2005 erscheint die erste Ausgabe der Literaturzeitschrift Matrix, die der Pop Verlag Ludwigsburg seitdem viermal im Jahr herausbringt. Gegen das Vergessen und das Vergessen des Vergessens lautet das Motto jener ersten Matrix, das man naturgemäß auch als übergreifendes Motto für alle Literatur und Kunst lesen kann. Im Mai 2012 erscheint Matrix, die Zeitschrift für Literatur und Kunst, zum 27. Mal, diesmal, nach Schwerpunktausgaben zu, beispielsweise, Herta Müller in Matrix 18, sorbischer Literatur in Matrix 24 (ediert von Róža Domašcyna) oder Thomas Bernhard in Matrix 25, mit einem Schwerpunkt zu Wjatscheslaw Kuprijanow. …
Friederike Mayröckers dieses Jäckchen (nämlich) des Vogel Greif überragt alle von mir gelesenen Lyriktitel des guten Jahrgangs 2009 dermaßen, daß der Peter-Huchel-Preis fast schon wieder zu klein ist für dieses große, lebendige Buch. Ich gehe in diesem Augenblick des Schreibens noch einen Schritt weiter und benenne dieses Jäckchen (nämlich) des Vogel Greif als das mich am meisten begeisternde unter den von mir zur Kenntnis genommenen Gedichtbüchern im deutschen Sprachraum nach 2000. Bei jeder Gelegenheit wiederhole ich gern: Friederike Mayröcker (Man müszte wenigstens zweihundert Jahre alt werden): spätestens seit 1999 ein lyrischer Liebling …
Matrix 28 erscheint Ende Juni 2012. Der Preis der rund 280 Seiten umfassenden Ausgabe (davon sind 255 Seiten dem rund um mehr als ein Dutzend neuer Gedichte von Friederike Mayröcker angelegten atmenden Alphabet, in dem kein Buchstabe ausgelassen wird, gewidmet) beträgt, man reibe sich ruhig die Augen, es ist kein Druckfehler: 10,00 EUR. Ab sofort freut sich Traian Pop, der Verleger des POP Verlags in Ludwigsburg, auf Vorbestellungen bzw. Interesse an einem Matrix-Abonnement: pop-verlag@gmx.de. / Theo Breuer, Edition Das Labor
Der Kärntner Schriftsteller Gösta Maier ist mit 86 Jahren verstorben. Der gebürtige Oberösterreicher lebte in Wernberg und war auch unter dem Pseudonym „Karem von Zaumklink“ bekannt. 1989 erhielt er den Wilhelm-Rudnigger-Preis des ORF Kärnten. …
Sich selbst sah Maier als gewaltlosen Anarchisten, der in Lyrik, Prosa und einem kleinen Film das auslebte, was die Kärntner Realität nicht zuließ. Diese brachte er in treffsicheren Statements und geschliffenen Aphorismen auf den Punkt.
… Gösta Maier brachte den feinsinnigen „Grand Seigneur“ und den unbeugsamen Widerständler unter einen Hut und setzte sich mit spitzer Feder gegen systematische Verdummung zur Wehr.
/ Engelbert Obernosterer, ORF 18.5.
Von Bertram Reinecke
Technische Anmerkung: Reineckes Aufsatz hat 50 Anmerkungen, die fast noch ein zweiter Aufsatz sind. Leider zickt wordpress bei den Sprungmarken. Ich suche nach einer Lösung (vielleicht hat jemand einen Tip?). Bitte behelfen Sie sich einstweilen mit Hoch- und Runterscrollen: es lohnt sich!
Merkwürdig: Immer wenn Stolterfoht sich poetologisch äußert, scheint in den Debatten darum alsbald ein Nebel heraufzuziehen. Der eine sieht dies, der andere das, aber über das, was da vor einem liegt, wird man sich nicht einig. Dies war bei seinen kurzen Bemerkungen im Jahrbuch der Lyrik der Fall. Dies war einige Zeit vorher auch bei seinem Beitrag für die Bella Triste so gewesen obwohl Ulf Stolterfoht sich einer klaren poetologischen Prosa bediente. Ist dies ein Indiz dafür, dass er an ein Tabu rührt? [1]
Dann könnte eine Debatte um seine Ideen sehr wichtig sein und deswegen möchte ich hier erneut Stellung zu seiner Position beziehen. [2] Um den Quereinstieg zu ermöglichen gehe ich erneut vom Text im Jahrbuch der Lyrik aus. Was dazu ansonsten von anderen und von mir geäußert wurde versuche ich [3] so weit wie möglich außen vor zu lassen.
