Der Alice Salomon Poetik Preis 2014 geht an den Schweizer Autor Franz Hohler. Der Schriftsteller, Kabarettist und Liedermacher wurde 1943 in Biel geboren. Er arbeitet in Zürich für Bühne, Radio und Fernsehen. Sein Werk umfasst Erzählungen, Romane, Gedichte, Kabarettprogramme, Theaterstücke und Kinderbücher. Der Poetik-Preis wird von der Alice Salomon Hochschule seit 2007 an Künstler verliehen, die gattungsübergreifend tätig sind. Er ist mit 6000 Euro dotiert. Die Preisverleihung erfolgt am Sonnabend, 18. Januar, im Rahmen des Neujahrsempfangs der Hochschule in der Berlinischen Galerie in Kreuzberg.
Das haitianische Ministerium für Kultur erinnert an den am 4.1. im Alter von 76 Jahren verstorbenen Romanautor, Essayisten und Lyriker Jean Metellus. 2006 wurde er für sein Gesamtwerk mit dem Grand Prix international Léopold Sédar Senghor de Poésie de langue française ausgezeichnet. 2007 erhielt er den Grand Prix de Poésie de la Société des gens de lettres und 2010 den Prix international de Poésie francophone Benjamin Fondane. Sein großer Beitrag zur haitianischen Literatur in der Diaspora werde in Haiti und der Welt unvergessen bleiben. / Haiti Press Network
Auf diverse (auch private) Feedbacks zu meinem „Einwurf“ vom 29. 12. 2013 möchte ich kurz wie folgt antworten. Wenn man mir vorhält, ich zwänge (von „zwingen“!) allzu unterschiedliche, ja gegensätzliche Autoren – von Hartwig bis hin zu Mort und Stolterfoht – auf einem gemeinsamen Nenner zusammen, kann ich nur erwidern, dass nicht ich das tue, sondern die angesprochene Kolumnistin, die bei ihrem „Streifzug“ durch den Märchenwald der lyrischen Korrespondenzen auf die Beschwörungsmacht des Dichterworts abhebt: Ob Betroffenheitspoet oder „Sprachschabernacker“ – allen gelingt angeblich das Kunststück, „die Zeit aufzuheben“. Aber wollen sie das? Können sie’s auch? Auch der Traum, selbst der Tagtraum vermag die Zeit aufzuheben, dazu braucht es keine Poesie. Was umgekehrt die Poesie braucht, ist eine adäquate Lyrikkritik, die sich die ursprüngliche Aufgabe von Kritik zueigen macht, nämlich die schlichte Unterscheidung (gr. „krinein“) vorliegender Sachverhalte, mithin das Gegenteil von Gleichmacherei – und auch das Gegenteil von dem, was im deutschen Feuilleton gemeinhin über Lyrik zu lesen ist. „Bitte Namen her!“, fordert der Dichter Bruno Brachland in seiner Replik. Ich kann mir vorstellen, dass es für manche Literaturteilnehmer „spannender“ ist, über Kollegen als über Gedichte zu plaudern, doch es geht hier nicht darum, Tratsch oder spontane Werturteile zu kolportieren; es geht, wo von Lyrik die Rede ist, um das, was dasteht.
Felix Philipp Ingold
Die Tore des Einfalls sperrangelweit geöffnet: Ein Treffen in Berlin, Prenzlauer Berg, mit der Dichterin und Erzählerin Ann Cotten, dem neuen Wunderkind der deutschsprachigen Literaturszene. / Paul Jandl, Die Welt
Auszug
Literarische Arbeit ist bei Ann Cotten immer auch Poetologie, Nachdenken über das Schreiben und Schreiben selbst sind für sie wie Ein- und Ausatmen. Ihre poetologischen Essays gehören zum Stoffwechsel einer Generation junger Lyriker, die sich auf einschlägigen digitalen Schauplätzen schon einmal einen Schlagabtausch liefern können, wenn Cotten wieder richtig hinlangt. Wenn sie in einem Essay „Etwas mehr“ fordert und gegen die „bürgerliche Trauerlyrik“ polemisiert, die da so sentimental um alle Ecken kommt. „Rührung und Begeisterung und ein bisschen Lebenshilfe sind zu wenig!“, schreibt die Dichterin denen ins Stammbuch, die zur Selbstergriffenheit neigen. „Ohne Befindlichkeit kann man nicht einmal in der Früh aufstehen.“ Aber muss man deshalb gleich Lyrik daraus machen?
