109. Gustav-Regler-Preis für Arnfrid Astel

Der mit 5.000 Euro dotierte Gustav-Regler-Preis der Kreisstadt Merzig geht in diesem Jahr an Hans Arnfrid Astel, den mit 2.500 Euro dotierten Gustav-Regler-Förderpreis des Saarländischen Rundfunks erhält Cordula Simon. Beide Preise werden alle drei Jahre verliehen.

Die preiswürdige Leistung von Hans Arnfrid Astel sieht die Jury an erster Stelle in seiner Lyrik: Er hat bisher über dreitausend Epigramme publiziert, in denen er mit Referenz auf konkrete Gegenstände bundesdeutsche Verhältnisse kritisch und pointiert aufgreift („Strafzettel für den Rechtsstaat“) und andererseits biologische Mythen bei der Sprachwurzel packt und in die Gegenwart verfolgt. / SR

108. H.C.-Artmann-Preis für Erwin Einzinger

Der 57-jährige Autor Erwin Einzinger, der in Micheldorf lebt, hat am Mittwoch den H.C.-Artmann-Preis 2010 erhalten. Die Auszeichnung für herausragende Leistungen auf dem Gebiet der Lyrik ist mit 10.000 Euro dotiert.

Vergeben wird der Preis diesmal an einen Autor ohne Wohnort in Wien oder Wien-Bezug, weil er statutengemäß eine nachweisliche Beziehung mit dem Werk H.C. Artmanns aufweist. Nach Peter Waterhouse (2004), Ferdinand Schmatz (2006) und Oswald Egger (2008) ist Erwin Einzinger der vierte Preisträger. / ORF

107. Poesiegespräch: Marion Poschmann

Donnerstag, 24. Februar · 20:00 – 23:00

Literaturwerkstatt Berlin

In Lesung und Gespräch: Marion Poschmann (Autorin, Berlin) Moderation: Nico Bleutge (Autor und Literaturkritiker, Berlin)

Poesiegespräche bieten die Möglichkeit eines tiefen Einblicks in Schreibstätten und Konzepte von Dichtern, zumal wenn es um deren neuestes Buch geht. Nico Bleutge, selbst Dichter, wird als kritisch begleitender Gesprächspartner auch die Februar-Veranstaltung in dieser Reihe moderieren.

Marion Poschmann zählt zu den wichtigsten Stimmen der Gegenwartslyrik. Nun hat sie einen neuen Gedichtband vorgelegt, über den sie mit Nico Bleutge spricht und aus dem sie lesen wird: »Geistersehen« (Suhrkamp Verlag 2010).

Marion Poschmann sieht gewiss keine Geister oder gar Gespenster, aber Ungewisses schon. Zum Beispiel »das Nachbild der Glühbirne / auf der schwarzen Wand«. Es sind »Testbilder«, »Störbilder«, »Trugbilder« und »Nachbilder«, die sie dem Leser anbietet, es sind »Spiegelungen« – nur fixe Bilder sind es nicht. Weil die Welt verschwimmt, wenn man sie fest in den Blick nimmt. Die Ausgangspunkte können ganz alltäglich sein: »ich hatte versehentlich Teflon / zerkratzt, mit Metallbesteck«. Wenn die Autorin genau schaut, werden die Kratzer zu »Umrißlinien prähistorischer Tiere«, die letztendlich im Geschirrtuch verschwinden.

»Marion Poschmann hat der zeitgenössischen Dichtung die Erfahrungsnaivität ausgetrieben. Die artifiziellen Spiegelungen und Vexierbilder ihrer Gedichte entwickeln eine Wahrnehmungskunst, die neue Maßstäbe setzt in der Dichtung des 21. Jahrhunderts.« (Michael Braun, Neue Zürcher Zeitung).

Marion Poschmann (*1969 Essen) studierte Germanistik, Philosophie und Slawistik in Bonn und in Berlin, wo sie heute als freie Autorin lebt. Sie hat drei Prosabände (»Baden bei Gewitter« 2002, »Schwarzweißroman« 2005, »Hundenovelle« 2008) und drei Gedichtbände (»Verschlossene Kammern« 2002, »Grund zu Schafen« 2004 und »Geistersehen« 2010) veröffentlich. Marion Poschmanns Werk wurde vielfach ausgezeichnet. u. a. mit dem Wolfgang Weyrauch Förderpreis beim Literarischen März 2003 und einem Stipendium der Deutschen Akademie Rom Villa Massimo 2004.

