Jörg Fauser
(* 16. Juli 1944, heute vor 80 Jahren, in Bad Schwalbach, Taunus; † 17. Juli 1987 in München)
Das Gewicht der Seele
Heute früh ein Brief aus Berlin.
Eine Freundin teilt mit, dass amerikanische
Wissenschaftler durch eine Wiegemethode
vor, während und nach dem Sterben
herausgefunden haben: beim
Überqueren des letzten Flusses
gehen dem Menschen 21 Gramm
Gewicht verloren,
das Gewicht,
nehme ich an,
der Seele.
Heute Abend ein Anruf, ein Freund
in London ist gestorben,
31 Jahre, Hirnschlag,
jetzt schon verwesender Leib
minus 21 Gramm Seele.
Die Stadt Wien wirst du nicht mehr
abbrennen sehen, Benny, und nicht
den Planeten Venus.
Wie hieß das letzte Mädchen?
War die Maschine gut geölt,
was war im letzten Glas?
Und wem galt dein letzter
Zorn?
Wog deine Seele diesen Leib
nicht mehr auf und zerschlug
dir das Hirn?
Ratlos sitzen deine Freunde vor den Frauen,
seltsam schmecken die Getränke, kälter
scheint die Erde.
Freudlos sitze ich diese Nacht über den Tasten
und verstehe doch nichts anderes
als mich an die 21 Gramm zu klammern,
die meine Finger schreiben machen
und meine Träume vorbereiten
auf den Tod.
Aus: Jörg Fauser, Ich habe große Städte gesehen. Die Gedichte. Mit einem Vorwort von Björn Kuhligk. Zürich: Diogenes, 2019, S. 276f
Lucía Sánchez Saornil
(* 13. September 1895 in Madrid; † 2. Juni 1970 in Valencia) war eine spanische Schriftstellerin und Anarchistin. Sie war eine der Gründerinnen der feministischen Organisation Mujeres Libres. https://de.wikipedia.org/wiki/Luc%C3%ADa_Sánchez_Saornil
Selbstporträt
Das Raffinierte am modernen Leben
raubt mir die Kraft, entflammt die Hysterie.
Und durch Verzweiflung, Tod, ewige Nebel
rollt mir mein Hirn hinab zum Ennui.
Die schwarzen Augen schweigen, suchen Ruh,
ein vages Lächeln um die welken Lippen ...,
in stiller Nacht erschrocken zitterst du,
sagst triste Verse auf, wie in solennen Riten.
In solcher Nacht, so still und kristallin,
erwarte ich den Tod, in weißen Betten,
– im Blut die Überdosis von Morphin –
die Perversionen, schlaue Raffinessen,
am Morgen findet mich die Morgenröte,
tot lieg ich da, im Maul die Opiumflöte.
Cádiz-San Fernando Nr. 99
30. Mai 1917
Aus dem Spanischen von Birgit Kirberg und Christian Filips, aus: Lucía Sánchez Saornil, Kopfüber Pyramiden. hochroth Berlin 2024, S. 4
AUTORRETRATO
Este refinamiento de la vida moderna,
arde mis energías en llamas de histerismo;
por la duda y la muerte en confusión eterna
rodará mi cerebro hasta el siniestro abismo...
Llevo quietos los ojos, negros y taciturnos,
una sonrisa vaga en los labios marchitos...,
en la calma medrosa de los negros nocturnos
recito versos tristes, solemnes como ritos.
Acaso en una noche, serena y cristalina,
en la albura del lecho esperaré a la Muerte
- la sangre envenenada de perlas de morfina -
en perversos placeres refinados y sabios,
y la nueva alborada sorprenderame inerte
con la pipa de opio en los rígidos labios.
Cádiz-San Fernando n.° 99
30 de mayo de 1917
Christine Lavant
(eigentlich Christine Habernig, geborene Thonhauser; * 4. Juli 1915 in Großedling bei St. Stefan im Lavanttal; † 7. Juni 1973 in Wolfsberg)
Trau der Mannschaft deines Seglers zu,
daß sie tüchtig aus der Trunkenheit
aufstehn könnte, jeder einzeln aufstehn,
jeder noch bis übers Kinn besoffen,
aber hingehn und das Seine tun!
