr. Martin Ebel (Tages-Anzeiger, Zürich), Dr. Eberhard Falcke (freier Literaturkritiker), Dr. Ingeborg Harms (freie Literaturkritikerin) und Dr. Adam Soboczynski (ZEIT).
Online-Voting für Literaturbegeisterte
Bücherfreunde sind aufgerufen, ihren Lieblingsautor der Kategorie Belletristik zu wählen. Dafür steht auf der Webseite zum Preis der Leipziger Buchmesse (www.preis-der-leipziger-buchmesse.de) das Online-Voting bereit. Zwischen dem 10. Februar und 7. März haben Besucher der Website (sowie die Besucher der Partner-Websites börsenblatt, Frankfurter Rundschau, Leipziger Internet Zeitung (L-IZ.de) und Literaturport die Möglichkeit, für ihren Preis-Favoriten abzustimmen. Unter allen Teilnehmern wird ein Besucher ausgelost, der ein Paket mit allen nominierten Büchern der Kategorie Belletristik sowie Eintrittskarten zur Preisverleihung bekommt.
Der letzte Dreck kam im April aus Österreich:
Alltag in Österreich: „Kronenzeitung“ feiert Hitler.
Eine Behauptung, eine Frage, ein Gedankenspiel – wäre es möglich, daß in einer großen deutschen Tageszeitung an einem 20. April folgendes Gedicht an prominenter Stelle erscheint: „Fürwahr, ein großer Tag ist heut! / Ich hab mich lang auf ihn gefreut, / es feiern heute Groß und Klein / zumeist daheim im Kämmerlein, / doch manche auf der Straße auch / den unverzichtbar schönen Brauch / bei dem, von Weisen inszeniert, / Gesellschaft zur Gemeinschaft wird. / Ihm sei’s zur Ehre, uns zum Heil.“ Gesellschaft zur Gemeinschaft, Ehre und Heil, soso. Die besondere Pointe steckt natürlich in dem, was man in diesem Zusammenhang ruhig den „Endreim“ nennen könnte. Der lautet nämlich: „Taxi Orange, der zweite Teil!“
Dieses „Gedicht“ erschien vor vier Tagen in der größten Tageszeitung Österreichs, der „Kronenzeitung“, verfaßt von ihrem berüchtigten „Hausdichter“ namens „Wolf Martin“. Bloß ein harmloses Loblied auf die zweite Staffel von „Taxi Orange“, der österreichischen Version von „Big Brother“? Jene Kritiker der „Krone“, denen dieser ganz spezielle Reim an Führers Geburtstag nicht ohnehin entgangen ist, zucken bereits resigniert die Schultern und meinen, man könne wieder einmal nichts beweisen. Doch ist hier eine Grenze überschritten. Dieses Gedicht an dem Tag und dem Ort seines Erscheinens ist nichts weniger als ein Skandal. / Eva Menasse, FAZ 26.4.01
Aber es gibt auch ein anderes Österreich. Franz Josef Czernin stellte Christine Lavant in der Reihe Dichter erklären Dichtung vor. Der „Rimbaud-Preis“ für junge Literaten ging an Christian Filips – Beckett und Celan nennt der Germanistikstudent als Leitbilder.
Gott dem Ohnmächtigen ist Jandls vermutlich allerletztes Gedicht («rot sei gott») gewidmet – auch dies ein verkapptes Selbstbildnis aus Fluchtiraden und Horrormetaphern, «ein sich in sich speiendes sei gott / . . . / ein im eigenen hirn steckengebliebenes / zeugungsglied». schreibt Felix Philipp Ingold, NZZ 18.4.
Ein neuer Wiener Verlag bringt Dichtung aus ganz Mitteleuropa auf den Markt: Franz Hammerbachers „Edition Korrespondenzen“. Im Programm u.a. Ilse Aichinger und Kurt Drawert, die slowakische Lyrikerin Mila Haugová, der Österreicher Franz Weinzettl und der Tscheche Petr Borkovec.
