wie Heine, Fürst Pückler oder Friedrich Engels über Irland sagen, versammelt die Irish Times hier. Vielleicht aus englischer Sicht nicht immer korrekt.
Wär’ die Liga egal, die Lüge stabil, wär’ der Nebel im Wald der Nabel der Welt. Doch man ahnt ja nicht, in dieser durchgestylten Gegend, ob die Häuser entlang der Straßen oder die Straßen entlang der Häuser gebaut sind. Nagel versenkt, Kabel gekappt, Balg abgestillt, Bewerbungstraining; die längste Kurzvita aller Zeiten. In der Sprache der Engel sind Wort und Welt beinah deckungsgleich. Sinn meint i. allg. etwas Nebulöses, Poesie meint i. allg. die Dichtkunst, Milch meint i. allg. Kuhmilch. Wo (besser: wodurch) entsteht ein Gedicht: Beim Schreiben? Beim Lesen? Oder erst, wenn es jemand versteht? Milch versiegt, wenn nicht gemolken wird. Ich habe aufgehört, nach einem Sinn zu suchen, nach dem Stil der Originalität, oder mit dem Arsch in Richtung Markt zu wedeln. Unsinn ist der einzige Hebel der Schönheit; der Stil hemmt die Kraft für den Wurf.
/ Kai Pohl: Zwölf Grußworte aus dem Klub zum betreuten Dichten*, satt.org
„mit teils abgewandelten Äußerungen von Theodor Adorno, Gottfried Benn, Volker Braun, Erich Mühsam, Rudolf Rocker, Igor Terentjew, Oscar Wilde, aus dem Alten Testament (Psalm 127), aus dem Internet, aus dem Untergrund und aus dem Volksmund.“
Der Text ist zum ersten Mal erschienen in:
Literatur Vorarlberg (Hg.): Vorarlberger Zeitschrift für Literatur „V“, Heft 27: „Ein Lyrikkonfusionsreaktor“. 96 S. + 1 CD. Bucher Verlag, Feldkirch [Mai] 2012. 13 Euro, ISBN: 978-3-99018-116-4
*) jedes so cool, daß ich am liebsten alle zitieren würde.
Der Herausgeber der Versnetze-Anthologien, Axel Kutsch, selbst Lyriker, schreibt im Vorwort: Die deutschsprachige Lyrik der Gegenwart bietet vor allem in Literaturzeitschriften und im Internet immer wieder einmal Anlaß zu Diskussionen. Dabei geht es unter anderem um die Frage, ob sie nicht großenteils zu schwierig, verschlüsselt, elitär oder gar unverständlich sei, um eine breitere Leserschaft zu erreichen (…), und ich schlage Frey auf und antworte: Na und? Lesen geschieht in der abenteuerlichen Offenheit des Nichtverstehens. (…) Sobald der Entscheid für eine Bedeutung fällt, verschließt das Geschriebene seine Weite in der Enge des Verstandenseins und erstarrt, klingt das blaue Buch selbst wie ein Gedicht. (…)
An einem Text rätsele ich besonders, es ist ein Zyklus visueller Poesie von Klaus Peter Dencker, ARAKAWA – UNDER CONSTRUCTION, komplett gedruckt auf hellblau-türkisem Himmel. Vögel, Flugzeuge, Bälle, Papierflieger, Luftansichten, Peitschen, Stabhochspringer verraten, dass ich recht habe: es ist Himmel. Das Gedicht spielt mit den Silben des Namens Shusaku Arakawa, eines japanischen Konzeptkünstlers. Es hat 11 Seiten und teilt den Namen in dreimal drei in Quadrate geschriebene Buchstabengruppen auf, die, anders zusammengesetzt, neue Bedeutungen erlangen. Ich habe die Idee, meinen alten Aikido-Lehrer zu besuchen, um Konkreteres zu erfahren, aber er spricht immer noch ein so abenteuerliches Deutsch, dass ich die Antworten auf meine Fragen nicht verstehe. Wie gut, denn so bleibt das Gedicht geheimnisvoll-schön, ein 5-Sterne-Sudoku, bei dem man nicht schummeln kann … / Christine Kappe, KuNo
Axel Kutsch (Hg.), Versnetze_fünf. Deutschsprachige Lyrik der Gegenwart von 213 Autoren, Vorwort des Herausgebers, 352 Seiten, Broschur, Verlag Ralf Liebe, Weilerswist 2012.
