58. Walter Hasenclever-Literaturpreis für Michael Lentz

Der in Düren geborenen und heute in Berlin lebenden Schriftsteller Michael Lentz wird den mit 20 000 Euro dotierte Walter Hasenclever-Literaturpreis der Stadt Aachen 2012 erhalten. Dies gab Dr. Jürgen Egyptien, Vorsitzender der Walter-Hasenclever-Gesellschaft, heute bekannt. Die Verleihung des Walter Hasenclever-Literaturpreises findet am 4. November in Aachen statt. Die Jury würdigt mit ihrer Entscheidung einen Autor, der ein beeindruckend facettenreiches Werk geschaffen und sich als Erzähler, Lyriker, Herausgeber und Literaturwissenschaftler einen Namen gemacht hat. Lentz zählt zu den am meisten profilierten Performancekünstlern und hat eigene Texte, teilweise in Zusammenarbeit mit avantgardistischen Musikern, in verschiedenen intermedialen Formaten produziert. Als Verfasser einer grundlegenden Studie über die Geschichte der Lautpoesie hat Lentz diese Literaturgattung auf der Schwelle von Wort- und Tonkunst mit originären Beiträgen erneuert. In seinem jüngsten Buch „Textleben“, das Essays und Poetikvorlesungen versammelt, zeigt sich Lentz als brillanter Interpret von wesentlichen Autoren der Moderne – wie Gottfried Benn oder Samuel Beckett – und als reflektierter Kommentator des eigenen Schreibens. …

Der Walter-Hasenclever-Literaturpreis der Stadt Aachen wird alle zwei Jahre verliehen. Er zählt zu den höchst dotierten deutschen Literaturpreisen. Die bisherigen Preisträger – unter anderem Peter Rühmkorf, George Tabori, Oskar Pastior, Christoph Hein, Ralf Rothmann und die Literaturnobelpreisträgerin Herta Müller – gehören zur ersten Riege deutschsprachiger Autoren. / Euregiopresse

57. Christian Ide Hintze verstorben

Der Lyriker, Aktionskünstler und Mitbegründer der Schule für Dichtung in Wien Christian Ide Hintze ist 58-jährig verstorben

Wien – In der Rubrik „Einflüsse“ führt Christian Ide Hintze auf seiner Homepage www.ide7fold.net unter anderem die Gedichte Sapphos, die „Seherbriefe“ Rimbauds, Sprechakttheorien von John Searle, die Songs von Dylan, die Anonymität von Bahnhöfen, Begegnungen mit Friederike Mayröcker, sowie die Gestik der Kubaner und das vietnamesische Wasserpuppentheater an. / Stefan Gmünder, DER STANDARD 14.2.

56. Zitate

Es gibt für mich keine Zitate, sondern die wenigen Stellen in der Literatur, die mich immer aufgeregt haben, die sind für mich das Leben. Und es sind keine Sätze, die ich zitiere, weil sie mir so sehr gefallen haben, weil sie schön sind oder weil sie bedeutend sind, sondern weil sie mich wirklich erregt haben.

Ingeborg Bachmann im Gespräch mit Dieter Zillgen, 22.3. 1971, in: Ingeborg Bachmann: Wir müssen wahre Sätze finden. Gespräche und Interviews. München und Zürich: Piper, Neuausgabe 1991, S. 69.

55. Schwerpunkt Tranzyt

„Tranzyt. Literatur aus Polen, der Ukraine und Belarus (Weißrussland)“ heißt der Programmschwerpunkt der diesjährigen Leipziger Buchmesse. Man wolle, auch aus Anlass der Fußball-Europameisterschaft in Polen und der Ukraine, Autoren aus Mittel- und Osteuropa bekannt machen und deren Publikationen in deutschen Verlagen befördern, erklärte Buchmessedirektor Oliver Zille. Als Gäste werden unter anderem Andrzej Stasiuk, die belarussische Autorin Swetlana Alexijewitsch und Jury Andruchowytsch aus der Ukraine. Kurator Martin Pollack erklärte, die Autoren aus Polen, der Ukraine und Belarus seien „untereinander sehr gut vernetzt und gemeinsam in verschiedenen Projekten aktiv“.

