Gott ist auch eine Bitch

María Paz Guerrero

Aus: Gott ist auch eine Bitch
In Erinnerung an Roberto Burgos Cantor

Aus dem Spanischen übersetzt von Christian Filips und Birgit Kirberg

gott isst schinken
und kriegt davon krebs
gott steht auf würstchen
und ist süchtig nach blätterteig

gott hat alles versucht vegan zu werden zu meditieren keine tiere zu essen sie zu respektieren kein urteil zu fällen zu erkennen dass alles ideologie ist und wie das system uns trennt aber es gibt eine wahrheit und die ist quantisch gott sitzt in uns wir sind kannibalen aber das vergaßen wir bei der geburt wir vergaßen wir waren ein ganzes waren licht ohne leiden und in der schwebe das haben wir gründlich vergessen

jetzt wollen wir helfen etwas beitragen dienst tun uns in einen guru verlieben wir sind depressive lateinamerikaner aber leben in Australien im restaurant bestellen wir keine tierischen produkte wir kennen unsere traumata aus der kindheit genau wir wissen unser leben dreht sich um zwei koordinaten um den mangel und um die schuld wir wissen dass wir auffallen wir sind opfer viele von uns anorexisch fragil wir haben gelernt das leben nicht zu lieben unser leben

gott wird schwach und isst ein sandwich mit mayonnaise
gott will kein vollkorn sondern weißbrot
gott achtet nicht auf seine figur
er ist fett

gott ist 53
und hat falten
gott ist in der menopause
darum kocht er vor wut
er hasst seinen körper der aufquillt
gott ist jetzt ein breiter kühlschrank
gott hat seine kurven verloren
gott ist zeitlich und zeit schlägt auf die figur
gott geht tanzen
in seinem neuen körper
und mit verbrauchtem gesicht
sitzt er in der salsabar am tisch
weil gott zu allem überfluss auch noch
lateinamerikaner ist

(…)

Dios también es una perra
A la memoria de Roberto Burgos Cantor

dios come jamón
y le va a dar cáncer
a dios le gusta la salchicha
es adicto al hojaldre

dios ha intentado ser vegano ir a meditar no comer animales respetarlos no juzgar saber que todo es ideología el sistema te divide pero hay una verdad y es cuántica nosotros tenemos a dios adentro somos caníbales pero lo hemos olvidado al nacer hemos olvidado que éramos un todo éramos luz éramos algo que no sufría éramos algo que flotaba hemos olvidado

ahora queremos ayudar contribuir hacer servicio amar a un gurú somos depresivos y somos latinoamericanos pero vivimos en Australia cuando vamos a un restaurante ordenamos comida sin productos animales conocemos nuestros traumas de infancia sabemos que tenemos dos ejes la carencia y la culpa sabemos que llamamos la atención somos víctimas muchos tenemos anorexia somos frágiles hemos sabido no querer la vida no querer nuestra vida

dios es débil come sánduche con mayonesa
dios no pide pan integral pide pan blanco
dios no cuida su figura
es fofo

dios tiene 53 años
arrugas
dios está menopáusico
le da rabia
odia su cuerpo que se ensancha
dios ahora es una nevera con espalda ancha
dios ha perdido sus curvas
dios es temporal y el tiempo ataca su figura
dios sale a bailar
con su nuevo cuerpo
y su cara ajada
se sienta en la mesa del bar de salsa
porque dios además

es latinoamericano

Aus der soeben erschienen vorletzten Ausgabe der Zeitschrift Mütze, #35, S. 1794-1796.

María Paz Guerrero ist eine kolumbianische Autorin.

