An die Lyrikerin Maria Luise Weissmann (1899–1929) erinnert ein aktueller Eintrag im Autorenlexikon des Literaturblogs Bayern.
Weg im Nebel
Nun wird die Spur der Füße langsam ungetan,
Und aus der Tiefe, aus der tiefen Tiefe steigt
Das Trübe, schwadengrauer Nebel himmelan.
Nun wird der Augen-Aufblick langsam leer,
Und aus der Höhe, aus der hohen Höhe neigt
Die Wolke sich, sinkt Nebel erdwärts schwer.
Nun drängt zu dem verwandten Un-Gesicht
Das Wesenlose aus den fahlen Gründen
Und hebt sich sehnend ins versäumte Licht.
Nun flieht, was war: es fliehen Busch und Baum,
Flieh’n Berg und Tal, die sich zur Flucht verbünden,
Es fliehst du, Herz. Es floh’n die Zeit, der Raum.
Land wurde Meer. Meer wurde schwälend Schaum.
Ihn schlürft, sich fröstelnd zu entzünden,
Das ungelebte Leben und der ungeträumte Traum.
(zitiert nach http://www.wortblume.de/dichterinnen/)
Um das „Alleinsein der Sterbenden“ ging es dem polnischen Dichter, als er 1943 in Warschau sein Gedicht „Campo de Fiori“ schrieb. Um Menschen, denen an der Schwelle zum Tod die Sprache fremd geworden ist. Milosz verknüpft darin die Geschehnisse im Warschauer Ghetto mit dem Schicksal des Philosophen Giordano Bruno, der im Jahr 1600 an der Schwelle zur Neuzeit als letzter großer Denker auf dem Scheiterhaufen verbrannt wurde – auf dem Campo de Fiori in Rom. Rom und Warschau sind dem Dichter gleichermaßen Orte, an denen banales Alltagsleben und das Unfassbare nebeneinander stattfindet, und an denen Sprache versagt. / Märkische Oderzeitung
Die Deutsche Presse-Agentur hat Kurator Politycki mit den Worten zitiert, er spreche sich für eine „neue Unlesbarkeit“ der deutschen Gegenwartsliteratur aus, die nicht jeden „Tausendsassa, die jetzt auch noch ein Buch schreibt“ im Club der Schriftsteller willkommen heißt. / fabmuc.de
Autoren antworten, darunter Andreas Heidtmann:
Es mag sein, dass Erzählungen und Romane, vor allem Debüts, immer wieder eine gewisse Vergleichbarkeit aufweisen, es wird zuweilen wenig erlebt und das wenig Erlebte schlicht beschrieben. Aber die Literaturlandschaft ist viel zu differenziert, als dass man ihr mit allgemeinen Etiketten beikommen könnte. Wir haben, etwa auch in der Lyrik, viele Autoren, die sich gerade von der Alltagslesbarkeit abwenden und mit großer Kenntnis und Intuition mit der Sprache arbeiten, so dass wir alles andere als eine auf Lesbarkeit abzielende Dichtung haben.
oder Alexander Gumz.
Andere sehen die Sache anders, so naturgemäß Hundertsassa Anton G. Leitner, der sich selbst zitiert und von Politycki enttäuscht ist:
Wenn ich mich recht erinnere, haben wir fürs Literaturfest München Lyriker ausgesucht, die eher „lesbare Texte“ produzieren und deshalb beim Vortrag ein Publikum begeistern können. Hat inzwischen ein Paradigmenwechsel stattgefunden?
Wenn ich mich recht erinnere, gibt es in München eine fabelhafte Lyrikbibliothek, auf die Berlin neidisch sein kann.
Der Lyriker, Kritiker und Kunsthistoriker ist indes zunächst vor allem als Bandleader der Plastic People of the Universe berühmt geworden. Er unterzeichnete die Charta 77. Aus politischen Gründen wurde er in den 1970er und 1980er Jahren fünfmal verurteilt und verbrachte insgesamt achteinhalb Jahre im Gefängnis. Nach der Samtenen Revolution wurde Jirous Mitglied des PEN-Klubs. Der Dichter engagierte sich auch weiterhin politisch. Er setzte sich beispielsweise für die Errichtung einer US-amerikanischen Raketenabwehr-Radaranlage in Mittelböhmen ein.
