65. Humus für Benn

Berlin bot in kurzer Zeit einen sehr fruchtbaren Humus für neue Lyrik.

Franz Werfel veröffentlichte Ende 1911 im Charlottenburger Verlag Juncker seinen ersten Gedichtband „Der Weltfreund“.

Herwarth Walden gab hier seit 1910 die Zeitschrift „Der Sturm“ heraus, die Zeitschrift der künstlerischen Avantgarde, 1912 gründete er die gleichnamige Galerie. Für ihn dichtete man und schrieb Manifeste.

Der maschinengeile Futuristen-Häuptling, der reiche Italiener Filippo Tommaso Marinetti, fuhr im Cabriolet durch Berlin und verteilte massenhaft seine Manifeste, blieb hier aber trotz seines Aktionismus ziemlich isoliert. In Frankreich hatte er es immerhin auf die Titelseite des „Figaro“ geschafft!

Und Ernst Rowohlt und Heinrich Bachmair gaben in ihren gerade gegründeten Verlagen den neuen Dichtern ein Forum.

Der Jura-Student Georg Heym veröffentlichte im April 1911 seinen ersten, viel beachteten Gedichtband. / Rainer Schmitz, DLF

64. Edition Ornament

Die von Jens-Fietje Dwars begründete und im quartus-Verlag herausgegebene „Edition Ornament“ ist von der Reihe „Der jüngste Tag“ inspiriert, die in den Jahren von 1913 bis 1921 vom Verleger Kurt Wolff herausgegeben wurde.

In den Bänden 1 bis 7 der „Ornament“-Edition wurden zunächst Texte Thüringer Autoren verlegt. Mit den Bänden 8 bis 10, die Dwars 2012 zur Leipziger Buchmesse präsentierte, werden mit Jan Decker ein in Leipzig lebender und mit Wilhelm Bartsch und André Schinkel zwei seit langem in Halle beheimatete Dichter vorgestellt. …

Band 9 enthält Gedichte von Wilhelm Bartsch. Unter dem Titel „Die alte Marke Wanderer“ sind „Uckermärkische“, „Wendländische“, „Irrländische“, „Italische“, „Amerikanische“ oder „Wittenbergische“ Gedichte in dem schmalen Band vereint. … Für Bartsch heißt gute Gedichte zu schreiben, es zuzulassen, dass die „Schönheit mit den unmöglichsten Galanen tanzt“ (Pablo Neruda).

Band 10 schließlich vereint unter dem Titel „Parlando“ 44 Texte des Hallensers André Schinkel aus den Jahren 1991 bis 2011. Es sind kraftvolle Texte, die die ungeheure Spannweite „zwischen dem Bleiben und dem sicheren Ende eine Zeitlang zu überbrücken“ versuchen. Schicht für Schicht durchstößt der Archäologe die Seelenablagerungen seines lyrischen Ichs und gelangt in die Gefilde, wo des Nachts die Ängste und Beklemmungen ihr Eigenleben führen und bis in die Tagträume hinein qualvoll walten. Seine Gedichte und lyrischen Kurztexte zeugen von hoher Stilsicherheit und einer Sensibilität für deren Rhythmus, dass man von einem Romantiker sprechen möchte, der mit dem Blick der Moderne die „Wüstungen“ der inneren und äußeren Wirklichkeit zur Sprache bringt. / Dietmar Ebert, Thüringische Landeszeitung 19.5.

Die Reihe „Edition Ornament“ erscheint im quartus-Verlag, Bucha bei Jena, Normalpreis je Band 14.90 Euro, die ersten 50 Exemplare als handgebundene Vorzugsausgaben, von den Autoren signiert und mit einer signierten Originalgrafik, je 49.90 bis 69.90 Euro

63. Keine Seelentröster / für empfindsame Buchhalter

Nein, seine beinahe ohnmächtige Wut galt vielmehr der gescheiterten ersten Ausgabe seiner Gesammelten Werke im Züricher Ammann-Verlag. Als die Verantwortlichen Ende der 1980er Jahre beschlossen, diese Edition wieder einzustellen – zwischen 1983 und 1987 waren gerade einmal zwei Bände erschienen (4) – blieben damit vor allem auch Sahls „sämtliche Gedichte“ auf der Strecke, die den Auftakt, den Band 1, dieser Ausgabe hatten bilden sollen und deren Erscheinen unter dem Titel Der Mann im Stein bereits angekündigt war.

