Veröffentlicht am 4. August 2012 von lyrikzeitung
Köhler komponiert rhythmisch, verschiebt kleinste Bedeutungsträger. In „Neufundland“ kommen Meret Oppenheim, Gertrude Stein und Elizabeth Bishop zu Wort, deren Gedichte sie übersetzt hat. In einem Porträt der mittelalterlichen Mystikerin Mechthild von Magdeburg ist vom „tanz der stimme jenseits von feststellungen“ die Rede. „Sprache in eine liquide Form“ zu bringen, gelingt ihr sowohl in einer virtuosen Betrachtung von Hase und Igel aus dem Grimmschen Märchen als auch im kafkaesken „Berliner Zimmer“ oder unterwegs zum Londoner „End of the World“. Im vierten Gesang der „Odyssee“ hat sie eine Gestalt entdeckt, die in der Fassung Homers seltsam stumm geblieben ist: Eidothea, die Bildergöttin. Aus der fein gewebten kanadischen Reisetextur „Neufundland“ geht einem das Bild eines Jungen nicht aus dem Sinn, der am Highway steht und den Vorbeifahrenden ein Pappschild mit dem Wort „home“ entgegenhält. Weiß denn niemand, wo das liegt? / Dorothea von Törne, Die Welt
Barbara Köhler Neufundland. Edition Korrespondenzen, Wien. 257 S., mit CD, 24 Euro.
Veröffentlicht am 4. August 2012 von lyrikzeitung
„Die Heiterkeit der Luftschiffer“ („Hundstage“) und das Wahrnehmen einer „Feuer fangenden Zeit“ liegen gar nicht so weit auseinander. Zwischen ihnen entfacht das Gedicht seine knisternde Atmosphäre. Wer anspielungsreiche Verse mag und den Diskurs mit Dichtern wie John Keats, Emily Dickinson oder Johannes Bobrowski, der wird sich bei der Lektüre dieser melancholischen, zeitgeistkritischen Verse aufgehoben fühlen. / Dorothea von Törne, Die Welt
Mirko Bonné Traklpark. Schöffling, Frankfurt/M. 112 S., 18,95 Euro.
Veröffentlicht am 4. August 2012 von lyrikzeitung
Im klangvollen Dialog miteinander können beide sich für Augenblicke in alles verwandeln, was ihnen begegnet – ein absurdes Rollenspiel. „Wenn nicht mehr Zahlen und Figuren / Sind Schlüssel aller Kreaturen“ – das Novalis-Zitat des Gedichts „Wer spricht“ könnte über dem ganzen Zyklus stehen. Nur eines scheint sicher: Die beiden sind Gottes Geschöpfe, vorübergehend der „Welt-hinter-der-Welt“ entsprungen, wie auch die Biene im Gedicht „Emily Dickinsons Briefe“. Nicht nur mit Dickinson pflegt Martynova geheime Korrespondenzen, auch mit Shakespeare, Christian Morgenstern, Robert Gernhardt, Ossip Mandelstam und Anna Achmatowa. / Dorothea von Törne, Die Welt
Olga Martynova: Von Tschwirik und Tschwirka. Aus dem Russischen von Elke Erb und Olga Martynova. Droschl, Graz. 96 S., 16 Euro.