Zunächst: Man kann die ganze Aufregung über Stolterfohts Text nicht verstehen, wenn man annähme, er habe sich einfach über seinen Gedichtgeschmack geäußert. Denn dass sich ein Dichter vielleicht für unverständlichere Gedichte mehr, für pointierte, abgesehen von ihrer Regelhaftigkeit und ihrem Anarchismus weniger interessiert, ein anderer für komische und unverständliche, ein dritter für ernste und verständliche, dass also Geschmäcker verschieden sind, bedarf keiner Diskussion. Überdies war spätestens aus seinen eigenen Gedichten erschließbar, dass Stolterfoht solche Präferenzen hat, wie er sie vorsichtig fragend und im Konjunktiv äußert.
So banal sieht der Inhalt nur aus, wenn man vorgeht wie ein Deutschlehrer, der seinen Schülern eine Aufgabe stellt oder wie ein Schüler, der eine solche Aufgabe löst. Man zieht einen Rahmen um das Problem: Was ist denn nun unstrittig Inhalt des Textes? [4] Aber da beißt sich die Katze in den Schwanz: Wenn man den Text völlig theoretisch nur als Anlass zu seiner eigenen Zusammenfassung gebraucht, mag das der wesentliche Inhalt sein. Man kann Texte aber eben auch auf verschiedene Weise gebrauchen. Er handelt auch von der Höflichkeit Stolterfohts, vielleicht von seinen Ideologien u.s.w. Allerdings: Man muss dann einen anderen als einen standardneutralen Kontext wählen. Er handelt dann von anderen Gegenständen.
Dass sich etwas als Standard etabliert hat, ist Ergebnis der lehrenden Praktiken. Wo ein Text auf einen neuen Kontext trifft, entstehen fortwährend neue Bedeutungen. Ein Text hat damit einen unabmessbaren Inhalt. Mit Bezug aufs Gedicht wird dies oft mit Emphase behauptet[5], es ist aber eine Eigenschaft von Sprache überhaupt. Das Gedicht nimmt hier keinerlei bemerkenswerte Sonderstellung ein. Dies impliziert auch Stolterfohts Bella Triste Essay. Soll das Gedicht das Ziel haben, das „Verstehen zu verstehen“, dann ist der zwanglose Übergang von seiner Sprachform zu anderen dafür Bedingung, ansonsten könnte man ja nur das Verstehen des Gedichts besser verstehen.[6]
Wählt man einen Kontext, der nach der Praxis des Umgangs mit Gedichten fragt, dürfte man weiter kommen. Immerhin handeln nur zwei, wenn auch vielleicht gewichtige, Absätze seines Jahrbuchnachworts explizit von seinen Präferenzen, während diese und sieben weitere von den Schwierigkeiten und Freuden im Umgang mit fünf Kisten voller Gedichte künden.
Dieser Faden wird von seinen Kontrahenten dann auch ausgebaut, indem Hans Thill vom Deutschunterricht spricht, Praktiken wie Verbieten, Witze machen, Konfabulieren, Auswendiglernen, Rumreichen eingeworfen werden und Axel Kutsch seine essayistischen Umgangsformen mit einem Boxkampf vergleicht. Über ein einzelnes Gedicht sind sich Axel Kutsch und Ulf Stolterfoht hingegen nicht so uneinig, wie es die Polemik nahelegt. Meine Gedichte z.B. lesen und berücksichtigen sie als Herausgeber beide, auch über die Qualität der Texte von, sagen wir, Karl Mickel könnten sie sich einig werden. Bei Thill und Trahms hingegen könnte man sich auch auf die Suche machen, ob sie trotz des Zugeständnisses gemeinsamer Präferenzen nicht hie und da uneins mit Stolterfoht wären bei der Bewertung einzelner Gedichte, oder inwieweit die Zugeständnisse, die sie Stolterfohts Position offensichtlich machen, nicht eher argumentationstechnischer Natur sind, indem ihre Texte nach dem Muster „Ja, aber“ gebaut sind. Es bleibt auch die Frage, warum Ulf Stolterfoht hier keine Beispiele gebraucht, um seine Aussagen plastisch zu machen, wie er es beispielsweise einige Monate später dem Deutschlandfunk gegenüber getan hat.
