Heute vor 250 Jahren wurde Caspar David Friedrich in Greifswald geboren. Der berühmte Künstler hat auch geschrieben, Briefe, Aufsätze, ein paar Gedichte und Gebete, ohne Kunstanspruch. Eine kritische Ausgabe sämtlicher Texte ist gerade einmal angekündigt. Bezeichnend finde ich auch, dass die vielleicht noch lieferbare kommentierte Ausgabe der Briefe (sie erschien 2005) nicht von einem Kunst- oder Literaturwissenschaftler gemacht wurde, sondern von dem bekannten DEFA-Filmregisseur Hermann Zschoche (Sieben Sommersprossen, Und nächstes Jahr am Balaton, Insel der Schwäne, Glück im Hinterhaus etc.).
Aus dieser Briefausgabe ist folgendes Gedicht, das er offenbar im Auftrag einer Briefpartnerin schrieb.
An / die Frau Gehei[m]-Rath [Amalie von] Beulwitz / hoch wohlgebohren / in / Rudolstadt / durch Güte
Ein Wesen wohnt in meinem Innern
Was immer himmel an mich hebt
Hoch über Erd und Weltgetümmel
Nur immer nach dem Lichte strebt.
Mit ganzem Herzen, Seele, Sinn und Leben
Jesum Christum ist ergeben.
_____________
Ein Wollen wohnt in meinem Busen
Was fest mich an der Erde bannt,
Mich fest in Sünden hält gefangen
Nur immer an den Irdschen hangt.
Dann ist mein Thun mein ganzes Leben
Eitel Thorheit eitles Streben.
_____________
So schwank ich zwischen Gut und Bösen
Gleich einem Rohr vom Wind bewegt.
Bald heb ich mich zum Licht empor,
Bald sink ich in des Abgrunds Tiefen;
So wies im Herzen from sich regt
Wie sichs im Busen wild bewegt.
_____________
u s w.
_____________
Sie haben gütige Frau Geheim-Räthin diese Reimerei von mir verlangt. Den drei virtelsten Theil Ihres Wunsches erhalten Sie, das vierte Virtel als das Schlegste vom Schlegsten behalte ich zu rück. Sie werden sich gefälligst mit dem u s w begnügen.
Empfehlen Sie mich dem Herrn Geheim Rath und Ihren Kindern.
Friderich
(1810/11)
Aus: CASPAR DAVID FRIEDRICH. Die Briefe. Herausgegeben und kommentiert von Herrmann Zschoche. Hamburg: Conference Point, 2005, S. 74.

Immerhin gibt es schon eine Auswahl:
Johannes Grave, Petra Kuhlmann-Hodick und Johannes Rößler (Hrsg.): „Caspar David Friedrich – Die Kunst als Mittelpunkt der Welt – Ausgewählte Schriften und Briefe“, C. H. Beck, 192 Seiten, 20 Euro. E-Book: 9,99 Euro.
Nachtrag
In der genannten Auswahlausgabe von C.H. Beck findet sich eine geringfügig bearbeitete Fassung dieses Briefgedichts – mit der vierten Strophe, die er im Brief ausgespart, aber doch aufgehoben hat. Hier ist sie.
Wo ist die Wahl, wo der Wille,
Was Menschen überm Tier erhebt?
Such nicht: Dir sei nicht Kraft geworden.
Vergrab nur nicht das dir vertraute Pfund!
Der führt gewiss ein gottgefällig Leben,
Wer da gebraucht, was ihm gegeben.
Vicent Andrés Estellés
(* 4. September 1924, heute vor 100 Jahren, in Burjassot; † 27. März 1993 in Valencia)
Der Liebende
II
An meines Daseins Neige, gerade
im bittersten, grausamsten Augenblick,
erscheinst du in einem luftigen Kleid,
und ich liebe nur einen Schluck Leben in dir.
