Die tragischen Folgen des ersten Eisenbahnunfalls in Frankreich (Meudons, 1842) hinterließen tiefe Eindrücke bei den Zeitgenossen. Die Eisenbahn tritt in die Literaturgeschichte. Elf Französische Gedichte zwischen 1842 und 1845 beschäftigen sich mit dem Unfall. / fabula.org
Tommaso Meldolesi, Poésie de la première catastrophe ferroviaire – Meudon 1842 – Analyse et anthologie des poèmes contemporains
Paris : L’Harmattan, coll. „Esapces littéraires“, 2012.
196 p.
EAN 9782296993723 (EAN Ebook format Pdf : 9782296509160)
20,00 EUR (v’ersion numérique : 15,00 EUR)
Am Dienstag, 6.11. wird es im Rahmen der Liedertafel in Berlin ein Konzert des Kollektivs „stock11“ geben: http://die-liedertafel.de/
Besonderheit: die Komponisten und Musiker haben sich überzeugen lassen, ihre Positionen in relativ offenem, „poetologischen“ Rahmen zur Debatte zu stellen.
Sozusagen ein Konzert speziell an Lyriker gerichtet. Skepsis, Einwände, Streit erwünscht.
Hannes Seidl spielt ein Stück mit Live-Motzen. Alle Besucher sind aufgefordert, während seiner Performance per Mikrophon live zu motzen, was das Zeug hält. Hannes Seidl spielt dazu live. Mara Genschel spielt Geigen. Und das offene Mikrophon von Hannes Seidl bleibt offen. Alle können während der nächsten Stücke weitermotzen. Man kann aber auch Zuneigung zeigen. Ach, und Hannes Seidl spielt live.
Liedertafel, 06.11.2012, 21.00 Uhr, Ballhaus Mitte, Ackerstraße 144, Berlin
PROGRAMM
»Alles muss rein«
Uwe Rasch
aus vierundzwanzig: zweiundzwanzig – Video
(2:20 Min.)
Hannes Seidl
Alles muss raus – live mash up – für Laptop und Live-Motzen
Hannes Seidl, Laptop
Besucher der Liedertafel, Live-Motzen
(10:00 Min.)
Martin Schüttler
schöner leben 5 (»Nix verstehen ist besser als gar nichts« – M.K.) – für Geige und Midi-Zuspielung
Mara Genschel, Geige
Martin Schüttler, Live-Elektronik
(8:00 Min.)
Michael Maierhof
EXIT F für Ensemble und 4 Heißluftballons – Video
NADAR, Konzert Rotterdam, 7.9. 2012
(15:00 Min.)
Christoph Ogiermann
NOUNCE – für Geige und Zuspiel
Christoph Ogiermann, Geige
Sebastian Schottke, Klangregie
(12:00 Min.)
Maximilian Marcoll
Compound No.5a: CONSTRUCTION ADJUSTMENT 1 – für Schlagzeug und Live-Elektronik
Maximilian Marcoll, Schlagzeug
Sebastian Schottke, Klangregie
(14:00 Min.)
Dass Bergel die Gedichte der zehn Autoren – darunter Lucian Blaga, Mihai Eminescu, George Bacovia, Ana Blandiana – nicht einfach aus einer Sprache in die andere übersetzte, sondern sie so übertrug, dass sie, ohne Verletzung des Originals, zu deutschen Gedichten wurden, denen man in keiner Zeile die Übersetzung anmerkt, bestimmt die ungewöhnliche Qualität seiner Arbeit. Das lässt sich u.a. an den beiden „Odysseus“-Gedichten Blagas und Gyrs besonders erkennen: Sie wurden im Deutschen zu poetischen Aussagen von großer Geste (Seite 62-62 und 56-75). Gleiches gilt auch für die modernen Gedichte jüngerer Autoren wie die Kronstädterin Dr. Mihaela Stroe, die Hermannstäder Luminiţa Mihai-Cioabă und Dan Dănilă, wobei der „Zigeunerinnenfluch“ („Blestem de ţigancă“) der Roma-Königstochter Luminiţa Mihai-Cioabă zu einem Feuerwerk artistischer Sprachkunst geriet (S. 22-23). Das „Hölderlin“-Gedicht