Es gibt also etwas an dieser Diskussion, was über die Worte auf dem Papier des Jahrbuches weit hinaus reicht und mir fiel dabei auf, dass viele der gegeneinander gemachten Einwände eine unterschiedliche Auffassung bzw. Verständnisweise dessen zu Grunde liegt, was wir tun, wenn wir mit Texten umgehen.
Wie Hans Thill in seiner Antwort auf Stolterfoht[7] benutze ich hier also einen klassischen Schachzug der Interpretationskunst. Er weitet den Rahmen. Ich tue das gleiche und erweitere zunächst den Textkorpus.
In seinem Text für Bella Triste hatte sich Ulf Stolterfoht bereits vorher zum Thema „Verstehen“ geäußert: Es gäbe „ein Mißverständnis gegenüber dem Begriff des Verstehens: so wie es möglich sei, eine Bedienungsanleitung oder ein Kochrezept zu verstehen, müsse es, bei entsprechendem Vorwissen, möglich sein, ein Gedicht zu verstehen. Hier liegen gleich mehrere Hunde begraben. Ich bin mir nämlich überhaupt nicht so sicher, ob es tatsächlich möglich ist, einen Gebrauchstext im intendierten Sinne zu verstehen.“ Was würde es bedeuten, wenn man in diesem Satz mehr als eine paradoxale Provokation sähe? Zunächst: Um die Verständlichkeit oder Unverständlichkeit eines konkreten Gedichts geht es nur mittelbar. Was verstehen wir überhaupt, wenn wir nicht einmal eine Gebrauchsanweisung verstehen? Hier setzt Hans Thill mit seiner Hermeneutik an, indem er das, was Stolterfoht vorschwebt, implizit zur Deckung bringt mit dem Gemeinplatz der Hermeneutik „Verstehen ist immer Mißverstehen.“ So lässt sich, Thill meint das, einigermaßen mit einem Verstehensbegriff leben, den Stolterfoht, dem Thills Verständnisbegriff aus seinem Studium noch vertraut sein dürfte, hartnäckig ablehnt.
Stolterfohts Kritik am Verstehensbegriff zielt jedoch in eine ganz andere Richtung. Sie erinnert stark an diejenige Wittgensteins. Das ist kein Zufall. Stolterfoht kennt und schätzt insbesondere auch das Spätwerk „Philosophische Untersuchungen“ des Denkers und man wird dies kaum tun können, ohne sich zu dessen radikaler Umdeutung des Verstehensbegriffs zu positionieren, insofern es nicht übertrieben ist, diese als das Zentrum dieser Philosophie anzusprechen. Wittgenstein möchte unter anderem zeigen, dass es kein stärkeres Kriterium für ein glückendes Verstehen gibt und geben kann, als die Fortsetzung einer symbolischen Handlung durch weitere symbolische und nichtsymbolische Handlungen.[8] Insbesondere verwendet er eine große Sorgfalt darauf zu belegen, dass nirgends in der Sprache und auch nicht in Mathematik oder Geometrie[9]ein Gedankeninhalt oder ein Vorstellungsbild von hingeschriebenen Zeichenreihen ablösbar ist, der als Garant für geglücktes Verstehen einstehen könnte. Es können also die üblichen Bilder des Verstehens in der Philosophie, insofern sie immer auf ein Etwas hinter den Worten – Vorstellungen, Bilder, Begriffe oder Gedanken –zurückgreifen, das, was wir Verstehen nennen, nicht erklären.[10]
„Wie Stahl seine Konjunktur hat, hat Lyrik ihre Konjunktur. / Aufrüstung öffnet Märkte für Antikriegsgedichte. / Die Herstellungskosten sind gering. / […] Denn mittelgroße Gefühle gegen den Krieg / sind billig zu haben.“ sagt Grass
„Den Versuch, alle, denen die Revolution vorstellbar wird, als leichtfertige Schwätzer oder komische Figuren abzuschreiben, sollte man also Unwissenden wie Grass überlassen, dem es selbst an komischer Begabung nicht fehlt.“ antwortet Fried
„Selbst Marcel Reich-Ranicki konstatiert: ‚Der Name Erich Fried wird nicht in Vergessenheit geraten, darf nicht in Vergessenheit geraten.’“ betont Erhard Jöst anlässlich einer Rezension eines Bandes zu Fried von Gerrit-Jan Berendsee:
Er weist unter Zuhilfenahme der Kulturwissenschaft und von „Theorien aus der Exil- und Gedächtnisforschung“ nach, dass die Untersuchung von Frieds Gedichten „kein rein germanistisches Thema ist“.
