Ulf Annel
Beobachter am Strand
für Eugen Gomringer
Große Leute, kleine Leute,
dicke Leute, dünne Leute
und dazwischen ein paar Bräute.
Schmale Frauen, breite Frauen,
Stangenfrauen, Kugelfrauen.
Höchste Zeit, hier abzuhauen!
Nein, er bleibt am Strand. Natürlich
ändert sich der Blick figürlich.
Schönheit ist oft singulär.
Er kommt täglich wieder her.
Weiße Segel, rote Segel,
spitze Segel, runde Segel.
Er ist ja kein Spannerflegel.
Es gibt noch viel mehr zu schaun.
Doch am schönsten sind die Frau'n.
Aus: Poesiealbum 375. Ulf Annel. Auswahl Matthias Biskupek† und Siegfried Nucke. Wilhelmshorst: Märkischer Verlag, 2023, S. 8.
Eins von Keith Waldrop wollte ich noch.
Herr Stimmung über Transparenz
Für Menschen eines bestimmten Temperamentes gibt es nichts Schlimmeres, als die Vorstellung, es gäbe etwas Verstecktes, Geheimes, ihnen Vorenthaltenes. Besonders wenn sie vermuten, dass jemand anderer davon weiß und es vielleicht sogar heimtückisch zurückhält.
D. H. Lawrence scheint der Gedanke furchtbar irritiert zu haben, dass andere Menschen Sex hätten und ihm nichts davon sagten.
Freud auch.
Tja, und dann hat es Freud so eingerichtet, dass jeder drüber sprechen musste.
Seine Psychoanalyse bringt Licht in die Tiefen und Transparenz in unsere verworrenen Windungen, und das bis zu dem Punkt, an dem das ICH alles bis runter zum ES sehen kann.
Und der Vorgang setzt sich nach außen in sich vergrößernden Ringen fort:
Der Meister analysiert seine Schüler, die dabei – jetzt transparent – auch Meister werden und sich ihrerseits Patienten oder Schülern zuwenden und sie analysieren.
Sodass es irgendwann keine Geheimnisse mehr gibt.
Außer natürlich die des ersten Meisters, des Selbst-Analysierten.
In anderen Worten:
Er, der einzig Private, der einzig Undurchleuchtete. Das opake Zentrum Seines universellen Panoptikums.
Während wir nur Seine Worte sehen, Seine Tochter, Seine Zigarre.
Armer Lawrence.
Deutsch von David Frühauf. Aus: keith waldrop: gravitationen 2. ausgewählte gedichte (2000-2009). herausgegeben von david frühauf und jan kuhlbrodt. Frankfurt/Main: gutleut, 2018, S. 24ff
Herr Stimmung on Transparency
To those of a certain temperament, there is nothing worse than the thought of something hidden, secret, withheld from their knowing— especially if they suspect that another knows about it and has even, perhaps, connived at keeping it concealed.
D. H. Lawrence seems to have been irritated no end by the thought that people were having sex and not telling him.
Freud too.
—Ah but then Freud arranged it so that everyone had to tell.
His psychoanalysis lights up the depths, makes our tangled web transparent, to the point where I can see all the way down to It.
And the process moves outward in increasing rings:
The Master analyses his disciples. Who thereby—transparent now—become masters and, in turn, take on others, patients or disciples, to analyse.
So that eventually there are no secrets.
Except, of course, those of the first Master, the Self-Analysed.
Which is to say, the only private One, sole Unrevealed. Opaque center of His universal panopticon.
While we see only His words, His daughter, His cigar.
Poor Lawrence.
Hans Flesch-Brunningen
(* 5. Februar 1895 in Brünn, Österreich-Ungarn; † 1. August 1981 in Bad Ischl, Oberösterreich)
Am Rande eines Logikbuches steht: Freundin – – Meine Beziehungen zu dir sind seltsam. Ich liebe dich – – Soweit ich über dies Leben urteilen kann. Jedenfalls freut es mich wahnsinnig, Wenn du mich anschaust – – Schenk' mir, bitte, deinen blaßgelben Handschuh, Denn ich bin Fetischist ––––– Und einmal wirst du mich auch sicher küssen. Oh, deine Kinderaugen.