Auf diesem Hintergrund nehmen sich die jetzt erschienenen, von Sahls Stiefsohn Nils Kern und dem Lektor des Luchterhand-Verlags, Klaus Siblewski, herausgegebenen Gedichte wie das postume Einlösen eines Versprechens aus, denn „mit dieser Ausgabe“ werde, wie Verlag und Herausgeber gleichermaßen stolz verkünden, „endlich“ Sahls „lyrisches Werk als Ganzes zugänglich gemacht“ (5). Ob Hans Sahl freilich vorbehaltlos glücklich mit dieser Sammlung geworden wäre, darf bezweifelt werden, denn weder enthält dieser Band auch nur annähernd vollständig seine hinterlassenen Gedichte, noch ist die Sammlung – was die gelegentliche Rede von einer bloßen „Lese-Ausgabe“ (S. 307) nahelegen könnte – ein repräsentativer Querschnitt durch Sahls dichterisches Schaffen.

In den editorischen Bemerkungen zur Ausgabe heißt es, die Herausgeber hätten es als eines ihrer Hauptanliegen betrachtet, das Publikum einerseits mit den zahllosen Inedita unter Sahls Gedichten bekannt zu machen und andererseits jene lyrischen Werke wieder hervorzukramen, die zwar „als einzelne“ bereits „veröffentlicht“, jedoch „zum großen Teil“ längst „wieder“ der „Vergessenheit“ anheimgefallen seien (S. 307). Da in diesem Zusammenhang zugleich das Wort von der „Vollständigkeit“ bemüht wird, fragt man sich, warum gleich eine Vielzahl der publizierten Gedichte Sahls in dieser Sammlung fehlt. Beispielsweise jene, die er zwischen 1942 und 1988 im New Yorker „Aufbau“ (Worte für eine Ausstellung (6), Verse, Die Bäume, Vietnamesisches WiegenliedHölderlins TurmPaul Falkenberg), im Berliner „Tagesspiegel“ (Haus im Walde) und im Zürcher „Tages-Anzeiger“ (Zürich 1937) veröffentlichte; aber auch solche, die sich in unterschiedlichen Publikationen seiner Werke gewissermaßen ,versteckenʽ, etwa in seinem Briefwechsel mit George Grosz (Horch, der Boss geht durch das Haus, Zwei Widmungen für George Grosz) (7). Auch der Nachlaß birgt weit mehr als die hier versammelten „unveröffentlichte[n] Gedichte“ (S. 239-296), bei denen es sich, nebenbei bemerkt, beileibe nicht immer um bislang unpublizierte Werke handelt (8). An die Deutschen, Nekrolog, Die Ballade vom Lake Iroquios, Für W. R., Silone, Die Neutralen, Mariechen, Ein Herr aus Danzig: das sind nur einige wenige, wahllos herausgegriffene Titel, die man in diesem Band vergebens sucht. …

Nicht von ungefähr heißt es gleich zum Auftakt dieser frühesten seiner Gedichtanthologien, in der Widmung An den Leser: „Das meiste, was hier steht ist Material, / […] // Es ist so flüchtig, wie wir selbst es wurden, / […] // Wer heute lebt, fragt nicht, was morgen ist.“ (S. 203) Und diese Auffassung durchzieht Sahls lyrisches Werk wie ein roter Faden: „Ein Mann, den manche für weise / hielten, erklärte, nach Auschwitz / wäre kein Gedicht mehr möglich. / Der weise Mann scheint / keine hohe Meinung / von Gedichten gehabt zu haben – / als wären es Seelentröster / für empfindsame Buchhalter / oder bemalte Butzenscheiben, / durch die man die Welt sieht. / Wir glauben, daß Gedichte / überhaupt erst jetzt wieder möglich / geworden sind, insofern nämlich als / nur im Gedicht sich sagen läßt, / was sonst / jeder Beschreibung spottet.“ (S. 11) …

Was bleibt? Es bleibt der Dichter Hans Sahl, der zwar nicht in dem Sinne zu den Großen der Dichtkunst zu rechnen ist, daß man seinen Namen in einem Atemzug mit denen eines Gottfried Benn, Bertolt Brecht oder einer Else Lasker-Schüler nennen würde, der aber nichtsdestotrotz einige sehr schöne, ja sogar großartige lyrische Werke hinterlassen hat, wie etwa dieses:

„Ich weiß, daß ich bald sterben werde,
zu lange schon war ich auf dieser Welt zu Gast,
auf diesem Flecken, diesem Stückchen Erde,
das du, mein Gott, wenn es dich gibt, mir gabst.

Was bleibt von all dem, das ich tat und lebte?
Nur eine Kleinigkeit: Ein Mensch fand statt.
Ein Mensch, der weiß, daß er nun sterben werde
und müde ist und sagt: Ich hab es satt.

