Der Henker von Paris

Fritz Graßhoff

(* 9. Dezember 1913 in Quedlinburg; † 9. Februar 1997 in Hudson, Kanada)

DER HENKER VON PARIS

Ist wer zu henken in Paris,
so macht das Jean Plumecoque.
Der trägt den scharlachroten Rock
und von Seide ein weißes Chemise.
Erscheint er auf dem Blutgerüst,
dann seufzen die Frauen:
Wie schön er ist!

Und wenn er zuschlägt, schwingt er stolz
das Beil und trifft präzis,
genau zwei Finger überm Chemise,
und der Kopf rollt herunter vom Holz.
Zweihundert köpfte er schon und mehr.
Und die Frauen seufzen:
Wie stark ist er!

Und spritzt das Blut ihm auf die Hand,
dann wischt er's in ein weißes Tuch
und wirft's mit einem leisen Fluch
in die Menge hinunter vom Stand.
Da wird's zerrissen und geküßt.
Und die Frauen seufzen:
Wie süß er ist!

Aus: Fritz Graßhoff: Halunkenpostille. Rumpelkammerromanzen Hafenballaden Spelunkensongs. Mit Zeichnungen von ihm selbst. Duisburg: Carl Lange, 1955 (26.-28. Tausend), S. 47

Jelisaweta Kulman (1808-1825)

273 Wörter, 1 Minute Lesezeit.

Wenn man einmal mit den Jubiläen anfängt, kommt man nicht wieder raus. Heute vor 200 Jahren starb in St. Petersburg die Dichterin Elisabeth, russisch Jelisaweta Kulman. Sie war fürwahr ein Wunderkind, sprach und schrieb viele Sprachen perfekt und dichtete in mindestens dreien: Russisch, Deutsch und Italienisch. Nicht mal ebenso ein paar Kleinigkeiten, sondern jeweils ein paar hundert Seiten. Goethe und Ingold haben sie gelobt, Robert Schumann hat sie vertont. Sie starb mit 17 Jahren, irgendwo hab ich sie mal eine Schwester der Sibylla Schwarz genannt.

Elisabeth Kulmann

(russisch Елисавета Борисовна Кульман/Jelissaweta Borissowna Kulman; * 5.jul./ 17. Juli 1808 greg. in Sankt Petersburg; † 19. November jul./ 1. Dezember 1825 greg. ebenda)

Hier eins ihrer deutschen Gedichte (eins, das mich an ihre ältere Schwester in Greifswald erinnert im Geist und in der Motivik).

Meine Lebensart.

In der ganzen Stadt ist keine
Hütte kleiner als die meine;
Für mich ist sie groß genug.
Noch viel kleiner ist mein Gärtchen,
Ich nur gehe durch sein Pförtchen;
Doch auch so ist’s groß genug.

Zweimal setz’ ich mich zu Tische,
Etwas Fleisch, Kohl, Grütze, Fische;
Hungrig ging ich nie zur Ruh.
Ja, im Sommer, ess’ ich Beeren:
Him- und Erd- und Heidelbeeren,
Oft kommt eine Birn dazu.

Bisher hatt’ ich stets zwei Kleider;
Viele Menschen haben, leider!
Eines nur, und das noch schwach,
Klagen wäre eine Sünde!
Arm ist nur der Lahme, Blinde,
Und die Waise ohne Dach.

Aus: Gemäldesammlung in 30 Sälen, Erster Saal, Nummer 5. In: Elisabeth Kulman, Sämmtliche Dichtungen. Herausgegeben von Karl Friedrich von Grossheinrich. Frankfurt a. M. : H.L. Brönner, 1851, S. 8. (Man muss ziemlich lange blättern bis dahin, weil eine lateinisch nummerierte Biografie vorangeht).