Veröffentlicht am 4. August 2012 von lyrikzeitung
Bob Dylan hat seit jeher eine entspannte Einstellung zum geistigen Eigentum. In seiner Jugend schickte er dem „Herzl Herald“, einer jüdischen Sommercamp-Zeitschrift, ein Gedicht mit dem Titel „Little Buddy“. Er hatte es Zeile für Zeile beim Countrysänger Hank Snow abgekupfert. Dessen ungeachtet setzte er stolz seine Signatur darunter: Bobby Zimmerman. Später klaute er behutsamer, variierte Verse toter Poeten, etwa auf dem Album „Modern Times“ (2006), für das er sich großzügig beim Bürgerkriegsdichter Henry Timrod bediente. Im Song „Spirit on the Water“ paraphrasiert Dylan sachte eine Passage aus Timrods „Two Portraits“: „How then, O weary one!“, heißt es da: „Explain the sources of that hidden pain“. Dylan macht daraus: „Can’t explain/ The sources of this hidden pain“. / Jan Küveler, Welt
Veröffentlicht am 4. August 2012 von lyrikzeitung
Zwei Schriftsteller leuchten an seinem weitverzweigten Dichterhimmel als Fixsterne, und ihre Poesie wäre dem deutschen Leser nicht so hell aufgegangen, wenn nicht Hanns Grössel ihnen Glanz gesichert hätte: Inger Christensen und Tomas Tranströmer. Wie übersetzt man Lyrik? „Möglichst so, wie es da steht“, antwortete Grössel, als er nach dem Nobelpreis für Tranströmer gefragt wurde, mit gelassenem Understatement: „Lyrik besteht wie Prosa nur aus Wörtern.“ Mit dem schwedischen Dichter stand er, seit er ihn 1977 persönlich kennengelernt hatte, in engem Kontakt, über viele Übersetzungsfragen hat er sich mit ihm ausgetauscht und so das Gesamtwerk mit zuverlässigster Genauigkeit ins Deutsche gebracht. Gezeichnet schon von seiner Krankheit, hat der Übersetzer den Nobelpreisträger seit der freudigen Überraschung, die ihm die Schwedische Akademie bereitete, auf Veranstaltungen begleitet und vertreten. Es blieb die letzte und auch meistbeachtete Etappe in seinem philologischen Wanderarbeiterleben: Am 1. August ist Hanns Grössel, der Sprachliebkoser und – so sah er mit Lessing die Übersetzer – „Wortgrübler“, im Alter von achtzig Jahren in Köln gestorben. / ANDREAS ROSSMANN, FAZ
Veröffentlicht am 3. August 2012 von lyrikzeitung
Dieses Gedichtbuch ist leicht lesbar und hat es dennoch in sich. Hier spricht eine überlebende Stimme des zwanzigsten Jahrhunderts. Geschichtliche Räume werden mit knappen Worten umrissen und spürbar gemacht. Die Texte des politischen Publizisten Gerhard Schoenberner enthalten keinen doppelten Boden, weder sprachlich noch inhaltlich; sie sind in ihrer appellativen Symbolik eindeutig: Diese poetischen Notate erschließen sich beim ersten Lesen. Es geht um Krieg und Vertreibung, Flucht und Emigration; es geht um Frieden und Gerechtigkeit, um Menschheitsüberleben und Einzelschicksale. … Stark sind Schoenberners Texte da, wo sie erlebte Geschichte erzählen, das Allgemeingültige im Persönlichen sichtbar machen; banal wirken sie, wo persönliche Impressionen einfach nur registriert werden. Immer jedoch herrscht sprachliche Schlichtheit und Klarheit, eine Brechtsche Knappheit mit didaktischen Botschaften und implizierten moralischen Appellen, nicht selten am Rande des Agitprop. / Martin Jankowski, Fixpoetry
Gerhard Schoenberner: FAZIT Prosagedichte ISBN 3-88619-488-9 Ariadnes Literaturbibliothek Hamburg 2012
Veröffentlicht am 3. August 2012 von lyrikzeitung
Der lyrix-Wettbewerb für Schüler geht in die nächste Runde. Einsendeschluss ist der 31. August 2012. Der DLF erklärt die Aufgabe u.a. mit einem Gedicht von Marcus Roloff:
Auf den zweiten Blick ist alles anders. Ob in der Werbung oder im richtigen Leben: Oft wird einem der schöne Schein vorgespielt. Doch was verbirgt sich dahinter? Und wann reizt es euch, den Vorhang zu heben und mal dahinter zu schauen? Sollte man überhaupt einen Blick riskieren? Oder ist es manchmal vielleicht gut, die Fassade zu wahren? Was kann es unter den verschiedenen Oberflächen zu entdecken geben?
Die Wirklichkeit des Betrachters ist oft nicht identisch mit der Wirklichkeit der Situation oder des Objekts, welches er betrachtet. Wie wir etwas wahrnehmen, hängt von vielen individuellen Faktoren ab. Unterschiedliche Menschen können die gleiche Situation zum Beispiel ganz anders wahrnehmen, das gilt nicht nur in der Kunst. Oder ist es ganz anders und „man sieht nur mit dem Herzen gut, das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar“, wie Antoine de Saint-Éxupery in seinem „Kleinen Prinzen“ formulierte?
Wir freuen uns auf eure Gedichte und euren Blick unter die Oberfläche!