Fast schon so alt wie dieses, mein Jahrhundert
der Flammenmeere, Mörder, Folterungen,
der Volksverderber und der Volksverächter,
geliebt, gehaßt, gefürchtet und bewundert.

So nehmt, o Brüder, eine Hand voll Erde
und gebt sie mir zum Abschied auf den Weg.
Ich weiß, daß ich bald sterben werde.
Ein Gast nimmt leise seinen Hut und geht.“ (S. 237)

Allein schon um solcher Verse willen hätte er eine liebevoller edierte Ausgabe seiner Gedichte verdient. / Momme Brodersen, Fixpoetry

HANS SAHL
Die Gedichte
Gebundenes Buch mit Schutzumschlag, 336 Seiten,11,8 x 18,7 cm
ISBN: 978-3-630-87288-9
€ 19,95 [D] | € 20,60 [A] | CHF 28,50* (* empf. VK-Preis) 
Verlag: Luchterhand Literaturverlag

62. Sprechendes Wasser

Wasser ist ein liquides Element, das gefrieren kann. Seine Elementarverwandtschaft mit der Poesie macht diese zum «Sprechenden Wasser», im buchstäblichsten Sinn «unfasslich» und doch geronnen zu Ketten von Signifikanten, die zurückkehren «zu den Dingen, / die sie bedeuteten»: so der grosse japanische Dichter Tanikawa Shuntaro, dessen Gedichtsammlung «Picknick auf der Erdkugel» vor etlichen Jahren in die «Japanische Bibliothek» des Insel-Verlags in der Übersetzung des Zürcher Japanologen Eduard Klopfenstein aufgenommen worden ist. Jetzt hat sich Tanikawa, geboren 1931 in Tokio, mit dem fast fünfzig Jahre jüngeren Schweizer Dichter Jürg Halter, geboren 1980 in Bern, zu einem in Wechselrede strukturierten Gedicht zusammengefunden, das sich formal, mit einigen Lizenzen, am «Renshi», einer modernen Form des «Renga», des altjapanischen Kettengedichts, orientiert. / Ludger Lütkehaus, NZZ 19.5.

Jürg Halter / Tanikawa Shuntaro: Sprechendes Wasser. Ein Kettengedicht. Übersetzt von Niimoto Fuminari und Eduard Klopfenstein. Secession-Verlag, Zürich 2012. Fr. 41.90.  Am Montag, 21. Mai, treten beide Autoren um 20 Uhr im Literaturhaus Zürich auf.

61. Direktheit und Freibeutertum

Die erotische Ekstase als existentielles Bedürfnis wie Hunger und Durst – eine solche Wahrnehmung gibt den Gedichten die richtige Geschwindigkeit, es geht hitzig zu, kompromisslos, unersättlich. Das Kapitel Schwenk der Sanduhr enthält zehn Gedichte, jedem Gedicht ist ein Zitat von Anne Sexton vorangestellt, schließlich verkörperte sie poetische Direktheit und erotisches Freibeutertum als Person in sich. Und von diesem Spirit, diesem Tempo lebt auch die Poesie Kerstin Beckers mit ihren kleinen Aufforderungsimperativen: Liebe das Flackern der Leiber ich sehs / meine Augen sind Wärmekameras dummer / verstockter Kerl was gibt es da noch / zu bewachen / komm / lass mich rein. / Hellmuth Opitz, Edition Das Labor

Kerstin Becker, Fasernackte Verse, Gedichte, Vorwort von Jürgen Brôcan, Bilder von Wienke Treblin, 62 Seiten, Broschur, FIXPOETRY.Verlag, Hamburg 2011.

60. Zu scharfe Kost

Meine erste Begegnung mit den Gedichten Anne Sextons löste damals einen inneren Erdrutsch aus, wie das selten, bei der Entdeckung einer Dichtung oder anderer Ausdrucksformen der Kunst geschieht. Sextons Texte hatten eine erschreckende Offenheit, Nacktheit. Ihre sprachliche Bilderflut war wie eine übersüße, starke, oder zu scharfe Kost. Etwas Hochprozentiges. Ich las und spürte: hier ging es ans Eingemachte.