Auf die Nuss

192 Wörter, 1 Minute Lesezeit.

Vor 300 Jahren und 3 Tagen oder, je nachdem welche Quelle man benutzt, vor 301 Jahren und 13 Tagen wurde die Poetin und Philosophin Johanna Charlotte Unzer geboren. Sie war „eine bedeutende deutsche Schriftstellerin „anakreontischer“ Lyrik. Sie schrieb Trinklieder „mit pastoralen Anspielungen, Lieder voll heiteren Flirtens, rationalistische Oden und Naturgedichte“ (so die englischsprachige Wikipedia). Mag alles sein, aber sie konnte es den Herren der Schöpfung auch scharf heimzahlen. Als der berühmte anakreontische Dichter Gleim die Frauen mit Puppen verglich, flirtete sie nicht zurück, sondern haute seinen Geschlechtsgenossen eins auf die Nuss.

Johanna Charlotte Unzer

(* 27. November 1725 in Halle an der Saale; † 29. Januar 1782 in Altona)

Nachricht

Nun, da es Gleim im Scherz geschrieben,
Dass alle Mägdchen Puppen wären;
Hält mancher uns im Ernst für Puppen,
Als wären wir für ihn gedrechselt.
Doch wisst, ihr stolzen Mädchenkenner,
Ihr kleinen Zwecke kleiner Puppen!
Als die Natur uns euch bestimmte,
Damit ihr mit uns spielen möchtet;
Sah sie euch an als kleine Kinder,
Die noch nicht unterscheiden können.

Aus: Frauen | Lyrik. Gedichte in deutscher Sprache. Im Auftrag der Wüstenrot Stiftung herausgegeben und mit einem Nachwort versehen von Anna Bers. Stuttgart: Reclam, 2020, S. 164.

Brief

166 Wörter, 1 Minute Lesezeit.

Alberto Hernández | 1952, Calabozo

Brief

ich habe sehr eigenartige Nachrichten erhalten von deinem Tod,
schon deshalb wünschte ich, einer deiner Nachbarn dort
in New York bezeugte das so, als Wahrheit

und wenn ihm's gelingt

umso besser

was uns angeht, hier, da wir noch leben, bleibt alles wie's ist
wir gehen dahin und atmen den allen gemeinsamen Hauch,
ausgedünnt dieses alltägliche Leid

es fällt mir schwer, mich zu verabschieden, so ist aber das Hassenswerte

Aus dem venezolanischen Spanisch von Geraldine Gutiérrez-Wienken mit Rainer René Mueller, aus: Noch bleibt uns das Haus | Aún nos queda la casa. Lyrik aus Venezuela. Hochroth Heidelberg, 2018, S. 29

Carta

he recibido noticias confusas de tu muerte
sin embargo deseo que algún vecino tuyo allá en nueva york
le imprima valor a esta verdad

y de lograrlo

bien

por aquí, si es que estamos, seguimos en lo mismo:
nos matamos y respiramos un aliento común enrarecido
la misma pesadumbre

me cuesta despedirme, pero así son las cosas del odio

Ebd. S. 28

Anne Dorn (1925-2017)

106 Wörter, 1 Minute Lesezeit.

Verpasst den 100. Geburtstag der Dichterin Anne Dorn, die vor 8 Jahren in hohem Alter verstorben ist.

Anne Dorn 

(* 26. November 1925 in Wachau; † 8. Februar 2017 in Köln)

Willkomm

Die Stille bricht ein Tor ins Haus,
kommt mit Armeen unausgesprochener Gedanken,
Berührungen und Düften, körperlos.
Der Wind verhält, die Uhren reden streng,
die Äpfel wahren sich in ihren Kernen.
Fotografien ziehen sich zurück
in ihre Rahmen. Bücher klammern
die festen Deckel um den schwarzen Inhalt.
Alle Maschinen schrumpfen zum Standby.
Abbruch des projektierten Lebens. Wohltat
der alten Fragen, die von innen strahlen.

Aus: Anne Dorn, Wetterleuchten. Gedichte. Leipzig: poetenladen, 2011 (Reihe Neue Lyrik, Band 1), S. 61

sprachzeiten

409 Wörter, 2 Minuten Lesezeit.

Ekkehard und Wilfriede Maaß veranstalteten seit 1978 in ihrer Wohnung in Ostberlin inoffizielle Lesungen und Konzerte. Viele Besucher kamen, nicht nur die Autoren und Künstler der Untergrundszene, sondern auch prominente DDR-Autoren und Künstler wie Armin Müller-Stahl, Rainer Kirsch, Volker Braun, Helga Königsdorf und Christa und Gerhard Wolf sowie Besucher aus dem sozialistischen und nichtsozialistischen Ausland wie Bulat Okudshawa und Allen Ginsberg. Die Stasi war auch immer dabei und produzierte Anwesenheitslisten und Berichte. Peter Böthig hat eine umfangreiche Dokumentation herausgegeben mit Bildern, Texten und Spitzelberichten. Daraus heute von einer Lesung von Uwe Kolbe vom 29. März 1981 sowie von einem späteren Spitzelbericht.