Aus: Hartmut Geerken (Hg.): Dich süße Sau nenn ich die Pest von Schmargendorf. Erotische Gedichte des Expressionismus. München: btb Verlag in der Verlagsgruppe Random House, 2006 (Originalausgabe 2003 yedermann Verlag), S. 111
Mit dem alten Sparta verbindet man im allgemeinen die Vorstellung von einer Art permanentem Heerlager, in dem man die Kinder sobald wie möglich den Müttern wegnahm, um sie allem erdenklichen Drill und grausamen Mutproben zu unterwerfen und zwischendurch nur kärglich mit der berüchtigten schwarzen Suppe zu füttern – Sparta, das ist der Gleichschritt marschierender Heere, die Heimat der unüberbietbar knappen, ›lakonischen‹ Antworten, der Staat, der große Teile der Peloponnes brutal versklavte. Können wir es uns vorstellen, daß es einmal eine Zeit gab, zu der in diesem Staatswesen ein Dichter und Musiker höchstes Ansehen genoß, der zarte Lyrik schrieb, der Mädchenchöre für Götterfeste einstudierte und Gesang und Tanz auf der Kithara begleitete? Diesen Mann gab es tatsächlich; er lebte in der zweiten Hälfte des 7. Jahrhunderts v. Chr., hieß Alkman…
Aus: Gerhard Fink, DIE GRIECHISCHE SPRACHE. Eine Einführung und eine kurze Grammatik des Griechischen. Düsseldorf: Patmos, 2006, S. 37.
Aus diesem Buch stammt auch das heutige Gedicht von Alkman. Es ist vielleicht das schönste Beispiel griechischer Naturlyrik (und wird oft mit Goethes „Wanderers Nachtlied“ verglichen – Goethe könnte es sogar gekannt haben, es wurde 1773 veröffentlicht).
Alkman
(Ἀλκμάν Alkmán) war ein altgriechischer Chorlyriker des 7. Jahrhunderts v. Chr. aus Sparta. Er ist der älteste Dichter des alexandrinischen Kanons der neun Lyriker. (Wikipedia)

Li Lichun
(Geboren 1961 in Guangzhou, China)
Diese Schar
Wir diese Schar von Leuten sind keine Dichter
Wir haben weder allzu übertriebene Illusionen
noch allzu viele verwirrte Gedanken
Wie leben? Darüber müssen wir nicht reden
Wir streben nach Geld und verabscheuen es zugleich
Wir strengen uns sehr an es zu verdienen und wieder
auszugeben
Wir rauchen, trinken und tanzen wie Cowboys
Wir schlendern auf der Straße, amüsieren uns und singen
Schlager
Ab und zu gehen wir mit Frauen ans Seeufer, in den Schatten
der Bäume, und erfreuen uns des Liebesspiels
Deswegen sagen manche Leute wir suchten nur das
Vergnügen
Sie sagen sogar es sei eine latente Krise vorhanden
Laßt das! Durch Tadeln kann das Leben nicht ersetzt werden
Von Depression und Melancholie wissen wir nichts
Fade Belehrungen mögen wir nicht
Jeden Tag leben wir auf unsere Art und Weise auf dieser Welt
Manchmal sind wir sehr dick manchmal aber sehr dünn
Ab und zu sind wir sehr fleißig, dann auch wieder ziemlich
faul
Tagsüber streunen wir ungekämmt und ungewaschen durch
die Gegend, abends sind wir dann schön und
sorgfältig gekleidet
Manchmal sind wir sehr böse manchmal sehr zärtlich
Wir fühlen uns grundlos glücklich
Wir fischen aus der Tasche einen zerbrochenen Spiegel und
sehen
den plötzlich gewachsenen harten Bart und bemerken erst
jetzt
wie reif wir geworden sind und voller Leidenschaft
Wir entsinnen uns plötzlich vor langen Jahren einige
Schriftzeichen gelernt zu haben
Schon damals haben wir versucht zu dichten
ohne viel an Reim und Motiv herumzufeilen
Wir diese Schar von Leuten sind alle Dichter
Aus dem Chinesischen von Zhang Yi aus: Chinesische Lyrik der Gegenwart. Chinesisch/Deutsch. Ausgewählt, kommentiert und herausgegeben von Lü Yuan und Winfried Woesler unter Mitwirkung von Zhang Yushu. Stuttgart: Reclam, 1992, S. 152ff


Er ist Bauarbeiter in Shenzhen, der Wirtschaftssonderzone, und schreibt in der Freizeit Gedichte. Vom Stil her gehört er zu der »Studentendichter-Gruppe«. Er hatte wenig Kontakt zu literarischen und künstlerischen Kreisen. Mit seinem Gedichtzyklus Diese Gruppe gewann er die Aufmerksamkeit der Autoren und des Publikums.