Sexton war, wie Sylvia Plath, Vertreterin der Confessional Poetry; einer Poesieströmung, die im Amerika der 50’er / 60’er Jahre durch ihren intimen Charakter, der eng an die Biographie der DichterInnen gekoppelt war, Aufsehen erregte. Sexton war in erster Linie aus Selbstrettungsgründen Dichterin geworden. Ihre Texte changieren zwischen zerbrechlicher Zartheit und unerbittlicher Sezierung. Bildpralle Verse bohren sich mit psychoanalytisch forschendem Blick in Intimsphären vor der Kulisse des gesellschaftspolitischen Hintergrundes. / Kerstin Becker über Anne Sexton, fixpoetry

Anne Sexton. Verwandlungen. Hrsg. u. Vorw. v. Elisabeth Bronfen. Aus d. Amerikan. v. Silvia Morawetz. S.Fischer, Frankfurt am Main 1995

59. Drostepreisverleihung

Bereits für ihren zweiten Gedichtband, „Colloquium mit vier Häuten“ (1967) wurde sie mit dem renommierten Bremer Literaturpreis ausgezeichnet. Und auch die nachfolgenden Bücher erhielten wohlwollende Kritiken. Trotzdem ist Helga M. Novak, „eine der wahren Dichterinnen unserer Zeit“, wie der Kritiker Rolf Michaelis in einer Rezension ihres Bandes „Silvatica“ (1997) notierte, eine literarische Außenseiterin geblieben. Um mit Wolf Biermann zu reden: „Diese Dichterin ist schlimmer als nur verkannt, sie blieb einfach unbemerkt.“

Daran wird der Droste-Preis der Stadt Meersburg, den die 1935 in Berlin-Köpenick geborene Novak am Sonntag im Spiegelsaal des Meersburger Schlosses erhält, wenig ändern. Aber er setzt ein Zeichen. …

… Lyrik ist keine Option für die Masse. Das erklärt vielleicht die geringe Popularität der Dichterin, die in den 1970er- und 1980er-Jahren mit sprachlich eindrucksvollen und teils sehr persönlichen Liebes- und Naturgedichten etliche Bände füllte. Eine Auswahl ihres poetischen Oeuvres hat Michael Lentz unter dem Titel „wo ich jetzt bin“ 2005 bei Schöffling herausgebracht. Darin bricht der Schriftstellerkollege eine Lanze für die große Unbekannte: „Ihre Lyrik, besonders die späte, ist von einzigartiger suggestiver Kraft und bizarrer Schönheit“, heißt es im Nachwort. Vor zwei Jahren erschienen Novaks „Liebesgedichte“. …

Den Droste-Förderpreis, der ebenfalls am Sonntag überreicht wird, erhält die 1979 im sächsischen Grohenhaim geborene und in Berlin lebende Ulrike Almut Sandig. / Siegmund Kopitzki, Südkurier

58. Bodensee

Aber dann bekommen die beliebten Lyrismen rund um den Bodensee einen lyrischen Kanthaken verpasst: „Der See ist nicht sehr hilfreich bei Depressionen – Lieber Tabletten!“ / Ernst Köhler schreibt im Südkurier über den neuen Gedichtband des Konstanzer Lyrikers Peter Salomon.

57. Gerhard Jaschke

Gerhard Jaschke, Autor (vieler Gedicht- und anderer Bücher wie WortfestStubenreinund Blauer Schocker), Herausgeber (der Literaturzeitschrift Freibord, deren 155. Ausgabe im Frühling 2012 erschien), Verleger (der Edition Freibord mit Büchern von Peter Altenberg, Pierre Garnier, Ilse Kilic, Gerhard Rühm, Fritz Widhalm u.v.a.), hat in Wien im selben Haus wie einst Robert Musil gewohnt, wie ich beim Lesen in Abwesend anwesend – anwesend abwesend ∙ Noch mehr Weltbude erfahre, wo auch eine vielseitige Auseinandersetzung mit dem Insult stattfindet, der Jaschkes umtriebige Existenz 2008 schlagartig reorganisiert:schluß mit lustig? Weit gefehlt: auf in den nächsten wahnsinn! / Theo Breuer, Edition Das Labor

56. Matrix

2005 erscheint die erste Ausgabe der Literaturzeitschrift Matrix, die der Pop Verlag Ludwigsburg seitdem viermal im Jahr herausbringt. Gegen das Vergessen und das Vergessen des Vergessens lautet das Motto jener ersten Matrix, das man naturgemäß auch als übergreifendes Motto für alle Literatur und Kunst lesen kann. Im Mai 2012 erscheint Matrix, die Zeitschrift für Literatur und Kunst, zum 27. Mal, diesmal, nach Schwerpunktausgaben zu, beispielsweise, Herta Müller in Matrix 18, sorbischer Literatur in Matrix 24 (ediert von Róža Domašcyna) oder Thomas Bernhard in Matrix 25, mit einem Schwerpunkt zu Wjatscheslaw Kuprijanow. …

