Hätten Wellen Echos, so glaubte man von fern her in diesen Gedichten bisweilen Gertrude Steins Einwürfe zur literarischen Moderne zu vernehmen – um im nächsten Moment aufgrund ihrer strengen Silbenzählung und im dichterischen Erleben der Natur an die japanischen Haikus erinnert zu werden.
„untedrunter schint s/doch noch läwe in dem see/ kreis kreißt kreis us kreis“. Angeordnet um das titelgebende Gedicht lässt der Hausacher Dichter Wendelinus Wurth in 53 dreizeiligen Gedichten einen sorgfältig komponierten poetischen Mikrokosmos in der zeitlichen Anordnung eines Jahreskreises aufblitzen. / Andreas Kohm, Badische Zeitung
Jan Kuhlbrodt sprach mit Asmus Trautsch über Literatur und Musik. Eine gekürzte Version steht im Poetenladen, das komplette Gespräch soll im „Poet“ erscheinen*. Ein Auszug:
J. Kuhlbrodt: Wenn du schreibst, wie achtest du auf den Rhythmus? Erzähl, wie es bei dir funktioniert, wie der Rhythmus sich quasi ins Gedicht schmuggelt. Ich habe zum Glück keine durchgehend traditionellen Strukturen in deinen Texten entdecken können.
A. Trautsch: Manchmal spiele ich damit. Natürlich lässt einen jedes aus der Romantik vertraute Schema der Verteilung von Akzenten, von Versmaßen, Rhythmen und Reimen die Antennen des Misstrauens ausfahren. Es ist ja gerade, wie ich finde, eine Qualität der zeitgenössischen Lyrik, Homogenität und Gleichmäßigkeit in der Form zu vermeiden. Aber natürlich kann man auch mit den Elementen der Regelmäßigkeit des Rhythmus, der Gegenläufigkeit von natürlicher Silbenbetonung usw. arbeiten. Es ist nicht so, dass ich mir wie in der Nachfolge Hölderlins bestimmte antike Versmaße vornehme, die dann als Schema über dem Gedicht stehen, das habe ich nie gemacht. Den Rhythmus zu finden, ist für mich zum großen Teil eher ein unbewusster Vorgang – oder vielleicht ein Prozess zwischen Unbewusstem und Bewusstsein.
Beim Schreiben eines Verses, bei der Tempostimmung eines ganzen Gedichts, oder, mikroskopisch, bei einer bestimmten Wortkonstruktion ist das Verhältnis von längeren Vokalen, die etwas im Klang verharren, und kurzen, auch gerade mit Konsonanten sehr stark abgekürzt wirkenden Silben, überhaupt auch von Konsonantenhäufung oder Vokalhäufung eine formgebende Kraft, die auf verschiedenen Bedeutungsebenen wirkt: Welches Bild, welche Metapher kann man z.B. durch eine bestimmte auch vom Klang getragene Wortkombination finden, wie entfaltet sich dabei der sound zwischen Vokal und Konsonant und welche Betonungen, welche Intensitätsgrade gibt es, die maßgeblich auf die Imagination zurückwirken? Manchmal merke ich erst im Nachhinein, bei einem Text, den ich geschrieben habe, wie das Verhältnis von ausklingenden Silben oder von kürzeren und abgehackten, man könnte musikalisch sagen: wie das Verhältnis von Dauerwerten und von Artikulationsweisen wie tenuto und staccato verteilt ist. …
*) siehe Kommentar
Tim Voß (ehemals der Voß von Reinecke & Voß) macht jetzt Bücher bei Horlemann – Edition Voß. Dazu gehört auch die Reihe Lyrikpapyri, die von Mathias Jeschke herausgegeben wird.
Aus einem Gespräch mit Mathias Jeschke:
Lieber Herr Jeschke,
Buchhandlungen bestellen und vertreiben kaum noch Lyrikbände. Gehen Sie wirklich davon aus, dass die von Ihnen herausgegebene Reihe LYRIKPAPYRI es verdient hat, einem breiten Publikum vorgestellt zu werden?