„Die Fried-Forschung soll mit diesem Buch auf eine neue Ebene gehoben werden.“ sagt darin deren Autor und: „Ein Indiz für den fehlenden sprachlichen Einfallsreichtum im Band Liebesgedichte ist die geringe Anzahl der Rezensionen, was in Anbetracht der hohen Auflage und der Popularität überraschend ist.“
„[Erich Fried] setzte sein Handwerkszeug bewusst ein, und hat das in den 44 Jahren seiner literarischen Karriere in jedem neuen Gedichtband unter Beweis gestellt“
Christophe Frickers „exotische“ George Lektüre stellt Gabriela Wacker vor: Diese „Einladung“ soll offensichtlich eine beschwichtigende Funktion übernehmen. Georges Verdienste als Kriegsgegner und Zeitkritiker werden hervorgehoben, seine zweifelhafte politische Stellung sowie sein Image des ‚Dichter als Führers‘ am Vorabend des Zweiten Weltkriegs werden deutlich marginalisiert. So ist Frickers Buch als ‚Rettung‘ Georges konzipiert, der andernorts vorschnell in die Ecke präfaschistischer und päderastischer Gestalten oder zweitrangiger Lyriker gestellt wird.
Auf die Einleitung folgt eine literaturhistorische Einordnung Georges. Zwischen dem vorgängigen Dichterfürsten Geibel, dem Naturalisten Holz und dem für den jungen George wichtigen Symbolisten Mallarmé verfolge George einen „Mittelweg zwischen den beiden Extremen, zwischen einzigartiger Kreation und eindeutiger Abbildung“. Seine Modernität liege insbesondere darin, die von Kant „festgeschriebene Trennung zwischen Ethik und Ästhetik wieder durchlässig zu machen“.
Neben den Dichter-Kollegen sind auch historische Figuren für Georges Dichtung von Interesse, die Fricker ausführlich porträtiert: Ludwig II. etwa ist ein wichtiges Idol, denn dieser inspiriere neben dem spätrömischen Kaiser Elagabal Georges „Algabal“.
Um die asymmetrische Rollenverteilung im George-Kreis zu plausibilisieren, profiliert Fricker unter dem Kapitel „Dichtung als Beruf“ das Bild des Dichters als Handwerkers, als Meisters der Kunstfertigkeit, der seinen Gesellen hochwertige Produkte anbiete. Auf drei Ebenen sei Georges Wirken handwerklich, nämlich mit Blick auf „Projekt, Prozess, Produkt“. Der handwerkliche Umgang mit Dichtung meint zum Beispiel die typografische Gestaltung der Bücher, die Neuformierung klassischer Metren, aber auch Georges Vorliebe für „Werkgemeinschaft[en]“. Das Besondere sei, dass in den von Distanz und Nähe geprägten Beziehungen Georges Platz für „Arbeiten mit weit auseinanderliegenden Kernaussagen und widersprüchlichen Deutungen“ sei.
Wie genau das Handwerkliche, gemeint ist unter anderem Georges Vorliebe für die Formstrenge, mit dessen Bild vom inspirierten Dichter, vom poeta vates, zusammengeht, wird allerdings nicht thematisiert.
Ob Georges „Geheimes Deutschland“ eine politische Dimension hatte, versucht er mit einem bewusst etwas schiefen Vergleich zwischen dem Programm der Unions-Parteien für die Bundestagswahl 2009 und einem späten Gedicht Georges zu klären: Es bleibt dabei, George äußert sich politisch nicht eindeutig, und seine späte Dichtung bleibt auslegungsbedürftig.
Kai Köhler lobt die Aufsatzsammlung Bernd Leistners, die bei Andree Thiele erschienen ist:
Eine solche Wiederveröffentlichung erfordert ein gewisses Maß an Mut: Stets, weil das vor dreißig Jahren Gedachte und Geschriebene nun altbacken wirken kann, und besonders in diesem Fall, weil viele der Aufsätze über den sich bewusst als Schriftsteller der DDR verstehenden Hacks vor dem Fall der Mauer entstanden sind und sich nun ein ganz neuer Blick auf die Geschichte durchgesetzt hat.