Die Einladungsgrafik von Rainer Lietze (Bonar) zeigt die Mauer am Ende der Bernauer Straße.

Uwe Kolbe

»GEDICHTE, DACHT ICH, WERDEN NACHTS GESCHRIEBEN«
Ja, manchmal stimmt's, der platte Tag verdreckt
Die Hoffnung, klebt mit Losungen dem freien Auge
Jede Tiefe, jeden Schatten zu, umstellt
Die blütenfeste drillichfein, der panscht den
Wein zu Wasser, lobt Inzest von Hemdenblau
Und Bindenrot und uniformem Blaugrüngrau, der
Übt den Stechschritt, pflegt die Tradition,
Der treibt geschickt zurück in irgendein Jahrtausend
Seinen Schüler, bis er nichts mehr sucht,
Der nimmt im Sommer kaum noch Abschied,
Herzt die Schwester, bis auch sie verstaubt,
Und morgens nur ins Lied der ersten Amsel
Fall ich ein und lüge uns ein wahres Liebeslied.

Aus: Peter Böthig (Hrsg.): sprachzeiten. Der Literarische Salon von Ekke Maaß. Eine Dokumentation von 1978 bis 2016. Berlin: Lukas Verlag, 2017, S. 60f

Information über die Gründung eines Bundes unabhängiger Schriftsteller auf Initiative von Uwe Kolbe (…) Die Absicht von Uwe Kolbe war es zum einen, ein soziales Absicherungsnetz zu schaffen, z.B. mit einer gemeinsamen Kasse, um Autoren, die in sozial unsicheren Verhältnissen leben, zu helfen, und zum anderen ein Informationsnetz zu schaffen, für den Fall, dass jemand verhaftet wird oder in einer anderen Art mit den Sicherheitsorganen in Konflikt gerät. D.h., dass in diesem Fall durch Anderson oder Elke Erb ein Verlag in der BRD benachrichtigt wird, mit der Bitte, eine Öffentlichkeit herzustellen (in westlichen Medien).

Notiz des bearbeitenden Stasihauptmanns:

Der IM berichtet ehrlich und zuverlässig. Info ist nur im MfS auswertbar. (…) Der IM wurde beauftragt, sich zielgerichtet weiter in dieser Gruppe zu integrieren, um den Kontakt zu (Name geschwärzt) und Endler auszubauen. Zielstellung ist es, ins Blickfeld des evangelischen Akademiepfarrers [Name geschwärzt) zu kommen, um den IM im Rahmen von Schriftstellerlesungen bei [Name geschwärzt] an die Familie heranzuführen.

Aus: Ebd. S. 61f

IM: Inoffizieller Mitarbeiter
MfS: Ministerium für Staatssicherheit

Moos und Kristall

367 Wörter, 2 Minuten Lesezeit.

Die zweite vergessene expressionistische Dichterin, an die Alfred Richard Meyer in seiner „maer von der musa expressionistica“ erinnert, ist Lore von Recklinghausen. Von ihr kennen die Antiquare ein paar mehr Bücher und es gibt das Minimum biografischer Information, dass sie 1898 geboren wurde, Rundfunkmitarbeiterin war und 1946 noch lebte. Meyer gibt auch von ihr zwei Gedichte ohne Überschrift (oder vielleicht Gedichtfragmente?), aber von ihr gibt er keine Quelle an, und ich habe auch keinen Gedichtband von ihr gefunden, nur Volkslieder um 1900 und Soldatenlieder, die sie gesammelt und in drei Anthologien zwischen 1935 und 1941 herausgegeben hat. Vielleicht hat sie um 1920 oder später Gedichte veröffentlicht oder wie Vegesack, über den er vor dem Zitat spricht, nach 1945? Hier ihre Geschichte in der musa expressionistica:

(…) vom Expressionistischen verblieb die expressio, der Ausdruck, das Abgewandte, das Verinnerlichte. So auch für Lore von Recklinghausen, die den „Großen Schritt“ erkannte und nun das Moos so zur Seele sprechen läßt:

Ich bin das Moos, bin das älteste Wesen, 
das sich das Urmeer gebar.
Ehe noch Gras und Getiere gewesen,
atmete ich in Gefahr.