Aus Frankreich dies:
Arthur Rimbaud, Dichter des Symbolismus, Schöpfer der „Erleuchtungen“ und des „Aufenthalts in der Hölle“, Freund und zeitweise Lebensgefährte Paul Verlaines, Abenteurer, ging 1880 nach Zypern. In Limasol beaufsichtigte er Arbeiter, welche die Sommerresidenz für den britischen Gouverneur bauten. Doch der Verdienst war ihm zu gering. Also suchte er anderswo Arbeit, etwa in der (heute saudischen) Hafenstadt Dschidda. Vergeblich. Schließlich tauchte Rimbaud, fieberkrank und „wie Strandgut auf den glühenden Wüstensand geworfen“, auf dem „kahlen und sengenden Felsen von Aden auf“, wie Enid Starkie in seiner Rimbaud-Biografie schreibt. / Heiko Flottau, Süddeutsche 21.4.01
Einen Kriminalroman aus lauter Gedichten hat die australische Lyrikerin Dorothy Porter mit „Die Affenmaske“ geschrieben, und der Lyriker und Germanist Dirk von Petersdorff führt einen Feldzug gegen die vermeintlichen Altlasten der literarischen Moderne. Ihn nerven die „Metadiskurse der Bartträger“, die Verlogenheit der machtbewussten „Priesterliteraten“ und jene ordnungsliebenden Staatskünstler, die die Kunst politisch funktionalisieren wollen. (Vielleicht ist er auch nur neidisch? fragt ein – machtloser – Bartträger).
Die Lyrikerin und Kritikerin Linda Gregerson sagt über Elizabeth Bishop: „Sie ist ein Nationalgut!“
Zu ihrer Hundertjahrfeier finden Veranstaltungen in New York, Boston und Chikago statt. In der kanadischen Provinz Nova Scotia (wo sie als Kind lebte) ist gleich ein ganzes Festjahr geplant.
Farrar, Straus and Giroux bringt drei Bände heraus: „Poems“ (368 pp., $16); „Prose“ (528 pp., $20) und „Elizabeth Bishop and the New Yorker: Complete Correspondence“ (496 pp., $35).
Heute ist sie sogar ein Filmstar. MIllionen sahen den Film „In Her Shoes“ von 2005, in dem Cameron Diaz einem Sterbenden ihr berühmtes Gedicht „One Art“ vorlas – „The art of losing isn’t hard to master“ (Verlieren, diese Kunst ist schnell gelernt) – und es mit ihm diskutierte. In Brasilien entsteht gar ein biographischer Film über sie , „A Arte De Perder“ – The Art of Losing.
Bishop, die das Gedichteschreiben „einen unnatürlichen Akt“ nannte, war eine Perfektionistin, die Gedichte jahrelang zurückhielt und zeitlebens nur etwa 80 veröffentlichte. Doch für viele Leser sind sie unvergänglich.
Mit Gedichten wie „The Fish“ oder „The Armadillo“ (Das Gürteltier) wurde sie zu einer der größten Verfasserinnen beschreibender Poesie in englischer Sprache. / JOHN TIMPANE, The Philadelphia Inquirer
Die Stotterbühne lädt ein: „Befreiungspoesie“ Jeannette Abée – Wolfgang Endler – Lydia Kraft – Elena Tüx – Rainer Wieczorek – und und und
… Traumjäger baden im Herbst meines Herzens, kaum greifen kann, neustes Neu – es wird Gehirn die Blutpumpmaschine und stirbt sich langsam aus: das Monarchieische in den letzten Bettlern großer Städte. Ängste schwinden, Knüppel zerfallen, Killermaschinen sind zerlacht. Neue Brüste strahlen ….
in Neukölln
mit:
—
Rainer Wieczorek (Künstler/Soziologe/DADAsoph) www.rainerwieczorek.de
Ich war wohl ein Dreivierteljahr nicht bei Facebook. Ist das schon asozial? Wohl.
Jedenfalls muß ich feststellen: Facebook hat sich während meiner Abwesenheit in ein total poetisches Medium verwandelt?! Das erste, was ich sehe: Richard Duraj hat eine Shakespeare-Version gedichtet und seit 2 Stunden diskutiert man über den Vers unter Berücksichtigung der Erbtheorie… nicht schlecht.
