295 Wörter, 2 Minuten Lesezeit.
„Geist der Peinlichkeit“, so lautet der Titel eines Buchs, das 2022 bei Engeler erschien und dem als Motto vorangestellt ist:
dies lies wenn du bereit bist entsprechend zu handeln
Auf 200 Seiten kurze Stücke, selten mehr als eine Seite lang, oft kürzer, manchmal 2, ja bis zu 3 auf einer Seite, die alle mit „Die Peinlichkeit“ beginnen, 200 oder mehr Definitionen der Peinlichkeit des Lebens als Mensch und Dichter, ein Glossar der existenziellen Blöße, ein Katalog menschlicher Selbstverstrickung zwischen Witz, Scham und Erleuchtung. Hier sind zwei daraus.
Birgit Kempker
(geboren 1956 in Wuppertal, lebt in Basel und Solothurn)
Die Peinlichkeit, bedingungslos verstanden werden zu wollen, unbedingt.
Du willst ums Verrecken verstanden werden, sonst ist es umsonst, dein Leben, und du musst es wieder tun, die Inkarnation.
– Ist Verständlichkeit Selbstähnlichkeit oder Strafarbeit?
Du bist eine schwere Aufgabe, liebt niemand hier Schweres? Hallo? Das Belohnungssystem ist happy nach Bewältigung von Schwerem. Es boostert dein Immunsystem. Es ist schwer, immer leicht zu sein.
Ich bin dope für dich. Ich bin dein Tor. Nicht die Substanz. Ich stülpe dich um und wuchte dich durch dich durch in eine andere Dimension.
– Dopamin killt Serotonin.
– Und wenn ich selbst die Tür bin?
– Nehme ich.
Aus: Birgit Kempker: Geist der Peinlichkeit. Schupfart: Engeler Verlag 2022 (Band 10 der Neuen Sammlung), S. 32
Die Peinlichkeit, lieber mit einer Pflanze
connecten zu wollen als mit einem Menschen,
dir mehr zu versprechen von der Pflanze, die dir
nichts verspricht, als sie zu verstehen, wie sie tickt,
als ob davon dein eigenes enormes vegetatives
Ticken abhängt und deine Verbindung zum
Universum, warum denn bloss Verbindung?
– O Gottchen, diese Connectivität, salvia divinorum.
Du putzt die Innenbacke und kaust die Pflanze.
– Humans überschätzen das Atmen, sagt die Pflanze
Luftnot, deine.
– Ich ertrinke
– Sinke
Ebd. S. 128
41´21 Wörter, 2 Minuten Lesezeit.
Heute vor 50 Jahren starb die niedersorbische Dichterin Mina Witkojc.
Das Gedicht Pěseń serbskeje narodnosći („Ein sorbisches Lied“) zählt zu den eindringlichsten lyrischen Selbstzeugnissen in ihrem Werk. Es entstand 1930, in einer Zeit zunehmender politischer Bedrängung der sorbischen Minderheit und des persönlichen Ausschlusses der Autorin aus dem kulturellen Leben. In schlichten, von Volksliedton und klanglicher Geschlossenheit getragenen Versen beschreibt Witkojc die existenzielle Entfremdung einer Frau, die im eigenen Land zur Fremden geworden ist.
Mina Witkojc
(deutsch: Wilhelmine „Minna“ Wittka, * 28. Mai 1893, Burg im Spreewald – †11. November 1975, Papitz bei Cottbus)
Ein sorbisches Lied
Bin ich nicht in fremdem Lande?
Hab ich hier noch Statt und Haus?
Schaue rings das Wohlbekannte,
aber alles schließt mich aus.
Grauer Dämmer schweigend lastet,
letzten Hauch verhält der Wind –
wie der Menschenhaufe hastet!
Was begab sich? Was beginnt?
Stimmen höre ich gleich Schatten,
vage noch und nicht mehr weit:
„Kommt, so laßt sie uns bestatten –
mit ihr ist es längst schon Zeit!“
Um mich her, ganz aus der Nähe,
fallen Worte, laut und hart,
die ich wie im Traum verstehe –
bin ich lebend schon verscharrt?
Wehren will ich mich – doch nieder
hält mich rohe Übermacht.
Weh, es steigt wie Trauerlieder
schon aus meiner Seele Nacht!
„Und ein schöner Kranz dir werde
und Gedenken auf dem Stein!
Liegst du still erst in der Erde,
laden wir zur Feier ein.“
Sieh die Frauen, wie sie hasten!
Sieh, die Männer stehn im Rund!
Und da bringen sie den Kasten,
und sie schließen mir den Mund…
1930
Aus dem Niedersorbischen von Kito Lorenc, aus: Serbska čitanka. Sorbisches Lesebuch. Herausgegeben von Kito Lorenc. Leipzig: Philipp Reclam Jun., 1981, S. 479
Pěseń serbskeje narodnosći
Njesom to we cuzbje něži?
