2. Schreiben wie gehen

Interview mit Angelika Janz, Webmoritz:

Du hast zahlreiche Performances gemacht? Wie bist du zu diesen Ideen gekommen? Erzähl bitte etwas von deinen Aktionen.

Die erste Aktion „Schreiben wie gehen“ war damals in Essen 1978, an einem eiskalten Tag im Februar. Ich bin morgens einfach los gezogen, habe mir einen Beutel Kreide gekauft und habe die gesamte Fußgängerzone, zwei große Straßenpassagen über zwei Kreuzungen hinweg, mit eigenen Texten und Gedichten bis in die städtisch beleuchtete Nacht hinein voll geschrieben.

Die Menschen sind mir quasi in den Rücken gelaufen, viele sind stehen geblieben und haben die Texte gelesen. Manche trauten sich nicht, darüber zu laufen, aber sie mussten es doch, denn ich habe alles Begehbare vollgeschrieben, es gab kein Entrinnen, und so haben sie diese „Literatur“ mit ihren Schritten davon getragen. Die Polizei kam, weil die Aktion nicht angekündigt war, ließen mich aber weiterschreiben. Einige haben mir auch Geld hingeworfen, weil sie dachten, ich sei eine Straßenkünstlerin. Ein Journalist kam, von dem später in der Zeitung zu lesen war: „Schriftstellerin schreibt auf das Pflaster, weil sie keinen Verlag findet. Dabei hatten wir kein Wort miteinander geredet.

Eine ähnliche Aktion haben wir 2008 dann in Greifswald gemacht „Greif zur Kreide, Greifswald“, in Zusammenarbeit mit dem Literaturzentrum. Anlässlich des 75. Jahrestages der Bücherverbrennung haben wir, viele Studenten der Greifswalder Uni und ich, die Namen der „verbrannten“ Autoren auf die Straßen und Häuser geschrieben und haben dann auch an zentralen Orten der Stadt Texte von diesen Autoren vorgetragen. Hier und da gibt es noch nach so vielen Jahren immer noch Spuren der Aktion. Sie war mir sehr wichtig, weil ich damit viele Menschen „anstecken“ konnte. Viele Passanten haben selbst Kreide genommen, sich die Namensliste der verfemten Autoren geben lassen und einfach mitgeschrieben.

1. Schicksalsgemeinschaft

[Nadeschda] Mandelstams ungeschönte Darstellung lässt auch die weniger schmeichelhaften Züge der Dichterin – Jähzorn, Eifersucht, Rechthaberei und Unbarmherzigkeit im Urteil – nicht aus. Ebenso wenig wie die offensichtliche Eifersucht der Achmatowa-Ehemänner auf ihr Talent. Weitere Gedanken zielen ab auf die „Schicksalsgemeinschaft“ der Akmeisten-Dichter, zu der neben Achmatowa auch Ossip Mandelstam und Nikolaj Gumiljow gehörten, zu dem Programm, mit dem sich diese Gruppe vom Symbolismus abgrenzte, und zu den gewissermaßen oppositionellen Futuristen. Anders als der Freundeskreis um Mandelstam und Achmatowa, der sich von Angst und Scham nicht beherrschen lassen wollte, verzweifelte mancher an seinem Schicksal. Die Dichterin Marina Zwetajewa, von Achmatowa mehrfach als ihre „Doppelgängerin“ bezeichnet, brachte sich 1941 um, da ihr Mann und ihre Tochter inhaftiert worden waren. / JUDITH LEISTER, FAZ 31.8. (noch bei buecher.de)

Nadeschda Mandelstam: „Erinnerungen an Anna Achmatowa.“
Aus dem Russischen von Christiane Körner. Suhrkamp Verlag, Berlin 2011. 206 S., geb., 18,90 [Euro].

128. Deutsches Palimpsest

1. Auf, auf zum Kampf, zum Kampf!!
Zum Kampf sind wir geboren!!
Auf, auf zum Kampf, zum Kampf,!
zum Kampf sind wir bereit!!
|: Dem Kaiser Wilhelm haben wir’s geschworen,!
Der Rosa Luxemburg reichen wir die Hand. :|. !

