Schwanengesang

Horst Bingel 

(* 6. Oktober 1933 in Korbach; † 14. April 2008 in Frankfurt am Main) 

Schwanengesang

Das Leben, die Dichter, das Ende stets 
in Bronze, der Traum vom Kuß der 
Haselnuß, eine Girlande im 
Wind, das Leben, die 
Dichter, ewig, und 
doch, der letzte 
Kuß, das Denkmal, 
ein Taubenklo.

Aus: Versnetze. Das große Buch der neuen deutschen Lyrik. Herausgegeben von Axel Kutsch. Verlag Ralf Liebe, Weilerswist 2008, S. 241

Johannes Kühn †

Der saarländische Lyriker Johannes Kühn starb am 3. Oktober im Alter von 89 Jahren. Hier ein Gedicht aus seinem Band „Ganz ungetröstet bin ich nicht“ von 2007.

DORFVERÄNDERUNG

Wiedersehn
mit dem alten Freund halt ich, der kann erzählen 
wie ein Brunnen, doch ich täusch mich, 
denn er klagt, als sei ich zu beschuldigen, fragt, 
wo die alten Kirschbäume hingekommen sind, 
und der alte Landweg mit braven Kieselsteinchen 
wurde schwarz aus Teer.
Der verrohrte Bach 
schickt kein Murmeln mehr.
Vögel sind ausgewandert, 
Gärten eingeebnet zu einem Platz 
für parkende Wagen.
Ja, was hat er denn, 
so sieht es heut aus!
Firmen mit vielen Arbeitern wirkten hier.
Meint er, daß diese Flur, die verschwand, 
mir gehört, mir unterstanden hat?
Ich bin kein Bürgermeister, 
ich ging durchs Dorf 
wohl früher auch beseligt hin.
Stehn ließ ich den Freund.
Unschuldig bin ich.
Lang schon trag ich den Hut des Verlachten.

Aus: Johannes Kühn, Ganz ungetröstet bin ich nicht. Gedichte. Hrsg. Irmgard und Benno Rech. München: Hanser, 2007, S. 57.

Letzte Buchung

Peter Wawerzinek

Testament

Ich möchte keinen Menschen kennen 
der mir ein Grab schaufelt.
Ich will dass der Totengräber auf Magma trifft.
Ich möchte nicht dass eine Frau 
nach meinem Abgang mein Bett macht.
Ihren Pinscher hineinlebt.
Im Alter möchte ich keine Anerkennung.
Niemanden an meinem Grab sehen.
Ich will keine Ehrenloge. Keinen Platz 
neben besseren Toten.
Jahre in einem Hemd 
immer eine Jeans 
woher der Mantel stammt 
vergessen.

Rotkohl und Stampfkartoffeln. An Jubeltagen 
laute Gesänge und Zähneknirschen. Wie Nebel 
so dick das Gebrüll der Lautsprecher.

Wer hörte die alte Frau im Hausflur Böses reden.
Der Glanz ihrer Haare. Erinnerte an Rauch.

Aus: Peter Wawerzinek: Die letzte Buchung. Gedichte. Hrsg. Urs Engeler und Christian Filips. Magdeburg, Berlin u. Schupfart, September 2023, S. 64

ich weiß

Papenfußserie #5. Noch ein Buch aus dem Jahr 1990.

Bert Papenfuß

(* 11. Januar 1956 in Stavenhagen; † 26. August 2023] in Berlin) 

w i s s e n  &  m a c h t

ich weiß
daß du weißt 
daß ich weiß
daß du nicht weißt 
& zwar weder ein noch aus
– ach, mach dir nichts draus

du weißt 
daß ich weiß 
daß du weißt 
daß ich nicht weiß 
& zwar weder ein noch aus
– das macht mir nichts aus

weißt du
»was weiß ich« 
daß wir wissen 
daß wir nicht wissen 
& zwar weder ein noch aus
– wie man's macht, macht man's

Aus: Vorwärts im Zorn. Mit Grafiken von Strawalde. Berlin: Aufbau Verlag 1990, S. 53

Der Gast

Sabahettin Kudret Aksal

(* 25. April 1920 Istanbul, † 19. April 1993)

Der Gast.

