82. Dann denk ich ein Gedicht

Sieht aus, als würde Friederike Kempner recht behalten. „Wenn ich mich ganz versenke, / dann denk ich – ein Gedicht.“ Paßt auf dies:

Der von drei Designstudenten der Aalto-Universität konzipierte Finnland-Pavillon folgt diesem Prinzip des entspannten Zusammenkommens. Unter insgesamt sechs in die Halle gebauten Rotunden soll es sowohl ein Café als auch einen Rund-Raum für Kinder geben. Das Wort „interaktiv“ fällt. Jeden Tag um 10 soll es einen Finnisch-Schnellkurs geben (auch für ihre Pisa-Spitzenergebnisse sind die Finnen schließlich berühmt). Wer will, kann außerdem seine Hirnströme aufzeichnen und in ein Gedicht (?) umwandeln lassen. / FR

81. Brazilian style

In diesem dritten und letzten Teil der Reihe Türme der Nachbarn: Brasilien schließt Ricardo Domeneck seine Darstellung der Brasilianischen Gegenwartslyrik ab (erster Teil, zweiter Teil). Wenn man alle drei Teile zusammen liest, dann ist dabei nicht weniger herausgekommen als eine Neufassung des Kanons brasilianischer Lyrikgeschichte. Hier wurde also lyrische Archäologie im besten Fall betrieben – von der Gegenwart schaute Ricardo auf eine Vergangenheit, die sich in einem ganz anderem Licht gezeigt hat. Die Betrachtung griff dabei weit hinter die Zeit der Kolonisation zurück, sie befasste sich mit Sprachpoesie und Ironie, der Waffe der Wehrlosen. Mit dem folgenden Artikel kommt sie an in der Gegenwart, die erst vor dem Hintergrund  dieser historischen Herleitung in ihrer Bezugnahme auf vielfältige Traditionen deutlich wird (auch diesen Artikel veröffentlichen wir zunächst im englischen Original; die deutsche Übersetzung wird so bald wie möglich nachgetragen)

Contemporary Brazilian Poetry, In The Singular:
Giving Voice to a Few Tongues, Silencing Hundreds
(in the best Brazilian style)

Auszug:

Despite the immense loss of poets that took place in the past decade (Haroldo de Campos, Hilda Hilst, Waly Salomão, Roberto Piva and Décio Pignatari are among the poets who died in the past 10 years), poetry remains one of the most active and strongest artforms in Brazil today. The most widely read and popular poet in the country is Manoel de Barros (b. 1916), a man who at 95 is still quite active and has recently released his Collected Poems. In what could easily be mistaken as simply nature poetry, Barros performs strange exercises in perception phenomenology.

from An Education on Invention

To enter the state of being a tree it’s necessary
to begin with a gecko’s amphibian torpor
at three in the afternoon in the month of August.

In two years inertia and scrub grass will begin
to expand our mouths. We will suffer
a little lyrical decomposition
until the scrub grass emerges in our speech.

For now, I have designed the smell of the trees.

(translated by Idra Novey, in Birds for a Demolition. Carnegie Mellon University Press, 2010)

Augusto de Campos (b. 1931), the last of the three great Noigandres poets, is still a driving force in Brazilian poetics through his work as a poet, critic and translator. He continues to play a role to us similar to that of João Cabral de Melo Neto: lessons in measure. Also, his incessant curiosity and experimentation with every possible support for poetry.

Mehr

80. Fußball

Handke war Linksaußen, Albert Camus und Gerhard Roth glänzten als Torleute, Friedrich Torberg schrieb ein bewegendes Gedicht auf den Tod eines Stürmers. Sogar Elfriede Jelinek bekennt, sich gute Spiele anzusehen. / news.at

79. Stark, schwach und vollkommen

Gedichte? Die meisten denken da an harmlose Kindergartenreime oder hehre Lyrikbände, die irgendwo in Buchhandlungen verstauben

Na gut, irgendwie muß er seine Besprechung ja einleiten. Die ist kurz, aber okay, Zitat:

Anschaulich kann Hensel erläutern, warum manche Gedichte gut und viele Gedichte schlecht sind, wie man mit schwierigen Poemen umgeht und warum auch einfache Gedichte einen literarischen Wert haben.

/ Uwe Schütte, Wiener Zeitung

Kerstin Hensel: Das verspielte Papier. Über starke, schwache und vollkommen misslungene Gedichte. Luchterhand Literaturverlag, München 2014, 240 Seiten, 15,50 Euro.

