diagnose „erdbewohner“

Tanja ‚Lulu‘ Play Nerd, 19.9.2023 [Europa: 20.9.23] © kunstyoga.de & weltlyrik.de

diagnose „erdbewohner“

ich kann lesen ich kann schreiben ich kann dichten ich kann laufen ich kann trinken ich kann essen ich kann all das selbstverständliche vergessen ich kann denken ich kann fühlen mein gedächtnis aktivieren mich erinnern mich sortieren ich kann mich in dir verlieren ich kann reden ich kann hören ich kann schmecken riechen schwören ich kann meditieren ich kann lieben ich kann schlafen und aufwachen ich kann all das selbstverständliche der mensch beherrscht das chaos und noch andre sachen ich kann auch erleuchtung ich kann leere licht und freiheit spüren ich kann wünschen hoffen lieben hassen und durch alle türen passen mich verlieben und loslassen all das selbstverständliche verstehen ich kann nonverbal kommunizieren und sogar mit tieren sprechen ich kann jugend ich kann kinder ich kann rente ich kann marathon und ich kann tod ich kann noch bildung ich kann yoga ich kann bio und demente ich kann pflege ich kann schuster ich kann schneider ich kann koch ich kann das selbstverständliche erlernen ich kann auch schon schwarzes loch ja ich kann dunkle energie ich kann physik ich kann chemie ich kann mich quantenmechanisch entfernen und ich kann aus quatsch „so tun als ob“ ich kann geheimnisse ich kann gesellschaftsspiele ich kann lotto ich kann laufsteg ich kann mensch ich kann auch monster ich entscheide meinen weg ich kann von unten schreiben und von hinten lesen ich kann lyrik als experiment ich kann gemälde ich kann klassisches klavier ich kann rezitation und auf ein bier ein wort ein leben eine bühne ein verdacht ich kann aufgeben nichts anstreben ich kann einfach so verschwinden niemand hat zuletzt gelacht ich kann mich nicht mehr informieren ich kann dich nicht informieren ich kann nichts mehr können alles können könnte kann ich kann nur noch nur noch nur noch ich kann kann ich kann kann ich ich kann ich ich ich ich ich ich  i ch ch ch i i i i ch i ch i ch i i _

Darf ich mich mal in die Pfütze legen?

Ferdinand Avenarius 

(* 20. Dezember 1856 in Berlin; † 22. September 1923, heute vor 100 Jahren, in Kampen auf Sylt, begraben in Keitum auf Sylt)

NATUR

Hab' heut' vor mir des Weges gehn 
Eine Gnädige mit ihrem Knäblein gesehn –
Hochelegant, das Bürschlein zumal 
Geschnitten aus dem Modejournal, 
Nun hielten Madame just Lektion, 
Dozierten vom feinen Anstandston :
Da müsse nicht Schritt und Tritt allein,
Auch Wort und Blick gemessen sein –
Drum solle sich's endlich mal menagieren, 
Zum Beispiel nicht so mit den Armen vagieren –
Man müsse ja sonst glauben, daß er 
So ein hergelaufener Junge wär, 
Man müsse sich sonst ja ordentlich schämen, 
Ihn wieder mit spazieren zu nehmen!

Das Bürschlein – fünf Jahr mocht's, denk' ich, zählen –
Schien auch die Sache ziemlich zu quälen:
Es trippelte sittsam und still fürbaß 
Und dachte betrübt an dies und das, 
Zerknickt, schien's, von dem Herzeleid 
Ob seiner schlimmen Verworfenheit.
Und als des Wegs ein Pfütze kam, 
Die endlich sein Auge in Anspruch nahm, 
Wandt's, eingedenk der Lehren, sich 
Zur Mutter und fragte bescheidentlich:
„Darf ich mich mal in die Pfütze legen?" 

Da dacht ich: o lust'ge – Mama Natur, 
Laß du sie ängsteln und pfuschen nur 
Mit ihrer Lackier- und Verkleisterung:
Du wirst ein Mensch – Glückauf, mein Jung'!