(…)
Auch der Frankfurter Dichter Marcus Roloff (*1973) hat sich in seinem Gedicht „zyklus“ Gedanken über die Differenz zwischen Sehen und Verstehen gemacht. Es handelt von der Schwierigkeit, Dinge in ihrer Ganzheit wahrzunehmen. Denn bei der ersten Betrachtung bleibt oft Vieles im Dunkeln.
zyklus
allmählich ging mir der mond auf
ich machte mir meine koordinaten
aber der eindruck vom monat war
zunehmend miserabel obwohl ich schon
weit nach mittag des nächsten tages
noch immer auf wahrnehmung lag & die
nichtverstandene nichthergewandte seite
immer noch hinnahm als eine
dämmerungsabsicht
(© Marcus Roloff/Gutleut-Verlag, aus: „gedächtnisformate“, Frankfurt am Main 2006)
Veröffentlicht am 3. August 2012 von lyrikzeitung
Ein sehr beliebter Dichter der Tangzeit ist Bai Juyi, auch „Pai Chü-i“ geschrieben. Er lebte von 772 bis 846, wurde schon zu Lebzeiten viel gelesen, machte sich aber auch viele Feinde beim Hof durch seine kritische Meinung über soziale Missstände und Krieg.
Es wird erzählt, dass er seine Gedichte einer Bäuerin vorlas und Zeilen änderte die sie nicht verstand.
Das folgende Gedicht ist jedoch gar nicht so einfach, weil es eine tiefgehende Kulturkritik ausdrückt, die auch uns noch angeht. / Jan Kellendonk, lokalkompass.de
Veröffentlicht am 2. August 2012 von lyrikzeitung
Gesellschaft
Aus einer großen Gesellschaft heraus
Ging einst ein stiller Gelehrter zu Haus.
Man fragte: Wie seid Ihr zufrieden gewesen?
„Wären’s Bücher, sagt‘ er, ich würd‘ sie nicht lesen.“
Johann Wolfgang Goethe
In: Gedichte 1800 – 1832. Hg. Karl Eibl (Sämtliche Gedichte in 2 Bänden), Hg. Karl Eibl, Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft 1998, S. 418.
Veröffentlicht am 2. August 2012 von lyrikzeitung
Auch im Dschungel der „Kleinverlage“ brauchts Ordnung, deshalb beginnt der Artikel von Christina Eickhorn so:
Literaturkritiker Michael Braun hält ihn für den „derzeit wirkungsmächtigsten unabhängigen Lyrikverlag im deutschsprachigen Raum“. Den Luxbooks-Verlag mit Sitz in Wiesbaden.
Darin heißt es:
Das erste Programm erschien dann im Frühjahr 2008. Die Nische, die sie sich gesucht hatten, war die, amerikanische Lyrik auf Deutsch herauszubringen. „Eine ganze Ära von Literatur war zu diesem Zeitpunkt noch nicht übersetzt worden und somit in Deutschland nicht rezipierbar. Daran wollten wir etwas ändern“, sagt Kühn.
Mittlerweile gehören Gedichtbände von John Updike, H.D. (Hilda Doolittle) oder George Oppen zum Verlagsprogramm. Zu der Reihe „luxbooks.americana“, in der nach wie vor Werke der US-amerikanischen Lyrik des 20. und 21. Jahrhunderts präsentiert werden, sind weitere Reihen hinzugekommen. Sie widmen sich unter anderem experimenteller Lyrik, Lyrik aus Lateinamerika, aber auch verstärkt deutschen Texten.
(Der letzte Satz gibt zu denken.) Geld machen kann man damit nicht. Erfolg läßt sich offenbar vor allem beim Fernsehen beobachten:
Und so ist „Luxbooks“ weiter auf Erfolgskurs. Der vor knapp zwei Jahren in dem kleinen Wiesbadener Verlag erschienene Lyrikband „Ein weltgewandtes Land“ von John Ashbery schaffte es auf Platz eins der SWR Bestenliste und wurde in der ARD-Sendung „Druckfrisch“ besprochen.
Der Ausblick:
Und auch in diesem Jahr wartet der Independent-Verlag mit einer Besonderheit auf: Im Herbst soll der von Kritikern und Rezensenten lang erwartete erste Band der in Berlin lebenden und erst vor wenigen Wochen mit dem Wiesbadener Orphil-Debüt-Preis ausgezeichneten Lyrikerin Simone Kornappel bei „Luxbooks“ erscheinen.