Jo ga how moj pšawy dom?
Znaty kraj že woko wiži,
wšykńym pak kaž cuza som.
Šere smerki sćiścha stoje,
žeden wětšyk njegronjo se —
co pak luźe tak ak mroje
ganjaju? Co kśeže wše?
„Zakopaś ju něto comy!“
slyšym z grona zas a zas.
„Cyńšo, až ju wunjasomy!
Z njeju ga jo dawno cas!“
Bliže tak a bliže znějo:
„Cas jo z njeju do roga!“
A mě samej wěste njejo,
som-lic žywa — njaboga?
Zmognuś cu se — něco žaržy
twarže mě we pšemocy,
něco zwiga se a skjaržy
mě we dłymi wuśoby.
„Ředny wěnk śi na row damy!
Daś śi kuždy spomina!
A gaž pod zemju śi mamy,
dej byś cesna gościna!“
Slyš, kak mužě žarže radu!
Glej, kak žěnske ganjaju!
Woni do kašča mě kładu
a mě wusta zamkaju…
1930
Aus: Ebd. S. 478
Mehr über die Autorin im Lyrikwiki https://lyrikwiki.de/mediawiki/index.php/Witkojc,_Mina
391 Wörter, 2 Minuten Lesezeit.
Ein Gedicht aus den 1970er Jahren, „hierzulande“ ist in Rumänien, aber es könnte auch in der DDR gewesen sein.
Mit der spielerischen Form eines Kinderreims erzeugt Gerhard Ortinau eine beklemmende Atmosphäre der Anpassung: Wiederholung, Selbstkorrektur, zirkuläre Rede (und die allgegenwärtigen Horcher und Gucker) – all das spiegelt den Permafrost totalitärer Systeme.
Der scheinbar harmlose „Abzählreim“ verwandelt sich in eine subtile Sprachkritik der Unterdrückung, ein ironisch gebrochenes Protokoll des Schweigens und Nicht-Sagens.
Ortinau gehörte zur deutschsprachigen Literaturszene Rumäniens um die Aktionsgruppe Banat, die in den 1970er-Jahren mit politisch und poetisch riskanten Texten für Aufsehen sorgte. 1980 reiste er in die Bundesrepublik aus.
Gerhard Ortinau
(* 18. März 1953 in Borcea, Rumänien, während der Verbannung seiner Familie mit tausenden Rumäniendeutschen aus dem Banat in den Südosten des Landes; lebt in Berlin)
ABZÄHLREIM FÜR ERWACHSENE,
WOHNORT HIERZULANDE
und was ist mit
Gerhard geschehen
mit Gerhard ist
gar nichts geschehen
nichts ist mit ihm geschehen
gesagt hat er was
gemeint hat er was
verschwiegen hat er was
lügen wird er was
da erzählt er was
laßt ihm den Spaß
was erzählt er da ein
etwas erzählt er da
im Gras zu singen
ins Gras zu bringen
ins Gras zu zwingen
im Gras zu ringen
in die Luft zu springen
ein Haus erzählt er da
ein Haus wie eine Maus
um aufzubaun
was denn aufzubaun
etwas rauszuhaun
aus den Köpfen rauszuhaun
etwas reinzuhaun
in die Köpfe reinzuhaun
was macht er da
gar nichts macht er da
sitzt nur da
da schreibt er was
da will er was
aber doch nicht das
gerade das
aber geh
so laß ihn doch
es vergeht ihm ja
das mein ich ja
das meint er ja nicht so
aber wo
wieso aber wo
aber wo mein ich ja
wenig meinst du da
das schreibt er ja
sind wir wohl alle hier
alle müßten wir doch
hiersein hier
wer will denn fort sein fort
Max ist fort ist fort
laß ihn dort im fort
der kann nichts mehr
ruhig ist der
ist schon lange her
seit er wer war wer
keiner geht hier weg
wichtig ist der Fleck
hör auf mit dem Dreck
und was ist mit Gerhard geschehn
mit Gerhard ist gar nichts geschehn
noch immer steht er da
und sagt nicht ja und nein
doch meint er ja
ja meint er da
Aus: Gerhard Ortinau: Am Rande von irgendwas. Frühe Gedichte & Texte 1970-1978. hochroth Berlin, 2010, S. 9ff
1011 Wörter, 5 Minuten Lesezeit.
Das ganze Jahr habe ich an dieses bedeutende Jubiläum gedacht (bedeutend für die niederdeutsche Literatur und auch speziell für die Geschichte Vorpommerns und Greifswalds) – aber gestern habe ich das genaue Datum dann doch vergessen. Aber was ist ein Tag in 700 Jahren? Ich bitte alle Nichtpommern um Entschuldigung für einen kleinen historischen Exkurs, bevor ich zum heutigen Gedicht komme.