Dürre und Frost und der Winde Drehen,
Fluten erschrecken mich nicht.
Alle Geburten und alles Vergehen
sah ich, und jedes Gericht,
das sich die Schöpfung heraus beschworen,
konnte ich überstehn.

Lerne du Seele, sonst bist du verloren,
und deine Spuren verwehn,
wie die Riesenechse und Farne
mit dem Schachtelhalmwald.
Weltenwenden vernichten, ich warne:
Nur das Weise wird alt.

Menschenseele, du jüngstes der Wesen,
werde beständig wie Moos.
Mächtiger bist du und auserlesen,
dann – wie kein zweites so groß.

Ein anderes Mal ist es, daß die Dichterin vor dem Kristall steht, der also zum Verstande spricht:

In den Kristallen ist erstarrt 
die Erde, durchsichtig und hart,
ein Spiegel dem Verstand.

Gott Logos hat sie so erbaut,
und wer durch ihre Formen schaut,
hat sein Gesetz erkannt.

So Klares mag der Mensch nicht seh'n,
will es vernebeln, es verdreh'n,
und dünkt sich sehr gescheit.

Dabei geht er wohl bald zugrund.
Die Erde dreht sich weiter rund.
Kristalle haben Zeit.

Aus: alfred richard meyer: die maer von der musa expressionistica. zugleich eine quasi-literaturgeschichte mit über 130 beispielen. düsseldorf: die faehre, 1948, S. 101f

Die Dichterin im Zoo

409 Wörter, 2 Minuten Lesezeit.

Der deutsche Expressionismus war Männersache, mit der einen Ausnahme Else Lasker-Schüler. Da kann es für mehr als mich interessant sein, dass der expressionistische Verleger Alfred Richard Meyer, der sich als Autor Munkepunke nannte, in seiner 1948 im Verlag Die Fähre, Düsseldorf erschienenen Schrift „die maer von der musa expressionistica“ zwei weitere Autorinnen nennt und mit jeweils zwei Gedichtproben vorstellt. Über beide ist sogutwie nichts in Erfahrung zu bringen bis auf ein paar Bücher, im Fall von Gertrud Werla sogar nur ein Buch, das 1921 in seinem Verlag erschien. Bei einem Antiquar lese ich: „(= Lyrische Flugblätter, Nr. 93); EA.; Original-Pappband mit Deckelholzschnitt von M. Wels und wiederholt als Titel, 12° (14,5 x 11,5 cm), 16 S. auf unbeschnittenem Büttenpapier.“ Nicht ohne Wehmut erinnert er sich im zerstörten Berlin nach dem zweiten Krieg an die Atmosphäre in der Weltstadt Berlin wenige Jahre nach dem ersten, ich zitiere seine Worte mit den beiden eingestreuten Gedichten von Gertrud Werla.

Das war einmal um die Gedächtniskirche zu Berlin herum die Beschwingtheit, um den Zoo, wo die Dichterin Gertrud Werla vor den Käfigen stand („Tiere“, A. R. Meyer, Verlag, 1921), um immer wieder vor den Eulen stehen zu bleiben:

Ihr runden, runden Augen, 
Wissen schreckvoller Nächte,
stumm geheimnisvoller Gründe.
Ihr Augen, Augen.
Warum seht ihr mich immer an?
Ich stehe nicht mehr vor euren Käfigen.
Ich stehe bei bunten Paradiesvögeln,
bei süßen Kolibri und Lustvögeln aus Florida.
Aber immer noch seht ihr mich an,
ihr runden, runden Augen,
Wissen schreckvoller Nächte,
ihr Gründe, Gründe.
O Unaussprechliches
im Schlaf erfühltes.
Ich weiß, ihr seid die Augen meiner Augen.