Friede­rike Mayröckers dieses Jäck­­chen (nämlich) des Vo­gel Greif überragt alle von mir gelesenen Lyriktitel des guten Jahr­gangs 2009 dermaßen, daß der Peter-Huchel-Preis fast schon wieder zu klein ist für die­ses große, lebendige Buch. Ich gehe in diesem Augenblick des Schreibens noch einen Schritt weiter und benenne dieses Jäckchen (näm­lich) des Vogel Greif als das mich am meisten begeisternde unter den von mir zur Kenntnis genommenen Gedicht­büchern im deutschen Sprachraum nach 2000. Bei jeder Ge­legen­heit wiederhole ich gern: Friederike Mayrö­cker (Man müszte wenigs­tens zwei­hundert Jahre alt werden): spätes­tens seit 1999 ein lyri­scher Liebling …

Matrix 28 erscheint Ende Juni 2012. Der Preis der rund 280 Seiten umfassenden Ausgabe (davon sind 255 Seiten dem rund um mehr als ein Dutzend neuer Gedichte von Friederike Mayröcker angelegten atmenden Alphabet, in dem kein Buchstabe ausgelassen wird,  gewidmet) beträgt, man reibe sich ruhig die Augen, es ist kein Druckfehler: 10,00 EUR. Ab sofort freut sich Traian Pop, der Verleger des POP Verlags in Ludwigsburg, auf Vorbestellungen bzw. Interesse an einem Matrix-Abonnement: pop-verlag@gmx.de/ Theo Breuer, Edition Das Labor

55. Gestorben

Der Kärntner Schriftsteller Gösta Maier ist mit 86 Jahren verstorben. Der gebürtige Oberösterreicher lebte in Wernberg und war auch unter dem Pseudonym „Karem von Zaumklink“ bekannt. 1989 erhielt er den Wilhelm-Rudnigger-Preis des ORF Kärnten. …

Sich selbst sah Maier als gewaltlosen Anarchisten, der in Lyrik, Prosa und einem kleinen Film das auslebte, was die Kärntner Realität nicht zuließ. Diese brachte er in treffsicheren Statements und geschliffenen Aphorismen auf den Punkt.

… Gösta Maier brachte den feinsinnigen „Grand Seigneur“ und den unbeugsamen Widerständler unter einen Hut und setzte sich mit spitzer Feder gegen systematische Verdummung zur Wehr.

/ Engelbert Obernosterer, ORF 18.5.

54. Verstehen, eine schlechte Praxis

Von Bertram Reinecke

Technische Anmerkung: Reineckes Aufsatz hat 50 Anmerkungen, die fast noch ein zweiter Aufsatz sind. Leider zickt wordpress bei den Sprungmarken. Ich suche nach einer Lösung (vielleicht hat jemand einen Tip?). Bitte behelfen Sie sich einstweilen mit Hoch- und Runterscrollen: es lohnt sich!

Merkwürdig: Immer wenn Stolterfoht sich poetologisch äußert, scheint in den Debatten darum alsbald ein Nebel heraufzuziehen. Der eine sieht dies, der andere das, aber über das, was da vor einem liegt, wird man sich nicht einig. Dies war bei seinen kurzen Bemerkungen im Jahrbuch der Lyrik der Fall. Dies war einige Zeit vorher auch bei seinem Beitrag für die Bella Triste so gewesen obwohl Ulf Stolterfoht sich einer klaren poetologischen Prosa bediente. Ist dies ein Indiz dafür, dass er an ein Tabu rührt? [1]

Dann könnte eine Debatte um seine Ideen sehr wichtig sein und deswegen möchte ich hier erneut Stellung zu seiner Position beziehen. [2] Um den Quereinstieg zu ermöglichen gehe ich erneut vom Text im Jahrbuch der Lyrik aus. Was dazu ansonsten von anderen und von mir geäußert wurde versuche ich [3] so weit wie möglich außen vor zu lassen.

Einen Ausgangspunkt gewinnen: Worüber wird geredet

Zunächst: Man kann die ganze Aufregung über Stolterfohts Text nicht verstehen, wenn man annähme, er habe sich einfach über seinen Gedichtgeschmack geäußert. Denn dass sich ein Dichter vielleicht für unverständlichere Gedichte mehr, für pointierte, abgesehen von ihrer Regelhaftigkeit und ihrem Anarchismus weniger interessiert, ein anderer für komische und unverständliche, ein dritter für ernste und verständliche, dass also Geschmäcker verschieden sind, bedarf keiner Diskussion. Überdies war spätestens aus seinen eigenen Gedichten erschließbar, dass Stolterfoht solche Präferenzen hat, wie er sie vorsichtig fragend und im Konjunktiv äußert.