Bertram Reinecke schreibt in einem Kommentar auf der Seite u.a.:
Ein charmanter Text, mit mehreren hübschen Pointen. Erstens: Er will keine Ergebnisse geben, sondern beschreibt Leseprozesse, zweitens: Er liest Texte, von Autoren, die immer wieder penetrant Verständlichkeit einfordern, mit dem Anspruch auf poetisches Geheimnis. Das geht gut: Die Poetik eines Autors reicht über seine expliziten Kenntnisse hinaus.
Vielleicht erhebt ja jetzt jemand Einspruch gegen lobende Erwähnung?
Ecclesia militans
Gegen alle Kirchenfeinde,
Glaubensgegner, Ketzer arg,
Publizierte Pater Rožeń eine Schrift,
An die hundert Bogen stark;
Fester Einband und dazu Metallbeschlag – –
Damit schlägt er alle tot, gar keine Frag‘!
Karel Havliček Borovský (1821-1856)
Deutsch von Eduard Albert
In: Slavische Anthologie. In deutschen Übersetzungen. Stuttgart: Cotta Nachf., o.J. (ca. 1893), S. 40.
Karel Havliček Borovský war ein tschechischer Dichter, Journalist und Politiker, Anhänger des Panslawismus. 1851 wurde er aus politischen Gründen nach Brixen (Tirol) überführt. Über die Stadt schrieb er: „kurz gesagt ein miserables, durch Mißbrauch der Religion verdorbenes Nest voll Dummköpfe und Heuchler, mit wenigen Ausnahmen, von denen ich aber nach einem Aufenthalt von 13 Monaten noch keine kennen gelernt habe. […] Und Brixen ist in dieser Beziehung nach dem allgemeinen Urteile selbst der Tyroler die schlechteste Gegend!“
Georges Perros? Selbst literatur affinen Franzosen dürfte dieser Name nicht übermäßig viel sagen, auch wenn Perros‘ Bücher im renommierten Pariser Verlagshaus Gallimard erscheinen. Welch Wagnis also des traditionell frankophilen und traditionell abenteuerlustigen Matthes & Seitz Verlages, diesen französischen Poeten erstmals auf Deutsch zu präsentieren, eine Übersetzung seines autobiografischen, poetischen und poetologischen, nachsinnenden und ironischen, geistreichen, spöttischen und bewusst der Stadt den Rücken kehrenden „Gedichtromans“ vorzulegen. (…)
Es ist nicht: ein langes Erzählgedicht, eine metrisch penible Vermessung der Welt, eine dithyrambische Dichtung. Vielmehr, und Anne Weber findet dafür rhythmisch ausnehmend guten Ausdruck, ist dies ein Nachdenken in kunstvollen Vers sprüngen und Zeilenbrüchen über das (eigene) Leben, was erreicht und was verfehlt wurde, was unerreicht blieb. Es ist keine ganz leichte Lektüre; und doch nie hermetisch. Es ist ambitioniert, und doch nie abgehoben. / Alexander Kluj, Der Standard
„Bacharachsche Züge“ bescheinigte die Kritik vor zwei Jahren dem bislang letzten Album der in Augsburg lebenden Wortkünstlerin und Sängerin. Burt Bacharach, Hollywood-Komponist, gilt als Ikone des Easy Listening. Wer einen seiner Songs hört („Raindrops Keep Fallin‘ On My Head“), weiß, was damit gemeint ist: Man glaubt zu schweben.