Ivan Martin Jirous, auch bekannt unter seinem Pseudonym Magor (* 23. September 1944 in Humpolec, Protektorat Böhmen und Mähren; † 10. November 2011 in Prag) war ein tschechischer Lyriker, Kritiker und Kunsthistoriker. Er war eine der zentralen Figuren des tschechischen Underground.
Er war der Initiator der Musikgruppe Plastic People of the Universe, deren Verbot durch das Regime einer der Anlässe für die Charta 77 war.
Ivan Martin Jirous (September 23, 1944[1] – November 10, 2011[2]) was a Czech poet, best known for being the artistic director of the Czech psychedelic rock group The Plastic People of the Universe and later one of organizers of Czech underground during the communist regime. He is also known more frequently as Magor, which can be roughly translated as „loony“ or „blockhead“ and is supposedly derived from „phantasmagoria“, author of this nickname is „experimental“ poet Eugen Brikcius.[1] His wife, Věra Jirousová, wrote a good number of the Plastics‘ early lyrics.
Trained as an art historian but unable to work as such under the Communist regime in then Czechoslovakia, Magor/Jirous was a member of the dissident subculture there. His particular contribution to Czech dissidence was his work on the concept of the „Parallel Polis,“ or „Second Culture.“ Magor believed that simply expressing oneself through art could ultimately undermine the totalitarian system.
He was friends with Václav Havel, and is mentioned several times in Havel’s Letters to Olga.
References
External links
The Prague Post Blogs / Ivan Jirous: Madman From the Underground, Prague Post /
Heute neu in poetenladen.de vier Gedichte von Frauke Tomczak, eines davon mit dem Titel »Pan« .
Die in Gedichtform gegossenen Sedativa von befindlichkeitsfixierten Momentaufnahmen werden wohl niemanden aus der Siesta reißen. …
Obwohl Hummelts Texte vor allem die gediegene Ruhe von »pans stunde« wieder in die Lyrik bringen wollen, erahnt man noch den Versuch, Unruhe zu stiften, Widerspruch, Panik. Die Kontraste sind jedoch nur spärlich eingesät. Der Band dümpelt vor sich hin, mittagsfaul und bewegungsunfähig. Welche Dimension Hummelts Gedichte auch hätten bekommen können, welches politische Potential in ihnen vielleicht sogar stecken könnte – es wird verdrängt von klebrigem Pathos und stilisiertem Kitsch. / Kristoffer Cornils, junge Welt 7.11.
Norbert Hummelt: pans stunde. Gedichte. Luchterhand, München 2011, 96 S., 16,99 Euro.
„Was ist das eigentlich, was Du schreibst?“ haben wir Wolfram Lotz gefragt, nachdem wir seinen Text das erste Mal gelesen hatten. Es ist in einem Zwischenbereich von Lyrik und Prosa angesiedelt und trägt jetzt den UntertitelListe, der am treffendsten beschreibt, was der Wahl-Leipziger macht. Eine Liste der Dinge, Worte, Bilder, die irgendwie scheinbar nutzlos wie Fusseln an der Gegenwart haften. / Parasitenpresse
In der griechischen Literatur der 1950er-Jahre war es fast ein Verbrechen, über Bäume zu reden oder Liebesromane zu schreiben. Beides war bei der Kritik verpönt. Es gab aber eine kleine, engagierte Leserschaft, die eifrig alles las, was die Verlage publizierten, vor allem Lyrik. Bis in die 1970er-Jahre erlebte sie ihre Blütezeit. Auch diejenigen, die sie nicht lasen, konnten sie anhören, nicht vorgetragen, sondern vertont von Komponisten wie Mikis Theodorakis oder Stavros Xarchakos. Die Gedichte der Nobelpreisträger Jorgos Seferis und Odysseas Elytis, die von Jiannis Ritsos und Nikos Gatsos wurden überall gesungen. Vielleicht, weil die Bäume fehlten. Es es gab fast keine mehr nach dem Bürgerkrieg. Die meisten waren niedergebrannt worden, was übrig blieb, wurde als Brennholz verwendet. …
