51. Anspruch

Auf die Frage, was Literatur- und Kunstkritik derzeit unterscheide, hat die österreichische Schriftstellerin Marlene Streeruwitz unlängst geantwortet: ‚Die Kunstkritik ist anspruchsvoller als die Literaturkritik‘. Da trifft es sich doch bestens, dass Michel Houellebecq in seinem jüngsten, Goncourt-Preis-gekrönten Roman ‚Karte und Gebiet‘ eine fiktive Kunstkritikerin zum Mythos aufbaut, die schweigt, während er einen Literaturkritiker über Kunst schreiben lässt, der im wirklichen Kulturleben Frankreichs quicklebendig durch das fünfte Arrondissement von Paris flaniert. / Ina Hartwig, SZ 3.5.

50. Schlußwort

Der mächtigste Mann der Welt ließ es sich nicht nehmen, höchstselbst einen Schlußstrich unter die muntere L&Poe-Lyrikdebatte der letzten Tage zu nehmen. Sein Fazit fällt unparteiisch und salomonisch aus:

Bei einem Empfang im Weißen Haus in Anwesenheit der First Lady und einer illustren Schar amerikanischer Dichter mehrerer Generationen erklärte er, ein gutes Gedicht „klingt in uns wider, fordert uns heraus und lehrt uns etwas über uns und unsere Welt“. / cbsnews

(Aber ich nehme es gern auf meine mehr oder weniger breiten Schultern, die ein oder andere Stellungnahme noch hineinzuschmuggeln, okay?)

49. Wurde Pablo Neruda ermordet?

Ein ehemaliger Mitarbeiter des chilenischen Nobelpreisträgers Pablo Neruda bestätigte, daß der Dichter im Auftrag des Diktators August Pinochet „ermordet“ worden sei. Die Nerudastiftung dementiert, aber die Sache bewegt die chilenische Presse.

Nach der bisher bekannten Version starb Neruda am 23. September 1973 im Alter von 69 Jahren an Komplikationen von Prostatakrebs, verstärkt durch emotionale Bedrängnis: zwei Wochen zuvor fand der Putsch Pinechets statt, bei dem sein Freund Salvador Allende gestürzt [und ermordet] wurde.

Sein ehemaliger Sekretär und Fahrer Manuel Arraya versicherte in den letzten Tagen, daß Neruda ermordet worden sei, um zu verhindern, daß er vom Exil aus gegen das Régime wirken könne.

Neruda habe ihm anvertraut, daß er beunruhigt sei wegen einer Spritze, die ihm ein Arzt mitten in der Nacht in der Klinik gegeben habe.

Ein Flugzeug und ein Visum nach Mexiko standen bereit, um ihn am 24. September ins Exil zu bringen, doch in der Nacht davor starb er. / Le figaro

48. Leseland

Dass das Lesen längst nicht tot ist im Land Shakespeares, zeigt die empörte öffentliche Reaktion auf die drohende Schliessung von achthundert Bibliotheken. Die geplante Massnahme löste teilweise heftige Reaktionen unter britischen Schriftstellern aus: Philip Pullman unterstellte David Cameron und Nick Clegg, vermutlich nie eine öffentliche Bibliothek benutzt zu haben. Im Gespräch mit dem «Evening Standard» fuhr er fort: «Die Entscheidung, so viele Bibliotheken so schnell zu schliessen, muss ideologisch motiviert sein. Es ist ein Akt grösster Dummheit, veranlasst von Menschen, die nicht viel lesen und den Wert von Büchern nicht verstehen.» …

So allgegenwärtig wie in Dublin, wo die Dichter des Landes schon am Flughafen in Bild und Zitat grüssen, ist die Literatur in London sicher nicht. Aber ein Blick auf die zahlreichen Events rund um die Literatur im Land lässt die englische Lesefreudigkeit in nahezu rosigem Licht erscheinen – und macht auch eine Veränderung im Leserverhalten deutlich. …