Du plauderst, du sagst alltägliche, unbekümmerte Dinge;
und wiederum werde ich heiter wie einst,
jedoch in anderer Weise.
Deine Augen liebe ich, und ich liebe dein Haar,
und ich streichle mit ungelenker Hand deine Brust.
Du, über mir, lächelst und verstehst viel zuviel.
Und jeden meiner Finger hast du einzeln geküßt.
Und du hast jäh
meinen Schmerz erkannt und auch meine Einsamkeit.
Deutsch von Uwe Grüning, aus: Ein Spiel von Spiegeln. Katalanische Lyrik des 20. Jahrhunderts. Mit 7 Farbzeichnungen und 3 Collagen von Antoni Tàpies. Katalanisch und deutsch. Leipzig: Reclam, 1987, S. 159
L'amant
II
Al capdavall de la meua existència,
just al moment més amarg i cruel,
arribes tu, amb un vestit lleuger,
i estime, en tu, només, un glop de vida.
Parles, i dius coses banals i alegres,
i torne a ser l'home alegre que vaig
ésser un temps, però d'altra manera.
T'estime els ulls i t'estime els cabells,
i amb balba mà t'acaricie el pit.
Tu, dalt, somrius i comprens massa coses.
I m'has besat, un per un, tots els dits.
Tu has comprés, només en un instant,
el meu dolor, la meua soledat.
(1977)
Vicent Andrés Estellés war ein valencianischer Journalist, Schriftsteller und Dichter, der hauptsächlich auf Katalanisch schrieb. Er gilt als großer Erneuerer der zeitgenössischen valencianischen Literatur und als der bedeutendste Dichter der valencianischen Poesie seit Ausiàs March und Joan Roís de Corella. https://de.wikipedia.org/wiki/Vicent_Andrés_Estellés
Dem heutigen Autor hat es die Grammatik zerdeppert, und er hat sie sich andersrum wieder zusammengesetzt.
Edward Estlin Cummings (oder e.e. cummings)
(* 14. Oktober 1894 in Cambridge; Massachusetts; † 3. September 1962, heute vor 62 Jahren, in North Conway, New Hampshire)
may i be gay
like every lark
who lifts his life
from all the dark
who wings his why
beyond because
and sings an if
of day to yes
wär ich so froh
wie eine lerche lebt
die leicht den leib
aus allem dunkel hebt
schwingt ihr warum
weit hinters weil
und singt ein falls
von tag zu ja
Aus: E. E. Cummings: 39 Alphabetisch, ausgewählt und übersetzt von Mirko Bonné. Urs Engeler Editor, 2001 (Sammlung Urs Engeler Editor Band 14), wiederholt als Band 5 in der Reihe der Backlist, Urs Engeler 2020, S. 48 und 75 (Viel Glück beim Suchen – der Anordnung und Seitennummerierung in diesem Buch ist dasselbe passiert wie der Grammatik des Autors.)
Heute zwei zeitgenössischen Wolkengedichte.
Elke Heinemann
Aus: Gewölk
XII
gerade noch eine kleine öffnung ein einstieg ins all noch
nicht aber ein freiraum umrahmt von lockerem grauweiß
das alles andere bedeckt sich dann verschiebt zerfasert
andere freiräume aufdeckt die rasch mehr und mehr raum
nehmen bis lichtes grau aus ihnen selbst hervordringt sich
ausweitet sich aufteilt in riesenflocken rasch so als würde
die zeit vorgespult davonzieht und freiräume hinterläßt
XV
und wenn da nichts ist außer dem tiefblauen blau aber ist
da nichts außer dem tiefblauen blau oder ist da doch et
was außer dem tiefblauen blau diesem allgegenwärtigen
tiefblauen blau das sich vielleicht ein wenig ausdünnt in
der ferne das sich vielleicht ein wenig aufhellt in der ferne
das nicht mehr tiefblau ist in der ferne das ein mittelblaues
blau ist ein hellblaues blau bis es sich dem weiß ergibt
Aus: Sinn und Form 5/2023, S. 617f.