Im Jahr 1325, gestern vor 700 Jahren, starb Wizlaw III. von Rügen – Fürst, Minnesänger und letzter Vertreter des slawischen Fürstengeschlechts der Ranen.
Sein Tod markierte nicht nur das Ende des Fürstentums Rügen, sondern zugleich einen Einschnitt in der Geschichte Vorpommerns und Greifswalds.
Die Stadt Greifswald gehörte im Mittelalter zum Fürstentum Rügen, das von den slawischen Fürsten aus dem Geschlecht der Ranen regiert wurde. Dieses Fürstentum entstand nach der dänischen Eroberung Rügens (1168) und umfasste neben der Insel selbst auch weite Teile des heutigen Vorpommerns, darunter Stralsund, Tribsees, Barth, Grimmen und Greifswald, manche sprechen auch von Festlandrügen.
Greifswald wurde zwischen 1240 und 1250 als Siedlung in der Nähe des Klosters Eldena gegründet. Das Zisterzienserkloster Eldena (gegründet um 1199 als Tochter von Esrom in Dänemark) lag im Machtbereich der rügenschen Fürsten, die nach 1181 Lehnsmänner der dänischen Krone waren. Die Stadt erhielt ihr Stadtrecht von Fürst Wizlaw I. von Rügen († 1260), wahrscheinlich um 1250. Das Stadtrecht orientierte sich am Lübecker Recht, das in dieser Zeit zur Grundlage vieler Ostseestädte wurde. Damit war Greifswald Teil des rügenschen Herrschaftsgebietes, das in enger wirtschaftlicher Verbindung zu Lübeck und den dänischen Ostseegebieten stand. Die Nähe zu Eldena und der Handelslage an der Ryck machten die Stadt rasch zu einem Handelsplatz und späteren Hansemitglied.
Mit dem Tod Fürst Wizlaws III. am 8. November 1325 erlosch das Haus der rügenschen Fürsten. Greifswald – ebenso wie Stralsund und das übrige Festlandsgebiet – geriet dadurch in den Rügenschen Erbfolgekrieg (1326–1354) zwischen den Herzögen von Pommern-Wolgast und den Markgrafen von Brandenburg. Die Hansestädte Stralsund, Greifswald und Barth stellten sich dabei auf die Seite Pommerns, um ihre Handelsinteressen zu sichern. Nach Jahrzehnten wechselnder Oberherrschaft fiel das ehemalige Fürstentum Rügen 1354 endgültig an Pommern-Wolgast.
Seitdem gehörte Greifswald dauerhaft zum Herzogtum Pommern bis zu dessen Untergang im 30jährigen Krieg. Aber das ist eine andere Geschichte.
Dieser Wizlaw III. von Rügen, der vor 700 Jahren starb, ist wahrscheinlich identisch mit dem Minnesänger dieses Namens (in der älteren Literatur findet man auch die Angaben: Wizlaw II. oder Wizlaw IV.). Dieser mittelterliche Dichterfürst, manchmal der letzte Minnesänger genannt, schrieb eher schulmäßige fromme Sprüche. „Ganz anderen charakter tragen (…) seine lieder; in ihnen ist alles natürliche sprache des herzens und der sinnlichkeit, nichts angelerntes, nachgeahmtes, wenn man von dem letzten, die gaben des herbstes und seine freuden besingenden bruchstücke absieht, das allerdings nichts eigentümliches hat, vielmehr ganz in dem groben geschmack der späteren meister gedichtet ist. Alles zusammen beweiset, daß Wizlâw keinesweges bloß für einen liebhaber der kunst, für einen, der dann und wann wohl auch ein einfaches, kunstloses liedchen wagt, gehalten werden darf, sondern das er ein schulgerechter meister war, und dem zufolge auch schulgemäßen unterricht genossen hatte.“ Das schrieb sein Herausgeber Ludwig Ettmüller 1852.
Ich widerspreche ihm heute, indem ich gerade dieses „grobe“ Herbstlied vorstelle. Mir ist das etwas zu hochgelahrt-dünkelhaft, indem gerade das „Grobe“, das der Gelehrte tadelt, für mich von besonderem Reiz ist.
Voilà, ein slawischer Dichterfürst niederdeutscher Sprache.
Wizlaw III.
(* 1265 oder 1268; † 8. November 1325)
Lieder
XIV.
De hervest kumt ûs rîke nôch,
mensche, di des sulven rôk,
went it kumt in din gefoch
gans mit al bedalle
Bêr unde mede, gôde wîn,
rinder, gôse, feiste swîn
(dit môt al des menschen sîn),
hônre mit gescalle.
