9. Brief aus Charkow

Brief russischer Schriftsteller und Dichter aus Charkow. Sie bitten, ihn durch die Medien zu verbreiten.

Auszug (unten der vollständige Originaltext):

Am 1. März hat Russlands Föderationsrat den Appell des Präsidenten der Russischen Föderation für umfassende Maßnahmen zum Schutz der Russen in der Ukraine unterstützt, das Eindringen der russischen Streitkräfte in ukrainisches Territorium eingeschlossen. Am selben Tag haben die städtischen Behörden in regionalen Zentren der östlichen Ukraine prorussische Kundgebungen inspiriert. Die Demonstranten, darunter solche, die in Bussen mit russischen Kennzeichen hertransportiert wurden (http://www.mediaport.ua/shturm-obladministracii-v-harkove), stürmten das regionale Verwaltungsgebäude, wo sie Anhänger des Euromajdan verprügelten, darunter auch den berühmten Schriftsteller Serhiy Zhadan (er kam ins Krankenhaus mit starken Verwundungen am Kopf, Gehirnerschütterung und wahrscheinlich gebrochener Nase); ein russischer Staatsbürger, wohnhaft in Moskau, kletterte auf das Gebäude der regionalen Verwaltung und brachte die russische Flagge an.

(…)

Wir, russische Schriftsteller Charkows, sind ukrainische Bürger, und wir brauchen keinen militärischen Schutz aus einem anderen Staat. Wir wollen nicht, daß unter dem rhetorischen Deckmantel des Schutzes unserer Interessen Truppen eines anderen Staates in unsere Stadt und unser Land einrücken und das Leben unserer Familien und unserer Freunde gefährden. Alles was wir wollen ist in Ruhe und Frieden leben.

  • Anastasia Afanasjewa, Preisträgerin des „Russisches Preises“ und des  „LiteratuRRöntgen“, Shortlist  „Debut“-Preis
  • Dmitri Dedjulin, Dichter, Schriftsteller
  • Elena Donskaja, Schriftstellerin, Lehrerin
  • Inna Zacharowa, Lyrikerin, Menschenrechtlerin
  • Andrej Klimau, Schriftsteller
  • Swetlana Klimow, Autorin
  • Wladislaw Koltschigin, Dichter
  • Alexander Kotscharjan, Dichter
  • Andrej Krasnjastschich, Mitherausgeber der Literaturzeitschrift „©ojus Pisatelej“ (Schriftstellerbund), Shortlister Andrej-Bely-Preis, „Nonkonformismus“-Preis, O. Henry- und Daniil Charms-Preis, Long-Lister „Russischer Preis“ 
  • Alexandra Mkrtschjan, Longlist „Russischer Preis“ 
  • Kirill Nowikow, Dichter
  • Sergej Pankratow, Schriftsteller
  • Oleg Petrow, Dichter, Schriftsteller
  • Andrej Pitschachtschi, Schriftsteller, Künstler
  • Irina Skatschko, Dichterin, Journalistin
  • Juri Solomko, Shortlister „LiteratuRRöntgen“, Longlister „Debüt-“ und „Russischer Preis“
  • Tatjana Poloshij, Dichterin
  • Juri Zaplin, Mitherausgeber der Literaturzeitschrift „©ojus Pisatelej“ (Schriftstellerbund),  Gewinner beim Festival der zeitgenössischen Kunst „Kulturelle Helden — 2002“
  • Swetlana Schewtschuk, Schriftstellerin
  • Wiktor Schepelew, Programmierer, Schriftsteller
  • Wladimir Jaskow, Dichter, Übersetzer

Письмо-обращение русскоязычных писателей и поэтов из Харькова. Просят распространить через СМИ. Если у кого есть возможность – посодействуйте:

1 марта Совет Федерации России поддержал обращение президента РФ принять исчерпывающие меры по защите русских в Украине, вплоть до введения на её территорию российских Вооружённых Сил. В этот же день в областных центрах востока Украины прошли инспирированные городскими властями пророссийские митинги. В Харькове участники митинга, и среди них привезённые в автобусах с российскими номерами (http://www.mediaport.ua/shturm-obladministracii-v-harkove), штурмом взяли здание областной администрации, в котором находились сторонники Евромайдана, избили их, в том числе известного писателя Сергея Жадана (он попал в больницу, с рассечением головы, сотрясением мозга и подозрением на перелом носа); гражданин России, житель Москвы, забравшись на здание обладминистрации, установил на нём российский флаг.
Официально Совет Федерации руководствуется якобы фактом многочисленных заявлений об ущемлении прав русских в Украине. Если таковые заявления существуют, они должны быть обнародованы и каждое досконально изучено.
Мы, русские писатели Харькова, хотим, чтобы были услышаны и наши голоса: мы свободно, на работе и вне её, общаемся на русском языке, и с украинскими коллегами тоже. В любом случае дискутируемые вопросы языкового ли, национального ли характера не могут быть поводом к военной интервенции.
Мы, русские писатели Харькова, — граждане Украины, и нам не требуется военная защита со стороны другого государства. Мы не желаем, чтобы, прикрываясь риторикой о защите наших интересов, другое государство вводило свои войска в наш город и страну, подвергало опасности жизни наших родных и друзей. Всё, что нам нужно, — это мир и спокойная жизнь. И реальную угрозу этому несёт решение Совета Федерации России и военное вторжение.

Анастасия Афанасьева, лауреат «Русской премии» и премии «ЛитератуРРентген», шорт-листер премии «Дебют»
Дмитрий Дедюлин, поэт, писатель
Елена Донская, писатель, педагог
Инна Захарова, поэт, правозащитник
Андрей Климов, писатель
Светлана Климов, писатель
Владислав Колчигин, поэт
Александр Кочарян, поэт
Андрей Краснящих, соредактор литературного журнала «©оюз Писателей», шорт-листер Премии Андрея Белого, премий «Нонконформизм», им. О. Генри и им. Даниила Хармса, лонг-листер «Русской премии»
Александра Мкртчян, лонг-листер «Русской премии»
Кирилл Новиков, поэт
Сергей Панкратов, писатель
Олег Петров, поэт, писатель
Андрей Пичахчи, писатель, художник
Ирина Скачко, поэт, журналист
Юрий Соломко, шорт-листер премии «ЛитератуРРентген», лонг-листер премии «Дебют» и «Русской премии»
Татьяна Положий, поэт
Юрий Цаплин, соредактор литературного журнала «©оюз Писателей», лауреат республиканского фестиваля современного искусства «Культурные герои — 2002»
Светлана Шевчук, писатель
Виктор Шепелев, писатель, программист
Владимир Яськов, поэт, переводчик

8. NEW VOICES AWARD

Der internationale PEN hat den NEW VOICES AWARD ausgeschrieben, der vom deutschen PEN-Zentrum unterstützt wird. Eingereicht werden können entweder eine singuläre Prosaarbeit im Umfang von 2000 bis 4000 Wörtern oder lyrische Arbeiten (ein Einzelgedicht oder auch mehrere Gedichte) im Gesamtumfang von höchstens 2500 Wörtern.
Die teilnehmenden Autoren müssen älter als 17 und jünger als 30 Jahre sein.

Autoren, die bereits Bücher veröffentlicht haben oder während der Laufzeit der Ausschreibung ein Buch veröffentlichen, sind von der Teilnahme ausgeschlossen. Existierende Verträge für Publikationen nach der Preisverleihung Anfang Oktober 2014 sind davon nicht betroffen. Auch die Veröffentlichung von literarischen Arbeiten in Zeitschriften und Magazinen ist davon nicht betroffenen. Die für den NEW VOICES AWARD eingereichten Texte müssen zur Gänze unveröffentlicht sein und bis zur Preisverleihung unveröffentlicht bleiben.

Gedichte sollten in einzeiligem Abstand geschrieben sein, mit einer Angabe über die Gesamtzahl von Zeilen am Beginn der ersten Seite.