Aus: Der ewige Brunnen. Ein Volksbuch deutscher Dichtung. Gesammelt und herausgegeben von Ludwig Reiners. München: C.H. Beck, 1955, S. 9f

Sie war sehr bleich und atmete auch schwer

T.S. Eliot 

(* 26. September 1888 in St. Louis, Missouri, Vereinigte Staaten; † 4. Januar 1965 in London)

VERDRÄNGUNG

Sie lag sehr still im Bett mit sturen Augen, 
Hielt ihren Atem an, daß sie nicht denken muß, 
Ich war ein Schatten aufrecht in der Zimmerecke 
Und tanzte freudig in dem Feuerschein.

Sie schrak im Schlaf und ihre Finger krallten in die Decke, 
Sie war sehr bleich und atmete auch schwer.
Und wie der Morgen in die Kapuzinerkresse in der dunkelgelben
     Schale fuhr,
Da schied ich freudig durch den Fensterspalt.

Deutsch von Norbert Hummelt aus: Sinn und Form 5/2023, S. 632

Suppressed Complex

She lay very still in bed with stubborn eyes
Holding her breath lest she begin to think.
I was a shadow upright in the corner
Dancing joyously in the firelight.

She stirred in her sleep and clutched the 
blanket with her fingers
She was very pale and breathed hard.
When morning shook the long nasturtium 
     creeper in the tawny bowl
I passed joyously out through the window.

Aus: T.S. Eliot, Inventions of the March Hare. Poems 1909-1917, ed. Christopher Ricks, Faber & Faber 1996

Zufälligkeit mindert ja nicht

Johanna Schwedes

Zufälligkeit mindert ja nicht 
die Schärfe einer Rasierklinge
oder die Erinnerung deiner Hand 
an meiner Schläfe
aber du möchtest wie Rauch aus einer Kaliber ‘38
im Kosmos aufgehen und versicherst dabei 
alles, wirklich alles 
geschehe mit gutem Grund.
Während du allverbunden auf dem Sofa 
wie Kautabak deine Zunge im Mund hin und her bewegst
öffne ich ein Fenster (nein, nicht in meinem Kopf.
Das zweite, zur Straße hin) und hole Luft.
Fühlt sich etwas an wie eine Rasierklinge an der Nase 
(könnte ich dir aufs Sofa werfen)
und mit dem Ton (fiuuuup)
eines Vogels mit schwarzem Kopf 
und Autos und Wind und der Unvereinbarkeit
dieser zwei Rauschen
fällt mir, Ellenbogen aufs Fensterbrett
Gedanken in so was wie imaginäre Hände gestützt 
ein kantiger Stein, Stein
vom Dorfstraßenrand, Staub drauf und kleben gebliebene 
Mücken und Spucke von einem wütenden Kind 
scharfkantig die Kehle herunter 
durch die Speiseröhre in den Magen 
und ich möchte 
überhaupt ich möchte nur 
eine Schleuder finden, den Stein 
in hohem Bogen aus dem Fenster! 
auf dass er ein Loch schlägt 
in den Gesang des armen schwarzstirnigen Vogels 
und heraus schält sich der Himmel 
wie eine Umarmung 
aber das verkneife ich mir

Aus: Jahrbuch der Lyrik 2022. Hrsg. Matthias Kniep und Nadja Küchenmeister. Frankfurt/Main: Schöffling, 2022, S. 82

Proletarisches Porträt

William Carlos Williams 

(* 17. September 1883, heute vor 140 Jahren, in Rutherford, New Jersey; † 4. März 1963 ebenda)

Proletarian Portrait

A big young bareheaded woman 
in an apron

Her hair slicked back standing 
on the street

One stocking foot toeing 
the sidewalk

Her shoe in her hand. Looking 
intently into it

She pulls out the paper insole 
to find the nail

That has been hurting her

From: The Collected Poems of William Carlos Wiliams. Volume I • 1909-1939. Edited by A. Walton Litz. New York: New Directions, 1991, p. 384

Proletarisches Porträt

Eine große junge barhäuptige Frau 
in einer Schürze

Das Haar zurückgekämmt steht 
auf der Straße

Den bestrumpften Fuß mit den Zehen 
auf dem Gehsteig

Den Schuh in der Hand. Sie sieht 
aufmerksam hinein

Und zieht die Einlegesohle heraus 
den Nagel zu finden

Der sie gedrückt hat.