Aus: Arbeiterzeitung der Wirtschaftlichen Sonderzonen. 28. Mai 1986. (Ebd. S. 359)
Bei Dao
(chinesisch 北岛, Pinyin Běidǎo; * 2. August 1949 in Peking)
SPRACHE Viele Sprachen sind in der Welt unterwegs Beim Zusammenstoß entstehen Funken mal Haß, mal Liebe Das hohe Haus der Vernunft bricht gerade stumm in sich zusammen Ein Korb, geflochten aus Gedanken flach wie Bambussplitter ist vollgestopft mit blinden Giftpilzen Vierfüßler auf der Felswand huschen über Blumen Ein Löwenzahn wächst heimlich in irgendeinem Winkel Der Wind hat seinen Samen fortgetragen Viele Sprachen sind in der Welt unterwegs Ihre Produkte machen das stille Leid der Menschheit weder leichter noch schwerer
Aus dem Chinesischen von Wolfgang Kubin, aus: L•U•F•T•F•R•A•C•H•T. Internationale Poesie 1940 bis 1990. Ausgewählt von Harald Hartung. Frankfurt am Main: Eichborn, 1991, S. 347
L&Poe featuring Versnetze. Heute:
Bertram Reinecke
Alba, Loschwitz Vereinzelt schwimmen Lichter von den Hängen Wie Weinstein der sich setzt in trüben Flaschen Erstorben sind die hektischen und raschen Bewegungen der Stadt, nur Nebel drängen Man ahnt mehr als man sieht, paar Armeslängen Entfernt die Äste anskizziert mit laschen Pinseln, selbst die Vögel sind verwaschen Nur gries getupfte Reste von Gesängen. Ein fremder Àther hat die Stadt gefressen Von drunten wälzt sich stumm der große Fluss Als Nebel hoch und höher unermessen. Hier blieb ich gerne, nicht bloß mit Verdruss Wüsst ich nicht heimlich ebenso indessen Dass solche Pracht auch wieder schwinden muss.
Aus: Versnetze_zehn. Deutschsprachige Lyrik der Gegenwart. Hrsg. Axel Kutsch. Weilerswist: Ralf Liebe, 2017. S. 27
Silke Peters
Das Einhorn das Einhorn in seinem Garten / wir sind eingestiegen / eingebrochen / die lockeren Ziegel fallen / unter der Mauer / der Efeu an ihren Händen / die Wirbel / die Stimme rutscht aus / dies ist kein leck geschlagenes Beisammensein / und du zahlst Dieter / diesmal nehmen wir den Rest / der Regen rauscht glatt durch / wie geschmiert / messerscharfes Klirren / der eingelegte Guppy ist das Typusexemplar / er hat sich entfärbt / das leichte Aufleuchten wenn sie sich in ihrem Glas drehen / die reinste Teleskopage ist das / dann gilt alles als ein Blatt in der Heraldik / es gibt Chancen / die du dir von der anderen Seite aus ansehen kannst / wie nachträgliche Satzzeichen
Aus: Versnetze fünf. Deutschsprachige Lyrik der Gegenwart. Herausgegeben von Axel Kutsch. Weilerswist: Ralf Liebe, 2012, S. 47
Hans Ehrenbaum-Degele
(* 24. Juli 1889 in Berlin; † 28. Juli 1915 „gefallen“ am Narew)
Der Dichter Es neigte sich die Schar der jungen Knechte Dem wirren Haar und dem zerschlißnen Rock. Die Straße weiter taperte die Rechte, Die Linke hielt sich krampfig fest am Stock. Scham schlug ihm rot empor: er war betrunken Und rang mit seinem Weg; und jäh erblaßt War er im Rinnstein stolpernd hingesunken Und raffte sich empor in wirrer Hast. Da kam's, daß er den Blick nach innen schlug, Wo er, buntwechselnd wie Geleucht der Meere, Wuchernder Blumen Fülle in sich trug. Und atemraubend gab der süße, schwere Duft seinem Sinn, der wie ein großer Falter In ihre tiefen Rätselkelche sank, Seltsamen Traum und schuf ihn zum Gestalter, Der Lust und Qual in seine Lieder zwang. So ging er, in sein Fühlen tief versunken, Betäubt von Fiebern, Künder schwüler Nächte. Man wich ihm schonend aus: er war betrunken. Es neigte sich die Schar der jungen Knechte.
Aus: Versensporn 33: Hans Ehrenbaum-Degele. Jena: Edition Poesie schmeckt gut, 2018, S. 10
Heute vor 150 Jahren starb der russische Dichter Fjodor Tjutschew.