54. Eher ein Gedicht

Nun ja, sagt Claes Oldenburg, das sei ja nun etwas heftig zu sagen, die Kunst sei wie etwas, das im Maul eines Hundes steckt, der vom Dach eines fünfgeschossigen Hauses fällt. Zumindest sei es nicht gerade nett dem Hund gegenüber. Aber man müsse doch verstehen, dass seine Worte damals nicht so sehr ein Manifest, sondern eher ein Gedicht gewesen seien. „Ein Gedicht, das sagt, dass alles Kunst sein kann“, sagt Claes Oldenburg. / Tim Ackermann, Die Welt

53. Geld, Geld, Geld, Geld, Geld!

Geld, Geld, Geld, Geld, Geld! Wenn das so weiter geht, werde ich als Gegenreaktion bald über das Versmaß experimenteller Lyrik schreiben. Nach Jahrzehnten des verschwiegenen Umgangs mit Einkommen und Honoraren, in denen es in Wien leichter war, Auskünfte über das Sexualleben eines Bekannten zu erhalten, als über dessen Kontostand, springen uns – spätestens seit der Veröffentlichungspflicht von Gehaltsangaben in Stelleninseraten – die Eurozeichen von allen Seiten an. / Martin Fritz, artmagazine 13.02.12

52. Arbeitsverhältnis

Dabei langweilen mich Gedichte meistens, ich lese fast keine mehr, hier und da erinnre ich mich an eine früh gehörte Zeile, an einen Ausdruck, und wenn mir etwas sehr gefällt, wenn ich meine, es müsse „gerettet“ werden, dann verwende oder variiere ich einen Ausdruck, gebe ihm einen neuen Stellenwert. Das ist also, wenn Sie so wollen, ein Verhältnis zur Vergangenheit, ein Arbeitsverhältnis, das zum Beispiel in der Musik seit jeher vorkommt.

Ingeborg Bachmann im Gespräch mit Josef-Hermann Sauter, 15.9. 1965, in: Ingeborg Bachmann: Wir müssen wahre Sätze finden. Gespräche und Interviews. München und Zürich: Piper, Neuausgabe 1991, S. 60.

51. Basst scho

Der kleine Dichter kratzt sich am Kopf. Stadt schön machen? Viele Rezepte, keines ernst zu nehmen, und alle irgendwie bescheuert.

Da sitze ich also, im Englischen Garten,
trinke, weil durstig, endlich ein Spaten,
spiele Schafkopf mit speckigen Karten,
betrachte, wie Kinder Drachen, wendige, starten,
höre Bengel die Mütter bequengeln, wenn sie nicht warten
höre Stadtgeflüster mit ländlichem harten
Speckgürteldialekt gespickt, all das im Englischen Garten.
Und denke mir: Basst scho. Macht“s weiter so.

/ Heiner Lange, Münchner Slammer, Preisträger der Goldenen Weißwurscht, aus: Süddeutsche Zeitung 26.1.

50. Vom armen B. B.

Das Gedicht «Vom armen B. B.», am Ende der ebenso berühmten «Hauspostille», wird seit je als lyrische Autobiografie gehandelt. Noch zu Brechts 50. Todestag wurde es auf BBC verlesen, um einem weltweiten Publikum nahezubringen, wer Bertolt Brecht war. Näher besehen, ist es eine einzige Provokation. …

