53. Lob des Protests

Nach einem alten Spruch werben Politiker mit Lyrik aber regieren mit Prosa. Die Vitalität der großen Straßengedichte der 60er-Jahre-Vietnam-Proteste lebt fort im arabischen Frühling. Letzten Monat wurde eine junge Frau aus Bahrain [die Dichterin Ajat Al-Kurmisi] zu einem Jahr Gefängnis verurteilt, weil sie ein Gedicht in der Öffentlichkeit vorgelesen hatte, das die an den König gerichtete Zeile enthielt: „Wir sind das Volk, das die Entwürdigung töten und das Elend morden wird. Hörst du ihre Schreie? Hörst du ihre Wut?“ Der palästinensische Lyriker Tamim al-Barghuti sagte kürzlich im Zusammenhang mit der tunesischen Revolution, daß die Lyrik „die Phantasie des Volkes bereichert und ihre Wahrnehmung verändert hat, ihr Selbstvertrauen stärkte und ihnen zeigte, wie schwach ihre Tyrannen sind“. Al-Barghuti war einer der Dichter, deren Werk in dieser Woche bei einem Festival zur Literatur des arabischen Frühlings gefeiert wurde. / Guardian

52. Ermordet

Die Ermordung des berühmten argentinischen Dichters und Sängers Facundo Cabral (74) bewegt ganz Lateinamerika. Dieser, ein „Brassens latino“, wurde am 8.7. beim Verlassen eines Konzerts in Guatemala im Auto erschossen. Die guatemaltekische Regierung hat drei Tage Staatstrauer angeordnet. Möglicherweise galt das Attentat dem nikaraguanischen Geschäftsmann Henri Fariña, der ihn zum Flughafen begleitete und der bei dem Anschlag verletzt wurde. / Courrier International

51. Andalusisches Schwarzwalddorf

„In meinem Kopf haben sich die Grenzen zweier Sprachen verwischt“, schreibt der aus Italien stammende deutschprachige Schriftsteller Franco Biondi in einem seiner Gedichte. Es verdeutlicht die Spannung zwischen der „alten Heimat“ und der neuen Kultur und rückt die Frage der Integration von Menschen, die aus einem anderen Kulturkreis zu uns gekommen sind, ins Blickfeld.

Der Literaturwissenschaftler Hansgeorg Schmidt-Bergmann (Karlsruhe) skizzierte bei der Tagung „Heimat ist anderswo“ die Entwicklung von der sogenannten „Gastarbeiterliteratur“ hin zu dieser „neuen deutschen Literatur“. Autoren wie Feridun Zaimoglu, Emine Sevgi Özdamar oder José F. A. Oliver, der 2007 mit dem Kultur-Preis des Landes Baden-Württemberg ausgezeichnet wurde, zeugten davon, dass es inzwischen eine sehr differenzierte Migrantenliteratur gebe.

Schmidt-Bergmann sprach von einer interkulturellen Vielfalt, die zu einer neuen Weltläufigkeit der deutschen Literatur geführt habe: „Diese Literatur macht uns wach und reicher.“ (…)

Sehr persönliche Einblicke, wie komplex „Heimat“ sein kann, gab der Schriftsteller José F. A. Oliver, für den Hausach in der Ortenau im besten Sinne Heimat ist, wie sein Essayband „Mein andalusisches Schwarzwalddorf“ verdeutlicht. „Denn gleich dahinter, hinter dem Waldbergigen, hinter der Dämmerlinie der schweren, schwarzgrünen Tannen, lag Andalusien. Auch für mich“, schreibt er. / Ralf Stieber, Schwarzwälder Bote

50. Hilbig!

Er war der Heizer aus Meuselwitz, der nachts Weltliteratur verfasste. Der Literaturbetrieb, der ihn schließlich feierte, blieb ihm zeitlebens fremd. Er fühlte sich im Osten wie im Westen als Außenseiter. Am 31. August wäre Wolfgang Hilbig 70 Jahre alt geworden. MDR FIGARO erinnert im Feature an den Lyriker und Romancier. Siegfried Ressel befragte dazu Freunde und Kollegen. Außerdem sind Hilbig-Texte, gelesen vom Autor selbst, zu hören. / MDR

Feature | MDR | 13.07.2011 | 22:00 Uhr

49. Liederwerkstatt

Wilhelm Killmayer, 83-jähriger Nestor der Münchner Komponisten, Verfechter melodischer Läuterung und Selbstgenügsamkeit im Klang, der Kissingen fernbleiben musste, hat Rilkes Gedicht ‚Abisag‚ vertont, dazu Brentanos vielstrophiges ‚Großmutter sagt, ich soll dir singen‘. Killmayer geht im Alter noch karger, gezielter vor als früher. Das Bild von der erloschenen Liebesfähigkeit des alttestamentarischen Königs und der Jungfrau, die ihm vergebens ins Bett gelegt wird, löst eine Musiksprache bei ihm aus, deren radikal verschwiegener Laut fasziniert: zersprengte Töne und Akkorde (Klavier Moritz Eggert), die Singstimme in fahler, schwebender Narration (Tenor Andreas Post). Bei Brentano treibt Killmayer die Knappheit ins Extrem – die Klavierspots sind keck, Melodien schwingen, die Inspiration bleibt lebendig.

