Gewohnt pointiert brachte der Lyrik-Experte Bernd Leistner einmal seine Haltung zur Poesie auf den Punkt: „Er sei in Sachen Dichtung wie ein Eunuch; er könne es beschreiben, aber nicht machen.“ Nun legte er doch einen Band mit seinen Gedichten vor. FIGARO sendet den Mitschnitt einer Lesung in Chemnitz, wo Bernd Leistner bis zu seiner Emeritierung als Germanistik-Professor wirkte. / mdr figaro
Bernd Leistner: In aller Form
Altväterische Gedichte und Sprüche
105 Seiten, VAT Verlag André Thiele, Preis: 14,90 EUR,
ISBN-10: 3940884499
ISBN-13: 978-3940884497
Edition Neue Klassik, Nr. 5
Bernd Leistner: In Sachen Peter Hacks
Studien und Kritiken aus zwei Jahrzehnten
Mainz: VAT Verlag André Thiele 2010
112 Seiten, Taschenbuch, Preis: 14,90 EUR, ISBN 978-3-940884-39-8
[Aber 80 ist nur die Nummer der Meldung, verflixt!]
Neben einer Essay-Sammlung arbeitet der Jubilar in diesen Tagen an einem Gedichtsband, der voraussichtlich 2013 veröffentlicht wird. Auch für die USA ist ein Lyrikband geplant, der im Augenblick übersetzt wird. Zudem erscheint in den nächsten Wochen ein Lyrik-Band Olivers in arabischer Sprache in Abu Dhabi. / Die Stadt Hausach gratuliert dem Schriftsteller José F.A. Oliver zum 50. Geburtstag, und wir schließen uns an!
Unter weiteren national gesinnten Freiheitsdichtern lässt sich auch Heinrich Heine vernehmen, der, so der Referent, allerdings nicht im „Mainstream“ mitschwimmt, sondern das Thema in gewohnt lockerer Weise anpackt. Theatralisch wird es bei Emanuel Geibel und Felix Dahn, dessen Nibelungen-Vereinnahmung, so Grimm, „wie eine Vorschau auf Stalingrad“ wirkt. 1870/71 wird Siegfried nicht nur mit dem Reich, sondern auch mit Bismarck gleichgesetzt. Andere Töne schlägt Georg Herwegh 1877 an, der sich über die Einheit nach dem Sieg über Frankreich nicht freuen kann, weil sie nicht aus der Freiheit erwachsen ist.
Zwar nutzt die Mehrheit der Autoren zu Anfang des 20. Jahrhunderts das Nibelungenlied zur nationalen Identitätsstiftung, aber es gibt auch einige andere Beispiele, die das Thema kritisch oder aber mit Humor betrachten, wie Walter Mehring in seinem satirischen Gedicht „Haithabu“ und Eugen Roth. / Ulrike Schäfer, Wormser Zeitung
Ein Formerfinder trifft auf einen Allegorienschöpfer. Als gegenseitig befruchtender Dialog zwischen bildender und lyrischer Kunst sollte man das neue Künstlerbuch »Prægnarien« verstehen. Hieß es früher „Wer nicht hören will, muss fühlen.“, könnte man jetzt einfach behaupten „Wer nicht fühlend sehen will, muss lesen.“ …
Weigoni veranstaltet in diesen »Prægnarien« ein furioses Stimmenkonzert aus Reimen und Kalauern, den Tücken der deutschen Grammatik und ihren Wortzusammensetzungen. Es gibt in diesen Gedichten Buchstaben als etwas Hörbares und Buchstaben als etwas Sichtbares. In der künstlerischen Auseinandersetzung treffen sich Weigoni und Haimo Hieronymus regelmäßig an der Grenzlinie, dort, wo Schrift in Zeichnung übergeht und dort, wo der Zeichenstift in die Notate übergeht. / Matthias Hagedorn, jetzt.de
Düsseldorf. Lyrik kann anstrengen, das weiß Rolf Hucke. Zehn Minuten, dann ist die Aufmerksamkeit der meisten Zuhörer erschöpft. / nicht WAZ, sondern WZ
Neu im Lyrikwiki Labor:
Einen interessanten Fall stellen die Elegies de Bierville von Carles Riba dar. Hierzulande sind sie kaum bekannt, im katalanischsprachigen Raum gelten sie als eines der Hauptwerke des 20. Jahrhunderts. Geschrieben 1939 bis 1942 während des Exils in der französischen Provinz (Gut Bierville bei Boissy-La-Rivière, 60 km südlich von Paris), entsprechen sie auf den ersten Blick der Schillerschen Definition: Klage über Verlust. Sie sind aber zugleich eine geistige Auseinandersetzung mit den Prämissen abendländischer Kultur, Reflexionen über Identität und Gemeinschaft, über Wandel und Dauer sowie – für den Dichter in diesem Ausmaß damals neu – über die Existenz eines Gottes im christlichen Sinn, alles vor dem Hintergrund eines mythisch-idealen Griechenlands bzw. Mittelmeers [nicht umsonst war Riba der ›Entdecker‹ Hölderlins in den 20er Jahren mit nachhaltiger Wirkung: Heute ist Hölderlin zumindest in literarischen Kreisen auch auf der iberischen Halbinsel eine Ikone, zuvor kannte man ihn dort so gut wie gar nicht].