So banal sieht der Inhalt nur aus, wenn man vorgeht wie ein Deutschlehrer, der seinen Schülern eine Aufgabe stellt oder wie ein Schüler, der eine solche Aufgabe löst. Man zieht einen Rahmen um das Problem: Was ist denn nun unstrittig Inhalt des Textes? [4] Aber da beißt sich die Katze in den Schwanz: Wenn man den Text völlig theoretisch nur als Anlass zu seiner eigenen Zusammenfassung gebraucht, mag das der wesentliche Inhalt sein. Man kann Texte aber eben auch auf verschiedene Weise gebrauchen. Er handelt auch von der Höflichkeit Stolterfohts, vielleicht von seinen Ideologien u.s.w. Allerdings: Man muss dann einen anderen als einen standardneutralen Kontext wählen. Er handelt dann von anderen Gegenständen.

Dass sich etwas als Standard etabliert hat, ist Ergebnis der lehrenden Praktiken. Wo ein Text auf einen neuen Kontext trifft, entstehen fortwährend neue Bedeutungen. Ein Text hat damit einen unabmessbaren Inhalt. Mit Bezug aufs Gedicht wird dies oft mit Emphase behauptet[5], es ist aber eine Eigenschaft von Sprache überhaupt. Das Gedicht nimmt hier keinerlei bemerkenswerte Sonderstellung ein. Dies impliziert auch Stolterfohts Bella Triste Essay. Soll das Gedicht das Ziel haben, das „Verstehen zu verstehen“, dann ist der zwanglose Übergang von seiner Sprachform zu anderen dafür Bedingung, ansonsten könnte man ja nur das Verstehen des Gedichts besser verstehen.[6]

Wählt man einen Kontext, der nach der Praxis des Umgangs mit Gedichten fragt, dürfte man weiter kommen. Immerhin handeln nur zwei, wenn auch vielleicht gewichtige, Absätze seines Jahrbuchnachworts explizit von seinen Präferenzen, während diese und sieben weitere von den Schwierigkeiten und Freuden im Umgang mit fünf Kisten voller Gedichte künden.

Dieser Faden wird von seinen Kontrahenten dann auch ausgebaut, indem Hans Thill vom Deutschunterricht spricht, Praktiken wie Verbieten, Witze machen, Konfabulieren, Auswendiglernen, Rumreichen eingeworfen werden und Axel Kutsch seine essayistischen Umgangsformen mit einem Boxkampf vergleicht. Über ein einzelnes Gedicht sind sich Axel Kutsch und Ulf Stolterfoht hingegen nicht so uneinig, wie es die Polemik nahelegt. Meine Gedichte z.B. lesen und berücksichtigen sie als Herausgeber beide, auch über die Qualität der Texte von, sagen wir, Karl Mickel könnten sie sich einig werden. Bei Thill und Trahms hingegen könnte man sich auch auf die Suche machen, ob sie trotz des Zugeständnisses gemeinsamer Präferenzen nicht hie und  da uneins mit Stolterfoht wären bei der Bewertung einzelner Gedichte, oder inwieweit die Zugeständnisse, die sie Stolterfohts Position offensichtlich machen, nicht eher argumentationstechnischer Natur sind, indem ihre Texte nach dem Muster „Ja, aber“ gebaut sind. Es bleibt auch die Frage, warum Ulf Stolterfoht hier keine Beispiele gebraucht, um seine Aussagen plastisch zu machen, wie er es beispielsweise einige Monate später dem Deutschlandfunk gegenüber getan hat.

Es gibt also etwas an dieser Diskussion, was über die Worte auf dem Papier des Jahrbuches weit hinaus reicht und mir fiel dabei auf, dass viele der gegeneinander gemachten Einwände eine unterschiedliche Auffassung bzw. Verständnisweise dessen zu Grunde liegt, was wir tun, wenn wir mit Texten umgehen.

Wie Hans Thill in seiner Antwort auf Stolterfoht[7] benutze ich hier also einen klassischen Schachzug der Interpretationskunst. Er weitet den Rahmen. Ich tue das gleiche und erweitere zunächst den Textkorpus.

Die zentrale Denkfigur?