Immer, wenn sie seine Gedichte liest, fühlt sie den Schmerz über seinen zu frühen Tod. Die Schauspielerin Katharina Thalbach hat das vor drei Jahren einmal in einem Interview mit der „Zeit“ zugegeben. Dennoch liest sie die Gedichte von Thomas Brasch immer wieder öffentlich – so auch am Samstag beim „Hörfest“ im Literaturhaus. Denn in der Kunst, sagte sie in jenem Interview, könne sie sich die Distanz nehmen, um ihm zu begegnen. Das empfinde sie als großes Glück. „Brasch war – und ist – der wichtigste Mann in meinem Leben“, sagt Katharina Thalbach gleich zu Beginn der Lesung. Als 15-Jährige lernte sie den neun Jahre älteren Thomas Brasch auf dem 70. Geburtstag von Helene Weigel kennen. 33 Jahre lang war sie seine Lebensgefährtin. „Aus Liebe“ verließ sie mit ihm 1976 auch die DDR – das Paar hatte zuvor in einem offenen Brief gegen die Ausbürgerung von Wolf Biermann protestiert. / FR 9.2.
Jedes der 31 »Kapitel« der Anthologie entfaltet seine ganz eigene Sphäre. Das eine Mal erscheint diese real und nachvollziehbar, wie in vielen der Kurzgeschichten und Romanauszüge, ein anderes Mal surreal und abstrakt – zum Beispiel bei der Lyrik. Wenn es in »Witterung« von Nadja Wünsche heißt:
das herz wird in flussrichtung eröffnet
wetterwendisch leuchten die räume
ein kreuzgewölbe auf hohlkehlen
ruht und dächer verfallen
dem glauben an fundamentales
Oder in Sebastian Polmans »hier«:
auch hier sind die ränder schwarz
nur knicke knäule kanten schwer
zu verstehen ist darum das einzige
nämlich die räume die reste vom
verbrannten papier das auch heute
immer noch die schafe besänftigt
wenn von einer flanke alles bellt
Dann kann man lediglich mutmaßen, was die Autoren hinter den Schleiern von Melancholie und Ausdrucksfülle mitteilen. Die durchaus wortschönen Erzeugnisse der immerhin vier Lyriker sind demnach mehr etwas für Liebhaber des Kryptischen und modernen Dichtens. …
Landpartie nullneun ist eine gelungene Anthologie, die den Zeitgeist der jungen Studentengeneration wiedergibt und Lust auf mehr Frische in den Buchhandlungen macht. / Gesine Engels, Kritische Ausgabe 9.2.
Landpartie nullneun. Die Literarische Jahresanthologie des Hildesheimer Studiengangs Kreatives Schreiben und Kulturjournalismus. Hrsg. v. Clara Ehrenwerth u. Phillip Hartwig. Hildesheim: Edition Pæchterhaus 2009. ISBN 978-3-9413292-04-5. 9,90 Euro.
Die isländische Schriftstellerin Steinunn Sigurdardottir erklärt Deutschland zum „Wunderland für Lyrik“: „das einzige Land, wo Lyrik verkaufbar ist“. Michael Braun schreibt über die „dunkleren Traditionen des Leonce-und-Lena-Wettbewerbs“, dazu gehöre „die Ignoranz der Vorjurys, die mit blamabler Beharrlichkeit die interessanten jungen Dichter dieser Jahre einfach übersahen“. Thomas Kling zum Beispiel.
scheinschlag hat Ansichten zu „Matthias“ BAADER Holst, „Untergrundpoet, Punk, Anarchist, Vagant, Dadaist, radikaler Künstler, Rebell“, aber auch ein
performender Dichter mit asketischem Körper, ungezügeltem Intellekt und dem Machtapparat einer Sprache, die nicht leicht mit ihm zu teilen war. Den Kopf kahl rasiert wie einer, der das Äußere ganz von sich abschneiden will. Ein Nosferatu-Typ, auratisch, mit einer hohl klingenden, dunklen Orakelstimme. Eine wie der Dadaist Johannes Baader „charismatische Begnadung“.