Aribert Reimann, der an einer Maeterlinck-Oper schreibt und ‚für ein Gedicht im Moment keinen Raum‘ hat, verschweißt neun nachtschwarze Fragmente Rilkes, dessen Nähe zu Kafka entdeckend, zu einem Großlied: Expressionismus der Stimme (Caroline Melzer) in zerklüftet harter Klavierlandschaft (Axel Bauni), Erregungen zwischen Ausbruch und lyrischer Beschwörung in bildhaft-emotionalen Kurven. Wolfgang Rihm hat im Jahr 2000 vier Rilke-Gedichte und 2002 Brentanos ‚Wenn der lahme Weber träumt, er webe‘ vertont – Rilke leise, in meditativ labyrinthischer Tonlage, Brentano fast verspielt voller Kontraste, am Ende ohne Trost verrinnend. Manfred Trojahn entschied sich für ganz frühen, kunstgeschraubt gefühlvollen Rilke, den er in riskant glatte, runde Tonbewegung hineinzwingt. / Wolfgang Schreiber, SZ 6.7.

48. Mechanik und Esprit

Auf eine andere Art exotisch wirkt in einer nach dem Authentischen, Eigentlichen, Unmittelbaren gierenden Leserwelt jene Gruppe der französischen Schriftsteller, die sich «Oulipo» abkürzt (auf Deutsch: «Werkstatt für potenzielle Literatur») und die der Pariser Romanist Jürgen Ritte einem begeisterten Publikum in einer Hotelbar vorstellte. Die Mitglieder der Gruppe schreiben nach selbst verordneten, teilweise sehr komplizierten Regeln – von denen der Leser möglichst nichts bemerkt. Das Verfahren ist noch nicht die Kunst: Aber es ermöglicht sie, bringt sie im besten Fall gerade durch Beschränkung hervor. Die von Ritte übersetzten Beispiele zeigten wunderbar, wie auch Komik aus purer Mechanik entstehen kann – wenn sie vom Öl des Esprits angetrieben wird.

O-Töne: Das ist ein weiterer Trumpf des Leukerbader Festivals. Die Veranstalter legen Wert darauf, dass viel in Originalsprachen gelesen wird. So konnte man Isländisch (Sjón) und Weissrussisch hören (Valzhyna Mort), ungarische Verse (Istvan Kemeny) und englische Prosa (…) / Martin Ebel, Tages-Anzeiger

47. Benediktbeurener Lieder

Die Texte sind um 1280 im Kloster Benediktbeuren entstanden: etwa 200 Gedichte bunten Inhalts in lateinischer, deutscher und französischer Sprache, also ein „modernes“ europäisches Konzept. Orff wählte daraus eine Folge aus und ordnete sie in drei Gruppen: Veris laeta facies (Frühling) – In taberna (In der Schenke) – Amor volat undique (Liebe). Das Werk wird eingeleitet und beschlossen durch den dramatisch großartigen Anruf der Göttin des Schicksals: „O Fortuna – velut luna – statu variabilis“ („O Fortuna, wie der Mond veränderlich“). Das erlebte 1937 in Frankfurt am Main seine Uraufführung. Der Jubel war hier schon groß. Orff an seinen Verlag: „Alles, was ich bisher geschrieben habe, können Sie nun einstampfen! Mit den Carmina Burana beginnen meine gesammelten Werke.“ / Friedrich Stang, derwesten.de

46. Grünbein und Zaimoglu reisen nach Rom

In seiner Lyrik wird der Rombesucher zum „Brotlaib, von Sonnenstrahl durchbohrt“, gibt sich der Reisende zwischen altrömischen Relikten und barocken Gebäuden „wohligem Phototropismus“ hin, „und die Steine brüten nach alter Devise Latein oder Schweigen“. Grünbeins römische Lyrik zeigt einen durch die Stadt schweifenden Augenmenschen, der die Obelisken sieht als „steinerne Feuerraketen“ auf deren Spitzen Roms Stare Ausschau halten – nach was? Nach Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft?

(…)

Feridun Zaimoglu, den Autor mit deutscher und türkischer Herkunft, hätten die Römer wohl manchmal „für einen Sizilianier im Exil, einen Sarazenen, vielleicht einen Polen gehalten“. Als „Heiden-Moslem“ sah er sich vor, nur nicht aufzufallen bei Prozessionen, in denen er mit ging, beim Knochenspan-Sammeln fürs Toten-Nougat, der Blutverflüssigung eines Heiligen. „Ich fand es gewaltig“, sagt er, und „Spott und Häme sind meine Sache nicht“: also keine Kritik am römischen Glauben.