(Text von Literaturwerkstatt Berlin / Facebook)

(Wer es nicht bis Berlin schafft: zur gleichen Zeit, Donnerstag 20 Uhr, stelle ich im Falladahaus in Greifswald „Geistersehen“ und andere neue Gedichtbände vor, mit Büchertisch, Verlosung von 3 Gedichtbänden und Gelegenheit zum Selberdichten)

106. „Der Fall Oskar Pastior“

Schreibheft Zeitschrift Für Literatur

lädt ein : „Der Fall Oskar Pastior“ – Urs Allemann und Ernest Wichner in Lesung und Gespräch, moderiert von Norbert Wehr. 4. März 2011, 20:00 Uhr, Museum Folkwang Essen.

105. Lider-Togbuch

LYRIK KABINETT München

Lider-Togbuch

Ein Zyklus mit Gedichten von Abraham Sutzkever (1913-2010) in der Vertonung und Darbietung von Gilead Mishory
Einführung: Elgin Heuerding

Dienstag, den 01. März 2011, um 20 Uhr
Amalienstr. 83 a (U 3 / U 6: Universität)

Eintritt: € 10 / € 7
Mitglieder Lyrik Kabinett: ermäßigter Eintritt

Abraham Sutzkever (geb. 1913 bei Wilna) war einer der größten jiddischen Dichter des zwanzigsten Jahrhunderts. Mit 21 Jahren schloss er sich der avantgardistischen Gruppe „Junges Wilna“ an. 1937 erschien sein erster Gedichtband: Lider. Ab 1941 in das Wilnaer Ghetto interniert, erlebte er dort die Ermordung seiner Mutter und seine Sohnes und schloss sich einer jüdischen Widerstandsbewegung an. 1943 gelang ihm und seiner Frau die Flucht aus dem Ghetto – zunächst zu sowjetischen Partisanen. 1947 emigrierte Sutzkever nach Israel (Tel Aviv). 1985 erhielt er den israelischen Nationalpreis. Er starb im Januar 2010. Sein reiches Werk umfasst Gedichte sehr verschiedener Formen, erzählende und nicht-fiktionale Prosa.

Der Zyklus Lider-Togbuch nach 13 Gedichten Sutzkevers von Gilead Mishory entstand 1998 als Auftragswerk der Stadt München. Mishory selbst schreibt über die Texte: „Jedes Gedicht ist eine eigene Welt aus Rhythmus, Duktus, Metrum, Melodie. In diesem Sinne ist es nicht schwer, zu diesen Gedichten Musik zu schreiben. Man muss nur zuhören. Und schreiben.“

Gilead Mishory, Pianist und Komponist, geb. 1960 in Jerusalem, seit 1984 in Deutschland, seit 2000 Professor für Klavier an der Musikhochschule Freiburg. Außer Sutzkever vertonte Mishory u.a. Texte von Lasker-Schüler, Celan, Chagall und König David.

Elgin Heuerding studierte Germanistik und Musikwissenschaft. Sie ist freiberufliche Moderatorin und Journalistin, überwiegend bei BR-Klassik (Bayerischer Rundfunk).

Von allen Wörtern bin ich nur auf eines neidisch:
das Wort jehí, es werde. Schenkte mir der Schöpfer
einen Funken dieses Worts, ein kleinstes Zeichen seiner Kraft,
jehí spräch ich, es werde Lied, und es ward.

Es werde Lied ein sterbendes Ende des Regenbogens,
eine einzelne Ameise, verirrt in der Wüste,
mondhelles Elfenbein, geboren im Dschungel,
ein Menschen-Schädel, lachend über sich selbst – im Spiegel.