In seinem Text für Bella Triste hatte sich Ulf Stolterfoht bereits vorher zum Thema „Verstehen“ geäußert: Es gäbe „ein Mißverständnis gegenüber dem Begriff des Verstehens: so wie es möglich sei, eine Bedienungsanleitung oder ein Kochrezept zu verstehen, müsse es, bei entsprechendem Vorwissen, möglich sein, ein Gedicht zu verstehen. Hier liegen gleich mehrere Hunde begraben. Ich bin mir nämlich überhaupt nicht so sicher, ob es tatsächlich möglich ist, einen Gebrauchstext im intendierten Sinne zu verstehen.“ Was würde es bedeuten, wenn man in diesem Satz mehr als eine paradoxale Provokation sähe? Zunächst: Um die Verständlichkeit oder  Unverständlichkeit eines konkreten Gedichts geht es nur mittelbar. Was verstehen wir überhaupt, wenn wir nicht einmal eine Gebrauchsanweisung verstehen? Hier setzt Hans Thill mit seiner Hermeneutik an, indem er das, was Stolterfoht vorschwebt, implizit  zur Deckung bringt mit dem Gemeinplatz der Hermeneutik „Verstehen ist immer Mißverstehen.“ So lässt sich, Thill meint das, einigermaßen mit einem Verstehensbegriff leben, den Stolterfoht, dem Thills Verständnisbegriff aus seinem Studium noch vertraut sein dürfte, hartnäckig ablehnt.

Stolterfohts Kritik am Verstehensbegriff zielt jedoch in eine ganz andere Richtung. Sie erinnert stark an diejenige Wittgensteins. Das ist kein Zufall. Stolterfoht kennt und schätzt insbesondere auch das Spätwerk „Philosophische Untersuchungen“  des Denkers und man wird dies kaum tun können, ohne sich zu dessen radikaler Umdeutung des Verstehensbegriffs zu positionieren, insofern es nicht übertrieben ist, diese als das Zentrum dieser Philosophie anzusprechen. Wittgenstein möchte unter anderem zeigen, dass es kein stärkeres Kriterium für ein glückendes Verstehen gibt und geben kann, als die Fortsetzung einer symbolischen Handlung durch weitere symbolische und nichtsymbolische Handlungen.[8] Insbesondere verwendet er eine große Sorgfalt darauf zu belegen, dass nirgends in der Sprache und auch nicht in Mathematik oder Geometrie[9]ein Gedankeninhalt oder ein Vorstellungsbild von hingeschriebenen Zeichenreihen ablösbar ist, der als Garant für geglücktes Verstehen einstehen könnte. Es können also die üblichen Bilder des Verstehens in der Philosophie, insofern sie immer auf ein Etwas hinter den Worten – Vorstellungen, Bilder, Begriffe oder  Gedanken  –zurückgreifen, das, was wir Verstehen nennen, nicht erklären.[10]

Weiterlesen

53. Komische Figuren

„Wie Stahl seine Konjunktur hat, hat Lyrik ihre Konjunktur. / Aufrüstung öffnet Märkte für Antikriegsgedichte. / Die Herstellungskosten sind gering. / […] Denn mittelgroße Gefühle gegen den Krieg / sind billig zu haben.“ sagt Grass

„Den Versuch, alle, denen die Revolution vorstellbar wird, als leichtfertige Schwätzer oder komische Figuren abzuschreiben, sollte man also Unwissenden wie Grass überlassen, dem es selbst an komischer Begabung nicht fehlt.“ antwortet Fried

„Selbst Marcel Reich-Ranicki konstatiert: ‚Der Name Erich Fried wird nicht in Vergessenheit geraten, darf nicht in Vergessenheit geraten.’“ betont Erhard Jöst anlässlich einer Rezension eines Bandes zu Fried von Gerrit-Jan Berendsee:

Er weist unter Zuhilfenahme der Kulturwissenschaft und von „Theorien aus der Exil- und Gedächtnisforschung“ nach, dass die Untersuchung von Frieds Gedichten „kein rein germanistisches Thema ist“.

„Die Fried-Forschung soll mit diesem Buch auf eine neue Ebene gehoben werden.“ sagt darin deren Autor und: „Ein Indiz für den fehlenden sprachlichen Einfallsreichtum im Band Liebesgedichte ist die geringe Anzahl der Rezensionen, was in Anbetracht der hohen Auflage und der Popularität überraschend ist.“

„[Erich Fried] setzte sein Handwerkszeug bewusst ein, und hat das in den 44 Jahren seiner literarischen Karriere in jedem neuen Gedichtband unter Beweis gestellt“

52. Aktueller Mittelweg

Christophe Frickers „exotische“ George Lektüre stellt Gabriela Wacker vor: Diese „Einladung“ soll offensichtlich eine beschwichtigende Funktion übernehmen. Georges Verdienste als Kriegsgegner und Zeitkritiker werden hervorgehoben, seine zweifelhafte politische Stellung sowie sein Image des ‚Dichter als Führers‘ am Vorabend des Zweiten Weltkriegs werden deutlich marginalisiert. So ist Frickers Buch als ‚Rettung‘ Georges konzipiert, der andernorts vorschnell in die Ecke präfaschistischer und päderastischer Gestalten oder zweitrangiger Lyriker gestellt wird.