/ Inge Braune, Südwestpresse

45. Noch’n Pastiche

Thomas Kunst

DAS EINFACHSTE: SIE MEIDEN DIE VERGLEICHE.
Sie jubeln über größte Poesie,
Sie loben, preisen und sie feiern die,
Die sich im Hauptfeld wähnen, selten bleiche

Und blutleere Gedichtattrappen, starre
Gebilde ohne Trotz und Sprachverlangen,
Im Blick: die Ausreißer nie einzufangen,
Verfolge das schon über zwanzig Jahre.

Warum gelangt mit den Gedichten niemand
In meine Top Einhundertfünfunddreißig,
Ich hätte jetzt so gerne Gernhardt hier,

Auch Hacks und Heine, deren Sachverstand,
Auf Netzwerke und auf das Hauptfeld scheiß ich
Und lese jetzt: Am Meer. An Land. Bei mir.

(für Paulus Böhmer)

 

44. Schrumpfende Städte – Provinz im Gedicht

Im dritten Sommer der LYRIKOASE möchten wir Sie/Euch nun herzlich einladen
zur morgigen Lesung:

„Schrumpfende Städte – Provinz im Gedicht“
Es lesen: Adrian Kasnitz (Köln) und Thilo Krause (Zürich)
Moderation: Karin Fellner (München)

Am Dienstag, 12. Juli 2011, 20.00 Uhr
Im Infopoint Museen & Schlösser in Bayern, Alter Hof 1, 80331 München
Eintritt: 5,- Euro

43. Góngora 450

Heute vor 450 Jahren wurde der spanische Dichter Luis de Góngora geboren. Julia Macher widmet ihm im Deutschlandradio ein Kalenderblatt:

Am 24. Mai 1627 starb Luis de Góngora an den Folgen eines Hirnschlags. Seinen literarischen Einfluss behielt er bis in die Neuzeit: Im späten 19. Jahrhundert entdeckten die französischen Symbolisten ihn wieder und an seinem 300. Todestag trafen sich in Sevilla junge spanische Lyriker zu einer Hommage: Die sogenannte Generation von 1927 – Rafael Alberti, Federico García Lorca und andere – einte vor allem die gemeinsame Verehrung für Luis de Góngora. So wurde der alte Barockmeister zum Gründungsvater einer der produktivsten poetischen Avantgarden.

42. Labor

Neu im Lyrikwiki Labor: die ersten Beiträge von Studenten meines Literaturtheorie-Seminars mit Artikeln über einige der fiktiven Autoren in Ann Cottens Buch „Florida-Räume“ (siehe im Schlagwortregister unter „Cotten“ oder „Fiktive Autoren“)

41. Sum of her parts


„The is my first project for my film class. The assignment was to shoot a 3 minute short film with no dialog. The song I used is The Sum of Her Parts by The LVRS.“ (Luiza)

40. Maja Haderlap

Die Kärnter Slowenin Maja Haderlap hat am Sonntag mit einem Auszug aus ihrem Romanerstling „Engel des Vergessens“ den Ingeborg-Bachmann-Preis bei den 35. Tagen der deutschsprachigen Literatur in Klagenfurt gewonnen.

Die zweisprachige Autorin, die bisher vor allem mit Lyrik-Veröffentlichungen von sich reden machte, hat ihr Buch in deutscher Sprache geschrieben, dies habe ihr „einen gewissen Schutz“ gegeben, wie sie erklärt. …

Die Autorin, die ihre Lyrik in ihrer slowenischen Muttersprache verfasst, wehrt sich dagegen, in „zwei Welten“ verortet zu werden, weil sie zweisprachig ist. Sie lebe in einer Welt mit zwei Sprachen, betont sie. / Kleine Zeitung

39. Edwin Kratschmer 80

Einen weiten Leserkreis erreichte bald darauf die Anthologie „Offene Fenster“, die, wiewohl von der Kulturbürokratie beargwöhnt, zwischen 1967 und 1990 in neun Bänden erschien.  …

Auch als Wissenschaftler galt Kratschmers dezidiertes Interesse der Lyrik von Jugendlichen. In seiner 1969 verteidigten Dissertation untersuchte er anhand von 1376 Gedichten und einer Umfrage unter 763 Schülern und Studenten das poetische Schaffen von DDR-Jugendlichen in einer bis dato in der Germanistik beispiellosen Ausführlichkeit und Gründlichkeit. Darüber hinaus sammelte er mit Unterstützung zahlreicher Gleichgesinnter zwischen 1964 und 1990 mehr als 100 000 Gedichte von 15 000 Jugendlichen. Diese einzigartige Sammlung machte Kratschmer 1995 der Universität Jena zum Geschenk. Die würdigte sein Engagement 1992 mit einem Lehrauftrag, 1996 mit der Verleihung der Friedrich-Schiller-Medaille und 1999 mit der Ernennung zum Honorarprofessor für Neueste deutsche Literatur. / Kai Agthe, OTZ 9.6.