2. Es steht ein Mann, ein Mann,!
so fest wie eine Eiche!!
Er hat gewiß, gewiß,!
schon manchen Sturm erlebt!!
: Vielleicht ist er schon morgen eine Leiche,!
Wie es so vielen Hitlerleuten geht. :|!

3. Wir fürchten nicht, ja nicht,!
den Donner der Kanonen!
Wir fürchten nicht, ja nicht,!
Die Noskepolizei!!
|: Drum wollen wir es nochmals wiederholen:!
Der Tod im Felde ist der schönste Tod. 😐 !

Wie die Kirche haben auch die politischen Bewegungen der Neuzeit die wirkungsvollen Lieder ihrer Gegner umgedichtet und gegen dieselben eingesetzt. Das Soldatenlied von 1870/71 wurde 1907 auf August Bebel und 1919/20 auf die Ermordung von Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg umgemünzt und 1930 auf Hitlers SA. Bestimmt waren nach 1930 ehemalige Sozialisten oder Kommunisten dabei und mancher wird in der Schule die Fassung auf Kaiser Wilhelm gesungen haben. Wie die Zeiten und Biografien überlappen sich die Worte. Wie oft geschah das im 20. Jahrhundert (und noch am Beginn des 21., wo ehemalige SED-Parteisekretäre Kirchenrat oder FDP-Pressesprecher sein können – nur daß sie keine Lieder dazu singen. Vielleicht ist das ja der Fortschritt?)

Der Text von 1919 ist übrigens nicht von Brecht, wie Wikipedia und das halbe Internet behaupten. Und auch die Melodie ist nicht von Hanns Eisler, wie hier die IG Metall weiß. Brecht schrieb damals Baal und herrlich unfromme Psalmen und „Auch in Betten in ein Weib verkächelt / Zwischen schlanke Beine hingestreckt“ pp. – aber nicht über Liebknecht und Luxemburg. Aber das ist ein typischer WWW-Selbstläufer – da es an tausend Stellen im Netz steht, läßt sich die Geschichte nie mehr zurückholen. Nur aus Wiki sollte man es doch mal nehmen.

127. Unsere Kinder fragen nicht viel

In der jahreszeitlichen Organisation des Bandes drückt sich ein gewisser Zug zum zyklischen Geschehen aus. Etwas geht verloren, anderswo wuchert etwas, unaufhaltsam sind diese Bewegungen, vorerst (um noch ein Hölderlin-Wort zu bemühen) deutungslos. Aber dort, wo sich ein argusgeäugtes Wort als Nullkoordinate einrammt, beginnt die zyklische Bewegung: „Die Kinder haben / es vor sich, das Erzählen aus der Kindheit.“ beziehungsweise: „Die Jahreszeit / stellt das Jetzt wieder her, das stapelweise / in den Schubladen liegt.“ Wo die Drehung ihr Zentrum hat, im Auge des Sturms herrscht Stille: „Unsere Eltern / sind tot. Unsere Kinder fragen nicht viel.“ / Tobias Roth, Fixpoetry

Jürgen Becker: Scheunen im Gelände. Mit Collagen von Rango Bohne, mit einem Nachwort von Michael Krüger.

 Buchgestaltung und Typographie: Friedrich Pfäfflin, Marbach.
 Lektorat: Christian Döring, Berlin. ISBN 978-3-938776-31-5, 20,00 EUR Lyrik Kabinett, München 2012

126. Christine Lavant

Als ob das keine relevante lexikalische Information wäre! Der polnische Wikieintrag über Christine Lavant:

Christine Lavant[edytuj]

Christine Lavant, właśc. Christine Habernig, z domu Thonhauser (ur. 4 lipca 1915 w Groß-Edling, zm. 7 lipca 1973 w Wolfsbergu) – austriacka artystka i pisarka.