ES SCHELLTE
Herein kam 
der Kirschbaum.

Aus dem Türkischen von Annemarie Schimmel, aus: Aus dem goldenen Becher. Türkische Gedichte aus sieben Jahrhunderten. Köln:Önel, 1993, S. 216

AI sagt dazu:

„The poem is short and concise. The use of imagery with the arrival of the cherry tree creates a vivid and intriguing scene. The translation by Annemarie Schimmel maintains the essence of the original Turkish poem. Well done!“

warum ist diese welt so schlecht

Konrad Bayer 

(* 17. Dezember 1932 in Wien; † 10. Oktober 1964 ebenda)

marie dein liebster wartet schon 

marie dein liebster wartet schon 
mit einer stange von beton
in seiner guten sanften hand 
im haar trägt er ein seidenband 

er schlägt den prügel dir ums ohr 
da spritzt das blut gar hell empor 
dein neuer hut er ging entzwei 
ihm war das alles einerlei 

warum geht er so eilends fort 
warum spricht er kein einzig wort 
was hat den knaben so bewegt 
dass er dich einfach niederschlägt

er war so still er war so zart 
sein kinn war weich und unbehaart 
wer hätte das von ihm gedacht 
marie er hat dich umgebracht 

hat grausam dir und ohne grund 
zerschlagen deinen rosenmund
nun liegst du hier und kannst nicht fort 
die strasse ist ein schlimmer ort 

zu sterben denn es schickt sich nicht 
dass man im freien augen bricht 
warum ist diese welt so schlecht 
warum war er so ungerecht

Aus: Konrad Bayer, Sämtliche Werke. Hrsg. Gerhard Rühm. Überarb. Neuausgabe 1996. Wien: ÖBV–Kledtt-Cotta, 1996, S. 95

Der Dichter mal großzügig bezahlt, mal geizig

Dschalāl ad-Dīn Muhammad Rūmī – kurz Rumi genannt

(geboren am 30. September 1207 in Balch, heute in Afghanistan, oder Wachsch bei Qurghonteppa, heute in Tadschikistan; gestorben am 17. Dezember 1273 in Konya, Türkei)

Aus dem Masnawī

Ein Dichter trug dem Schah einst ein Gedicht vor, 
     auf Würden, Rang und Ehrenkleider hoffend.
Der edle Schah ließ tausend goldne Münzen 
     ihm geben und 'ne Fülle an Geschenken.
Da sagte der Wesir: »Das ist zu wenig.
     Gib ihm zehntausend, dann geh er getrost!
Bezeugt ein Dichter Geist, dann sind zehntausend 
     von dir, du Meer der Fülle, doch sehr wenig!«
(...)

Nach ein paar Jahren steckte dieser Dichter 
     in Not, es fehlte ihm das täglich Brot.
Er sprach: » Wenn Armut kommt und Mangel, sucht man
     am besten dort, wo man's bereits versucht hat.
Am Hof, der mir so große Gunst gewährte, 
     trag ich erneut nun mein Ersuchen vor.«

(...)           Der Dichter kam des Wegs, 
     verschuldet und enorm des Golds bedürftig.
Er brachte das Gedicht dem Schah und hoffte 
     auf solche Gaben wie im Jahr zuvor, 
ein liebliches Gedicht voll echter Perlen, 
     verfasst in Hoffnung auf die frühre Gunst.
Der König ließ ihm tausend Dinar geben, 
     denn das war die Gewohnheit dieses Schahs.
Doch diesmal war der wohlgesonnene Wesir 
     vom Diesseits glorreich abgereist;
an seiner statt amtierte nun ein neuer, 
     der äußerst gnadenlos und geizig war.
Der sprach: »Oh Schah, wir haben hohe Kosten, 
     für einen Dichter ziemt sich dies Geschenk nicht.
Mit einem Vierzigstel davon kann ich
     den Dichter glücklich und zufrieden machen.«

Aus dem Persischen von Otto Höschle, aus: Rūmī, Masnawī. Gesamtausgabe in zwei Bänden. 2. Band, Xanten: Chalice, 2021, V. 1156-1213

Du warst albern wie wir

Heute vor 50 Jahren starb der Dichter W. H. Auden. Hier aus seinem Gedicht zum Gedenken an den irischen Dichter W. B. Yeats (deutsche Fassung von Ernst Jandl).