Veröffentlicht am 2. August 2012 von lyrikzeitung
Der Dichter Du Fu war befreundet mit Li Bai und sie werden oft in einem Atemzug genannt. Wie viele andere Menschen mit Herz beklagte er die unstete Zeit mit ihren vielen Scharmützeln und es sind von ihm einige Gedichte gegen die Unmenschlichkeit des Krieges bekannt.
(…)
Er verband Gedanken über die Natur mit seinem eigenen Los, auf eine natürliche Weise, so wie in dem Gedicht:
Der Fluss ist grün | am Himmel Vögel weiß
Gebirge blau | und Blüten grad erglüh‘n
Nun diesen Lenz | auch ihn seh‘ ich vergeh’n
An welchem Tag | wird sein mein Heimkehrjahr?
Die ersten zwei Zeilen beschreiben eine Szene: der Fluss, vielleicht der Große Fluss, der Yangtze, ist grün, und Kraniche oder Reiher ziehen am Himmel vorbei. Kraniche werden oft auf Faltschirmen oder Rollbildern abgebildet. Wie für ein Plakat werden die Farben eingesetzt: Grün, Weiß, Blau und Rot. Kühle Farben und eine warme.
(…)
Ist der Anfang eine große breite, hohe, deutliche Skizze, so ist auch das Ende groß und breit, aber tief im Gefühl.
Für „Fluss“ kann man auch „Bucht“ lesen. Die Zeichen für die Farben „Grün“ und „Blau“ sind eigentlich „jadefarbig“ und „Farbe der Natur“; beide können sowohl Grün als Blau bedeuten. „Am Himmel“ nicht im Original, wo es heißt: „ziehen vorbei“, wodurch es auch Wasservögel sein könnten, aber die Bewegung geht von dem Fluss unten, zu den Vögeln, zu den weiten Bergen die naturgemäß trübe gefärbt sind, hin zu einer inneren Welt der Gedanken. / Jan Kellendonk, lokalkompass.de
Nachtrag
Dank Internet findet man bei Regionalzeitungen Übersetzungen chinesischer Gedichte! Verzichtet auf was ihr könnt (Rainer Kirsch). Ich sage danke. Und suche. Eine Ausgabe der 300 Tang-Gedichte findet man bei buchhandel.de nicht. Immerhin dieses:
Im Zeitmaß des Mondes. I. Frühling
Eine Auswahl chinesischer Lyrik vom 3. bis zum 13. Jahrhundert. Ausgewählt und übersetzt von Frank Kraushaar.
München : Stiftung Lyrik Kabinett 2003. ISBN: 978-3-9807150-2-7
geheftet
27 S. – 21,8 x 14,7 cm
Ebenso eine Auswahl für Sommer und Herbst, je 4 Euro. [Winter vergriffen]
Wer das Ganze will, ist auf die chinesische und englische Sprache angewiesen. Und auf hunderte Enthusiasten (vor allem in diesen beiden Sprachen), die in wenigen Jahren gewaltige Materialmengen angehäuft haben. Welch ein Gewinn an Freiheit.
Zu diesem Gedicht weiteres Material:
Jueju, No. 2 of 2 (The River’s Blue, The Bird a Perfect White)
Du Fu
jiāng bì niǎo yú bái
shān qīng huā yù rán
jīn chūn kàn yòu guò
hé rì shì guī nián
Wort-für-Wort-Übersetzung:
River blue bird exceed white
Hill green flower about to ignite
This spring see again have
What day be return year
Nachdichtung:
The river’s blue, the bird a perfect white,
The mountain green with flowers about to blaze.
I’ve watched the spring pass away again,
When will I be able to return?
Note: This poem probably dates from around 764 (Watson p. 111).
This poem is volume (juàn) 228, no. 21 in the Complete Tang Poems (quán táng shī). It is translated on p. 439 of Owen, and p. 86 of Hinton, and as poem 94 in Watson, p. 112, and poem CCCVII in Hung, p. 244.
Günter Eich, selber studierter Sinologe, übersetzt so:
Fremde
Nie war der Fluß so grün, das Weiß der Vögel weißer,
So blau der Berg, das Rot der Blüten heißer,
Und doch vergehts, das Jahr, gleich allen, wies auch brennt,
Und niemand ist, der mir den Tag der Heimat nennt.