Deutsch von B. K. Tragelehn, aus: Poesiealbum 112. William Carlos Williams. (Ost-)Berlin: Neues Leben, 1977, S. 4.

In dem Poesiealbum von 1977 steht unter diesem Gedicht eine Notiz von Ezra Pound (Deutsch von Eva Hesse):

Um mir seine Eigenheit zu erläutern, hat mir seine Mutter folgende Anekdote erzählt: Der kleine, etwa siebenjährige William Carlos stand eines Morgens auf und zog Kleider und Schuhe an. Beide Schuhe hatten die Knöpfe links. Er betrachtete dieses ungewohnte Phänomen eine Weile, zog die Schuhe sorgfältig wieder aus, wechselte den Schuh a) vom linken an den rechten Fuß und den Schuh b) vom rechten an den linken; beide Knopfreihen erschienen wieder links.

Das verblüffte ihn. Mit linksgeknöpften Schuhen ging er zur Schule, aber . . . und das ist der kennzeichnende Zug der Geschichte: er verbrachte den Tag in gründlichem Nachdenken über diesen Sachverhalt.

Verstreute Lyrik

Felix Philipp Ingold

dass Gott tot sei das weiss bestenfalls 
so jemand wie der Reim 
denn Tod und God gefallen sich
gepaart am Zeilenende

*

für nichts und wieder
nichts (nicht mal für die Wahrheit)
auf den Mund gefallen (um 
wem zu gefallen)

*

wo Worte fehlen
blüht Sinn wahrer

bis er gleich
wieder Augen macht aber
wem und

wer hat den Schlafbaum gefällt 
und womit was blüht was 
welkt so souverän bis ... bis 
zum Neubeginn bis hin zum Wort
das Name ist und gilt

Aus: FELIX PHILIPP INGOLD, Für nichts und wieder nichts. Verstreute Lyrik. In: manuskripte 240 / 2023, S. 51

Ihr seid ein Volk von Sachsen

Papenfußserie #4. Im Jahr 1990 kamen gleich drei Bücher von Bert Papenfuß heraus. Unsere Nummer 4 erschien bei Steidl reich illustriert von A.R. Penck. Nicht illustriert – Penck hat jede einzelne Seite gestaltet mit Zeichnungen auf leeren Seiten und ebenso um jeden Text herum, kein weißer Raum nirgends. Ich wähle daraus einen Klassiker. Schon 1990 wurde er so empfunden. Sarah Kirsch, die im Gefolge der Ausbürgerung Wolf Biermanns (der für Papenfuß ein rotes Tuch war wie umgekehrt auch) aus der DDR ausgereist war, hatte irgendwann im Sommer 1990 eine Lesung in der Greifswalder Jakobikirche. Neben eigenen Gedichten las sie einige (?) Gedichte junger Autoren, glaube ich, genau weiß ich es nur von diesem einen Gedicht von Papenfuß, dem sie Bewunderung zollte. Es drückt des jungen Dichters Distanz zur „Wende“ in der DDR aus, die er sich weigerte „Revolution“ zu nennen. Wer hätte damals denken können, wie beklemmend aktuell es sich 33 Jahre später lesen würde?

Aus: tiské. Mit Zeichnungen von A. R. Penck. Göttingen: Steidl Verlag 1990, S. 69.