der Ana Blandiana, die globalen Visionen des als Pilot, Mönch, Arzt und Universitätslehrer durch die ganze Welt gestromerten Catanoy, die subtilen Gedankengebilde der 1957 geborenen Romanistin Dr. Mihaela Stroe stehen dieser Glanzleistung um nichts nach. Dass sich Bergel auch an den schwer übersetzbaren Rechtsanwalt und Maler Bacovia heranwagte und sogar vor den dutzendfach ins Deutsche übersetzten legendären Eminescu-Gedichten „Mai am un singur dor“ sowie dem „Venedig“-Sonett nicht zurückschreckte und sie in „deutsche Gedichte umwandelte“, sei eigens festgehalten.(S. 88-89 und 87). / Siebenbürgische Zeitung
Verlorener Horizont. Fünfzig Gedichte aus dem Rumänischen. Auswahl, Übersetzung und Nachwort von Hans Bergel, Edition Noack & Block, Berlin, 100 Seiten, 14,80 Euro, ISBN 978-3-86813-012
Fast wäre er eine Legende zu Lebzeiten geworden: Tadeusz Różewicz, der die Dramenkunst erneuerte und als Dichter eine nach Wahrheit suchende „Anti-Poesie“ jenseits der schönen Formen entwickelte. Auch durch seine Essays war er eine moralische Institution geworden – bis er in den Achtzigerjahren verstummte. Hatte der Pole, der sich immer als „Dichter seiner Generation“ verstand, nichts mehr zu sagen? 1990 zog er in einer Rede Bilanz: „Die Generation der Soldaten und Partisanen des Zweiten Weltkrieges stirbt aus, sie tritt ab, betrogen und enttäuscht.“ Doch jetzt, mit 91 Jahren, überrascht er mit neuen Gedichten. …
Seine Themen schöpft er aus Lebenserfahrungen. Aus ihnen gewinnt er die nüchterne, schnörkellose Sprache seiner Gedichte. „Geniale Gedichte und Poeme / sind gewöhnliche Gebilde / aus Wörtern und Sätzen“ heißt es bescheiden im dritten Teil seines Schlussgedichts „Credo“. / Dorothea von Törne, Die Welt
Tadeusz Różewicz: Und sei’s auch nur im Traum. A. d. Polnischen v. Bernhard Hartmann. Karl Stutz, Passau. 226 S., 22,80 €.
Am 20. Oktober, dem 158. Geburtstag Arthur Rimbauds, feierte die nach ihm benannte französische Bibliothek der rumänischen Kleinstadt Mangalia ihr 20jähriges Bestehen. Diese einmalige Bibliothek von heute mehr als 30.000 Büchern (für eine Stadt von 40.000 Einwohnern) kam aus Spenden von Bewohnern der Ardennenregion zusammen. / L’union
In Teil IV der von Stiftsmusikdirektor Hans-Peter Braun organisierten Reihe „Liederquelle Tübingen“ über die vertonten Werke Tübinger Dichter geht es am Sonntag um 17 Uhr im Evangelischen Stift um: Ludwig Uhland. / Schwäbisches Tagblatt
Vergessen Sie alles, was Sie über russische Lyrik zu wissen meinten. Hier werden Sie auf eine Überraschungstour geschickt, denn Felix Philipp Ingold verweigert – wie er im Vorwort betont – das übliche „Rating“, in dem Großmeister wie Majakowski, Blok und Achmatowa ganz oben stehen. Ingold hingegen lässt sich nicht beeindrucken von denen, „die mit nachhaltigem Ruhm so sehr imprägniert“ sind, schlüpft in die Rolle des Kriminalisten, sucht nach Spuren Verschollener, entdeckt „zu Unrecht disqualifizierte Außenseiter“ wie Ilja Kutin und inszeniert dramatische Konfrontationen. / Dorothea von Törne, Die Welt
Felix Philipp Ingold (Hg.): Als Gruß zu lesen. Russische Lyrik von 2000 bis 1800. Dörlemann, Zürich. 536 S., 33 €.