Wybrana twórczość[edytuj]

  • 1948: Das Kind. Erzählung
  • 1948: Die Nacht an den Tag. Lyrik
  • 1949: Das Krüglein. Erzählung
  • 1949: Die unvollendete Liebe. Gedichte
  • 1952: Baruscha
  • 1956: Die Bettlerschale. Gedichte
  • 1956: Die Rosenkugel. Erzählung
  • 1959: Spindel im Mond. Gedichte
  • 1960: Sonnenvogel. Gedichte
  • 1961: Wirf ab den Lehm
  • 1962: Der Pfauenschrei. Gedichte
  • 1967: Hälfte des Herzens
  • 1969: Nell. Vier Geschichten
  • 1978: Kunst wie meine ist nur verstümmeltes Leben. Nachgelassene und verstreut veröffentlichte Gedichte – Prosa – Briefe
  • 1982: Sonnenvogel. Gedichte
  • 1984: Versuchung der Sterne. Erzählungen und Briefe
  • 1991: Und jeder Himmel schaut verschlossen zu. Fünfundzwanzig Gedichte für O.S.
  • 1995: Kreuzzertretung. Gedichte, Prosa, Briefe‘
  • 1996: Die Schöne im Mohnkleid. Erzählung
  • 1997: Herz auf dem Sprung. Die Briefe an Ingeborg Teuffenbach
  • 1998: Das Wechselbälgchen
  • 2000: Das Kind
  • 2001: Aufzeichnungen aus dem Irrenhaus

125. Manuel Stallbaumer

Manuel Stallbaumer hat es eilig – und dies schon seit geraumer Zeit: Mit 15 Jahren besucht er die Schreibwerkstatt bei José F. A. Olivier im Stuttgarter Literaturhaus. Kurz darauf veröffentlicht er bereits seine ersten Gedichte in diversen Literaturzeitschriften. Im letzten Jahr dann war der 1990 geborene Aidlinger der jüngste Nominierte für den Berliner Literaturwettbewerb Open Mike: „Wer hier gelesen hat, dessen Namen kennt man“, sagt Stallbaumer, und er klingt selbstbewusst, wozu er ja auch allen Grund hat, immerhin wurde ein Jahr zuvor bereits sein erstes Drehbuch verfilmt. / Heiko Rehmann, Stuttgarter Zeitung

124. La Luna Luna

Margarete Biereye erzählt mehrere solcher kleinen Begebenheiten, die sich wie Puzzleteile fast zwingend zu dem Stück „La Luna Luna“ fügen und ihr immer wieder aufs Neue gezeigt haben, dass die Zeit für Lorca und das Wandertheater Ton und Kirschen endlich gekommen war. Sie spricht von der Entdeckungsreise, die diese tiefe Auseinandersetzung mit dem spanischen Dichter gewesen ist. Im März waren sie dann mit „La Luna Luna“ beim Teatro Libre de Chapinero in Kolumbien. Dort, wo Federico García Lorca noch heute ein hoch geschätzter Dichter ist. Sie haben vor 6000 Leuten gespielt. Ihre Befürchtung, dass die Leute vielleicht schon während des Stückes gehen würden, hat sich nicht erfüllt. Im Gegenteil, die Leute kamen zu den anderen Vorstellungen sogar wieder.

„La Luna Luna“ sei im Grunde weniger ein Theaterstück, sondern ein großes Gedicht. So wie die Gedichte Lorcas kleine Theaterstücke sind, sagt Margarete Biereye. Und manchmal braucht es Zeit, bis sich deren Zauber öffnet. / Dirk Becker, Potsdamer Neueste Nachrichten

123. Ein guter Tag für die Lobby

Die deutschen Zeitungsverleger sind ihrem Ziel, Information zu monopolisieren, durch das nun drohende Leistungsschutzrecht einen Schritt näher gekommen. Die Politik ist vor der Lobbymacht der Medien in die Knie gegangen. Wir verzichten heute auf unsere Presseschau, um diesen Einschnitt in der Geschichte der freien Öffentlichkeit in Deutschland ausführlich zu würdigen.