Auch formal sind die Elegies interessant: Riba überträgt das elegische Distichon ins Katalanische und verweist im Nachwort als Beispiel für die Adaption dieser antiken Form auf Goethes Römische Elegien. Letztlich übernimmt er also den Opitzschen Grundsatz »antike Länge –> Betonung«, wendet also (anders als etwa Carducci im Italienischen) in einem überwiegend silbenzählenden metrischen Umfeld eine nach dem regulierten Abwechseln von Hebungen und Senkungen organisierte Struktur an. Er wählt mit dem elegischen Distichon darüber hinaus ein vergleichsweise komplexes Muster, das andererseits durch die im Spondeus verankerten Möglichkeit, drei- und zweisilbige Einheiten abzuwechseln, den prosodischen Gegebenheiten romanischer Sprachen sicherlich eher entgegenkommt als etwa der ›einfachere‹ Blankvers. Antiker Form sich nähernd, allerdings via Deutschland.
So knüpft Riba an die Tradition der – ihm sehr vertrauten – Antike an (er hatte selber zahlreiche griechische Klassiker ins Katalanische übertragen) und stellt im selben Atemzug die Verbindung zur deutschen Klassik her (die ihm ebenfalls nah ist, s.o.). Durch die Einführung der »deutschen« Distichen erweitert er die Möglichkeiten der poetischen Ausdrucksweise im Katalanischen (und letztlich der Romania) und schafft im eigenen Werk eine kohärente Synthese von »humanistischer« Form und humanistischem Gedankengut.
Hier die ersten vier Zeilen aus der zehnten, der wohl berühmtesten:
X
He somiat amb Orfeu a la porta oberta de l’Ombra.
Una absència d’espill ha devorat els meus ulls
ebris encar de mirar-se en el maig turbulent de les coses,
plens d’abocar sobre el cel tantes aurores del cor.
[…]
|He so|miat amb Or|feu a la |porta_o|berta de| l’Ombra.
|Una_ab|sència d’es|pill ||ha devo|rat els meus |ulls
|ebris en|car de mi|rar-se_en el |maig turbu|lent de les |coses,
|plens d’abo|car sobre_el |cel ||tantes au|rores del |cor.
<Synaloephen durch Unterstrich angezeigt
Ich habe von Orpheus geträumt an der offenen Pforte des Schattens,
und Spiegellosigkeit hat ganz meine Augen verzehrt,
die trunken noch war’n, sich im wirbelnden Mai der Dinge zu schauen,
und, überlaufend, in den Himmel gossen so viel Herzmorgenrot.