Mit seinem epochalen Gedicht-Zyklus „Variation auf kein Thema“ gab er in seinem Gedichtband „Falten und Fallen“ (1994) die entscheidenden Takte vor für seinen „Biologischen Walzer“, der ein paar Jahre lang zum Gradmesser für avancierte Dichtkunst wurde. Bereits mit 33 Jahren wurde Durs Grünbein 1995 mit dem Büchner-Preis bekränzt und im gleichen Atemzug zum lyrischen „Götterliebling“ ausgerufen. Danach folgte die historizistische Wende in seinem Werk, die Rückbesinnung auf die Geisteswelt der römischen Antike. Beim Versuch, „einige Atemlängen zwischen Antike und X“ auszumessen, entschied sich der zuvor so gegenwartsversessene Autor für den Rückmarsch in die Bewusstseinsformen des römischen Stoizismus. Die Abgeklärtheit des Philosophen Seneca und der grimmige Sarkasmus des römischen Satirikers Juvenal adoptierte Grünbein dabei als philosophischen Universalschlüssel für die Beobachtung der Gegenwart. Die literarischen Früchte dieser Rom-Nostalgie bespöttelte sein früh gestorbener Antipode Thomas Kling als „Sandalenfilme aus den Grünbein-Studios“.Die bildungstouristisch aufgepolsterte Antike führte den Dichter im Huldigungs-Opus an Rom („Aroma“, 2010) an einen literarischen Tiefpunkt.
Nun taucht der „Koloss im Nebel“ auf. Der Titel seines umfangreichen Gedichtwerks verheißt die neuerliche Erscheinung einer antiken Großmetapher. Denn dieser Koloss von Rhodos, den das Titelgedicht des neuen Bandes bei einer Fahrt durch die Inselwelt der Ägäis passiert, gibt wieder Anlass zur antikisierenden Grübelei. Wer indes die sieben Abteilungen des Buches aufmerksam studiert, wird nicht nur Beispiele für Bildungsbeflissenheit finden, sondern auch bewundernswerte Exempel einer großen ästhetischen Einbildungskraft. Noch immer ist da die Eleganz der Blankverse und Hexameter, mit denen Grünbein den Versfluss zu organisieren weiß. Grünbein hat ein sicheres Gespür für die gebundene Rede, nicht zufällig hat er einmal seine Dichtung als „Philosophie in Metren“ definiert. / Michael Braun, Badische Zeitung
Durs Grünbein: Koloss im Nebel. Gedichte. Suhrkamp Verlag, Berlin 2012. 230 Seiten, 26,90 Euro. Lesung: Der Autor liest am 7. November um 20 Uhr im Wintererfoyer des Freiburger Theaters. Die Moderation übernimmt BZ- Redakteurin Bettina Schulte.
Von Bertram Reinecke (Leipzig)
Ich verstehe die Kritiker der Poetikvorlesung mit Herbert Grönemeyer: Dass die ohnehin schmale Kulturförderung für etwas ausgegeben wird, was sich so ähnlich auch anderswo finden lässt. Ich besuchte dennoch ebenso die Poetikvorlesung, wie das Gespräch über Poesie mit Michael Lentz am Folgetag. Über weite Strecken hatte die Veranstaltung besseres (wohlgemerkt immerhin) Talkshowniveau. Es war unterhaltsam und tatsächlich konnte ich auch etwas über Poesie lernen: In gewisser Hinsicht sind Grönemeyertexte denen Gertrud Kolmars verwandt, die er auch rezitierte. (Aufgefallen ist es mir besonders bei der zweiten Veranstaltung.) Ich bin sicher, dass einige Fans diesen Ball aufnehmen werden. (Weniger interessant für mich seine Vorträge von Mascha Kaléko, Ringelnatz, Tucholsky und Heinz Erhardt, auswendig.) Seltsam zu beobachten, welche Emphase beim Lob der Dichtung noch glaubwürdig wirkt, wenn ein verehrter Star sie vorträgt. Ein Lyriker wäre längst als Spinner abgetan worden. Die Aura eines Grönemeyer, der von wohlwollenden Fans umgeben war, beschützte sein Pathos vor dem Glaubwürdigkeitsverlust. (Er lobte intensiv das Gedicht als Hilfsmittel zur abendlichen Selbstreflektion im Gegensatz zur anspruchslos prosaischen Bettlektüre).
Ein anderes Detail: Er verglich die Unterdrückungsprozesse von Texten mit Zensur, ist also offensichtlich kein Anhänger der Totalitarismustheorie, die im politischen Diskurs vielerorts noch verbindlich ist. Er sprach aber auch von den privaten Codes die der DDR-Bürger aufgebaut hätte, um sich über die Mankos des System geheim zu verständigen und das traf zumindest in den Achzigern wohl allenfalls für die öffentlichen Codes noch zu. Nicht jeder Code, der einem Auswärtigen unzugänglich ist, ist gleich ein Geheimcode. Wie umgekehrt: Der offenbar pointiert gemeinte Verweis auf seine Anfänge bei Süverkrüp z.B. löste ebensowenig Erheiterung aus, wie seine Anspielung aufs KBW-Milieu. („Unverschlüsselt“ ist immer der Code einer unreflektierten Mehrheit.)