Und auch die nüchternen Realisten kriegen ihr Fett weg. Der Ernst muss etwas Spielerisches haben, sonst ist er für die Erkenntnis verloren. Nach diesem Prinzip sind Cottens Bücher geschrieben, und mit genau diesem Prinzip können sie den Leser in den Wahnsinn treiben. Unschuld oder Überschmäh? Bei Ann Cotten weiß man es nicht so genau, und auch wenn man ihr in die braunen Augen schaut, dann wird man nicht schlauer. Sie ist ungerührt. Wie eine Heldin, von ihr selbst erfunden. Nur eben etwas weniger spröde als früher. Wie kam die Änderung? „Beziehungen, Gespräche, Interventionen. Es ergibt sich die Notwendigkeit, die richtige Distanz zu den Menschen zu finden oder sie auf eine brauchbare Weise schwanken zu lassen.“ So einfach kann es sein.
Man kann sich mit Ann Cotten Gedanken machen über das, was in der deutschen Literatur so piefig und behäbig ist, und wo man dringend mal durchlüften müsste. Zur Lockerung versuche sie, die deutschen Philosophen wie ein Bauer zu lesen, in aller Unschuld. Oder sie liest japanische Philosophen, die sich in den Zwanzigerjahren mit Nietzsche auseinandergesetzt haben, da bekämen die tonnenschweren Begriffe noch einmal Flügel, die Gedanken seien voll japanischer Kargheit und hätten zugleich eine große Leichtigkeit. Ann Cotten lebt in solchen Transformationen und geht in ihnen auf.
Lyrik-Neuerscheinungen ausgelesen!
Der deutsch-amerikanische Lyriker und Übersetzer Paul-Henri Campbell rezensiert auf dem Gedicht-Blog und in der Lyrikzeitung in einem zweiwöchigen Rhythmus Lyrik-Neuerscheinungen.
Nico Bleutge: »verdecktes gelände«
von Paul-Henri Campbell
»us and our stuff just covering
the ground«
(Gary Snyder: Covers the Ground)
Nehmen wir an, das Experiment ginge auf: sich zur Welt in ein solches Verhältnis zu setzen, das komplexer wäre als ein bloßes »Lesen« von Landschaften, komplexer noch als die poetisierende Interpretation und die Manien der Sinnzuschreibung per Logos und Cogito. Unsern Weltbezug und Selbstbezug radikal von der Wahrnehmung her zu gewinnen. Dinge sind da. Und Nico Bleutge wendet die cartesianische Wende erneut. Dinge sind nicht notwendig an sich denkbar, reflektierbar, beschreibbar. Wir können locker bleiben. Sie sind einfachhin und bedürfen zunächst keiner Extraktion von Bedeutung. Nehmen wir an, wir ließen ein stimmhaftes Wesen reagieren auf seine Welt wie die Fühler eines Insekts auf das plötzliche Vorhandensein eines Zweiges.
Nico Bleutges »verdecktes gelände« ist ein solches Experiment. In Kontinuität mit seinen anderen beiden Gedichtbänden, »klare konturen« (2006) und »fallstreifen« (2008), wird sein Gedicht zu einem Resonanzraum der Stimme, die sich an Dingen und Orten bricht. Und das Sensorium dieser Stimme ist offen für alles, was ihr begegnet: »saugende töne. der weg schien vom gehen / tiefer zu wachsen. schatten, aufgerauht / an ihrer wurzelseite, schuppiges umsehen / das von den stämmen her kam«. Schon in dem ersten Text, dem wir bei der Lektüre begegnen, wird deutlich, wie sehr diese Dinge durchtränkt oder animiert werden, von den Sinnen, die sie erfassen. Stämme sehen, Wege wachsen, Schatten besitzen eine aufrauhbare Materialität.
Zu Recht bemerkten Kommentatoren die surreal anmutenden Übergänge, plötzliche, abrupte Wechsel, das Ineinanderfließen dessen, was die Stimme des Gedichts streift. Bildet sich irgendwo in den ersten Verszeilen eine Ankunftsszene an irgendeinem Ufer, so verwandelt sich diese Szene drei Verse weiter in »[…] keller / die nachhallten, gänge, einfach überwölbt, / von feuchte durchzogen.« Innenwelten und Außenwelten gehen ineinander über wie auch Fluten in Flocken, Flocken in »schlafwehen« übergehen. Ein Grundmotiv, wenn man so will, ist bei dem in Berlin lebenden Exil-Münchners die Bewegung des Gehens, die ebenfalls durch zahlreiche transitorische Phasen oder Modalitäten gekennzeichnet ist – nach innen gehen, draußen gehen, spurenhinterlassen, herumirren.
Bei so vielen sanften und extremen topographischen Erlebnissen, wie sie Bleutges Texte herbeiführen, wundert man sich, was eigentlich das Gelände sei, das »verdeckt« ist. Ist es eigentlich subterranes oder subkutanes oder sogar subliminales Gelände, was sich durch verdeckende Oberflächenstrukturen verschließt Gehen wir mit diesen Gedichten irgendetwas auf den Grund?