Auf die Einleitung folgt eine literaturhistorische Einordnung Georges. Zwischen dem vorgängigen Dichterfürsten Geibel, dem Naturalisten Holz und dem für den jungen George wichtigen Symbolisten Mallarmé verfolge George einen „Mittelweg zwischen den beiden Extremen, zwischen einzigartiger Kreation und eindeutiger Abbildung“. Seine Modernität liege insbesondere darin, die von Kant „festgeschriebene Trennung zwischen Ethik und Ästhetik wieder durchlässig zu machen“.

Neben den Dichter-Kollegen sind auch historische Figuren für Georges Dichtung von Interesse, die Fricker ausführlich porträtiert: Ludwig II. etwa ist ein wichtiges Idol, denn dieser inspiriere neben dem spätrömischen Kaiser Elagabal Georges „Algabal“.

Um die asymmetrische Rollenverteilung im George-Kreis zu plausibilisieren, profiliert Fricker unter dem Kapitel „Dichtung als Beruf“ das Bild des Dichters als Handwerkers, als Meisters der Kunstfertigkeit, der seinen Gesellen hochwertige Produkte anbiete. Auf drei Ebenen sei Georges Wirken handwerklich, nämlich mit Blick auf „Projekt, Prozess, Produkt“. Der handwerkliche Umgang mit Dichtung meint zum Beispiel die typografische Gestaltung der Bücher, die Neuformierung klassischer Metren, aber auch Georges Vorliebe für „Werkgemeinschaft[en]“. Das Besondere sei, dass in den von Distanz und Nähe geprägten Beziehungen Georges Platz für „Arbeiten mit weit auseinanderliegenden Kernaussagen und widersprüchlichen Deutungen“ sei.

Wie genau das Handwerkliche, gemeint ist unter anderem Georges Vorliebe für die Formstrenge, mit dessen Bild vom inspirierten Dichter, vom poeta vates, zusammengeht, wird allerdings nicht thematisiert.

Ob Georges „Geheimes Deutschland“ eine politische Dimension hatte, versucht er mit einem bewusst etwas schiefen Vergleich zwischen dem Programm der Unions-Parteien für die Bundestagswahl 2009 und einem späten Gedicht Georges zu klären: Es bleibt dabei, George äußert sich politisch nicht eindeutig, und seine späte Dichtung bleibt auslegungsbedürftig.

51. Traditionsbezüge

Kai Köhler lobt die Aufsatzsammlung Bernd Leistners, die bei Andree Thiele erschienen ist:

Eine solche Wiederveröffentlichung erfordert ein gewisses Maß an Mut: Stets, weil das vor dreißig Jahren Gedachte und Geschriebene nun altbacken wirken kann, und besonders in diesem Fall, weil viele der Aufsätze über den sich bewusst als Schriftsteller der DDR verstehenden Hacks vor dem Fall der Mauer entstanden sind und sich nun ein ganz neuer Blick auf die Geschichte durchgesetzt hat.

Doch haben Leistners Schriften die Zeit überstanden, ohne Schaden zu erleiden. Das liegt, um mit dem Offensichtlichsten zu beginnen, an ihrer Sprache, die ganz ohne politischen oder methodologischen Jargon auskommt.

… und gibt Einblicke in die Situation und Schreibhaltung des Dichters:

Die Disziplin, mit der Hacks sich zur Produktion von autonomer Kunst auf höchstem Niveau zwang, während ringsum die Spekulation auf ein mitproduzierendes Publikum zur Mode wurde, wird durchaus mit Respekt dargestellt, wenn auch ein wenig Befremden anklingt. Ganz abseitig erscheint in dieser Perspektive eine Literatur der subjektiven Klage, der aus Hacks’ Sicht das Fehlen jeder Haltung vorzuwerfen ist.

Die Diskussion um Hacks’ Staatsbegriff war, damit konnte Leistner sich mit dem Dichter einig wissen, stets eine um die DDR, und die nach 1989 geschriebenen Rezensionen Leistners haben alle auch zum Thema, dass Hacks schon in der Spätphase der DDR zum „Staatsdichter ohne Staat“ geworden war.

Hier ließe sich die Frage anschließen, wie man wieder zu einem Staat kommt, den man mit gutem Gewissen bedichten könnte. Die Fragestellungen, mit denen Leistner an Hacks’ Werke herantritt, sind immer noch aktuell; Autor und Verlag ist für die Zusammenstellung seiner Aufsätze zu danken.