Gedicht in wildem Portunjoll

Douglas Diegues

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die kühe kapiern nicht mehr warum sie so kuh sind
die deppen kapiern nicht mehr warum sie so deppert sind 
die heuchler kapiern nicht mehr warum sie so heuchlerisch sind 
die big asses kapiern nicht mehr warum sie so big ass sind

die ratten kapiern nicht mehr warum sie so rattig sind
die hallodris kapiern nicht mehr warum sie so hallodrig sind 
die nitpickers kapiern nicht mehr warum sie nits picken müssen 
die smart asses kapiern nicht mehr warum sie so smart ass sind

die nieten kapiern nicht mehr warum so so nietig sind 
die affen kapiern nicht mehr warum sie so affig sind
die menschen kapiern nicht mehr warum sie so menschlich sind
die pillepalle kapiern nicht mehr warum sie so pillpall sind

weil in den dünen und in der crème del wellenkamm 
hat keiner mehr trouble im programm

Deutsch von Odile Kennel, aus: Douglas Diegues: hands in the matsch. Gedichte aus dem Wilden Portunjoll. Illustriert von Petrus Akkordeon. hochroth Berlin 2022

las vakas non entendem mais por que son fan vakas
los estúpidos non entiendem mais por que son tan estúpidos 
los hipócritas non entendem mais por que son tan hipócritas 
los popozudos non entendem mais por que son tan popozudos

los ratos non entendem mais por que son tan ratos 
los trolhas non entendem mais por que son tan tralhas 
los pedantes non entendem mais por que son tan pedantes 
los sabetudos non entendem mais por que son tan rolhas

los idiotas non entendem mais por que son tan idiotas
los macacos non entendem mais por que son tan macacos 
los humanos non entendem mais por que son tan humanos 
los ridículos non entendem mais por que son tan ridículos

mismo porque en las dunas y cremas de la espuma
ninguém mais quer entender puerra ninguma

Hier noch einmal der deutsche Text in anderer Formatierung, weil Verse wie in den oben stehenden Blöcken seit neuestem in manchen Mailprogrammen nicht angezeigt werden.

die kühe kapiern nicht mehr warum sie so kuh sind
die deppen kapiern nicht mehr warum sie so deppert sind
die heuchler kapiern nicht mehr warum sie so heuchlerisch sind
die big asses kapiern nicht mehr warum sie so big ass sind

die ratten kapiern nicht mehr warum sie so rattig sind
die hallodris kapiern nicht mehr warum sie so hallodrig sind
die nitpickers kapiern nicht mehr warum sie nits picken müssen
die smart asses kapiern nicht mehr warum sie so smart ass sind

die nieten kapiern nicht mehr warum so so nietig sind
die affen kapiern nicht mehr warum sie so affig sind
‚die menschen kapiern nicht mehr warum sie so menschlich sind
die pillepalle kapiern nicht mehr warum sie so pillpall sind

weil in den dünen und in der crème del wellenkamm
hat keiner mehr trouble im programm

Das wilde portunjoll ist ein voll komischer sprech, dem grenzn egal sind, ein ländlicher, hässlicher, schöner, voll krasser sprech.

Aus dem zitierten Buch

Wer redet, ist nicht tot

Gottfried Benn

(* 02.05.1886, Mansfeld, † 07.07.1956, Berlin)

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KOMMT

Kommt, reden wir zusammen
wer redet, ist nicht tot,
es züngeln doch die Flammen
schon sehr um unsere Not.

Kommt, sagen wir: die Blauen,
kommt, sagen wir: das Rot,
wir hören, lauschen, schauen
wer redet, ist nicht tot.

Allein in deiner Wüste,
in deinem Gobigraun –
du einsamst, keine Büste,
kein Zwiespruch, keine Fraun,

und schon so nah den Klippen,
du kennst dein schwaches Boot –
kommt, öffnet doch die Lippen,
wer redet, ist nicht tot.

Aus: Gottfried Benn, Gedichte in der Fassung der Erstdrucke. Frankfurt/Main: S. Fischer, 1988, S. 467

Bei Lyrikline kann man das Gedicht vom Autor gelesen hören.

Hier noch einmal der Text des Gedichts im normalen Textformat:

KOMMT

Kommt, reden wir zusammen
wer redet, ist nicht tot,
es züngeln doch die Flammen
schon sehr um unsere Not.

Kommt, sagen wir: die Blauen,
kommt, sagen wir: das Rot,
wir hören, lauschen, schauen
wer redet, ist nicht tot.

Allein in deiner Wüste,
in deinem Gobigraun –
du einsamst, keine Büste,
kein Zwiespruch, keine Fraun,

und schon so nah den Klippen,
du kennst dein schwaches Boot –
kommt, öffnet doch die Lippen,
wer redet, ist nicht tot.