Griechenland war nach dem Bürgerkrieg ein armes Land mit einem hohen kulturellen Niveau. Es waren nicht nur die großen Namen der griechischen Literatur – darunter Nikos Kazantzakis, Andreas Frangias und Jiannis Maris -, auch Theaterleute wie Karolos Koun, Filmemacher wie Theo Angelopoulos und Maler wie Alekos Fassianos und Jiannis Tsarouchis gehörten zur Elite. Griechenland war ein armes Land, das aber „die Kultur der Armut“ sehr gut beherrschte. / Petros Markaris, Die Presse
Die literarischen Undergroundstars dieser Republik lassen sich an einer Hand abzählen: Da gab’s den fesselnden Storyteller Jörg Fauser, den rücksichtslosen Rolf Dieter Brinkmann, den zum Islam konvertierten Kommune-1-Bewohner Hadayatullah Hübsch, den Bukowski-Übersetzer Carl Weißner und den Rockpoeten Wolf Wondratschek. Dann ist da noch der 1935 geborene Jürgen Ploog; im Berufsleben war er 33 Jahre Linienpilot der Lufthansa, literarisch ambitioniert und von dandyhafter Erscheinung.
Befeuert von und befreundet mit William S. Burroughs, der amerikanischen Beat-Generation-Legende, experimentiert Ploog ebenso wie sein berühmter Kollege mit der Cut-up-Technik; dabei werden Textfragmente über Zufall- oder andere Prinzipien mehr oder weniger rücksichtslos zusammengestellt, so dass sie als ein geschlossener Text erscheinen. Nicht selten zerfällt dieser vermeintlich geschlossene Text beim Lesen wieder in seine Einzelteile. Im „Kino der Wahrnehmung“ vermischen sich ständig Erinnerungen, Erlebnisse, Träume, Phantasien. / Arne Rautenberg, Saarbrücker Zeitung 5.11.
Jürgen Ploog: Unterwegssein ist alles. Tagebuch Berlin-New York, SIC-Literaturverlag, 152 S., 19 €
Und was ist dann ein Gedicht, wenn es keine Lautdichtung gibt? Ist die Lautdichtung von der Zeit abgestempelt? Wer bestimmt die Zeit? Die Armeen der tüchtig schreibenden konventionellen Lyriker?
Valeri Scherstjanoi: Mein Futurismus. Mit einem Nachwort von Michael Lentz. Berlin: Matthes & Seitz 2011, S. 150f.
Die Lautpoesie ist die einzige Alternative zur visuellen Poesie.
Und umgekehrt.
Ebd. S. 144.
Der spanische Dichter Tomás Segovia, der 1940 nach Mexiko auswanderte, starb am Montag im Alter von 84 Jahren an Krebs. Der Freund des Dichters und Poeten Octavio Paz war eine bedeutende Figur im Kulturleben Mexikos. Zu seinen bekanntesten Werken zählen La luz (1950), Apariciones (1957), Cuaderno del nómada (1978), Cantata a solas (1985), Lapso (1986), Noticia natural (1992), Fiel imagen (1996) und Sonetos votivos (2007). / Europe1.fr avec AFP
Der gebürtige Kärntner, der in Innsbruck lebt, beschreibt sein eigenes Schreiben als Schabearbeit: Wie ein Bildhauer klopft er Verse aus der Sprachmasse. …
Nach „die mobilität des wassers müsste man mieten können“ (2001) und „fontanalia.fragmente“ (2003) folgt – nach einem Zwischenspiel mit zwei Romanen – nun „mein lieben mein hassen mein mittendrin du“. Christoph W. Bauer schickt in 37 Gedichten eine Liebe in all ihre Stationen vom Ver- über das Entlieben bis zu „so circa fünf frauen nach dir“.
Und er hat sich dafür meisterhaft eine Folie zu Eigen gemacht: Basis, Inspiration und die Fäden, die weitergesponnen werden liefern die Gedichte des Dichters Catull (ca. 85-55 v. Chr.), das Nachwort lieferte denn auch der Universitätsprofessor und Altphilologe Niklas Holzberg.