Dasselbe passiert einem im klassischen Popformat (3:58 min) bei Lydia Daher. „Und ich war irgendwie ganz anders eingestellt / doch die Stadt hat mir ein Bein gestellt / Da war ich wieder / auf Augenhöhe mit der Welt“, heißt es bei ihr. „Auf Augenhöhe mit der Welt“, erstes Lied des Albums „Flüchtige Bürger“ aus dem Jahr 2010, hat etwas Schwereloses. Und so, wie man mit Bacharach im Ohr am liebsten auf der Stelle im Regen spazieren gehen würde, steckt man dank Lydia Daher so manche Zumutung des Alltags locker weg. (…)
„Es gibt nichts Schlimmeres, als verstanden zu werden / sagte der Landschaftsmaler und stach der Biene die Augen aus“: Deutlicher, schockierender kann man Egoismen, die Glückssuche auf Kosten anderer, nicht beschreiben. Doch Gott sei Dank bringt sie’s nicht immer so hart. (…)
Dafür, dass sie mit ihren Versen „die Risse der kleinen und großen Welt enthüllt“, hat das Kunstministerium Lydia Daher jetzt einen von drei Kunstförderpreisen in der Sparte Literatur zuerkannt. Er wird im Herbst in München übergeben. Gut so! / Hermann Weiß, Die Welt
Einer der eigenwilligsten deutschen Lyriker lebt in Mainz – in seiner inhaltlichen wie formalen Eigenart darf er zu den bedeutendsten Lyrikern der deutschen Gegenwart gezählt werden, das Werk in stark profiliertem Stil ist unverkennbar: Morgen feiert Jürgen Kross seinen 75. Geburtstag. / Frank Wittmer, Allgemeine Zeitung
„Die Durchsuchung dauerte die ganze Nacht. Sie hielten nach Dichtung Ausschau und stampften über Manuskripte hinweg, die aus der Truhe geworfen worden waren. Wir alle saßen im Zimmer. Es war sehr still.“
Dies ist keine Beschreibung einer Hausdurchsuchung bei Mitgliedern der russischen Punkband Pussy Riot – die Lyrikerin Anna Achmatowa notierte diese Sätze über die Verhaftung des Dichters Ossip Mandelstam im Mai 1934, nachdem er ein kritisches Gedicht über den sowjetischen Diktator Stalin geschrieben hatte: „Seine dicken Finger, fettig wie Würmer, / und seine Worte – wie Zentnergewichte. / Um ihn herum das Pack der dickhäutigen Führer, / er spielt mit den Diensten der Halbmenschen.“ Mandelstam schwor seinem Gedicht, ähnlich wie die Frauen von Pussy Riot, auch während der Verhöre nicht ab – im Gegenteil, er schrieb es für seine Peiniger nieder. / Matthias Zwarg, Freie Presse 25.8.
Zwei Zufallsfunde. Hier 3 Gedichte von Franz Hodjak (Siebenbürgische Zeitung), hier 3 von Horst Samson. Zwei Autoren, die ich vor drei Jahrzehnten in einer in Rumänien auf schlechtem Papier gedruckten deutschsprachigen Zeitschrift kennenlernte: Neue Literatur. Daneben Prosa von Herta Müller und Gedichte von Richard Wagner, Klaus F. Schneider und ein oder zwei Handvoll anderen Autoren. Ich schrieb eine kleine Rezension: „Unbekannte Literatur, die uns angeht“.
Einige leben unter uns, einige haben es da nicht ausgehalten, vielleicht leben ein, zwei in Rumänien. Ein mächtiges Häuflein.
„Von der Heide“ war die einzige deutschsprachige, literarisch-kulturelle Monatsschrift im Banat im ersten Viertel des 20. Jahrhunderts. Zielgruppe waren die deutschen Minderheiten der östlichen und südöstlichen Regionen Österreich-Ungarns. Den inhaltlichen Schwerpunkt bildete das literarische Schaffen von deutschsprachigen Autoren aus dem Banat, Siebenbürgen und der Bukowina. Daneben fanden sich auch Texte von rumänischen, serbischen und ungarischen Literaten in deutscher Übersetzung. (…)
In Deutschland befindet sich eine Reihe von Exemplaren der Zeitschrift verstreut in rund zehn Bibliotheken. Eine nutzbare, komplette Fassung ist in keiner Bibliothek verfügbar. Aus dieser Situation entstand die Idee, die Zeitschrift zu digitalisieren und für ein interessiertes Publikum online zur Verfügung zu stellen. Auf Anregung der Stiftung Gerhart-Hauptmann-Haus in Düsseldorf und der Stiftung Martin-Opitz-Bibliothek in Herne erfolgte Ende 2011 in einem ersten Arbeitsschritt die Zusammenstellung der verstreuten Zeitschriftenbestände zum Zweck der Digitalisierung. / M. Polok, Siebenbürgische Zeitung
Obwohl Octave Mirabeau ihn schon früh in der Zeitung „Le Figaro“ als „belgischen Shakespeare“ feierte, erwarb Maeterlinck seine entscheidenden Verdienste nicht auf dem Gebiet des Theaters, sondern auf dem der Lyrik. Der Poesie wohnte für ihn stets etwas Mystisches inne: „Die Dichtung in ihrer höchsten Form hat kein anderes Ziel, als die Wege vom Sichtbaren zum Unsichtbaren offen zu halten.“ Insbesondere seine symbolistische Verssammlung „Treibhäuser“, mit der er 1889 debütierte, regte zahlreiche Avantgardisten von Andre Breton bis hin zu Guillaume Apollinaire an. Hermann Hesse zufolge gefiel sich der Verfasser darin „in der Pose des Decadent“, der „nervös und lüstern nach extravaganten Reizen und raren, künstlichen Sensationen“ haschte. Die Strophen sind geprägt von Melancholie und Schwermut: „Zu einer Glocke von blauem Kristall / werden meine müden Traurigkeiten / und meine dunklen Schmerzen weiten / sich zu Gebilden überall.“ Dieser Ton begeisterte die Expressionisten stark. Gottfried Benn zählte Maeterlinck deshalb zu denen, „die uns beeinflussten, uns banden, aber die wir auch überwinden mussten, um zu uns selber zu gelangen“. …
Ermutigt durch die namhaften Schriftsteller Stephane Mallarme und Auguste Villiers de l’Isle-Adam begann er mit Sprachexperimenten, die ihn in das Reich des Grotesken, Absurden und Abgründigen führten. 1911 erhielt er den Nobelpreis für Literatur. Die Begründung lautete: „Maeterlinck schreibt mit der Vorstellungskraft eines Traumwandlers und dem Geist eines träumenden Visionärs, aber immer auch mit der Präzision eines großen Künstlers.“ Acht Jahre später erhob ihn der belgische König Albert I. in den Grafenstand. / Ulf Heise, Märkische Allgemeine
Der Gewinner des Booker-Preises, der Romanautor Ian McEwan besteht darauf, daß er kein britischer Autor sei, sondern ein englischer, und daß englische und schottische Autoren kulturell verschieden seien und unterschiedliche Wurzeln und Schreibweisen haben.