Das Southbank Centre ist auch Schauplatz der Lesungen für den T. S. Eliot Prize der Poetry Book Society, einen der wichtigsten Literaturpreise im Vereinigten Königreich neben dem Booker Prize, dem Costa Book Award (in der Nachfolge des Whitbread Book Award), dem Independent Foreign Fiction Prize und dem Forward Poetry Prize. Die Lyriklesungen zum T. S. Eliot Prize mussten in diesem Jahr in die Royal Festival Hall mit 2900 Sitzplätzen verlegt werden, da doppelt so viele Karten verkauft werden konnten wie im Vorjahr – so sehr hat allein die Lyrik in den vergangenen Jahren an Popularität gewonnen. / Marion Löhndorf, NZZ

47. Die Benn-Passage

Marcel Beyer

Greifswaldvariationen

Eröffnungsvortrag der Tagung »Der Dichter und sein Schatten«, Greifswald, 27. April 2011

(Die Benn-Passage)

II

Mehrstimmigkeit – das einzige wirksame Gegengift gegen den ganzen monolithischen, den fanatischen, den faschistischen und chauvinistischen Schwachsinn in der Poesie und im Reden darüber. Gegen Germanengequatsche. Mehrstimmigkeit: Material aus allen Richtungen, ohne Rücksicht auf die jeweilige Provenienz. Beim Schreiben von Gedichten macht sich nicht derjenige die Finger schmutzig, der in die staubige Plattenkiste greift, sondern nur immer derjenige, der eherne Werte verkündet oder deren Verlust beklagt. Mehrstimmigkeit auch: Wenn eine Einzelstimme vier Oktaven umfaßt und Arrangeur und Schallplattenproduzent einzelne Laute aus dem Spektrum herausgreifen und am Schneidetisch so aneinanderfügen, als mache die Stimme einen Satz vom schrillen Schrei zum tiefen Grollen. Also her mit dem Zeug:

gebt Gottesliter,
Höllenyards,
gebt Rillen
einzuhalten,
aufzuhalten
e i n n i s t e n möchte man schreien –
nichts –
gebt Rillen!

Wie bitte?

Oder Urwald, Masse aus Saft
dunkelgrünem
unmessbar
gebt Gottesliter
Höllenyards
gebt Rillen
nichts –
Zahnräder
aus wo und wann und immer

Noch einmal: Wie bitte, was? Die vierte Strophe des Gedichts »Nur noch flüchtig alles« von Gottfried Benn, samt einer Variante, entstanden am 15. März 1955.

Nur noch flüchtig alles: Ich will nicht bestreiten, daß Benns Gedichte, zumal die späten, von einer tiefen Melancholie geprägt sind – dem Dichter darum aber die Trauer um den Untergang des Abendlandes auf die Schultern zu laden, halte ich für unstatthaft, um nicht zu sagen: obszön.

Gottfried Benn war entschieden ein Modedichter, war es von Anfang an, er hielt das Ohr am Puls der Zeit, begierig, Modeströmungen aufzunehmen, aufzugreifen und in Gedichte einfließen zu lassen, die gegenwartsbezogene, gegenwärtige, akute Gedichte sein sollten.

Gottfried Benns Gedichte: das jeweils großgeschriebene JETZT, und nicht die »große Ewigkeit«. Nur so läßt sich sein sensationeller Erfolg der letzten Lebensjahre erklären, immer auf »Tournéen«, »u las vor u. sang meine Arien«, wie er am 5. Januar 1955 an Thea Sternheim schreibt (beide Zitate: Benn-Sternheim S. 313). Mit welcher Wucht er, der annähernd Siebzigjährige, mit seinen Gedichten und öffentlichen Auftritten die Altväterlichkeit der Jungen aushebelt, läßt sich an einem Bericht ablesen, den Thea Sternheim Ende November 1955 vom Limes-Verlag erhält – hier ein längeres Zitat daraus:

»Am 15. war Benn dann schon wieder in Köln, wo er im NWDR mit Reinhold Schneider diskutierte. Thema: Soll die Dichtung das Leben bessern? Über 300 Leute in einem für 160 berechneten Saal. Zunächst je ein Referat von Benn und Schneider, die einander sehr sympathisch sind, anschliessend öffentliche Diskussion, die teilweise recht komisch gewesen sein muss. Unter anderem trat Heinrich Böll auf – ich weiss nicht, ob Sie den Namen kennen, er hat hier grossen Erfolg […] –, der langatmig erklärte, der christliche Dichter habe es ja wesentlich schwerer als der nicht glaubensmäßig gebundene, einerseits wolle er das Kunstwerk, andererseits aber habe er die ungeheure Belastung im Rücken, dass das Neue Testament über Kunst nicht aussagt, ohne sie auskommt; das Überwinden dieser Diskrepanz sein ein so tragisches Unterfangen. Benn fragte nur: Warum lassen Sie das Schreiben nicht, wenn es sie so bedrückt? Böll war zunächst sprachlos und begann dann, aus Thomas v. Aquin vorzulesen, worauf man ihn schleunigst aus der Diskussion zog.« (Benn-Sternheim S. 319)

Soweit die rasende Reporterin Marguerite Schlüter vom Limes-Verlag, die noch die Mitteilung folgen läßt: »werden wir zum 70. Geburtstag eine Langspielplatte machen lassen« (Benn-Sternheim S. 320). – Eine befreiende, aber im Rückblick doch auch erschütternde Momentaufnahme, es handelt sich um Benns letzten öffentlichen Auftritt, und wir alle wissen ja, welche Literaturauffassung die folgenden Jahrzehnte in Westdeutschland beherrschen soll – das schöne alte SCHÖNE WAHRE GUTE, in welcher Gestalt und mit welcher Stoßrichtung auch immer, und im Osten dasselbe minus Thomas von Aquin.

gebt Gottesliter,
Höllenyards,
gebt Rillen

… »werden wir eine Langspielplatte machen lassen« …

einzuhalten,
aufzuhalten
e i n n i s t e n möchte man schreien –
nichts –
gebt Rillen!

… »der langatmig erklärte, der christliche Dichter habe es ja wesentlich schwerer als der nicht glaubensmäßig gebundene« …

gebt Gottesliter,
Höllenyards,

Vor einigen Jahren habe ich die merkwürdige »Rillen«-Strophe aus Benns »Nur noch flüchtig alles« einmal bei einer Veranstaltung an der Universität in Weimar in die Diskussion geworfen, und es fiel den anwesenden Literaturwissenschaftlern sichtlich schwer, die erratischen »Rillen« nicht als ehernes Dichterwort zu deuten, die »Rillen« unter welchen Verrenkungen auch immer in einen Sinnzusammenhang des Gesamtgedichts einzupassen. Mein Vorschlag, sie, die »Rillen« als eine allzu wörtliche Übertragung Benns aus dem Englischen aufzufassen, wurde zwar zur Kenntnis genommen – doch nur, um alle literaturwissenschaftliche Energie dagegen aufzubieten. Und das trotz der Unzahl großartiger – ich betone: großartiger – Englischfehler und Englischbastardisierungen in den späten Gedichten von Gottfried Benn. Mit den »Rillen« können natürlich die zwei Rillen einer Schallplatte gemeint sein, doch die Aufforderung »gebt Rillen!« scheint mir doch eher darauf hinzudeuten, daß Benn im Jazz- oder Blueszusammenhang eine Formulierung wie »give the groove«, »groove it« oder »let’s groove« gehört haben könnte, also die Aufforderung eines Bandleaders oder Sängers an die Band, mit dem Spielen zu beginnen, um dann im Wörterbuch unter »groove« nachzuschlagen – und Benns Englischwörterbuch heißt ja meistens »Oelze« oder »Ilse« oder »verschwiegene junge Dame« –, wo er auf die wörtliche Bedeutung von »groove«, nämlich »Rille«, gestoßen sein dürfte – was mit der Slangphrase »let’s groove« nur sehr entfernt zu tun hat. An anderer Stelle, im Gedicht »Destille«, heißt es bei Benn im Tanzmusikzusammenhang: »ewig Rhythmenschübe« – das trifft den Groove schon besser.

Und um welchen Groove, um welche »Rillen«, welche »Höllenyards« und welchen »Urwald«, welche »Masse aus Saft« könnte es sich in »Nur noch flüchtig alles« genauer handeln? Könnte man den Gedichttitel nicht auch einmal weniger im Sinne eines »wehmütigen Abschieds vom klassischen Abendland« lesen, sondern schlichter auf flüchtige Medienkontakte, auf den Kontakt mit – zumindest bis zur Ausweitung des Internets – als flüchtig erachteten Medien beziehen?