Swat up èrden wassen is,
mensche, dat is di gewis,
unde in wâge de fische.
Des moge wi frôlik leven hân,
swem got hîr .............
.....................
Hochdeutsche Fassung des Greifswalder Heimatforschers Theodor Pyl (1826-1904):
Herbstes Gabe
Der Herbst bringt reicher Früchte Zier,
Menschen, achtet ihn dafür;
So er kommt vor Eure Thür,
froher Dank erschalle.
Bier und Meth und guter Wein,
Rinder, Gänse, fette Schwein’ –
Muß des Menschen Herz erfreun,
Hahn kräht uns im Stalle.
Was der Erde Schooß erschloß,
Menschen, das für Euch entsproß,
Selbst im Wasser die Fische;
Des mögen wir fröhlich leben hier;
Wem’s Gott beschieden für und für,
Der setze sich froh zu Tische!
(Die letzten Zeilen hat Pyl frei ergänzt – das Original bricht wie oben ersichtlich in der 13. Zeile ab). – Ob das „künstliche Strophengebäude“ in Wahrheit ein früher Versuch ist, die italienische Form des Sonetts nachzuahmen?)
Ich versuche eine textnahe Übersetzung nach den Kommentaren von Ettmüller. Die Sprache ist nicht leicht verständlich, die niederdeutschen Texte wahrscheinlich von einem oberdeutschen Schreiber, der des Niederdeutschen nicht mächtig war, mit vielen Fehlern abgeschrieben.
Der Herbst [vielleicht auch: die Ernte, harvest] kommt mit reichen Gaben
Mensch, bediene dich ihrer
Denn sie kommen in deine Hand
ganz und gar
Bier und Met, guter Wein
Rinder, Gänse, fette Schwein'
Das muss alles dem Menschen zukommen
Der Hahn mit Geschalle (Gekrähe) [das kriege ich nicht ganz zusammen]
Was auf Erden gewachsen ist
Mensch, das ist dein gewiss
und im Wasser die Fische
Damit können wir fröhlich leben
Wem Gott hier .............
Ich beende diesen Blick auf den „pommerschen“ Dichter Wizlaw mit einem Seitenblick auf eine Strophe der pommerschen Dichterin Sibylla Schwarz von erstaunlicher Nähe (in Gelehrtensprache: Grobheit). In einem Chorlied der Schäfer und Hirten trotzt sie dem Vornehmtum der Städter:
Da hergegen loben wir
Einen Kohl / ein gut warm Bier /
Einen Knapkäs und ein Ey
Jst bey uns der beste Brey
Käs und Butter / Milch und Fisch /
Fetter Speck auff unserm Tisch
Deucht uns besser als Confect /
Der in Städten lieblich schmeckt.
Nachgetragen die Quellen.
314 Wörter, 2 Minuten Lesezeit.
Willy Knobloch
(* 2. Februar 1898 in Hamburg; † 27. Juni 1927 ebenda)
Herbst
Warum müssen denn die Pferde Sättel tragen
Wenn doch im Westen alle Kurse steigen ...
Das Wesen dieser Tiere heißt ja Pferde
Und Stuten sind nur für die Wiesen
Wenn alle Menschen goldne Nägel hätten
Dann würden Präsidenten niemals Hemden tragen
Und ließen Leute friedlich ihre Suppe löffeln.
Aus: VERSENSPORN. Heft für lyrische Reize, Nr. 56: Willy Knobloch. Poesie schmeckt gut e.V. Jena, 2024, S. 20
Geboren am 2. Februar 1898 in Hamburg. Über Kindheit, Ausbildung und eventuellen Kriegsdienst ist bislang nichts bekannt. Ab April 1919 Dichtungen in der Zeitschrift Der Sturm, dann auch in Menschen bzw. Kräfte. Seit Herbst 1919 in Berlin; ausschweifender Lebenswandel. Im Sommer 1920 unter dem Pseudonym Sebastian Droste erstmals Auftritt als Tänzer. Mitglied des Nackttanz-Balletts Celly de Rheidt, Begegnung mit Anita Berber. Ab 1922 Zusammenarbeit mit Berber; Entwicklung der Tänze des Lasters, des Grauens und der Ekstase, mit denen sie am 14. November im Großen Konzerthaus-Saal in Wien auftreten; beide als Figuren der Halbwelt von Prostitution und Hochstapelei skandalisiert. Am 5. Januar 1923 Verhaftung Drostes und „Abschaffung“ nach Ungarn. Auftritte in Budapest, Tournee durch Italien und Jugoslawien. Evtl. Eheschließung mit Berber, die aber ungewiß ist. Ab September wieder in Berlin. Ende des Jahres soll sich Droste mit den Juwelen und Pelzen der Berber abgesetzt haben. Am 13. Mai 1924 Einschiffung nach New York, wo er am 23. Mai anlangt. Als falscher „Baron“ und als exotische Manifestation der alten Welt sofort in den angesagten Kreisen präsent. Gründung der „International Association Against the Tyranny of Parents“. Erfolgloser Versuch der Wiederbelebung seiner Tanzkarriere. 1925 Anschluß an einen von Pierre Bernard begründeten tantrischen Orden. Gescheiterte Idee eines Filmprojektes The Way. Schreibt für deutsche Zeitungen wie Die Dame, Das Magazin und B. Z. am Mittag. Schwer an Tuberkulose erkrankt, kehrt er 1927 nach Hamburg zurück, wo er am 27. Juni stirbt.