Aus Solidarität mit Google? Nein, sondern weil man den Propagandaartikeln der Presse etwas entgegensetzen muss. Nein, sondern weil Informationen im Internet per Link zirkulieren und weil nicht einzusehen ist, dass bestimmte Akteure der Informationsgesellschaft diesen Strom auf die eigenen Äcker umleiten können. Journalisten beziehen einen riesigen Teil ihrer Informationen aus dem Internet – natürlich über Google, aber auch über Blogs, den Perlentaucher oder soziale Medien: Was zahlen sie denn dafür? (…)

Der Jubel der Medien über das Leistungsschutzrecht offenbart zugleich ihren Funktionsverlust als Träger der freien Öffentlichkeit. Journalisten hatten nicht den Mut, sich gegen diesen Angriff auf die Öffentlichkeit zu wehren. Im Gegenteil: Heroen der freien Meinung wie Heribert Prantl sprachen von „journalistischem Eigentum“, das möglichst zu schützen wäre. Herolde der Liberalität wie Rainer Hank möchten an jeder Ecke, wo „geistiges Eigentum“ gefährdet ist, einen Polizisten aufstellen.

Darum ist der Titel des heutigen FAZ-Kommentars zum Leistungsschutzrecht der Gipfel des leserverarschenden Zynismus: Von einem „guten Tag für die Freiheit“ spricht Reinhard Müller da. (…)

Wir fürchten, demnächst ist die Zeit reif für einen Nachruf. Das Internet war erfunden worden von den schon genannten Programmieren und Pionieren wie Jimmy Wales. Aber es ist von allen Seiten umstellt: Es haben sich neue Konzerne an dieser öffentlichen Struktur gemästet, die nun drohen, sie zu ersticken. Sie heißen nicht nur Google, sondern auch Apple, Amazon und Facebook. Und die alten Medienkonzerne unterbrechen den freien Fluss der Informationen, der Bildung und Erbauung durch immer neue Fristverlängerungen auf Urheberrechte, durch Leistungsschutzrechte, durch Fristverlängerungen auf Leistungsschutzrechte bei Musik, durch Three-Strikes-Regelungen, durch präventive Überwachung der Bürger, die von Journalisten selbst befürwortet wird, durch Unterminierung von Open Access und alle möglichen anderen Maßnahmen.

Titel des Nachrufs: „Das Internet war eine Episode der Freiheit“.

Thierry Chervel, Anja Seeliger / Perlentaucher

122. Relevanz

Über den russischen Dichter Arseni Tarkowski gibt es Wikipediaartikel in 14 Sprachen. Deutsch ist leider nicht dabei. Wenn man den Namen beim Artikel über seinen Sohn, den Filmregisseur Andrej Tarkowski, anklickt, landet man auf einer Seite, die über die Löschung des Artikels informiert und dazu einlädt, selber eine solche Seite zu schreiben. Am besten erst mal auf einer Spielwiese, denn Wikipedia ist ein seriöses Unternehmen und nimmt nicht alle unrelevanten Informationen. Was relevant ist, entscheiden wichtige Menschen mit sehr wichtigen Gründen, nichts für unsereins.

Hier der Ersatzartikel, der über Verfahren  und Löschungsgeschichte informiert. Der 2007 gelöschte Eintrag war in der Tat sehr einsilbig, aber von ihm hätte man immerhin auf gehaltvollere Artikel in anderen Sprachen wechseln können. Und warum die 2010 gelöschte Seite „Unsinn“ war, geht aus dem Text nicht hervor. Irgendwas läuft da schief.

„Arseni Alexandrowitsch Tarkowski“

Hier kannst du einen neuen Wikipedia-Artikel verfassen. Eine Anleitung für Anfänger findest du unter Wikipedia:Dein erster Artikel.

Beachte dabei:

  • Der Gegenstand muss die Wikipedia-Relevanzkriterien erfüllen. Bei Unklarheiten vor Verfassen des Artikels erteilt derWikipedia:Relevanzcheck eine unverbindliche Einschätzung durch erfahrene Benutzer.
  • Die enzyklopädische Relevanz ist im Artikel darzustellen. So werden unnötige Löschdiskussionen vermieden.
  • Der Artikel muss das Mindestniveau erfüllen und soll durch Quellen belegt sein.