[…]

104. Türkische Lyrik in Germering

Auf Einladung der Stadtbibliothek Germering, des Vereins Eltern-International und des Integrationsbeauftragten der Stadt Germering wird am Freitag, 4. März, ab 19.30 Uhr unter dem Titel „Die wehenden Winde entlang – Esen rüzgârlar boyu“ in der Stadtbibliothek Germering (Landsberger Str. 41) eine „literarische Wanderung durch die moderne türkische Lyrik“ stattfinden. / Wochenanzeiger München

103. Reif für Lyrik

Die Münsteraner sind reif für Erotik, lese ich in der Zeitung. Gut, daß die das jetzt auch geschafft haben. Sonst gibt es dort auch Kultur, hohe und niedere bzw. alte und hippe (Foto und Programm anbei):

Die selbsternannten „sechs schönsten Dichter der Welt“ kommen am 1. April nach Münster, um die Damen mit erlesener Lyrik zu betören. [Es sind] F.W. Bernstein, Thomas Gsella und Reinhard Umbach … Georg Raabe, Klaus Pawlowski und Christian Maintz. …

[Das gehört zu „Poetry“, einer] Art langer Vorspann vor dem traditionsreichen münsterschen Lyrikertreffen im April. Während dort die Dichter Hochkultur mit schwindelerregendem Anspruch pflegen, will Münsters Kulturamtsleiterin Frauke Schnell mit „Poetry“ beweisen, dass Gedichte auch jung, cool und hip sein können. / Münstersche Zeitung

In einer Ausstellung sind auch Ben Lerner und „große und kontroverse Namen wie Oskar Pastior“ dabei

102. Auszeichnung für Friedrich Achleitner

Die Wiener Ärztekammer vergibt den diesjährigen Paul Watzlawick-Ehrenring an den Architekturtheoretiker und Schriftsteller Friedrich Achleitner. Eine Fachjury hat Achleitner dazu einstimmig nominiert, teilte die Ärztekammer am Montag in einer Aussendung mit. Die Auszeichnung wird dem 80-Jährigen am 14. März in Wien überreicht. / Die Presse

101. Fictional poets

In der Guardian-Reihe „ten of the best“ diesmal 10 der besten erfundenen Dichter, von Jeffrey Aspern über Yuri Zhivago bis John Shade.

100. Einen Schmetterling hab ich hier nicht gesehn

Zum Semesterstart des Frühjahr- und Sommerprogramms der Volkshochschule (VHS) Germering erwartet alle Kunstinteressierten von 26. Februar bis 6. März die Ausstellung mit dem Titel „Einen Schmetterling hab ich hier nicht gesehn“, ein Zitat aus dem Gedicht von Pavel Friedmann, einem jüdischen tschechoslowakischen Dichter, der in Auschwitz ermordet wurde. / Wochenanzeiger München

99. Allen Ginsberg Reading Howl

Mehr

98. American Life in Poetry: Column 309

BY TED KOOSER, U.S. POET LAUREATE

 

I love poems that celebrate families, and here’s a fine one by Joyce Sutphen of Minnesota, a poet who has written dozens of poems I’d like to publish in this column if there only were weeks enough for all of them.

 

The Aunts

 

I like it when they get together
and talk in voices that sound
like apple trees and grape vines,

and some of them wear hats
and go to Arizona in the winter,
and they all like to play cards.

They will always be the ones
who say “It is time to go now,”
even as we linger at the door,

or stand by the waiting cars, they
remember someone—an uncle we
never knew—and sigh, all

of them together, like wind
in the oak trees behind the farm
where they grew up—a place

I remember—especially
the hen house and the soft
clucking that filled the sunlit yard.

 

American Life in Poetry is made possible by The Poetry Foundation (www.poetryfoundation.org), publisher of Poetry magazine. It is also supported by the Department of English at the University of Nebraska-Lincoln. Poem copyright ©2010 by Joyce Sutphen from her most recent book of poetry, First Words, Red Dragonfly Press, 2010. Poem reprinted by permission of Joyce Sutphen and the publisher. Introduction copyright © 2009 by The Poetry Foundation. The introduction’s author, Ted Kooser, served as United States Poet Laureate Consultant in Poetry to the Library of Congress from 2004-2006. We do not accept unsolicited manuscripts.

 

97. Schreibender Kumpel

1984 schickte ich einen Brief an die Junge Welt. Dort gab es die Poetensprechstunde. Ich stellte mich mit einigen Arbeiten vor. Sie müssen wohl Interesse geweckt haben. Über die Poetensprechstunde kam ich zum Zirkel Schreibender Arbeiter der Wismut. Ich lernte dort den DDR-Schriftsteller Martin Viertel kennen. Er war in seiner Jugend Bergmann wie ich, bei der Wismut. Wir verstanden uns. Er hat mich beraten, begleitet. Viele dieser Gespräche sind mir bis heute wertvoll.