Die englische Lyrik beginnt mit Runen, Rätseln und mit einem analphabetischen Schäfer, dem von einem Engel aufgetragen wird, Loblieder auf Gott zu singen: Caedmon.
Die Greifswalder Literaturzeitschrift „Wiecker Bote“ stellt ihre Autoren Angelika Janz und Richard Anders während der Leipziger Frühjahrsmesse im Gohliser Schlößchen vor. Angelika Janz liest aus dem in Vorbereitung befindlichen Lyrikband „Unter Strom im Frühlicht“. Richard Anders liest Gedichte und poetologische Texte unter dem nicht zufällig an André Breton erinnernden Titel „Wolkenlesen“.
Ingrid Fichtners Gedichte wehen von irgendwo her. Und einen Schlusspunkt setzen sie selten. Kito Lorenc schreibt im Widerschein des Sorbischen und Karel Hynek Mácha ist der Heine der Tschechen.
Es starben der Petersburger Nonkonformist Viktor Kriwulin, der Amerikaner A.R. Ammons (schon am 25. Februar) und die kubanische Dichterin Rafaela Chacon Nardi.
Für Brinkmann ist es nie zu spät, meint die Berliner Volksbühne, und die Hamburger „Welt“ weiß, daß Lyrik nicht „quälende Unverständlichkeit“ heißt. Unter der Überschrift „Als wir alle Brandstifter waren“ schreibt der serbisch-amerikanische Lyriker Charles Simic über seine Joschka-Jahre (und meint nicht „Joschkas“ Tätigkeit für Atomkonzerne). Auch Volker Braun gedenkt des Straßenkämpfers und schreibt in der FAZ (!) die Geschichte um:
Man mußte sich nur vorstellen, daß er, der Lismus, in den Westen käme. Undenkbar war das nicht. — Zuerst die Währungsreform, das war der Köder, der Umtausch der DM in Mark. 1 : 5, zugleich wurden die Preise gesenkt, Wahnsinn, die Mieten. Ein ständiger Sommerregen aus dem Staatshaushalt. Die Konzerne (Kombinate) der Plankommission unterstellt, je genauer die Planung, desto härter trifft uns der Zufall. Die Arbeitsämter geschlossen, „keine Leute“ hieß es auf einmal in Bochum. Die entbehrlichen Professoren ins Neuland geschickt, für die Buschzulage, gefestigte Gewi-Dozenten missionierten das Grundlagenstudium. Von Schnitzler, reaktiviert, übernahm es, das Bayerische Fernsehen auf Linie zu bringen. „Die Zukunft sitzt“, wie der Dichter Kunze sagt, „am Tische“.
Natürlich wurde uns Ost-Überheblichkeit nachgesagt, wenn wir drüben die Demokratie einführten. Dem Westler nützt ja nun, in dem fortgeschrittenen System, seine Erfahrung wenig, er mußte erst lernen, richtig zu denken, sich anzustellen und zu warten. Während wir, so ins Recht gesetzt, endgültig verblödeten und ihre Dienstjahre annullierten, weil wir neue Persönlichkeiten erzogen. … Und ich vergaß mal meine kritischen Ambitionen; wohingegen sie ihre linke Vergangenheit auftrugen, die Studienräte und Redakteure. Joschka Straßenkämpfer. … Und sie erlebten einmal eine Revolution.
Eines der grossen programmatischen Dichtwerke der klassischen Moderne wurde erneut zugänglich und lesbar gemacht mit «Eventail (für Stéphane Mallarmé)». Es gibt sie noch, die wagemutigen Verleger, zum Beispiel auch jene,
die Neues entdecken und jüngeren Talenten zum Durchbruch verhelfen, Verleger, denen Literatur und vor allem die anspruchsvolle Gattung Poetik persönlich noch etwas bedeuten. Urs Engeler ist einer von ihnen. Seit 1992 gibt er «Zwischen den Zeilen» heraus, eine «Zeitschrift für Gedichte und ihre Poetik», die sich in verhältnismässig kurzer Zeit durchsetzen konnte, weil sie es nicht allein beim Abdruck von Gedichten bewenden lässt, sondern die Autoren gleichzeitig auffordert, sich über ihr Geschaffenes essayistisch zu äussern.