1940 erschien in einem Hamburger Verlag ein seltsam unpolitisches Gedicht, das an den Beginn des Krieges wenige Monate zuvor, am 1. September 1939, heute vor 85 Jahren, erinnert. Das Wort Krieg kommt darin gar nicht vor, dafür aber, nur dürftig im Reimwort versteckt, der frühe Tod: Heldentod (siehe Bildpostkarte nach dem Lied von Wilhelm Hauff).
Wolfgang Frank
(* 12. Juni 1909 in Lübeck; † 19. Juli 1980 ebenda)
Abschied
(1. September 1939)
Noch einmal jetzt gekostet
den süßen, heißen Trunk der Welt!
Noch einmal jetzt getoastet
auf das, was steht und das, was fällt.
Reicht mir die letzte Schale!
Gib deinen Mund! Die Nacht ist lang –
Gib mir zum letzten Male
den innigsten Zusammenklang.
Für wen willst du dich sparen?!
Dein künftiger Mann ist morgen tot.
Schon schmettern jubelnde Fanfaren
das alte Lied vom Morgenrot...
Die Welt ist ganz von Sinnen;
ihr hilft kein Mensch, kein Gott!
So laßt uns denn beginnen:
Wir legen sie in Schutt und Schrott.
Und wolltest du mich fragen:
Warum? Mein Gott, warum?!
Ich kann dir's auch nicht sagen!
Das Schwert ist immer blind und stumm
Der alte Gott da droben
brach uns den Stab.
Ich will das Leben loben,
solange ich’s hab.
Will Sonn' und Wolken schauen,
soviel ich kann.
Auch über Trümmern blauen
die Himmel dann und wann.
Drum einmal noch gekostet
den süßen, heißen Trunk der Welt!
Zum letzten Mal getoastet
auf das, was steht und das, was fällt!
Aus: Wolfgang Frank, Gedichte aus zehn Jahren. Hamburg: Hans Köhler, 1940, S. 62f

Heute nur zwei Strophen aus Goethes Gedicht „Zu Howards Ehrengedächtnis“. Eingeleitet aber von einer kleinen Auswahl von Goethes Wolkenbeschreibungen in Prosa – drei vor und zwei nach seiner Lektüre des Engländers Howard.
Einmal versammeln die Berge ungeheure Wolkenmassen um sich her, halten sie fest und starr wie zweite Gipfel über sich, bis sie, durch innern Kampf elektrischer Kräfte bestimmt, als Gewitter, Nebel und Regen niedergehen, sodann wirkt auf den Überrest die elastische Luft, welche nun wieder mehr Wasser zu fassen, aufzulösen und zu verarbeiten fähig ist. Ich sah das Aufzehren einer solchen Wolke ganz deutlich: sie hing um den steilsten Gipfel, das Abendrot beschien sie. Langsam, langsam sonderten ihre Enden sich ab, einige Flocken wurden weggezogen und in die Höhe gehoben; diese verschwanden, und so verschwand die ganze Masse nach und nach und ward vor meinen Augen wie ein Rocken von einer unsichtbaren Hand ganz eigentlich abgesponnen.
Der ganze Himmel war mit einem weißlichen Wolkendunst umzogen, durch welchen die Sonne, ohne daß man ihr Bild hätte unterscheiden können, das Meer überleuchtete, welches die schönste Himmelsbläue zeigte, die man nur sehen kann.
… mein Führer machte mich aufmerksam auf einen langen Wolkenstreif, der südwärts, einem Bergrücken gleich, auf der Horizontallinie aufzuliegen schien: dies sei die Andeutung der Küste von Afrika, sagte er. Mir fiel indes ein anderes Phänomen als seltsam auf; es war aus leichtem Gewölk ein schmaler Bogen, welcher, mit dem einen Fuß auf Sizilien aufstehend, sich hoch am blauen, übrigens ganz reinen Himmel hinwölbte und mit dem andern Ende in Süden auf dem Meer zu ruhen schien.
