Es gibt ihn noch, den abgerissenen Notizblock-Zettel, auf dem der 21-Jährige Hans Leip mit einem Bleistift fünf Verse notierte. Sie sollten zu einem der berühmtesten Gedichte des 20. Jahrhunderts werden – und zu einem Lied, das weltweit als das Soldatenlied für den Zweiten Weltkrieg steht: „Lili Marleen“. Ein Lied, das ihn sein Leben lang verfolgen und sein weiteres Werk in den Schatten stellen würde. / NDR
Und jetzt, endlich: „Die nennen das Schrei“, Thomas Braschs „Gesammelte Gedichte“ im Suhrkamp Verlag. 1030 Seiten, eine Wucht von Buch. Ein Ereignis auch das. 1030 Seiten Gedichte und historisch-kritische Kommentare, ein Lyrikband, der 49,95 Euro kostet und sie wert ist – es gibt kaum einen ähnlichen Beweis in diesen Tagen für das, was man so unverwechselbar ein Stück „Suhrkamp-Kultur“ nennen kann. (…)
Und jetzt im Buch manche Überraschung. Eine frühe Hymne an die spanische Torwartlegende Enrico Zamorra „Der Mann, / an dem der Ball nicht vorbei kam“). Übersetzungen von Poemen aus dem Polnischen (Adam Mickiewicz) und Ungarischen (György Dalos). Widmungen an die Thalbach oder überraschenderweise an Jutta Lampe. Und Kritisches über Heiner Müller, der keinem rät, der vielleicht verrät, eine deutsche Sphinx. Daneben immer mal wieder der Post- oder Neoromantiker mit seiner machohaft kitschnahen Verehrung für Gangstertypen und tragisch behauchte Frauenmörder. Anyhow.
Wichtiger: Viel Tolles. Abgründiges. Auch Gewitztes. Am schönsten aber sind die Liebesgedichte, manchmal liedhaft, balladesk, „gemischt in Dur und Moll“. Und einmal, beim Jugend-Poem „Anna, du“ von 1967, ist die im Anhang mitgelieferte Variante sogar besser als die verknappte Fassung im Hauptteil: „Anna komm, mein warmer Stein / leg dich in mein Kissen / trink von mir und meinem Wein / morgen werd ich nicht mehr sein.“ / Peter von Becker, Tagesspiegel
Actually, none of the works by Li Bifeng I have read up to now sound very dissident at all. They are “just art”, so to speak. He could have published them, as a different person.
I am currently translating a long poem by Li Bifeng into English, and have translated several small texts into German. Two of these will appear in the literary journal Wienzeile this summer in bilingual fashion. The artist Sara Bernal is supporting the reading on June 3rd with a display of paintings.
What other texts will be read at Vienna University on June 3rd?
On May 3rd, 2013, we had a very interesting workshop and discussion at Vienna University’s East Asia Institute, on literature in Korea, China and Japan. It was initiated by Lena Springer, who invited Zhang Chengjue 張成覺, expert on the year 1957 and the so-called Anti-Rightists-Campaign in China. Zhang and Springer were inspired by Lu Xun expert Qian Liqun from Peking University, who called for research on the late 1950s in China across disciplines. The workshop in Vienna was about censorship, political changes, publishing conditions and (self-)perceptions of artistic quality. Professor Schirmer told us about a debate in South Korea 45 years ago, in 1968. A big-wig critic who became culture minister later published an essay, lamenting the lame state of Korean literature. A poet responded and said he had poems that could not be published, and his friends also had literature that could not be published because it would be considered dangerous, unstable, unsettling. 不穩。The critic said he didn’t understand. Surely good art would be independent of politics and would only need imagination and talent? Not so, the poet replied. Art is potentially unsettling, if it is powerful art at all. The critic didn’t get it again. Sounded very much like Prof. Kubin and his friends in China. Also like Taiwan 30 years ago, of course. / 中国大好き
Achim Wagner wurde 1967 in Coburg geboren. Er veröffentlicht seit 1997 Gedichte, Erzählungen, Romane und Libretti. 2009 führte ihn ein Stipendium nach Istanbul. Das Interesse an der türkischen Lyrik hielt ihn im Land. Seit 2010 wohnt er in Ankara und pendelt zwischen der türkischen und deutschen Hauptstadt. Am 12. Juli wird der Autor zu Gast sein in Stuttgart, im Literarischen Salon des Schriftstellerhauses. In der Stuttgarter Zeitung berichtet er aus Ankara.
