Der US-amerikanische Songwriter und Musikproduzent Jerry Ragovoy ist im Alter von 80 Jahren in New York gestorben. Zu seinen wichtigsten Songs gehören ‚Piece Of My Heart‘ und ‚Try (Just a Little Bit Harder)‘, die in den Sechzigern durch Janis Joplin berühmt wurden, und ‚Time Is On My Side‘, welchen er 1964 für die Rolling Stones schrieb. Auch Elvis Presley, B.B.King, Dusty Springfield und Aretha Franklin spielten Lieder von ihm ein. / SZ 20.7.
Bis zum Mai dieses Jahres war der usbekische Dichter Jussuf Dschuma Gefangener des berüchtigten Lagers Jaslyk in der Wüste im Westen des zentralasiatischen Landes unweit des sterbenden Aralsees. Jaslyk ist der usbekische Vorhof zur Hölle. Von giftigen Salzen durchsetzte Sandstürme durchwehen die glühende Hitze im Sommer gleichermassen wie die klirrende Kälte im Winter. Dschuma selbst erfuhr dort Folter und Demütigungen. Drei Jahre war es ihm untersagt, Stift und Papier zu berühren. «Ich formte meine Gedichte im Kopf», sagt der 53-jährige Usbeke. Nun endlich könne er sie aufschreiben – viele tausend Kilometer westlich im amerikanischen Exil. / Marcus Bensmann, NZZ
Auszüge aus einem Aufsatz von Jürgen Brôcan in der NZZ vom 22.7. (L&Poe #87. Zu Viel Originalität):
Der deutschsprachige Leser wird gegenwärtig mit zwei Phänomenen konfrontiert: Einerseits mit der unglaublichen Fülle an Gedichten in Anthologien, im Netz oder auf Poesiefestivals, die es ihm ohne Sachkenntnis und entsprechendes Instrumentarium kaum mehr ermöglicht, Amateure von Profis oder gelungene von misslungenen Texten zu unterscheiden; und mit der oft einseitigen Präferenz der Kritiker für das bemüht Artifizielle andererseits, die letztlich die Freiheit des Gedichts beschneidet und einer nachhaltigen Verbreitung abträglich ist, weil sie «eine Subkultur von Spezialisten» (Gioia) voraussetzt und schafft.
(…)
Es wäre zu überlegen, ob dieses Rezeptionsverhalten, wie behauptet wurde, allein aus der Mentalität des Lesers zu erklären ist, oder ob es nicht auch zu einem beträchtlichen Teil als Reaktion auf eine zunehmende Ratlosigkeit zu verstehen ist. Die Poesie des 20. Jahrhunderts hat mit ungestillter Neugier viele stilistische Möglichkeiten und Wahrnehmungsweisen erschlossen. Sie ist und war das literarische Experimentierfeld. Aber steckt die Poesie nicht, so wie ihre Urheber, in historischen, kulturellen, sozialen Kontexten, herausgefordert von virulenten Themen, sogar noch dort, wo sie sich den Moden verweigert? Ist, was nicht experimentell auftritt, automatisch «konventionell» und somit altmodisch, überholt und darum eine ungenügende Verständnis- und Erkenntnismethode? Die Lyrik heute gleicht jedoch nicht selten einem Laborversuch, dessen Ergebnisse dem Publikum in komplexen Formeln und Geheimcodes präsentiert werden. Unter diesen Voraussetzungen verwundert ihre Marginalisierung kaum.
Die Erfolge von Autoren wie Michael Hamburger, Ranjit Hoskoté oder Les Murray beweisen, dass eine grundsätzliche Lesebereitschaft besteht. Anders als manche deutschsprachige Lyrik machen sie den Leser neugierig und stossen ihn in neue Sichtweisen, aber sie überfordern ihn nicht, weil sie formale Fragen und formale Originalität nicht vor die inhaltliche setzen. Mit Hölderlin möchte man ausrufen: «Ich wünschte um alles nicht, dass es originell wäre. Originalität ist uns ja Neuheit; und mir ist nichts lieber, als was so alt ist, wie die Welt.» Damit soll keinem literarischen Konservatismus das Wort geredet werden; nur darf die sprachliche Sondierung nicht zu Ungunsten der inhaltlichen stattfinden, in den Worten E. M. Ciorans: «Die Dichtung ist bedroht, wenn die Dichter der Sprache ein allzu lebhaftes theoretisches Interesse entgegenbringen und sie zum Thema ständigen Tüftelns machen.» Wo die Inhalte ausgehen, wird das Schreiben über das Schreiben und die Sprache selbst rasch zum einzig wahren Stil erklärt.