»Nur noch flüchtig alles – nun die Anden«, schreibt Benn im März 1955. Die erste Hälfte der fünfziger Jahre führt mit Korea-Krise und Indochina-Krise, mit fanatischer Kommunistenfurcht und der täglichen Furcht vor dem Dritten Weltkrieg, der ein Atomkrieg sein und zweifellos einen »Großteil der Menschheit«, also die Europäer, auslöschen wird, sowie mit dem Bewußtsein, daß die Kolonialzeit nun langsam zu Ende geht – Ezra Pound hätte sich da, »Marokkaner und anderer Abschaum«, gut noch einmal als Propagandadichter für einige europäische Regierungen verdingen können –, die erste Hälfte der fünfziger Jahre führt in der westlichen Welt zur dritten – oder siebten, oder zwölften – großen Exotik-Welle: Daß die in Musik, im Film und auf den Bühnen präsentierten exotischen Medienwelten natürlich alles andere als »authentisch« sind, ist gar nicht zu bedauern, im Gegenteil: Das exotische Ägypten, das exotische Mexiko, die exotische Karibik und so weiter sind entweder artifiziell, oder sie sind gar nicht.

Zu behaupten, Benn habe Zeit seines Lebens etwas für die Exotik übrig gehabt, für dieses nach immer dem gleichen Rezept hergestellte Gebräu aus Ethnologie plus Hollywood plus Südfrucht plus leicht bekleidete Dame, hieße gehörig untertreiben – oder: Schrumpfköpfe zum Sonnengott tragen.

Die Südsee, Josephine Baker, das Bananen-, yes, Bananenröckchen. Überhaupt: Benns Obst- und Gemüsestand wäre, wie Rilkes Obst- und Gemüsestand – »ich ahne / Banane« –, einmal einer ernsthaften Untersuchung wert. Dann tritt – wie Gedichte brauchen auch Exotica immer einen Rest Geheimnis – Carmen Miranda auf. Schon folgen Thor Heyerdahl, Kon Tiki, Polynesien, Hawaii, der Voodoo, die Kannibalen, der Mambo, »Lotosland« als erste Abschnittüberschrift des »Ptolemäer« und als hundertfach aufgenommenes Exotica-Paradestück: »Nur noch flüchtig alles – nun die Anden« …

Bei der schillerndsten Figur der Exotik-Welle in den Fünfzigern, so heißt es seinerzeit, handele es sich um eine echte Nachfahrin eines Inka-Königs, sie sei gewissermaßen direkt aus den Anden ins Tonstudio in Los Angeles gekommen, und der Exotica-König Les Baxter wird es einmal im Interview bestätigen – ob man allerdings einem Les Baxter Glauben schenken sollte, der auf seinen Plattenhüllen als weltreisender Musikethnologe gepriesen wird, obwohl er später einmal bekennt, er habe Los Angeles kaum je verlassen, und seine exotischen Musikwelten seien allesamt in seinem Kopf entstanden … Andere behaupten, die Sängerin stamme aus Brooklyn oder aus Harlem und habe ihren tatsächlichen Namen, Amy Camus, nur in anagrammatischer Verwandlung exotischer gemacht, was aber dem Erfolg ihrer seit 1950 erscheinenden Alben nicht schadet, »The Voice of the Xtabay«, »Legend of the Sun Virgin«, »Mambo!«, »Legend of the Jivaro« – Sie wissen bereits, von wem ich rede, von der Andenprinzessin Yma Sumac, deren Stimmenumfang vier Oktaven umfaßt, auch wenn die Sprünge vom tiefen Grollen zum schrillen Schrei das Ergebnis minutiöser Arbeit am Schneidetisch sind. Sei’s drum –

