Laudatio von Marcel Beyer auf die Gedichte von Martin Piekar
Wie Tee mit Rum können Gedichte sein.
Sie brauchen Ruderboote, Flashbacks, Zappenduster. Brauchen die Kirschblüten, das Eis, Dominaspuren. Sie brauchen Teilwahnsinn und Fetische – und Frankfurt brauchen sie natürlich auch.
Den Weltschlaf und die Voodooentropie nicht zu vergessen.
Und dann brauchen sie jemanden, der Reim und Rhythmus einzusetzen weiss!
Jemanden, der uns rechtzeitig weckt, der uns auf Surrealem wandeln, doch auf Realem ausrutschen lässt, jemanden aus Bad Soden:
Martin Piekar.
Natürlich habe ich die Zeit, über die ich in dem Zyklus geschrieben habe, nicht selbst miterlebt, also war Recherche notwendig. Andererseits gab es aufgrund meiner Familiengeschichte durchaus auch einen sehr persönlichen Zugang. Meine beiden Großväter haben auf der Zeche gearbeitet, der eine untertage, der andere in der Kohlenwäsche. Beide habe ich nicht mehr kennengelernt, denn einer starb in den 60er-Jahren bei einem Grubenunglück, der andere an der unter Bergleuten so weit verbreiteten Staublunge. So vermengt sich dies im Schreiben womöglich zu einer Art historischen wie persönlichen Spurensuche, die hineinreicht bis in die Gegenwart und im besten Falle verschiedenste Schichten offenlegt: historische, biographische, poetische und Gesteinsschichten. Aber das Schreiben ist bei mir dadurch nicht monothematisch geworden, ich bin sicherlich kein neuer Arbeiterdichter oder literarischer Heimatkünstler. Es ist einer von vielen Aspekten meiner literarischen Arbeit.
/ Christoph Wenzel über seinen neuen Gedichtband „weg vom fenster“, Literaturland Westfalen
Im zweiten, wesentlich umfangreicheren Teil des Bandes findet der Leser Untersuchungen zu Tawadas Werk und Schreiben, zu den Schwierigkeiten und Chancen, in interkulturellen Kontexten zu agieren – eben zu ihrer interkulturellen Poetik. Ergänzt um ein Gespräch der Herausgeberin mit der Autorin erhält man einen facettenreichen Einblick in eine höchst faszinierende Biographie und ein unbedingt lesenswertes Werk, dem viele Rezipienten zu wünschen sind. / Steffen Höhne, TLZ 10.11.
Yoko Tawada: Fremde Wasser. Vorlesungen und wissenschaftliche Beiträge. Hrsg. von Ortrud Gutjahr. Konkursbuch-Verlag,Tübingen, 510 Seiten, 24,90 Euro
Hand-written letters from Rolling Stones frontman Mick Jagger to his former lover Marsha Hunt will be auctioned in London next month.
Hunt is an American-born singer who was the inspiration for the Stones’ 1971 hit Brown Sugar and bore Jagger’s first child.
(…)
Sotheby’s books specialist Gabriel Heaton said the letters sent in the summer of 1969 show a “poetic and self-aware” 25-year-old Jagger. / The Chronicle Herald (Kanada)
Die Gewinner des 20. open mike
Juan S. Guse
Sandra Gugic
Martin Piekar
Bald mehr dazu auf www.openmikederblog.wordpress.com
Drei Fragen an Simone Kornappel und Philipp Günzel, Herausgeber des Literaturmagazins randnummer aus Berlin.
Wie fandet ihr den Wettbewerb bis jetzt? Habt ihr einen Favoriten?
Philipp Günzel: Arne Vogelgesang hat mir sehr gut gefallen – schöne, rhythmische Texte, gut vorgetragen, das stach für mich positiv heraus.
Was hat es mit der Literaturzeitschrift auf sich, die ihr herausgebt?
Simone Kornappel: Die randnummer erscheint seit 2008, gerade sind wir in die fünfte Ausgabe gegangen, mit unveröffentlichten Texten von Walter Höllerer, Übersetzungen von Bruce Andrews und Charles Bernstein und neue Arbeiten von Angelika Janz, die Gedichte aus literaturfernen Materialien wie z.B. Eierkartons „Güteklasse A“ herstellt und handschriftlich ergänzt.