Prosatexte sollten in zweizeiligem Abstand eingereicht werden, mit einer Angabe über die Gesamtzahl der Worte am Beginn der ersten Seite.

Der Titel des Textes und der File-Name müssen identisch sein.

Alle Einreichungen müssen das Format .doc, .docx oder .rtf haben. PDFs werden nicht akzeptiert.

Eine vom Präsidium des deutschen PEN-Zentrums eingerichtete Jury wird aus allen rechtzeitig eingelangten und den Ausschreibungsbedingungen entsprechenden Texten jeweils den besten Text einer Autorin und eines Autors ermitteln. Diese beiden Texte werden von professionellen literarischen Übersetzern ins Englische, Französische und Spanische übertragen und bei der Jury des Internationalen PEN als die beiden Beiträge Deutschlands eingereicht werden. Von der internationalen Jury wird zuerst eine Longlist und danach eine Shortlist erstellt und veröffentlicht werden.

Die Nominierten der Shortlist werden zum Internationalen PEN-Kongress vom 27.9.- 4.10.2014 nach Bischkek/Kirgistan eingeladen. Dort werden deren Texte präsentiert und es wird die Gewinnerin oder der Gewinner des NEW VOICES AWARD bekannt gegeben. Der Sieger erhält 1000,- Dollar. Sein/ihr Text wird vom Internationalen PEN in mehreren Sprachen publiziert.

Einsendungen bis spätestens 16. März 2014 via E-Mail an das PEN-Zentrum Deutschland: info@pen-deutschland.de. Quelle

7. THESEN ZUR SACHE DES BARBAREN

FALSCHER AUSDRUCK. Eine vorbemerkliche Beobachtung für artige Leser.

Von Martin Holz

EIN PAAR GUT EINGEPASSTE JUGENDLICHE standen gewöhnlicht an einer BUA ALSO BUSHALTESTELLE SO NENNEN DIE DAS herum , rauchten kifften machten eine und noch eine, WAS SCHMEISSEN GEHT JA NICHT , NICHT SO DRAUßEN UND SO , .. also standen sie da abgestanden herum und beschmipfworteten in abwechslung ihre jeweiligen elternschaften: DEINE MUDDER und DEINE MUDDER , . .. eigentlicher erzählten sie wie SCHWEINERISCH SIE SICH GEGEN IHRE VORMUNDSCHAFT AUSSCHEISSWORTEN und DAS SIES DEN SCHON GEBEN DEN FOTZENFOTZEN , .. .. .. , es ging also wörtlich ziemlich mies zu, UNTERSTES HAUPTNIVEAU und ehrlich gesagt einfach: erbärmlich , . … und so unterst-erbärmlich wie das jugendlichte wurde mir klar, dass diese VOLLGESCHWEINTE DRECKSPRACHE DER AUFSTAND GEGEN DIE SAUBERE MEISTERPROPERSPRACHE DER ELTERN IST: nämlich totales ausdruckgebiet. Weiterlesen

6. Poetopie

gebeugt unterm Lachzwang, ironisch erledigt – wie schmerzt mich der Spaßüberfluss

Hansjürgen Bulkowski

5. Serhij Zhadan verletzt

Der ukrainische Schriftsteller Serhij Zhadan ist heute Mittag bei der Erstürmung der Gebietsverwaltung von Charkiw in der Ostukraine durch prorussische Kräfte schwer verletzten worden. Zhadan, der seit 1991 zu den prägenden Autoren der literarischen Szene Charkows zählt und dessen Werk auf Deutsch beim Suhrkamp Verlag vorliegt, kämpft seit Monaten gemeinsam mit der Opposition gegen die inzwischen abgesetzte ukrainische Regierung. Inzwischen liegt Shadan im Krankenhaus. / FAZ.net

4. Noch einmal: Lyrikpreis München

Andreas Heidtmann schreibt im Poetenladen über den Lyrikpreis München, Auszüge:

Das Feld der Finalisten war stark. Vielleicht reichte das Niveau an den Leonce-und Lena-Wett­bewerb heran. Ein Indiz dafür wäre, dass eine Reihe von Darm­städter Fina­listen in diesem und in den ver­gangenen Jahren auch beim Lyrikpreis München lasen, etwa Ale­xander Gumz, Sascha Kokot, Walter Fabian Schmid und Marie T. Martin. Und umge­kehrt las die Lyrikerin Sina Klein zuerst in München, ehe sie nach Darmstadt eingeladen wurde. Dass die teilnehmenden Open-Mike-Lyrik­preis­träger ohne Chance waren, zeugt nicht von schwachen Beiträgen, sondern von der Stärke der dichterischen Konkur­renz. (…)

Viel Zustimmung fand Kerstin Becker mit ihren ländlichen Szenen, die bäuer­liches Kolorit ein­banden, das Ernten von Kartoffeln (Erdäpfeln), das Verstecken in Milch­tonnen, das Spielen am Bach. Dass die Autorin das Ländliche so selbst­bewusst aufgriff, trug ihr viel Sympathie ein, zumal sie jedes Senti­ment ver­mied. Das Zerlegen von Ratten mit Rasierklingen oder das Ausnehmen eines Karpfens wirkte dem Idyl­lischen ent­gegen. (…)

Odile Kennels Texte waren vielleicht die avanciertesten des Abends, post­post­modern, souverän alle erdenk­lichen Ver­fahrens­weisen nutzend, kurze Formen wechsel­ten mit langen, Reim und Wortwitz, Speed­gedichte und sogar wörtliche Rede kamen vor, alles an Bord, aber bei so viel kunst­vollem Zauber durfte man am Ende auch die Frage stellen – wozu das alles? Egal, einen Preis hatte sie sich verdient. (…)

Birgit Kreipe hatte bereits im ersten Wahldurchgang die Mehrheit der Jury hinter sich. Ihr gelang mit dem Zyklus „nachts rücken die scheunen zusammen, werden zahm“ ein eigener poetischer Kosmos, in dem sie traumhafte, narrative und surreale Elemente ver­wob. Auch sprach­lich waren ihre Gedichte souve­rän von der Allite­ration bis zu hart kon­tras­tie­renden Elementen. Einer Über­poeti­sie­rung wirkte sie kühn mit Alltags­wendungen, ja, Vulga­rismen, entgegen wie etwa am Ende des sechsten Ge­dichts, wo zunächst mit „Marsh­mallow­knochen“ und „Vanille­schiffen“ eine gewisse klang­liche Anmut auf­kommt, ehe es unver­mittelt heißt: „fettsau wir hassen dich.“

3. American Life in Poetry: Column 459

BY TED KOOSER, U.S. POET LAUREATE

One of our first columns, published in 2005, had to do with a pair of high-heeled red shoes, and some trouble they brewed up, and now, at last, we have a pink pantsuit to go along with those dangerous pumps. This delightful poem is by Nancy Simpson, who lives in North Carolina.

Pink Pantsuit

It hangs around the wardrobe
for days, dull,
or reclines in the hamper

like a flattened flamingo.
I wash it in soft water.
I give it new life, and what thanks?

It walks out the door with my legs,
through the gate,
headed straight for the racetrack.

American Life in Poetry is made possible by The Poetry Foundation (www.poetryfoundation.org), publisher of Poetry magazine. It is also supported by the Department of English at the University of Nebraska-Lincoln. Poem copyright ©2010 by Nancy Simpson from her most recent book of poems, Living Above the Frost Line, Carolina Wren Press, 2010. Poem reprinted by permission of Nancy Simpson and the publisher. Introduction copyright © 2014 by The Poetry Foundation. The introduction’s author, Ted Kooser, served as United States Poet Laureate Consultant in Poetry to the Library of Congress from 2004-2006. We do not accept unsolicited manuscripts.