Ebd., Rückumschlag
194 Wörter, 1 Minute Lesezeit.
Astrid Litfaß
ICH BIN'S
Ich wache auf und meine Zähne meine Haare
liegen neben mir auf dem Kopfkissen
meine Mutter mein Vater stehen vor meinem Bett, wer
bist du was hast du mit unserem Kind gemacht
schreien sie, aber ich bin's
rufe ich in großer Angst, ich bin es doch
ich, eure Tochter
doch sie ergreifen mich
werfen mich hinaus auf eine kalte graue Straße
Passanten bleiben stehen
Warum liegt da eine Person, die gefährdet ja den ganzen Verkehr
ich kann dazu wenig sagen
denn ein Auto nach dem andern fährt über mich drüber
dann
irgendwann
kniet ein alter Mann neben mir
bohrt mir einen Kugelschreiber in den Leib
um zu prüfen, ob ich tot bin oder nur so tue
Meine Liebe, flüstert mein Physiklehrer
du warst meine beste Schülerin, doch nun
kann ich leider nichts mehr für dich tun.
Die Nacht ist ein unerklärlich gefährlicher Raum
dachte ich, stand auf und ging
kein Mond
ich ging, entfernte mich mit freundlichen Gedanken
so als ob alles so sein müßte
die Straßenlampen leuchteten gelblich.
Aus: Miniaturen. In: Sinn und Form 6/2025, S. 753
Astrid Litfaß, geboren 1944 in Berlin, lebt dort. Theaterstücke, Drehbücher, Hörspiele, Kurzprosa.
Lucebert
(* 15. September 1924 in Amsterdam; † 10. Mai 1994 in Alkmaar)
köpfe
I
haltloser kopf
du bist wieder in guten händen ein dichter
spricht zu dir die pohesie
wird gleichgestellt wie eine uhr
mit den diversen differenzen
zwischen deinen divergierenden vitalen teilen
die eingedickten instinkte werden wieder aufgesucht
und eingefeuchtet
sinnlose sinne zusammengereimt
mit düften phrasen und farben

koppen
I
losgeslagen hoofd
je bent weer in goede handen een dichter
spreekt tot je de pohezie
wordt als een horloge gelijk gezet
met de verschillen geschillen
tussen je uiteenlopende vitale delen
de ingedikte instinkten worden weer opgezocht
en ingevocht
zinloze zintuigen weer gerijmd
met geuren kreten en kleuren
Aus: Lucebert, Köpfe. Aus dem Niederländischen von Rosemarie Still. hochroth Berlin 2016, S. 7 / 6 / 30
101 Wörter, 1 Minute Lesezeit.
Rainer Maria Rilke
(* 4. Dezember 1875 in Prag; † 29. Dezember 1926 im Sanatorium Valmont bei Montreux, Schweiz)
An der sonngewohnten Straße, in dem
hohlen halben Baumstamm, der seit lange
Trog ward, eine Oberfläche Wasser
in sich leis erneuernd, still' ich meinen
Durst: des Wassers Heiterkeit und Herkunft
in mich nehmend durch die Handgelenke.
Trinken schiene mir zu viel, zu deutlich;
aber diese wartende Gebärde
holt mir helles Wasser ins Bewußtsein.
Also, kämst du, braucht ich, mich zu stillen,
nur ein leichtes Anruhn meiner Hände,
sei's an deiner Schulter junge Rundung,
sei es an den Andrang deiner Brüste.
Aus dem Nachlaß (Gedichte 1922-1926) (hier bei rilke.de mit einem kleinen Fehler)
220 Wörter, 1 Minute Lesezeit.
Adrian Grima
(* 25. Januar 1968 in St. Julian’s, Malta; lebt in Pembroke, Malta)
Eine Angst mehr
Könnte ich, würde ich
diesen Duft nach Minze auf meinem Atem tragen,
mit ihren Spitzen, den grünen Adern ihrer Blätter
würde ich die Angst entfernen wie einen Splitter,
ich würde mich zwischen die nassen Pflanzen
unter die Abendsonne legen
und Schluck für Schluck
ihren beängstigenden Duft trinken.