„Womit versüßt man Tage, wenn nicht mit Gedichten“, heißt es in einem Vers des israelischen Lyrikers Natan Zach.
Seit 1955 versüßt der 1930 in Berlin geborene Zach nun die Tage – wobei er alles andere als ein poetischer Zuckerbäcker ist. Sein Werk, in mehr als zwanzig Sprachen übersetzt, in Israel und international mehrfach ausgezeichnet, hat ihn zum Erneuerer und Wegbereiter der modernen hebräischen Lyrik gemacht. Zach prägt sie bis auf den heutigen Tag: als „bitterer, sehr kalter Romantiker“, so die Selbstcharakterisierung des streitbaren Zeitgenossen. Seine gefühlvollen, aber unsentimentalen Gedichte, Teil der israelischen Alltagskultur, sind – vielfach vertont – auch als Lieder populär. Hin und wieder thematisieren sie in poetischer Form politische Ereignisse – weitaus subtiler als es ein Günter Grass vermag.
Vor wenigen Tagen erst erinnerte Zach in der Tageszeitung Haaretz mit einem Gedicht an den erschossenen Palästinenserjungen Muhammed al-Dura.
Umso mehr wundert es, dass erst jetzt, im dreiundachtzigsten Lebensjahr des Dichters, ein Buch erscheint, das es dem deutschen Leser erlaubt, sich wenigstens mit einem Querschnitt aus Zachs jahrzehntelangem Schaffen bekannt zu machen.
„Verlorener Kontinent“ lautet der Titel dieser mit 87 Seiten viel zu bescheiden ausfallenden Sammlung von Gedichten aus den Jahren 1955 bis 2008.
Zach, Sohn eines deutsch-jüdischen Vaters und einer italienischen Mutter kam als Kind in das Mandatsgebiet Palästina. In der Familie sprach man Deutsch. Hebräisch, die Sprache, in der Zach sich künstlerisch ausdrückt oder auch an der Universität Haifa unterrichtet hat, erlernte er als Fremdsprache. / Carsten Hueck, DLR
Natan Zach: Verlorener Kontinent
Aus dem Hebräischen von Ehud Alexander Avner
Jüdischer Verlag, Berlin 2013
87 Seiten, 19,95 Euro
Li Bifeng war einmal Steuerbeamter in Mianyang, einer Stadt in der Provinz Sichuan, aber seit ihm das Gefängnis zur Heimat wurde, ist er nur mehr Dichter.
Kein bekannter, nein. Li Bifeng ist eine jener armen Seelen, nach denen kein Hahn kräht, eigentlich. Es ist 1989, das Frühjahr der Rebellion in China, als der junge Beamte Li sich auf die Seite der Studenten schlägt. Dafür kassiert er die ersten fünf Jahre Haft. Er wird entlassen, bekommt einen Sohn. Dann springt er einer Gruppe protestierender Textilarbeiter zur Seite, welche die Autobahn blockieren. 1998 das zweite Urteil: sieben Jahre Haft.
„Er war immer in Eile und immer am falschen Ort.“ Liao Yiwu hat das geschrieben, der Schriftsteller, dem die Flucht ins Berliner Exil gelungen ist. Die beiden hatten sich im Gefängnis kennengelernt. Sie waren dort nicht die einzigen Politischen, aber die einzigen Poeten, so ließen sie sich, schreibt Liao „in aller Heimlichkeit viel Wärme zukommen; jene Art von Wärme, die sich Ratten zuteilwerden lassen, wenn sie ihr Fell aneinander reiben“. / Kai Strittmatter, Süddeutsche Zeitung
Nâzım Hikmet zählt zu den berühmtesten Dichtern der Türkei, und doch war er ein ungeliebter Sohn seines Vaterlands. 1950 hatte man ihn ausgebürgert, nachdem der glühende Kommunist in die Sowjetunion geflohen war. Erst 2009 gab ihm der türkische Staat posthum seine Staatsbürgerschaft zurück.
Nicht drei oder vier
Nicht fünfzehn –
Dreißig Millionen
Hungernde
Haben wir!
Wir haben sie!
Sie
Haben uns!