Doch haben Leistners Schriften die Zeit überstanden, ohne Schaden zu erleiden. Das liegt, um mit dem Offensichtlichsten zu beginnen, an ihrer Sprache, die ganz ohne politischen oder methodologischen Jargon auskommt.
… und gibt Einblicke in die Situation und Schreibhaltung des Dichters:
Die Disziplin, mit der Hacks sich zur Produktion von autonomer Kunst auf höchstem Niveau zwang, während ringsum die Spekulation auf ein mitproduzierendes Publikum zur Mode wurde, wird durchaus mit Respekt dargestellt, wenn auch ein wenig Befremden anklingt. Ganz abseitig erscheint in dieser Perspektive eine Literatur der subjektiven Klage, der aus Hacks’ Sicht das Fehlen jeder Haltung vorzuwerfen ist.
Die Diskussion um Hacks’ Staatsbegriff war, damit konnte Leistner sich mit dem Dichter einig wissen, stets eine um die DDR, und die nach 1989 geschriebenen Rezensionen Leistners haben alle auch zum Thema, dass Hacks schon in der Spätphase der DDR zum „Staatsdichter ohne Staat“ geworden war.
Hier ließe sich die Frage anschließen, wie man wieder zu einem Staat kommt, den man mit gutem Gewissen bedichten könnte. Die Fragestellungen, mit denen Leistner an Hacks’ Werke herantritt, sind immer noch aktuell; Autor und Verlag ist für die Zusammenstellung seiner Aufsätze zu danken.
Ausgezeichnet worden ist der 33-Jährige [in Meran] für seinen Zyklus „das schwarzbuch die farbfotos“ mit dem Alfred-Gruber-Preis, der mit 3 500 Euro dotiert ist. Darin setzt Wenzel mit ideenreichen Wortschöpfungen seiner Heimat – dem Ruhrgebiet allgemein und auch der Stadt Hamm speziell – ein derart originelles Denkmal, dass dies sogar dem Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Zeitung eine positive Würdigung wert war.
Zurzeit bereitet Wenzel als Herausgeber eine Anthologie mit rund zwei Dutzend westfälischen Lyrikern vor, in der neben Texten von ihm selbst auch Texte der Hammer Autoren Jan Szkudlarek [sic] und Andreas Bülhoff enthalten sein werden. Die Anthologie wird voraussichtlich im Sommer im „Sic-Literaturverlag“ erscheinen. / Westfälischer Anzeiger 10.5.
In der Süddeutschen Zeitung vom 9.5. schreibt Carlos Spoerhase über ökonomische Metaphern in der amerikanischen Literaturwissenschaft. Dabei geht er auf die Lyriker und Literaturwissenschaftler Adam Kirsch und Charles Bernstein ein:
Kirsch deutet den Niedergang der kleinen Buchhandlungen, die Verkleinerung der Kulturteile in den großen Zeitungen, die Verlagerung des Literaturbetriebs ins Internet und die kulturelle Randständigkeit der Literatur in den USA als Indizien für ein multiples kulturelles Organversagen, das den baldigen Zahlungsausfall des Systems ‚Literatur‘ nach sich ziehen werde. Kirsch geht es aber nicht allein darum, ob sich anspruchsvollere Literatur noch gut verkauft und Resonanz in den maßgeblichen Medien findet. Die Melancholie seines Prologs wird vielmehr von dem Eindruck gespeist, dass ein großes literarisches Traditionsunternehmen, das in den letzten 3000 Jahre aufgebaut wurde, nun dem Ende entgegengeht: Der kulturelle Kanon verliert seine Wirkmacht. (…)
Der Lyriker und Literatheoretiker Charles Bernstein, der an der University of Pennsylvania lehrt, hat das eben in ‚Poetry Bailout Will Restore Confidence of Readers‘ versucht (Charles Bernstein: Attack of the Difficult Poems. University of Chicago Press). Laut Bernstein sei auf dem Buchmarkt viel zu lange mit bloßen Poesie-Derivaten und giftigen Literatur-Anleihen gehandelt worden. Nun gelte es, die von verantwortungslosen Autoren und gierigen Verlegern produzierte Poesie wieder stärker zu beaufsichtigen. Vor allem aber müsse eine große Menge von wertlosen Gedichten, von ungedeckten ’subprime poems‘ vom Markt genommen werden, um dem massiven Vertrauensverlust der Lyrikleser entgegen zu wirken.