(Beitrag von Àxel Sanjosé)
Neben den Reden tauchen in den Essays bekannte und fast vergessene Namen auf: Oskar Pastior oder M. Blecher, Roland Kirsch oder Theodor Kramer und nicht zuletzt Emil Cioran. In zwei Texten äußert sich Herta Müller zu ihrem Freund Oskar Pastior, in einem ausführlichen Essay über seine Gedichte, in dem sie von seiner ungewohnten Gewöhnlichkeit spricht. In Rumänien, im Land der Improvisationen, die das Gewöhnliche übertrafen, seien seine Gedichte aus der Notgedrungenheit dieser Improvisation entstanden. In Herta Müllers Interpretation wurden seine Gedichte zum Gebrauchsgegenstand, die sie auf ihre Not zugeschnitten habe. Wie sie zeigt, indem sie den Assoziationen nachhorcht – „Schpektrum“ etwa wird zur „Perspektive“ –, gibt es nicht nur eine politische, sondern auch eine existenzielle Lesart seiner Gedichte. So mutiert das Gedicht „Minze Minze flaumiran Schpektrum“ zu einer Beschwörungsformel. …
In ihren Essays lässt Herta Müller ihre ars poetica aufleuchten, das anfängliche Misstrauen gegenüber der Sprache ist stets nötig, um aus den Wörtern das herauszulocken, was ansonsten verborgen geblieben wäre, um auszuloten, „was die Wörter vorher nicht wussten“. Und das macht die Poetik Herta Müllers aus und letztendlich die Poesie ihrer Texte. / Edith Ottschofski, Siebenbürgische Zeitung
Herta Müller: „Immer derselbe Schnee und immer derselbe Onkel“, Carl Hanser Verlag, München 2011, 256 Seiten, geb., Preis: 19,90 Euro, ISBN 978-3-446-23564-9.
BY TED KOOSER, U.S. POET LAUREATE
Humans first prized horses for their strength and speed, but we have since been captivated by their beauty, their deep eyes and mysterious silences. Here’s a poem by Robert Wrigley, who lives in Idaho, where the oldest fossilized remains of the modern horse were found.
After a Rainstorm
Because I have come to the fence at night,
the horses arrive also from their ancient stable.
They let me stroke their long faces, and I note
in the light of the now-merging moon
how they, a Morgan and a Quarter, have been
by shake-guttered raindrops
spotted around their rumps and thus made
Appaloosas, the ancestral horses of this place.
Maybe because it is night, they are nervous,
or maybe because they too sense
what they have become, they seem
to be waiting for me to say something
to whatever ancient spirits might still abide here,
that they might awaken from this strange dream,
in which there are fences and stables and a man
who doesn’t know a single word they understand.
American Life in Poetry is made possible by The Poetry Foundation (www.poetryfoundation.org), publisher of Poetry magazine. It is also supported by the Department of English at the University of Nebraska-Lincoln. Poem copyright ©2010 by Robert Wrigley from his most recent book of poetry, Beautiful Country, Penguin Books, 2010. Introduction copyright © 2009 by The Poetry Foundation. The introduction’s author, Ted Kooser, served as United States Poet Laureate Consultant in Poetry to the Library of Congress from 2004-2006. We do not accept unsolicited manuscripts.
Die 20jährige Dichterin Ayat al-Gormezi (Ajat al-Kurmisi), die wegen eines Gedichts in Bahrain inhaftiert war, sagt aus, sie sei im Gefängnis von einer Frau aus der königlichen Familie gefoltert worden. Sie sei mehrmals zu einer Frau von etwa 40 Jahren gebracht worden, die sie mit einem Schlagstock auf den Kopf schlug. Sie sagte zu ihr: „Du solltest auf die al-Khalifas (die Herrscherfamilie) stolz sein. Sie werden das Land nicht verlassen. Es ist ihr Land.“
Die Wärter sagten ihr, das sei nicht ihr eigentlicher Job, sie habe sich freiwillig zu den Verhören gemeldet.