…
Diese Verse schrieb Nâzım Hikmet 1921. Das Gedicht „Die Pupillen der Hungernden“ markiert den Beginn der modernen türkischen Lyrik. Nâzım Hikmet befand sich auf dem Weg von Anatolien nach Russland und sah überall in den Dörfern die ungeheure Armut der Menschen. Irgendwo auf dem langen Marsch nach Norden bekam er eine russische Zeitung in die Finger. Da fielen ihm die treppenförmigen Gedichte des russischen Futuristen Wladimir Majakowski auf. Nun vermochte sich Nâzım Hikmet vom traditionellen Versmaß zu lösen. Die osmanische Dichtung – meist Liebesgedichte oder religiöse Lobpreisungen – war höfisch, artifiziell, das Vokabular zu einem Großteil arabisch und persisch. Nâzım Hikmet schrieb über die menschlichen Sorgen, in türkischer Alltagssprache. „Kerem gibi“ heißt eines seiner berühmtesten Gedichte:
Die Luft ist schwer wie Blei.
Ich
schrei
und schrei
und schrei.
Los,
ich rufe,
um
das Blei
zu schmelzen …
/ Tobias Mayer, DLR
Poetische Begegnung der Kulturen
Adonis zu Gast in Bonn — Gemeinschaftslesung in Köln
Seit 2006 veranstaltet der von dem deutsch-syrischen Dichter Fouad El-Auwad gegründete „Lyrik-Salon“ regelmäßig hochrangige literarische Abende in verschiedenen deutschen Großstädten. In der kommenden Woche ist der „Lyrik-Salon“ gleich zweimal im Rheinland zu Gast. Für Mittwoch, den 5. Juni, wurde der aus Syrien stammende, heute in Paris lebende Dichter Adonis zu einer Lesung in Bonn verpflichtet. Adonis gilt seit Jahrzehnten als der bedeutendste Dichter der arabischen Welt und wurde mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, zuletzt unter anderem mit dem Goethe-Preis der Stadt Frankfurt (2011) und dem Petrarca-Preis (2012). Er wird seine Gedichte auf Arabisch lesen; die Übersetzungen liest Fouad El Auwad. Die Soiree findet statt um 20 Uhr im Kammermusiksaal des Beethovenhauses (Bonngasse 18-26, 53111 Bonn). Musikalisch wird der Abend umrahmt von dem Lauten-Virtuosen Raed Koshaba; als Übersetzer fungiert Hasan Husain; die Moderation übernimmt Christoph Leisten. – Am darauffolgenden Donnerstag, dem 6. Juni, ist der „Lyrik-Salon“ mit einer Gemeinschaftslesung im Köln zu Gast. Hier lesen neben dem Gastgeber Fouad El-Auwad Franco Biondi, Suleman Taufiq, Gabriele Frings, Francisca Ricinski, Dragoslav Dedoviv (Serbien), Nedjo Osman (Makedonien), Burhan Schawi (Irak), Hussein Habasch (Syrien), Emad Fouad (Ägypten) und Belqis Hasan (Irak). Diese zweite Begegnung der Kulturen findet statt um 6. Juni um 19.30 Uhr im Kunsthaus Rhenania, Bayenstr. 28, 50678 Köln. Auch dieser Abend wird musikalisch begleitet durch Raed Khoshaba. Der Eintritt zu den beiden Abenden beträgt jeweils 10 Euro. – Weitere Informationen: www.lyrik-salon.de.
Viele Lobredner beweisen die Größe ihres Abgottes antithetisch, durch die Darlegung ihrer eignen Kleinheit.
Athenäum-Fragmente. Nr. 65. 1. Band, 2. Stück. 1798
Die Wirkung von Worten
läßt sich schwer ermessen.
Guten Tag – das begreifst du noch,
aber daß der Tag trotzdem nicht
besser wird, setzt dich
in Erstaunen.
Günter Kunert, in: Das kleine Aber. Gedichte. Berlin und Weimar: Aufbau 1975, S. 32.
Anmerkung 2013: Mitte der 70er Jahre, als ich alles von Kunert las, war ich Bautypen auf der Spur. In mehreren Bänden finde ich über jedem Gedicht eine mit Bleistift geschriebene Formel, deren Bedeutung mir leider entfallen ist. Aber sie hatten eine. Mad professor? Weder Professor noch mad, nur daran interessiert, Strukturen zu lesen, damals wie heute.
Die Formel für dieses Gedicht lautet:
Z ⋀ →
(Z könnte bedeuten: Zustand. In einem Gedicht Kunerts heißt es: „Gedicht ist Zustand, / den das Gedicht zerstört / indem es / aus sich selbst heraustritt“). Der Pfeil wäre dann auch klar, aber der Winkel? Vielleicht entziffere ich es noch einmal.)