Es passiert leider zu oft, dass schlechte Artikel gelöscht werden müssen.
Wenn du das Erstellen oder Bearbeiten von Artikeln erst einmal ausprobieren möchtest, nutze bitte die „Spielwiese“.

Achtung: Du erstellst eine Seite, die bereits früher gelöscht wurde.

Diese Seite wurde bereits früher gelöscht. Bitte prüfe, ob eine Neuanlage sinnvoll ist und den Richtlinien entspricht. Falls die Seite nach einer regulären Löschdiskussion gelöscht wurde, wende dich bitte an die Löschprüfung.

Logbucheinträge:

121. Arseni Tarkowski

Im Jahr 1962, in welchem der erste Film des 1932 geborenen Andrei Tarkowski („Iwans Kindheit“) auf die Leinwand kam, erschien auch der erste Lyrikband seines 55-jährigen Vaters. Bald darauf wurde er zum „alten Tarkowski“, einem Splitter der russischen Moderne, des „silbernen Zeitalters“. Er sagte es selbst: „Ich bin der Jüngste in der Familie der Menschen und der Vögel, zusammen mit ihnen allen hab ich gesungen.“ Der Jüngste, der alle großen russischen Dichter des XX. Jahrhunderts beweinen durfte. Zugleich war er der Älteste. Die letzte Stimme des nichtsowjetischen Russlands. Dafür wurde er bewundert – als ein (als das!) Bindeglied zwischen uns und der früheren Kultur. Das Wortfleisch seiner Gedichte schien nicht von der Sorte zu sein, die im Angebot war – nicht von der sowjetischen. Sie waren einfach in einer anderen Sprache geschrieben, in einem anderen Russisch. / Oleg Jurjew, Tagesspiegel

120. Leistungsschutz

Netzpolitik.org berichtete am Dienstag, das geplante Leistungsschutzrecht für Presseverlage (LSR) werde am Mittwoch Thema im Bundeskabinett sein. Der Sozialdemokrat Jan Mönikes veröffentlichte Änderungen zum bisherigen Entwurf. iRights.info veröffentlicht nun die aktuelle Version im Volltext. Gegenüber den bekannten Formulierungen findet sich darin eine Erweiterung, wonach nicht nur gewerbliche Anbieter von Suchmaschinen vom LSR betroffen sind, sondern auch „gewerbliche Anbieter von Diensten (…), die Inhalte entsprechend aufbereiten“. Darunter könnten News-Aggregatoren wie Virato, Rivva und Nachrichten.de fallen. Die Formulierung bietet neuen Zündstoff für die Debatte um das LSR. So gehört Nachrichten.de selbst zu einem der großen Presseverlage, dem Burda-Konzern.

Der entsprechende Passus im Originaltext:

„(4) Zulässig ist die öffentliche Zugänglichmachung von Presseerzeugnissen oder Teilen hiervon, soweit sie nicht durch gewerbliche Anbieter von Suchmaschinen oder gewerbliche Anbieter von Diensten erfolgt, die Inhalte entsprechend aufbereiten. Im Übrigen gelten die Vorschriften des Teils 1 Abschnitt 6 entsprechend.).“

iRights.info

119. Die erste Lesung

1963 fand im Wiener Café Hawelka die erste öffentliche literarische Lesung in Österreich statt: Elfriede Gerstl trug Gedichte vor, die sie unter dem Titel «Gesellschaftsspiele mit mir» gesammelt hatte. Die Jüdin, die, mit ihrer Mutter von Wohnung zu Wohnung fliehend, den Verfolgungen des Nationalsozialismus entkommen war, begründete damit eine Einrichtung des literarischen Lebens, die sich schliesslich in allen grossen Städten zu Literaturhäusern auswuchs.