In: Lyrik des Ostens: China. München: dtv 1962, S. 92
(vorher bei Hanser, 1958)
Veröffentlicht am 1. August 2012 von lyrikzeitung
Natürlich packe ich das Buch rasch aus, erfreue mich sogleich an der Gestaltung, wiege es in der Hand, in der das leinengebundene Werk trotz seines Umfangs angenehm leicht liegt, und lese unverzüglich die ersten Seiten, die sogleich eine Überraschung darstellen. Das erste Wort: Bekenntnisse. Und tatsächlich, die spontane Vermutung trifft zu: Hier stehen neue Übertragungen der Confessiones des Augustinus, dessen eine – eingebrannt wie ein Tattoo – mich lebenslang begleitet, seit ich sie von frühester Kindheit an während jeder Messe vom katholischen Dorfpfarrer in Bürvenich gesprochen hörte: Unruhig ist unser Herz, bis es ruhet in dir, o Herr. / Inquietum est cor nostrum, donec requiescat in te, Domine, unpaginiert und im Wechsel mit ringförmigen Zeichnungen des Autors über ein Dutzend Seiten das voluminöse Buch einleitend – und mit einer Seite Boethius am Ende das über 700 Seiten starke, auf vier Säulen – Zeichnung, Übertragung, Blocksatz-Gedicht in lyrischer Prosa, die von vielen Vierzeilern (in nihilum album finden sich 3.650 von diesen Ameisengedichten) eingerahmt werden, die am Ende von Kapiteln die Herrschaft über eine ganze Seite übernehmen – stehende Werk beschließend. (…)
In einer späten Septembernacht beginne ich die Lektüre. Im Nu spüre ich die Wörter in der Brust pochen (geht das überhaupt?), fühle einen pulsierenden Druck, und ich sage nach einigen Seiten laut vor mich hin: Wahnsinn, das ist der helle Wahnsinn, und lese weiter und weiter und weiter. Ich weiß von der ersten Zeile (Es ist wahr: ich bin stark, ich habe Lunge und Arm, und ich atme), vom ersten Vierzeiler an: Das ist mein Buch, das ist ein Buch zum Mit-Haut-und-Haar-Verspeisen, zum Lesen, bis mir die Augen überlaufen von Wörtern und Bildern und
Halb stemmt eine dritte Figur auf ihren himmelhin erhobenen Sohlen im Korb eine Maulbeere herauf, die Frucht vom Strauch der Raupe, in deren Puppe sich kein Leib verhüllt: bis er zur unsichtbaren Insassin der Schemen mehr innehat als ihren Schatten. Der Kirschkernbeißer, ein Unholdvogel, als hornbeschnäbelter Zerschrotter dürrster Samen und durch die heftig ankeifenden Spuckkerne seines Lockrufs: Zick, zick, zieh! Bringt Ingrimm und Stimmen in Syzygie
/ Theo Breuer, KuNo
- Oswald Egger, Die ganze Zeit, 741 Seiten, Leinen, Lesebändchen, Suhrkamp, Berlin 2010.
- Oswald Egger, nihilum album. Lieder & Gedichte, 150 Seiten, Hardcover mit Schutzumschlag, Suhrkamp, Frankfurt am Main 2007.
- Oswald Egger, Tag und Nacht sind zwei Jahre. Kalendergedichte, 36 Seiten, handfadengebundene Broschur, Verlag Ulrich Keicher, Leonberg 2007.
Veröffentlicht am 1. August 2012 von lyrikzeitung
Der elsässische Autor André Weckmann, ein großer Verfechter der Zweisprachigkeit, starb am Sonntag in Straßburg im Alter von 87 Jahren an einer Lungenembolie. Nach einem Sturz in Österreich vergangene Woche lag er in Straßburg im Krankenhaus, aber sein Zustand verschlechterte sich rapide.