2. Ruhm

Im März machen wir mit einem Gedicht von Ulrike Almut Sandig einen Abstecher in das Bach-Museum Leipzig und stellen die Frage: „Ruhm – Wer bestimmt, was bleibt?“ / lyrix

1. Gegen Depression

Wenn wirklich ein depressiver Leser meine Gedichte liest, dann fühlt der sich bestimmt besser in seiner Depression. Man bekommt dann eine Art Alibi.

Günter Kunert im Gespräch mit der Nordwest-Zeitung. Der Autor feiert am 6. März seinen 85. Geburtstag

(Die Zahl seiner Leser, Mitteilung an die Herren Eich & Samson, beziffert er im Gespräch auf 2)

106. Zeitschriftenschau

Zwei Schnipsel aus und eine kleine Beobachtung zu der Zeitschriftenschau von Michael Braun:

Über „schreibkraft“:

Es handelt sich um einen – wie fast immer bei Ann Cotten – sehr asso­ziativen, sehr kryptischen Essay über einige Prota­gonisten der Berliner Lyrik-Szene. Und neben vielen un­ver­ständ­li­chen Pas­sagen of­feriert der Text auch einige auf­schluss­reiche Blitz­lichter, etwa die Behaup­tung, dass „die Iden­tität von kra­kee­lendem Witz und mystischer Er­leuchtung“ zu den Funda­menten philo­so­phisch in­spi­rier­ter Dich­tung gehöre.

Und über „Still“:

Eine ganz ausge­zeich­nete Neu­grün­dung ist „Still“, das sehr edel gestal­tete „Magazin für junge Lite­ratur und Foto­grafie“, das soeben die zweite Aus­gabe vor­gelegt hat. Das sehr auf­wändig pro­du­zierte Heft ist durch so­ge­nann­tes crowd­funding finan­ziert worden und man kann nur hoffen, dass die Unter­stützer dem Projekt die Treue hal­ten.

Und die Beobachtung:

Rundum lobende Ausdrücke bei Michael Braun sind: edel, magisch, faszinierend, fabelhaft, zuverlässig, antisystematisch, unabhängig, elegant, Glanzstück, Inkorrektheit, Kulturmenschen, ästhetischer Sachverstand, Zentralorgan.

Eher pejorativ dagegen: erhitzt, unverständlich, grassierend, inflationierend, Autoren mittleren Zuschnitts, aktualitätshungrig, Korrektheitsethos, Wucherungen der Internet-Sphäre.

Besprochen werden

Schreibheft. No 82
Rigodon Verlag, Nieberdingstraße 18, 45147 Essen. 180 Seiten, 13 Euro.

Merkur, H. 1 und 2 (2014)
Mommsenstr. 27, 10629 Berlin. Klett-Cotta Verlag, 96 Seiten, 12 Euro.

Edit, No 63
Gerichtsweg 28, 04103 Leipzig, 106 Seiten, 5 Euro.

schreibkraft, No 25
c/o Werner Schandor, Postfach 96, A-8011 Graz. 86 Seiten, 6 Euro.

Still, Heft 2
Sprengelstraße 6, 13353 Berlin. 86 Seiten, 12 Euro.

105. 1-100

Ein Zahlengedicht von 1969 drängt in meine Anthologie und birgt im Moment und im Nu meine Antwort auf alle und alles.

Charles Bernstein: 1-100, 1969, (3:00)

 Hier gibts mehr davon.

104. Borchers

Als die Lyrikerin Elisabeth Borchers, 1927 in Homburg geboren, mit ihrem Gedicht „eia wasser regnet schlaf“ 1960 die literarische Bühne betrat, verursachte die Zeitungsveröffentlichung einen Skandal. Der traumwandlerische, surreale Ton stieß etliche Leser vor den Kopf. Von „Verdummung“ war die Rede, und auch von „entarteter Kunst“. Heute ist das schwer zu verstehen: Denn still sind Borchers’ Gedichte ihrem Wesen nach und sprechen, so farbig sie auch sein mögen, eine leise Sprache. / Dierk Wolters, Frankfurter Neue Presse

103. Feingeist

„Eine Absage zerknüllend / trete ich in meine Rolle zurück / in den Schatten mich umgebender Hochhäuser”. Das sind die Worte von Chen Cao, einem Oberinspektor der Shanghaier Polizei. Chen ist die Hauptfigur in Qiu Xiaolongs Krimireihe – kein Held, kein Außenseiter, kein Genie. Aber ein Lyriker. Ein Feingeist. Ein sehr ungewöhnlicher Charakter für asiatische Krimis.