Feindlein

Nichts zu sehen? Einfach nach unten blättern!

Margret Kreidl

Es reißt nicht, zerreißt nicht, zerspringt nicht, 
es schmilzt nicht, es filzt nicht, es ist 
flauschig, flauschig und rastlos, es zischt und 
wischt durch die Nacht, es spielt mit dem 
Feuer, es knallt, der Knall ist aus Baumwolle, 
ein Baumwoll-Vorfall, ein Baumwollknäuel, das 
auf Waffendepots und Munitionslager fällt, es 
setzt alles in Brand, es ist klein, ein Fitzchen, 
ein Witzchen, es macht aus dem Feind ein 
Feindlein, das Baumwollstilzchen, ukrainisch: 
Bavovnyatko.









Die ukrainische Künstlerin Svitlana Olsevska hat ein Fabelwesen geschaffen, 
das russische Militärinfrastruktur angreift.

Aus: Margret Kreidl: Mehr Frauen als Antworten. Gedichte mit Fußnoten. Wien: Edition Korresondenzen, 2023, S. 29

Hinweis: Da die Ursache der Textverluste, die seit ein paar Tagen beim Mailversand der täglichen Gedichte auftreten, offenbar die (wordpresseigene) Formatierung der Gedichte als Vers statt als normaler Textabsatz ist, folgt hier noch einmal der Gedichttext in „normaler“ Formatierung für alle, die es betrifft.

Es reißt nicht, zerreißt nicht, zerspringt nicht,
es schmilzt nicht, es filzt nicht, es ist
flauschig, flauschig und rastlos, es zischt und
wischt durch die Nacht, es spielt mit dem
Feuer, es knallt, der Knall ist aus Baumwolle,
ein Baumwoll-Vorfall, ein Baumwollknäuel, das
auf Waffendepots und Munitionslager fällt, es
setzt alles in Brand, es ist klein, ein Fitzchen,
ein Witzchen, es macht aus dem Feind ein
Feindlein, das Baumwollstilzchen, ukrainisch:
Bavovnyatko.

Die ukrainische Künstlerin Svitlana Olsevska hat ein Fabelwesen geschaffen, das russische Militärinfrastruktur angreift.

Bereit zuzuhören

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Shirley Campbell Barr

(Geboren in Kostarika, lebt in Berlin)

WAS_HABT_IHR_ZU_SAGEN

Heute bin ich bereit zuzuhören
aber ich will keine leeren Worte oder Halbwahrheiten
ich werde zuhören
aber ich will die Wahrheit 
sonst riskieren wir
neue Sünden
neue Lügen
und unzählige Tränen 
bis ans bittere Ende.
Heute bin ich bereit, eine ehrliche Erklärung anzuhören 
für all die Toten 
und die Demütigungen
für all die ihrer Kinder beraubten Mütter 
für all die ihrer Liebhaber beraubten Töchter 
für all die ihrer Träume beraubten Mädchen.
Heute will ich keine anderen Wahrheiten 
als die wahren
ich will keine anderen Stimmen
als die der Empathie 
aber ich bin bereit zuzuhören ...
die Taten bei ihrem Namen genannt zu hören
die Farbe meiner Kinder bei ihrem Namen genannt zu hören
den Traum meiner Großmutter
lautstark zu hören 
ich werde Platz nehmen
meinen Groll abschütteln
meinen Hass 
meine Scham
meine Strenge
ich werde zuhören
mal sehen ...
was ihr zu sagen habt.
QUÉ_ TIENEN_QUE_DECIR_

Hoy estoy dispuesta a escuchar 
pero no quiero excusas vacías o verdades a medias
voy a escuchar
pero quiero la verdad 
de lo contrario
corremos el riesgo de pecar de nuevo 
de mentir de nuevo 
de llorar más veces 
de morir inexorablemente.
Hoy estoy dispuesta a escuchar una explicación sensata 
por todos los muertos
las humillaciones
por todas las madres huérfanas de hijos 
por todas las hijas huérfanas de amantes 
por todas las niñas huérfanas de sueños.
Hoy no quiero escuchar otras verdades 
que no sean las verdaderas 
no quiero escuchar otras voces 
que no sean las más humanas 
pero estoy dispuesta a escuchar...
el nombre de los hechos por su nombre 
el color de mis hijos por su nombre 
el sueño de mi abuela
a todas voces
voy a sentarme
despojarme del rencor 
del odio
de la vergüenza 
del orgullo
voy a escuchar 
a ver...
qué tienen ustedes que decir.