Ja, na klar! Ich gebe ja meinen Kindern, nur weil sie danach schreien, auch nicht ausschließlich Süßigkeiten und Pommes, sondern ernähre sie mit Gesundem und Nahrhaftem. Andere, besonders junge, unabhängige Verlage, haben sich bereits erfolgreich um das Aufleben der Lyrik verdient gemacht. Und wir wollen auf dem Gebiet der modernen deutschsprachigen Lyrik jetzt kräftig mitmischen. Gedichte gehören nun mal zu den grundlegenden Lebensmitteln von innerlich lebendigen und mit Vorstellungskraft begabten Menschen. Manche wissen das schon, andere werden wir noch gewinnen.
Wie kommt es eigentlich zu dem Reihentitel LYRIKPAPYRI? Das klingt doch irgendwie antiquiert…
Der klangvolle Reihentitel mit seinem Rückgriff auf den Papyrus, die Vorform des Papiers, die – ebenso wie die Lyrik übrigens – bereits seit über viertausend Jahren bekannt ist, benennt so etwas wie ein Gegenprogramm zu den ja gerade eben erst hochgepoppten allgegenwärtigen Applikationen für den Hirnstamm, den electronical devices. Er betont damit gleichzeitig die durchschlagende Beständigkeit und damit die Aktualität der Kunstform Gedicht. LYRIKPAPYRI heißt, Gedichtbände sind und bleiben erlebbar, klingend, duftend, haptisch, unplugged.
Was reizt Sie daran, gerade die Autoren Däubler, Münzner und Rautenberg herauszugeben? Was ist so besonders an ihnen?
Gregor Däubler ist ein junger, wagemutiger Poet, der in seinem bei uns erscheinenden Debut das Vexierspiel zwischen Form und Inhalt verheißungsvoll zur Sprache bringt. Andreas Münzner besitzt die seltene Gabe, indem er in großer Ruhe und changierend zwischen humorvoller Distanz und emotionaler Nähe ein ziemlich welthaltiges Tableau erschafft, mit seinen Gedichten Lebensuhren zu justieren. Und Arne Rautenberg ist der sympathischste Kunstspieler, den ich kenne. Völlig respektlos überrumpelt er nicht nur die Sprache selbst, sondern damit auch unsere eingefahrenen und eingefrorenen Denkweisen und Blickwinkel. Es lohnt sich unbedingt, alle drei zu lesen!
(…)
Und wie sieht die Zukunft der LYRIKPAPYRI aus?
Der Verlag und ich als Herausgeber planen bereits die Titel für das nächste Jahr. Es wird wohl in jedem Programm etwa drei neue Bände geben. Und wir sind fest davon überzeugt, dass es genügend Buchhändler, Literaturvermittler, Kritiker und Leser (m/w) gibt, die unsere Begeisterung teilen werden für das, was wir hier in die Welt setzen.
Das Pfeifen des Zuges dient nur dazu auf den Feldern Melancholie zu verbreiten. – Wie reagieren wir? Wir lächeln zustimmend, sind ›amüsiert‹, verstehen, was der Autor humorvoll (nicht humoristisch) ausdrücken wollte. Und das, weil wir Erinnerung besitzen an Pfeifen des Zuges, Felder und Melancholie. Der Aufbau des Satzes ist grammatisch und logisch vollkommen korrekt, klingt vertraut. Was verblüfft, ist das Neuartige (schon sind wir im Begriff das ›Phantasievolle‹ zu sagen), das Unerwartete, Überraschende der Wortverknüpfung und damit die Aussage des Satzes. Offenbar handelt es sich um Poesie.