78. Carl Andre

Denn der amerikanische Künstler (79) zählt zum einflussreichsten Vertreter der Minimal Art der 60er Jahre. Ihm hat jetzt das Museum zu Allerheiligen in Schaffhausen eine Ausstellung mit dem befremdlichen Titel „Poems“ gewidmet. Gezeigt werden 645 Seiten mit Gedichten, die der Künstler von 1958 bis 1969 geschrieben hat, dazu neun Skulpturen, die ebenfalls in dieser Zeit von ihm konzipiert oder gebaut wurden. Zeitgleich zur Schaffhauser Ausstellung findet in Amerika an vier Orten eine große Retrospektive statt. Früher, so Kurator Lynn Kost, hat sich niemand für Andres Werke interessiert. Heute dagegen erzielen sie Millionenbeträge. / Südkurier

Tate: Carl Andre: The Complete Poems

Carl Andres Homepage

77. Gestorben

(…) In 1972, Mr. Berg founded with several friends the American Poetry Review, a widely read poetry magazine published in Philadelphia. He remained an editor until his death.

He defined the magazine’s mission – to make contemporary poetry „a more public and accessible art,“ the journal’s staff wrote on its website.

„He loved poetry and felt that so many times, it was an elitist thing,“ said his friend Linda Richardson, who serves on the magazine’s board of directors. „Anything that could help everyday people enjoy poetry was important to Steve. He also wanted to give a voice to the many, many poets out there that are writing and struggling.“

Long immersed in examination of self, the world around him, and the life of the writer, Mr. Berg was a prolific publisher. His collections of poetry include The Daughters (1971), Grief (1975), In It (1986), New & Selected Poems (1992), Shaving (1998), and 58 Poems(2013). / Bonnie L. Cook, Philly.com

76. Anna Achmatowa

Heute vor 125 Jahren wurde die russische Dichterin Anna Achmátowa geboren. Vielen gilt sie als die größte Dichterin Russlands. Auf der einen Seite verehrt und bewundert, auf der anderen verleumdet und gedemütigt, verlief ihr Leben tragisch. Als Dichterin wurde sie die Stimme jener Generation, die zwei Weltkriege und die Schrecken der Stalin-Herrschaft erleiden musste.

Einundzwanzigster. Montag. Nacht.
Im Nebel die Stadtsilhouette.
Da hat irgendein Nichtstuer ausgedacht,
dass es Liebe auf Erden gäbe.

Eine Strophe aus einem Liebesgedicht (…) Ihre Bewunderer priesen die russische Dichterin in Metaphern wie „Herrin der Poesie“, „Dante des 20. Jahrhunderts“ oder „andächtige Priesterin der Liebe“. / DLF

75. Lied und Gesang bei Paul Celan

Walter Fabian Schmid

Das Scheitern des zersungenen Orpheus
Lied und Gesang bei Paul Celan


Abstract

Zwar arbeitet der Autor gern mit musikalischen Begriffen: die gerühmte ,Todesfuge’ aus ,Mohn und Gedächtnis’
oder, in dem vorliegenden Band, die ,Engführung’. Doch dies sind eher kontrapunktische Exerzitien
auf dem Notenpapier oder auf stummen Tasten – Augenmusik, optische Partituren.
¹ 

Nicht nur der obige Ausschnitt der vernichtenden Kritik von Günter Blöcker zum Gedichtband Sprachgitter zeigt, dass an die Gedichte Celans in der Rezeption seiner Zeit immer wieder ihre Musikalität und musikalische Gattungstraditionen herangetragen wurden. Klaus Demus‘ Interpretation z.B. geht sogar über einzelne musikalische Elemente hinaus und setzt die Gedichte gleich mit Liedern gleich, wie er in einem Brief vom 07.12.1948 schreibt: «Das Lied. Eins nach dem andern, viele. Unübersichtlich. Bruchstücke des Ganzen, tragisch und anonym. Gemacht um zu dauern, ausser Ihnen, nach Ihnen, ohne Sie. Durch die unbeschreiblich traurige Melodie.» (BW PC / KND, S. 14) Das freundschaftliche Urteil von Nani Demus geht noch ein bisschen weiter, indem sie die Gedichte Celans als Lieder überhöht. Am 16.11.1951 schreibt sie von «Lieder[n], die alles Gesungene weit übertönen» (BW PC / KND, S. 82).