gebt Gottesliter,
Höllenyards,
gebt Rillen

Oder Urwald, Masse aus Saft
dunkelgrünem
unmessbar

– nun die Anden

Ein Siebzigjähriger, der Yma Sumac hört? – Ganz gleich, ob dies den Tatsachen entspricht, das Bild, die Vorstellung allein genügt, um sich klar zu machen, welch tiefe Kluft zwischen Gottfried Benn und dem abstrusen, schrumpfgermanenhaften Tiefsinnsgestotter im Nachkriegsdeutschland herrscht, das er zum Beispiel im Kölner Sendesaal zu hören bekommt. Wenn man die Wahl hat zwischen der vor dem Hintergrund der zurückliegenden zwölf Jahre rundweg verlogenen Beschwörung des christlichen Abendlands und der rundweg verlogenen Inszenierung einer jungen Sängerin, die hinter einem Kannibalenkessel hockt, über dem ein handelsüblicher Schrumpfkopf aus Plastik schwebt – wer würde sich da nicht für Yma Sumac entscheiden?

Es geht mir auch gar nicht darum, in den Gedichten Benns hieb- und stichfest Verweise auf konkrete Anden-Exotica oder auf eine konkrete Sängerin aufzuspüren – schließlich ist diese Mood-Music mit riesigen Streichorchestern und Marimbas und Bongos und »Urwaldflöten« selbst dezidiert darauf ausgerichtet, eine akustische Tapete zu bilden, einen weichgezeichneten Hintergrundklang, aus dem das Individuum – als Sänger oder Instrumentalist – nur selten namentlich hervortritt. Wenn überhaupt jemand im Zentrum steht, seinen Namen gibt, sei es Les Baxter, sei es Martin Denny oder Esquivel, dann ist es der Arrangeur, der mit Geschick und »Geschmack« vorfabrizierte musikkulturelle Versatzstücke miteinander verknüpft und ausgestaltet – ein im Grunde ganz ähnliches Konzept wie bei Benn, wenn er in seiner modifizierend zitierenden Arbeitsweise aus Fremdmaterial »echten Benn« werden läßt.

Weiterlesen

46. Akademie ehrt Übersetzer

Die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung verleiht den mit 15.000 Euro dotierten Johann-Heinrich-Voß-Preis für Übersetzung an Frank Günther für seine Shakespeare-Übertragungen ins Deutsche.

Den Friedrich-Gundolf-Preis für die Vermittlung deutscher Kultur im Ausland erhält der katalanische Übersetzer und Lyriker Feliu Formosa. Der Preis ist mit 12.500,- Euro dotiert.

Beide Preise werden am 15. Mai 2011 in Stockholm im Rahmen der Frühjahrstagung der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung verliehen.

Frank Günther, 1947 in Freiburg im Breisgau geboren, wird für seine Übersetzung des Gesamtwerks von William Shakespeare ins Deutsche ausgezeichnet. Das „übersetzerische Mammutprojekt“, das Günther in den 1970er Jahren begonnen hat, soll bis 2014 abgeschlossen sein. Das über Jahrzehnte gehaltene Niveau seiner Übertragungen aus den unterschiedlichen Gattungen und Schaffensphasen des Dramatikers ist ebenso bewundernswert wie sein sprachlicher Einfallsreichtum. Günthers Übertragungen sind eine lustvolle Polyphonie der Stile, die sich immer als lebendige Neuentdeckung Shakespeares für unsere Zeit verstehen. Was Günther vor allem auszeichnet, ist die seltene Verbindung von philologischer, theaterpraktischer und kritischer Kompetenz.

Frank Günther studierte Anglistik, Germanistik und Theatergeschichte in Mainz und Bochum und war dann als Regisseur an mehreren Theatern tätig, bevor die Arbeit an der Übersetzung der Shakespeare-Werke zu seiner Hauptbeschäftigung wurde. Anerkennung erfuhren seine Über-setzungen nicht nur durch zahlreiche Aufführungen, sondern auch durch die Verleihung des Christoph-Martin-Wieland-Preises 2001 und des Übersetzerpreises der Heinrich Maria Ledig-Rowohlt-Stiftung 2006. 2007/8 hatte er die August Wilhelm von Schlegel-Gastprofessur für Poetik der Übersetzung an der FU Berlin inne. Seine Shakespeare-Übersetzungen erscheinen im Verlag ars vivendi und in der renommierten Klassiker-Reihe beim Deutschen Taschenbuch Verlag (dtv). Frank Günther lebt im oberschwäbischen Rot.