In dieser ebenso konsequenten wie satirischen Übertragung der ökonomischen Metapher auf den Bereich der Literatur ist der Leser der Betrogene, der nach fremden Regulierungsinstanzen ruft. Nicht so bei Kirsch. Hinter Kirschs kulturkritischer Klage über den aktuellen Wertverfall der Literatur steht eine andere Figur: Es ist der Poet in der Rolle des betrogenen Investors, der sich um die pflichtschuldige Überweisung seiner Kettenbrief-Dividende gebracht sieht.
Der 87jährige Dichter Ernesto Cardenal erhält den diesjährigen Premio Reina Sofía (Königin-Sofía-Preis) für Iberoamerikanische Literatur. Der Preis wird seit 21 Jahren vergeben – jetzt zum ersten Mal an einen Nikaraguaner. Er ist mit 42.000 € dotiert und soll das poetische Werk eines lebenden Autors auszeichnen, das durch seinen literarischen Wert eine bedeutende Bereicherung des kulturellen Erbes Lateinamerikas und Spaniens darstellt.
Der Botschafter Spaniens in Nikaragua, León de la Torre Krais, würdigte den berühmten Dichter bei einem intimen Empfang mit Freunden und Mitgliedern des Internationalen Poesiefestivals Granada (Nikaragua). Cardenal sagte: „Dieser Preis bedeutet mir viel. Ich wurde fast nie ausgezeichnet, der einzige internationale Poesiepreis, den ich erhielt, war der chilenische Pablo-Neruda-Preis, den mir die damalige Präsidentin Michelle Bachelet überreichte“. / El nuevo diario
Thomas Kunst
ZUSAMMEN KOCHEN, TANGO-KURS, MUSEUM,
Zur Ausstellungseröffnung und zur Disse.
Du willst zuviel, ich mache Kompromisse.
Vergiß nicht morgen unser Jubiläum.
Dein Telefon liegt auf dem Tisch, behalts
Getrost so bei, die Strahlen in der Nacht –
Ich habe meinen Finger naß gemacht
Und lösch das Display neben deinem Hals.
Wir schlafen wenig, das war erst die zweite,
Die erste Nachricht klang schon sehr vertraut.
Du antwortest nicht gleich, das kann noch warten.
Die Walther weicht mir nicht mehr von der Seite.
Ich mache Übungen und bin nicht laut.
Die Sehnsucht zählt zu deinen Eigenarten.
Am Vorabend des Himmelfahrtstags 2012 laden wir zum einmaligen Ausflug in die Surrealität:
Aristokratie & Wahnsinn – Spoken word Kammermusik
Elsa Fitzgerald & Ribi Rimini (Bern/Schweiz)
Mittwoch, 16. Mai, 20 Uhr
PANDA Theater (Kulturbrauerei, 2. Hof, neben der Literaturwerkstatt)
Eintritt 5,- € (nur Abendkasse)
Eine köstliche Entdeckung…
Herzlich willkommen!
***
—
Berliner Literarische Aktion e.V.
Kastanienallee 2
D – 10435 Berlin
Tel.: ++49 (0) 30 / 53 15 59 63
email: info@berliner-literarische-aktion.de
www.berliner-literarische-aktion.de
Am Freitagabend hatte das zusammen mit der Schlösserstiftung präsentierte Stück „O, meine Phantasie ist heftig“ um die aus ärmlichen Verhältnissen stammende, in höfische Künstlerkreise aufgestiegene Dichterin Anna Louisa Karsch im Schlosstheater Premiere und wurde vom Publikum begeistert aufgenommen. …
Im Zentrum des musikalischen Programms steht eine großartige Auswahl an Vertonungen von Gedichten der „deutschen Sappho“ und ihres Freundes Gleim durch Komponisten wie Carl Philipp Emanuel Bach und die Königsschwester Anna Amalie von Preußen. / Märkische Allgemeine
„Im riesigen Wortwalzwerk der Gegenwartsdichtung muss es eine Gießerei geben, in der der ganze Wortbruch und -schrott geschmolzen und Chemisch analysiert wird, um, durch die verschiedenen Abteilungen gegangen, als glänzender Stahl zu funkeln, scharf und elastisch.