Fjodor Tjutschew
(russisch Фёдор Иванович Тютчев, wiss. Transliteration Fëdor Ivanovič Tjutčev, * 23. Novemberjul. / 5. Dezember 1803greg. in Owstug im Gouvernement Orjol; † 15. Julijul. / 27. Juli 1873greg. in Zarskoje Selo)
Der Brunnen Sieh, wie der lichte Strahl sich ballt, Sich zur leibhaften Wolke rundet; Sich, wie sein feines Sprühen, kalt Entflammt, im Sonnenschein verdunstet. Sieh, die Fontäne steigt und steigt, Sie rührt ans Höchste, ans Ersehnte Und sinkt dann doch als Staub ganz leicht Herab – hienieden muß sie enden. O menschliches Gedankenspiel – Fontäne, niemals zu erschöpfen! Was spannt, was beugt dich, welches Ziel Ist dir bestimmt vom unerkannten Schöpfer? Mit welcher Lust drängst du nach oben!.. Doch des Schicksals unsichtbare Hand Biegt deinen strammen Strahl zum Bogen, In Spritzern sinkst du auf den Brunnenrand. 1836
Deutsch von Felix Philipp Ingold, aus: „Als Gruß zu lesen“. Russische Lyrik von 2000 bis 1800. Russisch-Deutsch. Zürich: Dörlemann, 2012, S. 313
Ф. И. Тютчев Фонтан Смотри, как облаком живым Фонтан сияющий клубится; Как пламенеет, как дробится Его на солнце влажный дым. Лучом поднявшись к небу, он Коснулся высоты заветной – И снова пылью огнецветной Ниспасть на землю осужден. О смертной мысли водомет, О водомет неистощимый! Какой закон непостижимый Тебя стремит, тебя мятет? Как жадно к небу рвешься ты!.. Но длань незримо-роковая Твой луч упорный, преломляя, Свергает в брызгах с высоты.
Irena Habalik
Wenn Tausende ertrinken Wer zählt sie? Eine Zählmaschine? Wer vergießt die Tränen? Das Meer? Wer besingt sie? Die Wellen? Wer erzählt ihr Leben? Die Fische? Wo liegen die Leichen? Am Grund? Tief, tiefer? Wer zündet die Kerzen an? Die Herzen? Der Gestrandeten? Der Ohnmächtigen? Und die Seelen? Liegen sie flach, dicht am Kadaver geklebt? Erheben sie sich nachts? Fliegen sie weg? Zu den anderen Planeten? Mars, Venus? Wir sehen sie fliehen, flimmern, uns zurufen, wir verstehen kein Wort staunen was soll der Fleck in unseren Augen Und wer sind wir auf der anderen Seite des Ufers?
Aus: Versnetze_zehn. Deutschsprachige Lyrik der Gegenwart. Hrsg. Axel Kutsch. Weilerswist: Frank Liebe, 2017, S. 302
Thorsten Nesch
Gedichte sind nur Platzverschwendung Mario meint Gedichte seien nur Platzverschwendung Mag sein Aber man kriegt damit den Tag rum Ich stelle mich öfter vor den Computer Auch wenn gerade nichts Besonderes anliegt Denn mir fällt vieles erst beim Schreiben ein So dass ich mich zu den Standpunkt hingerissen fühle »Mein Computer ist kreativer als ich« So beginne ich zwischendurch Ein paar Telefonate mit Olli, Ingo, Markus, Conny Und eine Besoffene hat sich verwählt Sie will ein Taxi es wäre nett Wenn ich ihr die richtige Nummer geben könnte Dann bräuchte sie nicht noch bei der überteuerten Auskunft anzurufen Solidarität hat einen Körper: meinen Ich such ihr die Nummer von Thelemann-Mietwagen raus Und sie antwortet mit denen fahre sie grundsätzlich nicht Ein nächster Versuch Und ich habe Glück Meike meint ich wäre so lieb sie würde mich lieben Sie hätte noch gerne meine Telefonnummer Tut mir leid ich Hab noch was vor Watt machse n grad? Gedichte schreiben Ich lege auf Und gehe zurück zum Computer Und bei einem Gedicht weiß ich immer Wo ich stehen geblieben war
Aus: Kaltland Beat. Neue deutsche Szene. Hrsg. Boris Kerenski & Sergiu Stefanescu mit einem Vorwort von Peter O. Chotjewitz. Ithaka Verlag, 1999, S. 279
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