Zur Erläuterung für Ortsfremde: „Fischköppe“ war in der DDR ein Spott- und Schimpfwort für die Bewohner des Nordens, des heutigen Mecklenburg-Vorpommern (Gegenbegriff zu „Sachsen“). Radeberger ist ein Bier aus Sachsen, Nordhäuser und Richtenberger sind damals allseits beliebte Schnapsmarken aus Thüringen und Vorpommern. Pritzwalk, Fläming und Wittstock sind Orte bzw. Gegenden des Landes DDR, die sicher auch ihre Alkoholika hatten. Es wurde viel getrunken, privat und im Dienst. Nachtspeicheröfen waren ein begehrter und entsprechend, sprich rarer Gebrauchsgegenstand (und, anders als der Schnaps, Mangelware).

So funktioniert das

Uli Becker 

(* 14. September 1953 in Hagen)

Wie Dichter das machen

Den Asphalt grau tret ich mit Füßen, 
beiß aber grad so gern ins grüne Gras

und kehre heim und spanne den Bogen 
in meiner Maschine: Sowohl – als auch,

ist beides mein Stoff, das Rohe wie 
das Hartgesottene, und wer bestimmt,

man könne nicht auf zwei Hochzeiten 
tanzen, bei zwei Begräbnissen flennen?

Des Dichters Tag- und Nachtwerk ist 
die stete Kümmerei, und zwar um dies

genau wie um das, um beides zusammen 
mit süßsaurem Lächeln zu verwursten.

Die späte Tagesschau noch und ins Bett 
und sehn, was anliegt oder schmiegt –

so funktioniert das: Eine Hand am Puls 
der Zeit, die andere am Arsch der Welt.

Aus: Zwischen den Zeilen 2, Mai 1993, S. 11

Miroslav Holub 100

Miroslav Holub

(* 13. September 1923 in Pilsen; † 14. Juli 1998 in Prag)

war ein tschechischer Dichter und Arzt. Holub machte die Matura. Während der deutschen Annexion war er von 1942 bis 1945 als Bahnarbeiter zwangsverpflichtet. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs studierte er bis 1953 Naturwissenschaften, Medizin und Immunbiologie. Er arbeitete an der Tschechoslowakischen Akademie der Wissenschaften und beschäftigte sich dort mit Erfolg in der Immunologie. Dann war er in Prag als freischaffender Schriftsteller, Lyriker und Übersetzer tätig. (Wikipedia)

DIE KATZE

Draußen war Nacht
wie ein Buch mit sieben Siegeln.
Und durch das Sieb der Stadt
glitt die Dunkelheit bis zu den Sternen.

Ich sagte zu ihr, 
geh nicht dorthin, 
auf dich lauert eine Falle, 
der böse Blick
und das ewige Wimmern der Gerber.

Ich sagte zu ihr 
geh nicht dorthin, 
was soll das, 
wozu?

Aber da öffnete sich das Fenster, 
und sie ging,
eine schwarze Katze in die schwarze Nacht, 
sie löste sich auf,
die schwarze Katze in der schwarzen Nacht, 
so löste sie sich auf –
und niemand hat sie je wieder gesehen.
Auch sie selbst sich nicht.

Nur hören kann man sie 
manchmal, 
wenn es still ist 
und Nordwind 
und wir tief 
in uns hineinhören.

Aus dem Tschechiaschen von U. Achtermann, aus: GESANG DER LIEBE ZUM LEBEN. Tschechische Lyrik der Gegenwart. Herausgegeben von Manfred Jähnichen. Künstlerische Ausstattung von Václav Blaha. Prag: ARTIA, 1983, S. 174

Seit du publik jeworden

Otto Nebel 

(* 25. Dezember 1892 in Berlin; † 12. September 1973, heute vor 50 Jahren, in Bern) 

Republike, made in Germany

Seit du publik jeworden, biste doot.
o, wie isset kalt jeworden;
uffen Kirchhof feift der Lude Dorff, 
uffen Kirchhof mitten Wixtopp mangk de Hakenkreuze 
Seit du publik jeworden, wolln se dir ermorden 
seite publik jeworden, biste doot.
Nimm dir zurück, 
du hast dir vorjenommen;
dir hätte längst der Ludenschlag jetroffen, 
dir hätte längst der Hakenschlag jekippt 
wärst du nich doot, seite publike bist, 
o wie biste kalt jeworden 
hast dir selber kalt jemacht.