Dabei war mir ja klar: Ich passte genau in das ideologische Raster. Greif zur Feder, Kumpel, hatte es schon in den 60er Jahren geheißen. Noch immer war man als schreibender, gar dichtender Bergmann einer, den man gerne vorzeigte. Die Parteiführung suchte händeringend Leute, die die Arbeit in der Literatur verewigten, mit allem Schweiß und allen Schwielen.

Ich hatte dabei durchaus genügend Selbstvertrauen in mein Talent und habe mich 1985 am Literaturinstitut Johannes R. Becher in Leipzig um ein Studium beworben. Und wurde prompt abgelehnt. Trotzdem ich ein schreibender Bergmann war.

Weil dort in Leipzig nur alle drei Jahre 30 Studenten immatrikuliert wurden, hatte ich erst 1988 meine nächste Chance. Da war ich schon 33. Diesmal wurde ich angenommen. Die Wismut verabschiedete sich von mir mit einem Vorvertrag. Nach dem Studium sollte ich die Leitung des Arbeitertheaters und des Zirkels Schreibender Arbeiter übernehmen. / Jürgen Frühauf, Thüringer Allgemeine

96. Schwule Lyrik

Was kann man mit Lyrik machen? Abitur zum Beispiel. So in BaWü:

Aufgabe IV: Liebeslyrik

Zu vergleichen war ein Sonett von Rainer Maria Rilke mit einem Gedicht von Volker Braun, thematische Gemeinsamkeit die notwendige Veränderung des Individuums durch die Liebe bis zu Selbstverlust und Hingabe.

Sprachlich gesehen waren diese Gedichte recht einfach zu deuten, da nicht so metaphernüberfrachtet wie z.B. das von Dagmar Nick im Abitur 2009. Dennoch bilden die Rilkeschen Enjambements und religiösen Anspielungen sicherlich einige Stolpersteine.

Volker Brauns Sprache wirkt alltäglich, ist dennoch mit Bedacht konstruiert. Stolperstein ist hier für mich die Frage nach dem Geschlecht des lyrischen Ichs. Alle mir bekannten Interpretationen haben es bei Volker Braun ebenfalls, wie im Rilke-Gedicht, weiblich gesehen. In meinen Augen ist jedoch trotz „er küsst mich, ich küsst ihn“ nicht festgelegt, dass das lyrische Ich weiblich sein muss. Einige Textstellen lassen das Gedicht auch als ,outing‘ („Reden uns aus uns heraus“) eines männlichen lyrischen Ichs klingen, was endlich mit sich und seiner sexuellen Orientierung im Einklang sein kann: „Meinen ganzen Leib / Nehm ich nun ein“ – „Ich geb mich ihm hin / Und gehör doch mir.“

Aber solche offene Denkweise war von den SchülerInnen, zumal in einem Abituraufsatz, sicherlich nicht zu verlangen.

/ Lehrerfreund.de

Aber schön, daß da die Lehrer so offen sind. Obwohl ich immer sage: dieser Inhalt existiert nur, weil es diesen Deutschunterricht gibt. Ist für den Rest der (Lyrik-)Welt aber sooowas von Null. (Sollte man mal Braun sagen, daß seine Liebesgedichte schwul sind. Der weiß das bestimmt noch nicht.)

 

95. Fußnote

Ihr irrt, ihr Irren! (Enzensbergersches Spiel mit einem Gryphius-Gedicht in: Das Wasserzeichen der Poesie oder Die Kunst und das Vergnügen, Gedichte zu lesen)

Neulich hab ich mir an anderer Stelle das Zitat, so verlockend es war, verkniffen. Jetzt steht es da. Anlaß eine historische Fußnote aus

Stenographischer Bericht des Processes gegen den Dichter Ferdinand Freiligrath

 

Dort findet sich eine schöne Berichtigung oder Irrtumsanzeige in einer Originalfußnote:

*) Das Brockhaus’sche Conv.-Lex. irrt abermals, wenn es berichtet, Freiligrath habe in Soest „mit Grabbe freundschaftlich verkehrt“, da wir genau wissen, daß Grabbe nie in Soest geweilt und Freiligrath nur als einen Knaben gekannt hat, da er bedeutend älter war.

Hier der Brockhaus von 1865 (Band 6) mit der Freiligrath-Ente