Die Celan-Rezeption seiner Zeit setzte häufig seine Lyrik mit einem musikalischen Kunstwerk gleich. Widersprüchlicher Weise fand der Einfluss der Musik auf die Gedichte Celans bis auf strukturelle Analysen und intertextuelle Einzelreferenzen wenig Aufmerksamkeit. Das ist umso verwunderlicher, da sich Musik in der Dichtung Celans als ein werkgenetisches und poetologisches Prinzip herausstellt. Dieser Aufsatz beschränkt sich aber auch erst einmal auf die musikalische Motivik, genauer gesagt auf Liedformen, das Lied als Thema und das Motiv des Singens. Verzichtet werden muss auf strukturelle Merkmale wie die Analyse von Kontrafakturen oder jenen Gedichten, die vorgegebene musikalische Formen adaptieren, wie dies etwa in Form vom Volkslied, dem Air, der Fuge, dem Shanty, dem Chanson oder dem Responsorium bei Celan vorkommt. Genau so wenig erfolgt eine Untersuchung, inwiefern die Gedichte musikalische Gebilde sind und selbst Musikalität herstellen. Hierzu müsste man Adorno fortschreiben, der Sprachgitter ausschliesslich als ein musikalisches Konstrukt wahrnahm und plante, einen Essay darüber zu verfassen, zu dem es allerdings nie kam. / bei Signaturen

74. Wallace Stevens

Wallace Stevens gehörte zu den bedeutendsten amerikanischen Lyrikern des 20. Jahrhunderts. Die neue Übersetzung stellt die bisher umfassendste Sammlung seiner Gedichte dar, Rainer G. Schmidt hat dabei Großes geleistet.

Das Leben von Wallace Stevens war Dichtung; der Rest eher langweilig. Von 1916 bis 1955 arbeitete er als Jurist für eine Versicherungsgesellschaft in Hartford/Connecticut. Sein Erfolg hielt sich bis kurz vor seinem Tod, als er für die „Collected Poems“ 1955 den Pulitzer Preis erhielt, in überschaubaren Grenzen. Sein Debüt, der Gedichtband „Harmonium“, verkaufte sich im Erscheinungsjahr 1923 nur hundert mal.

Dabei gehört der 1879 geborene Wallace Stevens neben den etwas jüngeren und viel berühmteren Generationsgenossen T.S. Eliot, Ezra Pound und William Carlos Williams zu den bedeutendsten amerikanischen Lyrikern des 20. Jahrhunderts. Jetzt hat der Übersetzer Rainer G. Schmidt die bisher umfassendste Sammlung neu ins Deutsche gebracht – Gelegenheit, diesen großen Lyriker zu entdecken. (…)

Stevens‘ Gedichte sind nicht einfach, und doch sind sie ungemein sinnlich und körperlich: Es gibt keinen anderen Ansatzpunkt als die leibliche Verankerung der Sprache. Zugleich sind sie immer auch Gedankenkonstrukte und schon eine Art Theorie der Wahrnehmung. Nicht zu Unrecht ist Stevens philosophisch immer wieder in die Nähe der deutschen Phänomenologie gerückt worden, ein dichterischer Zeitgenosse von Husserl und Heidegger. / Jörg Magenau, DLR

Wallace Stevens: Teile einer Welt
Ausgewählte Gedichte, zweisprachige Ausgabe in neuer Übersetzung von Rainer G. Schmidt
Jung & Jung Verlag Salzburg, Februar 2014
632 Seiten, 45,00 Euro

73. Gestorben

Der Lyriker Louis Daniel Brodsky starb am 16.6. im Alter von 73 Jahren. Er gilt als einer der produktivsten amerikanischen Lyriker: er veröffentlichte rund 12.000 Gedichte in 83 Bänden. Er hatte sich zum Ziel gesetzt, jeden Tag ein Gedicht zu schreiben. Er schrieb über Liebe, Spiritualität, Familie und Holocaust. Nicht alle Kritiken waren freundlich. „80 Bände Lyrik sind eine ganze Menge“, sagte Loy Ledbetter, Mitglied des St. Louis Poetry Center, dem 100 Lyrikliebhaber angehören. „Wenn man soviel schreibt, ist halt manches gut und manches nicht.“ / St. Louis Today

72. Poetopie

still und schön liegt das Eismeer im taghellen Schlummer der Sommernacht – hier liegst du im nächtlichen Dunkel ruhelos wach

Hansjürgen Bulkowski

71. Poetopie

warum dürfen die Rolling Stones nicht genauso altern wie ihre Fans?

Hansjürgen Bulkowski

70. «Schwäne, Drosseln und Kraniche»

Als der russische Lyriker Alexander Blok im ersten Kriegsmonat 1914 eingezogen wurde – es drohte die sofortige Verschickung an die Front –, empörte sich ein Dichterkollege: «Das ist doch, als ob man Nachtigallen brät.» Die Berufung auf die emblematischen Vögel der Poesie war unter Russlands Schriftstellern offenbar verbreitet. Der Futurist Wladimir Chlebnikow wandte sich in einem wunderbar selbstironischen Gedicht direkt an die ätherischen «Schwäne, Drosseln und Kraniche», um gegen seine Einberufung zu protestieren: «Wie das? Auch ich, Inbegriff der Zärtlichkeit, / Ich, beleidigt ob der Menschen, wie sie sind, / Ich, von den besten Morgenröten Russlands genährt, / Ich, in die Windeln der besten Vogelpfiffe gewickelt, / Ihr seid meine Zeugen: Schwäne, Drosseln und Kraniche! / Der ich meine Tage im Schlaf fristete, / Auch ich soll ein Gewehr nehmen (ein grosses, dummes, / Schwerer als eine Handschrift)»?