Am ganz reinen Himmel, vor Sonnenaufgang, einige Streifen im Osten, die sich, wie sie herankam, in Zirrus auflösten, eben so die übrigen, im Norden und Zenit schwebenden, Streifen. Die Nebel aus der Saale verflossen sogleich in die Luft, legten sich an die Berge, schlugen als Tau nieder; das Wenige was empor kam zeigte sich auch gleich als leichtere Streifen. Gegen Süden zu fahrend sah man am Horizont, in der Gegend der Böhmischen- und Fichtelgebirge, gleiche Streifen, aber gedrängter über einander.
Eben so verhielt es sich Morgens bei Sonnenaufgang. Der ganze Himmel war mit einzelnem, einander berührendem Gewölk bedeckt, davon sich ein Teil in die obere Luft auflöste, ein anderer aber so zonig und grau herunterhing, daß man jeden Augenblick erwartete ihn als Regen niederfallen zu sehn.
Auf dem Wege nach Sandau, wo wir gegen Südost fuhren, sahen wir die sämtlichen Wolken-Phänomene in ihrer charakteristischen Mannigfaltigkeit, Abgesondertheit, Verbindung und Übergängen, als ich sie nie gesehen, und zwar in solcher Fülle daß der ganze Himmel davon überdeckt war. Das leichteste Gespinst der Besenstriche des Zirrus stand ruhig am obersten Himmel, ganze Reihen von Kumulus zogen, doppelt und dreifach übereinander, parallel mit dem Horizonte dahin, einige drängten sich in ungeheure Körper zusammen und indem sie an ihrem oberen Umriß immer abgezupft und der allgemeinen Atmosphäre zugeeignet wurden, so ward ihr unterer Teil immer schwerer, stratusartiger, grau und undurchscheinend, sich niedersenkend und Regen drohend. Eine solche Masse zog sich uns über das Haupt hin, und es fielen wirklich einige Tropfen. Da nun alles dieses in der mittlern Luft vorging war uns die Aussicht auf den Horizont nicht versagt. Wir sahen auf dem ganzen Halbkreis der entferntesten böhmischen Gebirge ein übereinander getürmtes Amphitheater von Kumulus liegen, davon die einzelnen wolligen Massen durch kräftigen Sonnenschein in Licht und Schatten gesetzt wurden. Der Wind hatte sich geändert, es war ein Südwest, der aber nun die untere Region zu affizieren schien. Und so dauerte der Konflikt zwischen der Atmosphäre und den Wolken den ganzen Tag über. Nach Sonnenuntergang jedoch und Aufgang des Mondes hatte sich der Himmel ganz aufgeklärt, so daß nur ganz leichte Zirrusstreifen zu sehen waren.

Die erste Strophe handelt von poetischen Versuchen, dem „ungebildeten Zufälligen“ der Wolkenbildung eine bestimmte Form zu geben (in einem Kommentar nennt er Shakespeare und den indischen Dichter Kalidasa). Die zweite Strophe beschreibt Howards Wolkenlehre. Ich mache auf die vorletzte Zeile aufmerksam und reiche darunter Goethes Kommentar zu dieser Zeile nach.
Nun regt sich kühn des eignen Bildens Kraft,
Die Unbestimmtes zu Bestimmtem schafft;
Da droht ein Leu, dort wogt ein Elefant,
Kameles Hals, zum Drachen umgewandt,
Ein Heer zieht an, doch triumphiert es nicht,
Da es die Macht am steilen Felsen bricht;
Der treuste Wolkenbote selbst zerstiebt
Eh er die Fern' erreicht, wohin man liebt.
Er aber, Howard, gibt mit reinem Sinn
Uns neuer Lehre herrlichsten Gewinn.