Schmelzhütte des Worts zu sein, ist die Funktion Krutschonychs und der Gruppe seiner Sa’umer.“ hieß es da, und entfachte von neuem meine Suche nach den Gespenstern. Eine Einzelpublikation mit Texten Krutschonychs fand ich noch nicht, aber eine zweibändige Ausgabe mit den Werken Chlebnikows, die Peter Urban bei Rowohlt besorgt hatte. Das war schon mal ein Anfang. Und es sollte lange ein Anfang bleiben. Zwanzig Jahre lang, man wagt es gar nicht auszusprechen.
Im letzten Jahr dann erschien im jungen aber jetzt schon verdienstvollen Verlag Reinecke & Voß Krutschonychs „Phonetik des Theaters“. Valeri Scherstjanoi, der unverwüstliche Lautpoet hat sie besorgt und ausgestattet. Das kam für mich einer Befreiung gleich. Endlich hatte das Gespenst einen Körper bekommen. Dieses Buch gibt nun, zwar keinen erschöpfenden, aber einen instruktiven Einblick in das Wortwalzwerk des Sa’um. Und das Buch hat etwas erfrischend Zeitgemäßes, weil es nicht nur an der Dichtung, sondern auch an der Inszenierung der Dichtung arbeitet. Weil es eine Einheit aus Klang, Geste, Gebärde, Bewegung vorstellt, die dieses Kunstwerk ist, das wir eher vorläufig Gedicht nennen, denn:
„Die Aufgabe der sa-umnischen Sprache ist: Eine für die gegebene Sprache ungewöhnliche Lautreihe zu erspüren, das Ohr und den Hals, die den Laut aufnehmenden und reproduzierenden Organe des Hörens und des Sprechens zu erfrischen.“ (Krutschonych in: Woher und wie kamen die Sa-umniki? Phonetik des Theaters. S.64) / Jan Kuhlbrodt, Poetenladen
Alexej Krutschonych
Phonetik des Theaters
Herausgegeben von Valeri Scherstjanoi
Reinecke & Voß 2011
10 Euro, Taschenbuch
Seltsamer Kauz, dieser steppende Conférencier im Glitzerfrack. Lobt die schönen Menschen, die schöne Stadt, das schöne Theater. Und klagt im nächsten Moment radebrechend: „Weiß ich wirklich nicht, wo ist meine Heimat.“ Unvermittelt lässt er Heiner Müllers Lyrik in seine Rede gewittern, „im Regen aus Vogelkot im Kalkfell“, und im nächsten Moment droht er einem Zuschauer „Ich hau dir Fresse ein“. Aber hey, nur Spaß! Ein unberechenbarer Zeitgenosse, dieser Badearzt Tomas Stockmann. Noch dazu ist er schwarz. / Patrick Wildermann über eine Ibseninszenierung, Potsdamer Neueste Nachrichten
Auch nicht schlecht, also wer näher an Paris ist:
Monday 14th May 7:00 pm
Shakespeare & Company, 37 rue de la Bûcherie, 75005 Paris
Tonight we welcome a marathon reading of poets from Brooklyn-based indie Ugly Duckling Presse, ‚a publishing collective specializing in experimental poetry and new editions of forgotten textual artists, produces lovely, cheeky books by authors you’ve probably never heard of but your grandchildren will likely read in college.‘ – New York Times. Afterwards stay for music with punk, electronic Paris-based Ava’s Verden http://www.myspace.com/avasverden.
Authors include Steve Dalachinsky, the author of In Glorious Black & White; Christian Hawkey, the author of three books of poetry and associate professor at Pratt Institute; Filip Marinovich; Matvei Yankelvich, author of Today I Wrote Nothing;
Yuko Otomo bilingual poet and author of Garden: Selected Haiku, Small Poems, The Hand of the Poet, Cornell Box Poems, Genesis, and Fragile; Sarah Riggs, a translator and author of 60 Textos along with 28 télégrammes and 43 Post-Its, also a member of the bilingual poetry association Double Change; Jacqueline Waters, the author of the poetry collection A Minute Without Danger, and two chapbooks, The Saw That Talked and The Garden of Eden a College; Uljana Wolf the author of two books of poetry, kochanie ich habe brot gekauft and falsche freunde, as well as the essay BOX OFFICE. Hosted by Vladislav Davidzon.
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