/ Ein Lyriker, der Mördern nachstellt | DerWesten 

 

102. Total translation

In den erhitzten Diskursen über die zeitgenössische Lyrik* werden die magi­schen Quel­len der Dich­tung oft ver­gessen – als da sind: der Schama­nis­mus, die ani­mis­tische An­rufung, der Be­schwörungs­zau­ber. An ihrer archa­ischen Quel­le ist die Dich­tung Gesang und das „Geheul“ des Priesters und Heilers. In dieser frühen kulti­schen Praxis sind die Seele und die Dinge noch nicht von­ein­ander ge­trennt, die Materie, die Tiere, Pflanzen und Menschen sind in­einander ver­wandel­bar. In diese Sphäre des Unge­schie­denen führen uns seit einiger Zeit die Dich­tungs­kon­zepte einiger ame­ri­kani­scher Dichter, die das Mysti­sche und das Biolo­gische in einer poeti­schen Sym­biose vereinigen wollen. An diese schama­nis­tische Vor­stel­lung knüpfen auch die Gesänge der Navajo-Indianer an, denen der jüdisch-ameri­kani­sche Dichter und Ethno-Poet Jerome Rothen­berg eine „Total-Über­setzung“, eine „Total Trans­lation“ ge­wid­met hat. Die aktuel­le Ausgabe, die Nummer 82 der Lite­ratur­zeit­schrift „Schreib­heft“ gibt einen faszi­nie­renden Ein­blick in diese Welt der Sprach­ma­gie. Im Blick auf diese Gesänge darf man sich den Dichter als „ver­rückten Hund“ oder aber als „weißes Geister­pferd“ vor­stel­len. (…)

Im zweiten Teil seines Dossiers startet Norbert Lange eine nicht minder faszi­nie­rende Expe­dition zu den expe­rimen­tellen Polen-Gedichten Jerome Rothen­bergs, in denen dieser nach den Quellen einer „jüdischen lin­guis­tischen Praxis“ forscht – nicht um eine genuin jüdische Iden­tität zu finden, sondern „Identität zu be­zweifeln oder in Frage zu stellen“. Der histo­rische Flucht­punkt dieser Bemü­hungen ist eine Dichtung der Shoah, die Adornos Verdacht gegen eine Dichtung nach Auschwitz geradezu umkehrt: „kein Sinn“, heißt es bei Jerome Rothenberg, „nach Auschwitz / gibt es nur noch Poesie keine Hoffnung / keine andere Sprache für die Heilung“. / Michael Braun, Poetenladen

(Außerdem geht die Besprechung u.a. auf einen weiteren Höhepunkt des aktuellen „Schreibheft“ ein: „eine noch un­veröf­fent­lichte Szeno­graphie Inger Chris­tensens, einen drama­tischen Text mit dem Titel „Der Äther““.)

Schreibheft. No 82
Rigodon Verlag, Nieberdingstraße 18, 45147 Essen. 180 Seiten, 13 Euro.

*) O, 1 Woche nicht da und was verpaßt 😉

101. literaturlabor in der Lettrétage: Zuß und Ames suchen Streit / VII. Teil


Zuß und Ames suchen Streit
und begegnen sich in Berlin; in der Art in der ein Freistoßschütze dem Torwart begegnet; wer wer ist, ist egal, weil es wechselt. Es geht um Kollegialität, um Polemik, Poetik, um zwölf coole Arbeiter im Lyrikstandort Berlin, um Unzufriedenheit und andere Beweggründe und „Konsonanz ist nur ein Teil künstlerischen Schaffens; Dissonanz, Digression und Überraschung die anderen. Wir beobachten hier das Verfahren der Anreicherung neben forcierter Flapsigkeit […] und harte Zäsuren und weite Sprünge neben zarten Zoten.“

(Konstantin Ames: sTiL.e(ins) Art und Weltwaisen. S. 6f.)