Was sich nicht halten, nicht erreichen läßt,
Er faßt es an, er hält zuerst es fest;
Bestimmt das Unbestimmte, schränkt es ein,
Benennt es treffend! – Sei die Ehre dein! –
Wie Streife steigt, sich ballt, zerflattert, fällt,
Erinn're dankbar deiner sich die Welt.
Aus: Johann Wolfgang Goethe: Gedichte 1800-1832. Hrsg. Karl Eibl. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft, 1998, S. 503.
Diese [Howards] Benennungsweise nun ist angekündigt und ausgesprochen in der vorletzten Zeile, wie folgt:

Abgelenkt vom 100. Geburtstag der neuseeländischen Dichterin Janet Frame wollte ich einen Text zu Goethes Geburtstag am nächsten Tag folgen lassen, aber da, gestern, stand der 150. des spanischen Dichters Manuel Machado an, und so gibt es erst heute, zwei Tage nach Goethes 275. Geburtstag, einen Text zum Anlass. Vielleicht auch zwei, oder drei? Denn gestern Abend am Strand in Gahlkow stachen uns Wolken in die Augen, hier im Blick nach Nordwest und Nordost…


… und so kam mir die Idee, etwas aus Goethes wissenschaftlich-poetischer Wolkenlehre zu bringen. 1816 las er den Essay on the Modification of Clouds des Engländers Luke Howard (1772-1864). Er schrieb darüber in Prosa und Vers.
Für heute Teil 1 des Triptychons „Zu Howards Ehrengedächtnis“, eine Art Vorspruch.
Atmosphäre
»Die Welt sie ist so groß und breit,
Der Himmel auch so hehr und weit,
Ich muß das alles mit Augen fassen,
Will sich aber nicht recht denken lassen.«
Dich im Unendlichen zu finden,
Mußt unterscheiden und dann verbinden,
Drum danket mein beflügelt Lied
Dem Manne, der Wolken unterschied.
Aus: Johann Wolfgang Goethe: Gedichte 1800-1832. Hrsg. Karl Eibl. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft, 1998, S. 502.
Manuel Machado
(* 29. August 1874, heute vor 150 Jahren, in Sevilla; † 19. Januar 1947 in Madrid)
Ich, Poet der Dekadenz,
Spanier aus dem 20. Jahrhundert,
der ich den Stierkampf hab bewundert
und auch besungen
die Dirnen und den Schnaps ...
und die Nacht in Madrid,
und die wüsten Spelunken,
und die Laster, die dunklen,
dieser Enkel des Cid ...,
ich darf genug nun haben
von solchem Lotterleben
und trink, der Übel wegen,
nicht mehr so viel wie alle sagen.
Denn es entspricht,
was ich erdichtet als Poet,
der Inschrift länger nicht,
die tief in meiner Seele steht ...
Ein Gemeinplatz: »stehn«.
»Seele«, als Wort verschlissen.
»Meine«... Kann man das wissen?
Alles ist je nachdem.
Deutsch von Gustav Siebenmann, aus: Spanische Lyrik des 20. Jahrhunderts. Spanisch/Deutsch. Ausgewählt, kommentiert und herausgegeben von Gustav Siebenmann und José Manuel López. Stuttgart: Reclam, 1985, S. 200. Auch in dass., 5., überarb. u. erw. Aufl., 2003, S. 97/99
Yo, poeta decadente,
español del siglo veinte,
que los toros he elogiado,
y cantado
las golfas y el aguardiente...
y la noche de Madrid,
y los rincones impuros,
y los vicios más oscuros
de estos biznietos del Cid...,
de tanta canallería
harto estar un poco debo,
ya estoy malo, y ya no bebo
lo que han dicho que bebía.
Porque ya
una cosa es la Poesía
y otra cosa lo que está
grabado en el alma mía ...
Grabado, lugar común.
Alma, palabra gastada.
Mía... No sabemos nada.
Todo es conforme y según.