Der Bezug auf Catull ist schon am Titel zu erkennen: Odi et amo/Ich hasse und ich liebe heißt es in dessen Gedicht Nr. 85. Nur, dass der antike Poet sich nun auf ein Rockkonzert verirrt hat: Das Ich begegnet dem Du bei einem Konzert „Toten Hosen“ (siehe Leseprobe). / MARIANNE FISCHER, Kleine Zeitung
Eine Inspirationsquelle für Achleitner ist das Schnadahüpfel oder Gstanzl. Seine normierte Form lädt zum Spielen ein. Bekanntlich hat Artmann, offenbar von solchen Formexperimenten fasziniert, Edward Lears Limmericks [auf Limerick reimt sic, MG] übersetzt. Im Schnadahüpfel und im Gstanzl treffen, wie im Limmerick, anarchische und regulative Elemente auf einander. Sie öffnen sich dem Nonsens, der ja als solcher nur empfunden wird, weil er unseren Erfahrungen widerspricht, und werden – durch ihre Form und durch die gesungene Melodie – zum Ritual. Hinzu kommt die Vorliebe der Gattung fürs Fäkalische. Bei Achleitner klingt das so: „jo, jo dö braissn / dö frössn und schaissn / dö boan kinnans aa / owa aonö draraa“.
Den Band, der Arbeiten seit 1955 vereint, schließt eine „innviaddla liddanai“ ab, die über 55 Seiten hinweg dem Muster einer Gstanzl-Variante folgt, in der jeder zweite Vers „sagt er“ (bei Achleitner: „sogd a“) lautet. Eine Kostprobe: „mid dö schuach / sogd a / kaosd guad lauffm / sogd a / owa zeaschd / sogd a / muas das kauffm / sogd a“.
Man sieht: Avantgarde kann höchst amüsant sein. Kinder sind mit ihren Abzählreimen ganz nah dran an diesem spielerischen Umgang mit Sprache, ehe er ihnen zugunsten eines scheinbaren Tiefsinns ausgetrieben wird. Sie könnten zur Erkenntnis gelangen, dass Achleitners gesammelte Dialektgedichte zu den wichtigsten heimischen Neuerscheinungen des Jahres gehören. / Thomas Rothschild, Die Presse 5.11.
Friedrich Achleitners Band „Iwahaubbd“ versammelt Achleitners Dialektpoeme seit 1955.
Die indische Zeitung Deccan Chronicle sprach mit dem Malayalam-Dichter K. Satchidanandan, der Anfang Oktober in britischen Wettbüros als Anwärter auf den Literaturnobelpreis gehandelt wurde:
Sie gehörten zu denen, die die Moderne in der Malayalamlyrik ausriefen. Wie sehen Sie das heute?
Ihc habe immer noch das Gefühl, daß die 60er Jahre eine Zeit der Erneuerung waren, in der Lyrik wie in allen anderen Künsten. Es herrschte eine ungewöhnliche Brüderlichkeit zwischen den Künstlern, die alle auf der Suche nach etwas waren, dessen sie sich nicht sicher waren – einer Sprache der mondernen Erfahrung.
Selbst die progressiven Autoren hatten damals keine moderne Sprache. Sie waren progressive Romantiker, als andernorts Dichter wie Neruda eine völlig andere Sprache führten.
Woran liegt es Ihrer Meinung nach, daß die Moderne heute auf dem Rückzug ist?
Vielleicht der Einfluß des Marktes, karrieristisches Kalkül der Dichter.
Wie bewerten Sie die 70er Jahre als Zeit politischer Turbulenzen, als nach allgemeiner Ansicht die Malayalamlyrik eine Hochzeit hatte?
Lyrik und Revolution waren eins. Einige der modernen Autoren wurden politisiert. Wenn ich unfreundlich bin, kann ich sagen, die Brüderlichkeit war auf dem Rückzug.
Und heute?
Die absolute Zerrissenheit gibt es nicht mehr. Der Konkurrenzdruck unter den Dichtern verhindert jeden sinnvollen Diskurs. Die Dichter sehen mehr nach innen, sind subtiler geworden und nicht mehr so laut.
Neueste Kommentare