14. Integrativ

Die Bremer Künstlerin Heide Marie Voigt ist zu Gast und hält lyrische Zwiesprache mit Olivia Douglas, Akondoh Ali, Lauma Zwidrina und Salman Nurhak. Gemeinsam tragen sie ausgewählte Gedichte in verschiedenen Sprachen vor, so in tem, französisch, türkisch, kurdisch, lettisch und deutsch. „Ich integriere nicht Ausländer, ich integriere Stadtteile“, sagt Voigt. In ihrem Buch „zwiesprache lyrik“ haucht sie den statistischen Zahlen der 22 Stadtteile Bremens lyrisches Leben ein. / Weser Kurier

(Tem ist eine Sprache in Ostafrika, die in Togo, Ghana, Benin und Burkina Faso gesprochen wird.)

13. United Colors of Bessungen mit Senghor

Der Bassist und Komponist Jürgen Wuchner unterrichtet an der Darmstädter Akademie für Tonkunst und leitet gemeinsam mit Uli Partheil die Jazz & Pop School Darmstadt. Die dort unterrichtenden Musiker bilden den Grundstock der „United Colors of Bessungen“.

Neue Kompositionen entstanden nach Lyrik von Leopold Senghor aus den Zyklen Chants de’l Ombre und Quartiers de Dakar. Ile de Gorée erinnert an eine Insel bei Dakar, die im Sklavenhandel eine Rolle spielte. Vielfältige Taktwechsel (7/4, 5/4, 6/4) dominieren die Form des Stückes Mermoz, einem lyrischen Thema, nach dem französischen Flugpionier und Lyrik-Liebhaber benannt, der 1930 den Direktflug von Saint-Louis im Senegal nach Brasilien wagte. / Rhein Main News

Jazz im Palmengarten: 4. August, 19:30
Frankfurt

12. Mutmaßlich

Unter der (kritischen?) Überschrift

Mutmaßlicher Heidedichter Löns bestattet

gibt der BR ein oder zwei weitere Rätsel auf:

Er wollte unbedingt in den Ersten Weltkrieg ziehen, kurz darauf war der Heidedichter Hermann Löns gefallen. Ein sinnloser Tod? Nicht für die Ideologen, die bereits auf den nächsten Weltkrieg zumarschierten. Am 2. August 1935 bestattete die Reichswehr seine mutmaßliche Leiche.

11. Gereimt

Nochmal Berliner Boulevard, Abt. Geschichte:

„Keine Kohlen im Keller, keine Eier im Sack, das ist euer 20. Jahrestag“, rief Mitte der sechziger Jahre ein West-Berliner, ausgestattet mit einem Megaphon, nach drüben. Protokolliert wurde diese kleine Lyrik durch die Grenztruppen der DDR, wie sie ohnehin alles notierten, was an Feindbewegungen auszumachen war. / Matthias Wulff, Berliner Morgenpost

10. Rainers Wirkung

Nichts habe ich in der Schule mehr gehasst als Gedichte. Richtige Männer können mit Reimen über Blümchen und Bächlein nichts anfangen. Trotzdem kann ich noch heute meinen Rainer Maria Rilke auswendig.

„Lösch mir die Augen aus: ich kann dich sehn, wirf mir die Ohren zu: ich kann dich hören“, flüsterte ich letztens einer schönen Brünetten auf der Tanzfläche ins Ohr. Zuerst gucke sie mich mit dem Hilfe-ein-irrer-Serienmörder-Blick an, zum Ende des Gedichts lächelte sie jedoch. Rainer hat eben diese Wirkung. / Der Erotikreporter (?) Jack Horner erklärt B.Z.-Lesern seinen Rainer

9. Der Stern ist ein Kern

„Der Stern ist ein Kern. Der Kern ist so fern. Ich und du, wir tanzen im Nu.“ Das sind die ersten Verse aus dem Gedicht „Der Stern und der Kern“. Die achtjährige Magdalena hat es geschrieben – und zum Schreibwettbewerb des Friedrich-Bödecker-Kreises gesandt. Lenas Text war einer von 4 700. / Gesine Müller, Mitteldeutsche Zeitung