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Ein wichtiges Symptom der zeitgenössischen Lyrik war für Dana Gioia, dass die Dichter sich zurückgezogen hätten; sie suchten keinen Kontakt zum Publikum und würden sich gegenseitig beweihräuchern, zudem würden sie ihre Gedichtbücher in vielen Fällen für ihre Reputation und nicht aus künstlerischer Notwendigkeit schreiben (Ähnliches attestierte Gioia auch der Literaturkritik). Natürlich ist die Formel «Zugänglichkeit = hohe Umsatzzahlen» allzu simpel, dennoch ist nicht von der Hand zu weisen, dass die Vernetzung der Dichter und die punktuelle Wahrnehmung weniger literarischer Zentren wie Berlin oder Leipzig zu sich selbst bestätigenden Zirkeln führt, die nicht weltvermittelnd zur Leserschaft, sondern nur noch zu den peers sprechen.
Kritiker und auch Literaturwissenschafter neigen dazu, in den Kategorien «richtungsweisend» und «tonangebend» zu denken, damit bieten sie jedoch dem Leser keine Alternativen und berauben die Dichtung des Nebeneinanders verschiedener Stile. Warum — so liesse sich fragen — tauchen niemals die Namen von Klaus Anders, der in seiner Auseinandersetzung mit der Tradition zu profunden Versen kommt, oder Christian Saalberg und Lothar Klünner auf, die in kreativer Weise mit dem Erbe des Surrealismus spielen? Warum ist es so still um Christine Langer, Jan Kuhlbrodt, Lars Reyer, Ludwig Steinherr oder Ulrich Koch? Was ist mit den Bemühungen von Häusern wie dem alteingesessenen Rimbaud-Verlag oder der anspruchsvollen Edition Rugerup? Oder den kleinen Literaturzeitschriften, die in aller Stille arbeiten und fast nie in den Fokus medialen Interesses rücken?
(…)
Poesie hat Erfolg, wenn — in Dana Gioias Worten — bei Lesungen mehr die Dichtung als das Ego des Dichters gefeiert werde; und wenn der Leser den Eindruck hat, seine Aufmerksamkeit werde belohnt, ob nun mit leichten oder komplexen Gedichten, jedoch solchen, die ihn irgendwo abholen mit dem Versprechen eines wie auch immer gearteten Erkenntnisgewinns. Dazu fehlt derzeit vor allem eine vorurteilsfreie Diskussion und eine mediale Präsentation, die der Vielfalt der Stimmen Rechnung trüge. Denn solange die grösseren Verlage und literarischen Jurys das Wagnis scheuen, die ausgefahrenen Wegspuren zu verlassen, ändert sich nichts an der allseits beklagten Diskrepanz zwischen den Zeichen des Booms und der Empirie der schlechten Verkaufszahlen. Wenn Hölderlin heute lebte, gäbe man ihm eine Chance?
Bella Triste normally comes in, um, magazine-form, but this time each piece got its own special format: poster, pack of cards, door hanger, various booklets, etc. Normally I’m suspicious of potentially gimmicky packaging that could overpower the content, but no worries, Bella Triste is consistently overpoweringly good, and the special edition fits it to a T.
Germany has a great literary magazine culture. Many magazines are subsidized, and therefore affordable, beautifully designed, and willing to take chances on risky writing. Many are unsubsidized, yet still affordable, beautifully designed, and willing to take chances on risky writing. That’s why I thought I’d start a series of posts profiling Germany’s hip, sexy, intellectual, and, yes, stylistically coherent literary magazines.
As you may have guessed, I’ll start with Bella Triste. Just as close to my heart is Edit, which will come next. Between these two alone, you’d have a pretty good survey of the writers your great-grandchildren will know as the creators of “early 21st-century German literature.” / Amanda Demarco, readux.net
Der in Pakistan geborene Dichter und Schwulenaktivist Ifti Nasim (64), der in Chicago an einer Herzattacke starb, wurde einst in seinem Heimatland wegen seiner sexuellen Orientierung verfolgt. Nasim kam 1971 in die USA und wurde als Urdudichter bekannt. Er gründete Sangat, eine Schwulen- und Lesbenorganisation, und half vielen schwulen und lesbischen Pakistani und Indern in die USA auszureisen. / Times of India
Seit 1990 vergibt das Afro-arabische Kulturforum in Assilah (Marokko) in jedem zweiten Jahr einen nach den kongolesischen Dichter Tchicaya U Tam’si (1931 – 1988) benannten Literaturpreis. In diesem Jahr erhielt ihn der marokkanische Autor und Übersetzer Mehdi Akhrif und die senegalesische Autorin Fama Diagne Sene.