Aus: Shirley Campbell Barr, Vollkommen schwarz / Rotundamente Negra. Aus dem costa-ricanischen Spanisch von María Ignacia Schulz und Daphne Nechyba. Hochroth Heidelberg, 2022

Hinweis: Um die Ursache der Textverluste zu finden, die seit ein paar Tagen beim Mailversand dieser Gedichte auftreten, folgt hier noch einmal der deutsche Gedichttext in anderer Formatierung.

WAS_HABT_IHR_ZU_SAGEN

Heute bin ich bereit zuzuhören
aber ich will keine leeren Worte oder Halbwahrheiten
ich werde zuhören
aber ich will die Wahrheit
sonst riskieren wir
neue Sünden
neue Lügen
und unzählige Tränen
bis ans bittere Ende.
Heute bin ich bereit, eine ehrliche Erklärung anzuhören
für all die Toten
und die Demütigungen
für all die ihrer Kinder beraubten Mütter
für all die ihrer Liebhaber beraubten Töchter
für all die ihrer Träume beraubten Mädchen.
Heute will ich keine anderen Wahrheiten
als die wahren
ich will keine anderen Stimmen
als die der Empathie
aber ich bin bereit zuzuhören …
die Taten bei ihrem Namen genannt zu hören
die Farbe meiner Kinder bei ihrem Namen genannt zu hören
den Traum meiner Großmutter
lautstark zu hören
ich werde Platz nehmen
meinen Groll abschütteln
meinen Hass
meine Scham
meine Strenge
ich werde zuhören
mal sehen …
was ihr zu sagen habt.

Du übertreibst

Mirela Ivanova 

(Мирела Иванова, geboren am 11. Mai 1962 in Sofia)

Nein

–  Immer mehr wird die Vernunft zur Erdbebenzone, 
die Risse im Denken sind keine Metapher.

–  Du übertreibst.

–  Die Haut reißt auf in gräßlichen Schrunden, 
wenn die Verzweiflung keinen anderen Ausweg findet.

–  Was jammerst du!

–  Ausgeschlossen vom Leben – das ist die Wahrheit – 
erschlagen wir einander um ein Stückchen Brot.

–  Hör auf.
Ruf die Wahrheit nicht zum Zeugen an.
Begreif doch – 
sie mag die Lebendigen nicht.

Aus dem Bulgarischen von Norbert Randow, aus: Mirela Ivanova: Einsames Spiel. Gedichte. Heidelberg: Wunderhorn, 2000, S. 13.

In eigener Sache

Wenn Sie diesen Text nicht vollständig lesen können, bitte Nachricht an info@michaelgratz.de. Seit gestern erreichen mich Berichte, dass die Mail an Abonnenten dieser Seite nur aus einer oder zwei Zeilen besteht. Ich muss dazu sagen, dass ich das nicht sehen kann und auch nicht wissen kann, wen und wie viele es betrifft. Ich verschicke keine Mails. Ich schreibe nur die täglichen Nachrichten auf http://lyrikzeitung.com, und das System, also WordPress, verschickt die automatisch an Abonnenten. Abonnementanfragen gingen nicht an mich, sondern direkt an WordPress, ich kenne die Mailadressen nicht. WordPress sagt mir nur, dass 2573 Personen diese Seite abonniert haben. Alle Nachrichten gehen außerdem automatisch an Twitter (@gratz13) und theoretisch an die Lyrikzeitungseite bei Facebook. Letzteres funktioniert seit mindestens einem halben Jahr nicht mehr, obwohl ich täglich die Meldung erhalte, der Link sei an Twitter und Facebook gesendet worden. Sieht für mich so aus, als stecke eine Politik von WordPress dahinter, aber welche? Wollen sie ihre Kunden vergraulen? Ich weiß es nicht. Ich weiß nur, dass die Reichweite der Lyrikzeitung durch diese kafkaesk unsichtbaren Maßnahmen (oder irgendwelche technischen Änderungen) drastisch eingeschränkt wird. – Bis heute habe ich keine Nachricht erhalten, ob sie irgendwelche neuen Bezahlmodelle anbieten wollen oder die technischen Bedingungen ändern. Es wäre hilfreich, wenn alle, die es betrifft und die weiterhin ein tägliches Gedicht per Mail erhalten wollen, mir das per Mail anzeigen.