Von den Eulen, von den Flamingos, von den Affen, von den Adlern, von den Pfauen, von den Kamelen zur Schlangenfütterung:

Verstrickter Leiber Schauer 
schieben sich
Erdbeben in Hügel von Jade.
Gespaltene Zungen
zittern
Wollust in smaragdenen Kelchen hin.
Und Schuppen
sind Silberfächer in der Hand kleiner Japanerinnen,
grüne Blätter aus Obsidian, der auf Vulkanboden wuchs.
Ein weißes Zicklein steht bebend hinein,
Tod, Ahnung, Fluchtversuch,
Mysterium, Opfer,
Verurteilung und ewige Verwandlung.
Da trägt sich's zu
im grünen Aquariumlicht
hinter dicklichen Glasscheiben:
Einsargung lebendigen Auges,
Zerstieben der Sterne,
Aufsaugung, Qual und unerhörte Begebung.
Leiber schieben sich
jach.

Die Dimensionen dieses Ortes sind ausgelöscht. Ein Trümmerfeld. Hart kam der große Tod über alle Tiere.

Aus: alfred richard meyer: die maer von der musa expressionistica. zugleich eine quasi-literaturgeschichte mit über 130 beispielen. düsseldorf: die faehre, 1948, S. 97f.

Die Gedichte tragen in der Ausgabe von 1921 die jeweiligen Titel „Eulen“ und „Schlangenfütterung“.

May Song

328 Wörter, 2 Minuten Lesezei

Lisa Jeschke / Lucy Beynon

May Song

How beautiful shines
To me, the nature!
How the sun glows!
How the mead smiles!

Blossoms penetrate
From each branch
And a thousand voices
Out of the shrubbery

And joy, and joy
From each breast.
O earth, o sun,
O joy o lust!

O love, o love!
As golden, as beautiful
As the morning clouds
On those heights

You bless gloriously
The fresh field
The blossoms' steam
The bountiful world.

O girl, girl,
How I love you!
Your eyes gaze!
How you love me!

This is the way the lark loves
Song and air
And morning flowers,
The smell of heaven.

How much I love you,
My blood warmed
By you, for me, a youth,
And joy and courage

For new songs
And dances.
May you be happy eternally,
As long as you love me.

May Song ist von Lucy Beynon und Lisa Jeschke. Und Goethe natürlich. Es ist eine fast wörtliche Übersetzung, mit Akzenten. Gut geeignet um die Möglichkeiten der Sprachen zu betrachten, und die Akzente der AutorInnen.

Aus: Lisa Jeschke: Die Anthologie der Gedichte betrunkener Frauen. hochroth München 2019, S. 21

Lisa Jeschke, geboren 1958, lebt nach längerem Aufenthalt in Großbritannien seit 2016 in München.

Johann Wolfgang Goethe

Mayfest.*

Wie herrlich leuchtet
Mir die Natur!
Wie glänzt die Sonne!
Wie lacht die Flur!

Es dringen Blüten
Aus iedem Zweig,
Und tausend Stimmen
Aus dem Gesträuch,

Und Freud und Wonne
Aus ieder Brust.
O Erd o Sonne
O Glück o Lust!

O Lieb’ o Liebe,
So golden schön,
Wie Morgenwolken
Auf ienen Höhn;

Du segnest herrlich
Das frische Feld,
Im Blütendampfe
Die volle Welt.

O Mädchen Mädchen,
Wie lieb’ ich dich!
Wie blinkt dein Auge!
Wie liebst du mich!

So liebt die Lerche
Gesang und Luft,
Und Morgenblumen
Den Himmels Duft,

Wie ich dich liebe
Mit warmen Blut,
Die du mir Jugend
Und Freud und Muth

Zu neuen Liedern,
Und Tänzen giebst!
Sey ewig glücklich
Wie du mich liebst!