Mehdi Akhrif veröffentlichte seit 1979 Lyrik und Prosa und übersetzte u.a. Fernando Pessoa. Fama Diagne Sene, Direktorin der zentralen Universitätsbibliothek in Bambey (Senegal) veröffentlichte Lyrik, Novellen, Kindergeschichten, Romane und Dramen. Sie erhielt 1997 den Grand Prix du Sénégal pour les Lettres und 2003 den Prix de la Poésie in Genf.
Der Preis wurde bisher u.a. an Edward J. Maunick (Insel Mauritius), René Depestre (Haïti), Ahmed Abdel Mo’ti Higazi (Ägypten) und Niyi Osundare (Nigeria) vergeben. Die Jury wird von dem senegalesischen Schriftsteller Alioune Badara Bey geleitet, der auch Präsident des senegalesischen Schriftstellerverbands ist. / El Watan 26.7.
Der Titel der Biennale „A Terrible Beauty is Born“ bezieht sich auf ein Gedicht des irischen Dichters William Butler Yeats.
Mit diesem Gedicht hat Yeats ein wichtiges historisches Ereignis analysiert. Es handelt von der Osterrevolution in Dublin 1916, bei der hunderte Iren für die Unabhängigkeit von der britischen Herrschaft kämpften. Zunächst wusste Yeats nicht, wie er dieses Ereignis beurteilen sollte. Werden die Freiheitskämpfer als Helden in die irische Geschichte eingehen oder sind sie Opfer, die an diesem Tag sinnlos ihr Leben verloren? Sein Gedicht ist eine literarische Analyse eines Ereignisses, das die Gegensätze von Horror und Tragik, Freude und Hoffnung vereint. / monopol
Text des Gedichts
Der Lyriker David Blair aus Detroit ist tot, berichtet The Metro Times. Blair war Gewinner des National Poetry Slam. Sein erster Gedichtband, Moonwalking, erschien im April 2010. Er trat auch mit der örtlichen Band The Boyfriends auf und lehrte Lyrik und Musik an Detroiter Schulen. / mlive
BY TED KOOSER, U.S. POET LAUREATE
It is estimated that one out of five Americans enjoys spending time bird watching, or birding, and here’s a poem for some of those people by Kathleen M. McCann, who lives in Massachusetts. I especially like the way she captures the egret’s stealthy motion in the second stanza.
Lone Egret
Classically stagy, goose-neck
elegant, river’s third eye.
Pencil thin head. S
for a throat. Skeleton of a saint.
Plodder, preening posturer.
One foot,
another.
Up from the dank weeds.
American Life in Poetry is made possible by The Poetry Foundation (www.poetryfoundation.org), publisher of Poetry magazine. It is also supported by the Department of English at the University of Nebraska-Lincoln. Poem copyright ©2010 by Kathleen M. McCann, whose most recent book of poetry is A Roof Gone to Sky, Carpenter Gothic Publishers, Inc., 2010. Reprinted from South Dakota Review, Vol. 48, no. 1, 2010, by permission of Kathleen M. McCann and the publisher. Introduction copyright © 2009 by The Poetry Foundation. The introduction’s author, Ted Kooser, served as United States Poet Laureate Consultant in Poetry to the Library of Congress from 2004-2006. We do not accept unsolicited manuscripts.
Unter der Überschrift „Das Geheimnis des Todes von García Lorca endgültig gelöst?“ bericht L’Express:
Ein spanischer Historiker hat vor kurzem ein Buch veröffentlicht, das die Identität der Mörder des Dichters García Lorca und seine Grabstätte enthüllt. Miguel Caballero schrieb drei Jahre an dem Buch Las trece últimas horas en la vida de García Lorca (Die dreizehn letzten Stunden im Leben García Lorcas), das am 21.6. erschien. Mit Hilfe von Armee- und Polizeiarchiven rekonstruierte er den Tod des Dichters, der am 19.8. 1936 in Viznar erschossen wurde. Er fand die Namen von 6 Personen, die freiwillig oder auf militärischen Befehl hin García Lorca und drei weitere Menschen hinrichteten. In einem Interview mit Rue89 erklärte der Historiker, nur einer dieser Männer habe mit einer gewissen Freude auf den Abzug gedrückt. Es handelt sich um Antonio Benavides, ein entferntes Mitglied der Familie García Lorcas, der von alten Familienstreitigkeiten erfüllt war. Die anderen Männer hätten auf Befehl gehandelt.