Aus: Otto Nebel, Das dichterische Werk. Hrsg. von René Radrizzani. (Frühe Texte der Moderne). München: Edition Text u. Kritik. Bd. 2. Prosa, Gedichte, Nachlass. – 1979, S. 221

Erstdruck in: Stichflammen. 2. Jg. Nr. 87, 2. Beilage der Welt am Abend, Berlin, 13. September 1924 (morgen vor 99 Jahren)

Es kommt die Zeit der Wüsten

Ko Un 

(* 1. August 1933 in Kunsan, Provinz Nord-Chŏlla, Südkorea)

Geständnis

Ein Geständnis, sagst du?
Den roten Arsch herzeigen wie die Affen, ist noch nicht ehrlich.
Was abends beim Saufen geredet wird, ist noch nicht die Wahrheit.
Wie steht's da bei dir? Ich bin unglaublich böse.
Leidenschaftslos verkauf ich die siebziger, die achtziger Jahre; 
eine gute Gelegenheit, ungerührt verkauf ich alles.

Heutzutage diese Heucheleien, Angebereien –
Moment mal, da hast du die Wahrheiten von gestern vor Augen!
Es gibt kein Heute, 
nein, gibt es nicht.
Wie's in der Wüste nichts gibt, gibt es für mich kein Heute.

Welch unheimliche Stille! Irgend etwas wird explodieren.
Ich kenne die Hölle.
O ihr auf der Halbinsel Korea stationierten herrlichen Raketen!
Es kommt die Zeit der Wüsten,
und kein Fetzen mehr eines Leichnams wird zu finden sein, 
so daß umherkriechend nur noch die Gespenster sind.

Aus dem Koreanischen von Woon-jung Chei und Siegfried Schaarschmidt, in: Frankfurt/Main: Suhrkamp, 1996, S. 67

Allmähliches Aufklaren

Amy Clampitt 

(* 15. Juni 1920 in New Providence, Iowa; † 10. September 1994 in Lenox, Massachusetts)

Allmähliches Aufklaren

Spät am Tag wrang der Nebel 
sich in Regenschneisen 
selbst aus wie ein Schwamm, 
durchsiebte die halbunsichtbare 
Bucht mit Speerspitzen;
dann, in einem Hub 
von Strähnen und Schals, von Rauchringen 
aus dem Umkreis der Inseln, enthüllend, 
was wellendes Fischnetzplissee 
gewesen ist von der Glätte 
von Peau-de-soie oder frisch gebügeltem 
Perkal, mit Schiffchenmuster 
aus Feim draußen, wo die Felsen sind, 
in glitzernder Nichtfarbe, 
Striemen aus Platin und 
Magnesium, die sich überziehen, 
Minute um Minute, mit heimlichem 
Rosa und Violett, mit opalner 
Tönung der Wolfsmilch, ein Geweb, 
über das man nur im Flüsterlaut spricht, 
begann er, am gesamten Horizont, 
sich allmählich zu entsiegeln 
wie die Lippe einer Höhle 
oder einer hohlen, einsamen, perlen-
hervorbringenden Meermuschel.

Deutsch von Jürgen Brôcan, aus: Sehen heißt ändern. Dreißig amerikanische Dichterinnen des 20. Jahrhunderts. Eine zweisprachige Anthologie. München: Stiftung Lyrik Kabinett, 2006, S. 32f

Gradual Clearing

Late in the day the fog 
wrung itself out like a sponge 
in glades of rain,
sieving the half-invisible 
cove with speartips; 
then, in a lifting
of wisps and scarves, of smoke-rings 
from about the islands, disclosing 
what had been wavering 
fishnet plissé as a smoothness 
of peau-de-soie or just-ironed 
percale, with a tatting
of foam out where the rocks are, 
the sheened no-color of it, 
the bandings of platinum 
and magnesium suffusing,
minute by minute, with clandestine 
rose and violet, with opaline 
nuance of milkweed, a texture 
not to be spoken of above a whisper, 
began, all along the horizon, 
gradually to unseal 
like the lip of a cave 
or of a cavernous, 
single, pearl-
engendering seashell.