Im Folgenden möchte ich drei Zugangsweisen zu Bleutges Gedichtband vorschlagen: 1) Das sprachliche Biotop, 2) die Stimme und die Stimmen, 3) der – unabschließbare – Sinn solcher Kunstwerke. Ich will auch zu Beginn gestehen, dass ich denke, wir haben es bei dem Langgedicht »verdecktes gelände« mit einem Jahrhundertgedicht zu tun. Ich sage nicht mit dem Jahrhundertgedicht, aber mit Bestimmtheit mit einem – das bleiben wird.
Schwanken und Gleichgewicht eines Logotops
Eine vielseitige Variation an freien Rhythmen. Bemerkenswert sind die lautlichen Verklammerungen, die die einzelnen Passagen durch eine teilweise alliterative und assonante Durchbildung der Verse zusammenhalten:
»tiefe, näher dem boden, näher dem grundwogen zu. steingrau / und gußgrau, ununterbrochen, unaufhörliches schieben / von grau, das sich umstülpt, grau, das sich auflöst, zinn- / grau basaltgrau, schelferndes grau« (Nico Bleutge: dämmerung. schwanken VI)
Ohne dass Bleutge den englischen Lyriker Gerald Manley Hopkins SJ auch auf irgendeine Weise im Sinn gehabt hätte, möchte ich doch zum Vergleich zum Ebenzitierten zwei Zeilen aus That Nature is a Heraclitean Fire zitieren: »Down roughcast, down dazzling whitewash, wherever an elm arches, / Shivelights and shadowtackle in long lashes lace, lance, and pair.«
Freilich gewinnen die Verse noch zusätzlichen Sound durch wiederkehrende Klangfolgen wie »näher« oder »grau«, doch die melismatische Wirkung generiert auch das Spiel von hellen und tiefen Klangflächen. Gleichwohl machen die häufigen Wiederaufnahmen den Textfluss zäher, verlangsamen ihn. Und auch in der obigen Passage, ist die Szenerie unbestimmt belassen: Wir können kaum entscheiden, ob wir uns in einer Höhle oder einer Industrieruine, in einer Pfütze oder auf dem Grund eines Bachs befinden, wo sich blinde Wesen übereinander schieben.
Die Oszillationen der Sprache zwischen den Dingen und der wo auch immer zu verortenden Wahrnehmung schafft eine sonderbare, aber auf sonderbare Weise faszinierende Präsenz. Ich empfinde diese Präsenz als beunruhigend, weil sie einerseits einen Sog entwickelt, der mich die Konfiguration der Worte als angenehm empfinden lässt, und doch andererseits ich meist kaum oder nur ungefähr benennen kann, was in dem Gedicht vor sich geht. In einer Welt, in der alles recherchierbar und potentiell in Erfahrung gebracht werden kann, empfindet man Bleutges sonore Viel- und Unbestimmtheit als unbedingte und befreiende Rückverweisung auf die eigene kreative Intelligenz als Leser: »und dann die lampengeschäfte, ihr nach- / gebendes summen, mit der umluft darin // den leichten steppengeruch ceylan / leuchtete, -latma, ausstehende nacht- // arbeit.«.
Akustische Gefühlsprägung
Und es ist ebenso ein Lexikon, das die übliche Erlesenheit poetischer Wendungen unterläuft, in dem es Komposita bildet und Bilder aufruft, die voll sind von einer Wonne an Präsenz – z. B. »strohfäden«, »belfern«, »schotterschneißen«, »efeugeschmack«, »dämmerungsdichte«, »flugfarben«, »pflanzenatem«, »tragflügelflächen«, »bildschwämme«. Und während der Duktus dieser Gedichte hypnotisch wird, scheint es auch gar nicht mehr so, als sei die kantige deutsche Sprache nicht eine Sprache, die klingt wie zwei knutschende Baggerschaufeln; selbst Worte wie »neubaufronten«, »ruhwaldpark«, »lampengeschäfte«, »vorhangstoff«, »ladentheke«, »plastikschlauch« fügen sich in den Singsang von Bleutges Lyrik.