Im Interesse seiner Literaturfähigkeit scheint auch schon die allererste Fiktion seines Gedichts erfolgt zu sein, nämlich schon die Selbstnennung, mit der dieses in den späteren Fassungen überschrieben war – «Vom armen B. B.», zuvor «Ballade vom Bert Brecht» – und mit der es schon in der Urfassung begann und endete: «Ich, Bertold Brecht». «Bertold» oder «Bertolt» Brecht hiess nicht immer schon so. «Eugen Berthold Friedrich» lautet sein Name auf dem Geburtsschein und der Geburtsurkunde, «Eugen Brecht» in den Schulzeugnissen und Schülerverzeichnissen, «Eugen Berthold Friedrich Brecht» auf der Sterbeurkunde. «Eugen Brecht» war auch noch eine Widmung «zu Weihnachten 1916» unterzeichnet, «Eugen Bert Brecht» die Todesanzeige für seine Mutter.

Der falsche oder halbwahre Name, die Aufwertung eines «middle name» und dessen mehrfache Abänderungen sind offensichtlich poetisch motiviert, durch das Prinzip der Äquivalenz: «Bertold Brecht», «Bertolt Brecht», «Bert Brecht», «B. B.». / Yahya Elsaghe, NZZ 11.2.

49. Nur die Lyrik kennt

Die Ansammlung der Baggerseen am Budberger Ortsrand suggeriert eine weihnachtliche Idylle, wie sie sonst nur die Lyrik kennt… / westen.de

Wer in akademische Zwangsjacken geschnürte Lyrik oder Poesie sucht, findet sie in seinen Texten sicher nicht wieder. Wer aber die lebendige, offene, tabulos direkte Sprache liebt… / NIEDERLAUSITZ aktuell

Geistige Gummibärchen ist eine gelegentliche Kolumne zur Poesie des Medienspeak

48. Türkische Früchte 3: Von der Bosheit

Die Bosheit kann einen dauern… wird von den einen unter- und den andern überschätzt. Beides zu unrecht. Herrlich boshaft hier der türkische Dichter Nefi (1572?-1635):

Uns hat der Mufti Efendi Heide genannt –
Nehmen wir an, ich nennte ihn nun Muselman –
Gehen wir morgen zum Jüngsten Tag, zum Gericht,
Fürchte ich, beide erscheinen als Lügner wir dann!

Annemarie Schimmel: Aus dem goldenen Becher. Türkische Gedichte aus sieben Jahrhunderten. Köln: Önel-Verlag. 2. überarb. Aufl. 2002, S. 105

Original:

Müftü efendi bize kâfir demiş
Tutalım ben O’na diyem müselman
Lâkin varıldıktan ruz-ı mahşere
İkimiz de çıkarız orda yalan

Der Dichter hatte sich um die Gunst der aufeinanderfolgenden Sultane Ahmet I (regierte 1603–1617) und Osman II (1618–1622) bemüht – vergeblich. Schließlich erbarmte sich der nächste, Murad IV (1623–1640), und gewährte ihm ein Stipendium.

Da er wiederholt Spottverse auf schlechte Beamte schrieb, kam es wie es wohl kommen mußte. Wegen satirischer Verse auf den Großwesir Bayram Pascha wurde er zum Tode verurteilt und „durch den Strang“, wie es heißt, hingerichtet.

Mehr erfährt man in der englischen, türkischen, aserbaidschanischen und kurdischen Wikipedia. Eine deutsche Fassung gibts leider nicht. Wieso eigentlich? Die Türken lieben ihre Dichter, lese ich immer wieder, auch bei Frau Schimmel. Gilt das nicht für die in Deutschland lebenden?