Das Gedächtnis und die Hand

Edmond Jabès 

(* 14. April 1912 in Kairo; † 2. Januar 1991 in Paris)

Mit beiden Händen

IV

    Der liebkoste Leib läßt die Hand 
erblühn. Der Faust fehlt die Kosung; fehlt    auch 
die Feder.
    – Die Feder lockert die Hand.




    Die Hand öffnet sich der Vokabel, öffnet 
sich der Distanz.

V

   Die Feder ist der Dolch. Die Hand läßt 
bluten;
    blutet.



    Schreibt man mit dem Blut der Vokabel, das 
mit dem eignen vermengt ist?

Aus: Edmond Jabès, Das Gedächtnis und die Hand. Aus dem Französischen von Felix Philipp Ingold. Münster: Kleinheinrich, 1992 (unpag.)

Edmond Jabès wurde 1912 in einer frankophonen jüdischen Familie in Kairo geboren. Er studierte in Paris und kehrte nach Ägypten zurück. 1956 wurde er während der Suezkrise als Jude aus seinem heimischen Ägypten ausgewiesen und ging nach Frankreich. 1987 wurde er mit Frankreichs Grand Prix national de la poésie ausgezeichnet.

Maelstrom

Alexandra Bernhardt

maelstrom

geh dein selbst dich 
tragen auf dein boot 
die planken bespringe 
die bohlen trage die 
rahen fasse die winde 
fange zieh ein dich 
ins gestern den alten 
nimmerfisch zieh ein 
an land die gedärme 
nimm aus dich nimm 
ein das werg verfüg 
dich kalfater dich matt 
verhol und vertäu dich 
dann kreuz und schere 
die segel laß killen die 
kimm sich krümmen 
bis auf sich neigt die 
welt am abschott

Aus: Alexandra Bernhardt, Schwellenzeit. Von Honig und Mohn. Wien: Edition Melos, 2022, S. 71

ISBN 978-3-9505384-3-4.

Auf dem Zeilensprung

Richard Pietraß

Hundewiese

Tag um Tag gehe ich mit meinen Hunden, den Gedichten.
An loser Leine tragen sie den pendelnden Maulkorb
Den ich ihnen verpasse, erlasse, jagen sich im aufgewirbelten 
Staub. Reiten, streiten um Liebesknochen. Versuche ich 
Mein Sinnsüppchen zu kochen, wedeln sie mit den Endreimen.
Vers bei Fuß, halte ich sie auf dem Zeilensprung. Sie lecken 
Mir den Wurstmund, betteln um jeden Bissen. Heben sie 
Nicht gerade das Bein, graben sie mir Löcher in den Bauch
Parieren aufs Wort.

Aus: Ostragehege. Zeitschrift für Literatur und Kunst. Heft 100 (II/2021), S. 79

Illusion

Richard Anders

(* 25. April 1928 in Ortelsburg, Ostpreußen; † 24. Juni 2012 in Berlin)

Illusion

Das Martinshorn
bringt mir die Straße ins Zimmer

Ich halte mitten in der Zeile an 
und lasse Blaulicht
an meiner Poesie vorbei

So nähre ich die Illusion 
sie nütze etwas
wenn es irgendwo brennt

Aus: Richard Anders, Über der Stadtautobahn und andere Gedichte. Berlin: Oberbaum, 1985, S. 9

Karl Lappe 250

Wer kennt Karl Lappe? Schiller hat ihn gedruckt, wer kennt Schiller? – Der erfolglose Dichter fällt nach seinem Tode in die Gegend seiner Herkunft zurück. Das gilt sogar für so manchen, der in den Metropolen Erfolg hatte und schnell vergessen wurde. Wie viel mehr noch für den, der die heimische Gegend gar nicht erst verlassen hat.