Man braucht nur solche Begriffe lokalisieren und sie im Hinblick auf ihr akustisches Umfeld anzuhören. Nehmen wir zum Beispiel heraus, das kakophonische Ungetüm »fachwerkkanten«. Bleutge hat sowohl die konsonantische als auch die vokalische Problemzonen dieses Wortes wundervoll eingebettet: »dächern und balken / fachwerkkanten / das dunkel darüber / nicht sichtbar, nicht sichtbar«. Die Umlaute ä und ü sowie die reinen Vokale a und u in den zitierten Versen 1 und 3 spiegelverkehrt positioniert (also ä-a-u-ü), sodass sie das Wort »fachwerkkanten« zwischen ihrer schwankenden Bewegung optimal wiegen können. Die gesamte kurze Passage ist dann mit hellen i-Vokalen und Zischlauten abgerundet.[1] Solche Beispiele lassen sich überall bei Bleutge entdecken und geben den Texten eine sublime, akustische Gefühlsprägung. Und allmählich wird auf diese Weise (vielleicht) bewusst, dass er beim Eintauchen in diese Gedichte jenes Feld der Lyrik verlässt, das sich maßgeblich in verbissenen Interpretationen ergeht und sich in seiner Verzweiflung aus Textkörpern Verständlichkeiten herauslöst, die mit der Physiognomie jener Texte nichts zu tun haben; kurzum: Wir sind auf dem nichthermeneutischen Feld; dort, wo Friedrich Kittler von sensibilité intellectuelle zu sprechen begann. »verdecktes gelände« ist Neuland: einer Welt, die sich nur allmählich zeigt.
Stimme und Stimmen
Freundlicherweise gibt Nico Bleutge einige Namen bekannt, deren Stimmen er sich leiht: »Mal bleiben die Stimmen im Hintergrund, mal färben sie einzelne Verse, mal treten sie als Zitat hervor«. Es handelt sich um die handelsübliche Melange aus Titanen und Exoten: z. B. Ezra Pound, Inger Christensen, Robert Creely, T.S. Eliot, Göran Sonnevi, Gary Snyder, Jürgen Becker und andere. Das Langgedicht »verdecktes gelände« ist auch ohne Kenntnis bzw. das Mitlesen dieser Referenztexte eine anregende Lektüre. Die Stimmlagen sind auch ohne den Duktus von Gary Snyders Westküstenbuddhismus explizit wahrzunehmen wundervoll. Bleutges Gedichte sind auch dann interessant, wenn man durch die Modifikationen die emphatische Erbaulichkeit von Inger Christensen nicht bewusst mitliest.[2] Ich möchte, bevor ich hierzu komme, jedoch auf die Sprechweise(n) dieser Stimme eingehen, insbesondere auf die über weite Strecken vorgenommene Ausradierung dessen, was man hierzulande das lyrische Ich zu nennen eingeprügelt bekommen hat.
Nico Bleutges »verdecktes gelände« wurde breit im Feuilleton besprochen. Alle deutschsprachigen Rezensenten schwärmten vom ausgesparten Ich. Diese von der Kritik soweit unisono konstatierte Tilgung des lyrischen Ichs ließe sich, denke ich, noch weiter radikalisieren, denn diese auf weiten Strecken geschehene Aussparung des artikulierenden Subjekts wird ja nicht hergestellt, einfach indem Bleutge das Wort »Ich« meidet. Vielmehr entsteht zwischen der Ortlosigkeit der Stimme, also der Nicht-Verortbarkeit des Wer-der-Stimme, und zwischen Bleutges Text, der doch so viel mit Räumlichkeit zu tun hat, eine interessante Spannung.
Was Bleutge erzeugt, ist Ungewissheit. Und mit der Ungewissheit dessen, werwahrnimmt, wird auch das, was wahrgenommen wird, vieldeutig und schwankend. Aber eine solche Feststellung ist nichts gemessen an der gelungenen Realisierung eines solchen Effekts, den seine Verse hervorbringen. Hier zwei Beispiele aus Nico Bleutges Band: »echos von stimmen, echos / von rauchigem licht // hell wie die kinder / draußen im park« sowie dieses Beispiel: »[…] fast / durchsichtiges / licht, im / innern, wie / flor in luft / wie / leuchtende / rinde, die / abfällt, entfernt«.
Gerade das zweite Beispiel (das von dem Langgedicht »verdecktes gelände« genommen ist) hat, wie ich finde, einen leichten orientalischen Einschlag, auch die Ellipsen, die hier die Artikel vor z.B. »flor« und »luft« tilgen, bewirken einen leicht exotischen, nicht-idiomatischen Effekt. Ganz stark.
Und dann rufen die Stimmen die Verdecke des Geländes zunehmend direkt auf: »bilder von brandschutt und platten / von zündungsnestern, von sprengkammern / unter den böden, luftbilder, -karten, laminiert«. Obschon der Gestus des Gesamtgedichts mehr aus der Richtung Pounds Cantos (vgl. bes. Canto 49) zu kommen scheint, möchte ich eine Vergleichsstelle bei Gary Snyder danebenlegen. Sie ist aus dem Gedicht Covers the Ground: »and the ground is covered with / cement culverts standing on end, / house-high & six feet wide / culvert after culvert far as you can see / covered with / mobile homes«.