8. salto wortale

Übrigens: Müsste man der POESIE nicht endlich das DU anbieten? Brigitte Fuchs steht längst mit der Poesie auf Du und Du. Im «Vor- und Nachwort» schreibt sie: «Wir verlangen ja nicht viel vom Wort: Das und kein anderes soll es sein, anfänglich, wahr, gut, groß, geflügelt. Es soll uns auf die Sprünge helfen, wir wollen es ergreifen, halten, führen, erteilen, entziehen. Eines gibt das andere, wir werden jedes unterschreiben und das letzte, noch ehe es gesagt ist, behalten».  / Günter Nawe, Glarean Magazin

Brigitte Fuchs, salto wortale – Sprachliche Kapriolen (Zweite/erweiterte Auflage), mit Wortbildern von Beat Hofer, 192 Seiten, edition 8, ISBN 978-3-85990-110-0


7. Czesław Miłosz singt

Sieben Jahre nach dem Tod des Literaturnobelpreisträgers Czesław Miłosz hat dessen Sohn Anthony
eine CD veröffentlicht, auf der Polens berühmtester Dichter seine eigenen Gedichte musikalisch interpretiert. „Rzęki“ (übersetzt: „Flüsse“) heißt die Aufnahme, die derzeit für Aufsehen unter Polens Kulturliebhabern sorgt. / DLR

6. Gestorben

Jack Kerouac spielte vor ihrem Fenster Bongo und wollte mit ihr ausgehen. Fran Landesman verwandelte ihr Leben in eine Kunstform – auch durch ein überaus öffentlich ausgetragenes außereheliches Sexleben, das sie gern mit der Londoner Boulevardpresse teilte. Aber eine anhaltende Spur hinterließ sie mit den ätzenden, bissigen und sonderbar zarten Texten, in denen sie die Liebenden, Verrückten und Verlierer der Welt dokumentierte.

Petula Clark, Rickie Lee Jones, Bette Midler und Sarah Vaughan sangen ihre Lieder. Als sie Jazzmusiker bat, etwas über T.S. Eliots Zeile „April is the cruelest month” zu machen, entstand  “Spring Can Really Hang You Up the Most.” Sie veröffentlichte auch fünf Gedichtbände. In “Life’s a Bitch” steht die Zeile “First love makes you itch, then it dishes you the dirt.”

Am 23.7. starb sie in London im Alter von 83 Jahren. / DOUGLAS MARTIN, New York Times 1.8.

Her official Web site

Ella Fitzgerald – Spring Can Really Hang You Up the Most – youtube.com
6 Min. – Clap Hands, Here Comes Charlie! (1962)

5. Nicolas-Born-Preis für Peter Waterhouse

Mit dem 15.000 Euro dotierten Nicolas-Born-Preis wird der Autor Peter Waterhouse, der während seiner Schulzeit in Niedersachsen gelebt hat, geehrt.

(Klingt ein bißchen so, als erhielte er ihn dafür)

Sabrina Janesch, Absolventin des Hildesheimer Studiengangs Kreatives Schreiben und Kulturjournalismus, wird mit dem Nicolas-Born-Debütpreis ausgezeichnet. Bereits im Jahr 2010 erhielt ein Hildesheimer Absolvent die Auszeichnung: Leif Randt.

Der Nicolas-Born-Debütpreis fördert neue schriftstellerische Talente mit 10.000 Euro. Mit dem 15.000 Euro dotierten Nicolas-Born-Preis wird der Autor Peter Waterhouse, der während seiner Schulzeit in Niedersachsen gelebt hat, geehrt. Beide Literaturpreise werden auf Empfehlung der Niedersächsischen Literaturkommission vergeben.

Die feierliche Preisverleihung findet mit geladenen Gästen am Freitag, 23. September 2011, um 18:00 Uhr im Literaturhaus Hannover statt.

Informationen über die Ausbildung am Institut für Literarisches Schreiben und Literaturwissenschaft:
http://www.uni-hildesheim.de/index.php?id=856

Weitere Informationen zum Nicolas-Born-Preis:
http://www.mwk.niedersachsen.de/live/live.php?navigation_id=6257&article_id=98012&_psmand=19

/ Stiftung Universität Hildesheim

buecher.at ergänzt:

Die Auszeichnung wird an AutorInnen mit Bezug zu Niedersachsen vergeben: „Peter Waterhouse ist nicht nur ein begnadeter Schriftsteller, sondern auch ein talentierter Übersetzer, der als Gründer der Wolfenbütteler Übersetzergespräche eine wichtige Größe in der niedersächsischen Literaturlandschaft ist“, sagte die Ministerin bei der Bekanntgabe.