Drei (Fast-)Haiku

Ján Štrasser

(* 25. Februar 1946 in Košice)

MÜDER HAIKU

Mach's Licht aus, mußt dich 
ausruhen, kommst auf andre 
Gedanken. Klar doch.
FASTHAIKU

Ich tu so, als kann ich, 
obwohl wahr ist, daß ich noch darf.
Nehm ich es an? Nein.
WINTERHAIKU

Auf dem kalten Klo, 
Zeitung vor mir, ich allein 
gegen die Winde.

Aus dem Slowakischen von Ursula Macht, aus: Blauer Berg mit Höhle. 16 slowakische Dichter des 20. Jahrhunderts. Levoča: Modrý Peter, 1994, S. 96, 99, 101.

Alfred Jarry 150 / Mann mit Axt

Alfred Jarry 

(* 8. September 1873, heute vor 150 Jahren, in Laval, Département Mayenne, Frankreich; † 1. November 1907 in Paris) 

1946 erschien in der Schweiz eine „Anthologie der Abseitigen“ mit Gedichten deutscher und französischer Dichter und Künstler. Unter den „Abseitigen“ – die Welt war mit Krieg beschäftigt – waren Wassily Kandinsky, August Stramm, Paul Klee, Pablo Picasso, Tristan Tzara, Kurt Schwitters, Alfred Jarry und viele andere. Die Texte erschienen nur in der Originalsprache, Deutsch oder Französisch, ohne Übersetzungen, in der Schweiz ging das offenbar. 1965 erschien ein Nachdruck, wiederholt in der Sammlung Luchterhand 1990. Erst in dieser Taschenbuchausgabe wurde wenigstens ein Teil der französischen Texte in deutscher Fassung in einen Anhang aufgenommen, soweit sie nämlich bis dahin irgendwo auf Deutsch erschienen waren. Darunter auch die deutsche Fassung des heutigen Gedichts von Alfred Jarry.

Das Gedicht von Alfred Jarry bezieht sich auf ein Gemälde von Paul Gauguin mit dem gleichen Titel (s.u.).
L'Homme à la hache
D'après et pour P. Gauguin

A l'horizon, par les brouillards, 
Les tintamarres des hasards,
Vagues, nous armons nos démons 
Dans l'entre-deux sournois des monts.

Au rivage que nous fermons
Dome un géant sur les limons.
Nous rampons à ses pieds, lézards.
Lui, sur son char tel un César

Ou sur un piédestal de marbre,
Taille une barque en un tronc d'arbre 
Pour debout dessus nous poursuivre

Jusqu'à la fin verte des lieues.
Du rivage ses bras de cuivre
Lèvent au ciel la hache bleue.

(1894)
Der Mann mit der Axt
Nach und für Paul Gauguin

Weitherum der Lärm der Glücke 
durch die Nebelschwaden kreist.
Wir bewaffnen unsren Geist 
in dem Zwischenreich der Tücke,

denn am Ufer, das wir sperren, 
hat ein Riese sein Regime.
Echsen, kriechen wir vor ihm.
Auf dem Wagen eines Herren,

einem Marmorpostament, 
schnitzt er sich ein Rindenschiff 
und verfolgt uns vehement

bis ans grüne Zeitenende.
Fest die blaue Axt im Griff 
haben seine Kupferhände.