Der zitierte Satz ist ein Beispiel für die literarische Kleinform, die ihr Erfinder, der spanische Dichter Ramón Gómez de la Serna (1888–1963) GREGUERÌAS – Kauderwelsch – genannt hat. Die erste Sammlung von Greguerías erschien 1917, weitere Ausgaben folgten, bis zur letzten im Jahre 1962, die 13 000 Einträge enthält. Die formalen Merkmale der Greguería sind Prosaform, extreme Kürze, kontextuelle Unabhängigkeit sowie nichtdiskursive Aussage. Die beabsichtigte Wirkung einer Greguería besteht in der Vermittlung einer neuen, überraschenden Perspektive mit oft humorvoller Pointierung. Die Greguería changiert zwischen Aphorismus und Lyrik. Die Kurzformel, die Gómez de la Serna selbst zur Charakterisierung seiner Erfindung gewählt hat, lautet: Greguería = Humor + Metapher. – Man hat festgestellt, daß die Frauen, die im Bus stricken, dessen Geschwindigkeit herabsetzen. / Maximilian Zander, KuNo
Warum er gern über „Bob, den Riesen“ schreibt, die Mannheimer Popakademie ihn 2008 als Studenten ablehnte, er nicht Max Lyrik heißt und darüber, ob er oder Hannes Wader „der deutsche Dylan“ ist, rätseln wir mit dem Berliner Songwriter in diesem Interview. / morgenweb
11.09.2012, 19:30 Uhr
Literaturhaus Hannover / Mitte
mit Klaus Merz, Alexander Nitzberg, Monika Rinck und André Rudolph
Mit dem Lyrikfest geben wir auch in diesem Herbst der Lyrik eine eigene Bühne und stellen – immer auf der Suche nach der poetischen Grammatik unserer Zeit – einige der wichtigsten Stimmen deutschsprachiger Gegenwartslyrik in Kurzporträts vor: Einer haiku-ähnlichen Konzentration und Treffsicherheit begegnen wir in den Gedichten von Klaus Merz, während uns Andre Rudolphs Lyrik schräge Schönheit, Melancholie und Aberwitz inmitten dessen zeigt, was man Wirklichkeit nennt. Wir erleben das ganz gegenwärtige Spielen auf der klassischen Klaviatur der Dichtung in den gereimten Zeilen Alexander Nitzbergs und staunen über die Gleichzeitigkeit von Denkvergnügen und Sinnverführung, wenn Monika Rinck als Stimmvirtuosin mal mit süßer, mal mit höhnischer Stimme zu uns spricht. / Timm Kölln, Hannoversche Allgemeine
„Der Wolkenhändler“ ist Titel sowie (eine) Hauptfigur eines Prosatextes des Kieler Dichters Klavki und wurde unter anderem auf Poetry Slams vorgetragen, wo er den ersten Preis gewann. (…)
Neben der Thematisierung des Wolkenhändlers als Figur, beinhaltet der gesamte Prosatext vor allem Kritik am Literaturbetrieb, indem er dessen drei literarische Grundregeln pointiert skizziert, kommentiert und dann selbstbezüglich vollständig unterwandert oder ins Maßlose übertreibt:
– »„Bilder. Benutzen sie mehr Bilder. 1. Regel: Sie MÜSSEN mehr Bilder benutzen!“, unterbricht mich der Literaturhauspapst – hindenburgisch hingebrummt dröhnt sein mittelschulkluger Mund & sein vornehmer Stuhl lehnt sich wieder leicht überlegen zurück: Geistiges Liliputgewieher!«
– »„Stop! Schreiben Sie so, dass man Sie versteht! Man muss Sie verstehen können. 2. Regel: Schreiben Sie in einfacher Sprache!“, sonort es salopp. Dolchig sitzt er mir gegenüber, dieser kulturübergewichtige Seufzerkoch. Und mir wird klar: Der Weg zur Hölle ist mit gutgemeinten Ratschlägen von Mitmenschen gepflastert.«
– »3. Regel: Lassen Sie niemals Ihre Hauptperson sterben.«
Außerdem klingen poetologische Konzepte an: »Man sollte das Glas der Sprache zerbrechen, wenn Schreiben noch eine Zukunft haben soll.«, mitsamt utopisch-träumerischen Vorstellungen von einer idealeren Sprach-Welt.