Aber das ist nur eine Angst mehr,
noch ein zweckloses Gedicht, Vokabeln
für die Prüfungsbögen des Hirns,
das das Herz in Wünschen ertränkt.
Diese duftende Angst hat Angst.
Nachdichtung: Sylvia Geist nach Interlinearfassungen aus dem Maltesischen von Ray Fabri und Dominik Kalweit, aus: Poesiefestival berlin 2010. Mittelmeer. Adrian Grima. Programmheft zum poesiefestival berlin 2010 (hochroth).
Bei lyrikline kann man das Gedicht vom Autor gesprochen hören und es gibt zusätzlich eine französische Fassung. https://www.lyrikline.org/de/uebersetzungen/details/21095/6906 – Und hier die maltesische.
Ansjetà Oħra
Kieku nista’,
inġorr dir-riħa tan-nagħniegħ ma’ mnifsejja,
naqla’ l-iskaldi ta’ l-ansjetà bil-ponta u l-vini
tal-weraq aħdar tiegħu,
nintelaq minn tuli qalb ix-xtieli mxarrba
taħt xemx nieżla
u nibla’, boqqa boqqa,
dir-riħa skunċertanti.
Imma din mhix ħlief ansjetà ġdida,
poeżija oħra inutli,
diskors imlissen biex jimla l-karta ta’ l-eżami tal-moħħ
li jgħarraq lill-qalb f’xewqatu.
Ansjuża din l-ansjetà li tfuħ.
Ein bisschen Information im Lyrikwiki.
(Und ich habe ein Wort Maltesisch gelernt: Ansjetà heißt Angst. Vielleicht vom Englischen anxiety abgeleitet?)
177 Wörter, 1 Minute Lesezeit.
Dieter Wellershoff
(* 3. November 1925 in Neuss; † 15. Juni 2018 in Köln)
Momente. So geschehen die Dinge.
Hinter deinem Rücken wird es Herbst.
Plötzlich tritt Blut aus einer Wunde
und du weißt wieder
unter der Haut
ist dieses pumpende Adernetz.
Immer herein Herrschaften!
Schauen Sie die Wunder der Welt!
Diesmal ist es eine Frau
in einem langen grünen Kleid.
Bist du sicher daß du sie gesehen hast?
Wie die Dinge abhanden kommen
als seien sie nicht zugelassen.
Dies Glas ist ausgetrunken
die eisernen Rüstungen in den Vitrinen
sind leer.
Nichts scheint einfacher als
diese Vorstellung zu verlassen.
1973
Aus: Dieter Wellershoff, Doppelt belichtetes Seestück und andere Texte. Köln: Kiepenheuer & Witsch, 1974, S. 265
Dieter Wellershoff (1925–2018) war ein deutscher Erzähler, Lyriker und Essayist. Nach dem Krieg studierte er Germanistik, Psychologie und Kunstgeschichte in Bonn und arbeitete später als Lektor bei Kiepenheuer & Witsch. Als Mitbegründer der „Kölner Schule des Neuen Realismus“ prägte er die deutsche Nachkriegsliteratur mit einem sachlich-analytischen Stil, der die menschliche Wahrnehmung und Existenz in einer zunehmend entfremdeten Welt erkundet.
Neben Romanen und Essays verfasste Wellershoff auch Gedichte, in denen sich klare Sprache und poetische Nüchternheit verbinden.
Christian Morgenstern
(* 6. Mai 1871 in München; † 31. März 1914 in Untermais, Tirol, Österreich-Ungarn)
Die Weste
Es lebt in Süditalien eine Weste
an einer Kirche dämmrigem Altar.
Versteht mich recht: Noch dient sie Gott aufs beste.
Doch wie in Adam schon Herr Haeckel war,
(zum Beispiel bloß), so steckt in diesem Reste
Brokat voll Silberblümlein wunderbar
schon heut der krause Übergang verborgen
vom Geist von gestern auf den Wanst von morgen.
https://www.projekt-gutenberg.org/morgenst/galgenli/chap002.html
362 Wörter, 2 Minuten Lesezeit.
Mordechaj Gebirtig
(jiddisch מָרְדֳּכַי געבירטיג Mordekhay Gebirtig, ursprünglich kurz auch Mordechaj (Mordche) Bertig beziehungsweise deutsch Markus Bertig; geboren am 4. Mai 1877 in Krakau, Österreich-Ungarn; ermordet am 4. Juni 1942 im Ghetto Krakau)
Gehabt hab ich ein Heim
Gehabt hab ich ein Heim, ein warmes Stückel Raum,
ein bissel Wirtschaft wie für arme Leut;
verband die Wurzeln fest zu einem Baum –
hab an mei'm bissel Armut mich gefreut.