Teil VII – Die Kommunikation der Literatur: Gesichtsschwitzer und zwölf coole Arbeiter (unrohe Störer), die dann doch vierzehn sind

Wenn Einzelkämpfer (Heinrich Heine, Friedrich Nietzsche, Kurt Tucholsky, Thomas Kling) oder Einzelkämpferinnen (Barbara Köhler, Renate Rasp, Helga M. Novak, Sarah Kirsch, Mascha Kaléko) antraten und antreten, ergab und ergibt es Sinn, diesen Personen Mut zu attestieren.

Mir kommt es schlicht bigott vor, wenn jemand verzweifelt versucht, einen anarchistischen Markenkern zu erhalten: durch gezielte Schüsse aus dem sicheren Dickicht nahender bürgerlicher Ehrbezeigungen heraus. Clever mag das sein, interessant ist es nicht. Wenn eine Angehörige einer literarischen Clique Kollegen plump anmacht, Dekadenz, Perversion, Dummheit, Protzerei unterstellend, dann sehe ich mich außerstande, diesem Tun Mut und poetologische Substanz zuzugestehen.

Es gibt diese besondere Neigung zur Niedertracht: Deutsch im Endstadium.

Wenn nicht mehr übers Gedicht im 39. Jahrhundert gemunkelt wird, coole Bandwürmer auch einen Existenzberechtigungsschein ausgestellt bekommen, wenn nicht mehr altklug-clevere Mitmenschen von einem Zuviel an Poesieproduktion unken, dann kann die Poesie und die Poetik des 21. Jahrhunderts in ihre konstruktive Phase übergehen. Dann ist die »innere Dreizehnjährigkeit« (Bernhard Pörksen) überwunden, dann sind die Möglichkeiten der Poesie als Kommunikationsspiel zu erproben.

Wenn irgendwer keine zwölf coolen Arbeiter kennt und loben kann, ist er ignorant. Allein in Berlin kenne ich zwölf coole Arbeiter. Da sind Tom Bresemann, Richard Duraj, Elke Erb und Christian Filips*, Mara Genschel, Catherine Hales, Ursula Krechel, Simone Kornappel, Norbert Lange, Georg Leß, Katharina Schultens*, Ulf Stolterfoht. Es sind auch Wunderkinder darunter, ich habe sie markiert, für den Fall, dass das Wunderkindhafte irgendwen interessiert. Wer jünger ist als 25 Jahre bei der Publikation seines Debüts, der galt in den Nullerjahren offenbar als Wunderkind, und heute wieder. – Mir ist das egal; was ist ein Wunderkind gegen einen coolen Arbeiter, hm? Eben. Das würden nur Stalinisten versuchen niederzumaulen, die alles nur regional betrachten können, die Pablisten. – Diese zwölf coolen Arbeiter, mit Brigitte Oleschinski und Ron Winkler sind es übrigens vierzehn (was vermag ein Abendmahl, so ein Cliquen-Dinner, gegen ein Sonett?) zeichnen sich durch vita activa im Sinne Hannah Arendts aus, und durch etwas, was man sich noch nicht vollends abgewöhnt hat, progressive Absicht zu nennen. Literaturpolitiker sprechen von Avantgarde; handkehrum von Retro-Avantgarde und deren Irrelevanz. Relevanter Realismus; handfeste Verse mitten aus dem Leben; Authentizität? Ihr und Eure redundanten PR-Shows!