Gerstls «wenig übliche Gedichte» – so der Untertitel ihrer Sammlung – würden im Literaturhaus von heute aber kaum noch Anklang finden. Zwar das erste Wort, das damals erklang, «Ophelia», und das folgende Gedicht möchten noch immer ein auf Erzählung, Moral und Verständlichkeit achtendes Publikum zufriedenstellen: «Sie hatte ihren Namen vergessen / sie ging auf lautlosen Zehen / rund um den Mondhof / ging um / um ihren Namen / Ophelia / in einem grossen Kreis.»

Der verträumte Klang des Gedichts ist anrührend, aber nicht typisch für die Poetin. Schon in anderen Texten ihrer ersten Sammlung deuten sich Ironie und Selbstironie an, wie sie dann aus allen ihren Werken, neben Gedichten Hörspiele und Romane, dem Leser entgegentreten. Bereits bei dieser ersten Lesung hatte Gerstl ihre ungewisse Position im Kreis der Zuhörer, zu denen Oswald Wieler [! Wiener] und Konrad Bayer gehörten, skeptisch charakterisiert: «und noch in weitem Umkreis standen Pessimisten / Skeptizisten / und Agnostizisten / die wärmten sich alle / an meiner Begeisterung / und rieben sich die Hände.» Wer von der Begeisterung der anderen redet, ist selbst nicht begeistert: «Etwas wie Pathos», so schreibt die Nobelpreisträgerin Elfriede Jelinek über die befreundete Dichterin, «hat sich bei ihr gar nicht erst her getraut.» Pathos sei vielleicht «auf die Länge eines Kleinen Braunen» geduldet gewesen, dann aber habe es sich davongeschlichen, um «kühler, klarer Unbestechlichkeit mit feingeschliffenem Witz an den Kanten» Platz zu machen.

Die «Wiener Gruppe», in der die Veranstaltung stattfand, ging später in die «Grazer Autorenversammlung» über. Diese experimentelle Richtung der österreichischen Literatur wandte sich gegen die grosse Erzählung und den hohen Ton der traditionellen Dichtung, ebenso aber auch gegen die neusachlichen und politischen Tendenzen der Linken. / Hannelore Schlaffer, NZZ 29.8.

Elfriede Gerstl: Mittellange Minis. Werke Band 1. Hrsg. von Christa Gürtler und Helga Mitterbauer. Literaturverlag Droschl, Graz 2012. 206 S., Fr. 34.40. Elfriede Gerstl: wer ist denn schon zu hause bei sich. Band 19 der Reihe Profile. Hrsg. von Christa Gürtler und Martin Wedl. Zsolnay- Verlag, Wien 2012. 317 S., Fr. 29.90.

118. Celans Kölner Freunde

Der Dichter Paul Celan unterhielt Freundschaften, die man eigentlich nicht für möglich gehalten hätte: zu drei ehemaligen Wehrmachtssoldaten etwa. Ungefähr gleich alt wie er, der rumänische Jude, um die fünfundzwanzig, waren sie aus dem Krieg zurückgekommen und hatten, wie er, aus dem Nichts ein neues Leben als Schriftsteller angefangen: Rolf Schroers (1919 bis 1981), Paul Schallück (1922–1976) und Heinrich Böll (1917–1985). Sie wohnten in der Trümmerlandschaft Kölns. Zwischen ihnen und Celan in Paris wurden spannungsreiche Briefe gewechselt. Die Herausgeberin Barbara Wiedemann hat diese in einer hervorragenden Edition zugänglich gemacht. Gerade noch rechtzeitig gelangten Kopien der Briefe Celans in ihre Hände. Denn im März 2009 wurden beim Einsturz des Historischen Archivs der Stadt Köln die Nachlässe von Schallück und Böll und damit auch die an sie gerichteten Briefe verschüttet. / Beatrice von Matt, NZZ 20.8.