El mal poema, 1909
Janet Frame
(Nene Janet Paterson Clutha, * 28. August 1924, heute vor 100 Jahren, in Dunedin, Neuseeland; † 29. Januar 2004 ebenda)
When the sun shines more years than fear
When the sun shines more years than fear
when birds fly more miles than anger
when sky holds more bird
sails more cloud
shines more sun
than the palm of love carries hate,
even then shall I in this weary
seventy-year banquet say, Sunwaiter,
Birdwaiter, Skywaiter,
I have no hunger,
remove my plate.
Wenn die Sonne mehr Jahre als Furcht scheint
Wenn die Sonne mehr Jahre als Furcht scheint
wenn Vögel fliegen mehr Meilen als Zorn
wenn Himmel hält mehr Vogel
Segel mehr Wolke
scheint mehr Sonne
als die Hand der Liebe hält Haß,
auch dann werde ich dem müden
Bankett von siebzig Jahren sagen, Sonnenkellner,
Vogelkellner, Himmelkellner,
ich bin nicht hungrig,
stellt den Teller fort.
Aus: Poesiealbum Sonderheft Gedichte aus Neuseeland. Auswahl und Übertragung Axel Vieregg. Märkischer Verlag Wilhelmshorst 2014, S. 24f
Über die Autorin
Sie wurde 1924 in Neuseeland als drittes von fünf Kindern eines Eisenbahnarbeiters geboren. In ihrer Familie häuften sich tragische Ereignisse. George, ihr Bruder, litt an einer schweren Epilepsie, zwei ihrer Schwestern, Myrtle und Isabelle, ertranken. Bei ihr selbst wurde fälschlicherweise Schizophrenie diagnostiziert, weshalb sie acht Jahre, von 1947 bis 1954, in Nervenheilanstalten verbrachte, wo sie mit 200 qualvollen Elektroschocks „therapiert“ wurde. Die Erinnerungen an diese Zeit verarbeitet sie 1961 in ihrem Roman „Gesichter im Wasser“ (Faces in the Water).
https://de.wikipedia.org/wiki/Janet_Frame
Michael Palmer
(geboren am 11. Mai 1943 in Manhattan)
Aus der Anthologie (Traum des S)
Ein Buch voll dunkler Bilder
oder war es ein Gedicht
in einem Buch entdeckt
dessen erste Zeile lautete
„Ein Buch voll dunkler Bilder"
dunkel wie der Fluss Eros
oder die Nebel der Schöpfung
Wer wird inmitten solcher
Bilder bemerken
ob wir Atem gegen Atem
tauschen, ineinander
eintreten
mit Schmerz und Freude zugleich
wie in einem Buch voll dunkler Bilder
dunkel wie ein Traum von Übersetzung
oder die Nebel der Schöpfung
From the Anthology (W's Dream)
A book full of dark pictures
or was it a poem
discovered in a book
whose first line read
"A book full of dark pictures"
dark as the river of Eros
or Creation's mists
Who will ever notice
among such images
if we should exchange breath
for breath, enter
each other
with pain and pleasure mixed
as in a book full of dark pictures
dark as a dream of translation
or Creation's mists
Ursprünglich aus dem Band At Passages, 1995. Zweisprachige deutsche Ausgabe: Michael Palmer, Gegenschein. Gedichte / poems, übersetzt von Rainer G. Schmidt. Berlin: kookbooks, 2012, S. 122f
Nach längerer Pause weiter mit der Papenfußserie. Aus jedem Buch (soweit in meiner Bibliothek vorhanden) ein Gedicht. Nicht in chronologischer Form nach der Entstehungszeit, sondern nach dem Erscheinen der Bücher. Das geht oft auseinander, so auch und ganz besonders bei Bert Papenfuß, der seit frühester Jugend ohne Aussicht auf Veröffentlichung ganze Serien Bücher produziert hatte.