Gehabt hab ich ein Heim, ein Stübel, eine Küch
und habe still gelebt so jahrelang.
Und gute Freunde hatte ich um mich,
ein Stübel voll von Liedern und Gesang.
Mit Feindschaft, Haß und Tod, so kamen sie,
und alles, was mir so am Herzen lag,
was ich errichtet hab mit schwerer Müh,
vernichtet haben sies in einem Tag.
Sie kamen über uns wie eine Pest
und haben uns gejagt mit Frau und Kind –
wir blieben ohne Heim wie Vögel ohne Nest
und wissen nicht: Warum? Für welche Sünd?
Gehabt hab ich ein Heim, jetzt hab ich keines mehr.
Für sie war nur ein Spiel mein Untergang.
Ein neues Heim, man findet es nur schwer, wie schwer –
ich weiß nicht wo und weiß nicht auf wielang.
Mai 1941
Aus dem Jiddischen von Hubert Witt, in: Sinn und Form 1/1962, S. 112
Die erste Strophe im Original
געהאַט האָב איך אַ הײם ,אַ שטיקל רױם
אַ ביסל װירטשאַפֿט װי אָרעמע לײַט
װי צוגעבונדן װאָרצלען צו אַ בױם
האָב איך זיך מיט מײַן ביסל אָרעמקײט
https://lyricstranslate.com/de/mordechai-gebirtig-gehat-hob-ikh-heym-lyrics.html
Gehat hob ikh a heym, a shtikl roym.
A bisl wirtshaft wi bai oreme lait.
Wi tsugebundn wortslen tsu a boym
Hob ikh zikh mit mayn bisl oremkait.
Mordechaj Gebirtig (1877–1942) war ein jiddischer Dichter, Liedermacher und Tischler aus Krakau. Seine Lieder, geschrieben in der Sprache des jüdischen Alltagslebens, verbinden schlichte Melodik mit tiefer Humanität.
Zu seinen bekanntesten Werken gehört das Lied „’s brennt, Brüder, es brennt“, das zum Symbol des Widerstands gegen Pogrome und Vernichtung wurde.
Gebirtig wurde am 4. Juni 1942 zusammen mit seiner Frau und seinen beiden Töchtern bei der Deportation aus dem Krakauer Ghetto von deutschen Besatzern erschossen – an der Ecke Dąbrówki / Janowa Wola.
An seinem Wohnhaus in der Berek-Joselewicz-Straße 5 erinnert seit 1992 eine Gedenktafel: „Sei gesund, mein Krakau. Mordechaj Gebirtig (1877–1942) – Tischler, Dichter, Sänger.“
Eeltsje Hettinga
SCHIFF VOGEL LAND
Substitute, The Who
Aufgeschlitzt lag mein Körper an der
Küste unterm schaumflockigen Horizont.
Eine Fundgrube von Unrat und Müll
war ich. Der Magen quoll über von allem
was unvergänglich Ewigkeit besaß: just
plastic, so daß ich von Kopf bis Schwanz
schon flügelbreit ausgestopft war, bevor
ich aus eignem Gefieder fliegen konnte.
Es war unter dem Glockenschlag, der bei
Wierum über die Salzwiesen dröhnte, daß
ich aufwachte aus meinem Traum, verstört
von einem wirbelnden Schnee, Körnern
mit einer Seele so dumm wie Öl. Und wo
Hagelkorn auf Drift weiß die Felder
und Äcker peitschte, wußte ich: We're all
born with a plastic spoon in our mouth.
Aus dem Friesischen von Ard Posthuma, aus: Sinn und Form 4-2020, S. 505
Eeltsje Hettinga (* 9. Februar 1955 in Burgwerd) ist ein friesischer Dichter, Schriftsteller und Übersetzer, der 2017–2019 als erster „Dichter van Fryslân“ (Friesland, niederländische Provinz) fungierte. Seine Gedichtbände wie Akten fan Winter (1998) und Dwingehôf (2000) zeichnen sich durch eine persönliche Mythologie von Vergangenheit, Erinnerung und Tod aus. Zudem engagiert er sich literarisch durch Übersetzungen ins Friesische sowie durch Projekte wie das Internet-Literaturmagazin „Kistwurk“.