Wystan Hugh Auden 

(* 21. Februar 1907 in York; † 29. September 1973 in Wien) 

In Memory of W. B. Yeats 
(D. Jan. 1939)

2

You were silly like us; your gift survived it all:
The parish of rich women, physical decay, 
Yourself. Mad Ireland hurt you into poetry.
Now Ireland has her madness and her weather still, 
For poetry makes nothing happen: it survives 
In the valley of its making where executives 
Would never want to tamper, flows on south 
From ranches of isolation and the busy griefs, 
Raw towns that we believe and die in; it survives, 
A way of happening, a mouth.
Du warst albern wie wir; deine Gabe überdauerte alles:
Die Gemeinde reicher Frauen, körperlichen Verfall, 
Dich selbst. Narr Irland quälte dich zur Dichtung.
Irlands Narrheit und Wetter bestehen weiter, 
Denn Dichtung bewirkt nichts: sie überdauert 
Im Tal ihrer Erzeugung, wo die Exekutive 
Ihre Finger einzieht, fließt nach Süden weiter 
Von Gehöften der Isolation und des emsigen Kummers, 
Rauhen Dörfern, wo wir glauben und sterben; sie überdauert, 
Eine Art Zufall, einen Mund.

Aus: Poesie der Welt. England. Auswahl Walter Schmiele. Frankfurt/Main, Berlin, Wien: Ullstein, 1985, S. 302f

Meine unverletzlichen Blätter

Sophie Reyer

:
Weißt du noch 
wir Hand in Hand

als wir beim 
Drachensteigen

in den Landschaften 
unserer

Kindheiten 
damals

keiner geht 
über dieselbe

Wiese 
zurück

Aus: Meine unverletzlichen Blätter

Iranisch-deutscher Dichter

Cyrus Atabay (* 6. September 1929 in Teheran; † 26. Januar 1996 in München) war ein Neffe des Schahs von Persien, der in Deutschland und der Schweiz ausgebildet wurde, seine Muttersprache verlernte und ein deutscher Dichter wurde.

Ab 1952 studierte Atabay Germanistik in München. Seit Anfang der 1960er Jahre lebte er abwechselnd in Teheran und London, wo er 1978 – als Neffe von Schah Mohammad Reza Pahlavi durch die Islamische Revolution staatenlos geworden – Asyl erhielt. Die deutschen Behörden lehnten es ab, Atabay ein Visum auszustellen. In London pflegte Atabay eine Freundschaft mit Elias Canetti. Erst 1983 konnte Atabay nach München zurückkommen.

https://de.wikipedia.org/wiki/Cyrus_Atabay
Schach

Die Türme fielen in Feindes Hand, 
meine Bauern habe ich verloren, 
weise mich nicht aus deinem Land:
 ich bringe dir die Gaben eines Mohren.

Zum Henker mit den Königinnen, 
die schmieden nur Ränke und Lug,
ohne Mann und Roß stehe ich vor deinen Zinnen, 
ein armer König–: du bist am Zug.

Aus: Cyrus Atabay, Gedichte. Frankfurt/Main und Leipzig: Insel, 1991, S. 33

Deutsch-amerikanischer Dichter

Franz Daniel Pastorius oder Francis Daniel Pastorius war ein deutscher Dichter in Nordamerika, der einzige deutschsprachige Barockdichter jener Breiten. Eigentlich ein mehrsprachiger Dichter, der Deutsch, Englisch und Niederländisch schrieb, oft gemischt und mit lateinischen Zitaten durchsetzt.