Aus dem Lyrikwiki-Artikel (verfaßt von Christiane Kiesow)
Hinter der Idee zum Verlagsnamen stecke nicht nur ein literarischer Bezug (das Sonett „Correspondances“ von Charles Baudelaire), sondern auch eine ganz praktische Begegnung. Ich solle mal an die Pariser Metro denken, da stehe überall „correspondance“ für die Verbindungen/Umsteigemöglichkeiten in den einzelnen Metro-Stationen, die die Fahrgäste durch das dichte Liniennetz lenken. Für Ziegler entfaltet sich aus dem Begriff Verbindung und seinen inhaltlichen Ableitungen daraus wie Netz/Geflecht, sich kreuzende Linien sein Ursprungsprojekt: Das Verlegen einer Literatur aus dem deutschen Sprachraum und ihrer Erweiterung auf die angrenzenden Nachbarländer in Richtung Osten, den Sprung wagen über Sprach- und Nationalitätsgrenzen hinaus und dabei renommierte Autoren mit internationalem Format miteinander verknüpfen. (…)
Der Verlag selbst verpasst sich das ästhetische Signet „sprach- und formbewusster“ Literatur aus den Ländern Mitteleuropas. Die Hälfte seien deutschsprachige Titel wie etwa die von Ilse Aichinger: Die ist einfach bekannt, sagt Ziegler. Sie zählt neben dem deutschen Schriftsteller Kurt Drawert, dem tschechischen Dichter Petr Borkovec, der in Berlin lebenden slowenischen Lyrikern Maruša Krese und der slowakischen Dichterin Mila Haugová zu den Autoren und Autorinnen der ersten Stunde – dem Beginn eines „mitteleuropäischen Lyrikdialogs“. Nahezu unbekannte Dichter bekamen durch Übersetzungen auch andernorts eine Stimme. Später kamen Autoren hinzu wie Zsuzsanna Gahse, Oswald Egger, Anja Utler. / hotlist-online
Plötzlich ist er in aller Munde: Miron Bialoszewski, ein großer Einzelgänger, Chronist des Alltags im Krieg und im Sozialismus, experimentierfreudiger Lyriker und Theatermann, skurrile Existenz. Nicht, dass man ihn völlig vergessen hätte. Doch Bialoszewski wird gerade neu entdeckt. In diesen Wochen überstürzen sich die Ereignisse: Der Krakauer Znak-Verlag hat sein „Geheimes Tagebuch“ veröffentlicht, eine Biografie ist erschienen, in Warschau sollen eine Straße nach ihm benannt und ein von seinem Werk inspiriertes Café eröffnet werden. Noch etwas? Ach ja, am 30. Juli wäre der Autor 90 Jahre alt geworden – wäre er nicht bereits 1983 gestorben.*
Bialoszewski wurde 1922, obgleich Nichtjude, im Wohnviertel der armen Warschauer Juden geboren. Das Menschengewimmel dieses Viertels sollte ihm für immer im Gedächtnis bleiben; die katholische Liturgie und die Psalmen waren für ihn die erste Begegnung mit der Lyrik. Als er 17 war, kamen Krieg und deutsche Besatzung über die Stadt. Der junge Mann nahm, da es keine Hochschulen mehr gab, konspirativ ein Studium auf, begann zu schreiben und veranstaltete in Wohnungen literarisch- musikalische Abende. Er entdeckte seine Homosexualität. Er erlebte den Warschauer Aufstand. Die zwei Monate des Häuserkampfs im Hochsommer sollten ihn ein Leben lang im Traum verfolgen. Viele Jahre später schrieb er eine Art Tagebuch des Aufstands (deutscher Titel: „Nur das, was war“), das ihn berühmt machte.
Bialoszewski brach mit den vor allem im Ostblock herrschenden Konventionen von Kriegs- und Erinnerungsliteratur. Dieses Werk hat nichts von einem Heldenepos. Es ist kein Aufschrei des Protests, enthält keine politische Botschaft oder Anklage. Der Feind, die Wehrmacht und die SS, kommen praktisch nicht vor. „Nur das was war“ ist eine Chronik der Vernichtung einer Stadt, bestehend aus Alltagssprache, Satzfragmenten, Gedankenfetzen, Szenen. Ein großes Lautgedicht, ein Hörbuch, könnte man sagen, in dem das Pfeifen der vom Himmel fallenden Bomben und das Gemurmel der Betenden in den Häuserkellern festgehalten sind. / Gerhard Gnauck, Die Welt
*) Noch etwas? Ach ja, in diesem Jahr ist die erste deutsche Ausgabe einer Auswahl seiner Gedichte erschienen, übersetzt von Dagmara Kraus. Keine Nachricht für Die Welt. Wie man hört, fiel das einer redaktionellen Kürzung zum Opfer. Im Westen nichts Neues. Unser Leser interessiert sich eben eher die Damen auf des Dichters Bettkante als für obskure Gedichte. Lesen Sie mehr über jene in der Welt vom 4.8. Oder kaufen Sie die Gedichte. Kostet weniger als eine Woche Zeitung.