Zwischen Sternen, die zum Teufel gingen,
ist es herrlich, selbst den Belzebuben
so im Leib zu haben wie die Kerle
deines gottverdammten Leichenkastens.
Glaubst du denn, der Wind trägt dich dorthin,
wo du hinwillst? – jeder Wind ist herrlich
und verwandt mit aller Teufelei!
Ach, für ihn bist du ein Taschenmesser,
das er einsteckt, ohne es zu merken,
wenn du durch und durch voll Vorsicht bist.
Deine Mannschaft, die du bündeln willst
und aus ihrem Rücken Riemen schneiden,
schnitzt für dich aus einer Erdnußschale
noch ein viel zu großes Rettungsboot.
Hau jetzt ab samt deiner Nüchternheit!
Dieses Schiff wird nie verständig werden –
melde oben bei dem Bootsverleiher,
daß wir brüllend und das Maul voll Suff
seine Sterne aus der Hölle holen.
Aus: Panorama moderner Lyrik deutschsprechender Länder. Von der Jahrhundertwende bis zur jüngsten Gegenwart. Herausgegeben von Wolfgang Hädecke und Ulf Miehe. Gütersloh: Sigbert Mohn, o.J. (1965), S. 381
Claus Bremer
(* 11. Juli 1924 in Hamburg; † 15. Mai 1996 in Forch)
Schreiben um – trotz Wirtschaftsdruck – offen zu halten. Seit 1966 kommentiere ich meine konkrete Poesie. Wie – beispielsweise – in diesem Essay. Ich führte den Kommentar des Autors als Bestandteil des Gedichts ein. Beispiel im Beispiel: Die Sitzende.

Naivität zu glauben, die Frau wird gelesen. Der Blickfang ist alles. Was hat die für Busen? Wer ist das? Seine Frau? Nichts von Gleichsetzung Form und Inhalt.
Dass hier Frau, Ganzheitsbezug, Nacktheit, Natur, mit der Unbesiegbarkeit der Revolution und ihrem Wiederaufstehen gleichgesetzt werden, kommt nicht zur Diskussion. Die Wirtschaft, die Werbung hat der Frau ihren Platz zugewiesen: die nackte Frau als Bassin der Kaufgelüste, als Köder an der Angel des Konsumzwangs. Wozu also die Mühe, und sich erlesen, was im Zweifelsfall von Wasserwerfern, Gummigeschossen, Tränengas etc. berichtigt wird.
Das Bild wird nicht mehr gelesen, das Wort nicht mehr gepackt, nicht mehr ins Verhältnis gesetzt. Das Wort entzieht sich. Bild und Wort sind Klischee geworden. Das heisst, Bild und Wort werden nur soweit aufgenommen, wie sie Klischee geworden sind, Computer-Nahrung, Objekte für den Taschenrechner. Beispiel: die stehende Taube (sie ist von meinen Tauben die bekannteste, hat Weltreisen in der Volière von Ausstellungen konkreter Poesie gemacht). Ein Blick: Taube, gut zu erkennen, sauber getippt. Die Frage nach der Bedeutung steht nicht zur Debatte. Für die einen ist Taube = Friedenstaube = kommunistisch angehaucht, für die anderen Heiliger Geist, was das auch immer heisst, jedenfalls christlich. Auch der Text, aus dem die Taube getippt ist, wird nicht gelesen. Die Werbung hat daran gewöhnt, dass Texte in Bildform das im Bild Gesagte wiederholen.
Aus: Claus Bremer, Farbe bekennen. Mein Weg durch die konkrete Poesie. Ein Essay. Zürich: orte-Verlag, 1983, S. 46f.