Frau Kurmisi wurde am 12.6. zu einem Jahr Gefängnis verurteilt, aber vergangene Woche freigelassen unter der Bedingung, daß sie nicht an weiteren Protesten teilnehme. / Patrick Cockburn, The Independent
Die Poesie als weltverändernde, revolutionäre Kraft: Dieses Ziel verfolgen 37 poetische Vereinigungen, die in der Vorwoche auf dem 21. Poesiefestival im kolumbianischen Medellin das Manifest „World Poetry Movement“ unterzeichnet haben. Aus Österreich mit von der Partie: Die Wiener Schule der Dichtung von Ide Hintze. „Es geht nicht um Bürokratie und Statuten, sondern um eine Bewegung“, unterstreicht der Lyriker im APA-Gespräch. / Der Standard
Aus Deutschland dabei: Thomas Wohlfahrt, director of Literaturwerkstatt Berlin (Germany); Regina Dyck, director of Poetry on the Road (Bremen, Germany)
aus Humorkritik, „Hans Mentz Rubinowitz“, Titanic-Magazin:
Im Vorwort erklärt der Hamburger Theater- und TV-Schauspieler Bjarne Mädel das Zustandekommen seines Erst- und Versbuchs »Glück reimt sich nicht auf Leben. / Na ja, so ist das eben«, und so war das: Mitarbeiter des KiWi-Verlags sahen ihn in einer Talkshow, erfreuten sich am Witz und Feuer seiner Rede, fragten ihn, ob er nicht ein Manuskript auf Lager habe, und Mädel hatte. Nichts Großes, aber ein paar Dutzend Reime immerhin, die der Heinz-Erhardt-Leser über die Jahre gesammelt hatte, seit einem einst in Thailand notierten Erst- und Versversuch »Is ja kindisch, ich sitz in Thailand und eß indisch«. Über hundert großzügig illustrierte Zwei- bis Achtzeiler füllen das laut Verlag »brüllend komische« Buch, und längst nicht alle sind ein bißchen komischer als z.B. »MEISTER: Ich glaub, der blaue Wal / hat wohl das größte Genital« oder »ROMANTIK: Sitzt man so allein am Meer, / wird das Herz schon ganz schön schwer.« So dient das Buch dem Autor nicht, dem Leser nicht und KiWi hoffentlich zur Einsicht, daß nicht jeder halbprominente Heinz schon einen ganzen Erhardt macht.
„Ebenfalls seit Bestehen der Titanic findet man in jeder Ausgabe die Humorkritik, die von verschiedenen Autoren verfasst wird, aber unter dem Sammelpseudonym Hans Mentz und einem verfremdeten Foto von Theodor W. Adorno erscheint. Die Rubrik wird seit 1995 von Oliver Maria Schmitt betreut.“ (Wiki)
Buchpreis-Verlosung bis 30.07.2011
Beantworten Sie folgende Frage:
Dieses Gewinnspiel ist mit einer Umfrage in Sachen Poetryletter verbunden. Im Archiv auf FIXPOETRY finden Sie alle 2011 erschienenen Bilder von einem Gedicht. Eine Auswahl von zehn Ausgaben im Druckformat verlosen wir an alle, die unsere Umfrage unterstützen. Schreiben Sie uns einfach die laufende Nummer der Ausgabe und den Grund Ihrer Wahl. Steht das Gedicht im Vordergrund, die Illustration oder beides. Beispiel: Poetryletter #000, Gedicht oder Bild oder beides.
Welcher im Jahre 2011 erschienener Poetryletter ist Ihr Favorit und warum ?
Seit seiner Gründung versammelt das Germanys next Bundeskabinett kreative Kopfarbeiter um sich und versucht, bisweilen unter Zuhilfenahme überlieferter und überschätzter Utopien, einen neuen Blick auf das politische, gesellschaftliche und kulturelle Geschehen zu werfen. (Dort kann man auch Minister werden, ohne sich verraten zu müssen). Hier ein etwas anderes Porträt der Autorin und Künstlerin Angelika Janz, die so beginnt:
Ihr Lächeln in unbeobachteten Augenblicken gehört zu einer Parallelwelt, einer versunkenen Kinderwelt. Es ist die Belohnung für alle, die sie nicht angreifen und kommt unvermittelt an bei jedem, der sich ihr unverstellt zuwendet. Wer dieses Lächeln wahrnimmt, schämt sich ein bisschen wie jemand, der etwas gesehen hat, das er nicht sehen darf. Bei einem offiziellen Lächeln dagegen verlagert sich das Wangenfett, schiebt sich nach oben. Die Welt gehört diesem Gesicht und das Gesicht der Welt. Manchmal gehört dieses Gesicht einem Kind, das sich in einem großen steinernen Haus verlaufen hat. Ein verlorenes Gesicht mit schmerzlichen Strukturen. Es gibt derzeit 688.000 Versionen davon im Netz, von Marilyn Monroe gibt es vier mal so viele.
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