Alle feiern die Dichterin Elisabeth Borchers zum 75. Geburtstag. Für die FAZ begann es mit einem Skandal, berichtet die FR:
Im Juli 1960 veröffentlichte die FAZ eia wasser regnet schlaf, ein Gedicht der zu diesem Zeitpunkt noch unbekannten Lyrikerin Elisabeth Borchers. Der Text, eine wunderbare, im Ton des Wiegenlieds gehaltene, zwischen Traum und Wirklichkeit oszillierende Imagination, die eine vermeintliche Begegnung mit einem „ertrunkenen Matrosen“ tatsächlich nur auf einer rein assoziativ arbeitenden Ebene anklingen lässt, erregte die Gemüter der Leser. Von einer „schizophren Stammelnden“ war die Rede, ja sogar einmal mehr von „entarteter Kunst“.
Ein junger Dichter, Jan Wagner, vermag es, den Alltag in Schönheit zu verwandeln, und der Tagesspiegel berichtet vom „Kuwaitischen Widerstand“, der klingt so:
„Ach, das Stöhnen dringt / aus dem tiefen Berg des Bewusstseins / und der verräterische Stich / enthüllt die Wut der Herzen.“ Deutsche Romantik? Nein: arabische Postmoderne. Die Verse … stammen von Khazna Buresly und finden sich in einer Lyrik-Anthologie, die zugleich politische Streitschrift ist. „Das Echo kuwaitischer Kreativität“, heißt sie.
Donnerstag, 10. Februar · 20:00 – 23:00
Literaturwerkstatt Berlin
Knaackstr. 97
Mit: Roman Graf (Berlin), Martina Hefter (Leipzig), Nadja Küchenmeister (Berlin) Moderation: Michael Braun (Literaturkritiker, Heidelberg)
Etwa fünfzehn Lyrik-Debüts erschienen im vergangenen Jahr im deutschsprachigen Raum, ein verschwindend geringer Anteil im Vergleich zu der enormen und stetig wachsenden Menge an Prosaliteratur. Drei der Autoren und Autorinnen, die es zum ersten Mal mit einem eigenen Lyrik-Band an die Öffentlichkeit geschafft haben, werden von Michael Braun an diesem Abend vorgestellt. Sie sprechen über ihre Arbeit und lesen aus ihren Texten.
Roman Graf (*1978 Winterthur, Schweiz) lebt als freier Autor in Berlin. Nach dem mit zahlreichen Preisen ausgezeichneten Romandebüt »Herr Blanc« erschien 2010 sein Lyrikdebüt »Zur Irrfahrt verführt« im Limmat Verlag. Im Zentrum des Buches finden sich Grafs Nachdichtungen der griechischen Dichterin Sappho.
Martina Hefter (*1965 Pfronten/Allgäu) debütierte bei kookbooks mit »Nach den Diskotheken« In ihren Gedichten lotet sie die Ähnlichkeiten von Körper und Sprache, von Tanzen und Denken aus. Neben der literarischen Arbeit, sie veröffentlichte u.a. drei Romane, beschäftigt sich die ausgebildete Tänzerin mit tänzerischen/choreographischen Projekten an der Schnittstelle von Text und Bewegung.
In Nadja Küchenmeisters (*1981 Berlin) Debüt »Alle Lichter« (Schöffling&Co) geht es um die ewigen Themen Leben und Sterben, Liebe und Einsamkeit. 2010 wurde der Band von der Darmstädter Jury zum Buch des Monats Juni 2010 gewählt. Überdies erhielt sie für ihr Werk das Hermann Lenz-Stipendium.
Die Auswahl der Autoren für diesen Abend übernahm der Literaturkritiker und Herausgeber zahlreicher Anthologien zeitgenössischer Lyrik Michael Braun.