Stille Reflexivität
Und leicht wäre man angesichts der stilistisch wunderbar aufgenommenen Tonlagen geneigt Bleutge eine Art avanciertes Epigonentum nachzusagen, wenn nicht – ja wenn nicht etwas in diesem Gedicht wäre, was so stark die Stimmung im 21. Jahrhundert aufnimmt. Die Naivität Pounds (es ist tatsächlich eine gewisse Naivität) mit Fremdmaterial umzugehen, ist bei Nico Bleutge einer zweiten Naivität gewichen. Ein kontrolliertes und doch freischwebendes, ungezwungenes Wissen um die Gemachtheit der polyphonischen Melange: »[…] entfernungen, / geräusche, jenseits der stimmen // kaum zu verorten, kaum zu benennen / im rhythmus des schnees«[3] oder auch: »[…] der sand eine spur / die durch den kanal geht // angehalten die dinge, klarer / in ihrer verbindung. das gehen genügt«.
Keineswegs ist damit behauptet, dass Typen wie Pound dieses Wissen fremd gewesen wäre; und doch ist es bei Bleutge anders. Ich denke, bei Pound oder Snyder würde man lange suche müssen, um Verse zu finden, die diese Tonlage und stille Reflexivität verbinden, ohne dass sie zur Rückendeckung Circe oder irgendeine chinesische Autorität anriefen. Bleutge hingegen schreibt: »[…] die bahnen sind / nur eine ahnung jetzt, filzartig, kaum noch / fest, was gehen könnte, was staub / der im schauen nachbrennt«. Die Passage spricht in der Gemachtheit des Langgedichts mitten aus einer rückhaltlosen Stimme. Man darf sie natürlich nicht isoliert betrachten. Aber Bleutge vollzieht ein Paradox: Diese scheinbar subjektlose, unverortete Stimme weiß um sich selbst. Und daher ihre unheimliche, verzweifelte, tastende Suchbewegung nach dem Wer und Was ihres Klangs.
Was bringt’s?
Ich habe vorhin von der Wonne der Präsenz gesprochen. Es ist natürlich schon so, dass Texte dieser Machart nicht der Anfrage des »so what?« entgehen können. Und egal wie irrelevant wir die Frage einstufen mögen, die Unterscheidung, ob das Gedicht etwas sageoder nur sei, ist relevant. Ich meine hiermit nicht die hysterischen Grabenkämpfe der Verständlichkeits-Unverständlichkeits-Diskutanten. Was ich meine ist dies: Ist der Sinneffekt von »verdecktes gelände« bloß die vage Fantasie meiner Onanie – nie greifbar, immerfort unfassbare Vorstellung, Ahndung und Anmutung, bis ich ejakuliere und augenblicklich jegliches Interesse daran verliere? … oder was ist »verdecktes gelände« sonst als signifikantes Kunstereignis in der Welt?
Keineswegs soll hier eine Antwort stattfinden. Ich möchte an die Qualität von Präsenz erinnern. Nur einige Überlegungen zum Sinn dieses Textes. Ich denke, wir können durch Nico Bleutge etwas gewinnen, sehr viel gewinnen. In einer Epoche, darin jedes Terrain via Google Maps auf den Bildschirm zu holen ist, ist der Bildschirm unsere Welt und bindet unsere Aufmerksamkeit. Somit sind die Bildschirme oder alle medialen Elemente des Alltages, die uns permanent Landschaften, Kriege, Korallenriffs, Gesichter oder Pflanzen präsent machen, die wir vielleicht nie wirklich sehen werden. Durch diese Medialität werden diese im Grund bezugslosen Dinge zum Teil unserer Welt …
… so schaffen Bildschirme auch Barrieren zur Wirklichkeit, sind sie Schranken eines immer anonymer werdenden Bezugs zur Wirklichkeit. Aber, um mit Bleutge zu sprechen: »hüllen aus schatten und schilf. raum dehnt sich über den bänken, / über den lampen, geländefalten, marderstrukturen, leichte schmelz- // bewegung, wo das wasser meerwärts zieht, unterm eis.«.
Nun ist gewiss das gedruckte Buch und die Sprache selbst eine gewisse Schranke zwischen uns und den Dingen, aber der richtig gewählte Modus des Sprechens, eine behutsam temperierte Stimmlage, die treffende Verschmelzung von Eindrücken – und es gelingt möglicherweise einem Text, wie »verdecktes gelände«, in uns eine Bezugnahme zu erwecken, die an der Unmittelbarkeit grenzt. Ich denke, auch wer Nico Bleutge flüchtig und als leichte Lektüre liest, wird ein Gespür für diese Veränderung entwickeln, die sich allmählich in einem einstellt, als eine allmähliche Ummünzung der eigenen Gefühlsprägung, sooft man in die herrlichen Verse von »verdecktes gelände« eintaucht.