Wir Seesterne
Białoszewski, Miron. –
Leipzig : Reinecke & Voß, 2012, 1. Aufl. 12 €
Nur das was war
Białoszewski, Miron. –
Frankfurt am Main : Verl. Neue Kritik, 1994
Als ich Stefan George entdeckte, verstreute Gedichte, dann ein Reclamband und Antiquarisches, warnten mich alle: Den findest du gut? Sogar eine Studentin aus Kairo, die bei einem DDR-Germanisten Deutsch gelernt hatte und die es nach Greifswald verschlug, sagte es mir.
Ja, ich fand ihn gut und erst recht interessant.
In letzter Zeit scheint Zustimmung zu überwiegen, ach was: Verehrung. Biographie auf Biographie zelebriert das Heilige Deutschland*, Fauxpas, aber den heiligen Dichter doch? Ein Held des konservativen Feuilletons, endlich wieder…
Ein angesagter Dichter. Aber man wird doch lästern dürfen. Der George-Ton.
O wir verstehen ja, was die Konservativen entzückt. Da gelten noch Werte. Ein Mann ist ein Mann, stark, edel und mutig, der Dienst ist notwendig, der Feind ist tückisch und wird besiegt, im Wald haust (nicht wohnt) Unheil, reichlich Fahnen und Glocken begleiten das Tun der Edlen, der Teich ist ein Weiher, die Wege Pfade, die Ufer Gestade, man betet zu Wolkenthronen, und immer ein Führer führt uns in der Not:
Er kennt kein sinnen und kein wanken ·
Die bösen fühlten seine wut ·
Die armen die zu fuss ihm sanken
Verteilten sich sein ganzes gut.
Er wird mich immer unterweisen
Im graden wandel vor dem Herrn ·
Mein bruder ist aus wachs und eisen ·
In seinem schutze weil ich gern.
Amen. Die Jamben hauen die Welt zu handhabbaren Stücken. Da troff erfüllung aus geweihten händen.
Metrum, Reim, Wortwahl, alles steht im Dienst der Ordnung. Auf die Adjektive ist Verlaß. Die Stadt ist hehr, das Kleinod köstlich, die Jugend frisch, der Äther rein, das „Haupt“ – na was wohl, blond. Kurz, Georges Verse bestehen aus dem, was Gottfried Benn den seraphischen Ton nennt.
Selbst in den guten Gedichten gibt es so Stellen. Eins der besten und berühmtesten:
Komm in den totgesagten park und schau:
Der schimmer ferner lächelnder gestade ·
Der reinen wolken unverhofftes blau
Erhellt die weiher und die bunten pfade.
Dort nimm das tiefe gelb · das weiche grau
Von birken und von buchs · der wind ist lau ·
Die späten rosen welkten noch nicht ganz ·
Erlese küsse sie und flicht den kranz ·
Vergiss auch diese lezten astern nicht ·
Den purpur um die ranken wilder reben
Und auch was übrig blieb von grünem leben
Verwinde leicht im herbstlichen gesicht.
Hier stimmt ja gar nicht, was der Spötter über die Adjektive sagte. Der totgesagte Park: mit einem einzigen überraschenden Adjektiv entsteht ein Vorgang, der uns packt. Die Gestade, Weiher und Pfade zugestanden: sie werden von den Adjektiven gemildert, wo nicht ins Überraschende gewendet: lächelnde gestade, unverhofftes blau. Die dritte Zeile ist eine Sensation (das Wort bedeutet eigentlich Empfindung, Gefühl). Nicht in seinen Verlaine-Übersetzungen: hier ist er Verlaine ganz nah. Ein fast perfektes Gedicht: einzig die letzte Zeile der mittleren Strophe gemahnt an die Süßigkeit des Georgetons in den kostbaren (erlesenen) Verben für effeminierte Tätigkeit. Die schöngezeichnete Natur wird – erst hier und nur hier – ins Sakrale gewendet. Die letzte Strophe kehrt zu Konkretem zurück und mündet in den Auftrag an den Dichter. Das letzte Wort, „gesicht“, wird durch die konkrete Tätigkeit des „Verwindens“ und das detailreiche Herbstbild aus dem Sakralen (das unsere Heinis so lieben) ins Künstlerische gewendet.