Waterhouse erhielt 2008 den Literaturpreis der Stadt Wien und wurde im Jahr 2011 mit dem Ernst-Jandl-Preis ausgezeichnet.

 

4. Überzogen

Das deutsche Urheberrecht erlaubt Zitate; zulässig sind diese jedoch nur mit Kenntlichmachung als Zitat, mit „Zitatzweck“ (das Zitat muss also eigene Ausführungen stützen) und in geringer Länge („Kurzzitat“). Wer also komplette Erhardt-Gedichte oder Gedichtsammlungen publiziert, dem könnte bald das Lachen vergehen. Die Kanzlei veranschlagt für jedes Gedicht 600 Euro – ein Betrag, der nach Ansicht des Rechtsanwalts Andreas Forsthoff für die oft nur wenige Zeilen langen Texte „weit überzogen“ ist. / heise online (508 Kommentare!)

3. American Life in Poetry: Column 332

BY TED KOOSER, U.S. POET LAUREATE

 

I’d guess that nearly everyone is aware that time seems to speed up as we age. Whenever I say that something happened ten years ago, my wife reminds me that it was twenty. Here’s a poem about time by the distinguished Maryland poet, Linda Pastan.

 

Counting Backwards

 

How did I get so old,
I wonder,
contemplating
my 67th birthday.
Dyslexia smiles:
I’m 76 in fact.

 

There are places
where at 60 they start
counting backwards;
in Japan
they start again
from one.

 

But the numbers
hardly matter.
It’s the physics
of acceleration I mind,
the way time speeds up
as if it hasn’t guessed

 

the destination—
where look!
I see my mother
and father bearing a cake,
waiting for me
at the starting line.

 

American Life in Poetry is made possible by The Poetry Foundation (www.poetryfoundation.org), publisher of Poetry magazine. It is also supported by the Department of English at the University of Nebraska-Lincoln. Poem copyright ©2010 by Linda Pastan, whose most recent book of poems is Traveling Light, W.W. Norton, 2011. Poem reprinted from Nimrod International Journal, Awards 32, Vol. 54, no. 1, 2010. Rights granted by Linda Pastan, in care of the Jean V. Naggar Literary Agency. Introduction copyright © 2009 by The Poetry Foundation. The introduction’s author, Ted Kooser, served as United States Poet Laureate Consultant in Poetry to the Library of Congress from 2004-2006. We do not accept unsolicited manuscripts.

2. Boon und Homer

In literature three years is boon, thirty years fame, three hundred years immortality and three thousand years Homer.

Dem Bild nach ein Stammbucheintrag des bengalischen Dichters Gopa Lahiri (?), auf 1963 datiert. Google findet nur einen Dichter Gopal Lahiri, geboren 1963 in Kolkata (Kalkutta), frühreif kann man sein (obwohl die Schrift erwachsener aussieht?). Vielleicht weiß jemand Genaueres?

boon: Anfänger, Noob, Newbie

1. The good, the bad, and the ugly aktueller deutscher Lyrik

Wäre das Subsegment des Literaturbetriebs, das „aktuelle Lyrik“ heißt, eine Live-Musiksendung: Niemand, aber auch wirklich niemand würde sich die anschauen. Mainstream-Gitarrenrockbands, Ensembles für hoch anstrengende Kompositionen der neuen Musik (für drei Rasenmäher und Bratsche), volkstümliche Humptatakapellen und Renaissancechöre würden ohne erkennbares Ordnungsprinzip hintereinander über eine leere Bühne getrieben, und ob die Moderation von Florian Silbereisen oder Alexander Kluge besorgt würde (wobei Thomas Gottschalk, Nina Hagen und Johannes Grenzfurthner genauso in Frage kommen), entschiede sich direkt vor Sendebeginn per Münzwurf.