Mir war nicht deutlich, dass Grönemeyer häufig, nicht nur aus akustischen Gründen, dem Vorwurf der Unverständlichkeit ausgesetzt ist. Was Grönemeyer auch immer ist: Selbst seine Texte sind also offensichtlich keine „Realpoesie“. In der zweiten Veranstaltung (die Presse war offenbar schon abgezogen) widersprach er der These, seine Texte seien unverständlicher geworden und zog von Album zu Album die Linien nach: Unverständlichkeit ist eben nicht nur eine Sache der sprachlichen Strategien, wie viele behaupten, sondern auch ein Effekt komplexer Sachverhalte und Erfahrungen, die mit denselben Mitteln vermittelt werden sollen. Könnte man verständlicher werden, wenn man zu anderen weniger eingeführten Mitteln griffe oder ist man genötigt, dies eben hinzunehmen. Grönemeyer strahlte in Bezug auf dieses Problem eine wohltuende Gelassenheit aus. Ein zweiter wichtiger Aspekt: Grönemeyer nimmt sich die englische Kultur des Poptextes mehr und mehr zum Vorbild: Diese Texte seien weniger gradlinig, weil sie stärker die Neigung hätten sich selbst in Frage zu stellen. Das strebe er auch an. Andererseits vermittele ihm der ausprobierend spielende Umgang mit dem Material eine größere Tiefe der Beschäftigung, während er den deutschen gradlinigen Ernst als eine kulturelle Attitüde in Verdacht zog.
Dabei zeigte sich an Textvarianten für bestimmte Songs, die er vorstellte, dass das Thema des Textes erstaunlich unabhängig ist von der Stimmung der Musik. Texten ist für ihn nicht das Übermitteln von Inhalten: „Ich habe dies und das über diesen Gegenstand zu sagen“, sondern eher das Vermitteln von versprachlichten Haltungen. Schnell wird aus einem Liebeslied das ist immer einfach ein Lied wie Schiffsverkehr. (Andere Beispiele waren noch deutlicher, aber ich war zum Vergnügen da, also ohne Stift und konnte sie mir als Nichtkenner so nicht merken.)
Den Vertextungsprozess beschrieb er als dreistufig: Zunächst ein sogenannter Bananentext während der Komposition, der fließend und veränderlich vielleicht die sprachlichen Möglichkeiten der Melodie auslotet. Anschließend wird ein fester Dummy erstellt, der die Längen der Phrasen und ihre Betonungsverhältnisse festlegt (er arbeitet offensichtlich intuitiv und nicht mit dem Abzählen von Hebungen und Senkungen), bis dann verschiedene echte Textvarianten mit dem Vorhaben der Veröffentlichung entstehen.
Leider ließ sich Herbert Grönemeyer am zweiten Abend nur teilweise auf die von Michael Lentz gut vorbereiteten poetologischen Fragen im Detail ein.
Immerhin wurde sehr deutlich, dass Grönemeyer wie etwa auch Element of Crime sehr stark von der Verfremdung von Sprichwörtern und Redewendungen ausgeht, während die Geschichte bzw. Handlungssituation des Liedes erst in einem späteren Stadium hinzutritt, um die Intentionen zu bündeln. Ebenfalls wurde deutlich, wie der symbolische Gehalt mitunter die sachliche Orientierung aus den Angeln hebt.