Blok und Chlebnikow waren keineswegs Pazifisten. Beide hatten vor 1914 eingestimmt in den grossen, misstönenden Chor europäischer Intellektueller, die dem Kontinent einen reinigenden Krieg wünschten: Blok mit apokalyptischen Brandreden, Chlebnikow mit Beschwörungen des panslawischen Zusammenhalts. Der wirkliche Krieg belehrte sie eines Besseren. «Das Herz, erhoben einst zu frohlocken, / Ist uns von Leere so verhangen», schrieb Blok nach der Schlacht von Grodek im September 1914. Seine Armee hatte gesiegt, nach Jubel war ihm angesichts der gewaltigen Verluste aber nicht zumute. Auf der Gegenseite erlitt der österreichische Sanitätssoldat Georg Trakl, konfrontiert mit der unmöglichen Aufgabe, annähernd hundert Schwerverletzte zu versorgen, einen Nervenzusammenbruch. / Manfred Koch, NZZ

Geert Buelens: Europas Dichter und der Erste Weltkrieg. Aus dem Niederländischen von Waltraud Hüsmert. Suhrkamp-Verlag, Berlin 2014. 458 S., Fr. 41.90.

69. „drei Farben RAL“

Ende Mai erschien das bislang längste Gedicht Reinhard Rakows unter dem Titel „drei Farben RAL“ in Buchform im Geest-Verlag .

Gemeinsam inszenierten Rakow und Berger die Lesung des Langgedichts in der Kulturmühle als lyrisch-musikalisches Happening: Ungeprobt begleitete Berger Rakows Rezitation mit frei assoziierten, häufig durch Dissonanzen geprägten musikalischen Einwürfen am Klavier. Durch Wort und Klang entstand ein Sinnenrausch, der in seiner Vieldeutigkeit entfernt an einen Film des Regisseurs David Lynch erinnerte: Rakow verfasste den Langgedichtzyklus ebenso wortgewaltig wie uneindeutig, füttert seine Zuhörerschaft mit Stichworten, Metaphern und Symbolen, deren präzisierende oder gar erklärende Ausformulierung er zumeist verweigert.

Rot wie Blut, rot wie Glut, rot wie Feuer – von diesen Zusammenhängen ausgehend webte Rakow seine Lyrik wie einen assoziativen, dramatischen Strom, der eine verbindliche Lesart verneint. Jedoch folgt dieser Strom formalen Vorgaben: „Die Grundidee besteht darin, Gedichte auf Basis der Farben zu schreiben, die in etwa ebenso viele Worte wie die Zahl des jeweils dazugehörigen RAL-Codes umfassen“, erklärt Rakow. Als weitere Inspiration dienten ihm die seriellen Gedichte der dänischen Lyrikerin Inger Christensen. „Im Drucksatz wird zudem eine DNS-Spirale ersichtlich.“ Diese wird im mündlichen Vortrag zwar nicht deutlich, wohl aber die Intention, ein umfassendes lyrisches Pendant zum Leben und zur Menschheit zu erschaffen. / Weser-Kurier

68. Wulf Kirsten 80

Kirsten hat in der Tradition von Peter Huchel und Johannes Bobrowski früh erkannt, zur Natur kann man Beziehungen pflegen ohne Ambivalenz. Hier emanzipiert sich die existentielle Angst. Sie verliert an Destruktion und kommt zur Ruhe. Aber immer zeigt sich in seinen Gedichten etwas ohnegleichen, eine erstickte Wahrheit, ein verschüttetes Gefühl. Im Widerspruch von Anmutung und Gedanken bekommen selbst elementare Natur- und Landschaftsbilder einen polemischen Sinn. So fügen sich Gedichte, „als könnten sie bewältigen, was mir aufliegt“. Kirsten wird frei, wenn er schreibt. (…)

Wulf Kirsten wurde unter anderem ausgezeichnet mit dem Huchel-Preis, dem Heinrich-Mann-Preis und dem Breitbach-Preis, er ist Mitglied der Akademien zu Darmstadt, Berlin, Mainz und Dresden. Dieser seltene Dichter, dem Leben zugewandt und zugleich umschlossen von der Unität seines Schaffens, feiert heute seinen 80. Geburtstag. / Jürgen Verdofsky, Badische Zeitung

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