Die Allgemeine Deutsche Biographie (Band 25 / 1887) schreibt über ihn:

Pastorius: Franz Daniel P. wurde am 26. September 1651 zu Sommerhausen im bairischen Unterfranken geboren, machte seine Studien in Straßburg, Basel und Jena und wanderte 1683 als Bevollmächtigter der Frankfurter Gesellschaft nach Amerika aus. Hier gründete er die erste deutsche Ansiedelung in Germantown, die jetzt einen Theil von Philadelphia bildet, und entwickelte hier als Richter, Bürgermeister und Lehrer bis zu seinem am 27. September 1719 erfolgten Tode eine außerordentliche Thätigkeit. Daneben war er litterarisch äußerst fruchtbar; seine Schriften sind nicht alle erhalten, doch lassen sich 43 Werke, meist gemeinnützigen Inhalts, Reisebeschreibungen etc. nachweisen. Als Dichter machte er sich bekannt durch seine „Deliciae hortenses. Eine Sammlung deutscher epigrammatischer Gedichte“ (1710).

Franz Brümmer.

Hier eins seiner englischen Gedichte, das auf Diskussionen in sozialen Netzwerken deutscher Dichter im 21. Jahrhundert immer noch passt.

John Samuel and Henry Pastorius.

Concerning the next foregoing Leaves, which contain some of my
rhytmical Fancies I would not have you spend any time in the
Imitating thereof. For as to Poesie I give you the same Council,
Ovidius Naso had given to him by his Father:
    Saepe Pater dixit—Studium quid inutile tentas?
    Moeonides nullas ipse reliquit Opes.*
    From Poëtry Poverty in all ages arose,
    Therefore my Children content you with Prose,
Or at least, Let Meeter-making not be your Profession, but Recreation,
Not only because Poëts seldom die rich, but also because that he is
twice an Ass that is a Riming one; and that I never knew
none, who was not a Lover of strong Liquor.
Poëtae Potum, amant & sua Pocla Camoenae, Faecundi Calices quem
„non fecere disertum? Horat. &c.
Evacuare Scyphos nostri potuere Parentes, Possumus & nostros
evacuare Scyphos.** &c &c.
And if these Sheets should happen to fall into any other mans hand,
I say no more but
    Read Reader, read judiciously,
    Shun implicit Credulity;
    Prove first and then approve the good,
    Judge not of things not understood.
Job 34:3; 1 Thess. 5:2[1].“

Übersetzung von DeepL (von mir nur wenig korrigiert):

* ) “Vater sagte oft: welche unnützen Studien treibst du? Selbst Moeonides [Spitzname Homers] hat keine Reichtümer hinterlassen.“

**) Die Dichter lieben das Getränk und die Musen ihre Pokale, denn wen haben die Pokale noch nicht beredt gemacht? Horaz &c. (…)

Was die nächsten vorstehenden Blätter betrifft, die einige meiner
rhythmischen Phantasien enthalten, möchte ich nicht, dass Ihr Zeit damit verbringt, 
dieselben nachzuahmen. Denn was die Poesie betrifft, gebe ich Euch 
denselben Rat, den Ovidius Naso von seinem Vater erhalten hatte:
    Saepe Pater dixit-Studium quid inutile tentas?
    Moeonides nullas ipse reliquit Opes.*
    Aus der Poesie ist die Armut zu allen Zeiten entstanden,
    Drum, meine Kinder, begnügt euch mit Prosa,
Oder lasst wenigstens die Dichterei nicht zu eurem Beruf, sondern zu eurem Zeitvertreib werden,
Nicht nur, weil Dichter selten reich sterben, sondern auch, weil derjenige
doppelt Esel ist, der sich reimt; und dass ich nie einen gekannt
der nicht ein Liebhaber des starken Branntweins war.
Poëtae Potum, amant & sua Pocla Camoenae, Faecundi Calices quem
"non fecere disertum? Horat. &c.
Evacuare Scyphos nostri potuere Parentes, Possumus & nostros
evacuare Scyphos.* &c &c.
Und wenn diese Blätter zufällig in die Hand eines anderen Menschen fallen sollten,
so sage ich nichts weiter als
    Lies, Leser, lies mit Verstand,
    Meide unbedingte Leichtgläubigkeit;
    Prüfe erst und billige dann das Gute,
    Richtet nicht über Dinge, die ihr nicht versteht.
Hiob 34:3; 1 Thess. 5:2[1]."