Dass das ihm als Autodidakt offensichtlich aber nicht immer ganz glückt, schälte dies Gespräch am Beispiel von Schiffsverkehr ebenfalls heraus. Wer hätte z.B. gedacht, dass die Textzeile „Fall auf meinen Fuß“ sich von der Wendung „auf die Füße fallen“ ableitet? Wenn mit dem Zeilenpaar „Geb Mir Ewigen Schnee / Pures Gold, Wohin Ich Seh“ so etwas wie „strahlendes Glück“ gemeint sein soll, dann ist der konzeptuelle Aufwand doch etwas hoch. „Unverständlich“ ist aus dem gleichen Grund unerwarteten Aufwands wohl auch das Zeilenpaar „Stell mich vor/ das Leere Tor“ die im Gedanken an einen Fußballstürmer entstanden. Das mag der Sportschauseher verstehen, aber selbst dem Mitglied der Autorennationalmannschaft Michael Lentz wollte das nicht recht plausibel sein. („Unverschlüsselt“ ist immer der Code einer unreflektierten Mehrheit.) Klar wird aber auch, dass die Schwierigkeiten des Verständnisses oft nicht aus dem Komplexionsniveau eines Textes erwachsen, sondern viel häufiger aus einem starken Wechsel dieses Niveaus nach oben oder unten. Die Gefahr der Enttäuschung, dass sich ein schillerndes Geheimnis in eine Banalität auflöste, lag immer nahe, manchmal waren die Bemerkungen aber auch bereichernd. Man neigt ja dazu, ein Bild das man verstanden glaubt nicht weiter zu befragen und hier und da war manches auch stärker durchdacht als von mir angenommen. „Entfalte meine Hand“ ist in seiner Mehrdeutigkeit wohl ein Einstieg, der in Bezug auf Grönemeyers Sorge um eine gute erste Zeile als geglückt betrachtet werden darf. Diese Offenheit, sich vor großem Publikum hinterfragen zu lassen und sich selbst zu hinterfragen unterschied Grönemeyers Auftritte wohltuend z.B. von Uwe Tellkamps Poetikvorlesung, die ebenfalls auf kaum höherem technischen Niveau (was eventuell Michael Lentzens Einflussnahmen auf Grönemeyer zu danken gewesen sein mag) reines Marketing betrieb: „So toll sind Schriftsteller im Allgemeinen, weil sie ständig mit den großen Themen sich befassen und ich im Besonderen.“ (Die einzige wirklich technische Einlassung Tellkamps, wie man einen Charakter aufbaue, beschränkte sich seinerzeit auf eine Exerpierung der einschlägigen Auffassungen des Faz-Feuilletons zur Persönlichkeit des Terroristen an sich). Während Tellkamp sich in die Rolle des Sehers stilisierte, vertrat zwar auch Grönemeyer den Anspruch, dem Zeitgeist und den Menschen eine Stimme zu geben, rechtfertigte dies aber mit der Arbeitsteilung in der Gesellschaft. Er habe eben die Zeit, sich intensiv mit diesen Fragen zu beschäftigen, während anderen diese im Berufsleben mitunter nicht bliebe.
Dennoch hoffe ich natürlich, dass es bei diesem einmaligen Ausflug in die Popkultur bleiben möge. Mit Ingo Schulze, Harry Rowohlt und Herta Müller sind in der Vergangenheit Referenten gewonnen worden, die das Anliegen dieser Veranstaltungreihe weit besser verkörperten. Wenn es, wie Hans Ulrich Treichel auf lvz online angemerkt hat, darum ging Songwriting in das Nachdenken über Poetik einzubeziehen, hätten unter Umständen Leute wie Sven Regener, Gerhard Schöne oder Wolf Biermann einen besseren Zugriff auf ihr poetisches Tun gehabt. Dennoch wurde der Abend über den engeren Kreis der Grönemeyerfans hinaus als anregend und praktisch verwertbar für das Schreiben empfunden. (Zumal auch von Leuten, die sich nicht täglich mit dieser Materie beschäftigen.)
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Die Welt zum Thema:
Deutschlands größter Popstar verrät in Leipzig seine Betriebsgeheimnisse Von Richard Kämmerlings
Mando Diao sind mit den Songtexten ihres neuen Albums „Infruset“ aufgewachsen. Die Musiker kannten die Lyrics schon zu Schulzeiten, lange bevor es die Band gab, und als der Dichter Gustav Fröding (1860-1911) noch für Unterrichtsstoff und nicht für eine Platte stand.
Der erste Satz eines Textes muss sitzen. „Ganz wichtig ist der Einstieg, er muss passen und packen“, sagt Herbert Grönemeyer, der am Abend des Reformationstags nach Leipzig gekommen ist, um eine Vorlesung zur Poesie zu halten.
Okay, danke, ich versuchs mal:
Als Gregor Samsa eines Morgens aus unruhigen Träumen erwachte, fand er sich in seinem Bett zu einem ungeheueren Ungeziefer verwandelt.
Tatsächlich, es klappt. Danke, Grönemeyer!
Wie? Ach er meint was andres? Mal schaun, ach so, alles klar:
Der 56-jährige Musiker zitiert zur Veranschaulichung auch gleich aus seinem eigenen Werk: Die Worte „Schatten im Blick“ leiten seinen Song „Flugzeuge im Bauch“ auf dem Album „Bochum“ ein, „die Armee aus Gummibärchen“ marschiert auf, um auf dem Album „Sprünge“ die „Kinder an die Macht“ zu bringen. / WAZ
Es reicht, es reicht, danke, es reicht.