1993 begann Gerhard Wolf in seinem Verlag Janus press eine Ausgabe Gesammelte Texte mit gleich drei Bänden. Band 2 war: till. Gedichte 1973 bis 1976. Papenfuß war 37, als die Werkausgabe zu erscheinen begann und zwischen 17 und 20, als er diese Gedichte schrieb. In dieser Zeit benutzte er eine private Rechtschreibung und selbst erfundene Gattungsbegriffe. Statt „Literatur“ oder „Lyrik“ schrieb er „ark“ (später aber schon arkdichtung). Der Band oder Zyklus, der mit diesem Gedicht begann, hieß im Untertitel „abwieansagen 1973/76“.
WARUM SETZT MAN GOTT FUER KRIEG ODER
DIE DIKTATUR EINES HIPPIES ODER UNDEUTLICH
HAB ICH MICH AUSGEDRUEKKT DEUTLICH
WARUM UNTERDRUEKKT MAN ALL DIE GUTEN
UM SPAETER SIE DANN GELTEN ZU LASSEN
WARUM WIRD FUER FRIEDEN G E K A E M P F T
WARUM WERDEN DIE EINST GUTEN
IMMER DIE SPAETERHIN SCHLECHTEN
WARUM WIRD FUER DEN KRIEG G E K A E M P F T
WARUM LAESST MAN ALL DAS TUN
UMS DANN FERGOLTEN LASSEN ZU SEIN
WARUM WIRD ZUM GUTEN G E B O E S T
WARUM SCHAFFT MAN SCHEINGEGENSAETZE
UND SPIELT DIESE GEGENEINANDER AUS
WARUM MAN SEINESGLEICHEN U E B E R L A C H T
WARUM SIEHT MAN NICHT EIN
DASS GUT UND BOESE EINS IN UNS IST
WARUM FASST MAN ES NICHT Z U S A M M E N
Aus: Bert Papenfuß: till. Gedichte 1973 bis 1976. Berlin: Janus Press 1993, S. 18
Bisher in dieser Serie:
1. NACHTRAUERN. BERT PAPENFUSS †
2. FUER NEUE IRRE LAENDER
3. WENN IHR GEDICHT WOLLT
4. IHR SEID EIN VOLK VON SACHSEN
5. ICH WEISS
6. DIE VERSCHEISSERUNG VON GESAMTEUROPA
7. DER WILLE ZUM GEDICHT
8: »es ist nicht so einfach frei zu sein«
Als russische Truppen in das Nachbarland Ukraine einmarschierten, machten sich einige von uns Sorgen um die – russische Kultur, ob der Westen sie jetzt ungerecht behandeln würde. Das wäre ehrenwerter gewesen, wenn sie auch gefragt hätten, ob es ukrainische Kultur und ukrainische Literatur gibt und ob – schweigen wir von den Kriegsschäden, die auch die ukrainische Kultur schon in den ersten Tagen erlitt – ob wir, ob sie sie gerecht behandeln.
Hier ein Gedicht des ukrainischen Dichters Iwan Dratsch aus einem Band der „Weißen Lyrikreihe“ des DDR-Verlags Volk und Welt. Es ist ein Ausschnitt aus einer Sinfonie auf den Tod des ukrainischen Nationaldichters Taras Schewtschenko. Die Klage mag heute auch außerliterarisch aktuell sein.
Iwan Dratsch
(ukrainisch Іван Федорович Драч; * 17. Oktober 1936 in Telischynzi, Oblast Kiew, Ukrainische SSR; † 19. Juni 2018 in Kyjiw)
Aus der Sinfonie "Schewtschenkos Tod"
Klagegesang der Mutter Ukraine
Und zu wem werd ich gehen,
in die Augen wem sehen,
wem kristallenes Blühen
in den Tälern erziehen?
Und wo soll ich dich finden?
Zwischen Gras und Ackerwinden?
Oder begraben im Sand,
wo Efeu das Kreuz umwand?
Und welch Tisch soll ich decken?
Und wem wird es schmecken?