Es gibt bereits Gründungsdokumente und Unabhängigkeitserklärungen. Es gibt ein Format der Polemik, das konstruktiv ist: die Anthologie, und zwar solche, die nicht bloß mitleidswürdige Beispiele ideologischer Onanie oder Auswüchse karrieristischer Egozentrik oder quietistische Leistungsschau sind (Selbst diese Anthologien enthalten noch Rohrkrepierer. Was ja klar ist.) Poesie- und Poetik-Anthologien aus den Jahren 2008 bis 2014, der Maxime ›intelligent werden, intelligent bleiben!‹ verpflichtet, wären zu untersuchen. Ein andermal mehr davon.

Zuß, ein Freund von Kunstkatalogen, Agrarministerbesuchen auf Agrarmessen; Analyst meiner Einkaufszettel, übrigens mit einer Wonne, als gingen nach heftigstem Drogenabusus die Drogen zur Neige. Schnee unter der Haut – bekanntes Gefühl. Aktionismus, schnell wechselnde Launen, dünkeldeutschländische Wahl schlechtester Substrate. Ach Zuß! Itzt kömmt er, tritt an mich heran, und erbittet den Vortrag eines Poems der Droste; er bettelt darum, er fleht und sieht mich dabei mit pferdsgroßen Augen eines totwundgeschossenen Pferds an – Ich willfahre ihm und lasse mich also vernehmen:

Das Spiegelbild

Schaust du mich an aus dem Kristall
Mit deiner Augen Nebelball,
Kometen gleich, die im Verbleichen;
Mit Zügen, worin wunderlich
Zwei Seelen wie Spione sich
Umschleichen, ja, dann flüstre ich:
Phantom, du bist nicht meinesgleichen!

Bist nur entschlüpft der Träume Hut,
Zu eisen mit das warme Blut,
Die dunkle Locke mir zu blassen;
Und dennoch, dämmerndes Gesicht,
Drin seltsam spielt ein Doppellicht,
Trätest du vor, ich weiß es nicht,
Würd ich dich lieben oder hassen?

Zu deiner Stirne Herrscherthron,
Wo die Gedanken leisten Fron
Wie Knechte, würd ich schüchtern blicken;
Doch von des Auges kaltem Glast,
Voll toten Lichts, gebrochen fast,
Gespenstig, würd, ein scheuer Gast,
Weit, weit ich meinen Schemel rücken.

Und was den Mund umspielt so lind,
So weich und hülflos wie ein Kind,
Das möchte in teure Hut ich bergen;
Und wieder, wenn er höhnend spielt,
Wie von gespanntem Bogen zielt,
Wenn leis es durch die Züge wühlt,
Dann möchte ich fliehen wie vor Schergen.

Es ist gewiß, du bist nicht Ich,
Ein fremdes Dasein, dem ich mich
Wie Moses nahe, unbeschuhet,
Voll Kräfte, die mir nicht bewußt,
Voll fremden Leides, fremder Lust;
Gnade mir Gott, wenn in der Brust
Mir schlummernd deine Seele ruhet!

Und dennoch fühl ich, wie verwandt,
Zu deinen Schauern mich gebannt,
Und Liebe muß der Furcht sich einen.
Ja, trätest aus Kristalles Rund,
Phantom, du lebend auf den Grund,
Nur leise zittern würd ich, und
Mich dünkt – ich würde um dich weinen!

(Ames öffnet die Augen. ZdW ist verschwunden. Er hebt einen angeschwitzten grünen Schein vom Boden auf.)

Zuß, du fieses Schwein! Komm zurück! Was soll ich mit diesem doofen 20-D-Mark-Schein!?

Vorhergehender Teil

Die Reihe „Zuß und Ames suchen Streit“ ist eine e-Polemik und Bestandteil des literaturlabors in der Lettrétage, gefördert vom Berliner Senat. Das Lettretagebuch ist hierbei als eine Art Fortsetzung des Raumes “Literaturhaus” mit digitalen Mitteln zu verstehen. Wir schließen auf, stellen die Biere kalt und sprechen offen miteinander. Beiträge herzlich willkommen!