Bei einer öffentlichen Diskussion mit Alex Salmond, dem schottischen First Minister, während des internationalen Buchfestivals in Edinburgh sagte er, seiner Meinung nach hätten getrennte literarische Kulturen die Vereinigung zwischen England und Schottland vor drei Jahrhunderten überlebt.
Es gebe keine britischen Autoren, sagte er, man nenne ihn so, aber er halte sich für einen englischen Romanautor. Es gebe keine britischen sondern nur schottische Dichter und englische Romanautoren. Wie beim Fußball haben wir in der Poesie unsere getrennten Traditionen bewahrt.
Er sei überrascht, daß Salmond den englischen Lyriker Philip Larkin und den walisischen Dichter RS Thomas liebe. Salmond, der Vorsitzender der Scottish National Party ist, sagte, für ihn sei Britishness Teil einer mehrschichtigen schottischen Identität.
McEwan betont dagegen, die literarischen Kulturen hätten sich nicht vereinigt. Es gebe starke Gründe dafür. Imagination habe eine spezifische Eigenschaft, die eng mit Landschaft und dem Lokalen verbunden sei, der Gemeinschaft, der Nachbarschaft. Selbst die Entstehung des modernistischen Romans mit einem gewissen internationalistischen Beigeschmack, „nehmen Sie Ulysses: was könnte lokaler und provinzieller sein und raum- und zeitspezifischer, und doch ist es die modernistische Bibel, der zentrale Text.“ / Severin Carrell, Guardian 22.8.
Der Literaturwissenschaftler Max Kommerell schrieb: „Über Gedichte ist schwer reden.“ Doch unumstritten ist sie die schillerndste, vielleicht kreativste aller literarischen Gattungen – ihrer Poesie, im wahrsten Sinne, kann sich nur entziehen, wer sich der Hingabe an das spielerische Wort zu verschließen vermag. Die Karlsruher Literaturzeitschrift „Allmende“ widmet ihre 89. Ausgabe nun der modernen ästhetischen Wortkunst, mit Beiträgen namhafter und junger Autoren.
Gedichte verschiedenster Form bilden den Schwerpunkt des Hefts. Besonders bemerkenswert sind zum Beispiel die Gedichte der jungen Autoren Nora Bossong oder Alexander Gumz, dem diesjährigen Clemens-Brentano-Preisträger. Daneben stehen Essays zu verschiedenen Aspekten der lyrischen Welt. Lesenswert ist da ein Plädoyer an das lyrische Du von Christophe Fricker, wie es in Werken Stefan Georges zelebriert wird. Aber auch der Essay von Matthias Göritz, der sich auf vielschichtige Art mit der Frage nach dem politischen Gedicht in unserer Zeit beschäftigt und die Notwendigkeit unterstreicht, beschreibende und besänftigende Worte zu finden für die, angesichts der schrecklichen Katastrophen unseres Jahrhunderts, verstörte Seele. / Anna Suckow, Mannheimer Morgen
„Leichensache, Sterbezeit, Blutskizze – dass es sich bei diesen Büchern nicht um Lyrik handeln kann, sagen schon die Titel. “ / WAZ
Habt ihr ne Ahnung!
Hier als kleiner Service eine winzige Auswahl einschlägiger Gedichttitel. Bei Interesse fragen Sie mich.
Jan Kellendonk beendet seine zehnteilige Serie zur Tang-Lyrik mit
Neueste Kommentare