Kommentar der Lyrikzeitung
Von Deutschlehrern würde ich mir wünschen, dass sie nicht versuchen zu interpretieren, sondern Sehen und Lesen ermutigen. Wenn man hinsieht, bemerkt man, dass in jeder Zeile ein einziges Wort steht, das unterschiedlich oft wiederholt wird, je nach Zeilenlänge bzw. Zeichnung vorn oder hinten abgeschnitten. . Vielleicht bemerkt man nach ein paar spielerischen Versuchen, dass die Wörter jeder Zeile von oben nach unten, wenn man sie nur einmal spricht, einen zusammenhängenden Text ergeben. Da der Scan nicht sehr deutlich lesbar ist, gebe ich die Wörter und Satzzeichen der Zeilen, aus denen das Bild besteht, hier je einmal untereinander:
Ordnung
herrscht
;
So
läuft
die
Meldung
der
Hüter
der
Ordnung
,
jedes
halbe
Jahrhundert
von
einem
Zentrum
des
weltgeschichtlichen
Kampfes
zum
andern
.
Ihr
stumpfen
Schergen
!
Eure
Ordnung
ist
auf
Sand
gebaut
.
Die
Revolution
wird
sich
morgen
schon
rasselnd
wieder
in
die
Höh
richten
und
zu
eurem
Schrecken
mit
Posaunenklang
verkünden
:
ich
war
,
ich
bin
,
ich
werde
sein
.

Erich Mühsam
(geboren am 6. April 1878 in Berlin; gestorben am 10. Juli 1934 im KZ Oranienburg)
PRODUKTION
Denk ich zurück an meine frühsten Wochen:
Ich sog an hochgeblähten Ammenbrüsten,
von guten Tanten liebevoll berochen,
die zahnlos schnalzend den Popo mir küßten.
Doch was ich dann in stiller Reflexion
in meiner Wiege Windeltuch verrichtet,
mich mühsam reckend mit gestrafften Beinen,
das ward – des Kindes ganze Produktion –
in Seifenzubern und an Wäscheleinen
hinweggespült, getrocknet und vernichtet...
Das Kind ward groß. – Das Unglück wollt's: es dichtet.
Nun stehn um mich die Hinzen und die Kunzen
und fühlen zum Bewundern sich verpflichtet, –
und warten: wird der Pegasus nicht brunzen?
Doch was sich dann in stiller Reflexion
herausgequält und aufs Papier ergossen,
das lassen sie in hohlen Schädelfässern
verschmalzen, dann vertrocknen und verwässern, –
und meinen dabei: So wird Kunst genossen. – –
Mensch, hüte dich vor jeder Produktion!
Aus: ERICH MÜHSAM: AUSWAHL. Gedichte • Drama • Prosa. Mit einem Nachruf von Erich Weinert. Berlin: Volk und Welt, 1961, S. 72
Handschrift, Original und Übersetzung eines Gedichts des ukrainischen Dichters Wassyl Stus, der 1985 in einem sowjetischen Straflager starb und dessen Haft nicht einmal durch seinen Tod verbüßt war.


Aus: Versensporn 51: Wassyl Stus. Jena: Edition Poesie schmeckt gut, 2022 (Nur in einem Faltblatt, das dem Heft in den Exemplaren für Abonnenten der Reihe beigelegt war.)
Franz Fühmann
(* 15. Januar 1922 in Rokytnice nad Jizerou, Tschechoslowakei; † 8. Juli 1984, heute vor 40 Jahren, in Ost-Berlin)
Zum ersten Mal im Theater
O aller Verzauberungen
erste große Gewalt:
Im Mäander der Masken und Mythen
das Kind, zehn Jahre alt,
inmitten des schönen Spektakels
ein Schaum auf der Woge, die rauscht;
o Worte, die klagten und stiegen,
wie habe ich ihnen gelauscht!
Atemlos, mit hämmerndem Herzen
bei Bajazzo und bei Peer Gynt,
Mutter Aase verstorben vorm Schloßtor,
ach, Nächte weit weinte das Kind,
und der Wein, der Wein war verschüttet,
und wie schauerte mich, daß er rann
aus Jagos weißen Händen,
da des Mohren Tod er ersann;
und mördrisch vor die Pförtnerloge
der edle Macbeth kam herein,
über ihm, im unsichtbaren Chore,
hörte man die Hexen schrein,
und Lear trat auf, der Narrvater
auf der Heide, sturmumsaust –
so war dieses dunkle Theater
von Tränen und Toten behaust.