Karl Gottlieb Lappe wurde am 24. April 1773 in Wusterhusen bei Greifswald geboren, er studierte in Greifswald, lebte in Pütte bei Stralsund und starb am 28. Oktober 1843 in Stralsund. Ein pommerscher Heimatdichter. Zum Vierteljahrtausend habe ich ein paar Stückchen aus den Prosagedichten ausgesucht.

Was ich singe und nicht singe.

(Frei nach Baggesen.)

Ich singe nicht von Kampf und Krieg, nicht von den Heldenthaten des Schlachtfeldes. Meine Muse wird leichenblaß und verkriecht sich vor Schwert und Schild. Wann der Säbel klirrt und die Lanze pfeift, wann der Tod über zerstörtem Leben wandelt, dann schweig‘ ich.

(…)

Ich singe nicht den Preis der Monarchen. Auf meinem niedrigen Standpunkte kenn‘ ich sie kaum, kann über ihren hohen Beruf keines Urtheils mich erdreisten. Ihre Weisheit und Güte wird des Ruhmes nicht ermangeln; meines Weihrauchs begehren sie nicht, darum schweig‘ ich.

(Karl Lappes sämmtliche poetische Werke. Fünfter Theil. Rostock: Oeberg, 1836, S. 67/69)

Für das Vaterland

(…)

Für das Vaterland leben, ist auch Verdienst; doch ist es dunkel und schwer, ein langer bitterer Kampf: täglich und stündlich will der Kelch getrunken sein. Mühe dich ab in herber Pflicht, Tag aus, Tag ein, wie das knechtische Uhrwerk; nimm, was am Lichte dich mühte, mit in die Träume der Nacht; strebe mit redlichem Eifer, fruchtlos, verkannt, verspottet, vergessen. – Wenn dann das Ruhmgeschrei dich umwirbelt, das dankbare Vaterland seine Helden vergöttert, seine großen Männer belohnt: Da lege ruhig die Hand auf dein Herz, und stimme neidlos mit ein, in reiner Liebe deines Vaterlandes.

(Karl Lappes sämmtliche poetische Werke. Vierter Theil. Rostock: Oeberg, 1840, S. 59)

An einen Kritiker

David Martin

(Australischer Schriftsteller, geboren am 22. Dezember 1915 als Lajos oder Ludwig Detsinyi in einer jüdischen Familie in Budapest, gestorben am 1. Juli 1997 in Beechworth, Victoria)

TO A CRITIC

You love to play God, 
To toy or to praise, 
To brandish your rod, 
To destroy and to raise.
But the Lord took the dust
And made it a man,
While you earn your crust 
By the opposite plan.
AN EINEN KRITIKER

Du spielst gerne Gott, 
Du tändelst, du lobst, 
Du schwingst deinen Stock, 
Du erhebst oder tobst.
Doch Gott nahm den Staub 
Und macht' ihn zum Mann.
Aber du, mit Verlaub, 
Machst's umgekehrt dann.

Deutsch von Curt und Maria Prerauer aus: Zeitgenössische australische Lyrik. Englisch-Deutsch. München: Hueber, 1961, S. 128.

(Ich habe mir erlaubt, in der letzten Zeile „Machest’s“ zu „Machst’s“ zu verkürzen.)

David Martin war ein australischer Romanautor, Dichter, Dramatiker, Journalist, Herausgeber, Literaturkritiker und Dozent. Er benutzte auch die Namen Louis Adam und Louis Destiny und nahm nach seinem Umzug nach England den Namen David Martin an.

Martin wurde in Budapest geboren, erhielt seine Ausbildung aber in Deutschland. Er verließ Deutschland 1934 und verbrachte einige Zeit in den Niederlanden, Ungarn und Palästina. Im Jahr 1937 reiste er nach Spanien, wo er während des Spanischen Bürgerkriegs als Freiwilliger im Sanitätsdienst der Internationalen Brigaden der Spanischen Republikanischen Armee diente.