Paul Celan: Briefwechsel mit den rheinischen Freunden Heinrich Böll, Paul Schallück und Rolf Schroers. Mit einzelnen Briefen von Gisèle Celan-Lestrange, Ilse Schallück und Ilse Schroers. Herausgegeben und kommentiert von Barbara Wiedemann. Suhrkamp-Verlag, Berlin 2011. 772 S., Fr. 46.90.Gisèle Celan-Lestrange (1927–1991). Katalog der Werke. Hg. von Ute Bruckinger und Klaus Bruckinger in Verbindung mit Eric Celan und Bertrand Badiou. Wasmuth-Verlag, Tübingen 2009. 484 S., Fr. 105.–.

117. Janz liest

Ich werde also im Hbf-Eingangsbereich auf der Rolltreppe lesen.
Um gehört zu werden, werde ich ein kleines Kindermegaphon verwenden. Während der Lesung werde ich wohl mehrmals auf- und abfahren und hierzu einen minutiösen Text über das GEHEN lesen. Um sicher zu gehen, dass es keinen Ärger mit den Aufsichtskräften gibt, habe ich folgende Anfrage an die DB gesendet (ohne allerdings das Megaphon zu erwähnen):

Sehr geehrte Damen und Herren,
im Rahmen des internationalen Literaturfestivals  werden ca. 200 Bürger  am 4.9. um 17 Uhr an verschiedenen besonderen und ausgefallenen Orten in Berlin für 15 Minuten gleichzeitig aus ihrem Lieblingsbuch vortragen. Meine Lesung ist für den Eingangsbereich Rolltreppe Richtung Ein/Ausgang angemeldet. Ich werde zuvor  (für die Dauer der Lesung von 15 Minuten) ein Plakat sichtbar anhängen, das mein Tun „erklärt“. Da Sie sich ja am 16. November 2012 am bundesweiten Vorlesetag mit einer ähnlichen Aktion beteiligen, sehe ich Ihrer Zustimmung mit Zuversicht entgegen. Um sicher zu gehen, dass es hierbei keine Missverständnisse gibt, sei dies hiermit angemeldet. Sie können sich unter  berlinliest <berlinliest@literaturfestival.com> informieren.  Bitte teilen Sie mir mit, ob Sie meine Mail erhalten haben und es diesbezüglich keine Komplikationen gibt. Beste Grüße
Angelika Janz

116. American Life in Poetry: Column 388

BY TED KOOSER, U.S. POET LAUREATE
There are people who believe that the afterlife exists in how we are remembered by the living, that we are rewarded or punished in the memories of people who knew us. Writing is a means of keeping memories fresh and vivid, and in this poem Judson Mitcham, a Georgia poet, gives his father a nudge toward immortality.

Writing 

But prayer was not enough, after all, for my father.
His last two brothers died five weeks apart.
He couldn’t get to sleep, had no appetite, sat
staring. Though he prayed,
he could find no peace until he tried
to write about his brothers, tell a story
for each one: Perry’s long travail
with the steamfitters’ union, which he worked for;
and Harvey—here the handwriting changes,
he bears down—Harvey loved his children.

 

I discovered those few sheets of paper
as I looked through my father’s old Bible
on the morning of his funeral. The others
in the family had seen them long ago;
they had all known the story,
and they told me I had not, most probably, because
I am a writer,
and my father was embarrassed by his effort. Yet
who has seen him as I can: risen

 

in the middle of the night, bending over
the paper, working close
to the heart of all greatness, he is so lost.

 

American Life in Poetry is made possible by The Poetry Foundation (www.poetryfoundation.org), publisher of Poetry magazine. It is also supported by the Department of English at the University of Nebraska-Lincoln. Poem copyright ©2003 by Anhinga Press. Judson Mitcham’s most recent book of poems is A Little Salvation: Poems Old and New, Univ. of Georgia Press, 2007. Poem originally printed in This April Day, Anhinga Press, 2003; reprinted from The Autumn House Anthology of Contemporary American Poetry, 2nd ed., Ed., Michael Simms, Autumn House Press, 2011, by permission of Judson Mitcham and the publisher. Introduction copyright © 2012 by The Poetry Foundation. The introduction’s author, Ted Kooser, served as United States Poet Laureate Consultant in Poetry to the Library of Congress from 2004-2006. We do not accept unsolicited manuscripts.