Mit Feliu Formosa, 1934 in Sabadell (Spanien) geboren, ehrt die Deutsche Akademie einen herausragenden Vermittler und Übersetzer deutscher Literatur ins Katalanische und Spanische. Die Liste der von ihm übersetzten Werke reicht von Thomas Bernhard bis Peter Weiss – quer durch das Alphabet der deutschen Literatur. Derzeit übersetzt er das Stück von Peter Handke „Die Unvernünftigen sterben aus“ ins Katalanische. Bekannt sind seine Übertragungen von Bertolt Brecht, Friedrich Dürrenmatt, Heinrich von Kleist, Joseph Roth und Franz Kafka. Besonders erwähnenswert ist sein Verdienst, Brechts Theater in Spanien zu einer Zeit auf die Bühne gebracht zu haben, als Brecht-Aufführungen zensiert und sogar verboten wurden. Formosa übersetzt nicht nur Prosa und Lyrik, sondern gehört selbst zu den großen katalanischen Lyrikern.

Nach dem Studium der Romanischen Philologie in Barcelona und der Germanistik in Heidelberg arbeitete in den sechziger und siebziger Jahren als Schauspieler und Regisseur vor allem in der freien Theaterszene. Formosa lehrte lange Jahre am Städtischen Theaterwissenschaftlichen Institut in Barcelona und unterrichtete literarische Übersetzung an der Universität Pompeu Fabra. Er wurde vielfach als Übersetzer und Autor ausgezeichnet, unter anderem mit dem Premio Nacional a la Obra de Traductor, 1994, und dem Premi Nacional de Teatre de la Generalitat de Catalunya, 2002. Formosa lebt in Barcelona.

Nachtrag

Feliu Formosa hat über hundert Stücke/Romane/Gedichtbände ins Katalanische und Spanische übertragen, an Lyrik u.a. Trakl, Heine, Brecht, Rose Ausländer und zwei Bände deutscher Lyrik vom 16. bis zum 20. Jahrhundert. Er selber ist einer der wichtigsten zeitgenössischen Lyriker im katalanischsprachigen Raum; im August vergangenen Jahres druckte Akzente eine Auswahl seiner Gedichte (katal./dt.) ab.

45. Freundliche Übernahme

Das in #44 zitierte Gedicht stammt aus einem täglichen Newsletter der Academy of American Poets. Gleich daneben im täglichen Postfach ein Gedicht von einer Seite namens Poemhunter.com. Seit 3 Tagen wird das Gedicht so (verfremdet Türkisch anmutend) eingeleitet:

Merhabalar,
PoemHunter.com‚un Daily Poems adlı e-bültenine abone olduÄŸunuz için (mailadresse) adresinize bu e-postayı gönderiyoruz. PoemHunter.com‚u takip ettiÄŸiniz için teÅŸekkürler.

(Vielleicht verwechseln sie ja nur in der Neuen Welt die vielen Sprachen aus Old Europe?)

Das heutige Gedicht stammt von Tu Fu und heißt „Alone, Looking for Blossoms Along the River“. Dort gibts auch 17 weitere Gedichte des chinesischen Klassikers, darunter Dreaming of Li Po (Li Bai)

44. Nicht zu empfehlen

Woran erinnert mich das gleich? Ich weiß nicht, gebs aber weiter:

K. cannot recommend realism.
K. cannot recommend surrealism.
K. cannot recommend plain speech.
K. cannot recommend free association.
K. can recommend song:

The tug of the past.
Don’t let go so fast
of what you’re haunted by—
It’ll last till it lasts.

Aus: The Cold War [excerpt]
by Kathleen Ossip

Mehr (Gedichttitel klicken)

43. Russische Philosophie

Über ein in Lausanne erschienenes «Dictionnaire de la philosophie russe» schreibt Felix Philipp Ingold in der NZZ u.a.:

Man lernt aber auch, was das russische Denken der romantischen oder symbolistischen Dichtung, der strukturalen Linguistik oder dem Futurismus zu verdanken hat; und man erfährt, welchen Beitrag etwa der Raketeningenieur Ziolkowski, der Literaturtheoretiker Bachtin, der Avantgardekünstler Malewitsch oder Esoteriker wie Daniil Andrejew und Helena Blavatsky zur Ausdifferenzierung der neueren russischen Philosophie geleistet haben.