*) später Mailied

Ihr dummen Kerle

509 Wörter, 3 Minuten Lesezeit (inclusive des spanischen Originaltexts)

Sor Juana Inés de la Cruz 

( * 12. November 1648 in San Miguel Nepantla, heute Mexiko; † 17. April 1695 in Mexiko-Stadt)

Ihr dummen Kerle, die ihr Frauen 
grundlos anklagt, ohne zu sehen,
dass ihr selbst die Ursache seid
für das, was ihr ihnen unterstellt,

in eurem zügellosen Verlangen
erwartet ihr noch, dass sie sich zieren,
was schert euch denn die Moral,
wenn ihr zum Gegenteil anstiftet.

Ihr zwingt ihren Widerstand nieder
und gebt euch dann ernsthaft empört,
werft ihr Leichtfertigkeit vor, der Frau,
die eurem lüsternen Drängen nachgibt.

Euer vermeintlicher Mut ist so albern
und gleicht dem Mut eines Kinds,
das sich ein Gespenst ausdenkt,
vor dem es eines Tags dann erschrickt.

Deutsche Version von Christoph W. Bauer, in manuskripte. Zeitschrift für Literatur 249/2025, S. 185f

Das ist nur ein Auszug – die ersten 4 Strophen – des folgenden Gedichts. Die Zeitschrift bringt Auszüge aus verschiedenen Gedichten in einem Aufsatz des Übersetzers sowie Fortschreibungen von Sabine Gruber, Ariane von Graffenried, Jan Koneffke, Dieter Zwicky, Frieda Paris, Timo Brandt, Nika Pfeifer und Arne Rautenberg innerhalb der Reihe Dichter*in im Fokus.

Letra de Hombres Necios Que Acusáis

Hombres necios que acusáis
a la mujer sin razón,
sin ver que sois la ocasión
de lo mismo que culpáis.

Si con ansia sin igual
solicitáis su desdén,
¿por qué queréis que obren bien
si las incitáis al mal?

Combatís su resistencia
y luego con gravedad
decís que fue liviandad
lo que hizo la diligencia.

Parecer quiere el denuedo
de vuestro parecer loco
al niño que pone el coco
y luego le tiene miedo.

Queréis con presunción necia
hallar a la que buscáis,
para pretendida, Tais,
y en la posesión, Lucrecia.

¿Qué humor puede ser más raro
que el que, falto de consejo,
él mismo empaña el espejo
y siente que no esté claro?
Con el favor y el desdén
tenéis condición igual,
quejándoos, si os tratan mal,
burlándoos, si os quieren bien.

Opinión ninguna gana,
pues la que más se recata,
si no os admite, es ingrata,
y si os admite, es liviana.

Siempre tan necios andáis
que con desigual nivel
a una culpáis por cruel
y a otra por fácil culpáis.

¿Pues cómo ha de estar templada
la que vuestro amor pretende,
si la que es ingrata ofende
y la que es fácil enfada?

Mas entre el enfado y pena
que vuestro gusto refiere,
bien haya la que no os quiere
y queja enhorabuena.

Dan vuestras amantes penas
a sus libertades alas
y después de hacerlas malas
las queréis hallar muy buenas.
¿Cuál mayor culpa ha tenido
en una pasión errada:
la que cae de rogada
o el que ruega de caído?

¿O cuál es más de culpar,
aunque cualquiera mal haga:
la que peca por la paga
o el que paga por pecar?

¿Pues para qué os espantáis
de la culpa que tenéis?
Queredlas cual las hacéis
o hacedlas cual las buscáis.

Dejad de solicitar
y después con más razón
acusaréis la afición
de la que os fuere a rogar.

Bien con muchas armas fundo
que lidia vuestra arrogancia,
pues en promesa e instancia
juntáis diablo, carne y mundo.