Case in point: Die Anthologie Skeptische Zärtlichkeit. Junge deutschsprachige Lyrik aus dem Leipziger Literaturverlag, die 2009 in der Reihe neue lyrik erschienen ist. Das Buch ist insofern verdienstvoll, als in jeder Hinsicht genau das drin ist, was draufsteht: Um die „junge deutschsprachige Lyrik“ ist es genau so und nicht anders bestellt, wie die Lektüre der Anthologie es nahelegt (vgl. hiezu die einleitende Wackelmetapher); was bedeutet, dass auch der Titel Skeptische Zärtlichkeit selbst, dieses (durchaus in gekonnter Weise) poetisch aufgeblasene Einbekenntnis von Mutlosigkeit und/oder Unbestimmtheit, passender nicht sein könnte. (…)

Was mir da aufgefallen ist, kann auch was anderes sein als ein gemeinsames Set poetologischer Grundannahmen („Unverstehbarkeit“ hin, „Evokation“ her). Etwa: Der Umstand, dass die Vertreter der verschiedenen, einander „eigentlich“ ausschließenden Schreib- und Denkweisen sich möglichst nicht mit irgendwelchen allzu definitiven Äußerungen auf die Zehen steigen wollen – mutmaßlich, um die gemeinsame Bühne und Arbeitsumgebung „Lyrikbetrieb“ in ihrem gegenwärtigen Zustand selbst möglichst nicht anzutasten. Denn wer weiß, welche Positionen sich am Ende der Bühne verwiesen fänden. (…)

Um zusammenzufassen: Die Anthologie Skeptische Zärtlichkeit lehrt mich vieles über den Zustand der „jungen deutschsprachigen Lyrik“. Dass sie mich durchaus nicht lehrt, warum das alles irgendwer lesen soll, mag sich genauso gut einem Defekt meiner Wahrnehmung verdanken wie einem Defekt dieser Lyrik oder dieses Lyrikbetriebs als ihrem Kontext. Skeptische Zärtlichkeit richtet sich an dasselbe Publikum wie die Jahrbücher der Lyrik und jüngst Lyrik von Jetzt II, und es wird diesem Publikum kraft seiner Begleittextlastigkeit einige Präzisierungen bieten – richtig Neues wohl nicht, aber was wäre das schon? / Stefan Schmitzer, schreibkraft

Ulf Großmann, Axel Helbig (Hg.): Skeptische Zärtlichkeit. Junge deutschsprachige Lyrik.
Leipzig: Leipziger Literaturverlag 2009

125. Welt-Lyrik

3,20 kostet das gute Stück. „die zeiten für poesie, / sie waren nie besser“ dichtet die Welt am Sonntag auf der Titelseite. Von den 5 Seiten Lyrik seien 2 empfohlen, oder ein Teil der 2 Seiten 52/53. Peter Wawerzinek parodiert „seine Kollegen“, will sagen die üblichen Verdächtigen (nehmen wir an, die hat die Welt ausgesucht aus einem Buch, das in 2 Wochen erscheint, alle die sie kennen): Enzensberger, van Hoddis, Brecht, Wedekind, Benn, Grass, Fried, Stramm, Biermann, Rilke, Grünbein, Tellkamp, Pastior und Schneider (Peter + Helge). Die Parodien sind mäßig witzig, Probe Oskar Pastior:

Kaderwelsch

Dichter fressen Dichter auf
Das ist der Dichtung Lauf
Er sie es wir ihr sie ich
Jeder sucht ein Opfer sich
Und ist der Magen voll
Ist es der Dichter froh
Und rennt damit zum Klo.

Sonst noch ein Gespräch mit Jan Wagner, das die Redaktion oder die Welt-Autoren ruhig vorher hätten lesen sollen, weil er genau die Vorurteile aufs Korn nimmt, die die im wesentlichen bedienen (gilt auch für die Mehrzahl von Wawerzineks Texten).

Sonst:

Despoten greifen zur Feder: Mao, Stalin, Gaddafi – sie alle hielten sich für Poeten. Über den Zusammenhang von Versmaß und Macht (Thomas Schmid) hier

Warum Songtexte die bessere Lyrik sind – und wie Robbie Williams seine Lieder schreibt: Ein Popkritiker und ein Popstar geben Auskunft (Eric Pfeil) hier