Manch einen hiesigen Leser wird es wundern, in einem philosophischen Lexikon eigenständige Artikel zu Stichwörtern wie «Bauerngemeinde», «Cäsaropapismus», «Entwurzelung», «Herz», «Iranismus», «Auferstehung», «Volkstum» u. a. m. zu finden, doch gerade diese disparate, bis in die Alltagswelt reichende Breitenstreuung gehört wesentlich zu den Charakteristika russischen Philosophierens. – Zu wünschen bleibt, dass dieses reichhaltige Referenzwerk bald auch in deutscher Sprache zur Verfügung stehen wird.

Dictionnaire de la philosophie russe, sous la direction de Mikhail Masline et de Françoise Lesourd. Editions L’Age d’Homme, Lausanne 2010. 1007 S., € 77.–.

42. Vietnamesische Dichtung in Polen

Der Dichter Lam Quang My wurde 1944 in der vietnamesischen Zentralprovinz Nghe An geboren. Vor 20 Jahren verließ er Vietnam, um in Polen zu studieren. Er studierte Physik und erwarb den Doktortitel an der polnischen Akademie der Wissenschaften. Seine eigentliche Liebe aber galt der Poesie. Er schreibt Gedichte auf Polnisch und Vietnamesisch und übersetzt zwischen beiden Sprachen hin und zurück. Seine Gedichte wurden auch ins Englische und Tschechische übersetzt. Seine auf Polnisch erschienene Anthologie vietnamesischer Lyrik vom 11.-19. Jahrhundert wurde 2010 von Literaturkritikern ausgezeichnet.

In polnischen Bibliotheken, erzählt er, fand er Bücher aus den USA, Rußland, China, Japan und Indien, aber nichts aus Vietnam. Es ärgerte ihn, daß die vietnamesische Literatur der Welt nicht vorgestellt wurde, und er verbrachte Jahre mit dem Sammeln und Übersetzen. Zwei Jahre arbeitete er mit dem polnischen Dichter Pawel Kubiak, bis er seine Sammlung klassischer vietnamesischer Gedichte zusammengestellt hatte. Sie reicht von Ly Thuong Kiet (1019-1105) bis Tu Xuong (1870-1907). / Viet Nam News

41. Brauch ich nicht

Deutschland ist dank Sarrazin klüger geworden

schreibt die „Welt“. „Deutschland“, „Sarrazin“ – mit euren Abstrakta könnt ihr mich jagen. Wer die braucht, verdient die auch… und sieht danach aus.

(Wenn man zuviel davon zu sich genommen hat, hilft Nietzsche lesen. Oder gute Gedichte – gern auch mal in Prosa.)

40. Un-Philologie

Wenn es um Heidegger geht, lässt sich sogar Werner Beierwaltes, der eminente Kenner der abendländischen metaphysischen Traditionen, insbesondere des Neuplatonismus, aus der Reserve locken. Heideggers Philosophie sei «halbpoetisch» und «sekundärprophetisch»; sie entpuppe sich als «narzisstisches Denken, das in Allem nur sich selbst zu finden vermag». Beierwaltes nimmt «Heideggers Rückgang zu den Griechen» in einem Aufsatz von 1995 aufs Korn und decouvriert in Heideggers Interpretationen der Altvorderen «bewusst oder unbewusst praktizierte Un- Philologie» / NZZ

Werner Beierwaltes: Fussnoten zu Plato. Klostermann, Frankfurt am Main 2011. 438 S., Fr. 139.–.

39. Brauchen sie nicht

Die arabische Jugend wendet sich nicht nur gegen verknöcherte, autoritäre Regime. Mittlerweile geraten auch Intellektuelle in die Kritik, denen Duckmäuserei oder sogar Anbiederung bei den Machthabern vorgeworfen wird.