Wem reiche den Becher ich dann
und stoß mit dem Kreuz mit ihm an?
Und wie soll ich dich ehren?
Soll ich Kirschfrüchte mehren
oder des Ahornblatts Glanz
heften an deinen Dornenkranz?!
Nachdichtung von Andreas Reimann, aus: Iwan Dratsch, Ukrainische Pferde über Paris. Gedichte. Berlin: Volk und Welt, 1976, S. 78.
Голосіння матері України
Та до кого ж я літатиму,
Кому в очі заглядатиму,
Кому квіти-самоцвіти
По долинах розстилатиму?
Відкіль тебе ж викликати?
Чи то з рути? Чи то з м'яти?
Чи з глибокої могили,
Де барвінки хрест обвили?
Які столи застилати,
Повні чари наливати?
Та й налити, пригубити,
З хрестом цокнутись і пити?..
Як же тебе шанувати -
Цвіт вишневий обсипати,
А чи жовтий лист кленовий
На віночок твій терновий?!
Schreibheft Nummer 103 ist soeben erschienen, darin u.a. ein umfangreiches Dossier über den US-amerikanischen Lyriker Gustaf Sobin, zusammengestellt von Jürgen Brôcan.
EIN SELBSTPORTRÄT IM SPÄTHERBST
... durch diesen immer
breiter werdenden zwischenraum war nie mehr
als diese
späten bienen, die du
hingekritzelt hast: was hing, wie säuglinge, von den
dick
baumelnden büscheln; als diese leeren verb-
übersäten landschaften, die du
gemurmelt hast, sogar
gezischt in
jemand anderes, immer wo-
anderes
ohr.
Aus: Schreibheft 103, August 2024, S. 103 – Das Einzige, was ich am Schreibheft immer wieder bekrittele, ist der fast völlige Verzicht auf Originaltexte übersetzter Werke. Diesen Text habe ich im www gefunden.
A Self-Portrait in Late Autumn
... through that ever-
expanding interval, were never more
than these
late bees you’d
scribble: what hung, like sucklings, from the
fat,
dangling clusters; than these desolate, verb-
studded landscapes you’d
murmur, even
hiss into
some other, some ever else-
where’s
ear.
Hier noch ein paar Auszüge aus den „Kommentaren über die Kultivierung des Lyrischen (als Antwort an einen jungen Dichter, der darum bat)“:
: ein gedicht sollte – von der allerersten silbe, vokabel, atemeinheit an – den leser, die leserin (und der allererste leser ist man selbst) hineinziehen in seine bewegung, die bereits eine solche ist – im gange –, noch ehe das gedicht begonnen hat.
: ziehe die nächste zeile immer aus den verborgenen auswirkungen der vorigen, der kommenden zeile.
das gedicht ist eher verbisch als nomenisch. es ist weniger der ausdruck seiner reise als die reise selbst. als das eigene intermezzo in ununterbrochener bewegung.
: „in der natur gibt es keine nomen“, Fenellosa. doch leider gibt es nomen in der sprache. mache sie leicht und evokativ; wo das einzig möglich nomen ein verbrauchtes ist, nagele ein belebendes adjektiv daran. mach es verbisch.
Jane Wels
3 Gedichte
Wahrheiten stürzen aus der Deckung,
knirschen im hellen Haus
wächst blinder Schnee.
Nur die zaudernden Träumer
mähen ihre Worte,
hüten Gräser,
denen ich trauen mag.
Jadegrün häutet sich
der poetische Körper
in den kybernetischen Raum.
Auf deiner Netzhaut
legt er sich offen
in die Fallhöhe.
Worte legen sich auf fremde Zungen, knirschen Sand zwischen die Zähne der Löwenmäulchen. Ich ist ein Quadrat aus Farbe und Form.
Aus: Jane Wels: Schwankende Lupinen. Dortmund: edition offenes feld, 2024
Hardcover mit SU, 80 S., 19,00 € ISBN 9783759721150
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