Ach die Tode, die mich trafen,
die Tränen, die ich trank,
diese Verzauberungen,
darinnen ich versank,
und als die Tränke mir stiegen
gewaltig vors Gesicht:
Leertrinken oder versinken,
ein Drittes gibt es nicht!
Da wußt ich: Die Tränen und Tode
zu zeichnen, ist dir bestimmt,
bestimmt, an den Tag zu zerren,
was im Dunkel das Herz dir grimmt;
wenn auch dein Herz daran blute
und es süßer wäre, stumm zu ruhn,
hast du im Taumel der Tage
eine Pflicht zu tun:
In das Dunkel zu sehen,
wenn es den Nachbarn bedroht,
deine Worte zu setzen
wider Fron und Tod,
immer für die Gefährten
Bajazzo, Othello, Peer Gynt
hier auf dieser unserer Erden,
wo sie waren, wo wir sind.
Richard Anders
(* 25. April 1928 in Ortelsburg, Ostpreußen; † 24. Juni 2012 in Berlin)
Illusion Das Martinshorn bringt mir die Straße ins Zimmer Ich halte mitten in der Zeile an und lasse Blaulicht an meiner Poesie vorbei So nähre ich die Illusion sie nütze etwas wenn es irgendwo brennt
Aus: Richard Anders, Über die Stadtautobahn und andere Gedichte. Berlin: Oberbaum, 1985, S. 9
Im neuen Heft der Zeitschrift „Sinn und Form“ Gedichte Alexander Gelmans, den ich nur als sowjetischen Dramatiker kannte, sowie von drei Autoren, die mir bisher unbekannt waren: dem israelischen Dichter Mati Shemoelof, der Litauerin Jurgita Jasponytė und der Deutschen Dora Lent. „Dora Lent, 1897-1989, deutsche Lyrikerin“. Walter Höllerer veröffentlichte 1989 ein paar Gedichte in der Zeitschrift „Akzente“, das Heft erschien erst nach ihrem Tod. Wolfgang Matz schreibt eine biografische Einleitung zu 17 Gedichten von ihr. Wir erfahren, dass sie ihr Leben lang geschrieben hat – und dass das Unverständnis ihres Ehemanns eine schwere Lebenskrise auslöste. Hier zwei Gedichte.
Dora Lent
(* 11. April 1897 Brandenburg, † 14. Oktober 1989 in Langenhagen bei Hannover)
DER GEIST sich selbst
im Spiegel fand
und zweifelt nun
am Gegenstand.
Die Liebe aber
ist gespannt
durch zweier Pole
Widerstand.
So prägt der Geist
in seinem Sinn
das Wort: ich denke
also BIN.
Die Liebe schöpft
aus ihrem Zwist
das Wort: ich liebe,
also BIST.
ZUSAMMENBRECHEND
im freien Fall
wird die Wolke Gewicht –
ausbrechend
im Überschwall
wird das Ich Gesicht –
einschwingend
in den Drehimpuls
wird das Wort Gedicht.
Aus: Sinn und Form 4/2024, S. 514f und 518.
Alexander Gelman
(russisch Алекса́ндр Исаа́кович Ге́льман; * 25. Oktober 1933 in Donduşeni, damals Königreich Rumänien, 1940 von der Sowjetunion besetzt, heute Republik Moldau)
Alexander Gelman ist ein russischer Schriftsteller. 1940 wurde Bessarabien an die Sowjetunion angeschlossen. Nach dem Überfall auf die Sowjetunion kam er mit seiner Familie in das Getto Berschad (Ukraine). Die meisten Familienangehörigen überlebten die Verfolgungen nicht. Erst nach dem Krieg konnte das Kind Lesen und Schreiben lernen. Seine Stücke wurden auch in der DDR viel gespielt.
WÄREN WIR unsterblich,
ließe er sich womöglich rechtfertigen,
dieser unsterbliche Haß auf uns,
aber wir sterben ganz genauso wie ihr,
alle sind wir auf dieser Welt nur auf Dienstreise.