Miguel Caballero glaubt auch zu wissen, wo sich das Grab des Dichters tatsächlich befindet. Zwischen den Dörfern Viznar und Alfacar in der Provinz Granada sei er zusammen mit einem Lehrer und zwei Anarchisten begraben worden. 2009 hatte man in der Nähe von Alfacar gegraben, aber nichts gefunden. Der Historiker glaubt, daß man sich im einen halben Kilometer vertan habe.
Das Genter Collegium Vocale begleitet das Geschehen in „Bloed en Rozen“; geradezu in die Choreografie einbezogen ist Björn Schmelzers Antwerpener Vokalensemble Graindelavoix mit ihrer Ars Subtilior in Anne Teresa De Keersmakers „Cesena“.
Die neue Arbeit der Choreografin war zu ungewöhnlicher Stunde zu sehen: In der Morgendämmerung ab 5.30 Uhr, zwischen Tag und Traum, zwischen Ahnen und Sehen. „Cesena“ geht auf eine Geschichte aus der Zeit der Gegenpäpste aus dem Jahre 1377 zurück. Aber der Papstpalast erlebte auch eine Fusion aus Pop, Rock und Poesie: Jean Genets Gedichte präsentierte Jeanne Moreau zusammen mit dem Chansonnier Etienne Daho im Ehrenhof. Mit unnachahmlicher Stimme sprach die Moreau die frühen Gedichte des einstigen Freundes, zu den bitter-süßen Harmonien des Etienne Daho. Eine einstündige Hommage, sprachlich und musikalisch hoch konzentriert. / Eberhard Spreng, Tagesspiegel
Ein offensichtlich optimistischer und energischer Präsident sang und rezitierte ein Gedicht des chilenischen Dichters Pablo Neruda zu Ehren von Simón Bolivar, dem Helden der Unabhängigkeit des Landes. Der venezolanische Präsident Hugo Chávez beging so seine Heimkehr nach einer – nach seinen Worten erfolgreichen – ersten einwöchigen Chemotherapie seiner Krankheit in Kuba. Sein Krebs sei nicht endgültig besiegt – die Ärzte hätten ihn angewiesen, seine Aktivitäten zu beschränken. / Métro Montréal
„National gesinnte“ und/oder rechtsradikale Kreise verbreiten gern und regelmäßig die Geschichte des von „den Polen“ widerrechtlich einbehaltenen (nein „geraubten“, ach ja, damals als polnische Horden in das schutzlose Deutsche Reich einfielen und unsere Nationalheiligtümer raubten!) „Deutschlandlieds“. So erst kürzlich wieder die „Preußische Allgemeine Zeitung“, so hier „deutsche-schutzgebiete.de„:
„1945 wurde, neben anderen wertvollen Kunstgütern, die Original-Handschrift des Deutschlandliedes zum Schutz vor dem Bombenkrieg nach Breslau (Schlesien) ausgelagert. Dort fielen sie den Polen in die Hände und wurden nach Krakau gebracht. Im Widerspruch zur Haager Landkriegsordnung gehört die Original-Handschrift des Deutschlandliedes zu jenen geraubten Kulturgütern, deren Rückgabe Polen bis heute hartnäckig verweigert.“
Am Donnerstag meldete die FAZ, die nicht zu den oben apostrophierten Gruppen gehört, unter der Überschrift „Handschrift des Deutschlandlieds entdeckt“, diese befände sich seit Ende des 2. Weltkriegs in Krakau*. Wo immer sies herhaben. Jeanette Lamble, Sprecherin der Staatsbibliothek Preußischer Kulturbesitz, widerspricht:
Ein grosser Teil des Nachlasses Hoffmann von Fallerslebens, der zu den Beständen der heutigen Staatsbibliothek zu Berlin gehört, sei zwar während des Zweiten Weltkrieges in den Osten des Deutschen Reiches, heute Polen, verlagert worden. Jedoch sei in eben diesem verlagerten Teil das Autograph „Das Lied der Deutschen“ nicht enthalten gewesen. Das Autograph hat Berlin vielmehr nie verlassen, zuletzt wurde es bis zum 19. Juni im Deutschen Historischen Museum der Öffentlichkeit in der Ausstellung „350 Jahre Staatsbibliothek zu Berlin“ präsentiert.
(FAZ 23..7., S. 7)
*) gemeint war mit der Überschrift eine Niederschrift der ersten Strophe durch den Autor in Dithmarschen, die hier und hier etwas reißerisch gemeldet wird.
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