verdecktes gelände
Nico Bleutge
C.H. Beck München 2013
78 S.
€ 14.95 (Gebundene Ausgabe)
€ 11.99 (E-Book)
Nico Bleutge: »verdecktes gelände« bei Calle Arco kaufen
Diese Rezensionen werden Ihnen von Paul-Henri Campbell präsentiert. Campbell ist 1982 in Boston (USA) geboren und schreibt Lyrik sowie Prosa in englischer und deutscher Sprache. Gedichtbände: »duktus operandi« (2010), »Space Race. Gedichte:Poems« (2012). Er ist ebenfalls Übersetzer und Mitherausgeber der internationalen Ausgabe der Lyrikzeitschrift DAS GEDICHT (»DAS GEDICHT chapbook. German Poetry Now«). Soeben erschienen ist »Am Ende der Zeilen. Gedichte | At the End of Days. Gedicht:Poetry«.
Alle wollen ein bißchen Kunst. Auch die Stadt Meerbusch schreibt einen Literaturpreis aus – schon zum zweiten Mal. Preise von 600 bis 100 Euro jeweils in Prosa und Lyrik sind zu gewinnen. Eine Jury wählte unter 738 Einsendungen je 8 Finalisten aus, am Ende entschied das Publikum. Damit nicht planlos drauflosgedichtet wird, gibt man ein Thema vor. 2013 „Duft“, 2014 also „Licht“. Das Siegergedicht 2013 fängt so an:
Ich ging einmal spazieren
am wunderschönen Rhein.
ich lief auf allen Vieren,
das muss beim Hund so sein.
Da fand ich etwas Tolles
im frischen grünen Gras
so richtig Wundervolles,
ich glaub, es war wohl Aas.
Es roch für mich ergötzlich,
so durch und durch pikant,
doch Frauchen fand’s entsetzlich,
da fehlt ihr der Verstand.
Soll man das diskutieren? Sich darüber lustig machen? Sich einmischen? Den Veranstaltern / den Teilnehmern helfen? Ich weiß es nicht.
Hier gibts alle Sieger- und Finalistentexte. Und die neue Ausschreibung.
Dichtung ist Provokation, ist Zeitgenossenschaft, ist Klangkunst. Selten konventionell, aber dafür unbedingt existentiell ist das Gedicht. „Lyrik lesen!“, lautet die Devise dieser Sendung. Gutenbergs Welt spricht unter anderem mit Franz Mon über sein Lebenswerk.
Ein Meilenstein der Lyrikgeschichte ist Franz Mons Lesebuch „Zuflucht bei Fliegen“. Im Gespräch gibt der Meister der Konkreten Poesie Auskunft über den Ernst des Unsinns in seinem lyrischen Schaffen seit 1948.
Um das Thema Glück kreisen die Stadt- und Landschaftsgedichte des niederländischen Poeten Erik Lindner.
Der sorbische Dichter Kito Lorenc hat Land und Leuten der Lausitz ein lyrisches Denkmal gesetzt.
Außerdem in Gutenbergs Welt: „meine schönste lengevitch“, der neue Band der in Berlin und New York lebenden Sprachartistin Uljana Wolf.
Moderation: Insa Wilke
Redaktion: Michael Kohtes
In der Sendung vorgestellte Bücher:
Erik Lindner: Nach Akedia. Gedichte
Aus dem Niederländischen von Rosemarie Still
Matthes & Seitz Berlin, Berlin 2013, 170 Seiten, 19,90 Euro
Uljana Wolf: Meine schönste Lengevitch. Gedichte
Kookbooks, Berlin 2013, 88 Seiten, 19,90 Euro
Zuflucht bei Fliegen. Franz Mon – Lesebuch
Hrsg. von Michael Lentz
S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2013, 496 Seiten, 26,99 Euro
Hinweis:
Kritische Ausgabe. Zeitschrift für Germanistik & Literatur
Nr. 25 (2013): „Jetzt“
ISSN 1617-1357
Thomas Kunst: Die Arbeiterin auf dem Eis. Gedichte und Briefe
Edition Azur, Dresden 2013, 136 Seiten, 22,- Euro
Lesung:
Kito Lorenc: Gedichte
Herausgegeben von Peter Handke
Suhrkamp Verlag, Berlin 2013, 128 Seiten, 13,95 Euro
„Die Leute gebrauchen den Begriff poetisch falsch“, sagt der Romanautor Adam Foulds. „In der Poesie geht es um die Intensität der Wahrnehmung. William Wordsworth ist nicht poetisch; sein Stil ist klobig, wuchtig, nichts Fließendes, Melodisches. Intensität der Sprache und Wahrnehmung gibt es bei D.H. Lawrence und Virginia Woolf“, sagte er bei einem Vortrag an der Christ University.“ / The Hindu
Poetry Daily Disruption Due to Severe Weather
January 6, 2014
Dear Friends:
A quick note to let you know, though you may already have guessed, that severe weather in the eastern U.S. has caused power disruptions for our web host, with the result that our site has been available only sporadically over the weekend and is down as we write.