Womöglich meint ihr ja,
wir würden euch täuschen,
würden so tun, als wären wir tot,
würden uns nachts aus den Gräbern schaffen
und zum Himmel fliegen.
Tja, gelungen ist das einem einzigen Juden,
und der wurde zu eurem Gott.
Aus dem Russischen von Rosemarie Tietze, aus: Sinn und Form 4/2024, S. 450
Melchior Vischer
(* 7. Januar 1895 in Teplitz-Schönau; † 21. April 1975 in Berlin)
Heimlicher Wendekreis
Am Abend
Trägt sich der Mensch
Müde vom Tage
Gleichsam zu Grabe.
Wäre er ein Gott,
Schliefe auf ewig er ein.
Da er nur Mensch,
Muß wieder ein Morgen sein:
Glücklos, glückvoll,
Immer allein.
Wenn dann die Nacht in den Morgen geht,
Und ein südlicher Wind
Durch das Fenster weht,
Wird das fleischliche Gehäuse
Plötzlich wach –
Laut klopft das Herz
Und alles fällt ihm ein:
Der Seele Not,
Das feile Brot,
Dies kirre Sein,
Ein wirsches Nein.
Jetzt kommt ein Sonnenstrahl daher,
Jung, nicht schwer.
Das laute Herz versinkt immer mehr
In des Leibes Muskelmeer.
Und der Schlag wird nun lind:
Man schläft ein wie ein Kind.
Aus: Melchior Vischer: Muss wieder ein Morgen sein. Gedichte 1930-1960. Mit einem Nachwort von Jürgen Serke. Wien, Darmstadt: Paul Zsolnay, 1989, S. 11f.
Ein Friedrich Hölderlin gewidmetes Gedicht des katalanischen Dichters Joan Vinyoli zu dessen 110. Geburtstag.
Joan Vinyoli i Pladevall
(* 3. Juli 1914 in Barcelona; † 30. November 1984 ebenda)
Hölderlin
Manchmal bezaubert mich noch
des rauhen Gipfels
klare Kontur,
abgehoben gegen des Himmels
diamantenes Licht.
An einer Stätte aber
voll Unterholz und Gestrüpp
wärmt mich mit schrägem Strahl
bereits die Nachmittagssonne.
Alten Marmor verwuchern
die dichter werdenden Schatten;
schon gänzlich abgeschieden
von den fröhlichen Wanderern, höre
ich die Oktoberblätter:
Sie fallen langsam und rot,
und grüner Eteu
wird gelb an der Mauer
meines undurchdringlichen Schweigens.
(1981)
Dem Katalanischen nachgedichtet von Uwe Grüning, aus: Ein Spiel von Spiegeln. Katalanische Lyrik des 20. Jahrhunderts. Katalanisch und deutsch. Hrsg. Tilbert Stegmann. Leipzig: Reclam, 1987, S. 121
Hölderlin
M'exalta de vegades
encara el net perfil
de la muntanya esquerpa
retallat contra el cel
de llum diamantina.
Però estic en un lloc
de bardissar i malesa
i ja el sol de la tarda
m'escalfa de biaix.
Vell marbre escrostonat
en l'ombriva espessor
apartat ja del tot
dels vianants alegres,
sento les fulles caure
d'octubre, lentament,
roges, i l'heura verda
tornar-se groga al mur
del meu opac silenci.