***
Daß ein jüngerer Dichter auf George verweist, war mir zuerst bei Thomas Kling aufgefallen. Seine Anthologie „Sprachspeicher“ bringt nur ein Gedicht von Nietzsche, aber 6 von George. 6 ist die Höchstzahl, die bekommen nur die Größten: Walther von der Vogelweide, Goethe, Hölderlin, Rilke, Trakl, Benn und Celan. Und eben George. Dann geht es runter, Heine 5, Droste 4, Brecht 2. Ganz und gar nicht gegenkanonisch.
Und doch fällt auf, daß seine Auswahl gegen den Strich gebürstet ist. Auf der Suche nach schwachen Stellen, Parfüm und Gips wird man gar nicht fündig. Kein einziges seraphisches Gedicht. Bis auf den totgesagten park: Wenig Bekanntes. Überraschendes. George hat Poesie, ja Humor! Die Kinder flennen. Bis er sie festet. Mit diesen 6 Gedichten läßt sich starten.
_______________
* Claus Philipp Maria Schenk Graf von Stauffenberg rief das, als er erschossen wurde. Oder war es „Es lebe das geheime Deutschland!“? Jedenfalls irgendwas mit George. Auf einen Verriß des Stauffenbergfilms schrieb jemand (Originalwortlaut):
Lieber Kritiker,
dieser Film war sein Geld wert und natürlich sitzen in diesem Saal auch Neonazis. Den lettzten Satz den Sie andeuten stammt von Oberst Stauffenberg. Er war nie so ein Widerstandskämpfer wie alle glauben, trotzdem wird er als das verehrt. Sein letzter Satz: „Es lebe das heilige Deutschland“ steht für seine Liebe zu seinem Vaterland, er ist und war ein Patriot und ist mit seinen letzten Worten auch so gestorben. Hätte er das nicht gesagt, wäre er ein vollkommender Verräter gewesen.
Es lebe das heilige Deutschland!
(Man sieht, heilig und richtig gehn nicht immer konform). Hier mehr http://sherman.blogsport.de/2009/01/27/lang-lebe-das-heilige-deutschland-oder-warum-stauffenberg-kein-held-ist/
Friede z’ Ischdai
Wenn isch Friede wieder z‘ Ischdai?
Do druf blangt scho groß un chlei.
Wu wieder die alde Zite sin
un überall d’r Humor schteckt drin
im Musikverein un Fußballclub
im Chilchechor un Fiirwehrtrupp
in G’sangverein un Buureschaft
in Fraueverein un G’nosseschaft
wenn me wieder s‘ Tanzbei schwingt
un die alde Lieder wieder singt
Wii kriegsch soviel de witt
un s‘ 12-prozentig Bier wieder gitt
S‘ Chirsiwasser schmeckt famos
un d‘ Kotlett sin wie de Abtrittdeckel groß
un wenn me mit ‚m G’schpusi im Werth spaziere goht
un nimme schtolperet über Schtacheldroht
(…)
Ein Gedicht, das das Karl Trimpin 1944 als Soldat im italienischen Montecassino schrieb, in: Badische Zeitung
Gedichte von 26 hebräischen Dichtern wurden in den Lehrplan aufgenommen – das Unterrichtsministerium spricht von einer „radikalen Umwandlung“.
Der gesamte Lehrplan vom Mittelalter bis zum späten 20. Jahrhundert wurde geändert, am radikalsten aber für die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts.
Bisher wurden aus dieser Epoche nur 7 Dichter behandelt: Erez Biton, Haim Gouri, Natan Zach, Zelda, Yehuda Amichai, Dan Pagis und Dahlia Ravikovitch. Doch mit Beginn des neuen Schuljahrs im September kommen 23 hinzu.
Neu hinzugekommen sind Avraham Halfi, Nurit Zarchi, T. Carmi, Meir Wieseltier, Avot Yeshurun, Yitzhak Laor, Rachel Halfi, Agi Mishol, David Avidan, Ronny Someck, Yona Wallach und Shimon Adaf. Zum erstenmal steht auch ein – hebräisch geschriebenes – Gedicht einer arabischen Dichterin auf dem Lehrplan, Nidaa Khoury. Hinzugekommen ist auch ein ursprünglich Jiddisch geschriebenes Gedicht von Avraham Sutzkever, das Benjamin Harshav ins Hebräische übersetzte.