Our provider is working to get power restored and Poetry Daily back up. Thank you for your patience, meanwhile.
With warmest regards
Zuß und Ames suchen Streit und begegnen sich in Berlin; in der Art in der ein Freistoßschütze dem Torwart begegnet; wer wer ist, ist egal, weil es wechselt. Es geht um Kollegialität, um Polemik, Poetik, um zwölf coole Arbeiter im Lyrikstandort Berlin, um Unzufriedenheit und andere Beweggründe und „Konsonanz ist nur ein Teil künstlerischen Schaffens; Dissonanz, Digression und Überraschung die anderen. Wir beobachten hier das Verfahren der Anreicherung neben forcierter Flapsigkeit […] und harte Zäsuren und weite Sprünge neben zarten Zoten.“
(Konstantin Ames: sTiL.e(ins) Art und Weltwaisen. S. 6f.))
So eingeleitet der Prolog zu einer Reihe auf lettretage.de. A also = Ames, ZdW = Zuß der Wimpernknecht. Auszug:
A (liest schnell etwas aus einem aufgeschlagenen Notizbüchlein ab) Glauben Sie, Zuß, dass es eine Polemik auf dem Felde der …
ZdW … der Ehre …
A (unbeirrt und leider auch etwas humorlos) auf dem Felde der Poetik möglich ist? Anders: Kann Poetik polemisch vorgetragen werden?
ZdW (lacht rückhaltlos) Zur Frage: Aber klar doch! Ich sehe ihrem Gesicht aber an, dass Sie das anders sehen. Was sollen wir also tun, Mister Äimß?
A (sichtlich um Lässigkeit bemüht nuckelnd an seiner Zigarre) Na, wir suchen jetzt das Gespräch. Poetik ist immer an Wissen, Fachwissen, historisch wie systematisch gebunden, und an den Willen, herrschaftsfrei darüber zu reden und einen Konsens zu erzielen. Frei von persönlichen Aversionen, sachlich. Das sind so meine Prämissen … Da scheint Polemik also in Poetiktexten nicht recht am Platz zu sein.
ZdW Aber irgendwie haben Sie doch gemerkt, dass Sie damit nicht weiterkommen, nicht wahr? Sonst bräuchten wir diese Kommunikation hier nicht. Stimmt doch? Und der Miniessay, in dem Sie mich in die Manege gezerrt haben – der war ganz sachlich, hm?
A… (wirkt perplex, will aber vielleicht nur die Zigarre genießen)
ZdW Sie sind aber ein schnell zu verdutzendes Kerlchen, Herr Ames. Auf den Fotos sehen Sie immer aus, wie der etwas zu stattliche Urenkel von Lenin. Da muss ich mich nun wundern.
A (bräsig) Ich bin regelrecht schüchtern, Zuß. Stets um Dezenz bemüht und den ganzen Schmus. Zur Sache: Sollte es anders sein, sollte sich Poetik mit Polemik vertragen, wäre der Zustand solcherart Polemik beklagenswert.
ZdW (talkshowstreng) Na, das wird schon noch! Bloß nicht bäurisch werden! Muss jetzt aber zu meinem Flieger. Wir sehen uns nächste Woche. Dann hören Sie mein Lob Polemik in Dingen der Poetik. Denen dürfen Sie sich dann anschließen und dann ein paar Lektionen bei Meister_in Zuß nehmen. Okay?
A Ich könnte meine These problemlos an einigen Statements verschiedener Akteure im literarischen Feld aus der jüngeren und jüngsten Vergangenheit belegen. Das liegt mir tatsächlich sogar am Herzen. Denn einige narzisstische Karrieristen machen knallharte Politik und versuchen die Rezeption von Debütanten einzufärben; man könnte regelrecht Kampagnen hinter manchen Äußerungen vermuten. Zum Beispiel …
ZdW Sie dürfen sich jetzt, bitte gerne, für das Gespräch bis hierher bedanken. Nächste Woche wieder. Oder sind Sie Quietist?
A (winkt barsch ab) Danke fürs Bitten!
Die Reihe „Zuß und Ames suchen Streit“ ist eine e-Polemik und Bestandteil des literaturlabors in der Lettrétage, gefördert vom Berliner Senat.
Von den Anfängen
Präsentiert von Michael Augustin
Fundsachen-Sammler Michael Augustin bringt denkwürdige Anfänge zu Gehör. Beteiligt sind u.a. Hans Bender, Nora Gomringer, Richard Burton, Dylan Thomas, James Last und Radio-Bremen-Gründer Hans-Günther Oesterreich.