… Auch der berühmte syrisch-libanesische Dichter Adonis bleibt von Kritik nicht verschont. Kurz nach der enttäuschenden Rede des syrischen Präsidenten Bachar al-Asad Ende März erschien in der überregionalen arabischen Zeitung «Al-Hayat» seine Kolumne. Darin beschreibt Adonis zwar das Herrschaftssystem in Syrien, ohne aber die eigene Position gegenüber dem Regime klar zu formulieren. Im Internet kursieren auf sogenannten «schwarzen Listen» oder «Listen der Schande» die Namen von Dichtern, Journalisten und Wissenschaftern, die Gelder von arabischen Herrschern erhalten haben sollen. …

Der marokkanische Literaturwissenschafter Abdalsamad al-Kabbas schreibt in einem Artikel für die arabische Website Alawan, dass für die jungen Revolutionäre die Dinge klar seien: «Sie brauchen die etablierten Intellektuellen nicht, um sich zu orientieren – weder die Regimetreuen noch die Oppositionellen.» Ebenso wenig brauchten die Revolutionäre noch lange Reden von Parteivorsitzenden, egal welcher Richtung, Verse avantgardistischer Dichter oder die Songs engagierter Liedermacher. Das gilt für Tunesien, Ägypten, aber auch für die «Bewegung des 20. Februar» in Marokko.
/ Mona Naggar, NZZ

38. Bücher, die man selber kaufen würde

Leipzig ist immer noch ein gutes Pflaster für Verlagsgründungen. Auch wenn die Chance, hier einen der großen Tanker im deutschen Verlagsgeschäft wieder anzusiedeln, minimal ist. Es sind die kleinen, kreativen Gründungen, die der Stadt seit 21 Jahren ein neues Gesicht als Verlagsstadt geben. Seit 2009 dabei: der Ein-Mann-Verlag Reinecke & Voss.

Gestartet als Zwei-Mann-Verlag von zwei jungen Männern, die nicht nur lesenswerte Bücher schreiben wollten, sondern auch jene Bücher veröffentlichen, die sie auf dem Buchmarkt vermissten. Zwar werden in Deutschland mittlerweile jedes Jahr um die 90.000 Titel neu verlegt. Aber die Fülle trügt. Das weiß jeder, der einen Buchladen betritt oder eines der Online-Buchportale besucht: Es begegnen ihm immer wieder dieselben Namen und Titel und Sparten. Doch große Teile selbst der aufregenden Literatur des 20. Jahrhunderts scheinen einfach verschwunden zu sein.

Und von der Gegenwartsliteratur bekommt man auch nicht wirklich viel mit, es sei denn, einer der großen Verlage macht einen der jungen Autoren zum Star einer Kampagne.

… Er fand das, was er gern lesen wollte, einfach nicht mehr in den Buchhandlungen. Das betraf nicht nur die Lyrik der Gegenwart. Schon der erste Blick in jedes Lyrik-Regal der Buchläden zeigt ja bunte und anspruchslose Tristesse. Die großen alten Lyriker der Vergangenheit stehen da in der x-ten neu bemalten Sammelausgabe. Aus dem 20. Jahrhundert nur noch die handverlesenen Publikumsrenner. … „Ich glaube, man sollte sowieso nur das verlegen, was man auch selber kaufen würde“, sagt Reinecke. / Ralf Julke, Leipziger Internet Zeitung

37. Geht!

Tunesische Dichter trugen ihre Gedichte im Nationaltheater in Qatar vor. Im Zentrum dieses Festivals der revolutionären Dichtung stand die tunesische Revolution. Khaled Ouaghlani las sein berühmtes Gedicht „Wir sind erwacht und unser Denken gehört der Ewigkeit“ sowie „Irhal“ (Geht), ein in der Nacht des 13. Januar geschriebenes Gedicht [in deren Verlauf Diktator Ben Ali das Land verließ]. / Agence Tunis Afrique Presse

In Libyen müssen noch die anderen gehen:

Durch ihren Mut, vor Journalisten über ihre Vergewaltigung zu sprechen, wurde sie zum Symbol des Widerstands gegen den libyschen Machthaber Gaddafi. Nun ist Iman al Obaidi nach Tunesien geflohen. Geholfen hat ihr ein übergelaufener Offizier. / Stern 9.5.