„Wir ermöglichen es Lehrern, den Fokus von den Klassikern auf Zeitgenossen zu lenken“, sagte ein Sprecher des Ministeriums.
Geändert wurde auch die Methode des Lyriklehrens. Bisher mußten die Lehrer je ein Gedicht der sieben Dichter behandeln. Jetzt wird die Lyrik der neueren Zeit Gegenständen zugeordnet: „Identitäten“, „Was ist Liebe?“, „Im Land Israel leben“ und „Lyrik im Gefolge des Holocaust“. / Talila Nesher, Haaretz 7.8.
Im kleinen Lana las am 15. Mai ein ganz Großer aus seinem neuen Buch: Les Murray. Der Lyriker, der 1937 in New South Wales geboren wurde, wird immer wieder als Kandidat für den Literaturnobelpreis gehandelt. Seine deutsche Verlegerin Margitt Lehbert übersetzte „Killing the Black Dog“, das in Australien, der Heimatstadt des Poeten zum Bestseller wurde, behutsam ins Deutsche. Im Rahmen der Veröffentlichung der deutschen Neuerscheinung unternahm Murray mit seiner Verlegerin eine Lesereise – und der Verein der Bücherwürmer holte den Dichter, der vor allem mit seiner Naturlyrik beeindruckt, nach Lana.
(…)
Die deutsche Presse, beispielsweise “Die Zeit”, lobt Ihren Sprachfuror und Ihre Originalität bei jedem neuen Buch das erscheint, immer wieder in höchsten Tönen. Sie schreiben in „Der schwarze Hund“, dass Sie von den Intellektuellenkreisen in Australien regelrecht gehasst wurden. Der Chefredakteur der einzigen überregionalen Tageszeitung ließ von den eigenen Mitarbeitern Leserbriefe gegen Sie schreiben. Warum?
Les Murray: Ja, praktisch, nicht? Wenn man das gleich selbst macht. In Australien wollte man meine Gedichte dem großen marxistischen Epos unterordnen. Die Eitelkeiten einer neuen Elite wollten befriedigt werden. Die linke, weiße Aristokratie sah sich als legitime Nachfolger der weißen Siedler und nahmen für sich das alleinige Wort in Anspruch. Mir gefiel das nicht.
/ Christine Kofler, Franz
ZEITjUNG.de: Ivan, was treibt dich um als Künstler?
IVAN: Meine Poesie der Straße und mein ‚poetischer Angriff‘ entstehen aus einem mehr sozialkritischen als einem literarischen Ansuchen. Es ist ein Hinabstoßen von Wörtern zwischen die Straßen mit der Überzeugung, die in den dunklen Ecken unseres Lebens abgestellte Poesie zu kennen. Mit der Wahrnehmung, immer stärker die Brandung der Welle des Unsichtbaren zu fühlen.
Wie sieht sie dann aus, deine Kunst?
Ich habe vor vielen Jahren begonnen, einige meiner Splittersätze auf Mauern und Geländer zu schreiben. Kurze Aphorismen. Nachdem ich dann dazu übergegangen war, große Plakate mit meinen Gedichten auf italienisch, arabisch, spanisch und französisch aufzuhängen, habe ich auch auf die Lamellen von Rolläden meine Verse gemalt. Der ‚poetische Angriff‘ ist eine Art Mischung aus meinen mit dem Stift beschrifteten Blättern und der Straße, überfallen von Lack, Pinseln und Klebstoff.
Du nutzt die Stadt als Unterlage für deine Gedichte?
Meine Kunst auf der Straße ist mehr als nur eine Bühne für meine Poesie. Ich lebe von der Interpretation des Wortes, seines Sinnes. Von der Vorstellungswelt, die tiefer beeindruckt als seine malerische Darstellung. In Wahrheit meine ich, einen Zustand der Mitte zu leben.
Wo findest du Inspiration?
Jeder ist Dichter. Und der ‚Zustand von Gnade‘ der Dichtung steckt überall aufgelöst in uns.
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