Ebd. S. 120
Heute vor 300 Jahren wurde Friedrich Georg Klopstock geboren. Man kennt die ungeheure Wirkung, die der Dichter auf die Zeitgenossen hatte, berühmt die Szene in Goethes „Leiden des jungen Werther“, als die jungen Leute nach einem Gewitter am Fenster stehen und mit dem Losungswort „Klopstock“ eine Andeutung von gefühlsmäßiger Nähe erscheint:
Wir traten ans Fenster. Es donnerte abseitwärts, und der herrliche Regen säuselte auf das Land, und der erqickendste Wohlgeruch stieg in aller Fülle einer warmen Luft zu uns auf. Sie stand, auf ihren Ellenbogen gestützt, ihr Blick durchdrang die Gegend, sie sah gen Himmel und auf mich, ich sah ihr Auge tränenvoll, sie legte die Hand auf die meinige und sagte – Klopstock! – Ich erinnerte mich sogleich der herrlichen Ode, die ihr in Gedanken lag, und versank in dem Strome von Empfindungen, den sie in dieser Losung über mich ausgoß. Ich ertrug’s nicht, neigte mich auf ihre Hand und küßte sie unter den wonnevollsten Tränen. Und sah nach ihrem Auge wieder –
Stark war auch die Wirkung auf viele spätere Schriftsteller, Friedrich Hölderlin, Johannes Bobrowski, Arno Schmidt, Volker Braun, Peter Rühmkorf … Heute wird er vielleicht weniger gelesen und rezipiert, aber wer weiß.
Zum Jubiläum habe ich ein Gedicht ausgesucht, das Klopstocks Enttäuschung von der Französischen Revolution ausdrückt, die er anfangs begeistert aufgenommen hatte. Darin sprechen zwei Nordamerikaner – also aus der Nation, die vielen als die fortschrittlichste und zukunftweisende galt, über ihre Enttäuschung von den „Franken“, also den Franzosen, die Freyheit versprachen, aber nicht hielten und statt dessen ungeheure Schrecken verbreiteten.
Metrisch ist es eine halbe Elegie, wie man schon an der Einrückung der geraden Zeilen erkennt. Die ungeraden Zeilen sind Hexameter, die geraden aber nicht wie beim elegischen Versmaß Pentameter, sondern Kurzverse, Halbverse mit unterschiedlicher Silbenzahl und Metrik. Keine Elegie, Elegie ist gemäßigt und reflektiert. Das gelingt nicht. Ich nenne es mal etwas hemdsärmlig eine abrutschende Rhapsodie, der nur noch erinnerte rhapsodische Aufschwung früherer Zeit stürzt immer wieder ab.
Zwey Nordamerikaner
Nichts von dem, was der Franke des Guten verhieß, und des Edlen,
Nichts von Allem diesen geschah;
Wie es auch mit entzückendem Ton die Beredtsamkeit aussprach,
Und die Begeistrung es hob.
Aber alles geschah, was je die stärksten der Worte
Schreckliches nanten, oder was nie
Selbst der Sprachen redendste nicht zu nennen vermöchte,
Alles, alles dieses geschah!
Und je schwärzer es war, je grausender, ungeheurer,
Desto öfter geschah's.
Ha was wählest du dir, dich zu trösten? blutige Thränen?
Oder der Franken ewigen Haß?
»Nein, die Thräne nicht, und nicht den Haß. Ich verachte
Jeden, der rasen die Rasenden ließ.«
Aber fluchest du nicht den Rasenden? »Wer zum Steine
Wurde, verstumt.«
Hätt' ich euch nur nicht gerührt, ihr Saiten, die von der vertilgten
Freyheit sangen, und gleich
Tönten dem ernsten klagenden Bach, der mit der Zipresse
Neben Begrabenen rauscht.
Denn ihr strebtet umsonst den tiefgetrofnen zu heilen;
Risset die Wunde nur auf.
Wer an dem Frühlingsmorgen der neugeborenen Freyheit
Meine Freuden empfand,
Der allein, und kein anderer fühlt den innigen Schmerz auch,
Welcher jetzo die Seele mir trübt.
O vergäß' ich auf immer! Denn Linderung wird mir, so lang mich
Kühlet ein Trunk aus Lethe geschöpft.
Quelle:
Friedrich Gottlieb Klopstock: Oden, Band 2, Leipzig 1798, S. 222-224.
Permalink:
http://www.zeno.org/nid/20005175054
Ausgewählt nach und in der Textgestalt verglichen mit: Klopstock, Der Schoosshund. Auswahl aus den Oden. Poetische Bögen. Leipzig, Berlin, Frankfurt am Main 1997, S. 21f
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