bei Facebook belauscht:
(sollte jemand Leistungsschutz einfordern, hier gehts zu meinem Anwalt)
by vectorkuemel
Linus Westheuser und Tristan Marquardt „Gedichte“
„wir werden mit konfetti / in die löcher schießen. wir werden das konfetti aufsammeln / und wieder in die löcher schießen.“
Linus Westheuser und Tristan Marquardt benutzen „die waffen von / uhrmachern“, filigrane Geräte, um den „bestand“, das „inventar“ neu zu verzahnen, ein „feinschliff am lebenden objekt“. Seltene Dinge erwachen da zum Leben, „ein krimidialog, / der sich stelzen anschnürt und in allen zimmern den / boden zerkratzt. große, unsichere schritte, eine witterung, die / die wände raufstieg,“, seltene Landschaften, „dass man dalag wie berge / von fröschen in einem langen beet, und hörte, was kaum jemand / mitbekam: striche, wie das schilf sich in landkarten schlich.“. Von menschlichen Bewegungen, Intentionen, Motivationen nur Spuren: „du fühltest am blinklicht den puls. / später am himmel die fingerabdrücke, flugspuren ohne pendant.“ / open mike
Arne Vogelgesang “Gedichte”
Jugendsommer und Abschiede, “käfergeschwader” und “schneeschatten über der firstlinie”, “gegensonne, kühles”. Arne Vogelgesang schiebt virtuos Doppelsinn ineinander, gerne auch augenzwinkernd: “wohin / flöhe der verdacht, / dieses jucken des alten / jahrs”. Dichotomien infizieren einander, der “spiegel” verflüssigt durch die benachbarten Verben “abtaun” und “einschmelzen”.
“schon deine haut ist bestimmt nicht / meine, die ich so gern berühr. ihr schmelz, / ja: schön ist der schnee zwischen vögeln / und schatten”
mehr im open mike blog
Martin Piekar “Gedichte”*
by vectorkuemel
Es wird Zappenduster. Der Zyklus „Bastard“ ist eine Reise durch vom Teilwahnsinn zermürbte Tunnel und Träume, der man tastend folgt, vorsichtig, aus Angst, man könne sich wehtun:
„Ich fühle mich so Bastard, wenn ich träume. / Nur Tunnelschachttage. Und nachts sind / meine Fantasien ans Hirninterieur genagelt.“
Ein „Ich“ in unerbitterliche Auseinandersetzung mit dem, was nur „schattig“ erahnt wird, „Lichtschalter in die Vergangenheit / etwas zwischen Traumarchiv und / Erinnerung …“, eine unterschwellige Bedrohung, die in Worte gebannt werden muss… / mehr im open mike blog
*) warum eigentlich Anführungsstriche? 😉
Die Laudatio auf Elke Erb, die diesjährige Empfängerin des Roswitha-Preises der Stadt Bad Gandersheim, hielt Olga Martinova. Erbs Gedichte gelten als kompliziert, sagte die Vorjahres-Preisträgerin.
Das liege aber nur daran, dass der Leser der grundsätzlichen Einfachheit der Texte nicht vertraue. Die charmante, schlagfertige und humorvolle Preisträgerin dankte natürlich für die Ehrung, aber auch dafür, dass die Verleihung sie veranlasst habe, sich mit der Namensgeberin des Preises zu beschäftigen. Sie befasste sich in ihrer Dankesrede daher ausführlich mit den Texten von Hrotsvit von Gandersheim und mit ihrer Art zu schreiben. / Hessische/Niedersächsische Allgemeine
Im April wurden wir überrascht von einem buchstäblich „grässlichen“ Gedicht. Günter Grass hatte die Welt mit einem Gedicht beschenkt. Nun, das Gedicht war eigentlich ein Gedicht, das gar keins war, ein „Schein-Gedicht“, es war mehr ein Etikettenschwindel von vermeintlicher Lyrik, in der Erwartung eventuell, es so – gleichsam angetan mit der „Kultur-Kapuze“- von Kritik immunisieren zu können. Das wäre jedenfalls gründlich daneben gegangen. Und: zu Recht. Denn Günter Grass redete Blech und trommelte falsch.
Es war ein Dokument von Hass und Hetze gegen den jüdischen Staat, ein Versatzstück voller Verdrehungen und Verbogenheiten. Zugleich verharmloste es das brutale Mullah-Regime in Teheran auf geradezu groteske Weise. Mit am unerträglichsten aber war: Israel wurde hier ganz wissentlich sozusagen „aussortiert“, singularisiert, gebrandmarkt als alleiniger Haupt-Störenfried der ganzen Welt. Das Schlimme aber ist, dass es eine solche Stimmung im Land auch wirklich gibt. Ohne Israel, so wird hier munkelnd, flüsternd und raunend transportiert, ginge es uns doch allen so viel besser. „Israel ist unser Unglück“, so hätte der Text daher auch betitelt sein können. Grass kennt diese tuschelnde Stimmung, er gab ihr seine gewichtige Stimme, er biederte sich ihr an, er bediente sie und bestärkte und befeuerte sie so.
(…)
Positiv anzumerken aber ist, dass praktisch alle Zeitungen diese „literarische Todsünde“, wie es Wolf Biermann beschrieb, verdammten. Es war eine wahre Glanzleistung der deutschen Presse, die mit all ihren Differenzierungen, gemeinsam den richtigen Instinkt hatte. Der Dichter freilich war verstimmt. Und klagte, die Presse im Land sei „gleichgeschaltet“. Dabei war hier nicht die Presse gleichgeschaltet. Vielmehr war nur der Autor einfach falsch gewickelt und verhedderte sich selbstgerecht immer mehr in seinem Gestrüpp der Verdrehungen und Verirrungen.