Danach werden Dichter oft gefragt. Die einfache Antwort ist: nirgendwohin. Das kann nicht stimmen, denken Sie. Sie haben so viele Gedichte gelesen, in denen Dichter im Wald spazierengehen, im Heu herumrollen oder gar die Hölle besichtigen. Stimmt. Trotzdem ziehen die Dichter selten die Hausschuhe aus, selbst wenn sie im Krieg kämpfen. Homers Blindheit reicht als Beweis. Jeden dieser Augenzeugenberichte von Griechen und Trojanern, die sich gegenseitig abschlachten, ebenso wie die wundervollen Abenteuer des Odysseus im Mittelmeer hat Homer geträumt, während er darauf wartete, daß seine Frau das Essen aufträgt.
Klar bestreiten das manche Dichter. Hier in den Vereinigten Staaten sprechen wir mit Ehrfurcht von authentischer Erfahrung. / Charles Simic, New York Review of Books
„Den Westen malte er banal, den Osten bestenfalls trivial. Wovon er schrieb, das sah er nie, alles bloße Phantasie.“ … Roger Willemsen, bekannter Fernsehschaffender und Berufsintelektueller, trug im Rahmen eines Lesekonzerts, das er gemeinsam mit den Pianistinnen Anna und Ines Walachowski gestaltete, aus seinem Gedichtband „Ein Schuss, ein Schrei – Das Meiste von Karl May“ vor.
Darin komprimierte er 23 Bände zu ebenso vielen Gedichten, und das auf eine ironisch-amüsante Art. / Carolin Bietzker, Kölner Stadt-Anzeiger
| Anonymous. c. 1250
Cuckoo Song SUMER is icumen in, Awe bleteth after lomb, Cuccu, cuccu, well singes thu, cuccu: |
Arthur Quiller-Couch, ed. 1919. The Oxford Book of English Verse
|
Vielleicht hat jemand Lust, diesen Text in eine andere Sprache zu übertragen? Nachricht an mich . Und schönen Sommer! (Anm. 2001)
Das Mittelenglische ist für Deutsche mitunter leichter zu verstehen als für Briten (sterteth = stürzet, swike = schweige). Im Albatross Book of Living Verse v0n 1933 jedenfalls wird dieses Gedicht durch eine Übersetzung in modernes Englisch ergänzt. Die dritte Zeile der mittleren Strophe lautet da: „The bull rouses, the buck browses“ (der Bulle jagt los, der Bock weidet). Aber vermutlich haben die Kinder besser verstanden und gekichert.
BY TED KOOSER, U.S. POET LAUREATE
I like this poem by 97-year-old Lois Beebe Hayna of Colorado for the way it captures restrained speech. The speaker spends most of her words in describing a season, but behind the changes of spring another significant change is suggested.
Brief Eden
For part of one strange year we lived
in a small house at the edge of a wood.
No neighbors, which suited us. Nobody
to ask questions. Except
for the one big question we went on
asking ourselves.
That spring
myriads of birds stopped over
briefly. Birds we’d never seen before, drawn
to our leafy quiet and our brook and because,
as we later learned, the place lay beneath
a flyway. Flocks appeared overnight—birds
brilliant or dull, with sharp beaks
or crossed bills, birds small
and enormous, all of them pausing
to gorge at the feeder, to rest their wings,
and disappear. Each flock seemed surer than we
of a destination. By the time we’d watched them
wing north in spring, then make
an anxious autumn return,
we too had pulled it together and we too moved
into what seemed to be our lives.
American Life in Poetry is made possible by The Poetry Foundation (www.poetryfoundation.org), publisher of Poetry magazine. It is also supported by the Department of English at the University of Nebraska-Lincoln. Poem copyright ©2009 by Lois Beebe Hayna, whose most recent book of poems is Keeping Still, Higganum Hill Books, 2005. Poem reprinted from The Greensboro Review, No. 86, Fall 2009, by permission of Lois Beebe Hayna and the publisher. Introduction copyright © 2009 by The Poetry Foundation. The introduction’s author, Ted Kooser, served as United States Poet Laureate Consultant in Poetry to the Library of Congress from 2004-2006. We do not accept unsolicited manuscripts.
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