Dass aber ausgerechnet einer der Herausgeber eines der schönsten Gedichte aus Georges berühmtestem Band „Das Jahr der Seele“ – „Indes deine mutter dich stillt / Soll eine leidige fee / Von schatten singen und tod“ – als angebliche George-Parodie Ernst von Wolzogens zitiert (Seite 840), ist dann doch symptomatisch. Der Fauxpas unterstreicht, wie richtig die Forderung derjenigen ist, die angesichts der medialen Aufgeregtheiten um die Biographie Georges und der Skandalisierung seines Nachlebens mahnten, endlich wieder die Gedichte selbst zu lesen.* / Thomas Karlauf, FAZ.net 26.10.
„Stefan George und sein Kreis“ Ein Handbuch. Hrsg. Achim Aurnhammer, Wolfgang Braungart, Stefan Breuer, Ute Oelmann. Walter de Gruyter, Berlin/Boston, 2012. 3 Bde. 1868 S., geb., 399 Euro, vom 1.1.2013 an 499 Euro.
*) Richtig. Ich fang gleich mal an. Also ehrlich, bei den drei zitierten Versen kann man schon auf Parodie kommen, oder nicht? „Indes deine mutter dich stillt / Soll eine leidige fee / Von schatten singen und tod“. Wenn das eins der schönsten Gedichte seines berühmtesten Bandes ist, bleibt mir nichts übrig, als George zu seinem besten Parodisten höchstselbst zu erklären. Besser: zu erwählen. Noch besser: zu küren / erlesen / weihen. Denn darunter macht ers selten.
„Der Laie hat für gewöhnlich, sofern er ein Liebhaber von Gedichten ist, einen lebhaften Widerwillen gegen das, was man das Zerpflücken von Gedichten nennt, ein Heranführen kalter Logik, Herausreißen von Wörtern und Bildern aus diesen zarten blütenhaften Gebilden. Demgegenüber muß gesagt werden, daß nicht einmal Blumen verwelken, wenn man in sie hineinsticht. Gedichte sind, wenn sie überhaupt lebensfähig sind, ganz besonders lebensfähig und können die eingreifendsten Operationen überstehen. Ein schlechter Vers zerstört ein Gedicht noch keineswegs ganz und gar, so wie ein guter es noch nicht rettet. Das Herausspüren schlechter Verse ist die Kehrseite der Fähigkeit, ohne die von wirklicher Genußfähigkeit an Gedichten überhaupt nicht gesprochen werden kann, nämlich die Fähigkeit, gute Verse herauszuspüren.“ / Bertolt Brecht
Wer in der Nähe ist: so viele interessante Autoren findet man selten bei einer Tagung: hingehen!
Internationaler P.E.N.
Zentrum Exilschriftsteller in deutschsprachigen Ländern e.V.
Tagung
Heimat – gerettete Zunge
Die rumäniendeutsche Literatur in der Bundesrepublik Deutschland
Bad Kissingen, 16. bis 18. November 2012
Aus dem Programm
Freitag, 16. November 2012, 16:30 Uhr – 21:30 Uhr
17:00 „Vom erzwungenen Abschied zur schwierigen Ankunft. Wegstrecken, Stationen und Diskursformen der rumäniendeutschen Literatur (1950-2000)
Prof. h.c. Dr. Peter Motzan, Augsburg
19:15 Die rumäniendeutsche Literatur heute: SchriftstellerInnen lesen aus ihren Werken, Teil 1
Samstag, 17. November 2012, 9:30 Uhr – 20:30 Uhr
9:30 „Die fremde Stimme: zur Rezeption der rumäniendeutschen Literatur in der Bundesrepublik Deutschland“
Ingmar Brantsch, Köln
10:45 Die rumäniendeutsche Literatur heute: SchriftstellerInnen lesen aus ihren Werken, Teil 2
14:30 „Die Wiederentdeckung der Innerlichkeit in ‚Die deutsche Seele‘ (Thea Dorn/ Richard Wagner) und ihre Rezeption in der bundesdeutschen Öffentlichkeit“
Franz Heinz
15:30 Die rumäniendeutsche Literatur heute: SchriftstellerInnen lesen aus ihren Werken, Teil 3
19:00 Die rumäniendeutsche Literatur heute: SchriftstellerInnen lesen aus ihren Werken, Teil 4
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