Luftzug von tausend Jahren

WASSYL MACHNO

(Geboren 1964, lebt seit 2000 in New York)


PRIVATER KOMMENTAR ZUR GESCHICHTE

»Und die einen Völker gingen nach Norden
andere aber – nach Süden.
Und ihre Wege trennten sich für tausend Jahre
aber nur die vorwärts gingen
hinterließen Städte und Dörfer
Gräberfelder und zerschlagenes Geschirr
und die zu spät kamen –
sammelten hinter jenen die Stille auf«

nachdem du das gelesen hast in einem Buch
das silberne Beschläge hat
und früher verschlossen wurde

fragst du dich noch immer für welche Völker
du dich eintragen sollst

denn dieser Luftzug von tausend Jahren
der entstand –
als die einen nach Norden abbogen
und andere nach Süden –
hat nur den sandigen Wind bewahrt

und du versuchst dunkle Worte zu entwirren:
und hörst – dumpfes Wiehern
verängstigter Pferde

Aus: Poesiealbum Gedichte aus der Ukraine. Märkischer Verlag Wilhelmshorst 2023, S. 4

breite bündigkeit trauriger topoi

Joanna Mueller

logatome

dies gedicht, an dem du im notizheft herumkritzelst:

austellungsrahmen, darin sich eine prostituierte reckt und streckt
fruchtfleisch, saftig, süßlich-weinig, schon leicht angefault
berechnende empfindlichkeit, penibles chaos
breite bündigkeit trauriger topoi
trauma, formumrissen, ein tintenholocaust
achtung! in den empfindungssträngen kam es zu versteckten ansteckungen
saifchen mit muster trifft mutiger ins schwarze
banal stark, doch genauso daneben
bravour brauchts für bravos, klingen und überspannte bögen
gegen den strich sich verstricken, das blut in den sand, spöttisch papier färben
eine heisere sache ist das, kein drapieren der eindrücke
erkennen durch kampf, aggressive expansion
ohne hemmnisse, die lähmten, diktatreduktion
rabenschwärze, doppelt blinde probe
nichts von wegen „auf das lüftungskläppchen" oder ein anderer glasbaustein
einheit für innere angelegenheiten! es ist zeit für einen schussentscheid
jetzt hängt alles davon ab: brüllst du oder donnerst du dich auf

Aus dem Polnischen von Karolina Golimowska, aus: Joanna Mueller, Mistyczne masthewy. Mystische musthaves. Aus dem Polnischen übertragen von Karolina Golimowska und Dagmara Kraus. hochroth, Wiesenburg, 2016, S. 11

logatomy

ten wiersz, co go kreślisz w kajecie:

rama wystawowa, w której się pręży płocha prostytutka
miąższ soczysty, słodko-winny, już lekko nadpsuty
wyrachowana wrażliwość, skrupulatny chaos
rozwiązła zwięzłość topornych toposów
trauma obrysowana formą, holokaust w inkauście
uwaga! w zwojach czuciowych doszło do utajonych zakażeń
modełko z deseniem w sedno potrafi trafić odważniej
banalnie mocno, lecz równie niecelnie
do braw trzeba brawury, żylet i po bandzie
brnąć wbrew, krew w piach, drwiąco barwić papier
to jest gardłowa sprawa, bez drapowania wrażeń
rozpoznawanie bojem, agresywna ekspansja
bez progów zwalniających, redukcji dyktatu
krucza czerń, podwójnie ślepa próba
żadne tam „uchyl lufcik” lub inna luksfera
jednostko do spraw wewnętrznych! czas na decyzję strzałową
teraz wszystko zależy: czy się drzesz czy pindrzysz

Ebd. S. 10

es muss ein Wolf gewesen sein

Georg Leß

es muss ein Wolf gewesen sein 
sonst wär sie ja nicht querfeldein
zurück in ihre nackte Sicherheit
und hätte sich nicht so in Richtung Mond gesträubt

es muss ein Wolf gewesen sein
sonst hätte sie die Augen wohl kaum im Gezweig
oder am Birkenstumpf das halbe Bein, sonst wär
ihr von der Frau in Weiß nicht dieser Vorzeitkeim
und dieses visionäre Anästhetikum

ich sage euch: die Eck-, die Reiß-, die Schneid-
es glaubte ihr die Frau in Weiß erst in der Dämmerung

sie glaubte an die Frau in Weiß, da wurde ihr geglaubt
ich sage euch: der Stabs-, der Sturm-, der Haupt-
ich sage euch: einen Verein! das Fell unter der Haut!

los, zu den Heldinnen und Helden, Wäldern und Skalpellen
es muss ein Wolf gewesen sein

Aus: Georg Leß: Schlachtgewicht 2: die Verschwiegenen. Gedichte. Köln: parasitenpresse, 2025 (lyrikreihe 111), S. 26