Übersetzt mit www.DeepL.com/Translator (kostenlose Version)

Aus: The Francis Daniel Pastorius Reader. Writings by an Early American Polymath. Patrick Erben, Alfred Brophy, Margo Lambert. Pennsylvania State University Press 2020

Kameen

Sonja vom Brocke

Aus: Kameen

Ein Haar

»Wie meinen Sie: lang und glatt oder kringelig?«

Schämen Sie sich 
am meisten für Scham?
Schnippeln Sie 
Ihre Lappen ab 
um mittig akkurat zu glänzen?

***

Gräsern Fessel Trunke Nixen (m/w)
          mw mw wm.          die
          wm       hermaphroditi-
          mw mus   sche See

***

die gegenwärtigen Hunde 
im O – der Fibel, der Duft-
kladee, o.
Rufen sie lauthals 
nach Freihälsen

In: Sonja vom Brocke, Venice singt. Gedichte. Berlin: kookbooks, 2015, S. 47 / 48 / 49

Der Schnee hat eine Stimme

Anna Rheinsberg

Der Schnee hat eine Stimme 
Wie der Mann, der kam, um 
Mich zu töten. Ich bin ein Lampion, 
Eine Eisblume auf Japanpapier.
Kein Ausgang. Das Haus ist leer.
Nur das Lächeln sitzt noch davor 
Und jede Menge Müll. Manchmal 
Liebt mich ein Flüchtling. Ich bin 
Kein Lächeln. Ich bin Godzilla, 
Mit einem Hut aus Wolken.
Eine Kleinigkeit dich zu finden 
Und dir die Zunge herauszureißen.
Wozu brauchst du eine Zunge 
Wenn du nicht sprichst?
Du bist das Lager, ein alter 
Gummistiefel. Das bist du.
Papi. Mein Staubbeutel. Warum 
So still? Komm herüber 
Und erzähl mir vom Untergang 
Der Titanic. Ich schwamm neben dir

Aus: Anna Rheinsberg: Mit dem Hund geh’n. Berlin: Schock Edition, EdK/Distillery, 2012

Die Zukunft liegt etwas zurück

Rolf Bossert 

(* 16. Dezember 1952 in Reșița, Volksrepublik Rumänien; † 17. Februar 1986 in Frankfurt am Main) 

HÄLFTE DES LEBENS

Der Mann mit dem 
tauben Fünfzehnuhrblick 
kommt wieder zu früh.
Der will jetzt sein Bier.

Dort drüben tickt wachsam
die Uhr der Fabrik.
Er drängt sich zum Tresen.
Daneben stehn wir.

Ihr kennt mich von gestern?
Ich bin Hans-im-Glück.
Was macht noch der Rote?
Mensch. Gut ist es hier.

Keine Angst, was. Die Zukunft 
liegt etwas zurück.
Wir schaffen acht Flaschen.
Er weint. Zehn vor vier.

Aus: Rolf Bossert, Um den Preis einer Vorsilbe. Gedichte. Hrsg. Ernest Wichner. Perleberg, Berlin: hochroth, 2009, S. 8

pardon wird nicht gegeben

Theo Breuer

                                  Natur wie gemalt.
                                  Axel Kutsch

leben • fakten • qualen 

bensch denkt grad an die nackten 
stellen eines mädchens
blickt vis-à-vis der finstren frau 
in lichtgrau vorgetäuschte augen 
leckt bald latte milch luft schaum 
wie andre auch dort im café

bensch schau bloß auf die uhr 
und bilde dir kleine rosen ein 
feine rosen azurblauroseros
( nie mehr wird ›ros‹ noch mal ›rose‹ sein ) 
und • auf mein wort • sehr wilde pflaumen 
delicious / so sweet / and so cold

bensch denkt grad an die nackten 
stellen eines mädchens 
die traumhaft natürliche 
kräuselung des kaumhaars 
trotz kalten kaffees
sticht es an zung und gaumen

zahlen • zahlen – neinnein • pardon • 
wird nicht gegeben

Aus: Versnetze_zehn. Deutschsprachige Lyrik der Gegenwart. Hrsg. Axel Kutsch. Weilerswist: Ralf Liebe, 2017, S. 155