Da auch die heutige Sendung nicht ohne einen Anfang auskommen wird, darf man auf denselben ganz besonders gespannt sein, denn auch hier hat Hermann Hesse die passenden mahnenden Worte vorgegeben: „Nur wer bereit zu Aufbruch ist und Reise, mag lähmender Gewöhnung sich entraffen.“
Beteiligt sind u.a. Richard Burton, Nora Gomringer, Dirk von Petersdorff, Dylan Thomas, Norbert Hummelt und Urs Allemann. Der 92jährige Hans Bender liest einen seiner legendären Vierzeiler, ein Frühlingsgedicht. aus seiner soeben im Hanser Verlag erschienenen neuen Sammlung.
Eine Sendung, die von aktueller Poesie und von historischen Radioantiquitäten lebt. Archivalien der späten Vierziger-, der Fünfziger- und der frühen Sechzigerjahre aus dem Fundus des Radio-Bremen-Archivs und anderer ARD-Archive. Präsentiert werden Lyrik, kurze Prosa sowie zeittypische Reportage-Originaltöne aus hundert Jahren.
Sendezeit: So., 9:05 – 10 Uhr
Neue Sendezeit ab 07.01.2014
Sendezeit (14-tägig):
So., 16:05 – 17 Uhr
Wiederholung:
Do., 21:05 – 22 Uhr
Von seinen Genossen, die den ehemaligen Berliner Anarchokommunisten als Trotzkisten verdächtigten, trennte er sich 1939 mit der Klage, „dass sie mein Talent niederzuhalten bestrebt sind“. Er starb 1952 bei einem Besuch in der Heimat, von seiner Tante in Wien gepflegt und von Freunden im Osttiroler Lienz begraben.
Literaturlexika verzeichnen ihn deshalb mit Recht als deutsch-österreichischen Dichter. Schon Peter Hamm, Herausgeber seiner Gedichte bei Suhrkamp, hat auf Thoors Verwandtschaft mit der Dichtung seines österreichischen Landsmanns Theodor Kramer hingewiesen, mit dem er auch das Emigrantenschicksal im britischen Exil teilte. Bei beiden Dichtern entdeckte Hamm eine „Unmittelbarkeit des Elementaren“ und einen „plebejischen Tonfall“ – mit dem Unterschied, dass sich Kramers Lyrik vor und nach dem Exil gleichgeblieben sei, während seinem Landsmann „im Exil völlig neue Dimensionen zuwuchsen, die aus Höfler schließlich Jesse Thoor werden ließen“.
Diesen Dichternamen, eine Kombination des alttestamentarischen Propheten Jesaja mit dem germanischen Donnergott, nahm Höfler 1938 an, und unter ihm ist sein einziger zu Lebzeiten gedruckter Gedichtband 1948 fast unbeachtet erschienen. Jetzt ist er „Ich, der Dichter Jesse Thoor – / dem Zünglein, Zeh und Ohr / und die Seele fror!“ Als sein posthumer „Entdecker“ kann Walter Höllerer gelten, der 1954 fünf der letzten „Rufe und Reden“ im ersten Jahrgang der Zeitschrift „Akzente“ druckte, damals ein Zentralorgan der deutschen Gegenwartsdichtung. / Hannes Schwenger, Tagesspiegel
Jesse Thoor:
Das Werk. Hrsg. auf Grundlage der von
Michael Hamburger besorgten Edition und mit einem Essay von Michael Lentz.
Wallstein, Göttingen 2013. 468 Seiten, 24 €.
der neue Kalender an der Wand versteht zu warten
Hansjürgen Bulkowski
Wer köpft hier wen? Hält Robespierre seinen eigenen Kopf der Menge hin, oder zeigt ein Henker dessen abgeschlagenen Kopf dem Volk? Die Titelseite der neuen Lyrik-Zeitschrift Aber wir wollten doch schön seyn wirft Fragen auf, für die es keine klare Antwort gibt. Warum die Gründer der Zeitschrift, Patrick Thor und Wouter Wirth, den französischen Politiker und Revolutionär zum Leitbild erkoren haben, ist allerdings verständlich: Robespierre steht mit seinen philosophischen Ansätzen für Zukunftsdenken und Neuanfang. (…)
„Sowohl Wirth als auch ich hatten das Gefühl, dass sich im Moment nichts verändert – sowohl politisch als auch gesellschaftlich. Mit der Zeitschrift wollen wir einen neuen Ansatz bieten, der zum Nachdenken anregt“, erklärt Thor die Idee hinter der neuen Publikation. Seit ihrem Studium spielten sie mit dem Gedanken, etwas zu schaffen, das mit inhaltlichen und formellen Konventionen bricht und zeigt, dass sich auch in München etwas bewegt. / Süddeutsche Zeitung 28.12.
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