Der Song, aus dem zitiert wird
456 Wörter, 2 Minuten Lesezeit.
Früher gab es Zeitungen, die schickten Leute auf Lesungen, damit sie für sie berichteten. Dann gab es den Staat DDR, der institutionalisierte das Verfahren. Spitzel gingen im Auftrag des Geheimdienstes zu Lesungen und lieferten Berichte ab, nicht für die Veröffentlichung, sondern zur Ablage und wie auch immer gearteten „operativen“ Auswertung. Hier ein Beispiel vom 22. November 1981. Im (privaten) Literarischen Salon von Ekkehard Maaß las der Dichter Wolfgang Hegewald, von Beruf Friedhofsgärtner. Hier ein Text von ihm.
NÄRRISCHE NACHRICHT
MEIN kleiner narr liebt außergewöhnliche wege.
Diesmal klimmt er das fallrohr empor, ich höre, wie
sich sein schnaufen nähert, schon erkenne ich seine
behende gestalt, die über die dachrinne turnt, ein
geborener narr wiegt so gut wie nichts.
Ich greife dem ritus nicht vor: dreimaliges klopfen
und das schwenken des grünen sozialversicherungsaus-
weises hinter der scheibe, dann öffne ich das fenster.
Mein kleiner narr zwängt den oberkörper
hinein, stemmt die ellbogen in den rahmen und
hält's flache gesicht grüßend schräg ins licht.
Nach sieben jahren, füstert mein kleiner
narr, indes sein körper im fenster zu zappeln anfängt,
kaum zu glauben, nach sieben Jahren hat mich der
könig, jawohl, seine exzellenz selbst, nach sieben
düsteren jahren also hat mich majestät zum lachen
gebracht, das flüstert er mir zu, mein kleiner, ein-
geklemmter narr, und er will sich neuerdings schier
ausschütten vor gelächter.
Ich sehe vom zimmer aus das konspirative zucken des
hintern meines kleinen narren in der zitronengelben
hose, ein schäbiger mond, der animierend über der
dunklen Straße tanzt.
Und hier der Bericht des „IM“ (Inoffiziellen Mitarbeiters) „David Menzer“ alias Sascha Anderson.
Information zur Lesung am 22.11.1981 bei Familie Maaß von Wolfgang Hegewald
Wolfgang Hegewald hat einen Ausschnitt aus einer Erzählung vorgelesen, an der er gerade schreibt. Sie soll ungefähr 150 Seiten umfassen. Er hat ungefähr 90 Seiten geschrieben.
Wolfgang Hegewald hat eine Gegenwartsgeschichte geschrieben, in der es darum geht, dass ein Ehepaar während eines Auslandsbesuches in Ungarn oder CSSR, das ist nicht ganz klar, ich glaube der CSSR, verhaftet wurden, weil sie Kontakt zu einem Österreicher hatten, und für einen Tag festgesetzt waren.
Zwei parallel laufende innere Monologe zur Situation.
Ich habe ein Band mit der Lesung übergeben, die Gäste bei der Lesung waren das übliche Publikum. Die Berliner jungen Schriftsteller Döring, Rosenthal, Hilbig, Kulikowski, Rathenow, Eue, Brasch, Katja Lange, der Dresdner Uwe Hübner und Anderson, die Eisenacher Lyrikerin Christa Moog, die Maler Cornelia Schleime, Ralf Kerbach, [Name geschwärzt) und [Name geschwärzt) aus Meißen, die alle an der Dresdner Schule studiert haben. Roland Manzke, Leonard Lorek, Paul Gratzik und Elke Erb.
So wusste der Staat immer, was seine Dichter und ihre Zuhörer so machten.
Aus: sprachzeiten. Der Literarische Salon von Ekke Maaß. Eine Dokumentation von 1978 bis 2016. Herausgegeben von Peter Böthig. Berlin: Lukas Verlag, 2017, S. 87
123 Wörter, 1 Minute Lesezeit
Ein Gedicht aus der jüngsten Ausgabe der österreichischen Zeitschrift Manuskripte.
Felix Philipp Ingold
Die Wolken stoppen
«Tu du's!» Elias Canetti
Die Wolken stoppen. Blitz ausschalten. Dem
Hundewetter das Gebell abdrehn.
Die Zypressen zum Trauermarsch antanzen
lassen. Leerfegen die Allee
zum Friedhof hin. Hinschmeissen
die Erinnerung an alle
die verschieden sind und sowieso nicht
mehr zu unterscheiden. Mit
einem Sensordruck die allerletzten Worte
löschen – ihre Wahrheit ist
bekanntlich nie nicht gelogen. (Wie
die der Sterne oder ... oder
des gesunden Menschenverstands.)
I thought bekennt Auden
that love would last for ever: I was wrong.
Also fort-da mit der Sonne.
Dann sind endlich auch die Schatten weg.
(Auf einem Foto ein Quader mit der Inschrift: Dort! sind Wolken Dank.)
Aus: manuskripte. weiter schreiben. 249/2025, S. 146
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