Er veröffentlichte mehr als 30 Bücher in drei Sprachen, Französisch, Deutsch und Elsässisch. „Aus dem Dialekt schuf er ein hochwertiges Instrument poetischen Schaffens und bewies, daß Elsässich mehr als eine Sprache der Straße sein kann“, erklärte M. Woehrling, Präsident der Association Culture et bilinguisme d’Alsace-Moselle. / Dernières Nouvelles d’Alsace
Weckmann in der Alemannischen Wikipedia. Zitat:
1943 ésch´r wie àlli Elsasser én sinem Àlter vun de Ditsche Wehrmacht zwàngsrekrutiert wore (de „Malgré Nous“); e Johr spoter ésch´r vum Hitlerkriej desertiert. Nochher het´r én de US-amerikanisch Armee gedient. Nooch´m Kriej het de Weckmann studiert un ésch Lehrer f´r Ditsch wore. Bis 1989 als Professeur d´études (Studienrat) am Lyzeum ze Strosburi.
De Weckmann ésch zitt´r 1970 én de (alternativ) elsassisch Kültürpolitik engagiert un ésch öi én d´Umweltbewegung, bispielswiis geje´s Atomkraftwerk Wyhl aktiv wore.
Ebendaher:
| speak white | speak white |
|---|---|
| redd wiss | Sprich weiß |
| nêger | Neger |
| wiss ésch scheen | Weiß ist schön |
| wiss ésch nôwel | Weiß ist nobel |
| wiss ésch gschît | Weiß ist gescheit |
| wiss ésch fránzeesch | Weiß ist Französisch |
| fránzeesch ésch wiss | Französisch ist weiß |
| wiss un chic | Weiß und schick |
| elsasser | Elsässer |
| elsassisch degaje | Elsässisch dagegen |
| net | nicht |
| zall ésch brimidîv | Das ist primitiv |
| vülgêr | vulgär |
| pfùi! | Pfui! |
| . | . |
| . | . |
| . | . |
| . | . |
| drum redd wiss | Deshalb sprich weiß |
| nêger | Neger |
| dáss d wiss wursch! | damit du weiß wirst |
| andli | endlich |
| wiss un gschît | Weiß und gescheit |
| nêger | Neger |
| wiss un chic! | Weiß und schick |
| wiss wi z báriss | Weiß wie in Paris |
Veröffentlicht am 1. August 2012 von lyrikzeitung
Bei aller Liebe zur deutschen Sprache fällt doch unangenehm auf, wie viele unserer Wörter auf der hässlichen Nachsilbe -zeug enden: So sagen wir Werkzeug, Spielzeug, Flugzeug, Schlagzeug, wo etwa das Englische tool, toy, plane und drums verwendet. Allein der Verlust für die Lyrik ist unübersehbar, wenn man überlegt, dass sich auf die genannten englischen Wörter etwa fool, boy, insane und bums reimen, womit jede Menge Assoziationen geweckt, ja ganze Pop-Opern angedeutet werden.
Auf Bettzeug, Badezeug, Fahrzeug, Flickzeug, Handwerkszeug, Regenzeug, Schreibzeug, Schuhputzzeug, Unterzeug, Zaumzeug usw. jedoch reimt sich eigentlich gar nichts. Sie sind lyrische Sackgassen. / Alan Posener, Die Welt
Veröffentlicht am 31. Juli 2012 von lyrikzeitung
„Es wird das soziale Klima fördern, wenn Blasphemie wieder gefährlich wird“, stellte er [Mosebach] fest – und bekam wütende Reaktionen.
Allerdings erging es dem examinierten Volljuristen wie gelegentlich kirchenkritischen Satirikern, man verstand ihn nicht. Er forderte nicht den Staat auf, Gotteslästerung unbedingt härter zu strafen, sondern mahnte vor allem die Künstler zu einer Kunst, die eine solche Strafbarkeit respektieren würde. Nicht alles aussprechen zu dürfen, könne auf die Fantasie überaus anregend wirken, schrieb er, Zensur verfeinere den Stil und inspiriere „zu den kühnsten Lösungen“.
Trotzdem muss er nun dulden, dass die „Titanic“ in ihrer neuen Ausgabe – neben einem erneuten Papst-Titelbild – auch ihn aufs Korn nimmt. Sie druckt eine Porträtkarte Mosebachs zum Ausschneiden mit dessen Unterschrift und dem Text: „Liebe Muslime. Allah ist ein ziemlicher Eumel. Herzlichst, Ihr Martin Mosebach“. Kunst soll wieder gefährlich werden, meint „Titanic“. Sie wolle helfen, Mosebach zu „inspirieren“. / Tagesspiegel
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