Und im Herbst legte Grass sogar nochmals nach. „Noch’n Nicht-Gedicht“ und zeigte uns allen, dass seine Israel-Obsessionen keineswegs „Eintagsfliegen“ sind, sondern leider chronisch. / Dieter Graumann, Präsident des Zentralrats der Juden, in der Frankfurter Paulskirche (FR)
open mike
WER LIEST WANN?
1. Tag
1. Block
14:15 – 15:30
15:30 – 16:00 Pause
2. Block
16:00 – 17:15
3. Block
17:45 – 19:20
1. Block, 12:15 – 13:45
Pause von 13:45 – 14:15
2. Block, 14:15 – 15:30
Ab 15:30, Entscheidungsfindung der Jury
ca. 16:45 Preisverleihung
Elena Philipp bloggt über Yevgeniy Breyger:
Yevgeniy Breyger “Gedichte”
Es wassert und wuchert, scheuert und schuppt, früchtet und flickt: Üppig bestückt Yevgeij Breyger seine See- und Angelstücke mit verbalen Bildern.
“ehemals standsicher
eine böschung, kaum vorzustellen: / geflutet, eignet sich vorzüglich / zum sammeln von schwemmgut, / kriecht das aus allen ecken. / ich erforsche täglich die küste, / ein breitgelegenes wirrsal, / gebe etlichem einen begriff. / neulich habe ich eine lilie / zum kompass gefaltet, fortan / trage ich ihn kühn vor mir her.”
Gelegentlich dunkle Bilder tauchen auf, etwa das “gekerbte projektil”*. Angler- und Fischereiwortschatz wellt auf und ab. Die Texte scheinen über den Zyklus hinweg zu korrespondieren: Steht in einem Gedicht eine “obstschale / reif gefüllt”, finden sich im nächsten “früchte allerlei”; “algen” werden als “rhodophyta” botanisch präzisiert. Der Eindruck: genau komponiert.
Über Sascha Kokot:
Kalt ist die Welt dieser Gedichte. Menschen am Rand der Zivilisation: Sie asphaltieren, was die Tektonik über den Winter wieder zerklüften wird, warten auf den Wetterumschwung, zur Untätigkeit verdammt, sprengen tief im Bauch der Berge und wandeln auf Routen, die der Körper noch kennt, deren Sinn und Ziel der Verstand aber nicht mehr begreift. Ein “du” entrümpelt und räumt sich leer, ein anderes oder dasselbe “du” erfährt den Riss zwischen Ich und Welt:
“ irgendwann greift es dir / fest in den eigenen Körper / trennt dich ab / bis du fremd vor dem stehst / was dir lange Rückhalt war / du hilflos darin plündern gehst / aber nicht erkennst wie alles / zusammenzusetzen ist / was dir verschütt ging”
Multiple Kältetode, nur gelegentlich ein Wärmeschub. Atmosphärisch zwischen Roland Emmerich und Derek Walcott (“Things do not explode / They fail, they fade.”). Spröde, vielschichtig, schön.
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Solches „embedded“ Blogging gefällt mir, weil es a) überhaupt Informationen und b) konkretere als feuilletonüblich liefert. Mal sehn was noch kommt.
* ein gekerbtes projektil ist ein projektil mit kerben. wie dunkel es ist, hängt vmtl. vom material ab. m.g.
Widersprechen macht vielleicht mehr Spaß als Loben. Und manchmal ist es Pflicht. Ich pieke noch einen Satz aus dem Zeit-Artikel über Eva Hesses Pound-Übersetzungen heraus, diesmal also widersprechend:
Sie ist die einzige Vermittlerin Pounds in deutscher Sprache.
Nana. Einzigartig, darauf hätten wir uns einigen können. Aber diese Absolutheiten – größt, bedeutendst, wichtigst, einzig(st) pp – sind meist falsch. Manchmal bösartig, oft dumm.
Sehen wir davon ab, daß Verleger, Herausgeber, Essayisten, Wissenschaftler, Lehrer auch Vermittler sind (am Literaturinstitut, als es noch nach Johannes R. Becher hieß, sprach der Dichter Georg Maurer kundig über Pound und vermittelte ihn so an junge Dichter, und Leser – für mich wahrscheinlich die erste Spur, die mich neugierig machte, meine Lehrer, auch an der Uni, haben sich da nicht hervorgetan).
Aber solch ein knallig abschließender Satz gehört abgewatscht, weil er aus Unkenntnis, Fahrlässigkeit, Ignoranz, was weiß ich, einen für Deutschland frühen Vermittler unterschlägt. Verschweigen, Spuren verwischen, eine unselige Bürgertugend. Der Dichter Rainer Maria Gerhardt gab Anfang der 50er Jahre „Fragmente. Blätter für Freunde“ heraus. In den Heften 1, 2 und 6 erschienen Poundübersetzungen von Renate und Rainer M. Gerhardt. Gerhardt übersetzte und publizierte auch „das testament des confucius“ nach Ezra Pounds englischer Fassung. In der viele Jahrzehnte nach Gerhardts Selbstmord 2007 erschienenen Ausgabe des Gesamtwerks (bei Wunderhorn) kann man das und mehr genau nachlesen. Aber wozu lesen wenn man schreiben kann?
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