Deutsch von Ludwig Harig, aus: Anthologie der Abseitigen. Hrsg. Carola Giedion-Welcker. Frankfurt/Main: Luchterhand, 1990, S. 279

Beide Fassungen auch in der vierbändigen Anthologie „Französische Dichtung“, herausgegeben von Friedhelm Kemp und Hans T. Siepe. Band 3. München: Beck, 1990 / 2001. Dort im Anhang auch eine Prosaübersetzung von H. Hinterhäuser:

Am Horizont, durch Nebelschwaden, / das metallische Lärmen der Zufälle, / Unbestimmt, bewaffnen wir unsere Dämonen / In dem tückischen Zwischenraum der Berge. / Am Ufer, das wir schließen, / Ragt ein Riese über den Schlamm. / Wir, Eidechsen, kriechen zu seinen Füßen. / Er, auf seinem Wagen wie ein Cäsar, / Oder auf einem Marmorpostament, / schneidet einen Kahn aus einem Baumstamm, / Uns aufrecht drinnen zu verfolgen /Bis ans grüne Ende aller Wege. / Vom Ufer recken seine Kupferarme / Himmelwärts die blaue Axt.

Paul Gauguin, L’Homme à la hache, 1891. Privatbesitz. Public Domain. https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Paul_Gauguin_029.jpg

Nachbemerkung: Anfang der 90er Jahre war ich in Essen. In einer Buchhandlung gab es hunderte Taschenbücher der Sammlung Luchterhand, die für etwa 3 Mark verramscht wurden. Der Hintergrund war, der Verlag war ins Schlingern geraten, stellte sein literarisches Programm für Jahre komplett ein und verramschte die Bestände. Für mich ein Glücksfall. Bücher aus dem Westen wurden in der DDR nicht verkauft. Es waren Schätze, fast alles von Ernst Jandl war darunter und auch die „Anthologie der Abseitigen“. Ich kaufte Dutzende für mich und noch einmal Dutzende für die Germanistische Bibliothek der Universität Greifswald. Ich war weder bevollmächtigt noch beauftragt noch überhaupt mit der Bibliothek verbunden, außer als Nutzer. Aber es waren ein bisschen Wildwestjahre, die alte Macht weg, die neue noch nicht richtig im Sattel, es ging einfach, sie haben sie genommen und mir das Geld überwiesen. Man muss bedenken, dass alle diese Bücher vor 1990 in der DDR nicht zugänglich waren. Ich hatte viel nachzuholen und die Uni auch. Studenten organisierten ein Auto, das alles nach Greifswald brachte. So kam dieses Buch zu mir.

Der Nachtigall Klinggedicht

Catharina Regina von Greiffenberg

(* 7. September 1633, heute vor 390 Jahren, auf Schloss Seisenegg in Viehdorf bei Amstetten in Niederösterreich; † 10. April 1694 in Nürnberg)

Uber die Nachtigal

1.

Hört der holden Nachtigall
süssen Schall /
durch den Busch erschallen:
sie will / durch ein Kling-Gedicht /
ihre Pflicht
ihrem Schöpffer zahlen.

2.
In dem weiß-geschmälzten Zelt
aller Welt /
seinen Ruhm sie singet:
dahin zielt ihr Müh' und Fleiß /
daß sein Preiß
hell von ihr erklinget.

3.
Dir / dir / dir / O höchster Hort /
ohne Wort
pfleg' ich Dank zu geben:
ohne End ist mein Begehr /
deine Ehr'
äusserst zu erheben.

4.
Jede Feder fordert Lob /
ist ein Prob
deiner milden Güte.
Gib / so offt ich sie aufschwing /
daß erkling
Dank aus dem Gemüte.

5.
Jedes Würmlein / das ich iss /
ist gewiß
deiner Schickung Gabe.
Nimm / Erhalter / vor die Speiß /
diesen Preiß /
und mich ferner labe!

6.
Dir sey Lob vor diesen Ast /
wo ich rast:
doch nit / dich zu loben.
Nein! dein Ruhm wird für und für /
dort und hier /
hoch von mir erhoben.

7.
Du hast / schöne Singerin /
meinen Sinn
auch in was ermundert.
Nur von Gottes Gnad sing ich /
weil ich mich
ganz in sie verwundert.

Quelle:
Catharina Regina von Greiffenberg: Geistliche Sonnette, Nürnberg 1662, S. 358-360.
Permalink:
http://www.zeno.org/nid/20004880897