47. Chiffren

Sehr geehrte Teilnehmerinnen und Teilnehmer des Dresdner Lyrikpreises 2012,
die Vorjuroren haben ihre Entscheidung getroffen und folgende Bewerber für die Endrunde zum Dresdner Lyrikpreis nominiert:


Kennworte der Nominierten

aus dem deutschsprachigen Raum

.Konturist
.Schere
.Fersensporn
.Karl Rahr
.draußen

aus Tschechien
.Florian
.pyrit
.KISCHON
.Einhorn
.ABC123

46. Er hatte andere Pläne

Gregor Seberg hatte andere Pläne. Denn ehe er nach Wien „zwangsgesiedelt“ wurde, strebte er noch den Beruf des Naturforschers an. Die Lyrik jedoch ebnete ihm einen anderen Weg. / ACHIM SCHNEYDER, Kleine Zeitung

45. Der siebenbürgische Meistersänger

Im Jahr 1206 fanden sich die sechs bedeutendsten deutschen Dichter auf der thüringischen Wartburg zusammen, um einen künstlerischen Wettstreit auszutragen. Es galt, den Landesfürsten Hermann bestmöglich zu preisen, wobei dem Verlierer der Tod drohte.

Zu den Teilnehmern des legendären „Sängerkrieges auf der Wartburg“ zählten Walther von der Vogelweide, Wolfram von Eschenbach und Heinrich von Ofterdingen, der in dem Wettkampf unterlag. Doch er behauptete, betrogen worden zu sein, und erbat sich einen neutralen Richter aus: den märchenhaften Klingsor, der in Siebenbürgen residierte, „den berühmtesten deutschen Meistersänger“. / Bernhard Spring, Allgemeine Deutsche Zeitung für Rumänien

44. Hervorbringung eines Genres aus der Interjektion

«Aïe! aïe!», gesprochen «Ayèye», das ist ein wohlgegründeter Schrei, der, indem er seine Energie aus der Lunge und seinen Schwung aus der Kehle nimmt, sich schreiend erhebt bis an die fernsten Horizonte der Zeit, des Raums und des Commonsense, die intime Botschaft des algerischen Beduinensangs.

Bevor ich auf die Volkspoesie, die Quasida, zu sprechen komme, hier gesungen von Cheïkh El hâdj Khelifi Ahmed und in einem Booklet transkribiert, zusammengestellt von Abdelkader Bendamèche, muß ich unterstreichen, daß jede unserer Regionen ihre eigene Seele hat, wie sie sich aus den Falten unserer Geschichte herausgebildet hat. Die Volksdichtung unseres Landes bietet Beispiele gesungener Poesie, bei der das artikulierte Wort durch eine der ersten Silben konstituiert wird, in welcher sich, sage ich, der Gemütszustand der algerischen Identität überträgt.

Die wiederholt vorgetragene Interjektion «aïe!» hat ein eigenes Genre hervorgebracht, die «ayèye», eine Art chanson de geste (Heldenlied), in dem der Dichter-Sänger seinen körperlichen oder seelischen Schmerz ausdrückt, aber auch seine Begeisterung für alles, was ihn in der göttlichen, menschlichen oder physischen Natur anzieht.

Ist das lyrische Poesie? Zweifellos. Ebenso zweifellos epische Poesie. Liebespoesie auch. Die Liebe ist hier von islamischer Mystik gefärbt, von Ritterschaft, Moral, Weisheit…, selten von Erotik.

Übrigens lasse ich mir nicht ausreden, daß das französische Epos – das mittelalterliche «Chanson de geste» – von den Dichtern der karolingischen Zeit seit Karl Martel, «dem Bezwinger der Sarrasins [Sarrazenen, in Wirklichkeit der «Mauren»]», wiederbelebt wurde. Zum Beispiel könnte es sein, daß Wesensmerkmale arabisch-andalusischer Erzählungen in vereinfachter Form das Rolandslied von 1080 angeregt haben. Der Dichter heißt Trouvère in Langue d’oïl oder Troubadour in Langue d’oc, Arabisch «târab ad-doûr» (Spieler eines runden Instruments, dem tambour [bendîr?]).

/ Kaddour M’HAMSADJI, L’Expression

ECH-CHEÏKH EL HÂDJ KHELIFI AHMED: HUIT CD DE POÉSIES POPULAIRES CHANTÉES (PUBLICATION CONÇUE ET RÉALISÉE PAR ABDELKADER BENDAMÈCHE)