Georg Leß wurde 1981 in Arnsberg geboren und lebt in Berlin. 2024 wurde er mit dem Dresdner Lyrikpreis ausgezeichnet.

spielte wie teufel im zwielicht

338 Wörter, 2 Minuten Lesezeit.

E. E. Cummings

(* 14. Oktober 1894 in Cambridge, Massachusetts; † 3. September 1962 in North Conway, New Hampshire)

Aus: Sonnets—Actualities

XXIV
und es war Frühling den tag....der
summend plump minutiöse duftderwelt
zog uns an. Wir lebendig verwickelt
ins leuchtende stammeln der leiber(nur ja
nicht einander berühren)suchten,glaube
ich, einfach wege,sprödes aus fragiler
allzumenschlichkeit herauszukitzeln....
Taube
gedanken,im blutstrom pochend, verpassen da
wie schrecklich träge sprache ist-dich
machte er etwas schwindlig,der duft der welt,nicht?
(doch ich dachte warum sich mäd-und-vögelchen
von dir regt....regen....und auch,zugegeben,ich -)

bis wir an der Nichts&Etwas-ecke ne handorgel hörten
spielte wie teufel im zwielicht

Aus dem Englischen von Günter Plessow, aus: E. E. Cummings: was spielt der leierkasten eigentlich. Die frühen Sonette, amerikanisch und deutsch von Günter Plessow. Basel/Weil am Rhein: Urs Engeler Editor, 2009, S. 143

XXIV
and this day it was Spring....us
drew lewdly the murmurous minute clumsy
smelloftheworld. We intricately
alive, cleaving the luminous stammer of bodies
(eagerly just not each other touch)seeking,some
street which easily tickles a brittle fuss
of fragile huge humanity....
Numb
thoughts,kicking in the rivers of our blood, miss
by how terrible inches speech—it
made you a little dizzy did the world's smell
(but i was thinking why the girl-and-bird
of you move....moves...and also,i'll admit—)

till,at the corner of Nothing and Something,we heard
a handorgan in twilight playing like hell

Ebd. S. 142

Und wenn er durch in Klammern gesetzte Parenthesen zwei Sätze ineinanderschachtelt oder wenn er zwei Wörter mit einanderverschneidet, dann liegt darin nicht nur eine Aussage ganz eigener Art, sondern es ist auch eine vorbeugende Maßnahme gegen allzu schnellfertiges Verstehenwollen oder Verstandenzuhabenglauben, ein Mittel, um aufmerksam zu machen und anzudeuten, daß Kunst für Cummings etwas Individuelles ist, das hier und jetzt und immer ganz anders als erwartet zustande kommen muß: Poetry is what’s different.

Günter Plessow, ebd. S. 151

Übrigens dieses Buch nicht aber viele viele von Kurt Aebli, Urs Allemann, Donald Barthelme, Anton Bruhin, Michael Donhauser, H. D., Jayne-Ann Igel, Bert Papenfuß, Oskar Pastior, Gertrude Stein und vielen anderen gibt es bei Engeler bis Ende November für sagenhaft vergünstigte 2 Euro. Hier die Liste: https://engeler-verlage.com/verguenstigungen/

wer entlässt die angst

Wolfgang Schlenker

ort ohne zeit

wohin gehen die alten ideen
wenn niemand mehr sie denkt?
wer entläßt die angst
ihrer blinden verbote
wer schließt ihre geschlossenen
augen ein für allemal?
die blume bleibt blume
der baum wächst als baum
anstelle des zauns
steht eine mauer rings
um diesen friedhof
der gemeinsamkeiten
die heißt von links
und von rechts trauer

dahinter wohnen garten an garten
die leben der lebenden
und die benachbarten
tode der toten
wenn jemand kommt
abends zu besuch
und es so aussieht
als ob die sonne untergeht
ist es der steinmetz
der seinen marmor
auswendig lernt
oder ein fremder
der den unterschied kennt
zwischen hier und dort.

Aus: Wolfgang Schlenker: nachtwächters morgen. Gedichte. Basel, Weil am Rhein, Wien: Urs Engeler Editor, 2000, S. 47