1938 ging Martin zu seinem Vater nach London und arbeitete in dessen Bekleidungsfabrik, bevor er 1941 nach Glasgow zog, wo er als Korrespondent für den Daily Express arbeitete. Im Jahr 1941 heiratete Martin Elizabeth Richenda Powell, Urenkelin der Quäkerin Elizabeth Fry. Sie bekamen einen Sohn, Jan. Martin kehrte nach London zurück und arbeitete bis 1944 für die BBC. Von 1945 bis 1947 war er Literaturredakteur von Reynold’s News. Im Jahr 1948 reiste er als britischer Korrespondent für den Daily Express nach Indien.

Ab 1950 ließen sich Martin und seine Familie in Australien nieder, in Melbourne, wo er als freier Journalist und Redakteur der Australian Jewish News zu arbeiten begann. Er trat 1951 der Kommunistischen Partei bei, war bis 1956 aktiv und blieb bis 1959 Mitglied, als er aufgefordert wurde, auszutreten. Er hatte wöchentliche Kolumnen zu aktuellen Themen in der Free Press (1951-52) und dem Sunday Observer (1969-71) und war Auslandskorrespondent für die indische Zeitung Hindu (ca. 1946-67) und für die kanadische Zeitung Montreal Star (ca. 1966-69). Darüber hinaus verfasste er eine Vielzahl von Artikeln, Kurzgeschichten und Rezensionen für Zeitungen und Zeitschriften, darunter Overland, Meanjin, Southerly und Quadrant, die ein breites Spektrum von Themen abdeckten.

1988 wurde Martin für seine Verdienste um die australische Literatur zum Mitglied des Order of Australia ernannt. 1991 wurde er mit dem Patrick White Award ausgezeichnet und 1996 erhielt er den Emeritus Award des Literature Fund of the Australia Council.

Einer seiner Enkel, Toby Martin, ist der Gitarrist und Frontmann der Rockband Youth Group.

Übersetzt mit http://www.DeepL.com/Translator aus der englischsprachigen Wikipedia.

Wohin ist der Krieg gegangen

Ursula Maria Wartmann

In Stellung

Wohin ist der Krieg 
gegangen fragt das Kind
der Himmel schäumt seit Tagen 
in ruhigem milchigem Weiß und 
das Kind schaut über 
das blühende Feld legt
den Armstumpf über die Stirn 
zum Schutz vor hellem Himmel
kneift es die Augen zu Schlitzen
zu so ruhig sagt das Kind aber wo ist er 
der Krieg liegt im Graben in Stellung 
die Stiefel gewichst die Bajonette
geschärft doch das sagt niemand 
dem Kind hat genug gesehen 
und erlebt soll nun glücklich sein.

Aus: Ursula Maria Wartmann: Am Ende der Sichtachse. Gedichte. Dortmund: edition offenes feld, 2021, S. 88

Pure Geometrie

William Totok 

(* 21. April 1951 in Comloșu Mare, deutsch Groß-Komlosch, Rumänien)

notizen zu einem eventuellen gedicht

heuduftend liegen die felder vor uns 
und atmen wind
darauf wachsen blumen in den tag 
lange zeit hinkten die beispiele nach 
dann wurden wir durch das immer 
täglicher werdende brot 
mehr und mehr vergewaltigt

späte stimmen reisen durch
junge wunden
unsere ideen sind
pure geometrie

Aus: die bewegung der antillen unter der schädeldecke. junge rumäniendeutsche lyrik zwischen 1975 und 1980. Eine (historische) Anthologie herausgegeben von Walter Fromm. Erweiterte, kritische Neuauflage 2022 mit einem einleitenden Essay von Prof. Dr. Waldemar Fromm und einer soziokulturellen Kontextualisierung von Prof. Dr. Anton Sterbling. Ludwigsburg: Pop, 2022, S. 113

William Totok war Gründungsmitglied der „Aktionsgruppe Banat“ (1972–1975). Wegen „Verbreitung staatsfeindlicher Gedichte“ war er 1975 bis 1976 inhaftiert. Seit 1987 lebt er in Berlin.