Das einzige bekannte Exemplar der Zeitung „Le Progrès des Ardennes“, in dem 1870 ein Text von Rimbaud erschien, könnte demnächst zum Verkauf stehen. Die rimbaldische Welt (monde rimbaldien) bebt.
Am 25.11. 1870 hatte er unter dem Pseudonym Jean Baudry den satirischen Text „Le Rêve de Bismarck“ (Der Traum Bismarcks) veröffentlicht.
Leben wie ein Baum, einzeln und frei, und brüderlich wie ein Wald, das ist unsere Sehnsucht, heißt es in einem Gedicht des türkischen Dichters Nazim Hikmet. Das, was in Istanbul passiert, trifft uns deutsche Türken mitten ins Herz. Es ist mehr das Wie als das Was. Proteste gibt es in Istanbul tagtäglich gegen alles und jeden, aber die Unverfrorenheit, friedliche Bürger im Schutznebel von Tränengas krankenhausreif zu prügeln, war der sprichwörtliche Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte. (…) In fast jeder Familie arbeitet jemand in der Verwaltung, als Lehrer, als Handwerker, ist jemand in der Armee, hat Nichten und Neffen, die studieren und Verwandte in Deutschland. Das politische Spektrum reicht von nationalistisch rechts bis anarchistisch links, von AKP über CHP, bis in alle Splittergruppierungen hinein. Auf Familienfesten wahrt man den Burgfrieden, man streitet, aber am Ende bleibt man eine Familie. Diese „Familie“ wurde nun durch das harte Vorgehen der Polizei verunglimpft. Deshalb protestieren sie, die Linken, die Rechten, die Alten, die Jungen, die Türken und Kurden und sagen: Es reicht uns! Wir wollen von unserer Regierung nicht länger vor vollendete Tatsachen gestellt werden. Wir lassen uns nicht vorschreiben, wie wir glücklich zu sein haben./ Hatice Akyün, Tagesspiegel
… „ist ein professioneller Newsletter in Zusammenarbeit mit LYRIKwelt.de. Hier gibt es 4x im Jahr interessante Neuigkeiten aus dem deutschsprachigen Literaturbetrieb, Buchvorstellungen und Hinweise zu Neuerscheinungen, Kurzbesprechungen und Wettbewerbshinweise, aber auch Text/Leseprobe und sonstige interessante Überraschungen.“
In der aktuellen Ausgabe u.a.
Junge Lyrikerin mit monströsen Gedichten
titelt die Deutsche Welle, und schreibt u.a. dies:
Nora Gomringer ist der Star unter den jungen deutschen Dichtern. Ihr neuester Gedichtband „Monster Poems“ erhielt prompt einen Preis. Auch ihre Art, Gedichte vorzutragen ist anders – und sorgt für Aufsehen.
Wenn Nora Gomringer Lyrik vorträgt, dann wird aus Literatur Unterhaltung pur: Sie stampft, flüstert, brüllt und haucht die Worte. Die Zuschauer lauschen nicht angestrengt mit krauser Stirn, vielmehr angeregt und belustigt. So auch an diesem Abend: Die junge Dichterin sitzt am Tisch, neben ihr der Komponist Franz Tröger. Zusammen bringen sie Lyrik zu Gehör: mit Spieluhr, Trillerpfeife und Flöte. Zwischendurch verteilen sie Marshmallows ans Publikum.
(…)
Nora Gomringer irritiert selber sehr gern. Ihre Auftritte sind eher Performance als Lesung. Dafür bezieht sie mitunter Schelte. „Dass man einen Text vom Blatt hebt und ihn mündlich macht, das ist für viele schon ein Affront. Wir in Deutschland haben eine bestimmte, sehr starke Rezeptionskultur und bestimmte Vorlieben im Ohr und wir reagieren dann stark auf Abweichungen von Normen, die wir uns überlegt haben.“
(…) die Liste der Literaturpreise ist lang, die Nora Gomringer in ihrem noch jungen Dichterleben gewonnen hat. Über die jüngste Auszeichnung, den Poesiepreis des Kulturkreises der Deutschen Wirtschaft, hat sie sich sehr gefreut. Begründung der Jury: Gomringers neuer Zyklus „Monster Poems“ sei das Ergebnis des Suchens und Findens des Menschlichen, das nie ganz beendet und immer auch zum Schmunzeln sei.
(…) Zudem es gibt eine lange Liste von Terminen: Lesungen, auf denen Nora Gomringer Monströses zum Besten geben wird. / Birgit Goertz
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